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Full text of "Anthropo-Geographie, oder Grundzüge der Anwendung der Erdkunde auf die Geschichte"

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BIBLIOTHEK 




II 




HERAUSOEGEBEN VON 



PROF. D« FBIEDBICH RATZEL. 



Unter Mitwirkung von ^ 



Dr. G«org y. BogualawBki, Sektiouschef fnv Hydrograph Iscbou Amt der 
Admiralität In Berlin; Professor Dr. Oskar Drnde, Direktor des Botanischcu 
Gartens in Dresden ; Dr. Karl v. Fritach, Professor an der Universität in Halle : 
Dr. Ludwig y. Oraff, Professor der Kgl. Forstlehranstalt in AschaiTenburg: 
Dr. Julius Hann» Professor. an der Wiener UniverFität und Redakteur der Zeit- 
schrift für Meteorologie; Albert Heim, Professor an der Universität und am 

Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. 



STUTTGART. 

VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1882. 



ANTHROPO-GEOGRAPHIE 



ODEK 



GRUNDZÜGE DER ANWENDUNG 



DF.n 



ERDKUNDE AUF DIE GESCHICHTE 



VON 



D»- FRIEDRICH RATZEL, 

PBoy£880B AN DER TF.CHN18CHEN HOCHPCTIULE IN MÜNCHEN. 



STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1882. 



Das Recht der Uehersetzung in fremde Sprachen wird torhehcHten. 



Druck Ton Gebrüder Krüner tn Stuttijart. 



Inhalt 



EESTE ABTEILUNG. 

ZUR EINLEITUNG. 

• Seite 

1. Begriff der Geographie. 

Geographie ist Erdbeschreibung. Verschiedene Auffassung der 
beschreibenden Aufgabe. Herausbildung der forschenden 
Richtung durch Anregungen von naturwissenschaftlicher 
und gesclüchtlicher Seite. Hinzukommen der Völkerkunde. 
Begriffsbestimmungen C. Ritters und Neuerer .... 3 

2. Die Stellnng der Geographie im Kreise 
der Wissenschaften. 

Die Stellung der Geographie in der Klassifikation der Wissen- 
schaften. Die Systeme von Comte, d'Alembert, Cortam- 
bert u. a. Warum befriedigen sie die Geographie nicht? 
Wir teilen die Wissenschaften in Wissenschaften des 
Wirklichen und Wissenschaften der Abstraktionen und 
weisen jenen die Geographie zu 7 

3. Das menschliche Element in der Geographie. 

Altes und natürliches üebergewicht desselben. Zufällige aber 
inirige Verbindung der Länder- und Völkerkunde. Inwie- 
weit gehört das Menschliche notwendig in den Kreis der 
Erdkunde? Begriff der Anthropogeographie , welcher 
notwendig ein viel reicherer als der der Tier- oder 
Pllanzengeographie und dementsprechend viel mannig- 
faltigere Aufgaben stellt 18 



VI Iiilialt. 



Holte 



4. Die Beziehnngen zwischen Geographie 

und Geschichte. 

Das Geschiclitliclie Iiat in der Oeojjraphie eine natürliche 
Neigung, zu überwucliern. Versuche, die Geographie als 
historische Wissenschaft zu definieren. Begriff der Hilfs- 
wissenschaft. Gemeinsames und l'ntrennbarkeit der Geo- 
graphie und Geschichte. Alle geographischen Probleme 
müssen geschichtlich und alle geschichtlichen geographisch 
betrachtet werden. Die Geographie strebt darauf hin, den 
Begriff der Geschichte zu erweitern. Wo die Geschichte 
nicht ausreicht^ tritt die Geographie in die Lücke. Not- 
wendigkeit der Geographie für die Geschichtsphilosophie, 
welche schwer deren Vernachlässigung büsÄ. Ein zeit- 
geschichtliches Element ist der Geographie mit der Ge- 
schichte gemein und für beide sehr bezeichnend und 
wichtig. Praktische Anwendung. Geographie und Völker- 
kunde 2'-} 



ZWEITE AliTEILUXG. 

dFe NATl-RBEDINGUNGEN. 

5. Allgemeines über den Einfluss der Natur- 
bedingungen auf die Menschheit. 

I. 

Mit welchem Rechte wird dieses Problem als ein geographi- 
sches aufgefasst? Die Stärke des geographischen Elemen- 
tes in der Geschichte entspricht der Ueberlegenheit der 
Natur üt)er den Menschen. Carl Ritter überträgt das 
Studium der Naturbedingungen von dem philosophischen 
auf das geographische Feld. Seine eigene Auffassung 
derselben. Dieselbe regt die Geschichte fruchtbarer an 
als die Geographie. Ritters Nachfolger und Gegner. 
Buckle und Peschel stehen auf Einem Boden. Wider- 
legung einiger Einwendungen von Peschel und E. Curtius. 
Die Furcht vor der Teleologie Carl Ritters ist unberech- 
tigt. Ritters und seiner Nachfolger Schwäche liegt nur 
in dem ])rogrammartigen. mehr planenden als ausführen- 
den, mehr behauptenden als beweisenden Charakter ihrer 
Arbeiten. Tiefere Begründung dieses Mangels. Man nuiss 
nun zuerst die verschiedenen Aufgaben sondern, die in 
den Naturbedingungen der Menschheit vorliegen. Die- 
selben wenlen an einem Beispiel aus der alten Geschichte 
aufgewiesen. Man kann sie in eine physiologische und 
eine mechanische Gruppe sondern. Versuch eines Systems: 



lid und Wirkuüg. 



II. 

(• wir zur Einzeldarlegnng der Wirkungen der Nalur- 
liwlingungen auf die Handlungen Hbergehen, erwägen wir 
einige Scbwierigkeiten derjenigen auf den Zustand. 
Gründe der Unfrnchtbarkeit der sie betrelTenden Dis- 
kussionen. Innere und äussere Gründe. Voreilige Be- 
lianplungen, Beziehung zwiei^hen Slil und Wissen. Humea 
Einwürfe zeigen vor allem den grOB^en Mangel, der in 
der VernacEiIä^sigtiDg des Zeilbegriffes liegt. Andre sün- 
digen aus demselben Uebersehen nwli der Seite des Zu- 
viel bebauptcns hin. Ein guter Einwurf D. Livingstones. 
Ein flacher G. FritBcbs. Die Gesetze der Variation und 
Vererbung geatallen heute eine tief«re Fassung dieses 
Problems, welche von der Scliöpfungageschichle gestutzt 
wird. A^uSBernngen H. Spencers nnd A. Comtee. Zu- 
rückweiating der Pause hmethode. Die Wirkung der Natur 
auf den Einzelmenaolicn ist in diesen Betrachtungen eben- , 
sowenig zu übersehen, wie die Mehrtypisch keil der 
Volker. Biographische und ethnographische Exempel. 
Üeberhaupt ist ein geneliacher Standpunkt einznnehmen, 
Andre Fehler<|nelle iu der Verwechselung mittelbarer und 
unmittelbarer Natur Wirkungen. Die Behauptung wird zu 
entkräften gesucht, dass die Wirkungen der Natur mit 
Mlnehmender Kultur abgeschwächt würden 

6. Die Lage nnd Gflstalt der Wohnsitze 

der Menachen. 

I. Kontloonte, iDseln nnd Halbinseln. 

ip Verteilung des Festen auf der Erde und die 
breitung des Menschen.. Interkontinentale Volker- 

B'Oppen: Hyperboreer, Mittelländer, Malulo-Palynesie 
ie Bewohner der inKulnren Erdteile. Absonderung di 
Inielvölker. üehersicht der in geschichtlicher Zeit ni 
bewohnten Inseln. Schlüsse, die sich daraus ergebe! 
Littorale Verbreitung der Völker. Geschichtliche 
Stellung der InseTvölker. Fördening und Hemmung 
ihrer Kulturen twiekelung dnrch die AbachlieBsung. 
Schranke, welche derselben auch unter günstigen Um- 
ständen durch die Enge und Zersplitterung der Räume 
gexogen wird. Vermittelnde Stellung gewisser Insel- 
gruppen. üeschichtJiche Stellung der Halbinsel- 
völker. Absonderung und Vermitlelung, Geographi- 
sche Verslurkiing der ersteren. Geschichtliche Stellung 
Arabiens. Halbinselartige Stellung entlegener Land- 



VIII Inhalt. 



Seite 



räume: Südafrika^ Gallia. Die geschichtliche Rolle der 
Nord- und der Südhalbkugel. End- und Randlage. Innen- 
und Aussenseite der Kontinente 88 

II« Länder und Ihre Grenzen« 

• 

Die natürlichen und künstlichen Grenzen. Die Verbreitungs- 
formen der Menschheit, ihre Entstehung und ihre Folgen. 
Die Völker sind notwendig expansiv. Heilsamer 
Wechsel zwischen Expansion und Abschluss. Beziehun- 
gen zwischen Entdeckungsgeschichte und allgemeiner Ge- 
schichte. Sind die Wohnsitze der Völker geographisch 
bedingt? Die Lehre von den politischen Nachbar- 
schaften und den verschiedenen Arten politi- 
scher Grenzen. Die Grösse der Grenzentwickelung. 
Reaktionen zwischen Mittelpunkt und Peripherie der 
Länder. Hervorragende Wichtigkeit der letzteren. Ver- 
einigung der Länder zu natürlichen Gruppen. 
Ein Blick auf die natürliche Zusammengehörigkeit 
Deutschlands. Gruppierung nach gemeinsamen politi- 
* sehen Interessen. Zergliederung einheitlicher 
Länder nach ihren inneren Verschiedenheiten. 
Beispiele Russlands und Italiens. Das innere Gleich- 
gewicht der Länder. Scharfe oder leichte Abtrennung? 113 

ni« Yerteilung der Wohnstätten« 

Die natürlichen Bedingungen der Entwickelung der Wohn- 
sitze der kleineren Organismen der Menschheit, der 
Stämme, Gemeinden und Familien. Erste Ansiedelungen. 
Betonung der Flussgrenzen. Wirkung der Fruchtbarkeit 
des Landes. Das Schutzbedürfnis schafft Anlagen auf 
Bergen^ Inseln, Landzungen. Primitive Befestigungen. 
Baumwohner. Die Entwickelung von Bevölkerungs- 
mittelpunkten bei wachsender Bevölkerung und Arbeits- 
teilung. Der Uebergang vom Einzelwohnen zu gemein- 
samen Wohnstätten. Vorübergehende Ansammlungen. 
Die Entwickelung von Verkehrsmittelpunkten .... 14o 

7. RanmverMltnisse. 

Eindringliche Betonung der Raum Verhältnisse ist eine der 
ersten Notwendigkeiten der Erdkunde. Wichtigkeit der 
Vergleichung derselben. Eintluss der Raumverhältnisse, 
unter welchen sie sich entwickelten, auf Römer und Ger- 
manen. Beziehungzwischcn Grösse und Macht der 
Reiche. Grosse Ausbreitung der Reiche führt nicht not- 
wendig zum Zerfall derselben. Verschiedene Grade und 
Ursachen von Raumbeherrschung. Unverkennbare Ten- 
denz zur Einfuhrung immer grösserer Räume in die ge- 



BChicbtliche Aktion nod zur Bilduug räumlicb grosserer 
Nalionea. Kleine und kleinste Räume. Rüamliciie 
Bedingungen des poHtiguhen Gleicbgewichteir. 
welche jener ranmer weitem den Tendenz nicht dauernd 
entgegen law irben scheinen. Rilckwirkung Nordamerikas 
auf Europa. Kontinentaler Typus der Geschichte. 
Kontinenlftle Raaaen. Wo ist die Reumfrage in ethno- 
grftphiaohen l' nie rauch un gen xn stetlen? Notwendig- 
keit einer Lehre von den Entl"erniingen . , . . 

8. Die Oberflächengestalt. 
]. ftle Uuebenheiten der Erdober HS che. 

I Verschiedenartige Wirkurgen der BoJcngtfsIttlt aiil' den Wen- 
sehen. Klaseiflkaiion derselben. Wirkungen dtr Boden- 
fOnncn an und für sich. Etlinographiacher und 
geschichtlicher Gegensatz zwischen PlachUn- 
dern und Gebirg«ländern. Die Arbeit des Steigen s. 
Wander- und Ausbrei tu ngagebiete. Die Uebirga- 
schranken und ihre Ueberschreitnng. Gebirgs- 
kenntnis der Alten. Ilir Verkehr über die Alpen nnd 
Pyrenäen. Himalaya. Günstige und ungünstige Ge- 
birgsgrenzen. Völkeraondernde Wirkung det 
Bodengliederung. Beispiele aus Afghanistan, Nipal, 
Albanien, Antioquia, Grossbriiannien u. a. Volkerreste in 
den Gebirgen. Einigende Elemente im Gebirgs- 
baii. Die grossen HocliAächen des Pamir und Skandi- 
naviens. Vergleich zwischen Schweiz und Tirol. Ge- 
birgagrenien. Kräftigung der Gebirgsbewohner. 
Wirkung des Klimas oder der Arbeits! ei atung? Bei- 
spiele von Ueberlegenheil der Gebirgs Völker. Beispiele 
vom Gegenteil, Bedeutung der Hochebenen für iirspritng- 
liehe Kullurentwickeluiiu;rii 



II. Ebenen, Steppen nnd Wtl§ten, 
Uegensatz der geschichtliehen Wirkungen der Ebenen nnd 
der Gebirge. Indem grosse Ebenen zur Steppen haflig- 
keit neigen, wird ihr geschichtlicher Charakter durch 
enlaprecbend weitverbreitete Thatsachen der KliioaCO- 
logie und Pflanzen geographie verstärkt, welche alte auf 
Ein- und Gleichförmigkeit hinwirken, Qrenzlosigkeit. 
Grtnzwiille. Steppe nnd Heer. Aggressiver Charakter 
der Sleppenvülker. Geschichtliche Bedeutsamkeit der 
Grenze zwischen Ackerbaaland und Steppe. Schwierig- 
keit dea Anbaues in der Steppe. Henschenarmut der- 
selben. Neigung zu Völkermiscbungen, Die Steppen 
Ueiw. WQaien als Grenzen und als Zuflncbteetatten . . 



X Inliah. 



S.^lte 



9. Die Kästen. 

Formeu und Gliederung. Methoden zur Bestimmung 
der Küste ngliederung. Kulturwirkung der Küsten- 
gliederung. Vervielfältigung der . historischen Möglich- 
keiten durch die Berührung eines Volkes mit dem Meer. 
Diese Berührung kann eine beschränkte und doch h()clist 
wirksam sein. Beispiel Venedigs. Die phönizische Küste. 
Kritik des Begriffes der Küstengliederung mit 
besonderem Bezug auf Zugänglichkeit der Länder und 
verschiedene Grösse der Gliederung. Thatsaohen, welche 
den Nutzen der Gliederung vermindern können. Gegen- 
satz von Küsten- und Binnenland. Gegensatz von 
gegliederten und ungegliederten, geschichtlich offenen 
und geschlossenen Küsten. Angriffspunkte der Län- 
der. Drängen der Binnenländer nach den Küsten. Wie 
kann die grösste Menge von Menschen an das Meer heran- 
gebracht werden? 228 

10. Die gescUchtliche Bedeutnng des Flüssigen. 

I« Das Meer und die Seen« 

Allgemeine Betrachtung des Flüssigen auf der Erde, .»ieiner 
Wirkungen, seiner Verteilung und Klassifikation. Der 
Mensch ist ejn Landbewohner, seine Wasserwohnung 
trägt daher einen vorübergehenden Charakter. Schiffe 
und Flosse als Wohnstätten. Pfahlbauten in alter und 
neuer Zeit. Andre Fälle von Wasserbewohnung. Das 
Meer. Das Meer ist eine der stärksten Schranken der 
Völker\'erbreitung, aber keine unüberstei^liche. Er- 
findung der Schiffahrt. Zustand der ozeanischen Schiff- 
fnhrt bei Naturvölkern. Fälle völligen Fehlens dieser 
Kunst. Niedere und h()cliste Stufen derselben. Der 
moderne Seeverkehr. Die Binnenseen. Trennende 
und vereinigende Wirkung. Anlehnung selbständiger 
Kulturen an dieselben. Gefahren ihres schwankenden 
Wasserstandes 251 

II. Die Flfisse und Sfimpfe. 

Allgemeines und Klassifikation. Die Flüsse als Wege, 
üebergang zum Meer. Aehnlichkeit beider. Häutige 
Vem^-echselung von Meeresarmen und Flüssen in der 
Entdeckungsgeschichte. Flussreichtum und Zugänglich- 
keit der Erdteile. Beziehung der letzteren zur Küsten- 
gliederung. Eroberungen von der See her gi*hen die 
Flüsse aufwärts. Verkehrsbedeutung der Flüsse. Flüsse. 
Kanäle und Strassen. Fiumaren. Welche Richtung nalini 
die ägyptische Kultur im Nilthal? Flüsse als Völkcr- 
vereiniger. Völkerzusammenführende Wirkung des 



Verkeliree. Tliallaudauliafleii. Fllifise sIr verbinili'Tnio 
Faden gegfliiulitlkher Ereignisse, Aegypten, Assam. 
PlüsBe als Grenzen. Sie sind nur unter gen-iasen 
Bedingungen wirksame Grenzen, %. B. in weiten, dünn 
bevölkerten Ländern, in grcnzlosen Tiefländern., bei 
schwachen Vnihcrn, Können unter Umständen Schutz 
uewtkhrcn, hemmen nher nicht die Bewegung grosser 
wandernder Viilkermassen. Flüchtige Völker erhalten 
sieh auf FlusBtnseln uder inmilten von Sümpfen , 

II. Das Klima, 

eldringenderOharakter der Kllmawirknngeii, Begriff Klima. 
umbildender Eintluss des Klimas aus philosophischem 
und utvtnrwissenschaftlicli^m Gesidilspunkle angenom- 
men. Irrtiimliclie geographische Anwendung dieser An- 
nahme. Das Klima und die geographische 
Ver breit rfng. Die Sonnenkiaftigkeit de» Menschen. 
EiiilluBS dea Tropcnklimas auf Völker und Einzelne. 
Wirkung der Hilie und der Feuchtigkeit, Wirkung des 
l'olarklimas. Die Verbreitung nach der Höhe und das 
Höhenklima. Die kleinen Unterschiede awi- 
Bchen Nord und Süd in derselben Zone. Die 
Unterschiede der Lebens- und Arbeitsweise. Charakter- 
nnterschiede. Geschichtliche Gegensätze. Wichtigkeit 
der Verteilung der Jalirp-SEeÜcn in dieser Hinsiclit. Bei- 
spiele von Island und NordruBsland. Knl tnrEOnen. 
Die gemässigte Zone als eigentliche Kalturzone. Er- 
schwerung der KulluronI Wickelung in den lieissen Lüu- 
Hern. Verschiedene Verteilung des Besitzes und der 
Macht. Geschichtliche Beispiele des Druckes, den Vijlhi'r 
eemnssigler Zone auf die der iieiasen üben, Klima und 
Kullurentwickelung, Gesell ichtlic he Wirkungen 
der Lnft durch Ausgleichung und Bewegnng 

12. Die Pflanzen- und Tierwelt. 

I Die Abliftngigkeit des Menschen von allem andern Lebendi- 
gen an der Erde, Verschiedene Formen dieser Ab- 
Ti&ngigkeil. Massenbeziehungen. Die Wirkungen 
der Vegetntionsformen, Wälder, Strauchatappen. Ein 
Blick auf unmittelbare Wirkungen des Bodelis. Zurilck- 
diingiing des Waldes durch die Kultur. Allgemeine 
Veränderung der Ptlanicndecke dnrch die Kultur. Ein- 
Kelbetielinngen. Ausbeulung der Naturschätze durch 
den Menschen. Beziehung des Naturreich tums zur Kultur. 
Der Naturreich tum und die Maturvölker. Was iet mehr 
knlturrörderod an der Natur, die Gaben oder die An- 
regungen? Die Uebcrriille der tropischen Natur er- 



XII Inhalt. 

Seite 
drückt die Energie des Menschen , ebenso wie es die 
Armut thut. Neukaledonier u. a. Melanesier. Wann 
wirkt die Naturarmut anspornend? Die Entwickelung 
des Ackerbaues in Anlehnung an die Natur. Die 
Gaben der Natur und ihre Ausbeutung. Ver- 
teilung dieser Gaben über die Erde. Verschiedene Grade 
ihrer Ausnützung. Beispiele aus Island. Sudan und 
Ostafrika. Beziehung der Zahl nutzbarer Pfhiuzeu und 
Tiere zur Gesamtzahl. Geschichtliche Gründe derselben. 
Begünstigung gewisser Regionen wie der Steppen und 
Polarlander. Wanderungen der Kulturpllanzen und Haus- 
tiere mit dem Menschen. Akklimatisation. Blick auf 
die natürliche Ausstattung der Alten und Neuen Welt, 
Afrikas und Australiens. Die Veredelung der Pllanzen 
und Tiere. Die feindlichen Beziehungen des 
Menschen zur übrigen Lebe weit. Raubtiere. 
Verderbliche und stählende Wirkung. Konkurrenten des 
Menschen 333 

13. Natur und Geist. 

Innen- und Aussenwelt des Menschen sind untrennbar. An- 
teil der Aussenwelt an der Entwickelung der Innen- 
welt. Begrenzung unsrer Aufgabe. Stimmung und That. 
Vorbemerkungen über Aufnahme und Mitteilung der 
geistigen Anregungen. Klassißkation derselben. Natur- 
be freund ung. Die Natur ist in verschiedenem Grade 
seelenverwandt. Meer. Gebirg. Lebende Natur. Natur- 
gefühl der Wilden. Schreckenerregende Eindrücke. Zu- 
rückweisung der Buckleschen Tlieorie von der aber- 
glaubenzeugenden Wirkung derselben. National- 
charakter und Naturumgebung. Allmähliche Er- 
ziehung des Naturgefühls und Annäherung desselben an 
Wissenschaft oder Kunst. Die Wissenschaft. Die 
Herausbildung der Wissenschaft aus der Gemütssphäre 
ist ein Kampf. Scharfe Beobachtung bei Natur\'ölkern. 
Induktionen auf dem Gebiete der Himmels- und Witte- 
rungskunde. Angewandte Naturkenntnis in Gestalt der 
Naturnachahmun^. Kunst. Doppelte Abhängigkeit von 
der Natur der Gegenstünde und des Stoffes künstleri- 
scher Darstellung in den bildenden Künsten. Das Natur- 
gefühl in der Poesie. Verstärkung durch den Wechsel 
der Jahreszeiten, l'nabhängigkeit von dem grösseren 
oder geringeren Reichtum der Naturerscheinungen . . :384 



Inhalt. XIII 

Seite 

DRITTE ABTEILUJS'G. 

ZUSAMMENFASSUNG UND ANHANG. 

14. Zusammeiifafisimg. 

Welche Stellung ist der Menschheit auf der £rde anzu- 
weisen? Die Menschheit als Teil der lebendigen und 
daher beweglichen Natur. Aeussere Beweglichkeit. 
Innere Beweglichkeit. Gibt es einen Wandertrieb? Die 
drei Hauptursachen von Wanderungen. Die 
Ziele. Geographische Lockmittel. Beharrungs- und 
Wandergebiete. Einzel Wanderungen. Periodische Wechsel 
der Wohnstätten. Wandern der Naturvölker. Die 
grossen Völkerwanderungen. Auswanderung. 
Art und Weise grosser Völkerbewegungen. Mitreissen 
andrer Völker. Zwangskolonisation. Sklavenhandel. 
Rückwanderungen. Inwieweit ist Vermischung 
Ergebnis dieser Bewegungen? Hemmende Ein- 
Uüsse. Wandergebiete und Beharrungsgebiete. Be- 
stimmte Richtungen der Wanderung. Geschichtlicher 
üeberblick ihrer zeitlich verschiedenen Wirksamkeit. 
MoritzWagners Migrationstheorie. Die innere 
Zusammensetzung der Völker. Völkeranalyse. Das 
anthropogeographische Bild der Menschheit 437 

15. Anhang: Zur praktisclien Anwendung. 

Die kartographische Darstellung der ethnographischen Ver- 
hältnisse. Zur pädagogischen Verwertung der Natur- 
bedingungen. Schilderung geschichtlicher Schauplätze. 
Kombination der Naturwirkungen. Das Wandern der 
Naturwirkungen. Gradabstufung der Naturbedingungen. 
Zerlegung ethnographischer Begriffe auf Grund geo- 
graphischer Erwägung. Schätzung der Naturbedingun- 
gen in biographischen Darstellungen 471 



Herrn Professor T>v. Moritz Wagner^ 

Vorstand des Ethnographischen Museums 

in Mihu;hen. 



Hochverehrter, väterlicher Freund! 

Das Gefühl des Dankes, mit welchem ich auf ein 
Lebeu zu blicken habe, das der gemütlichen Teilnahme 
und der geistigen Anregung lieber Freunde vom Knaben- 
alter an mehr zu verdanken scheint als seiner eigenen zwar 
ziemlich unverdrossenen, aber wohl nicht immer klug 
bedachten Thätigkeit, steigert sich im Gedenken dessen, 
was Ihre Freundschaft mir ist, zu der Ueberzeugung, 
einen guten Teil meinesr besseren Selbst Ihnen zu schul- 
den. Seit den unvergesslichen Dezembertagen 1871, an 
Welchen ich, der schiffbrüchig an hohen Hoffnungen da- 
mals, in diesen guten Hafen München einlief, das Glück 
hatte, Ihnen näher zu treten, habe ich fast jeden Plan mit 
Ihnen durchsprechen, fast jeden Gedanken mit Ihnen 
austauschen dürfen, und ich kann geradezu sagen, dass 
ich seitdem, was die geistigen und gemütlichen Inter- 
essen betrifft, mein Leben nicht allein zu führen brauchte. 
Wieviel liegt in solchem Bekenntnis! Wie glücklich ist 
der zu schätzen^ der es aussprechen darf, und wie dank- 
bar sollte er sein! Ich glaube wohl die Grösse dieser 



XVI 

Dankesschuld voll zu empfinden, und würde doch, weil 
ich Ihren aller Ostentation abgeneigten Sinn kenne, nicht 
gewagt haben, dieser Empfindung öffentlichen Ausdruck 
zu geben, wenn nicht dieses Werkchen, dem ich ohne Ihr 
AVissen Diren Namen vorzusetzen mir erlaube, in so her- 
vorragendem Masse auf Ihre Anregungen zurückführte 
und wenn ich nicht glaubte, die Pflicht an meinem Teile 
erfüllen zu sollen, welche die Welt Ihnen für den frucht- 
baren Gedanken der Migrationstheorie schuldet. Die 
Wurzeln dieses Buches reichen nämlich bis in jene Zeit 
zurück, in welcher Ihre Migrationstheorie der Organis- 
men mich mächtig anregte, und einzelne Ausarbeitungen 
und Gedanken, die in demselben ihre Stelle, bezw. ihre 
Entwickelung gefunden haben, stammen aus den Jahren 
1872 und 1873, in denen es mir vergönnt war, mit 
Ihnen bereits die Anwendung Ihrer Theorie auf die Er- 
scheinungen des Völkerlebens zu erwägen. Damals lernte 
ich zuerst in der Auffassung der Geschichte als einer 
grossen Summe von Bewegungen die Möglichkeit einer 
fruchtbaren Vertiefung des viel besprochenen, aber wenig 
geförderten Problems der Rückwirkung des Schauplatzes 
auf die Geschichte ahnen. Es ist, brauche ich dies zu 
betonen? nicht geschrieben, um die Migrationstheorie zu 
stützen, die dessen nicht bedarf. Ein solcher Beitrag 
würde Ihnen auch kein Gefallen sein. Es ist vielmehr 
zunächst rein praktisch aus meinen Erfahrungen in der 
Heranbildung junger Geographielehrer entsprungen, die 
zugleich auch Geschichtslehrer sein sollen, und deren be- 
rechtigtes Streben nach denkender Verknüpfung geo- 
graphischer und geschichtlicher Thatsachen mich um so 
mehr in Mitleidenschaft zog, als die geographische und 
geschichtliche Litteratur demselben heute noch fast' jede 
Befriedigung versagt. Von der einzigen trefflichen Philo- 
sophischen Erdkunde Ernst Kapps abgesehen, finden wir 
uns auf zerstreute Aufsätze und Aussprüche angewiesen, 
nach denen man bis zurück zu Herder und Montesquieu 
zu suchen hat und die nur zu oft in unfassbaren All- 
gemeinheiten sich bewegen oder einige Gedanken wenig 
variirt immer wiederholen. Praktisch verdankt also 



. das Werkchen seinen Ursprung dem Bedürfnis, die 
Probleme des geschichtlich-geographischen Grenzgebietes 
peäzi§ und systematisch zu behandeln. Dnher mnäste es sich 
von ' vornherein doppelt streng auf thataächlichem Boden 
^Iteii und kein Beispiel verwegener Geistesflöge bieten, 
das gerade in diesen Fragen verderblich wirken müsste. 
Aber je näher ich micJi au die Thateacben hielt, um so 
mehr fiihrte mich eben doch ganz von selbst jeder Abschnitt 
neuerdings darauf zurück, wie gerade in den geschicht- 
lichen Erscheinungen Ihre Theorie sich bewährt, wenn 
auch unter Einschränkungen, die im besonderen Wesen 
der menschlichen Formen- mid Kulturkreise liegen und 
die Sie selbst ja längst vorgesehen haben. Mit jedem 
Schritte vorwärts ffihlte ich meine Bewunderung für Ihren 
Geist und meine Dankbarkeit für die zahllosen Anregun- 
gen sich steigern, die Sie mir gewährt haben. Ist doch 
kaum eine einzige Tbatsachen- oder Ideengruppe in diesem 
Buche nicht Gegenstand unsrer Diskussionen gewesen, 
und besonders oft, dasg ich's gestehe, schweifte bei der 
Niederschrift dieser Kapitel meine Erinnerung nach den 
Waldbänken und dem Sciiusterhäuschen von Ammerland, 
wo ich so viele rein glückliche Tage im Verkehr mit 
Dmen und gemeinsamen Freunden verleben durfte! 

So ffigen Sie denn zu ao viel Göte, die Sie mir 
stets ervriesen, auch noch die, diese Widmung in dem 
Sinne aufzunehmen, der dieselbe diktiert hat, und ge- 
statten Sie mir, manches, was mir über Zweck und An- 
lage des Werkchens auf dem Herzen liegt, Ihnen münd- 
lidi mitteilen zu dürfen. Denn die Pata der Libelli 
werden doch nicht durch Vorreden, wenn sie auch noch so 
gut gemeint sein sollten, bestimmt, und von allen Wor- 
ten, die in den Wind gesprochen werden, verhallen wohl 
am unwirksamsten die Vorworte. Zunächst wünsche ich 
daiier nichts, als da* dieser Versuch Ihren Beifall finde 
mid dass vor allem Ihr scharfer Blick in der leider un- 
vermeidlichen Masse und Mannigfaltigkeit der Beispiele 
einen einleuchtenden und womöglich anregenden, weil 
auf sicher erkanntes Ziel bestimmt hinstrebenden Ge- 
dankengang, nichts aber von jener auf diesem Gebiete bei 



XVIII 

uns sonst beliebten Qualität spüren möge, die Gibbon 
boshaft als die Vereinigung von »easy faith and profound 
leaming* klassifizierte. Erfüllt sich dieser Wunsch, dann 
bin ich über das weitere Schicksal des Buches vollkommen 
beruhigt. 

München^ Mai 1882. 



Ihr treu ergebener 



Friedricli Ratzel. 



ERSTE ABTEILUNG. 



ZUR EINLEITUNG. 



Batzel, Anthropo- Geographie. 1 



1. Begriff der Geograpliie. 

Geograpliie ist Erdbeschreibung. VerBchiedene AulTassuuK der 
beschreibenden Aufgabe. Herausbildung der l'orachendi'n Richtung 
dorch Anregungen Ton naturwisaenBchafllieher und geschichtlicher 
Seite, Hinzukommen der Völkerkunde. Begriffsbestimmungen 
C Ritters und. Neuerer. 



Kam, EIkI. t. yi»»'. EratwichrellHUig. 

Geographie heisst Erdbeschreibung, und bekannt- 
lich ißt unsre Wissenschaft lange Zeit nichts andres 
gewesen, als was (lieaer Name ansdrflckt, d, h, eine 
mehr oder weniger geordnete Beachreibiing der Erdober- 
fläche: Terrae tmiversae, qiiatenus nobis cognita est, 
L descriptio, wie Cluveriua sie in dem klassischen Hand- 
I buch der Erdbeschreibung des 17. Jahrhunderts liefiniert. 
rHerrorragende Geister suchten diese Beschreibung diu-ch 
I konsequentes klassiUkatorisches Vorgehen zu vergeistigen, 
I ähnlich wie es damals und sputer in den ebenso natur- 
I gemäss hierzu gedrängten beschreibenden Naturwissen- 
' Schäften gepflegt ward. Varenius ist der grösste dieser 
Klasse von Erdbesclireibern und kann darin selbst luiare 
Zeit noch lehren. Früher hatten originelle Denker und 
Darsteller nach herodotischer Art durch Ziunischnng des 
Geschichtlichen und Anekdotischen den spröden Stoff zu 
verflüssigen gesucht. Die gewöhnhcheren Geister aber, 
welche den damals schon grossen Bedarf an geographi- 



4 Die beschreibende Aufgabe. 

scheu Büchern l)efriedigteii, gingen bei diesen Beschrei- 
bungen so zu Werke, dass sie das für die Praxis Wich- 
tige am meisten betonten, wälirend sie dasjenige unbe- 
rücksichtigt Hessen, was in dieser Beziehung minder 
wertvoll zu sein schien, oder ihm nur einen engen Winkel 
einräumten. Die Notwendigkeit der Geographie wurde 
damals nicht weniger oft und eindringlich betont, und 
zwar die praktische in erster Linie. Cellarius hatte in 
der Einleitung zu seiner Geograpliia antiqua (l()i)2) sich 
begnügt zu sagen: Nulluni studiorum genus est, quod non 
lucem sibi aliquam a geographia petat. Einige Jahre 
später (1701) eröffnete Baudrand seinen Dictionnaire 
geographique — bezeichnenderweise waren geographische 
Wörterbücher, d. h. Ortslexika, damals häutiger als jetzt 
— mit der Ankündigimg: La geographie est aujour- 
d'hui ä la mode; il y a peu de personnes un peu elevees 
au dessus de la lie du peuple qui n'en aient besoin. 
So entstanden die ungezählten Geographiae LTniversales 
u. dgl. , in welchen die Staaten der Erde mit ihren 
Fürsten, Städten, Wegen, Sehenswürdigkeiten, ihren 
Armeen, Schiffen. Schulden u. s. w. den fast ausschliess- 
lichen Gegenst^md der rein aufzählenden, selten etwas 
weniges räsonnierenden Beschreibimgen bildete ü. während 
die Natur der Länder fast ganz vergessen ward. Selbst 
in Cluverius"' Litroductio (Ed. Preiste, 1G94) nimmt die 
Schilderung der Natur Deutschlands, d. h. auch nur die 
Aufzählung der deutschen Flüsse und Berge, nicht ganz 
3 gegen 54 Seiten ein. die derjenigen der Länder und 
Städte gewidmet sind. Es war das ein aus praktischen 
Gründen geschehener Rückschritt gegen die Kosmo- 
graphieen nach Art der Sebastian Münster sehen, in wel- 
chen das Jahrhundert der Entdeckungen und des jugend- 
lich-eifrigen Wissenstriebes mit dem Wissen auch die 
Anschauung zu bereichern strebt, welche daher frischer, 
vielseitiger, weil nicht rein utilitarisch. luul, wenn nicht 
Avissenschaftlicher , so doch auf besserem Wege sind. 
Bekannt ist. wie diese tote und ertötende topographische 
Richtung sich bis in die neueste Zeit herab in Ilaiul- 
und Lehrbüchern der Geographie fortgepflanzt hat. 



Pliysikalisdie Geograpliie und Geologie. 5 

Dir wirkte nur mühsam eine ancli die Katur der Erde 
beröcksichtigeaiie Auffassung entgegen, welche erst mit 
dem AufbliUien der NaturwissenMchaft und vor allem 
der Geologie Kraft genug gewann, nm sich zur Geltung 
zu bringen. Auf Lockes .Elements of Natural Philosophy' 
mag hier als auf einea der wenigen Werke hingewiesen 
sein, welche in der wissenschaftlichen Litteratnr des 
17. nnd 18. Jahrhunderts am nächsten dem kommen, 
was wir heute Allgemeine Erdkunde nennen. SeinGrund- 

glan dürfte Kant beim Entwurf seiner Physikalischen 
leographie vorgeschwebt haben. Von der Geographie 
xiurückgestossen, verband sich diese philosophische Rich- 
tung zuerst mit der. Geologie. Für Desmarest, Bnffon und 
Oeiatesgenossen war die Physikalische Geographie nichts 
anderes als was man heute Allgemeine Geologie nennen 
würde: die »Theorie der Erde" sollte aus ihnen als Schluas 
»ich ergeben, und Pallas beginnt z. B. sein Physikalisch- 
Topographisches Gemälde von Taurien mit einem Kapitel 
Ober .Mineralogie und physikalische Geographie", das 
wir eine geologische Einleitung nennen würden, dann 
schliesst sich aber Pflanzen- und Tiergeographie an. Es 
ist noch nicht lange, dass die physikalische Geographie 
als selbständige und selbstverständliche Grundlage aller 
Geographie wieder zur Anerkennung gelangt und dieser 
grossen Wissenschaft otganisch eingegliedert worden ist. 
Aber diese tiefere Auffassimg konnte unmöglich gleich 
jener bei der Beschreibung stehen bleiben , sondei'u 
mnsste nach dem unwiderstehlichen Beispiele aller Natur- 
wissenschaften, in deren Kreise sie in innigster Ver- 
schwistennig aufwuchs, von der Beschreibung zu der 
höheren Aufgabe des „Rerum cognoscere causas' Über- 
gehen. Ebensowenig durfte dies aber auf die Dauer 
jene andre politische oder statistische Abteilung der 
Geographie, flir welche die Geschichte mit ähnlichem 
Ergebnis, wenn auch unter Anwendung ganz andrer 
Mittel, zur belebenden und erhebenden Schwester ward, 
wie dort die Geologie, In dem Streben, sich selber aus 
dem rein chronistischen , referierenden , katalogisieren- 
den Ton herauBZureissen, der mit der Zeit auch in ihi- 



EinÜufis der Gesellt cliie. 



überwucherte, begüjistigt auBserdem durch die grössere 
Nähe der geistigen Interessen geistig bewegter Menschen, 
suchte sie nacli den Ursachen der „Grösse und des Ver- 
falles" der Völker, kurz ihrer Schicksale, und da sie eine 
dieser Ursachen in den geographischen Eigenschaften 
ihrer Wohnsitze zm finden glaubte, regte sie die Geo- 
graphie zu Gedanken Bber Wesen und Werden der bis 
dahin nur als Namen und Niimniern behandelten politi- 
schen, statistischen u. s. w, Verhältnisse an und suchte 
sich selber, nach Herders Ausdruck, unter dem beleben- 
den Gesichtspunkte einer „in Bewegung gesetzten Geo- 
grapliie' zu betrachten. Ergebnis war die Anerkennung 
und bewusstere Pflege der Beziehungen zwischen Geo- 
graphie und Geschichte, welche zu einer folgenreichen 
Vergeistigung des bis dahin starren und toten mensch- 
lichen Elementes in der Geographie führen musste. Er- 
gänzend trat dann endlich in derselben Richtung die erst 
seit dem Ende des vorigen Jahrhimderts wissenschaft- 
licher Behandlung unterworfene Völkerkunde hinzu, welche 
sich zunächst der Geographie aus dem äusseren Grunde 
anschloss, weil ihre gemeinsamen Quellen die Berichte 
und Schilderungen der Reisenden in allen Ländern der 
Erde waren. 

Nach solchen Ent Wickelungen konnte nun der Be- 
griff Geographie oder Erdbeschreibung keinenfalls mehr 
m den engen Rahmen des genauen Wortsinnes ein- 
geschränkt werden, sondern musste jenen weiteren und 
hohem Simi umfassen, in welchem G. Ritter in der 
Einleitung zu seiner »Erdkunde' sagt: , Allgemein wird 
diese Erdbeschreibung genannt, nicht weil sie alles zu 
geben bemtihet ist, sondern weil sie ohne Rücksicht 
auf einen speziellen Zweck, jeden Teil der Erde und 
jede ihrer Formen, liege sie im Flüssigen oder auf 
dem Festen, im fernen Weltteil oder im Vaterlande, 
sei sie der Schauplatz eines Kulturvolkes oder eine Wüste, 
ihrem Wesen nach mit gleicher Aufmerksamkeit zu er- 
forschen bemühet ist." Hier heisst es also nicht mehr 
Erdbeschreibung, sondern , Erdkunde', was mehr ist als 
jenes mid zugleich es mitumfasst; hier sucht man nicht 



Geläuterter Begriff der Geograpliie. 7 

mehr bloss zu verzeitlineii und aiifzuzähleu, sondern zu 
erforschen, zu erkennen. Was aber erkannt werden soll, 
ist die Beziehung der Erdoberfläche zur Natur tuid zur 
Geschichte, d. h. die Erde wird insofern Gegenstand des 
wissenschaftlichen Forschens in der Geographie, als ihre 
Erscheinungen räumliche Anordnung nach bestimmten Ge- 
setzen zeigen, als sie den Grund und Boden alles Lebens 
and den Schauplatz für die räumliche Entwickeluug des 
Lebens, vor allem des Menacbeugeschlechts bildet. Es 
wird dadurch nicht ausgeschioBsen , dass sie auch in 
manche Lücke einzutreten hat, welche andre Wissen- 
schaften von der Erdoberfläche und ihren Lebewesen, 
Yor allen die Geologie und die Geschichte, offen lassen; 
und wir werden sehen, dass allerdings nicht der kleinste 
Teil der geographischen Arbeit darin besteht, Thatsachen 
der Erdoberfläche evident zu halten, um welche andre 
Wissenschaften sich wenig kümmern. Aber ihr wesent- 
lich eigenes Gebiet ist mit jenen Worten bezeichnet. 



2. Die Stellung der Geograpliie im Kreise 
der Wissenschaften. 

Die Stellung der Uuugrapliie in der KlaaüUlkatioti der Wissen- 
schaften, Die Systeme van Comte, d'Alembert, Corf^amliert n, b. 
Warum befriedigen sie die Geographie nicht? Wir teilen die 
'Wisse nsc haften in Wissen achaften des Wirklichen und Wissen- 
Bohanen der Abstralttionen und weisen jenen die Geographie »a, 

vDfii.iCofuv, [TsEp ä).).7]y xivä, toi r^u 
f tQfpo'p«T]v. 8 1 r a b 0. 

ludern (lie Geographie die Erforschung und Beschrei- 
bung der Erdoberfläche sich zur Aufgabe gestellt hat, ist 
sie eine der umfassendsten Wissenschaften, die es gibt. 
Nur die Astronomie ist räumlich noch umfassender, aber 
ihr Stoff ist dafür iiui so viel allgemeiner, einfacher als 
der unsre, dessen Eigentümlichkeit zu einem grossen 



8 Die Geographie in der Reihe der Wissenschaften. 

Teile eben in der Verbindung von weiter Ausdehnung 
mit grösstem Reichtum der Einzelheiten gelegen ist. 
Ihr Studium erfordert, nach Buflbn, die grossen Gesichts- 
punkte eines „genie ardent", welches alles mit einem 
Blick umfasst, und die kleinen Bemühungen einer in- 
stinktiven Arbeitsamkeit, welche sich immer nur auf 
einen Punkt richtet. 

Beide Eigenschaften sind nun offenbar geeignet, die 
Begrenzung der Erdkunde zu erschweren. Aber man 
gestatte die Vorbemerkung, dass bei der Abgrenzimg 
einer Wissenschaft niemals streng logisch verfahren, von 
der Idee oder der Konstruktion allein ausgegangen wer- 
den kann; es ist vielmehr hier jenes zufallige Moment 
mit in Rechnung zu ziehen, dass jede Zeit jeder Wissen- 
schaft andre Grenzen gibt. Gleich allen andern Grenzen, 
die von Menschen gesetzt sind, verschieben sich auch die 
der Wissenschaften, und ausserdem kommen praktische 
Einflüsse hinzu, welche oft Beziehungen zwischen Wissen- 
schaften schaffen, welche rein theoretisch nicht zu be- 
gründen wären. 

Kehren wir aber zu der rein begrifflichen Erwägung 
zurück, so wird der gesamten Geographie ihre Stelle 
stets nur schwer in irgend einer der gewöhnlich ange- 
nommenen Kategorieen der Einteilung der Wissenschaften 
anzuweisen sein, weil diese entweder Wissenschaften des 
Unorganischen und Organischen, oder Wissenschaften von 
der Natur und vom Measchen zu unterscheiden pflegen, 
während die Geographie einer wie der andern von ihnen 
angehört. Die grossen Denker, welche Systeme der 
Wissenschaft aufgestellt haben, entzogen sich der Dis- 
kussion dieser Schwierigkeit, indem sie der Geographie 
als solcher keinen Platz anwiesen, wie unter den Neue- 
ren vor allem Aug. Comte in seinem für die Klassifi- 
kation der Wissenschaften so einflussreichen Tableau 
Synoptique (Cours de Philosophie Positive. 1830. I. Einl.), 
wo der Name Geographie überhaupt nicht vorkommt, 
während ihr Begriff in verschiedenen Unterabteilungen 
der Astronomie, Physik und der „Physique Sociale" zu 
suchen ist; oder indem sie der mathematischen und physi- 






I KlesGilikBlii 



tl) Alein ber 
katiachen Geof^rnphie ihre Stelle bei den Naturwissen- 
Bchftften, der Völkprkunde und Stiiatenkunde aber bei der 
Oeschichte, der Statistik und der Volkswirtschaft anwiesen, 
wie es schon d'Alembert andeutungsweise in seinem be- 
rfllmiten Discours pre liminaire zur Encyklopädie thut, 
wo er Geographie und Chronologie zusammen als die 
beiden „rejettons et soutiens" der Geschichte auffasst: 
.Die eine.' sagt er, , weist dem Menschen seinen Platz 

Iin der Zeit, die andre auf unsrer Erdkugel an; beide 
ziehen grossen Nutzen aus der Geschichte luisrer Erde 
luid des Himmels, d. h. aus den geschichtlichen That- 
sachen und den Himmelsbeobachtungen ; und wenn es 
erlaabt wäre, mis hier der Sprache der Poeten zu be- 
dienen, so würden wir sagen, die Wissenschaft der Zeit 
lind die der Orte seien Töchter der Astronomie und der 
Geschichte." Die Geographen selbst haben sich näher 
mit dem hier angedeuteten Verhältnis der Geographie ■ 
zur Geschichte beschäftigt, welches für sie von unmittel- 
barerer Wichtigkeit ist. Wir werden auf dasselbe im 
folgenden Kapitel zu -sprechen kommen. Ausserdem 
haben sie viel tiber die Ilnteritbteilungeu der Geographie 
gedacht. Unter denen, welche ihrer Wissenschaft eine 
feste Stelle unter den andern Wissenschaften anzuweisen 
versuchten, verdient indessen E. Cortambert genannt zu 
werden, welcher irasrcs Wissens zuerst einen ernsthaften 
VersHch gemacht hat, der Geographie ihre Stelle mitten 
2wischen den Sciences physiques (mathematische, indu- 
I »trielle, Natur-Wissenschaften) und den Sciences morales 
I (Geschichte, Religionswissenschaft, philosophische, soziale, 
I Sprachwissenschaften) in einer vermittelnden, aber gleich- 
I berechtigten Gruppe der Sciences physico-morales anzu- 
, -weisea. Letztere teilt er in zwei Untergruppen: a. Sc. geo- 
: graphiques (Geographie. Ethnographie, Toijoftraphie, Stati- 
I fltiqne) und b. Sc. economitiues (ßconomie politii^ue, rurale 
> und industrielle). Wir müssen es dem geehrten Leser 
' überlasaen, sich bei Cortambert selbst (Bull. Soc. Geogr. 
' Paris. 18ö'2. \. 242) über die nähere Motivierung dieser 
I Klassifikation zu unterrichten, ebenso wie wir diejenigen, 
[ welche sich tiefer für diese Frage der Klassifikation 



10 Üi"? Slelle d. Geograjiliie uiil. A. koiikrel. Wissenscliuften. 

interessieren, auf die älteren Wissenschaftal ehren ver- 
weisen, Tvo sie dieselbe öfters mit grosser Breite behan- 
delt finden werden. 

DasB naLUrlich eine ganz andre ä'tellung der Geographie dort 
angewiesen isL, wo sie, wie in Kants Physikalischer Geographie, 
die allgemeine KenntniB der Katur im Gegenaati lur Kenntnis 
de3 Hcnsolien^ der Aatbropulogie , liedeutet, versteht sich von 
selbst. Aber dies ist dann etwsA ganz andres als dii^ Geographie, 
mit der wir uns hier beechafligen ; es ist die Naturphilosophie 
Lutkes oder die (jetzt auch schon überwundene) Naturkunde oder 
allgemeine Na lurgescl lichte eines ScLabert oder Bronn. 

Diese ElassiBkationen iii(5gen aus ver.schiedenen Ge- 
sichtsptmkten gutgeheisseu werden, aber natürhch nicht 
aus dem geographischen. Man erlaube hier die allge- 
meine Bemerkung, dass sie Überhaupt nie ganz natürlich 
genannt werden können, so lange Hauptkategorieen nafh 
dem Dasein oder Fehlen dea Lebt'ns, nach Organisiert- 
heit oder Unorganiaiertheit u. dergl. gebildet werden. 
Die Wissenschaften alle sind Erzeugnisse des einen 
menscli liehen Geistes und diesem sollte daher die erste 
Stelle in ihrer Unterscheidung- und Anordnung einge- 
räumt werden, nicht den Stoffen, welche sie behandeln. 
Indem wir von dieser Voraussetzung ausgehen, finden 
wir, dass gewisse Wissenschaften den Geist zur Aub- 
breitimg über woite Gebiete zwingen, die viel und Ver- 
schiedenartiges umschliessen, während andre ihm natür- 
lich zusammengehörige Gruppen von Thatsachen dar- 
bieten, die von selbst zur Vertiefimg auffordern. Zu 
jenen gehören alle mit dem Sein der Dinge in ihrem 
natürlichen Neben- oder Nacheijiaoder sich beschäftigen- 
den, zu einem grossen Teile auf Beschreibung hiuge- 
wiesenen Wissenschaften, vor allen also Astronomie nebst 
Kosniographie. Geographie, Geognosie, die naturgeschicht- 
lichen Wissenschaften, Völkerkunde, Geschichte ; zu diesen 
sind hingegen alle zu zählen, welche gewisse gemein- 
same Eigenschaften aus jenen allen herausheben, und 
zusammenfassend , vertiefend dieselben behandeln , wie 
Mathematik, Physik, Chemie, Physiologie. Wenn jenen 
zu einem grossen Teile beschreibende, diesen mehr for- 
schende Arbeit obliegt, so ist nicht in diesem Gegen- 



Der Stil der 



grapUk 



n 



satze, der kein durchgehender ist, der Grund der Sonde- 
rung beider zu suchen, sondern dtirin, diss die einen 
gewisse Gruppen von Erscheinungen in ihrer natürlichen 
k Zusammengehörigkeit zum Gegenstaude iiu'er klassifika- 
I toriscJien, beschreibenden und forschenden Arbeit machen, 
j während die andern ohne Rückeicht auf diese Zusammen- 
gehörigkeit gewissen gemeinsamen Eigenschaften der 
Kfirper versciiiedenster Gruppen ihr vorwiegend ver- 
gl«chendes und schliesBendes Denken zuwenden, welches 
indessen das Klassifizieren und Beschreiben nicht aits- 
Bchliesst. 

Dii'Ser Uuterschied prügt sich selbst in dem stiliBÜschen Ge- 
wände ans, in welcliem die beiden Gruppen zu erscheinen pflegen, 
und man hat treffend liervorgeUoben, daaa der naturn-iaaensohaTl- 
liebate Zweig der Geographie, die sog, phyBibBlieche Geographie, 
Buch in dieser Uinsiclit mehr VerwsndUchnrt mit Jenen als dieseo 
ftufiaweiaen habe; sie druckt Eich breiter, nn bestimmter, be- 
1 Mbreibcnder ans. „Der Geist der phyatkalischen Üeograpliie weist 
|.«hiie Frag« unbestimmte oder unrichtige Ausdrucksweise zurück^ 
I' cngleicb ist er aber niclit einer Prazisioa fähig, wie sie der Mathe- 
f malik oder Cliemie angehört," sagt Malte-Brnn {Geographie I. L. 7). 
Hier ist indessen zunächst an die üni-egelmliESigkeit in der äusse- 
ren Erscheinung der Gebirge, Flüsse u. s. w. gedacht. Aber diese 
Art von Unregelmässigkeit iat iiuch andern beschreibenden Natur- 
wiesen Schäften eigen, wie denn eiu Tier oder eine Pllanze minde- 
1 flt«ns ebenso schwer genau zu beschreiben sein durften, wie ein 
r Flau oder ein Berg. Die gi'Ösaere Präzision der Mathematik etc. 
t'iiegt nicht im Stotf, sondern in der Methode. Vielleicht ist der 
r'Utilerachied von Statistik und Geschichte am besten geeignet, 
' diese Verschiedenheit zu verdeuthchen. Aber jedenfalls ti^gt 
^ aaoh diese Eigenschaft der Geographie dazu bei, dieselbe so leicht, 
gcwisaerraaesen instinktiv, nicht bloss der Geschichte anzureihen, 
•ODdem sie „der litterarisch - historischen"' WissenschSirisgruppe 
einordnen zu lassen, wie jüngst noch Dozj in seiner Untersuchung 
über den Begriff der Geographie es versucht hat. 

Der Verfasser ist sich sehr wohl bewusst, dass er 
mit dieser Sonderung einesteils im die von Comte zuerst 
I tiefer begründete Unterscheidung konkreter und abstrak- 
[ ter Wissenschaften streift, wiewohl ein erheblicher Unter- 
B schied bestehen bleibt (die ahstrakten Wissenschaften lie- 
' }iandeln nach derselben die Gesetze, welche die elemen- 
taren Thatsachen der Natur beherrschen, während die 
konkreten Wissenschaften sich nur mit den beeondern 



12 Wie gliedern sich Wissenschaftsgebiete ab? 

Kombinationen von Phiinonienen befassen, die wirklich an- 
j^etroffen werden), während er anderseits der logischen 
Schärfe jenes grossen Denkers in den Unterabteilungen 
nicht folgt, trotzdem selbst ein John S. Mill (On Auguste 
Comte. I., wo sich auch eine bemerkenswerte Ausführung 
über den verschiedenen Sinn findet, in welchem andre, 
vor allen H. Spencer, die Ausdrücke , konkret** und 
, abstrakt** von den AVissenschafken gebrauchen) mit sel- 
tener AA^ärme den Wert derselben angepriesen hat. Der 
Grund liegt in dem besondern Zweck dieser Zeilen, 
welche nicht über Klassifikation der Wissenschaften 
aus philosophischem Gesichtspimkte handeln, sondern 
einfach nur für die Geographie eine Stelle finden 
wollen. 

Indessen führt dieses Bemülien doch wieder auf die 
Grundlage jener philosophischen Klassifikationen zurück, 
ohne dass man es will, weil man durch dasselbe zur Er- 
kenntnis gebracht wird, dass in diesen Klassifikationen die 
Wissenschaften nicht gefasst werden, wie sie wirklich 
sind und betrieben werden, sondern wie sie im Geiste 
sich gegeneinander abgrenzen. Man kann zugeben, dass 
in einer solchen rein logischen Klassifikation, welche 
hauptsächlich psychologischen AVert hat, die mathemati- 
sche Geographie bei der Astronomie, die physikalische 
teils bei der Geologie und teils bei der Biologie, die des 
Menschen oder die Anthropogeographie teils bei der 
Biologie und teils bei der Sociologie ihre Stelle finden, 
die Geographie selbst aber durch inappellatives Urteil der 
Logik als solche verschwinden müsse. AA'enn sie nun aber 
doch ist und seit grauen Zeiten war, welches ist der Gnmd 
ihres Daseins? Derselbe kann offenbar nicht in der Logik 
unsres Geistes, sondern nur in derjenigen der That- 
sachen zu suchen sein. Hier in der Tliat liegt er oflFen, 
denn nicht nach apriorisch - psychologischer Anleitung, 
sondern im Lauf geschichtlicher Entwickelung grenzen 
AA'^issen Schaftsgebiete sich gegeneinander ab, wachsen 
oder schwinden. Die Hauptmotive aber sind dabei: 

1) Die innere Uebereinstimmung und die natürliche Zusam- 
mengehörigkeit des Stoffes: Beispiel: Mineralogie. 2) Die nahe 



Wie BlicdT 



ich Wisaenscliarisgebiete ab? 



13 



I Verwand tschart und oft selbat nur die raumliclie Nabe TOn Nach- 
r b&rgebicICD ; Beiapiel; Mineralogie und Geologie. 3] Die An- 
l^wicBcnheil der einen auf die andere; Beispiel: Paläontologie 
tvnd Geologie. 4} Die A'erwaisung eines Naehbargebietes; Bei- 
■ irofet: Vülberkitnde und Geographie. Zu beachten ist gerade hier, 
% dhas ein Unterschied let zwischen Grenzen der WisBenechal'ten und 
r OroDzen der Forschung. Wir erinnern an das Sprichwort, deBsen 
I £inriihniDg niao hier entschuldigen möge: Man soll dem Ochsen, 
l'der da drischt, das Haul nicht Tertiinden. Wer in den düsteren 
[Scliachten der länderkundlichen Lilteratur reichliche Tölkerbund- 
^ Adern «iehen aieht, dem wollen wir es nicht verdenken, 
D er, schon nur aus menaciilicher Freude daran, auch sie mit 
Ksbbsnt. Ueberhaapt, wie viel von der (irenzausdehnung einer 
rWisacnscIialt hängt nur von der Thätigkeit ab, welche auf ihrem 
BiOebiete entwickelt wird 1 Darum haben die Grenzfragen, nnphilo- 
B^ophisch lind im Detail aufgefaeat, etwas Slüsaigea, was kräftige 
1 Geister abstosat. Von den streitigen Gebieten, die jede Wisaen- 
■'«ohaft an ihren Grenzen besitzt, gilt dies durchaus. Es ist sehr 
l bexeicbnend, das» eigentlich nur der beschreibende Teil der Geo- 
I grapliie »on andern Wissen sc harten nicht in Anspruch genommen 
' «der thalsBchlich besetzt worden iat. Subtile Son d er an gsv ersuche 
I ««iacben Geographie und Geologie, wie Riohthol'en (China I. 728) 
sie angestellt, erscheinen angesichts dieser aus der Geacbichte 
der Wissensc haften klar zu entnehmenden Thatsache mehr geist- 
reich nls nittilicb, 5) Ein gemeinsames praktisches Bedürf- 
nis, welches z. B. behufs der Orientierung auf di'r Erde mathe- 
mUisclie Geographie und Slaatenkunde verknüpft, welches aber 
bfaond«rs stark n-irkt, wo es auch einen pädagogischen Zweck, 
nftmlich die zum Lehren bequemste Zusammenfassung der Einzel- 
wisseBsehaflen im Auge hat. 6) Von den verschiedenen Elemen- 
IcD einer Wissenschaft wird eines aua praktischen Gründen mehr 
nr einen als zur andern gezogen. Dieser Vorgang ist es z. B. 
tBtlneise, der der Geographie die Staatenkundc zuweist, während 
er die Volkswirlschan verhindert, dieselbe praktiech in sich auf- 
tonelunen. Für den Zweck der Lehre und auch der li tierarischen 
^ Darslellang ist nämlich das geographische Element in derselben 
:*ricbliger als das volkswirtschaftliche, welches seinerseits, rein 
■•--'seh betrachtet, unzweifelhaft das Uebergewicht hat. 

Dieses sind wohl die Haitptgrflnde, welche Wissen- 
Jsohaftsgebieten die Thatsache und damit das Recht selb- 
P.Bt&ndiger Existenz verleihen. Da dieselben so weit ent- 
[fernt sind von den Leitmotiven der rein logischen Wissen- 
laftegUederiui^, ist es vollkommen passend, wenn wir 
[diesen WisBenschaftazweigen den Namen von Disziplinen 
beilegen, denn allerdings sind nicht alle im philoGophischen 
rSinn WisBensehaiten, und gerade der Geographie wird 



u 



VielBeitigkeil der Geograpliir. 



besonders häufig der Vorwurf gemacht, sie sei es nicht, 
schon weil sie allzu VerschiedeneB umfasse. 

Treten wir auch diesem Einwurf einen Augenblick 
näher, von dem wir hier nicht untersuchen wollen, ob 
ea ihm nicht vielleicht zum Ruhm gereicht, heute Vor- 
wurf zu sein, nachdem vor 1900 Jahren Strabo gerade 
in der aoXvfiäffticc einen rühmlichen Vorzug der Geo- 
graphie erblii-kt«, um dessentwillen er keinen Geringem 
als Homer für den ersten und besten Geographen er- 
klärte. Wenn die Geographie auf einer Menge von For- 
schungsgebieten Arbeit sucht, welche so weit vonein- 
ander entlegen sind, wie es im Umkreise menschlichen 
Wissens überhaupt nur möglich, so steht sie mit ihrer 
Vielseitigkeit keineswegs allein imd sollte vor allem nicht 
darum gescholten werden. Wir halten die gleichzeitige 
Beherrschung der mathematischen Geographie und der 
Völkerkunde für genau ebenso schwierig, wie die der 
Geophysik und der Paläontologie, welche dem Geologen 
zugemutet wird, und es scheint ims die Zusammen- 
fassung der Ozeanographie und Staatenkunde in einem 
Kopfe gerade so möglich zu sein wie etwa die der Aegyp- 
tologie und der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. 
Und wenn der Zoolog, dessen Forschungsgebiet die Pro- 
tozoen, gelegentlieh zu den Wirbeltieren oder gar in 
das Nachbargebiet der Anthropologie abschweift, scheint 
er in imsren Augen sich keiner geringeren Expansion 
schuldig zu machen als der Geograph, welcher sein natür- 
lich zusammengehöriges Gebiet denkend zu überschauen 
strebt. In der Wirkhchteit liegt ja die Sache auch 
niemals so, dass das ganze Gebiet einer Wissenschaft 
auch immer Forschungsgebiet jedes einzelnen auf dem- 
selben Thätigen ist, sondern jeder Forscher bearbeitet 
ein Gebiet oder einige mit VorUebe und überllsst die 
übrigen seinen Strebensgenosaen. Jeder spezialisiert sich, 
wie man zu sagen pflegt, im Forschen, Anders ist es 
im Lehren, sei es das mündliche des Professors oder das 
gedruckte des wissenschaftlichen Schriftstellers. Hier 
führt die praktische Notwendigkeit giinz von selbst zu 
einer Vielseitigkeit, welche auf dem Felde der reinen 



Foracheu und Lehren. 



15 



I 
I 



Forscliiuig undenkbar ist. Indem der TJeberblick über 
die ganze Ansdehiiung einer Wissenschaft notwendige 
Vorbedingung des Forschena, vor allem iiber des Lebrens 
derselben ist, zwingt das letztere zu einer Vervielfälti- 
gung der Anschauung iiud des Denkens, welche nicht 
immer der Vertiefung günstig ist. Aber ohne diese Zer- 
splitterung, wie man sie mit tadelnder Betonung nennt, 
gibt es doch auch kein fruchtbares Einzel forschen, denn 
jede einzelne Thatsache erlangt ja ihre rechte Bedeutung 
erst im Zusammenhang mit dem Ganzen, und es ist ge- 
wiss nicht nötig, hier auf die scliädhchen Folgen einer 
allzusehr ins Vereinzelte gehenden und sich selbst ver- 
einzelnden Forschung liinzuweisen. Das Natürliche und 
Kotwendige in der Verbindung von Forschen und Lehren, 
wie sie immer und überall auf der Welt von selbst er- 
wachsen ist. Hegt ja offenbar gerade in dieser gebotenen 
Wechselwirkung des Sichvertiefens und Wiederauebreitens. 
Wer einen noch so kleinen Winkel eines grossen Landes 
gründlich kennt, ist besser geeignet, über das Ganze 
desselben zu urteilen, als wer im Ballon über demselben 
in einer Höhe schwebt, von welcher aus er nur grosse 
Anschauimgen und sonst nichts gewinnt; aber wer sich 
uiemalM einen Ueberhlick des Ganzen verschafft hat, wird 
auch dem Einzelnen nicht seine Stelle anzuweisen wissen. 
Der Forscher ist notwendig einseitig, der Lehrer ebenso 
notwendig vielseitig, aber keiner ist ganz das, was er 
sein soll, wenn er nicht in der Einseitigkeit vielseitig 
oder in der Vielseitigkeit einseitig ist. Uebrigens ist ja 
das Ziel aller wissenschaftlichen Arbeit die Schaffung 
Einer Wissenschaft, und wenn wir auch noch sehr weit 
von demselben entfernt sind, so wird doch die Vielseitig- 
keit leichter, in dem Masse als die Einzel wissenschatten 
immer allgemeinere Schlösse darzubieten im Stande sind. 
Han stelle uns daher die Vielseitigkeit nicht als etwas 
Unerreichbares hin und schrecke nicht von dem Ver- 
suche ab, sich derselben zu näliem. Man verwechsle 
nicht Mittel und Zweck, indem man in der Teilung der 
Arbeit das notwendige Ziel alles wissenschaftlichen Fort- 
ScJirittea zu sehen vermeint. 



1 (3 Welches ist nun d. Stellung u. d. BegrifT d. Geographie ? 

Als Schliiss aus diesen Erwägungen ergibt sich nur, 
dass die Geograpliie zu den mit dem Sein der Dinge in 
ihrem natürhchen Neben- und Nacheinander sich be- 
schäftigenden Wissenschaften gehört, wo sie in einer 
Gruppe umfassender Disziplinen ihre Stelle neben Astro- 
nomie und Geologie findet, während von den auf be- 
stimmte Naturreiche sich beschränkenden Disziplinen 
Völkerkunde und Geschichte aus sogleich näher zu er- 
örternden Gründen ihr auf der andern Seite am nächsten 
stehen. 

Ist sie denn nun in der That nichts mehr als ein 
aus jenen genannten praktischen Gründen zusammen- 
geworfener Haufen von Zweigen, die andern Stämmen 
zugehören, und sind Grenzen zu ziehen, welche im Stande 
sind, sie scharf von den Nachbargebieten zu trennen? 
Mit andern Worten: Ist sie eine selbständige Disziplin? 
Diese letztere Frage wird öfters auch mit besonderem 
Bezug darauf verneint, dass alle jene Wissens- und 
Forschungsgebiete, welche die Erdkunde für sich fordert, 
von andern Wissenschaften bereits in Anspruch genom- 
men seien. Darauf liegt die Antwort teilweise in schon 
Gesagtem (vgl. S. 12), wozu nur Folgendes noch bemerkt 
sein möge; Geschichte und Geologie werden am öftesten 
als die Konkurrenten genannt, zwischen deren so aus- 
gedehnten Reichen kein Platz übrig bleibe, aus welchem 
die Geographie sich ein eigenes Gebiet schaffen könne. 
Hier bleibt die Frage oflfen: Welches sind denn diese 
ausschliessenden Eigenschaften der einzelnen Forschungs- 
gebiete? Wir haben darauf hingewiesen, dass gewisse 
Wissenschaften sich Grenzen ziehen, welche mit denen 
ganzer Naturreiche zusammenfallen. So die Pflanzen- 
kunde, die das Pflanzenreich, die Tierkunde, die das Tier- 
reich beherrscht. Andre greifen noch darüber hinaus. 
So die Physik und Chemie, welchen die Erforschung der 
Kräfte und St()fi*e des ganzen Universums ohne Ansehung 
eines Naturreiches obliegt. Die Grenzen andrer greifen 
von verschiedenen Seiten her ineinander über, so wenn 
die Astronomie die Erde als Himmelskörper betrachtet, 
während die Geologie ihren Bau an und für sich unter- 



Begriff und Gliederung der Geographie. 17 

sucht und dabei bis in die Lebewelt und sogar die 
menschliche übergreift. Stehen doch Geologen selbst in 
vorderster Linie mit an der Wiege der neueren Anthro- 
pologie! Man sieht hieraus, dass wie bei der Klassifi- 
kation, so auch bei der Abgrenzung, nicht der Gegen- 
stand einer Disziplin es ist, der ihre Grenzen bestimmt, 
sondern zuerst die Auffassung, welche sie ihm angedeihen 
lilsst. Und hierin liegt denn auch das tiefere Recht und 
die Pflicht der Geographie, der von andern Seiten schon 
in Beschlag genommenen Erde mit dem Anspruch gegen- 
überzutreten , sie aus eigenartigem, wissenschaftlichem 
•Gesichtspunkte zu betrachten. Und dieser Gesichtspunkt 
ist die Zusammenfassung der Erdoberfläche und des ihr 
angehörigen Lebens als eines durch die mannigfaltigsten 
WechvSelbeziehungen verbundenen Ganzen. Nach den 
wissenschaftlichen Aufgaben aber, welche aus dieser 
Auffassung sich ergeben, dürften folgende Gruppen in 
ihr sich ohne Zwang absondern: 

Mathematisch-astronomische Propädeutik, gewöhnlich als mathe- 
matische Geographie bezeichnet. 

A. Physikalische Geographie. 

a. Die Lehre von den Erdräumen. 

b. Die Lehre von den Oberllächenformen oder Urographie. 

c. Die Lehre von den Gewässern: Hydrographie. 

d. Die Lehre von den atmosphärischen Erscheinungen: Klima- 
tologie. 

e. Pllanzengeographie. 

f. Tiergeographie. 

B. Anthropogeographie (Kulturgeographie). 

a. Die Lehre von den Faktoren der geographischen Verbreitung 
der Menschen und ihrer Werke: mechanischer Teil der 
Anthropogeographie. 

b. Die Lehre von der geographischen Verteilung, Form, Grösse 
der Völker und ihrer Staaten : statischer Teil der Anthropo- 
geographie. 

Zu ihr gehören derzeit noch: 

b') Völkerkunde, die nur zufällig vom geschichtlichen 
Gebiet auf unsres herüberragt. 

b-) Staatenkunde, die aus praktischen Gründen vom natio- 
nal-ökonomischen Gebiete auf unsres herüberragt. 



Batzel, Anthropo-Oeographie. 2 



18 



3. Das menscMiclie Element in der Geographie. 

Altes und natürliches rebergewiclit desselben. Ziilullige a]>er 
innige Verbindung der Länder- und Viilkerkunde. Inwieweit ge- 
hört das Menschliche notwendig in den Kreis der Erdkunde? 
Begriff der Anthropogeograjihie. welcher notwendig ein viel 
reicherer als «ler der Tier- oder Pllanzengeographie un<l dem- 
entsprechend viel mannigfaltigere Aufgaben stellt. 

Motto. J>rr iiritit hat ttich :um Iieirmttiti*fin 

der Freiheit durchzuarheittH und sieht, 

a wie die Seele dfn Ijeib , dir Xatur 

oder den Erdhodtn in den I'rocess 
dietser Enticickelunii. 

Kr Hut Kupp. 

Die Geschichte der Entwickehni<^ niisrer Wissen- 
schaft lehrt ihre frülie und innige Verbindung mit einigen 
Wissenschaften, deren Hauptgegenstand der Mensch ist. 
Dasselbe gilt von allen AVissenschaften, weil der Mensch 
sich selbst auch geistig immer am nächsten ist. Ur- 
sprünglicli ist jede Wissenschaft anthropologisch. Aber 
bei der Geographie war diese Verbindung inniger und 
dauernder als bei den meisten andern. Man kann sich nicht 
verhehlen, dass die Erdrihime lange Zeit ausschliesslich 
nur insofern von Bedeutung zu sein schienen, als sie in 
irgend welcher Bezieliung zum Menschen standen, ja dass 
selbst heute ihre menschlichen Bezielunigen noch immer 
den grössten Kaum selbst in wissen schaftlich-geograplii- 
schen Werken einzunehmen j)flegen. AVir lia])en bereits 
angedeutet, dass der Grund hiefür in erster Linie ein 
praktischer ist, weil von allen Dingen an der Erdober- 
fläche die menschlichen oder zum Mensclien in nächster 
Beziehung stehenden den menschlichen Geist immer zu- 
erst und am meisten ansprechen. In diesem Sinne konnte 
Strabo von Homer, „der nicht nur in der Kunst des 
Diditens alle Früheren und Späteren übertraf, sondern 
vielleiclit auch in der Kenntnis des staatsbürgerliclien 
Lebens" als dem Vater der Geographie, und können wir 
V(m den Musen des Herodot als dem gemeinsamen Aus- 
gangspunkt abendländischer (und eigentlicher) (leschichte 
und Geographie sprechen. Diese Bevorzugung des Menscli- 



Die Bevor/ugun^' tli'i' Meiisclilicbeii in tlcrGeograpliie. 



19 



I Üdien ist so tief begründet, duss sie noch heute einen 
1 GniadKUg, aber auch eine beständige gefährliche Klippe 
I für den wissenschaftlichen Charakter der Geo^aphie 
1 bildet; aber man darf wohl fUgen. dass in jeder Wissen- 
t Rchaft, die menschliche und natürliche Dinge zu gemein- 
stuuer Betnichtnng znsamment'asst, die Neigung unver- 
1 Snderlich herrscht, jenen den Vorzug zu geben. Man 
I erinnere sich an das Uebergewicht der mensclilichen 
I Anatomie, Physiologie und Psychologie in den betreffen- 
den Teilen der allgemeinen Biologie. Ein andrer Grund 
i gleichfalls mehr Susserlicher Art verstärkt noch diese 
) Neigung: es ist nämlich Länder- und Völkerbescbrei- 
ig in der Litteratnr fast nie getrennt worden und vor 
[ ftllem nicht in jenen Schilderungen, welche die fem von 
j ona liegenden Länder und Völker betreffen. Ein grosser 
I Reix der Reisebeschreibungen entspringt ja gerade ihrer 
I innigen Verflechtung der Natur- und Völkerbeschrei- 
I bang. So haben dieselben Männer beides beachrielten, 
Hber beides geforscht und es wurden Länder- und 
Völkerkunde innig verbundene Begriffe, von denen einer 
ohne den andern kaum zn denken war und deren Ver- 
einigung vor altem im geographischen Unterricht streng 
festgehalten wurde. Dann führte aber endlich noch ein 
I dritter Grund, gleichfalls praktischer Natur, die Geo- 
I grapbie auf eine besonders eingehende Pflege des uiensch- 
I Ücheu Elementes hin, und dieses ist ein sehr durch- 
w Bdil^ender, wenn auch noch weniger logischer Grund 
I n\» die bisher genannten: die Brache, in der alle andern 
f Wissens cliaften weite Bezirke menschlicher Erscheinun- 
I gfin nnd Verhältnisse liegen Hessen. Indem die Ge- 
I achiclitsforschung ihren Beginn erst da setzt, wo ge- 
) «tihriebene Zeugnisse vorliegen, während die Antbropo- 
i logie sich bis in die neueste Zeit nur mit dem Körper- 
hclien des Menschen befasste, blieb das ganze Gebiet 
der sogenannten Natur- luid Halbkiilturvölker, vor allem 
ihre Geschichte und Ethnographie, der Geographie fiber- 
laasen, welche aus den zwei vorhin genannten Gründen 
i »ich darauf hingewiesen sah, wohl oder tlbel dasselbe 
1 unter Verwaltung zn nehmen , so dass ja auch heute 



20 Pllaiizen-, Tier- und Meuschen-Geogrupliie. 

noch die Völkerkunde von den Vertretern der Geographie 
betrieben und gelehrt wird, vielfach dieselben Zeitschrif- 
ten mit dieser besitzt u. s. w. 

Dies sind jmiktische Gründe, welche, wie der 
Augenschein zeigt, sehr mächtig wirken können, aber 
mit der Logik nichts zu thun haben. Rein begriflflich 
gefasst, ist der Mensch Gegenstand der Erdkunde, inso- 
weit er von den räumlichen Verhältnissen der Erde ab- 
hängt oder beeinflusst wurd. So wie die Tier- imd 
Pflanzenkunde durch die Lehre von der geographischen 
Verbreitung der Tiere und Pflanzen zu uns herüber- 
reichen, so thut es die Gesamuitwissenschaft vom Men- 
schen durch die Lehre von der geographischen Ver- 
breitung des Menschen. Aber dieser Wissenschaftszweig, 
welchen wir nach Analogie der Tier- oder Pflanzen- 
geographie Anthropo-Geographie nennen, ist in dem- 
selben Masse tiefer und umfassender, als die Menschheit 
mehr Seiten, sowie schwierigere imd folgenreichere 
Probleme unsrer Forschung darbietet. Zwar begnügen 
sich auch Tier- und Pflanzengeographie keineswegs mehr 
damit, nur die Grenzlinien zu ziehen, innerhalb deren 
gewisse Familien, Gattungen, Arten gefunden werden, 
sondern sie machen es sich in steigen<lem Masse zur 
Aufgabe, die Geschichte und die natürliche Begründung 
dieser Grenzen, das Woher? und W^arum? derselben zu 
erforschen; auch ist die Verbreitung nach den Höhen 
und Tiefen der Erde, die Abhängigkeit von Klima, 
Boden u. a. äusseren Bedingungen, der Einflnss künst- 
licher Faktoren im Falle der Haustiere und Kultur- 
pflanzen, endlich die Statistik der Tier- und Pflanzen- 
arten in steigendem Masse in den Forschungsbereich 
dieser Wissenschaftszweige gezogen worden. Aber die 
Menschheit ist einmal zahlreicher und in wechselnderen 
Formen des Einzel- oder Zusammenlebens auf der Erde 
zu linden, so dass allein schon ihre Dichtigkeit, ihr mehr 
oder minder ständiges Wohnen, das Aneinandergrenzen, 
Verschieben, Durchsetzen der Völker, kurz die ganze 
Bevölkenmgsstatistik, Art, Grösse, Zahl und Lage ihrer 
Wohnstätten eine Fülle neuer Probleme bieten. Sie ist 



Ulli Titfe litv Anthrnpo-üedgriipliii 



21 



ferner vielaeitiger beweglich als alle andern Organismen, 
Ro doss wir auch eine Fülle von Ijand- und Seewegen 
zu betrachten haben, tlie ein dichtes Netz um die Erde 
schlingen. Dann bietet die Geachichte ihrer Ausbreitung 
Ober die Erde und ihrer HeintiBchmachiing anf derselben, 
sei es durch Völkerwanderungen, Handelszüge oder For- 
gchungs- Expeditionen einen wichtigen, wesentlich geo- 
graphischen Teil der allgemeinen Geschichte. Wie fol- 
genreich ist ferner die Thatsaclie, dass sie durch dauernde 
Werke die Erde, samt ihren Gewässern, Klima und 
Pflanzendecke veräudert hezw. bereichert, die eigene 
Beweglichkeit gewisspn Pflanze» und Tieren mitteilt, die 
sie bewusst oder unbewuast über die ganze Erde hin- 
fahrt, kurz in eingreifendster Weise das Antlitz der Erde 
verändert! Pflanzen und Tiere erfahren vielfältige Be- 
einflussimgen durch die Gesamtheit der geograpliischen 
Verhältnisse an der Erdoberfläche, die der Körper des 
Menschen in demselben oder vielleicht höherem Masse 
erleidet; aber heim Menschen kommt das für äussere 
Eindrücke im höchsten Grade empfindliche Organ des 
Geistes hinzu, durch welches alle Erscheinungen der 
Natnr in bald derb autlUlIiger, bald geheimnissvoll feiner 
Weise auf sein Wesen und seine Handlungen wirken, 
und zimi Teil in denselben sich spiegeln. Ist es nötig, 
zu sagen, dass Rehgion, Wissenschaft, Dichtung zu einem 
grossen Teile solche zurückgeworfene Spiegelungen der 
NatiiP im Geiste des Menschen sind? Die Erforschung 
dieser Wirkungen ist eines der grössten Probleme der 
Anthropo-Geographie, die hier selbst mit der Psycho- 
logie sich berührt. Aber endlich bleibt die Untersuchung 
jener Einflüsse, welche der ganze Komplex äusserer 
Dasein 8 be dingungen aaf den Verlauf der geschichtlichen 
Entwickehing der Menschheit übt und stets geübt hat, 
und deren längst anerkannte Wichtigkeit der Geographie 
schon früh die Aufgabe zuweisen Hess, erste Hilfswissen- 
schaft der Geschichte zu sein. Ist dies nicht eine fast 
erschreckende Fülle von Erscheinungen nnd Problemen? 
Man kann aogesichl.'^ solchen Reichtums der menschlichen 
Elemente in der Erdkunde kaum über die Versuche er- 



22 ^pogr. Verbreitung d. Menschen u. Antliroj»o-Geographie. 

staunen, uns ihr eine ausschliesslich anthroj)ologische oder, 
wie man zu saj^en pflegt, historiscln^ Wissenschaft zu 
machen, wie wenig gerechtfertigt dieselben auch in Wirk- 
lichkeit sich immer erweisen mögen. 

Uebor den massigen Streit, ob die Geograpliie Naturwissen- 
schaft sei oder nielit. brauchen wir nacli dem Gesagten kein Wort 
zu verlieren, denn ihr menschliches Element lässt nach der heuti- 
gen Auffassung eine scharfe Sonderung v<m der Geschichte nicht 
zu, und wenn auch die Geographie in das heutige Gebiet der 
"Naturwissenschaften teilweise hinübergreift und im allgemeinen 
ihnen näher steht als die Geschichte, so würde sie im G.inzen als 
Naturwissenschaft doch nur mit der Geschichte zugleich in dem 
höheren Sinn anzusprechen sein, in welchem ein grosser Geschichts- 
schreiber (an der Geburtsstätte Napoleons) ausruft: .,Auch die Ge- 
schichte ist Natur. Es gibt eine Kette von Ursachen und Wir- 
kungen.** Wir mögen holTen, dass die Geographie einiges, mit 
der Zeit vielleicht selbst erhebliches, dazuthue, die Geschichte den 
Naturwissenschaften immer näher zu bringen, aber das gehört 
einer ferneren Znkunft an. Dass wir auf allen Gebieten nach 
naturwissenschaftlicher Klarheit und Genauigkeit streben, kann 
uns nicht darüber täuschen, dass die Geographie in einem not- 
wendigen Zusammenhang mit der Geschichte steht. 

Noch eine Bemerkung zur Sj-stematik dieses Zweiges: Man 
mag auf den ersten Blick für möglich halten, die Lehre von der 
geographischen Verbreitung des Menschen als einen besondern 
Zweig aus der allgemeinen Anthropo-Geographie auszuscheiden, in 
Wirklichkeit aber hängt dieselbe so innig mit derselben zusam- 
men, dass hier ebensowenig wie in der Tier- oder Pllanzen-Geo- 
graphie eine derartige Soiiderung logisch gefordert oder auch nur 
m(>glich ist. Die geographische Verbreitung des Menschen ist das 
Ergebnis aus dem Zusammenwirken seiner eigenen Natur mit der 
Natur, die rings ihn umgibt. Selbst die geistigen und gemüt- 
lichen Einflüsse der letzteren machen darin sich geltend: man 
denke nur an das Ileimatsgefühl oder an den merkwürdigen, 
tiefen Zug „nach sonnigeren Gestaden". Insofern der Ausdruck 
Geographische Verbreitung etwas eng scheint, würde es nicht 
praktisch sein, die ganze Anthropo-Geographie mit demselben zu 
bezeichnen, aber der Begriflf „Anthropo-Geographie" reicht nicht 
so weit über Jenen hinaus, dass nicht doch die beiden im allge- 
meinen als sich deckend angesehen werden könnten I 



4. Die Beziehungen zwischen Geographie 
und Geschichte. 

DiisGeschiclitiiclie in der Geograjiliie hat eine nalürliirlie Neigung 
ZD iiburwuchcrn. Versuche, die Gen^raphie als bistorisdie Wissen- 
Bfllinn KU delhiieren. BegrilT der Üilfewiasenschart. Gemeinafttnea 
und Untren nbarkeit der Geogrupliie und Gesebichte. Alle geti- 
onpliiacben Probleme müssen gescliioblüdi und ;tlle gescbioht- 
liclim geographiaeh betracblet hihIü Pli' i^i ■ ^r,i]ibie strebt 
«UrBiir bin, den Begriff der Gvurlr. .,-i,. Wo diu 

Guchidite nicht ausreicht, tritt il" ' <i <lie Lücke. 

Tlotwendiglieit Her Geographie rüniii- 1. - i-., -nplile. weleht^ 

eehwer deren Verntuihlilssigung busi:!. ILnx /.['ii->:»>:liLclitliuhe!' 

Element ist der Oengrapliie mit der lieucliiclile gemein und l'lir 

bdite sehr bezeichnend und wichtig. Praktische Anwendung. 

Geographie und Völkerkunde. 



Dil? Miissü des antliropo geographischen Materials, 
die wir im vorigen Absclmitte nur andeuten konnten, 
und dos hohe Interesse, welches vor allem den geo- 
graphisch-geschichtlichen Beziehungen innewohnt , läsat 
allein schon auf die geschichtlichen Elemente in der 
Erdkunde gewöhnlich ein Gewicht legen, welches that- 
sächlich zu einem üebergewicht ausurtet und die Geo- 
graphie aus der natiirgemässen mittleren und vermitteln- 
den Stellung, die ihr angewie.'^en, einseitig auf die ge- 
schichtliche Seite zu drängen, d. h. sie zur hiatorischen 
Wissenschaft zu maclien droht. Selb.st Vertreter unsrer 
Wissenschaft, die zu den stimmberechtigtsten gehören, 
haben nicht immer dem starken Zuge widerstanden, 
welcher von diesen menschlichen Elementen der Erd- 
kunde ausgeübt wird; sie wollten zwar nicht die andre 
Seite aufgeben, suchten aber selbst der Verbindung der 
beiden einen anthropologischen oder historischen Charak- 
ter zu verleihen. Man kann es z. B. keineswegs glflck- 
lich nennen, wenn Guthe in der Einleitung zu seinem 
Lehrbuch der Erdkunde diese Wissenschaft folgender- 



24 Giithe und Plaj^fair über Geographie und Geschichte. 

masseii definiert: ,Die Erdkunde lehrt uns die Erde als 
Wohnphitz des Menschen kennen, sie ist keineswej^s 
eine blosse Schilderung der Erde mit ihren Meeren etc., 
sondern indem sie uns die Oberfläche beschreibt, stellt 
sie den Menschen mitten in die Schöpfung hinein, zeiirt, 
wie er einerseits von der ihn umgebenden Natur ab- 
hängig ist, anderseits versucht hat, sich dieser Abhängig- 
keit zu entziehen, und bildet somit das verknüpfende Band 
zwischen Naturwissenschaft und Geschichte," Schwerlich 
wird man die Berechtigung des „somit" in der achten 
Linie des vorstehenden Citates anzuerkennen vermögen, 
wenn man sich die Notwendigkeit und Ausdehnung der 
natürlichen Elemente der Erdkunde vergegenwärtigt, 
welche in dieser Definition überhaupt nicht erscheinen. 
Die Geographie erklärt sich hier vielmehr als historische 
Hilfswissenschaft in einer Auffassung, die früher ver- 
breiteter war als heute, und welcher J. Plavfair einen 
nur etwas deutlicheren Ausdruck gal), als er die Not- 
wendigkeit der Geographie für die Gebildeten bh)s da- 
mit begründete, dass man den Schauplatz der Geschichte 
kennen müsse, ehe man sie selbst verstehen könne. 
Man muss allerdings hinzufügen, dass Playfair, indem 
er in seinem „System of Geograj)hy** (1808, Bd. I, Einl.) 
die von ihm so sehr betonte historische Geographie um- 
schreibt als sich beziehend .auf die Wanderungen un<l 
Ansiedelungen der Völker, die Ausdehnung, Lage imd 
Unterabteilung der Staaten, Königreiche und andern 
Reiche in verschiedenen Zeitperioden", diesen Teil mehr 
hervorhebt, als dann leider in den betreffenden Abschnit- 
ten des Buches selbst der Fall ist. So pflegt es öfters 
mit den allzu scharfen Definitionen zu gehen : sie halten die 
Bewährung nicht aus. Solchen Auffassungen gegenüber 
ist mit Entschiedenheit zu betonen, dass die Geographie 
zunächst die Erforschung und Beschreibung der Erde 
ohne Rücksicht auf Menschliches und Geschichtliches zur 
Aufgabe hat und dass die selbständige L()sung dieser 
Aufgabe voranzugehen hat der gemeinsamen Arbeit mit 
der Geschichte auf anthropogeographischem Felde. Beide 
sind freilich imzertrennlich. Gewiss kann, um mit C. Ritter 



Riller iiliei- Gi-ojjruiiliie und Geäcliichle. 25 

f zn reden . .die geographische Wissenschaft nicht des 
' historischen Elementes entbeliren, wenn sie eine wirk- 
liche Lehre der irdischen Raumverhältniase sein wiU und 
nicht ein abstraktes Machwerk, durch welches zwar der 
Rahmen und das Faehwerk zur Durchsicht in die weite 
Landschaft gegeben sind, aber nicht die Raunierfüllnnf5 
. selbBt' (C. Ritter, Ueber das historische Element in der 
I geographischen Wissenschaft). Und ebenso ist wieder tlie 
[ Geschichte auf die Erdkunde angewiesen, weil ihre Er- 
scheinut^en eines Schauplatzes bedürfen, um sich zit 
entfiilteii: .sie wird in ihren Gestaltungen überall, sei 
es angesprochen oder nicht, ein geographisches Element 
. mit aufaehmen mässen, auch in ihre Darstellungen; sei 
t es nun , dass sie wie bei Thucydides und Joliunnes Müller 
I ^eich zu Anfang ihrer Historien dies in einem grossen 
I üeberblick voranstellt, oder, wie bei Herodot, Tacitus n. a. 
E Meister, in den Fortschritt ihrer Darstellungen einwebt, 
P oder, wie bei noch andern, es Hueh übergeht und nur den 
Ton oder die Färbung durch dasselbe beibehält. In eijier 
I Philosophie der Geschichte, wie sie früher Baco und Leib- 
I nibt dachten. Herder entwarf, wie sie neuerlich auf mauchev- 
I lei Weise fortzuführen gesucht ward, inusste diesem geo~ 
t graphischen Elemente eine immer bedeutendere Rolle 
I eingeräumt werden' (C. Ritter, Ebendaselbst). Man «ieht, 
aus der Natur der Sache sich innige Beziehungen 
I der beiden Wissenschaften zu einander entwickeln. 
I Werfen wir, um uns ober dieselben sicher zu werden, 
J einen knrzen Blick auf das daraus erwachsende Ver- 
I hiUtnis zwischen Erdkunde und Geschichte, so wird uns 
\ sehr bald klar, dass hier von einem einseitigen Dienst- 
1 barkeits- oder UnterstÜtzungs Verhältnisse nicht die Rede 
I Bein kann, und dass der Ausdruck , Hilfswissenschaft der 
1 Geschichte*, welcher auf die Erdkunde so leichthin Än- 
1 Wendung zu finden pflegt, keine tiefe Berechtigung hat. 
I Es gibt Oberhaupt — ist es nötig, dies zu sagen? — keine 
T Wissenschaft, die nur Hüfswisaenschaft wäre, ebenso wie 
I snderaeits jede Wissenschaft unter Umständen zu einer 
I andern in das Verhältnis einer Hilfswissenschaft zu treten 
I vermsg. Eine Wissenschaft moss immer erst selbständig 



2(5 Geographie als Ililfswissenschaft der Geschichte. 

sein, ehe sie einer andern Hilfe Ineten kann. Xur zu- 
fiiUifj^e Umstände können einer Wissenschaft den Schein 
eines Anspruches verleihen, sich mit andern zu umgeben, 
wie ein Meister mit Gesellen sich umgibt. In diesem Falle 
hier liegt der Grund nicht in dem hohen Alter der Ge- 
schichte als selbständiger Wissenschaft. Was war früher 
da, Geschichte oder Geographie? fragt Kant, und die 
Antwort ist: Die letztere liegt der ersteren zum Grunde, 
denn die Bege})enheiten müssen sich doch auf etwas be- 
ziehen (Phys. Geogr. I. 12). Er liegt hauptsächlich in dem 
hohen Wert, welchen ihre iumiitt(dl)ar menschlichen Be- 
ziehungen ihr beilegen lassen, und in der Masse der 
Forscher, welche ihr dienen. Man wird das Unnot- 
wendige hierin nicht verkennen. Ein Blick in das Wesen 
und die Entwickelung der beiden Wissenschaften zeigt 
denn auch klar, dass die Geschichte geradesogut Hilfs- 
wissenschaft der Geographie, wie diese der Geschichte 
ist. Dabei sage man nicht, dass der Unterschied nur 
darin liege, dass die eine Wissenschaft wegen regeren 
Betriebes und desshalb grösseren Hilfsbedürfnisses die 
andre mehr in Anspruch nehme als es umgekehrt der 
Fall. Die Geschichtsforschung sieht vielmehr zum Teil 
offenbar nur desshalb eine , Hilfswissenschaft" im obigen 
Sinn in der Erdkunde, weil sie dieselbe so lange nicht tief 
wissenschaftlich, sondern mehr nur äusserlich benützte. Sie 
wird etwas mehr in ihr erkennen von dem Augenblicke 
an, dass sie zu sowohl breiterer als tieferer Auffassung 
und Behandlung des erdkundlichen Elementes in der Ge- 
schichte fortgeschritten sein wird. 

Es spielt hier übrigens auch eine rein litterarische Gering- 
schätzung herein, deren sich wohl viele nicht bewusst werden, 
die aber nichtsdestoweniger gewiss gar nicht unwirksam ist. Die 
Geschfchtss<threibung hat sich eine hohe Stellung in der Litteratur 
erworben durch die Form, in der manche ihrer Werke auftreten, 
und den Geist, von welchem einige derselben 'beseelt sind. Die 
Erdl)eschreibung, welche sich in der Regel niedrigere, unmittel- 
barer vom Nützlichkeitstrieb eingegebene Ziele setzte, hat solche 
Auszeichnung selten erworben. Ein grosser Grund für die von 
t'iuigen Seiten für übertrieben gehaltene Hochhaltung Alexander 
von Humboldts liegt eben darin, dass die Geographie in ihm endlich 
einen Klassiker gewann, wie sie seit Strabos Zeit keinen besessen^ 



UnlrtiiHbftrki'il der Uc(igi'H|i!ii( 



27 



iboa, dessen Gcograpiiie indessen hnlli Üfsuhiclite und iler erst 

«riker wdr, ebe er UcngmpU wiiiiie. Es ist klar, dftäs die iialieii 

iebungüu ziri selten Getigrapliie and Geacliiclitc den grossen 

I Untenetiied beider in litterariacher Hinaicbt nur um sn suliärrer 

I tknlien lierTortreten lassen. Piokerton erkannte von nllen Gefi- 

I grapliea deu acliUeiinten Jalirhunderts nur d'Ativillc einigen litte- 

1 r»riBulien Rahm zu und liebt mit Ref;lit hervor, dass litterariscli 

f die allen Geographen lioch über den neuen stehen. Er kontrastiert 

"öschings 18 Bünde über Europa mit Ptrabofl einzigem, unver- 

inglichen Bunde. Darin liegt ncbat Richtigem auch Ungerechtes, 

ic Geographie wird ihrem Wesen nach so wenig wie die 

KMnr wisse nacharten so viele klassische Werke der Welllitteratur 

schenken können wie die Geschichte, mnn wird dieselben liaupt- 

säolilich nur auf ihren an die Geschichte und Volkerkunde gren- 

aeaden Gebieten erblühen sehen. Aber es iat hierin nichts, 

■WM die Stellung der Geographie nebeli der Öesclnchte als Wissen- 

Schalt berührte^ denn Formrragen entscheiden hier nicht. 

Aber Überhaupt sind die Iteiden imtreiinbar. Indein 
man der Geschichte das zeitliche Geschehen, der Geo- 
I gfftphie hingegen diia räumliche Sein zur Erforsclinng 
I darbietet, scheint mun zu vergessen, dass alles Gescliehen 
I im Raiiuie stattfindet, mit andern Worten, dass jede Ge- 
[■ schichte ihren Schauplatz hat, und ferner, dass jede Ver- 
[ gangenheit einmal Gegenwart war. Nach dieser Sonde- 
I rang wäre das, was heute Gegenstand der Geographie 
] ist, in zehn Jahren Gegenstand d.er Geschichte und uni- 
I vekehrt. Man sieht, dass scharfe Sonderlingen dieser 
I Ätt nicht folgerichtig durchzuführen wären, ohne natfir- 
) lieh Zusammengehöriges zu zerreissen, sondern dass eben 
i diese beiden Wissenschaften nur in inniger Wechsel- 

* wirkender Verbindung eine fruchtbare Thätigkeit zu ent- 
I falten vermögen. Herders Satz von der Geschichte als 
[ einer in Bewegung ge.setzten Geographie bleibt wahr, 

auch weim man ihn umkehrt. Dies gilt natürlicherweise 
I in allererster Linie von denjenigen Gebieten, wo beide 
1 unmittelbar aneinander grenzen, nämlich von der politi- 
Lst^en Geographie und von der Untersuchung der Ein- 
J Wirkung geographischer Verhältnisse auf den Verlauf der 

• Oeachichte. Vor allem von den letzteren, die so viel, 
I aber leider nicht oft in sehr fruchtbringender Weise, 
[> sdioa besprochen worden sind, mnss immer ab das erste 
L inethodologi»<che Erfordernis gelten, das im Grunde höchst 



28 



riipliie iiijj 



■lidrlng«n. 



aelbstv erstand li ch e : Diese geschichtlich -geogi'iiphischen 
Probleme nielit nnr geographisch, sondern eben auch ge- 
schichtlich zu behandeln, wie es in ihrem Doppelweaen 
begründet ist. Man mnss, praktisch gesprochen, die 
Karte nicht lesen, wie sie vor uns liegt, als ein flaches, 
perspektivloses Blatt, sondern mit dem historischen Kom- 
mentar in der Hand, welcher einzig fähig ist, dem Ganzen 
die historische PerspektiTe zn geben ; und man musa 
ebenso die Gescliichte nicht verstehen zn können glanben 
als ein Drama ohne Biihne und Hintergrund. 

Das Siiiidigen gegeu dioeen Grundsatz lifgl aiuserordenUicrli 
iiftliiv lind vDrtren'lkiit' Ueographrn, selbst Historiker, sind der 
Gefahr üielil enlgangen, auf geecliichtsloser Uaais historisch ver- 
gleichende CicngTHpliie zu treiben. G, L. Ki'iegk rührt in eeinem 
trelTlichcn Arir^ntz-. .,Ueber die Bczichang geugraphiscber und 
«thnugraphischer Verhnltnisse tn Hamlel und Falirikntb)n'' (Schrif- 
ten zar allgemeinen Erdtcnndc. Leipzig. 1840) lulgenden Vergleich 
Weet- und Ost-Europas durch: „WeBt^EurnpHS Bevölkerung war 
lu atleu Zeiten in eine grössere Zahl von Staaten zerteilt, wäh- 
rend in Oat'Europa fast stets nur weni^ und ausgedehnte Reiche 
bestanden. Das erslere war lange von mehreren VölkeralftBinien 
bewohnt und enthielt, such unchdem diese sich miteinander ver- 
misclit und mit dein gerrnaiii sehen Element in eins verschmolzen 
listteo, Biets eine Hannigfaltigkeit von Kationali täten; das letztere 
hingegen war durch die ganze Zeit seiner sicheren Geschichte 
hindnrcli l'asl allein von dem einen Volksstamm der Slaven be- 
wohnt und bietet in deu Terschiedenen Zweigen desselben eine 
AehnlicUkeit im inneren Wesen und in der äusseren SUte dar, 
die wir bei den Völkern germauiacber Abkniirt vergebens suchen. 
Die Bewohner von Ost-Europa endlich haben, mit ebensowenigen 
Ausnahmen, von jeher die gleiche Art und den gleichen Grad 
von inlellehtiieller Bildung miteinander gemein gehabt- lind in 
der Anwendung der Veratsndeskrärte auf dns äussere Lehen nie 
eine bedeutende Alistnrung untereinander geitfigL"" Nun genügt die ] 
Uelraclitung einer ethnographischen Karte des heiilij^L'n Ost-Enropa 
votltcommen. nni »ich eu liben.eugen, dassderVolk^ütanim der Slaven 
selbst heute noch nicht «fast allein* dieees weite Kinchintid be- 
wohnt; und ferner Mn-\ diuiri ■\»/.u n...h .Uv G,.-,. bi> l,i,. UlarU^J 
dsss dieser heutig)' '/ü- '' ' " 

Zeil diftenigc Wcut-l' ■ 

dieser politische Z,-i 

diesem Wege der i:. .. . 

liciicn Ilesullnlu <m>- I imii 

mechiuiiechen als - ' i wbrdcit. waD^ 

es eich um Erschi-iiiii 



Di:rBcgriiril.Gt!Scliidile wird gtwolinlicli 111 engg-efassl. 29 

l«a^n: Di« der gesühichtlichtii Enlwickelung entspreclieiide Ten- 

■ ileiiE sni' VergröHstruDg der Reiche und Verschmelzung der Vdlker 

F Ist in Uat-Enropa durch die Boden (tesialtung ebenso gefordert wie 

[ In Weat-Europa gellindert worden. Wirwürden darum, schoinhar in^ 

. kuiisei|Ueat. weniger Einwand erliebcn gegen viel weitergreifende 

Bcitaiiiitiiiigeii bei andern Scliriftstellerii über diesen Gegenstand. 

Wenn Leroy Beaulieu in seinem jüngst erschienenen ersten Bande 

L^Empire des Tsars etc. (S. 33) den Ausspruch tliut: Die Einheil 

I Rusalsnds !»t so natürlich., dass kein andrer Teil der Erde, wenn 

B nicht gerade eine Insel oder Halbinsel ist, deutlicher bestimmt 

b Ut, die Heimat eines einzigen Volkes zu sein, ao würden wirkein 

J Kccht XU haben glauben , dem zu widersprechen. Das Unter- 

[ cebcidcnde liegt darin, dass hier eben von der Bestimmang ge- 

I ai)racUeii ist, und wir betonen es, weil etwas raethodinch Wichti- 

I gee darin liegt, denn diese Bestimmung gerade ist es, welche die 

' UeOgraphie zu erforschen und darzustellen hat, einerlei, wie nun 

' Micb die geschichtliche Lage in irgend einem Zeitraum ihr zu 

widereprechen scheinen mag-. Wann und wie die Geschicke eines 

Erdranmes sich errüUen mögen, ist dabei gleichgülUg, wiewohl 

' ä»a geübte Ange des tiefer blickenden Geschichtskenners anch 

l ttDt«r der Hülle einer lietiiimmnngs widrigen oder ungeogrnphischeii 

feO«sohichte die Züge jener ßeslimmting da und dort wiederfinden 

I Wird. Nnr wer nichls als diese vergängliche Hiille sieht, lengnet 

lü, 8. die hohe Natnrbetlimimiug Griechenlands, weil das ncne so 

I tief nnt«r dem alten steht (vgl. Kap. b). 

Hier haben wir in dem imzul an glichen Verfahren 

L eines achtnugswerten Forschers ein Beispiel, wie selb.st 

von geschichtsforsch ender Seite die Vertiefung erdkund- 

[ lieber Studien dnrch Befruchtung mit Geschiebte ver- 

\ kannt und dadurch ein falscher Weg auf jenem Ge- 

l'biet der Grenzprobleme eingeschlagen werden kann. 

LAber anderseits glauben wir der Geschichte eine viel 

K^eiter reichende Ausdehnung und Vertiefung ihrer For- 

Itchtuig aus grösserer Berücksichtigung der Geographie 

■versprechen zu dürfen. Niemand empfindet mehr denn 

ain Geograph als einen Mangel die Beschränkung der 

0Hchichte auf die Zeit geschriebener Ueberlieferungen. 

sich schon aus völkerkundlichem Gesichts- 

ikte gejieii jene geläufige Behauptung verwahren, dass 

I Volk den geschichtlichen Charakter durch das Mass 

~" Idiclier Bildung' erlange, welches nötig sei, um ein 

di-r lli'vv^fhrnng des Geschehenen zu*haben, 

♦ernur in'Hig sei, um die Mittel zu lUc-ser Be- 



i^{) Die Cireir/eii der Gejschiclite und die Ueographie. 

Wahrung zu finden oder iinzueignen: so erscheint im Inter- 
esse jener oben als so notwendig bezeichneten Grenz- 
berichtigungen des erdkundlidien Gebietes die solcher 
Auffassung entsprechende Beschränkung der Geschichts- 
wissenschaft aus geographischem Gesichtspunkte al» ein 
Mangel und eine Last. Ünsre Aufgabe darf es hier nicht 
sein, das logisch Unzulängliche in den engen Detinitionen 
der Geschichtswissenschaft nachzuweisen. Dem Geo- 
gra})hen, der alle Völker der Erde gleichmässig ins Auge 
zu fassen hat, kommt es aber natürlich ganz ungerecht- 
fertigt willkürlich vor, eine so scharfe Grenzlinie, wie 
sie zwischen geschichtlichen und ungescliichtlichen Völkern 
und demgemäss zwischen Geschichte und Völkerkunde 
gezogen wird, auf die zufällige Thatsache des Besitzes 
einer zu dauernden Aufzeichnungen befähigenden Schrift, 
bezw. das Fehlen derselben zu begründen. Er würde 
indessen dieses Verhältnis als etwas Gegebenes betrach- 
ten, dessen Kritik nicht ihm zustehe, wenn nicht durch 
dasselbe die Last seiner Aufgaben so ungemessen sich 
vermehrte. Denn was die Geschichte aus ihrem Gebiet 
wegen Schriftlosigkeit zurückweist, das fällt der Geo- 
graphie im Sinn der älteren Länder- und Völkerkunde 
zu. Nicht genug damit, bleibt es in seinen geschicht- 
lichen Bezügen und vorzüglich in den mit den Geschichts- 
völkern es verknüpfenden unerforscht, so dass eine Lücke 
zwischen geschichtlichen und geschichtslosen Völkern 
klafft, wie sie unnatürlicher und peinlicher nicht gedacht 
werden kann. Der Geschichtschreiber stösst sich nicht 
an derselben, denn er bannt seinen Blick in den Kreis 
der Schriftvölker, der Geograph aber, der die gesamte 
Menschheit zu überschauen hat, leidet darunter. Hier 
wäre ein Punkt, an welchem die Geschichtswissenschaft 
von der grösseren Breite geographischer Anschauung 
wohl mehr Gewinn ziehen könnte, oder vielmehr, wo sie 
durch das Medium der Geographie jener naturwissen- 
schaftlichen Neigung sich, mehr anzunähern vermöchte, 
allen Erscheinungen einer natürlichen Gruppe gleich- 
mässig gerecht zu werden und künstliche willkürliche 
Sonderimgeu möglichst einzuschränken. 



Uli' PliilOfiu[iliii.' iler GeBl^bi('bl(^ und dii? Gi-i:igrH|iIiii 



:n 



er dk' Eulv» icke hing der Völkerkunde verfolgt liat, weiss 
f fibrigeu, dsss die BelitindluDg deraelbeu immer melir liistoriacl) 
( in tverdea sirebt, Eine allgemeine Knlturgesclüehte liönnle schon 
[• "heute dir Ueiikaner, Peruaner^ Japaner, MaJaven nicht ütiergeheii, 
. oline gegen ilirvii Beinumen ,,a1lgeiriein^^ zu versloesen, und jede 
QeMthidite der Vereinigten Staaten hat den Zuständen uiidAktio- 
I nen der liciriigeji flNaliirvölker" einen breiten Raum geben niiisscii. 
I Ein Werk Vie Palli'ej'S Geschichte TOn Neuengland ist eiii gutes 
, Hoeter der Behandlang, die dieser ,StutT erheischt. Eine wie 
1 sch&ne Aufgabe wäre die Erörterung der BeeinllusBung der nli- 
I ffemcinen Ucschichle durch das Eingreifen von Seiten ,,geacbichta- 

■ loser Volker-, wie sclion Sniliist und TncituB sie in ihren afrika- 
' »ischen Kapiteln aiigcliiihnt' Miin verweise uns nicht vnn der 

OeBchiL'hlssthreibuiiir un dli' Ut'schiclits-Philosophie, denn ein 
Oruudfeldvr der hliliclien jihilusuphisehen und vor allem aber 
. der ideBlphilo«apliisohi.'n Uitraclitung der Gesdiidil« ist eben 
I such wieder Ifnugel au gengrnphiocher Einsicht, welche hier 
1. {deich bedeutend wird mit Weitsicht. Man kann aogar sagen, 
L 3ua die gamv knnsiruklive Richtung speziell der deutschen 
£ GescliiclilBphiloEU|ihie unmöglich gewesen wäre hei einer grlind- 
R'liaberen Berücksichtigung des gecgraphiadivu Elementes in der 
lOeschichtv. Kant, obwohl ein groBscr Freund und Kenner 

■ der Geographie, that die ersten Schritte auf einem Abw«g, 
■'4(111 Fichte, 6clie)1ing und Hegel bis zu einem (man entechul- 
Idlee den starken Ausdruck) geographisch absurden Punkt ver- 
IfoTglci). Kants Idee, dass man die Geschichte der Menschheit 
■.im Grossen als die VoUiiiebnng eines Terborgenen Planes der 
■'KatuT Ansehen könne , um ciau innerlich und ftittscrlieh voll- 

■ Icotnmene Staats verfasBiing zu stände zn bringen, war nicht andere 
■.m&glich als unter der stilleu Voraussetzung, dass nur die eiiro- 
l:|i&lt>Ghe Geschichte in diesen Plan passe: Europa machte gewisser- 
KtnMBci\ die Geschichte t'ür alle andern Erdteile, die waTirseheiu- 

flich alle dereinst ihre Gesetze von diesem empfangen werden. 
I notwendige, aber nicht als solche von Kant betonte Vor- 
^kiiM«txniig crseheint .bei Fichte als unvermeidliche Bedingung 
Wteiner Epnehenfolge in der Geeehictil« und wird demgemäes mit 
■'einem Mangel an Ktieksicht auf geographisuhe Verhältnisse aus- 

■ Keeproclien, welche uns ebenso befremdlich wie nuiv erscheint. 
I^leser kühne Denker verkündet dass er sich lediglich an den 
l.einffteben , rein bis zu uns herabtaufeudeu Faden der Kultur 
[luUteii werde, „fragend eigentlich nur unsre Geschichte, die des 
Vknltiricrteu Europa, nis des demialigen Reiches der Kultur, 
KUegcn lassend andre Kebenzweige, die nicht auT uns unmittelbar 
Bting«tl08sen sind, t. B, die Nebenzweige der chinesischen und 

K'lnillflohen Kultur". Freilich, seilt ein neuerer, weniger absoluter 
FGeäclliuhlsphilDsupIt hinzu, wenn er das nicht th'ale, würde die Aof- 
T weisuDK seiner Epochen eben unrettbar an der Uannigf&ltigkeit des 
h r«i]en StolTes scheitern (E. Bernheim. Geschieh Isforscliung nnd Ge- 
F:BcUichtsphiliianpliie. S. 27). Ebenso «»geographisch, ober ebenso not- 



32 l^i^ Philosophie der Geschichte und die Geographie. 

wendig jenem liegrilT einer geradlinigen Entwickelung entlliessend, 
ist die Fichle'sclie Annahme eines ursprünglichen Normalvolkes, 
bei welchem ^die Vernunft als blinder Instinkt** herrschte, der alle 
menschlichen Verhältnisse ohne Zwang und Mühe ordnete. Am 
deutlichsten aber tritt die Verkümmerung des Begriffes (fcschichle, 
welche das Ergebnis solch schematischer Auffassungen ist, bei 
Jlegel hervor, bei dem. nach einem vielcitierten Ausspruch, nur 
<las Geschichte ist, „was eine wesentliche Epoche in der Ent- 
wickelung des Geistes ausmacht" und wo wir demnach nicht nur 
die kalte und die heisse Zone aus dem Kahmen der geschichts- 
philosophischen Betrachtung ausgeschlossen finden, ^weil Kälte 
und Hitze da zu mächtige Gewalten sind, als dass sie dem Geiste 
erlaubten, sich eine Welt aufzubauen", sondern auch Afrika, das 
„keine Bewegung und Entwickelung aufzuweisen hat" und Amerika, 
das indessen dieser beweglichere, modernere Geist zwar formell 
ausschliesst, um es aber doch „in der Perspektive zu zeigen und 
aufzunehmen". Wie sehr sind diese Ideen ungeographisch, wie 
zeigen sie so gar nichts von der Erweiterung des Horizontes, 
welche die Folge erdkundlicher Studien notwendig immer sein 
muss und welche bis zur Ungerechtigkeit gehende Verblendung 
gegenüber der Natur der Dinge lassen sie erkennen! Wir wissen, 
<b»ss sehr viel hierin sich seit Condorcets genialen Anregungen 
gel)essert hat. aber nur die hervorragendsten Geschicht'^schreiber 
haben Gewinn gezogen von der Vertiefung der geographischen 
Vorstellungen. Seltsamerweise ist gerade die ^Weltgeschichte** 
im Sinne unsrer Geschichtsschreiber in der Regel noch am weite- 
ste)! entfernt davon, eine Geschichte der Menschheit zu sein, aber 
auch die Spezialgeschichtsschreibung benützt seltener als man es 
wünschen dürfte, die Vorteile, welche gerade für die Lösung ihrer 
s(» sehr topographisch bedingten Aufgal)en eine zweckbewusste 
Inanspruchnahme der Hilfe ihrer Schwesterwissenschaft zu bieten 
vermöchte I ") 

In die.^em Verhältnis spricht nun allerdings zu gunsten der 
Geschichte der Umstand, dass die Schwierigkeit der Ordnung ihres 
Thatsachenmaterials unen«llich viel grösser ist als in der Geo- 



^ Sollte Autniflt Comtc, dessen Spuren d«»r Keimer der Positiven Philosophie 
In diesi'in Büchlein hier öftrr l)e}{egnen wird. ;{erado an dieser Htelle unge- 
nannt bleiben, da er doch (in Philosophie Positive Le«;. ß2, Bd. V. die Be- 
Hchr.'inkuni; seiner ^'eschirhtsphilosophiHchen Betrachtung auf die Völker der 
weis!*i'n llax^e bestimmt ausspricht und unter di«-!«en wjed«'r die westeuropäi- 
schen als die in der Kultur fortgeschritt<'nstru dii* elite ou avantgardc de 
rhuinanite so •■ntschiedi'n bevorzugt? Wir ßlaubcu dennoch keine Ungerechtlg- 
ket /u Ix'gehen. wiim wir ilm nicht mit dem8<n)en Vorwurf ))«'la8ten, wie jene 
deutsch«>n CTi^schicIitsphilosoplien. denn bei ihm hat <lie Ausschliessung nur einen 
l)rovisorischen i'liarukter: „leur api»recjation special«* doit etre systematiquement 
ajournec jusqu' au mom<^nt oü, les lois principules du mouvement social ayaut 
etc uinsi appp'ciees daus le cas le plus favorable ä leur ploine manifestation. 11 
d»nMendra possibb» de proceder ä l'explication rationelle des modificaiions plus ou 
m«>ins importantHs '. Man si<*ht, dass die .\usschli<'ssuug hier eln(>u rein metho- 
dl8ch«*n ftrund hat. .Vuch kann man hinzufü;jren. dass dor bewu«»«te Gegensatz 
Comtes K<"gen Montesquieu u. üen. dieselbe historisch b«'gründet. 



Die Geogrupliic in dtr Hr- iiini WaniiergeBchidile. 33 

erapliiv, die abgeseheu von jene« wenigen „weiesen Flecken" der 
LuidkarU', die raacli sich verkleinern, aclion heute (He Erdobcr- 
liltche anweiL kennte dasa die allg-emeinstcu Gesetze ilirer Bildung 
ihr niclit mein- dunkel eind. 

Es wird intereaaant sein, zu sehen, wie die Be- 
miehungen zwischen beiden sich ändern werden, sobald 
die Qeschichte, jene Besctu-änkimgen aufgebend, Mensch- 
lieitegeacliichte statt nur Geachichte der SchriftTölker 
wird aein wollen. Die Rolle der Geographie wird eine 
hochwichtige sein, und nicht nur, weil sie es bisher ge- 
wesen, welche die Annalen der Naturvölker evident zn 
halten suchte, sondern aus viel tiefer liegenden Gründen. 
Wir erinnern uns hier an ein tiefgedachtes Wort Michelets 
in der Einleitung zum zweiten Band seiner Hist. de 
France, lautend: L'histoire est d'abord toute geographie. 
Mit der Dunkelheit der Urgeschichte der Menschheit 
steigert sich notwendig die Wichtigkeit der Gfeographie, 
die bei der letzten und entscheidenden Frage, der nach 
dem Ursprung des Menschengeschlechtes, geradezu die 
Fübrerin abzugeben hat auf heute mehr geahnten als 
betretenen Wegen. Schon wenn wir das Gebiet der ge- 
schriebenen Geschichte verlassen, bleibt oft nichts übrig 
von der ungeschriebenen Geschichte der Völker als That- 
sachen geographischer Art. die ihr Verweilen an diesem 
oder jenem Orte der Erde bezeugen. Was liegt hinter 
den frühesten Nachrichten der Griechen tmd Römer von 
den Germanen und Kelten als die dwrch Sprachverglei- 
chung gewonnene Einsicht ihres einstigen Zuaammen- 
wohnens mit andern Völkern, sei es im Herzen Asiens 
oder weiter nördlich, und die daraus sich ergebende Ge- 
wissheit, dass sie von dort bis hierher wanderten? Was 
bleibt von der Urgescliichte der Griechen Übrig, wenn 
man sie ihrer mythologischen Zuthaten entkleidet, als 
die Wandenuigen und Kolonisationen? In was anderem 
besteht die Geschichte aller Naturvölker vor der Auf- 
zeichnung ihrer Geschehuisse durch mit ihnen zulUllig in 
Berührung kommende Schriftvöiker? Alle andern Schick- 
sale sind mit den Geschlechtern in die Erde gesunken, 
von denen sie erlebt worden, nur das ist übrig geblieben, 

lel, Anthrapo-OcuRnpblc. 3 



34 Geschichte wie Geographie sind aktuell. 

was in andern Wohnsitzen oder früher ilnrchwanderten 
Ländern m der Sprache, der Tradition, der Religion, 
dem sonstigen Kultnrbesitz, darunter am greifbarsten in 
Gestillt von Haustieren und Kulturpflanzen, sich erhalten 
hat. So wird alle Urgeschichte Wandergeschichte und 
rückt damit immer näher in den Gesichtskreis der Geo- 
graphie, welche ihrerseits dadurch an Innigkeit der Be- 
ziehungen zur Geschichte gewinnt. Diese Geschichte ist 
aber allerdings, dies mnss man festhalten, nicht die Ge- 
schichtschreibung im engeren Sinn, wie sie in unsern 
Tagen wenigstens in Deutschland fast allein ver- 
treten ist, sondern die Wissenschaft von der Ge- 
schichte der Menschheit, auf deren weitem Felde die 
Zufälligkeit des Besitzes der Schrift oder selbst über- 
haupt der Kultur gewiss keine Grenzen zu ziehen ver- 
mag. 

Aus dieser nebeligen Ferne in die Gegenwart zurück- 
kehrend, finden wir gleichsam am Gegenpol der Geo- 
graphie und Geschichte eine andre Gemeinsamkeit, welche 
ihre innige Verbindung bezeugt. Bei beiden ergibt sich 
nämlich als wichtige Aufgabe aus dem lebendigen und 
demgemäss beständigen Veränderungen imterw^orfenen 
Charakter ihres Forschungsstoffes die Verfolgung dieser 
Veränderungen in ihrem geschichtlichen imd selbst ihrem 
zeitgeschichtlichen Verlaufe. Wir wissen alle, dass die 
Landkarten, um gut zu bleiben, möglichst häufiger Er- 
neuerung bedürfen, dass dasselbe von den länder- und 
völkerbeschreibenden Werken gilt. Gute Atlanten oder 
geographische Handbücher. Werke wie Behm und Wag- 
ners , Bevölkerung der Erde" oder der statistische An- 
hang des Gotliaischen Almanachs können gar nicht anders 
als periodisch wiederkehrend und damit sich selbst er- 
neuernd und verbessernd gedacht werden, weil eben ilir Stoff 
nicht nur wie der andrer Wissenschaften in beständiger 
Vervollkommnung durch Xeuforschungen , sondern auch 
in dem beständigen Wechsel begriffen ist, der allem 
Menschlichen von Natur zukommt. Wie durch fort- 
schreitende Entdeckungen sogar räumlich das Gebiet der 
Geographie erweitert und wie selbst die rein natur- 



Entstehung il 



ieograplii.'. 



wiasenscbafblichen Bestandteile imsrer Wisaenschnft ihre 
Zeitgeschichte haben (es sei nur erinnert hu die Viilkan- 
Biisbrflche und Erdbeben, an die beständig aich voll- 
ziehenden Verschiebunjien von Land und Meer und ähn- 
lichet«, das fortlaufender Hegi strier im j^ bedarf), braucht 
nnr erwähnt zu werden. Diese Uebereinstimniung zwi- 
schen Geographie und Geschichte ist nicht zufällig, son- 
dern beide sind hier thatsächlich niit verschiedenen Ab- 
schnitten einer und derselben Aufgabe beschäftigt. Eine 
i'ührlich erscheinende politisch -statistische Tafel ist das 
i'ftEit der Geschichte des betreffenden Jahres. Die Geo- 
graphie sagt: So ist es; und der zeitgeschichtliche Rück- 
blick sagt: So ist es geworden. Das Sein und das Wer- 
den wollen beide soviel wie möglich in die Gegenwart 
herein verfolgen. Würde da nicht ein geographisch- 
statistisches Kapitel jeden derartigen Rfickbhck am passend- 
sten beschliessen ? Eine Reihe geographischer Zeitbilder 
erEÜhit oder zeichnet ganz von seibat Geschichte, ohne 
es zu wollen oder zu sollen, und so entsteht die histo- 
rische Geographie, welche alles gemein hat mit der 
gewöhnlichen Geographie {man ist versucht, zu sagen, 
der Tages -Geographie) mit Ausnahme der Zeitptmkte, 
auf welche sie sich bezieht, und der natürlichen Zu- 
sanunenschiebimgen imd Verkürzungen, welche von der 
Weite der Perspektive abhängen. ,Wir können uns," 
sagt Maitebrun in der Vorrede zum ersten Bande seiner 
Geogr, Universelle, ,eine Reilie von geographischen 
Werken denken, deren jedes, wiewohl ganz verschieden 
von den vorangehenden und folgenden, ganz korrekt für 
die Zeit sein mag, der es angehört. Unter diesem Ge- 
sichtspunkt hat die Gewohnheit bis zu einem gewissen 
Grade eine Dreiteüimg der Wissenschaft in alte, mitt- 
lere und neuere sanktioniert." Wir setzen hinzu, dass 
von Cellur uud d'Anville an man übereingekommen ist, 
dio Grenzen der alten Geographie mit denen der alten 
Geschichte zusammenfallen zu lassen. Es ist selbstver- 
ständlich, aber charakteristisch. Kant drückt das Ver- 
hiUtnis am kürzesten ans, indem er sagt, da die Geo- 
graphie das Substrat sei, so müsse man, nachdem man 



3(5 Geographie als Geschichtsquelle. 

einmal eine alte Geschichte habe, natürlich auch eine 
alte Geographie haben. 

Historische Karten sind nichts andres als sorg- 
fältige „geographische Zeitbilder" dieser Art. Wie rasch 
politisch ereignisreiche Zeiten aus den geographischen 
Zeitbildern der Gegenwart, d. h. den gewöhnlichen geo- 
graphischen Karten, historische Karten machten, ist be- 
kannt genug. Gute geographische Beschreibungen er- 
halten nach einigen Jahrzehnten die Bedeutung von wert- 
vollen geschichtlichen Dokumenten. So ist für die Ge- 
schichte Chinas die Du Haldesche Beschreibung von 1735, 
für die ]S ordamerikas die späteren Auflagen des thatsachen- 
reichen Werkes von Btisching (seit 1754) von aller- 
grösstem Wert. Weder das eine noch das andre wollte 
zu seiner Zeit etwas andres als eine getreue Schilderung 
sein. Man kaim sagen: Für die Geographie haben sie 
ihren Wert verloren, für die Geschichte haben sie ihn 
in demselben Masse zurückgewonnen. Uebrigens gibt es 
Länder und Völker, für deren Geschichte wir fast nur 
derartige geographische Dokumente besitzen; dahin ge- 
hören zimächst selbstverständlich die Schriftlosen, deren 
Geschichtschreiber ja eigentlich die Geographen sein 
müssen; aber von einigen süd- und mittelamerikanischen 
Ländern besitzen wir auch aus der Zeit der spanischen 
Herrschaft für längere Zeiträume bis heute nur geographi- 
sche Beschreibungen als Geschichtsquellen. A. v. Hiun- 
boldts ,, Essai politique** wird immer eine Quelle ersten 
Kanges für die Geschichte Mexikos Ideiben. 

Natürlicli muss dieser Zn^ sich am schärrsleii in Zeiten aus- 
prägen, welclie politisch wechselvoll und infolge dessen auch reich 
an Aenderungen «1er politischen Grenzen und Machtverhältnisse 
sind. Den Geographieen der napoleonischen Aera wurden z. B. 
niciit selten die letzten Friedensverträge angehängt (s. z. B. Pinker- 
tons Modern Geography. 1802) und die politischen Statistiken. 
Hassels u. a. . folgten ungemein rasch aufeinander. 3Jan darf in 
diesem Zusammenhang auch auf eine Aehnlichkeit der beiden 
Disziplinen in ilirer Richtung auf höliere Nützlichkeit hinweisen. 
Die Geschichte hat sich bekanntlich immer gern dem Studium der 
Staatsmänner empfohlen, ohne dass darin eine Entwürdigung ihres 
wissenschaftlichen Charakters gesehen wurde, und ebenso schrieb 
Strabo ausdrücklich für Staats- und Geschäftsmänner. Kant meint^ 



Cnmillelb. prakt. Wert d. Gcügrapliie. Die Völkerkunde. 37 

<la«B nichts ho raliig sei. den gesunden Men Beben verstand Bufia- 
hell«D wie Geographie. Man kann das am Ende vun allen Wissen- 
schafEfn sagen , aber die Geographie livgt uuscrn praktischeu 
Interessen gleich der Uescliichte am nächsten. Auch Ritter nahm, 
was nir aeine ganze Auffassung bezeichnend, mit Vorliebe eineu 
menschlichen Gesichtspunkt ein, wie er sich ausdrückt, oder, wie 
wir BBgcn würden, einen praktischeu. Er gibt ihin einen schönen und 
edelo Ansdrnck. Er sagt iu seiner Einleitung zu dem Versuche einer 
allgemeinen vergleichenden Geographie, welche er 181B als Ein- 
leitung des ersten Bandes der Erdkande schrieb, folgendes: 
„Wenn es anerkannt ist, dass jeder sittliche Mensch zur Erfüllung 
seines Berufes und ein jeder, dem das rechte Thnn in etwas ge- 
lingen soll, des Maas seiner Kmfte im Bewuaatsein tragen und 
das ausser ihm Gegebene oder seine Umgebungen, wie sein Ver- 
liältnla zn denselben, kennen muss: so ist es klar, dasa auch jeder 
menschliche Verein, jedes Volk seiner eigenen Innern und äussern 
Klüfte, wie derjenigen der Nachbarn, und seiner Stellang zu allen 
von aussen herein wirkenden Verhältnissen inne werden sollte, 
om sein wahres Ziel nicht zu verfehlen. Das blinde Streben und 
doB bewuBstloae Wollen gehen dem Menschen bei aller Spannung 
und Thätigkeit nicht diejenige Kraft, welelte zum rechten Sein 
und Thun führt; es muss das entwickeltere Streben, das bewusst- 
vollere, der Kraft entsprechende Wollen sein, welchea, wo Klar- 
heil 8ur Walirheit sich gesellt, in schönen und grossen, denk- 
würdigen Thaten hervortritt, die der Ewigkeit angehören. Nicht 
die verwirrte Vielarligheit zügelloser Gewalten, sondern die Äu- 
scliausng von dem Mass und dem Geseti in der unendlichen Fülle 
und Kraft ist es, was uns auch schon in der sinnlichen Natur mit 
der Ahnung des Göttlichen unwiderstehlich durchschauert," 

Mit diesen Bemerkungen kommen wir endlich von 
Melbat auf die Völkerkunde zurück, welche bekanntlich 
praktisch auf's innigste mit der Geographie verbimden 
zu werden pflegt, wiewohl sie ihrem Wesen nach der 
Geschichte näher stehen sollte. Die Gründe für diese 
Verschiebung haben'wir oben anzudeuten versucht. Sie 
sind groBsenteils nicht im Wesen der Sache liegend, 
sondern zufällig. Um sie aber noch einmal zusammen- 
zufassen, so weist in erster Linie die traditionell innige 
Verbindung zwischen Länder- und Völkerscbilderung, 
wie sie vor allem in der Reiselitteratur sich heraus- 
gebildet, der Geographie die Völkerkimde zu; beiden ist 
infolge dieser Verbindung sogar ein grosser Teil der 
Quell enachriften gemein. Keine der mit dem Menschen 
anmittelbar sich befassenden Wissenschaften hat sich bis 



38 l^ie Völkerkunde. 

heute der Naturvölker so angenommen, dass dieselben 
für wissenschaftlich vollkommen gedeckt angesehen wer- 
den konnten; blieben doch selbst die meisten Halbkultur- 
völker von der Geschichte auffallend vernachlässigt. Für 
die Geographie erwuchs daraus umsomehr die Verpflich- 
tung, sich ihrer anzunehmen, als sie von ihrer Unter- 
lage, der Muttererde, sich weniger weit entfernt haben 
als die Kulturvölker, in demselben Masse als ihre Kidtur- 
gebilde weniger selbständig sind imd als ihre Rolle in 
der Geschichte eine weniger hervorragende ist. Ihre 
weite und einförmige und von Kulturmotiven weniger 
durchkreuzte geographische Verbreitung macht sie in 
erster Reihe zimi Gegenstande der Anthropo-Geographie, 
welche die Gesetze dieser Verbreitung am klarsten aus 
ihren einfacheren Verhältnissen zu erkennen vermag. 



ZWEITE ABTEILUNG, 



DIE NATÜRBEDINGUNGEN. 



5. Allgemeines über den Einünss der Natur- 
bedingungen auf die Menschheit. 

I. 

welcliem Ivccbt« wird diesüs Problem ala ein geographiechea 

■iifgelttsfit? Die Stärke des geograpliificlieii Elementes in der Ge- 

f Bcbichta enlspriciit derUeberlegenheit der Nnlnr über den Mensclien. 

\ ChtI Riller Übertrügt das Studium der Naturbedingungen von dem 

SiliiJoeopliiscben auf das geographische Feld. Seine eigene Auf- 
BMDDg dereelUfn. Dieselbe regt die Geschichte IJructatbairer an 
Bftla die Geographie. Ritters Kachrolger und Gegner. Buckle und 
1 Pesehel stehen auf Einem Boden. Widerlegung einiger Elnwen- 
Idun^n von Puecliel und E. CnrtiiiB. Die Furcht vor der Teleo- 
r* lOKie CurI Ritters iat unberechtigt, Ritters und seiner Nach folger 
[•Schwäche liegt nur in dera programtn artigen, mehr planenden 
r k1> ■ 118(11 hrcn den, mehr behauptenden als beweisenden Charakter 
Ihrer Arbeiten. Tierere Begründung dieses Mangels. Uan miiss 
nun zuerst die verschiedenen Aurgabcn sondern, die in den Natur- 
bedingungen der Menschheit vorliegen. Dieselben werden an einem 
Britipicl aus der allen Geschichte aufgewiesen. Han kann sie in 
eine plijr Biologische und eine mechaiusche Gruppe sondern. Ver- 
such eines S^stemf: Wirkungen auf den Zustand und 
Wirknnt'.n auf die Handlungen. 



Xoiltlnsi rnt''' 



tingidUh 9rufl1]t whnt 



Die Geographit! hnt seit ihrer Emeuernng durch 
C, Ritter mit «rosser Vorliebe das alte philosophische 
Problem der Wechselbeziehungen zwisehen Natur and 
Mensoliheit, zwischen Schauplatz und Geschichte auf- 
ffenotiiTueD und der Lösunj^nüherztibringen versucht. Wir 
besciuriinken unsere Betrachtungen hier auf die Zeit, seit 
welcher dasselbe in seinem wesentlich ideographischen 



42 Warum botrachtot die Geogra|»hie die 

Cliiirakter erkannt* wunle und ziehcMi die Meinungen aus 
der trülieren philo.sophischen Periode nur zum Zwecke der 
Verdeutlichung^ herein. Es liandelt sich aber hier, sobakl 
man tiefer blickt, keines we«i:s nur um ein ^eop'aphisches 
Problem , sondern um sehr verwickelte physiologische, 
psychologische und geschichtliche Fragen. Was gab nun 
gerade der Geographie Veranlassimg, sich ihnen zuzuwen- 
den? Man begreift, dass unsre Wissenschaft, die Erde und 
Mensch zugleich zu betrachten hat, diesen letzteren eben- 
sowenig losgelöst von jener ins Auge fassen möchte, wie 
sie etwa das Pflanzen- und Tierleben in der Pflanzen- 
und Tiergeographie von ihrer Unterlage trennen wird. 
Diese zusammenfassende Betrachtung würde unorganisch 
und damit geist- und ergebnislos, weil der Natur der 
Dinge widerstreitend bleiben, wenn nicht die Wechsel- 
beziehimgen zwischen der Erde und dem auf ihr sich 
erzeugenden und fortzeugenden Leben als notwendiges 
Bindeglied der beiden zum besonderen Gegenstand der 
Untersuchung gemacht würden. Diese Untersuchungen 
lagen nicht bloss aus diesem in ihrer Natur gegebenen^ 
Grunde der Geographie so nahe, sondern sie mussten von 
ihr schon darum aufgenommen werden, weil keine andere 
Wissenschaft sie tieferer Betrachtung bis dahin gewürdigt, 
weil keine vor ihr eine innere Notwendigkeit dazu 
empfunden hatte. Ausserdem ist aber gerade die geo- 
graphische Seite dieser Probleme unstreitig die wichtigste 
und zugleich zugänglichste. Das geographisch Bedeutende 
bleibt nämlich in diesem Prozess, dass der eine von den 
Faktoren desselben, Alles, was der Natur, der Umgebung, 
dem Schauplatze angehört, im grossen und ganzen unver- 
änderlich ist, denn die Natur ist am letzten Ende immer 
stärker als der Mensch. Wie an einem Fels von be- 
stimmter Gestalt jede Welle in dieselbe Form von Bran- 
dung zerschellen wird, so werden bestimmte Naturver- 
hältnisse den auf ihrem Boden, in ihrer Umrahmung sich 
abspielenden geschichtlichen Geschehnissen immer wieder 
gleichartige Formen verleihen, ihnen dauernd Schranke 
und Bedingung sein. Sie erlangen damit eine Bedeutung, 
welche über diejenige hinausreicht, welche der Schau- 



KniUFliiMlillgiliig. (l.Metischlieit? llirv plilloaopli. Si>i 



4:t 






ilatz für das einzelne gesehithtliche Ereignis liat, aits sind 
'in Dauerndes ini Wechsel der Völkergeschicke, die weh 
ohl iu den geisterfüll testen Momenten der Geschiclite zu 
'onser Freiheit über sie erlieben, ohne aber je die 
urzeln lösen zu können, durch welche sie mit ihnen 
tUflHHUnen hängen. So wie das Meer, so wurzelt die 
tl^mchheit HU der Erde. Nach den wildesten Stürmen 
[-aireben sie beide anfa innigste nach dieser Verbindung 
Xiiröck. welche zu tief in ihrer Natur liegt. Wir erijjnern 
an Carl Kitters Ausdruck, der mehr als Bild: Der an die 
Landesnatnr gefesselte Staat. Je höher der Gesichtspunkt, 
aus welchem man die Geschichte betrachtet, nin so deutli- 
cher tritt dieses feste, höchst wenig veränderliche Bette her- 
jror. in welchem der Strom der Menschheit wogt, um so deut- 
'cher erkennt man die Notwendij^keit jenes geographischen 
jlenientes in der Geschichte, auf welches eben auch das 
Anrecht der Geographie sich gründet, an der Erforschimg 
der natürlichen Bedingungen der geschichtlichen Vorgänge 
in erster Linie teilzunehmen. 

Indessen ist, wie gewöhnlich in der Zuteilung und 
Entwickelung der wissenschaftlichen Probleme, nicht alles 
Notwendigkeit, sondern auch das zufällige Zusammen- 
treffen geschichtlicher Eiit Wickelungen hat seinen Einfluss 
efibt. Nicht die Geographie hat diese Fragen aufge- 
otfen, sondern die Philosophie war ihnen schon in alter 
ieit aflers nahe getreten, wie sie ja dem denkenden Geiste, 
die Geschicke und Verheissung der Menschheit er- 
ftgt. nie ferne liegen können. Im vorigen Jahrhundert 
iber waren sie den Geistern geläutig, welche die Richttuig 
les Denkens in Europa hauptsächlich bestimmten: Vol- 
Condorcet, Hume, Kant. Herder, vor allen aber 
ionteaquieu , dieser einflussreiche, weitgelesene Schrift- ' 
eller, haben sie in ihren Schriften bestätigend, seltener 
widerlegend, behandelt oder berührt. 

Hnntesqnieu» Ansichten iiber den Einfluss den Klima« iiml des 
Bodens auf die Geaetee der Völker, wie er aie im 14. his 18. Bucli 
Eeprit dea Lois darlegt, begegnet man bei aeiaea Nachrolgern 
it nur in dei' französischen Lttterätiir in nntählige.n Varialionen 
Itr. (leren Breite und noch mehr deren Tiefe indessen eine 
ir beschr&nki« ist. Sie haben eini' nnsaerord ertliche Wirkung 



44 UutiLeequieus Aiisriiljruiigtn im „E«prit des Lois". 

geübt. Es sind niclit Ergebnisse tiefer Unterencliungen, sonderit 
mehr oder weniger geistreiche AarsWlIungen. Geben wir ein Bei- 
spiel, am den Standpunkt zu kennzeichnen. Den Betrachtungen 
über das Klima ist nach MonlesijuieQH Gebrauch eine Idfo gfnirale 
vorgesetzt: „Wenn es wahr ist, dasB der Charakter des Geistes 
und die Leidenschaften des Herzens äusserst verschieden in den 
verschiedenen Kliraoten sind, so müssen die Gesetze im Verhüll- 
nis stehen iii diesem Unterschied der Charaktere nnd der Leiden- 
schalt." N'uu wird ohne viele Gründe eine erschlaffende Wirkung 
des warmen uuil eine kräftigende des kallen Kliniaa angenomn>en 
und daraus uuu die niedrigere Stellung der Frauen, der geringere 
Mut der Mitnner, die leichtere Aufgeregtheit des Volkes u. a. im 
rrsteren nnd ihre Gegenefttze im letzteren hergeleitet, wobei ge- 
legenllicli Italiener nnd Engländer einander entgegengestellt wer- 
den und Beispiele mit unterlauren, wie- Man musB einen Uosko- 
witer schinden, um ihm Empfindung zu geben. Der geringe 
FortschritI der Gesetze im Orient wird auf die Trägheit infolge 
des Klimas, die Jlasaigkeit der Bevölkerung auf den in demselben 
wurzelnden geringen Bedarf an eiregenden Getränken, ebendorauf 
das Weinverbot Mohammeds u. a. zurückgeführt. Der Grundzug 
dieser Darlegnngen ist aber der Nachweis, den später H. Th. Buckle 
in tieferer Weise wieder aufnahm, das» lieisse Länder den De- 
spotismus, kalte die Freiheit befördern, woraus dann u. a. die von 
Montesquieu als natürlich begründet angesehene Sklaverei iu jenen 
folgt. Die Kapitel über den Boden geben von der Fruchtbarkeit 
Busw die. weil besonders in Tiefländern und Gebirgen sehr ver- 
schieden, den bekannten gescliiobtlichen Unterschied der Tiefland- 
und GebirgsvÖlker erzeugt. Auch die Inselvölker werden er- 
wähnt, welche geneigter lur Freiheil dargestellt werden, als die- 
jenigen des Fetllandes. Dies der wesentliche Inhalt dieser viel- 
citierten Ausführungen, vou welchem nicht nur bis zu Ritter, son- 
dern selbst schon bis zu Herder nnd Condnrcet noch ein sehr 
weiter Weg. Man kann sagen, Montesijuieu hat gerade in dieser 
Richtung keinen Gedanken geäussert, den nicht die Allen schon 
vorgebracht, aber viele gute Gedanken nicht geäussert, die maa 
bei ihnen findet. Aber ihm wird immer das Verdienst der ge- 
schickten Entwickeinng nnd Anwendung, und damit grösstmög- 
lieher Wirkung nuf seine Zeilgenossen bleiben. 

Nun erst naht sich ihnen die Erdkunde, dereo 
geisti((e Vertiefung in Deutschland an Herders sinnige 
üeschichtsauffassung anknüpfte, in ihr, die die Rittersehen 
(jnindideen schon klar ausspricht (s, u. S. 55), die Be- 
lebung des bis dahin unorganisch gebliebenen Zusammen- 
hanges mit der Geschichte suchte imd dann allerdings 
auch jenes natürlichen Anrechtes sich bewnsst ward, welches 
gerade sie auf die Erforschung jener Fragen hat. ,AJs 



3 pIliJusopli. l'roljlfii 



leosrnphie. 



j historisdie Diszi|»liii ist die Geograpliie bis jetzt mir ein 
[ manni^alti^es Gemenge ohne inneres Gesetz; sie harrt 
imt«r der Last der Schlacken, die sie decken, des Silber- 
blicks, aus dem sie als Wissenschaftliches, Gediegenes 
hef vorgehen soll." Diese Worte C. Ritters im ersten 
Vorwort zur Erdkunde von Afrika bezeichnen deutlich den 
L WejTi anf welchem die Geo(;(rapliie an diese grossen Fragen 
[ herankam, die bis dabin der Philosophie vorbehalten ge- 
ien waren. Wenn die Zukunft vielleicht auch nicht 
[■ Carl Ritters Anrecht anf die , Schöpfung der neueren Erd- 
I knnde* so vollständig anerkennen wird, wie enthusiastiscJie 
I Nachfolger wühnen, so wird ihm doch ungesclimälert das 
I Verdienst bleiben, die unlösbare Verbindung der Geo- 
I graphie mit der Geschichte verlebendigt ZU liaben. indem 
I er gerade diese Grenzprobleme in ihrer geographischen 
I Bedeutung erkannte uud der Geographie damit ein weites 
1 und schweres, aber nur um so ehrenvolleres Arbeitsfeld 
I L^i^cbloss. 

In eeinem Aufsnlze „UeUpr das historische Element in der 

I geographischen WiBEenschaft" {IBSS in der Akademie gelesenj 

I eiltvnrlt Carl Ritler das ansfUlirlicbere Programm rUr diesen Teil 

1 der A^eograpliisi-bea Forschung. Er weist dariu nach, wie Geo- 

I ip^nie und Geschiebte ihrem Wesen nach innig aufeinnnder an- 

L gewiesen sind und wie „das dunkle Gefühl, wie das klar erlinnnti^ 

I BedürTnis" hei alten und neuen Hislürikcrn und Geograplieti zur 

1 It«thtltigung dieser Verbindung gerührt.. Es dürfe dieselbe nicht 

I ünsBcrlich bleiben. Scharf untersuheidet er aber am Sclilnss dieser 

I Abhandlnng, um gleich dies hervorzuheben, „die bloss zufällige 

I historische Beimischung von dem historischen (notwendigen) Ete- 

I menle der geographischen Wifsenschaft , welches nicht miissig, 

I sondern gestaltend, überall als mitbedingender Grund der Er- 

p schfinnngen aurtritt". Eipeii wichtigen Teil der geographischen 

Wissenschaft habe man in der Erkenntnis der „Bedingungen dieser 

Kiiume, auf die leblose Welt, wie ani' die lebenden Organismen 

iiberhaupt und auf die geistig zu steigernde Entwickelung und 

Enlfallnng inenschlichpr Individuen und Völker, ja des ganzen 

MenscUengescIilechts" zu sehen. Aälerdings bleiben diese Räomc 

der Erde , als „Wohnhaus des Wen seh engeschl echtes" gedaclit, 

nicht dieselben, vorzüglich dadurch., dass der Mensch durch neue 

Organe, die er sieh schafft, sich in neue Verhältnisse zu denselben 

s«txl (z, B. im Verkehrswesen), aber auch durch Veränderungen, 

[ die die Erde selber in sich erleidet. Der Mensch lebt sich immer 

I mehr In diese E>de ein, hormunisiert sieb immer mehr mit ihr, 

f wtohst durch innigeren AnschlusB und weisere Benützung ihrer 



4() liitters Anrogiingeii in Gcographit* 

Verhaltnisse. ..Ja. hierin." sagt K. ein andermal. ..liegt die grosse Mit- 
gilt des Menschengeschlechts auch lur die künftigen Jahrtausende., 
sein Wohnhaus, seine irdische Jliille. wie die iSeele den Leib, erst nach 
und nacli. wie das Kind im Heranwachsen zum Jünglinge, seine 
Kraft und den Gebrauch seiner Glie<ler und Sinne und ihre Be- 
wegungen und Funktionen bis zu den gesteigertsten Anforde- 
rungen des menschlichen Geistes, anwenden und benutzen zu 
lernen" (Einleit. z. allg. vergl. Geographie. 1852, Ö. 102). 

Nicht die Neuheit dieses Gedankens, der ja von jenen Philo- 
sophen und Geschichtsphilosophen des 18. Jahrhunderts sogar mit 
einer gewissen Vorliebe angewandt oder doch ausgesprochen 
worden war. hat ihn nun in der Form, welche ihm von C. Ritter 
gegelx^n wurde, eine so grosse Beachtung, ja viel mehr als das, 
eine tiefe Einwirkung auf Geographie und Geschichte gesichert, 
sondern die Lage dieser Wissenschaften znr Zeit seiner Wieder- 
aufnahme durch diesen grossen Gelehrten. Die Geschichte, welche 
damals, als sie ein Gegenstand liebhaberhafter Behandlung seitens 
geistvoller Schriftsteller wurde, diesen Beziehungen zur Natur 
immer Beachtung geschenkt hatte, wenn auch oft mehr aus 
Gründen der Ausschmückung als der sachlichen Vertiefung, war 
seit Jahrzehnten in einer Weise quellenmässig geworden, welche 
entgeistigend wirken musste und nahm diesen Gedanken als An- 
regung zur Ideensch()j)fung und teilweise wohl auch nur aus 
stilistischen Gründen mit jener Begierde auf. mit der immer in 
den Wissenschaften neue Richtungen in dem Augenblicke ergriffen 
werden, in welchem man in älteren zu einem gewissen Abschluss, 
wenn auch vielleicht nur dem Abschluss der Sättigung, gekommen 
ist. oder in welchem eine Enttäuschung eingetreten ist, wie die 
Geschichtschreibung sie in der so wenig fruchtbaren Geschichts- 
philosophie jener Jahre erfuhr. Die Erdkunde stand dieser aus 
ihr selbst hervorgegangenen Anregung ganz anders gegenüber 
als die Geschichte. Diese fand in grösserer Beachtung und Zu- 
rateziehung der Natur geschichtlicher Schauplätze zunächst vor- 
züglich eine Gelegenheit zu weiterer künstlerischer Abrundung 
und zu reicherem Schmucke ihrer Bilder, während jene sich eine 
Forschungsaufgabe gestellt sah, welche immer eine der schwierig- 
sten sein wird, weil sie die Beherrschung des Natürlichen zugleich 
mit der des Menschlichen voraussetzt, weil die wichtigsten Partien 
in unergündliche Vergangenheit zurückgehen und weil die Natur- 
einllüsse bis in die letzten Fasern des körperlichen wie geistigen 
Menschen reichen. So musste dieses Problem gerade jetzt für eine so 
junge Wissenschaft wie die Erdkunde dieses Jahrhunderts wahrhaft 
erdrückend sein. Denn wie viel einfacheres, das näher lag, war zu 
thun I Hat doch C. Ritter selbst nicht die Zeit gefunden, zu irgend einer 
bestimmten eingehenden Anwendung seiner Aufstellungen durchzu- 
dringen oder auch nur zu einer ins einzelne gehenden methodischen 
Anweisung dazu. So erklärt es sich denn unschwer, wie es kam, dass 
seine Gedanken über Durchdringung von Geographie und Geschichte 
zunächst gröscere praktische Erfolge bei den Geschiebtschreibern 



iitirt UcseliicIilL'. 



47 



i als bei den Geographen uuf zuweisen hatten. Dort konnten Eie zu 

I Tbaten vorwiegend künstlerischer Natur rühren, die für bevorzugte 

Qtister ihrem Wesen nach leichter gethan und abgesclilosBen sind. 

- Kichl ohne Nebenabsicht haben wir nnten im Anhang mit etni- 
I gerAnsrührlichkeitdie vorlrefrlichen Landesscbi Iderungen nebenein- 
ander gestellt, welche Grote und Curlius von Grieuhenland entworfen 

- haben: ohne der eigenartigen Kunst des letxCeren zu wenig zuzugeben, 
|> diitTen wir wohl zu behaupten wagen, daea was an weiteren Qe- 
' aichtsp unkten, an das spröde Topogrsphieche gedanklich Durch' 
|< dringendem dieser vor Jenem voraus bat, den Anregungen Carl 

Ritters Bugehört; dieser Abstand ist groaa, grosser als ihn za 
ceiehnen dort in jenem engen Rahmen uns möglich war. Wer 
da fragt, wo Ritters Wirkung und Nachfolge liege, sebe zu, was 
ein ScIiUler wie Curtiue vom Ueister lernen konnte, und er sollte 
wohl befriedigt sein von der Antwort, die ihm da wird. Leos sehüne 
geographische Einleitung zur Ceschicbte Italiens (1829^ ist aber 
wahrscheinlich das früheste Werk deutscher Gesell ich tschreibung, 
in welchem die~Spareu Ritters sehr deutlich sichtbar werden^ wie 
denn dieser geistvoUe üeBchichlscb reiber auch schon in seiner 
„Universalgeschichte" Ritters Erdkunde mit hober Anerkennung 
nennt und ausgiebig benützt. 

In der Erdkunde war es völlig anders. Hier stellte sie Ant- 
g»ben, deren Losung an nianclien Punkten waUraclieinüch unmög- 
lich sein wird und deren systematische, vollständige InangrtfT- 
nahme nur ein einziger Forscher, Ernst Kapp in seiner „Philo- 
sophischen Erdknnde'''' (l&JSl, versucht bat, wahrend andra Will' 
kommenes in Einzelarbeiten boten, wie J. G. Kolil in seinem ge- 
dankenreichsten und reifsten Werke „Uer Verkehr und die An- 
■iedelungeu der Uenscben in ihrer Abhängigkeit von der Gestal- 
tung der Erdoberilache^" (1841), B. Cotia in „Deutschlands Boden"- 
(1854), Kriegk in einigen seiner AulBätze zur ,.Allgemeinen Erd- 
kund«" (1840) und einige Spatere. Aber dies ist wenig im Vergleich 
SU doDi Anfacbwung, den nun die Betonung des geugraplilschen Ele- 
mentes in den ü esc hichls werken nahm, welche erst seit dieser Zeit 
ohne geographisch -topographische Einleitung oder Durchsetzung 
nicht mehr za denken sind; und noch weniger im Vergleich zu 
der Regsamkeit auf natur wissen sc haftlich- geographischem Felde 
{Ä. V, Humboldt, Peschcl) und auf demjenigen der Geschichte der 
Entdeckungen und der historischen Geographie im alten D'Anville- 
schpn Sinn. Es ist für unsern Zweck unwesentlich, die Ursachen 
jener Verhältnis massigen Unfruchlliurkeit der Ritters chen An- 
regnngen auf dem Felde der Geographie noch weiter zu verfolgen. 
iHeeelben werden sich teilweise ans den im folgenden zu be- 
trachtenden ächwierigkeilen der hier einscblagigi'U Arbeiten von 
■elbst ergeben. Im Geographischen Jahrbuch 1878 sind einige 
derselben auch von Hermann Wagner in dem Aufsatz „L'eber den 
gegenwärtigen Standpunkt d.er Uethodik^' n'äher bezeichnet. 

Indes so die Untersuchungen Über die Naturbedingungen von 
den Geographen mehr vernachläsBigt blieben, als nach dem eifri- 



4S 



il. Tli. Kiii^kk'. M, l'eBclid, 



gen Vorgehen Rillers ta vermuten gewesen, wurde nitmlicli un- 
erwartet der philosüphiache Faden wieder nnfgenommen, der seil 
Condorcel ao ziemlicli gernht lialte, und zwar dureh H. T. Bucklt-, 
der echt geograplÜGche VieUeitigkeil mit pbtlosophisclier SchulanK 
rerbaud. Ei ndriDgl icher als irgend einer der Vorg^ger hat er 
die Anrmerksamkeit weiterer Kreiae auf diese Frage zu lenken 
vermocht. Es liegt una liier nicht ob, zu untersuchen, was davon 
dem Verdienst seines Werkes und wtiB dem Entgegenkommen der 
von Naturgesetzen und naturwissenschafll icher Methode eitiiger- 
inBSSen trunkenen Zeil m;iurechnen iat. lu den einleitenden Kapi- 
teln seiner „Geschichte der Zivilisatioii in England" (1858) wird 
zunächst eine gewisse Gesetzmässigkeit der menschlichen Hand- 
lungen durch die Statistik derselben nachgewiesen und daraus die 
Folgerung gezogen, dass „eine innige Verbindung zwiachen den 
Handlungen der Menschen und den Oeselien der Natur etalirmden 
müsse und dass das Studiam der Innenwelt und der Aussenwelt, 
der Geschichte und der Naturwissen^chan zusammen tu fassen aej.''' 
Die Bedingungen dieser Vereinigung festsetzen, heisst, nach Buckle, 
die Grundlage aller Ueschichtsforechung legen. Dass diese Ver- 
bindung in der Ritterschen Erdkunde bereits geknüplt sei, bann 
diesem Denker nicht unbekannt geblieben sein. Aber freilich mliasen 
wir iweifeln, ob Ritters etwas unklare, teleologisch und natur- 
philosophiach angebauchte Auffassung dieser Verbindung dem 
positiven Geiste Uuckles. den wir sogar materialistisch nenneii 
möchten, wenn dieses Wort nicht miaavers ländlich wäre, einen 
Anknüpfungspunkt geboten hat. Aber beider Ziel ist dasselbe : 
die Erforschung der Wirkungen der Anssenwelt auf die Belhäti- 
gung des menschlichen Geistes in der Geschichte. Da Buckle so- 
wohl aeine polemische wie aelbatbauende Thätigkeil auf Gebiet« 
der Geschichte richtete, wo weniger von Wirkung natürlicher Be- 
dingungen die Rede sein konnle, eo hat er die bierhergehärigen 
giograp bischen Probleme nur gestreift und nicht eben glücklich. 
aber haben dii' von ihm ausgegangenen Anregungen in der Geo- 
graphie nun ebenfalls nicht Weilergewirk I, sondern es hat im 
Gegenleil eine Reakiion selbst gegen Ritters hierhergehörige Ge- 
danken gerade zur selben Zeit begonnen, in welcher Bucklee Buch 
das grössle Aufsehen hervorrief und Anhanger wie Gegner 
lauten Stimmen sich für und wider vernehmen Hessen. Diesem 
Widerapnich, der erstaunlicli scheint, wenn man die anscheinend 
ganx Kwcifelloae Notwendigkeit der Ritierschen Auffassung der 
Bexiehnngen zwischen Geographie und Geschichte sich vergegenwär- 
tigt, liegt doch dieselbe Strömung zu Grunde wie den AufTassungen 
Bnckles; hier sollte die Üesclilchte, dort die Geograpiiie zur Natur- 
wissenschaft gemacht werden. 0. Peschel, der erste Träger jenes 
Widerspruch ca. wirft einmal Rill«r vor, dass er nicht darum viel 
Gewicht auf die Beatimmnng der Küsiengliederung gelegt habe, 
„um die Uebei^nge von irgend einer anfänglichen Form zu 
suchen, sondern um die Verschiedenheit der Geaialtungen fühlbar 
zu machen und um zu zeigen, wie die höhere Cliedenuig der 



Die üetigrapliie liiidel. Waäii-achfinlioliki-i 



49 



■^esUande günstig, eine geringere ungünstig auf die Entwiekelung 
»ihrer Bewohner gewirkt Imbe" (Ablinndliingen I, S. 37'S). Das 
l'oeJMt also, Ritter hatte diesen Gt^genstaiid eigentlich nnturwisaen- 
T Kshaftlich, atett in Beinern Sinne geograpLiBch nnffaBBen, er halte 
[Sine Aulgahe sich stellen sollen, die der Geologie und der plijsi- 
I kaliBchen Geographie gemeinsam angehört, statt einer histnrisch- 
1 geographischen Grenzaul'gabe. Es liegt hierin eine Dngereciitigkeit, 
Vwelche einer allzu engen Auffassung der Geograplüe entspringt. 
F'Wir fiJgen nur hinzu, dass der Gegensntr., in welchem Peache) 
frMnd einige andre Geograplien sich zu Carl Ritter stellten, grossen- 
Fteila eben auch jener Schwierigkeit entspringt, in der Beeinllnasutig 
I iti Üescliichte durch die Natnrumgebung das üeaetzliche zu Anden. 
l Pcseh«! aelbst spricht es aas: „Def wahre Grund, weshalb ea eo 
I 'Schwer ist, im Geiste Ritters die Aufgaben der vergleichenden 
I Erdknnde zu liiaeu, Hegt in der Unberechenbarkeil des vielseitigen 
T IfecBchengemüts, Wer Gesetze entdecken will, der muss beweisen, 
J daas gleiche l'rsachen gleiche Wirkungen ullenthalheti haben" 
I (Abhandlungen 1. 421). 

Aber ist denn, darf man fragen, das nächste Ziel 

I jeder Wissenschaft immer gleich nur, das zu fin<len, was 
der Naturforscher Gesetze nennt? Die Geographie ist 

I nnn einmal keine Naturwissenschaft im üblichen Sinne. 

I Hat denn nicht die Statistik mit derselben Unberechen- 
barkeit des vielseitigen Mensch enge mute zu thiui, die 

. hier mehr schön ausgedrückt als streng wahr ist? Aber 
die hohen Wahrscheinlichkeiten, welche die Statistik ans 

I der Vergleichmig vieler Fälle ermittelt, was sind sie 

.anderes als Gesetze, wir möchten fast sagen, oszillierende 

[ Gesetze, deren im Einzelnen stark hervortretende Störungen 
im Ganzen verschwinden V Nun, zu solchen Wahrschein- 
lichkeiten gelangen wir auch, wiewohl wir allerdings mit 
der weiteren Schwierigkeit zu kämpfen haben, dass die 

: GeBchichte uns nicht eben häufig die vielen Fülle liefert, 

I deren die statistische Methode bedürfte. 

Gewissen Einfliissen unsrer Umgebungen können wir 

t uns nicht oder schwer entziehen, vorzüglich solchen, die auf 
uiusreD Körper wirken. Ich erinnere an die des Klimas tmd 
der Nahnmg. Dass auch der Geist unter dem Einflüsse des 
allgemeinen C'haraktera der Szenerien steht, welche uns 
mngeben, ist gewiss. Aber bei andern hängt der Grad 
des Einflusses, welchen sie ausüben, allerdings in sehr 
au^edehntem Masse von der Stärke des Willens ab, der 



l'nbere eilen barkeil des Will 



II den anthi'opii- 



sich ihnen entgegensetzt. Wir kSnnen uns ihrer erwehren, 
sofern wir es wollen. Eiji Strom, der fltr ein träges 
Volk eine Grenzlinie bildet, vermag för ein entschlossenes 
keine Schranke zu sein. Vor Hannibal galten Pyrenäen 
und Alpen als kaum öbersteigbare Grenzmauern zwischen 
südlich und nördlich von ihnen wohnenden Völkern, 
aber vor einer Energie wie der seinigen hörten ihre 
Schwierigkeiten auf, antih er windlich zu sein. So misst 
sieb ein gutes Teil des Ginflusses, den wir geneigt sind, 
den äusseren Umstünden in der Geschichte der Völker 
einzuräumen, ganz und gor* nur an der Stärke des Willens, 
der diesen Völkern eigen. Je stärker, je zäher dieser 
ist, desto geringer wird die Wirkung jener sein. Und 
dieser Wille ist unberechenbar bis zum Launenha^n. 
Man denke sich beispielsweise ein Volk am linken Ufer 
des mittleren Don, in dessen Absicht es liegt, die Länder 
am rechten Ufer mit Krieg zu überziehen. Und dieses 
Volk sei eines, das mit Weibern und Kindern, mit Herden 
und Wagen seine Kriegszüge unternimmt. Wo wird es 
den Fluss Überschreiten? Sicherlich wird es einen Punkt 
wählen, wo dieser Fluss furthbar ist, imd wenn es diesen 
Punkt nicht findet, wird ea versuclien. immer weiter auf- 
wärts zu ziehen, bis es einem solchen begegnet. Solches 
dürften wir erwarten nach der Ansicht, welche wir von 
der geographischen Bedingtheit der geschichtlichen Er- 
eignisse hegen. Aber das gerade Gegenteil fand in einem 
der denkwürdigsten Momente der Weltgeschichte statt. 
Im Jahre 37.j setzten die Humien vom Unken donischen 
Gebiet auf das rechte über, indem sie die Ausmündung 
des Äsowischen Meeres in das Schwarze Meer benutzten, 
welche heute ''/s deutsche Meilen breit ist und damals viel- 
leicht noch breiter war. Sie verschmähten die Furthen des 
Stromes, um einen Meeresarm zu wählen. Warum? Die 
Geschieh tschreiber haben sich vergebens bemUht, Gründe 
dafür zu linden, die Hunnen aber sprachen von einem 
weissen Hirsch, derihnen diesen Weg gewiesen. Die Hunnen 
brachen noch in demselben Jahre in die Krim ein und so 
begann die Völkerwanderung, welche in ihrem Qesamt- 
verlaufe so viele bemerkenswerte Fälle geographischer 



geugrnphifi 



- Geographie u. Stalistik. 



51 



Bedingtheit aiifweist, mit einem Bchroffen Widerspruch 
gegen dieselbe. Und eröft'net nicht eine andre grosse 
Völkerwandemng mit einem iüinlithen Widerspruch, die 
dorische nünilicli, von der eine der sichersten Nach- 
richten meldet, dass die Dorier nicht über die Landenge 
BOndern über deu korinthischen Golf in den Pelopomies 
eindrangen? Wir aehen, es gibt hier keinen Zwang, kein 
unbeugsames Gesetz, sondern es sind weite Grenzen, inner- 
halb deren der Mensch seinen Willen, ja seibat seine 
Willkür zur Geltung zu bringen vermag. Und dies ist es 
eben, was alle Studien über den Zusammenhang zwischeii 
Geschichte imd Natunimgebung so sehr erschwert, daas 
wir allgemeine Schlösse nur immer bedingungsweise aus- 
sprechen können. Der eine Faktor in diesem Zusammen- 
hang, in diesen Beziehungen ist eben nicht berechenbar 
für jeden einzelnen Fall, weil er frei ist; ea ist dieses 
der menschliche Wille. 

Aber wenn wir keine Gewissheiten aussprechen können, 
«o sind uns doch Wahrscheinlichkeiten zugänglich. 
Wir befinden uns in der That hier in einer ähnlichen 
Lage wie der Statistiker, welcher wohl weiss, dass unter 
gewissen Bedingungen in den meisten Fällen gewisse 
Arten von Handlungen in gewisser Zald geschehen werden, 
der es aber wegen der Unberechenbarkeit desselben 
menschlichen Willens, der uns so viele Schwierigkeiten 
macht, nie wagen darf, die vorauszusehende Handlung 
auch mit Sicherheit vorauszusagen. Er kann sagen, sie 
ist wahrscheinlich und weiter nichts. Es ist nicht ohne 
' Interesse, hier hervorzuheben, dass C. Ritter auch diese 
Aehnlichkeit zwischen den geographischen und statistischen 
Gesetzen in seiner ahnungsvollen Weise schon betont 
hat. Wenigstens kann ich einen Ausspruch nicht anders 
deuten, welcher sich in dem 1. Abschnitte seiner , Ein- 
leitung zur allgemeinen vergleichenden Geographie" (18.52. 
S. 5) findet, und in welcbem es von der Natiur heisst, 
dass sie in viel höherem Masse auf die Völker wirken 
mflase als auf die Einzelnen. ,weil gleichsam hier Massen 
I anf Massen wirken und die Persönlichheit des Volkes über 
f die des Menschen hervorragt". Bei geschichtlichen Er- 



52 1^''* Jichwitrifjkeil iler anlliroim-geograpliisolieii PmUenif 

scheinungen, denen Massenwirkungen zu Grunde liegen, 
schwächen allerdings ilie verschiedenen Richtungen der 
Willenskräfte sich gegenseitig ab und es ergeben sich 
ein mittleres Mass und eine mittlere Richtung der Hand- 
lung, welche, unter gleichen Bedingungen oft wieder- 
kehrend, genug Regelmüasigkeit erlangen, um mit Wahr- 
scheinlichkeit vorausgesagt werden zu können. Auf solche 
Wahrscheinlichkeiten geht unsre geographische Forschung 
aus, wenn sie das Gebiet der Geschichte betritt, um nach 
den geographischen Einflüaseu in den geschichtlichen Er- 
scheinungen zu forschen. Es ist dus ein bescheidenes 
Streben, wenn man es mit dem der Naturfor schling ver- 
gleiclit, welche imbeugsame, ausnahmslose, eiserne Gesetze 
sucht und findet. Wir müssen uns damit trösten, dass 
das, was ims abhült. ebenso sichere Gesetze auf iliesem 
Forschimgsgebiete zu önden, eben nichts andres ist, als 
die höchste Blßte der Schöpfung, der freie Geist des 
Menschen, dem wir auf der andern Seite in erster Linie 
lue anziehendsten und praktisch bedeutsamsten ZOge 
unsrer Wissenschaft verdanken. 

Jedealalls iat dies doch bei weitem noeli kein Grund, di? Flinte 
ins Korn zu werfen, d. b. Bnsunelimea etwa mit Wappaus (Allg. 
Erdk. S. 2), dass die Erdkuude Ritters, „welche bei der Betrach- 
tung der Erdoberfläche den physischen und den historischen Ge^ichls- 
[innkl nicht trennt, sondern in jedem einzelnen die physischen und 
rthiachen Verhldlniase in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und 
Wechselwirkung dorstellt", ein Versuch bleiben müsse, so lange die 
WissBUSchftft überhaupt nicht vollendet sei. Hier mnss man doch 
entschieden sagen : So empfehlenswert in wlssenachaftlicben Dlogen 
Vorsicht, eo verwerrlich wäre ollr.ugrosse Zaghaftigkeit, die zur Oeiet- 
verlossenheit führon mnsa. Und aliinde es uns denn überhaupt frei, 
zu warten, ohne die Stellung unsrer Wissenschaft zu sch&digcn? 
Man mnas vorwärts oder rückwärts. Die Uesebichte wurtel Dicht, 
und der Fortschritt der Erkenntnis ist ein Stack Geschichte. Und 
wenn uns nichts andres gelunge (es ist aber bedeutend mehr mög- 
lich) als die Erdoberllache nach allen geschichtlich wichtig werdeo 
konnenden Eigenschaften zu schildern, und wenn wir uns dann 
begnügten, dieses hielorisch- geographische Bild gleichsam su illu- 
strieren, damit nns begnilgtCD. mit dem Zeigeatah in der Hand 
danebenzuBtehen und zu sagen: Ana den und den Gründen Ist 
eine Erdstelle wie diese geaohichtlich in der und der Richtung 
wichtig; hier ist ein historiaches Ereignis, in welchem diese 
Wirkung eintrat, hier ein andres, und hier ist eine Enlelelle, 



darf nirht an iLr. Lösung verzweifeln Inssen. Wappäiis n. L«o. 53 

die dasselbe in etwas veraadevter Weise aufzeigt n. b. f.; wir 
eagen: nenn uns ancb nicht mehr gelänge, wäre schon dies^B 
besser als waffen, „bis die Wissenschaft überhaupt vollendet ist'^ 
Dieser Meinung eines Geographen, der Schüler Rittera war nnd 
eu Zeiten mutig für seinen Lehrei' aufgetreten ist, stellen wir mit 
grosser Freude diejenige eines der geistvollsten Geschichtsschreiber 
nnsrea JahrLunderts enlgegcn, welche uns immer ebenso hoIT- 
nongsvoll klang wie jene beeleudend, und welche als geographisch- 
hiflloriaches Programm, von einem Historiker entrollt, noch ein 
besonderes Interesse hat: „Die Art und Weise, wie Geographie 
gewöhnlich gelehrt wird, wo sie am Ende nichts ist als ein Aggregat 
tt&tistischer and naturwisBenscliaftlicher Einzellieiten, ist weder 
die Art, wie sie ein Hisforiker treiben darf, noch wie er sie ge- 
brauchen kann; seine Rücksichten and Bedürfnisse erfoi-dern eine 
andre Be ha ndlnngs weise. Gewisse Richtungen menschlicher Th&tig- 
^eiten sind au bestimmte Terrainkonatruktionen gebunden; die 
Seeköste erzeugt ein andres Leben als das Gebirg; ein Hügelland 
Bndree als ein Alpenland; eine Niedernng andres als eine Hoch- 
ebene; ein Land, welches eine einfache Struktur hat, etwa nur 
^ne Ebene ist, gebiert andre Verhältnisse als ein Land, das, wie 
etwa Palästina, auf ziemlich engem Areal fast alle Formationen 
der ErdoberUäche in kleineren Hassstaben vereinigt; ein schili- 
barer Fluss bringt eine andre Thätigkeit in einem Thale hervor, 
ftls wo dies nirlit der Fall ist. Wiedernm sind die Gebirgs- 
■cbeiden der einzelnen Flussbasains und die Ränder der Hochebene, 
Mwie ihre Durchgänge, Pässe nnd SIrassenverhindungen von der 
höchsten Wichtigkeit. Die Uenschen wachsen in der Regel auf, 
ohoe auf alle diese verschiedenen Brechungen. Böschungen und 
andre Formationen ihre Aufmerksamkeit za richten, weil man in 
d(!m Kreise, den man selbst zu übersehen Gelegenheit hat, fast 
immer nnr eine Gegend von einem einzigen Charakter und deren 
Folgen übersieht und also £u Vergicichungen and Schlüssen nicht 
aufgefordert wird. Alter wie ein kriegserfahrener Offiiier für die 
Betrachtung und Benntznng einer Gegend ein ganz andres Auge 
gewinnt als ein gewöhnlicher Bewohner derselben Gegend hat; 
BO gewinnt und bedarf auch der Historiker eine ganz andre Kennt- 
nis der Erdoberfläche und einen ganz andern Sinn, sie za be- 
trachten, als jemand, der ohne Rücksicht auf die historischen 
Wirkungen der Erdoberfläche, diese kennen zu lernen, historische 
Kenntnisse lu enverben eucht.'^ (Leo, Univ. Geecli. 2. A. I, 29.) 
Uebrigene, um noch anf die Einwürfe lurüekinkommen, die 
speziell Ritter gemacht wurden, denn in Deutschland galt ja er 
als der Usuptvertreter dieser Ansichten, so sind sie^ wie das 
so oft der Fall zu sein pflegt, teils im Wesen nicht so entschieden 
vie in den VVorten. teils sind sie nicht eben wohl begründet. 
Das erstere gilt besonders von den meisten Aeusierungeu Fescheis 
>u dieser Sache. Feschel hat eine ganze Auswahl von Einwürfen 
in einem Aufsalze: „Ueber den Eintluns der physikalischen Länder- 
beaehafTenheit auf das Weeen der Völker'' gegeben, den er kurz 



54 



Einw 



vor di-iii Tode Ritlera im Aasland verölTentliubte. Er vergtriclil 
hier daa alt« und das neue Aegypten, das alte und das neue 
Griechenland, um nachzuweisen, dasa unter gleichen geographi- 
echen Verh&ltnisaen eehr verschieden das historische Ueschicli sei, 
dM in wechaclnden Epocheu der Geachichle den dort wohnenden 
Völkern beschieden war. .,So verherrlicht sieh das Genie der 
VOllier,*' sagt er, „wenn es physikalische Hemmniase überwältigt, 
and so Tenitindigt sich der Mangel an Begabung, wenn geti- 
graphiscbe Vorzüge völlig ungenützt bleiben Die physikalischen 
Eigenschaften der einzelnen Lander bieten also verschiedene mög- 
liche Entwiche) Dn gen dar; dies sich aber davon das eine oder das 
andere wirklich errulle , gfhört r.a den historisclien Verdiensten 
jeiier Nation. Der Gang der Geschichte bleibt nur in allgemeinen 
Zügen an die physikalischen Gesetze der Erdenränme geknüpft." 
Was Peschel liier sagt, klingt so durchaas selbstverständlich, dasa 
wolil keiner, dem an gründlichem und selbständigeni Urteil ge- 
legen ist, diese Sätze liest, ohne durch einen Blick in diejenigen 
Werke Ritters, welche die Beziehungen zwischen Erde und Mensch- 
heit berühren, sieh in die betrefTenden Anechauungeo des grossen 
Geographen selbst wii^der vertiefen zu wollen. Diese „allgemei- 
nen' Züge, die sind es ja, welche gefunden werden sollen! 
Man hält es nicht fiir mögliuh, dass ein Geist von dieser Breite 
des Wissens und dieser Einsicht einseitige Ansichten aufgestellt 
haben sollte, die zu solchem Protest des ganz einfachen gesunden 
Uenschenverstandes Anla^s geben konnten, und i.hatsächlicü gibt am 
Ende nnr die Form, in der so manche der Behauptungen Rittera 
auftreten, dieser etwas nn tarphilosophische und zugleich, von I>ea- 
diger Zuversicht gelragen, viel behauptende Wortreichtum, der die 
Klarheit nicht Torderl, Anlasi>. solchen Widerspruch zu erheben. 
Allein es ist das doch kein begründeter Anises, wie ein tieferer 
Blick in die betreffenden Arbeiten Kitters bald erkennen Uast. 
Einielue Aeitsseruogen des weit denkenden und flciseigen Foi^ 
ecbers dürfen nicht znm Gegenstand einer sein ganzes Streben 
treffenden Kritik gemacht werden. Wer in seine „Erdkunde im 
Verhältnis zur Matur und zur Geschichte der Menschheit'' einge- 
drungen ist, wird nicht sagen können, dass Ritters Grundanschauung 
eine unrichtige gewesen oder dass er in ihrer Anwendung that- 
sachlich zu weit gegangen sei. Jene Zeit übernahm sich manch- 
raal etwas in Worten ; und Perspektiven, bis ins unklare weit nefa 
erstreckend, waren besondere beliebt. Aber dies rechtfertigt nicht 
die sachlichen Vorwürfe. Es ist walirhaft bemühend, seibat eiaeo 
Ernst CnrtiuB sagen zu hören . dass Rittei' auch „die nach Zeiten 
verschiedene Anwendbarkeit seines obersten Prinzips nicht gehörig 
erkannt habe" (Gott. Gel. Anz. 1860), nachdem Ritter schon 18^ 
in jener oben citierlen Abhandlung über das historische Element 
in der Erdkunde so klar auegeRprochen hat, dass für den Knltiir- 
menecben mit seinem Fortschreiten die Macht der Naiurrerhält- 
nisse abnehme, welche nur für den Naturmenschen unvertinderlieh 
bleibe. Wir halten es zwar für fraglich, ob gerade dies zutreffend 



Ilt'i-dtTs und Killers geograpiiiBclie Teleolngic. 55 

8tl, und werdeil darauf uuriickkoinmen. Aber wir sogen offen, 
dsSB wir in der ganzen Erdkunde Ritlera keinen Satz über das 
Verti61tni8 der Gescbicblc mr Natur linden, den wir nicht lU bil' 
ligea vermöchten, wenn auch allerdings manchmal die Faesnng 
heute anders r.n wünschen wäre. Selbst Stellen, wie jene on- 
«ti«rt« aas der Einleitung t,n Pal&slina I: „Es dürfte uninüglich 
«raebeüien. unB den Entwickehingsgaiig des Volkes Israel in eine 
ftodre Heimatsteile des Plnnelen hineinzudenken, als eben nur in 
die von Palästina. Auf keiner andern konnte und sollt« sich 
wnhl die beilige Geschichte so gestaltend entfalten, wie wir sie 
ftuf und in dieser klar vor unaern Angen und für alle nachfol- 
genden Zeiten dargelegt erblichen,^'' stusaen nns nicht durch ihren 
M leologischen Klang lurlick, der auf uns eben nur als Klang 
wirken kann, sondern ziehen uns vielmehr durch ihre Beziehung 
lU der von Ritter mit nie dagewesener Bestimmtheit verkündeten 
Lehre an; Die Geschichte steht nicht neben, sondern innerhalb 
der Natur. 

Ucrade diese sog. teleologischen Ideen sind übrigens die am 
weoigsten urB[)riing!iob RitterBchen, sie gehijren vielmehr durch- 
aus Herder an, dem in den Präludien wie in den Ideen zur Ge- 
schichte der Menschheit die Auffassung der Erde als Wohn- und 
Eniehnngshaus der Menschheit und ilire Vorbestimmtheit hierzu 
mnz geläulig ist; er sieht die einförmige Band der organiaircnden 
SehApferin, die in ailen ihren Werken gleichartig wirkt, sowohl 
in dem von Kalte xusam menge zogen en Eskimo, als in „der öl- 
rejchen ürganiaation zur sinnlichen Wolhist^'- des Negers, Von 
Herder stammt der schar fgespitzte Satz: „Die Natur hätte kein 
Afrika schalTeD miissen, oder in Afrika mussten auch Neger woh- 
nen'" (Ideen VI. 4]. Vgl. ancli die Bemerkungen über die Verhütung 
der Ausartung des Menschengeschlechtes „soweit sie verhütet wer- 
den konnte' durch die Übertlächenglicderung der Erde. (Ebendas. 
Vn. 3.) Bei dieser Gelegenheit möge gegenüber der fast ängst- 
lichen Scheu vor Teleologie, der wir nnter Ritlers Gegnern begeg- 
nen, die Bemerkung erlaubt sein, dass die Geschiclil« aller Wissen- 
sclianen die Vereinbarkeit teleologisclier Grnndansichten mit ecb- 
lem, frnchtbarem Forschen ubentll erkennen lilsst. Die Natur 
samt der Uenschheit, der einzige Gegenstand aller Wissenschaft, 
ist meinem Auge und Geiste dieselbe, ob ihre Gesetze nun Schöpfer- 
absiehten oder Zufälle seien. Der Forscher sucht die Ursachen der 
Wirkungen zu erkennen, welche den Gegenstand seiner Forschun- 
gen bilden, und es kann ihn nicht in diesem Forschen beirren, 
ob das letzte Ziel dieser Wirkungen ein von hitberer Macht ge- 
eelztea und ob das Spiel dieser Ursachen und Wirkungen ein von 
höherer InteUigenz geleitetes sei. Das Wesentliche, auf das allein 
wir alle ausgeben, ist, in diesem Falle, zu erkennen, ob in der 
Tbnl die Scliicksate der Völker in einem gewissen Masse von ihren 
Natur- Umgebungen bestimmt werden. Karl Ritter ging von der 
Ansiclit aus, doas dies geschehe, und stnUte sich dabei teils 
auf den Glauben an eine göttliche Ordnung der menschlichen 



50 Felller und Verdienst Ritters. 

Dinge, welche ihm die Stelle einer wissenschaftlichen Hypothese ver- 
trat, teils aber auf die Ergebnisse seiner Bi-obachtung. Man kann ihn 
höchstens tadeln, dass er jener Hypothese etwas zuviel Vertrauen 
geschenkt und dadurch mit einer zu festen Zuversicht an die Be- 
trachtung der Erde als des Erziehungshauses der Menschheit 
herangetreten sei, zu wenig Zweifel den Erscheinungen entgegen- 
gebracht habe, welche diesen Glauben an allen Enden ihm zu be- 
stätigen schienen. Aber man möge sich doch nicht überzeugen 
wollen, dass jene teleologische Grundanschauung alle Schlüsse Rit- 
ters habe fälschen, seine ganze Richtung hoffnungslos habe machen 
müssen. Es ist wahr, dass die sog. Ritterschen Ideen nicht so 
kräftig aufgegangen sind, wie man erwarten durfte, dass. wie 
schon hervorgehoben, gerade die Geographie wenig durch dieselbe 
gewonnen hat. Aber dies hat mit der Teleologie nichts zu thun, 
sondern ruht in der allerdings bedauerlichen Thatsache, dass ein- 
zelnen Problemen dieser Art so selten mit Entschiedenheit näher 
getreten ward. Das ist der Grundmangel. Es geht ein gewisser 
planender oder programmniässiger Zug durch die meisten von 
diesen Arbeiten, die stets mehr Darlegungen der Wichtigkeit dieser 
Beziehungen und der Art sind, wie sie zu erforschen sein möch- 
ten, als eindringende monographische Untersuchungen ihres We- 
sens und ihrer Gesetze. Hier liegt der Grund, warum bis heute 
dieses ganze Gebiet noch wenig aufgeklärt ist und grossenteils 
selbst der notwendigsten Abgrenzungen und Unterabteilungen ent- 
behrt 0- 

Still vorübergehen wollen wir dem viel zu breit behan- 
delten Streit über die Meinung des Wortes .^Vergleichende Erd- 
kunde*'', welches Ritter selbst nicht immer in demselben Sinne 
angewandt hat. dessen Anwendung aber, weil es eben nichts als 
Wort ist. an der Sache selbst nichts ändern kann. 

Wir unsrerseits betreten dieses umstrittene Gebiet nun 
hier keineswegs mit dem Anspruch, dieses alles besser 
machen zu wollen. Dazu gehört die Arbeit Vieler. Aber 
wir möchten wenigstens versuchen, uns zunächst über das 



1) Wir möchten bitten, hier auch eine rein menschliche Erwä^inß einführen 
zu dürfen: Gehört nicht Carl Ritter zu einer Art von Forschern, denen man 
nicht so scharf widerspricht wie andern? Seine Aufstelhipgon sind nicht von 
der einseitigen, voreingenommenen, polemischen Art, sondern mau fühlt stets, 
dass man einen nicht nur ehrlich, sondern edel, mit Kopf und Herz nach der 
Wahrheit ringenden Forscher sich geKenüber hat. Auf die Gefahr hin, bei eini- 
gen Bürgern der Gelehrten-Republik Achselzucken hervorzurufen, meinen wir» 
dass der Gesamtpersönlichkeit und dem Endzweck einiges Gewicht zu gestatten, 
sei bei dem Widerspruche, zu welchem die Ansichten eines Mannes wie Carl 
Ritter dann und wann herausfordern mögen. Uebrigens möchte man wohl 
glauben, dass manche Vorwürfe, die au Ritters Adresse gehen, nicht durch seine, 
sondern seiner Schüler Ansichten hervorgerufen seien. Wer z. B: teleologische 
Geographie kennen lernen will, lese F. Bougemonts unglückliche Geographie 
des Menschen (D. A., 1839, 2 Bde.), welche, wir fürchten sehr, die Ritterschen 
Ideen mehrseitig zu kompromittieren vermocht hat. 



r 



HlLropo-geogr. Probier 



3 zerlegt iverdeii. 



57 



klar zu wenlen. was hierher gehört und was nicht, um 
daim zu den Gruadsätzen der geographi sehen Behiindhing 
^ des m geographisches Gebiet fallenden Anteih» zu ge- 
I langen. 

Die Verwickeltheit dieser Fragen wird sich nämlich 
I sicherlich nicht anders zu einer Lösung bequemen als 
T indem man sie uach der Verschiedenheit ihres Wesens 
auseinanderzulegen sucht, denn offenbar sind weit aus- 
einandergehende Probleme in diesen „Wirkungen der 
KatuT auf die Geschichte" vereinigt, Man erkennt lui- 
achwer, dass ein physiologisches Problem in der Beein- 
flnssung des Körpers und ein psychologisches in der- 
jenigen der Seele des Einzelmenschen vorliegt. In weiterm 
. Verfolg wird eine Wirkung dieser Art geschichtlich, sobald 
. eine Anzahl von Menschen derselben unterworfen ist. 

Wir wollen ein Beispiel wählen: Als die von Nordwesten 
nnd aus höhergelegenen Gegenden in das östliche indische 
Tiefland einwandernden Arier unter dem Einflüsse des 
erschlaffenden Tropen- iind Tieflandklbuas bald aufhörten, 
die »Würdigen" oder „Beherrschenden" zu sein, als 
I welche ihr Name sie kennzeichnet, war dies ein rein 
I physiologischer Vorgang, welchen die Physiologie des 
I Menschen im Einzelorganismus zu verfolgen, dann nach 
seiner Verbreitung aber die Masse dieses Volkes und 
seine daraus sich ergebende Herleitung aus allgemein 
verbreiteten natürlichen Ursachen zu erforschen hat. Den 
Bezug, welchen sie so erst zwischen Natur und Einzel- 
menschen, dann zwischen Natur und Volk nachgewiesen, 
fibernimmt die Geographie als Thatsache zu weiterer 
Verwertung. Wie aber die Arier, wenn sie dem Laufe 
der Jamuna und des Ganges stid- und ostwärts folgten, 
auf längst dort ansässige Völker stiessen, dieselben zurück- 
drängten, oder zwischen sie sich einkeilten, und wie 
Stämme ihres eigenen Volkes nachdrängten und die früher 
i hergezogenen weiterschoben, ist eine Raumfrage und damit 
' a rein geographisches Problem. Und nicht minder sind 
die Staatenbildungen, in denen die verschiedenen 
Gruppen der Eroberer sich im neuen Lande festsetzen 
und gegeneinander abgrenzen. Wie die Völker räum- 



58 



Ueiapiele für die HaiipigruppeD nniliropo- 



lieh aufeinander folgen, von den Bharata am oberen 
Ganges, deren Festsetzung die Wanderbewegung ab- 
geachlossen zu haben scheint, bis zu den südlicb vom 
Ganges vorgedrungenen Magiidhn, welche wie die Spitze 
dieses arischen Keiles am tiefsten in die Urbe wohner 
hineingetrieben waren, hat der Geograph zu erkennen 
und zu beschreiben (oder zu zeichnen!, Natürliche Qe- 
gebenlieiten begünstigten oder beschränkten ihre Aus- 
breitung, ihre Absonderung, ihre selbständige Behauptung 
und Erhaltung und ausser der Feststellung aller jener 
räumlichen Thatsachen iat auch die Erforschung dieser 
natürlichen Gründe und Ursachen dem Geographen über- 
tragen. Neben jener physiologischen und dieser raum- 
bestinimenden erscheint nun aber noch eine weitere Art 
von Wirkung in der Natur, wenn dieselbe AiUass gibt, 
schon vorhandene Eigenschaften eines Volkes oder Volks- 
bruchstückes auszubreiten oder zu verstärken, oder durch 
gründliche Mischung derselben neue zu schaffen. Ein 
abgesclilossenes Land begünstigt die Bildung eines ein- 
heitlich gearteten Volkes, indem es die Mischung mit 
von aussen herkommenden fremden Elementen ausschlieset 
oder vermindert. Daher sind vor allem die Inaein in 
der Regel durch grössere Einheitlichkeit ihrer Bewohner 
nach Kultureigenachaften imd sogar nach Rassenmerk- 
malen ausgezeichnet. Ein weit offenes Land begünstigt 
dagegen die Mischung, das Ineinanderfliessen der Völker. 
In dem Falle, welchen wir hier als Beispiel gewählt, 
zeigten sich Wirkungen dieser Art in der starken Ver- 
mischung der Vai^;ia oder eingewanderten Stammesgenossen 
mit den ansässigen f udra, welcher in dem weiten Ganges- 
Tiefland kein Hemmnis in Gestalt natürlicher Grenzen 
entgegenstand und welche darum durch keine noch so 
strenge Auseinanderhaltung der Kasten oder „Farben" 
zu hindern war, während in den Gebirgsthälern, wo die 
Vorberge des völkertrennenden Himalaya natärliche kleine 
Völkergebiete absondern, das arische Blut und ebenso 
in einigen Gebirgslandschaften der Halbinsel das dunkle 
Blut der Eingeborenen sich reiner erhielt als rings umher. 
Man wird als gnt-e Beispiele der ersteren die KhaDcha 



^^^F geiigrapbisulier Tiiataudien. ;j<} 

nnd Dasu des Himataya, ala ebensok-lie der andern That- 
sache die Pahoria des Ba,dshinahn,l-Zuge3 nennen dflrfen. 
Endlich beobachten wir aber auch eine tiefgreifende Um- 
änderung der Sitten und Anschauungen dieses Volkes, 
welche mit dem Tausche aeiuer }iochgelegenen, kühleren, 
ärmer von der Natur ausgestatteten Sitze im nordwest- 
lichen Hochland gegen die tiefen, heiasen, von der Natur 
reich, vielleicht ZU reich ausgestatteten Thalland schiiften 
der grossen indischen Flüsse zusammenhängt und offen- 
bar darin hauptsächlich begründet ist, dass dort die Natur 
ihm kargere Mittel zur Erhaltung und zum Genüsse des 
Lebens bot als hier. Aus dem Hirten wird nnn ein Acker- 
bauer, aus den gleichmüssig bedürfnislosen, f»st armen 
Stummen ein Volk von einigen in Bpit-btum schwelgen- 
den Herrschern mit zahllosen armen ünterthanen, aus 
an Zahl geringem ein überraüssig rasch wachsendes 
Volk. 

So haben wir hier also vier Gattungen von Wirkung 
der Natur auf den Menschen. 1) Eine Beeinflussung des 
Körpers oder Geistes der Einzelnen, die zu dauernden 
Umänderungen derselben führt; sie trifft zunächst den 
Einzelnen und ist ihrem Wesen nach physiologisch bezw. 
psychologisch und tritt erst in den Gesichtskreis der 
Geschichte und der Geographie durch ihre Ausbreitung 
ober ganze Volker oder Über Völker brucb teile. 2) Eine 
Wirkung auf die räumliche Ausbreitung der Völker- 
massen, sowohl was die Richtung, als die Weite und die 
Grenzen derselben anbetrifft. 3) Eine mittelbare Wirkung 
auf das innere Wesen der Völker durch Anweisimg auf 
rSnmliche Verhältnisse, welche die Absonderimg und 
damit die Erhaltung bezw. Verschärfung bestimmter Eigen- 
schaften, oder aber die Verniengimg und damit die Ab- 
schleüung der lezteren befördern. 4) Endlich eine Wirkung 
auf die innere Konstitution eines Volks- Organismus durch 
Darbietung mehr oder weniger reicher Naturgaben, durch 
Erleichterung oder Erschwenmg der Gewinnung einmal 
des zum Leben Notwendigen, dann des zum Betrieb der 
Gewerbe imd des Handeis und damit ziu- Bereicherung 
durch Austausch Förderlichen. Man sieht, das» die Geo- 



|J() Srliwierigk.d. Sonder. rfuuerrid.n.voriibi'rgi'Ii.Naturwirkutigi:!] 

graphie sehr nahe tlen drei letzten Problemen, aber aelir 
ferne dem ersten steht nnd dass es daher unbedingt not- 
wendig iät. dieselben ausein an der zu halten, ehe man an das 
Oeaanitproblem der Wirkmig der Natur auf die Geschicke 
der Menschen herantritt. 

Dazu zwingt übrigens auch eine ganz eigene Schwierig- 
keit, die jenem ersten innewohnt: Man kann voröber- 
gehende und dauernde Wirkung der Natur auf Körper 
oder Seele des Menschen nicht streng auseinanderhalten, 
weil die Kurzzeitigkeit unarer Beobaclitung oft an eine 
Dauer glauben lassen wird, wo es sich in Wirklichkeit 
um etwas Vorübergehendes handelt, ebenso wie eine an- 
scheinend vorübergehende Wirkung einen dauernden Keim 
im Körper zurücklassen kann, welcher sich erst langsam 
geltend macht oder weiter entfaltet. Es wird sich daher 
wenigstens bei dem heutigen Zustand unsrer Kenntnisse 
auf diesem Gebiete die Trennung beider weniger empfehlen, 
als ihre möglichst logische anderweitige Zusammenfassung. 
Und die.ie kann wohl unter keinem Begriffe besser ge- 
schehen als unter dem der .Wirkungen auf den Za^taud 
der Mensehen*, welchen wir scharf entgegensetzen dem- 
jenigen der -Wirkungen auf die Handlungen oder auf 
die Bethätigung der Menschen". Die Erforschung jener 
ist ebenso entschieden in erster Linie der Physiologie und 
Psychologie wie diejenige dieser der Geschichtsforschung 
imd Geographie ziizuweisen. Wie oben angedeutet, ist aber 
dabei eine Ueberwcisung der Resultate der ersteren an die 
letzteren nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern notwen- 
dig, weil Aenderungen des Zustandes geschichtlich werden, 
sobald sie die geschichtliclien Handlungen der Menschen zu 
beeinflussen im stände sind. Und aus demselben Grunde 
wird auch die Geographie gut thun, in ihren Schilderungen 
geschichtlicher Schauplätze jenen Verhältnissen, welche 
den Zustand der Menschen bedingen, einen nicht geringen 
Platz einzuräumen, da sie, wenigstens mittelbar, prädis- 
ponierend den Verlauf geschichtlicher Ereignisse mit- 
bestimmen. 

Wir würden nun folgende Gliederung dieser durch 
VermengunK des Un zusammengehörigen so oft missr^r- 



ir]llLtO|iii-gnjgro[]hi3i'lie; 



(31 



standenen Wirkungen tlor Nat.nr auf den Menscben vor- 
schlagen. 
f A. Wirkungeil vom Willen iinebliängig auf ileii Zustand des 
U^OSclieD (Statiscbe Gruppe). 

a. dea Körpera. Physiologisolie Wirkungen. 

b. ilor Seele. Psychologiaclie Wirkungen. 

. Wirkungen auf die Willenshnudliingea Aea Meuäulien (Meclin- 
niache Grupjie). 

a. Wirkungen, deren Ergebnia ein Qeachehen: 

1) Handlungen liervorrnfend : impulBive Wirkungen. 

2) Handlungen bestimmend: 
ti. direklive Wirkungen. 
f, beschränkende Wirkungen. 

b. Wirkungen, deren Ergebnis ?in Zustand : 
1) Zustand dea Einzelnen: Etliniigraphiscbes 

tt. geistige, 

(i. kiirperlicbe Wirkungen. 
2J Zustand der ü eeel Ist halt : Soziiile and piditisiOie Wir- 
kungen. 
Sollten wir zur Verdeutlichung dieser Gliederung 
I Beispiele wählen, so würden wir bezeichnen: für Ä.a. die 
^erschlaffende Wirkung des Tropenklimaa , för A.b. die 
Aberglauben erzeugende Wirkung erschreckender Natur- 
erscheinungen , für B. a. die Aufhaltung einer Völker- 
wanderung durch das Hochgebirg; för B. a. 1) die Sehn- 
. Bucht der Nordländer nach dem reichen Süden ; für B. a, 2) a. 
Idie Wegfindung nuin Meere in einem Stromthal, B.a, 2)/?. 
Iden Mangel des für höhere Kulturentwickelung nötigen 
|£auines auf einer ozeanischen Insel, für B. b. 1) a. die 
ler eiche rung des Wissens im Kampf mit der Natur, 
Ib. b. 1) /3. die Kleidung der Eskimo in Pelle. B. b. 2) 

■ die soziale und politische Zersphtterung der Wüsten- 
I bewoLner. 

Zum Schluss mag die Bemerkung gestattet seiu, dass 

■ diese Ghederung von ims in den folgenden Einzel-Dar- 
Pctellnngen einzig darum nicht befolgt wurde, weil wir 
P hauptsächlich den Zweck haben, die geographische 
tWiditigkeit dieser Einflüsse zu zeichnen, wofür hegreif- 
I licherweise die gedanklich geringwertigere Gliederung 
inach den geographischen Haupterscheintmgen für jetzt 
l dienlicher erschien. 



02 Betrachtung einig. Schwierigkeiten d. Untersuchungen 



IL 

Ehe wir zur Einzeldarlegung der Wirkungen der Naturbedingungen 
auf die Handlungen übergehen, erwägen wir einige Schwierig- 
keiten derjenigen auf den Zustand. Gründe der Unfruchtbarkeit 
der sie betreffenden Diskussionen. Innere und äussere Gründe. 
Voreilige Behauptungen. Beziehung zwischen Stil und Wissen. 
Humes Einwürfe zeigen vor allem den grossen Mangel, der in der 
Vernachlässigung des Zeitbegriffes liegt. Andre sündigen aus 
demselben Uebersehen nach der Seite des Zuvielbehauptens hin. 
Ein guter Einwurf D. Livingstones. Ein flacher G. Fritschs. 
Die Gesetze der Variation und Vererbung gestatten heute eine 
tiefere Fassung dieses Problems, welche, von der Schöpfungs- 
geschichte gestützt wird. Aeusserungen H. Spencers und A. Comtes. 
Zurückweisung der Pauschmethode. Die Wirkung der Natur auf 
den Einzelmenschen ist in diesen Betrachtungen ebensowenig zu 
übersehen, wie die Mehrtypischkeit der Völker. Biographische 
und ethnographische Exempel. Ueberhaupt ist ein genetischer 
Standpunkt einzunehmen. Andre Fehlerquelle in der Verwechse- 
lung mittelbarer und unmittelbarer Naturwirkungen. Die Be- 
hauptung wird zu entkräften gesucht, dass die Wirkungen der 
Natur mit zunehmender Kultur abgeschwächt würden. 

Motto. II »trait impotsible de concevoir 
VhiMoire effectivt de Vhumaniti Uctf- 
ment de Vhistoire rieUe du Globe 
terrestre , thidtre iiUvitable de »oh 
acticUi progressive et dont lea divers 
HcUs suceeHsifü ont du eertainemetU 
exercer une haute inftuence sur Ja 
prodHctioH gradueUe des Mnements 
hufHains, mSnte dSpuis Vipoque oii les 
conditions physiques et chimiques de 
Hotre plannte ont commenei A y per- 
mettre l'existence eoHtinue de Vhomme. 

Aug. Comte, 

Während wir entsprechend iinserm geographischen 
Ausgangspunkte uns in den später folgenden Abschnitten 
vorwiegend mit den Wirkungen der Natur auf die Hand- 
lungen, d. h. die geschichtlichen Bewegungen der Völker 
zu beschäftigen haben werden, bitten wir an diesem Punkte 
uns zu den Wirkungen auf den Zustand noch einmal 
zurückwenden zu dürfen, um gewisse Einwürfe zu prüfen, 
die gegen dieselben vorgebracht worden sind und aus vor- 
hin genannten Gründen missverständlicherweise auch auf 
jene andre Gruppe von Naturwirkungen ausgedehnt 
wurden, und um gleichzeitig einige aus geographischem 



r die statische Gruppe der Kalarwirkiingen. 



63 



I 



Gesichtspunkte notwendige Einschränkungen der einen 
>md der andern wenigstens anzudeuten. 

Die Wirkung der Natur auf den körperlichen oder 
geistigen Zustand der Menschen hat das ungünstigste aller 
Dcbicksale erfahren, die einem Probleme der Wissenschaft 
bereitet sein können, indem sie sehr lange und von den 
verschiedensten Gesichtspunkten aus diskutiert ward, ehe 
man dazu schritt, mit den Werkzeugen der wissenschaft- 
lichen Forschung sie zu zergliedern und in ihr Innerstes 
vorzudringen. Noch heute ist ihre Besprechung fast 
durchaus an der Oberfläche verharrend, trägt jenen mehr 
diskursiyen, io ausgetretenen Bahnen sich bewegenden 
Charakter, wie er anscheinend hoffnungslosen Problemen, 

z. B. den Erörtenmgen der Schöpfungsfrage vor 
Darwin, Wallace und Moritz Wagner eigen war. Un- 
beschränkt, unbedingt hingestellt erscheint die Behauptung, 
daB6 der Mensch hauptsächlich ein Produkt seiner Um- 
gebungen sei, als so übertrieben, dass man sich nicht 
wundem niuss, wenn ein ebenso unbedingter und, sagen 
wir es offen, kurzsichtiger Widerspruch erfolgt. Dies 
ist die unfruchtbarste Art von Diakussion, die aber leider 
in unserm Fall von den hervorragendsten Geistern nicht 
verschmäht war. Wo bleibt Raum für die Gewinnung der 
Wahrheit zwischen einer unklar übertriebenen Behauptung 
und einem unbedingten Widerspruch? Es wäre ein hoff- 
nungsloser Streit, wenn nicht die Möglichkeit zuzugeben 
wäre, dass die Begriffe nicht notwendig so hart aufein- 
ander zu prallen brauchten wie die Worte, Man Über- 
zeugt nicht Worte mit Worten, aber die Begriffe tauschen 
^ücklicherweise mit der Zeit ganz von selbst ihre Wahr- 
heiten au.s und reihen sich nach inneren Verwandtschaften. 
Wie kommt es aber, dass in diesen Problemen, die doch 
an die besten, denk geübtesten Geister appellieren, irgend 
etwas den Widerspruch so entschieden herausfordert 
und dass auf der andern Seite ihre Verteidigung ao oft 
mit einer, man möchte fast glauben, der Sache selbst 
anhängenden Unklarheit geführt wird? Was den Wider- 
spruch betrifft, welcher gegen die Annahme tiefgreifender 
Wirkungen dieser Art erhoben worden ist, so findet er, 



64 






j, Sfhwierigktilen <l, Ual^raii eil fingen 



wie ninQ nicht leugnen knun, einen grossen Schein von 
Berechtigung iu der schon eben angedeuteten unklaren 
Vermenguiig der ihnen zu Grunde liegenden Ursachen 
und in dem Mangel an der Unterscheidung mehr oder 
weniger dauernder und tiefer Wirkungen- Ehe die 
Physiologie nicht nur die Thatsache, sondern auch den 
Grad der Flexibilität des menschlichen OrgoniBnuis nach- 
gewiesen, was bis heute nicht geschehen, und ehe man 
aI»o aus der Stärke der äusseren Einfltisse auf die Grösse 
der Wirkungen berechtigte Schlüsse machen kann, wird 
mau sic}i in diesen Fragen nicht auf exakt wissenschaft- 
lichem Boden bewegen, zumal das Experiment im gewöhn- 
liohea Sinn nicht zur Anwendung kommen kann. Um 
so dringender ist die äusserste Vorsiebt geboten. Die 
Quellen dcR Irrtums fliessen da so reichlich, dasa man 
sich öfters von einer wahren Ueherschwerainung der 
ruhigen Erwägung bedroht sieht. Denn man kann nicht 
verkennen, dass genide die Neigung zur Annahme tief- 
greifender Innerer Umbildungen infolge der ilnsseren 
Einwirkungen durch die vorfib ergehend starken Eindrücke, 
welche die letzteren machen, beträchtlich in uns ent- 
wickelt ist und eher der ZurQckdränguug als des allzu 
breiten Spielraums bedarf. Lauge hat man ihr diesen 
letzteren gestattet, wobei aber i^r die Wissenschaft so 
gut wie kein Ergebnis von dauerndem Werte gewonnen 
worden ist. Dies hat scharfer tlenkende Geister ent- 
mutigt, aber so wie jene von der Lust der Behauptung, 
Uessen sich dann diese von der Leidenschaft des Wider- 
spruchs fortreissen und es wurde, wie man zu si^n 
pflegt, das Rind mit dem Bade ausgeschüttet. Nicht 
jeder besil.zt jenen hohen Grad von Besonnenheit, der 
uns in wohlthuendes Erstaunen setzt, wenn wir sehen, 
wie Condillac in seinem , Essai siir l'origine de connals- 
sances" 0798. 482) mit grosser Bestimmtheit den seiner 
Zeit geiäuflgen Satz wiederholt: „Zwei Dinge sind es, 
die den Charakter eines Volkes bilden; das KUma und 
die Regierungsform,' um dann im Verfolg dieser Unter- 
suchung sich sogleich wieder sehr erhebUch selbst zu 
beschränken, indem er sagt: „Das Klima ist nicht die 



■uppe der KBfiirwiikungeii. 



65 



I 



Ursache des Fortschritts der Ktinste und Wissenschaften, 
es ist nur notwendig als eine wesentliche Bedingimg". 
Condillac hat sich damit auf den rechten mittleren Boden 
((esteilt; wie wenig aber auf demselben fortgebaut worden 
ist. nmg nichts besser beweisen als die Bestimmtheit, mit 
der man noch heute gegen übertriebene Bebauptimgen oder 
Widersprüche diese Selbstverstündliehkeit Condillacs wie- 
derholen mnss. Wir lasen erst jüngst im .Ausland" in 
einem Aufsätze eines Geographen, der mit diesen Fragen 
sich gleichfalls beschäftigt hat: „Klima, Bodenbeschaffen- 
heit imd Lage der Länder sind nur die Bedingimgen für 
die Art nnd Weise, wie der Charakter eines Volkes sich 
änssert; ja sie geben ihm sein eigenes Gepräge, sie 
scliaffen ihn aber nicht" (F. v, Hetlwald im Jahrgang 1880. 
18f). Kann man sich einen drastischeren Ausdruck der 
Unfruchtbarkeit der seit lOtl Jahren über dieses Problem 
der Katurbedingnngen gewechselten Heden, des Stehen- 
' bleiben» in dieser langen Zeit erdenken? Und man könnte 
nicht sagen, dass diese Behauptung Hellwalds, die aller- 
dings die verschiedenartigsten Faktoren in Eins fasst, 
nur eine Redeblume sei , sie ist vielmehr kaiuu minder 
begründet als vor IUI) Jahren jene Einschränkung Con- 
dillacs. Es ist iu der That bemühend, sieb nach 100- 
jähriger Arbeit so unwiderleglich trostlos sagen zu müssen, 
daes soviel Worte lunsonst gemacht sind! Mit der That- 
sache, dass die Studien über den Zusammenhang zwischen 
geschichtlichem Geschehen und geschichtlichem Schau- 
platze im ailgem einen so sehr nur an der Oberfläche 
ihrer Probleme hinstreiften, hängt die andre zusammen, 
dass in der Regel kein Unterschied gemacht wurde nach 
dem Masse und der Stärke der zwischen Geschichte und 
Schauplatz sich entwickelnden Wechselwirkungeu. Man 
sprach, als ob es z. B. nnr reich gegliederte Länder gehe, 
welche den vielfaltigsten Wechselverkelir der Bewohner 
mit der Aussenwelt nuter allen .Umständen hervorriefen, 
irad ungegliederte, welche die ihrigen in träger, trauriger 
Abgeschlossenheit halten, Dabei scheint auch still- 
schweigend angenommen zu sein, dass die betreffenden 
Völker stets aus gleich fügsamem Material bestehen. 

Balzel. .4nlliropo-0™i,Tiiphle. S 



(}() Der Stil und die Logik. 

Mit solchen scheniatischen Aiischauimgeii ist hier am 
wenigsten zu arbeiten, wo jeder Fall geprüft, dann mit 
ähnlichen Fällen verglichen und zuletzt erst der Schluss 
gezogen werden will. 

Inwieweit liegt nun dieses in die Extreme gehen in 
der Sache selbst begründet? Möge man uns nicht der 
Oberflächlichkeit beschuldigen, wenn wir mit einer stilisti- 
schen Bemerkung beginnen. Mehr als man glauben 
möchte, beherrscht das Wort den Geist und in keinem 
Momente so sehr als in dem, wo der Gedanke sich die 
passendsten Worte zur Hülle sucht. In diesem Moment 
liegt bekanntlich der Keim grosser Entdeckungen, «aber 
auch grosser Missverständnisse. Der beschreibende Geo- 
graph, nicht minder als der Schilderer geschichtlicher 
Ereignisse, lassen sich da vom Interesse des stilistischen 
Aufbaues zu Koordinationen verführen, welche der kühle 
Verstand abweisen müsste. 

hassen wir auch hiernach guter Gewohnheit ein Beispiel sprechen : 
In seiner Reise von Massaua nach Kordolan (Die deutsche Ex- 
pedition in Ost- Afrika. S. 8) sagt Hunzinger: ..l)ic Natur hier ist 
einförmig, kein Berg ragt empor, kein entschiedener Gebirgszug 
und keine grossartige Ebene gibt dem Ganzen Cliarakter und Ein- 
heit; selbst der Baumwuchs ist nur mittelmässig. Gesträuch ist 
vorherrschend — und so der Mensch und seine Verfassung ; nichts 
strebt, nichts beherrscht: lose zusammengeworfene Gemeinden 
entbehren der politischen Einheit und der bürgerlichen Verschie- 
denheiten.** Mau kann gewiss nicht leugnen, dass diese Koordi- 
nation der natürlichen und der menschlichen Verhältnisse stili- 
stisch wohltuend ist. aber auch nur stilistisch : denn vf ober anders 
leiten die Verbindungsworte „und so" die Berechtigung ab, zwei 
Gruppen so weit auseinanderliegender Verhältnisse in^Beziehung zu 
einander zu setzen, als aus dem Bedürfnis, etwas gemeinsames 
ihnen zu unterlegen ? Dass sie dadurch scheintfar in die Stellung 
von Ursache und Wirkung gebracht werden, wird dem Schilderer 
vielleicht kaum bewusst. ebensowenig wie er sich wohl ver- 
antwortlich fühlen wird für die Behauptung, die damit ausge- 
sprochen wird. 

Man glaube nun nicht, dass dies Beispiel ein mühsam 
zu diesem Zweck ausgewähltes sei. Die geographische 
und geschichtliche Litteratur sind voll von solchen Auf- 
stellungen und Behauptungen. Da die Erfahrung lehrt, 
dass je gi'össer der Rest des Unerforschten. Halbbekannten, 



Eiiiwiirfe geg. die VVirkfiiimkeil li. NatiirbeiJingiiiig'cii 



(J7 



vielleicht selbst Unerfbrschbaren auf einem Wissensgebiete, 
um so grösser aucli das Bedürfnis nach bewusster Kunst 
der Barste Uli II g sich zeigt, welche allerdings allein im 
stände ist, die dräuende Last dtr schwierigen, nngewissen 
Probleme xn mindern, so mag hierin zwar ein Beweis 
für die ehrende Grösse imserer Aufgaben zu sehen sein; 
Tiel eher nocii wollen wir aber daraus die Lehre ziehen, 
ntir mit der grössteii Vorsicht derartige Aufstellimgen 
zu machen, die vielleicht möglich und höchstens wahr- 
scheinlich sind, aber nichts vun der Zuverlässigkeit der 
Naturgesetze haben. Gerade das menschlich Anziehende, 
das am meisten zu solchen Behauptungen verleitet, und 
durch jenen oft betonten, unvergleichlichen Wert, den der 
Dfensch als eigentliches Studium des Menschen doch stets 
behauptet, immer wieder zu diesen Fragen zurückführt, ist 
es, welches die grösste Gefahr birgt und zugleich auch 
oneern Schlüssen die grÖsste Einschränkung auferlegt. 
Wir können vollauf die Gründe würdigen, welche 
zu Einwürfen selbst gegen die blos^se Existenz der Ein- 
flüsse bewegen, die von der Natur der Umgebungen auf 
den körperlichen und geistigen Zustand ausgeübt werden. 
Wir müssen zugeben, dass die Art, wie diese letzteren 
behauptet imd dargestellt werden, in der That Raum zu Ein- 
würfen gibt. Nun fragt es sich aber: Von welcher Art 
nnd welchem Gewicht sind diese Einwürfe ? Hier, wo es 
sich zunächst um einen einleitenden und orientierenden 
tJeberblick handelt, mag es genügen, wenn wir uns auf 
die vornehmsten unter denselben beschränken, um mehr 
die Richtung anzuzeigen, in der sie zielen, und die Mei- 
nungen erkennen zn lassen, von welchen sie ausgehen, 
als eine erschöpfende Sammlung ihrer Argumente an- 
zulegen, für welche übrigens ihr so hervorstechend negativer 
Charakter sie auch kaum lohnend genug erscheinen Hesse. 
Uume. den philoeoplii^clie und hiBlorUche Studien glcicher- 
nusHn auf diesen Oegeostand hinführen nasBten, hat in einem 
der inlcresBan testen seiner Essays ein gutes Beispiel der Behand- 
Inng gegeben, welche man ihm gewohnlich angedeihen Üess; und 
seine Nachfolger haben gezeigt, daas die Irrtümer der Meister oft 
eifrigere Verfechter linden, als die Wahrheiten, welche sie ver- 
kimaelen, Hntne hat von vornherein einen bcschi^nkten Standpunkt 



Um 



* Eiiiv 



in dieser Frage, da er unter „iifttürliclieii Ursachen dee Nationsl- 
cliBraiters"" mnachst nur ,. Klima ■> und WeUer'' Terstehl; gekgenl- 
licli nennt er auch die Nnliruug. Auch gelit er, trotzdem er die 
Wirhtjgkeit der ünt^rsucliung dieser uiigebliclien C'rsnchcn an- 
erkennt, nirgends tief in dieselben ein. „Uli bin geneigt.''^ sagt er 
von vorniiereiii, „überhaupt ilire Wirkung auf den Nationalali«- 
rokter zu l)eiweirelD ; nocli glaube icli. dn^ die Hen^i^tien irgend 
etwas in ilirem Geist oder Stimmung der Lult. der Xalirung oder 
dem Klima danken'' (Essays 1. XXI. Or Nationol Cliaracters). 
Den Beweis sieht er darin, dass eine vergleichende Helrachtnng 
der Völker zwar iiberall Zeugnisse des wechselseitigen Austausches 
der Ausbreitung von Sitten and Gebräuclien. nirgends aber des 
KiiitiusBeB TOn Luft oder Klima erkennen lasse. Aber die Art, 
wie er diesen Beweis rührt, ist ein ebenso gutes Beispiel der Va- 
Bulänglidikeit beschrankt indukiirer Behandlung geschichts-phi- 
loBOphisclier Fragen, wie es die Konatrutlionen unserer spekula- 
tiv en Philosophen für die beschränkte deduktive Behandlung sind. 
Nirgends zeigt sich klarer, dass dem Werkzeug, der Methode immer 
nur ein Teil des Erfolges oder Hieserrolgus luzusuhreiben ist. 
Die 9 Pnnkte, auf welche Hunie seinen Beweis stiitst, sind inter- 
essant genug, um hier aufgefülirt zu werden. 1) In grossen Bei- 
clien wie China ist trotz klimatischer Unterschiede der Charakter 
des Volkes gleich. 2) Kleine, einander benachbarte Reiche zeigen 
troti der Aehnlichkcit der natörlichen Verhältnisse oft grosse Ver- 
schiedenheiten des Charakters: Theben und Athen. 3) Sehr oft 
sind die politisclien Grenzen zugleich suharfe Grenzen des Na- 
tionalcharakters : Spanien und Frankreich. 4) Zerstreute Rassen 
wie Juden und Armenier zeigen ebenso grosse Unterschiede von 
dem Volke, in dem sie leben- als sie unter sich ähnlich sind. 
b) Zufällige Unterschiede der Religion, Sprache u. s. f. lassen Völ- 
ker, welche zusammenleben, dach höchst verschiedenen Charakters 
sein: Türken und Griechen. 0) Koloniengründende Völker tragen 
ihren Charakter nber die ganze Welt. (Kant schliesst sich dieser 
Ansicht an. wo er in seiner Anthropologie [4. Ausg. p. 292] be- 
liauptet, dABs Klima und Boden den Schlüssel tum Charakter eines 
Volkes nicht geben können, da Wanderungen ganzer Völker be- 
wiesen hatten, das« sie ihren Charakter durch die neuen Wohn- 
sitze nicht vei^nderten.) 7) In demaelben Lande zeigt dasselbe 
Volk in verschiedenen Zeitallem grosse Unterschiede des Charak- 
ters: Alt- und N'eugriechen, Iberer und Spanier, Romer und Ita- 
liener. 8) In innigem Verkehr stehende Völker erlangen eine 
grosse Aebnlichkeit des Charakters, 9) Gewisse Völker sind in 
aich so verschieden, dass man sagen kann, sie haben gar keinen 
gemeinsamen Charakter. £s ist augenrällig. das? alle die hier 
angeführten Thatsacban sich mehr auf die Verbreitung der Na- 
tion alcharak lere als auf ihren Ursprung iH-iiehen. Die Verbrei- 



te morkwardige Enreii-tanE d 



rnir» bol Uiuar tuid Zell- 



Wichligkeit der Zeitrrage. 



69 



lung ist eine sekundäre Tataaehe; nicht sie. eondern die Verscliie- 
denliciteu. welche sich bereits vurfliiden. aullen erl<lbrt werden, 
und za dieBem Zwecke würde die FraKe, ob Dicht Gebiete äljn- 
Ijcbcn Naturcharakters AeUnlichheiten des Nation alc)iai-ak lere et- 
zengen. in erster Linie anfziiwerfen gewesen sein, l'ebrigena musa 
Hume bei der Betrachtung der niederen Stufe, auf welch er Tropen- und 
Polarhewohner atehen, zugeben^ dass hier vielleicht ,,phf Eictil caitses''' 
im Spiele sein könnten, geht aber nicht tiefer in diese Frage ein, 
sondern weicht ihr in einer Darlegung seiner Meinungen über 
Rassennnterschiede aus, wekhe als einer der frühesten Versuche 
jibiloBOphiBcher Begründung einer „arsprünglichen Bassenver- 
scbiedeuheil'^ rnn besonderem IntereaGe ist. 

Erinnert niciit eine Darlegung wie diese Hume'sche 
stark an die Geologen vor v. Hoff und Lyell, welchen 
zur natörlichen Erklärung sehr naheliegender Natnr- 
prozeRse immer nur Eines fehlte: Die Zeit? Unsere kurz- 
lebigeii, uniiihigen Völker mögen freilich schwerlich gute 
Beispiele filr die unmittelbaren Wirkimgen ihrer Natiir- 
umgebtmgen zu liefern im stände sein, denn sie sind zu 
beweglich , um hinreichende Zeiträume unter dem Ein- 
fiues von äusseren Umständen zu verhurren, welche um- 
bildend auf sie wirken könnten. Die Zeitfrage ist, wie 
in allen Natiirprozessen , bei welchen es sich um kleine 
Ursachen handelt, welche durch lang fortgesetzte Häufung 
ihre Wirkungen zit Grössen ausser allem Verhältnis an- 
wachsen zu lassen vernißgen, geradezu die allerwicht igst e 
und es gibt keine Lösung dieses Problemes, ohne ihre 
eindringende Beachtimg. Wir müsen alle die Versuche 
aufgeben, das Wesen eines Volkes absolut aus seinen 
Natummgebnngen konstruieren zu wollen, so lange wir 
nicht den Zeitraum kennen, welchen hindurch es in diesen 
Umgebungen lebt. Wir dürfen nicht geradhin sagen, der 
JHensch ist ein Produkt des Bodens, den er bewuhut, denn 
mancherlei „Böden", die seine Vorfahren bewohnten, wer- 
den in ihren vererbten Einflüssen bis auf ihn herabwirken. 
Diese Versuche können doch nur einen Sinn tmd Zweck 
haben, wenn man annimmt, dusa die Völker, tun welche 
es sich handelt, so lange in ihren heutigen Sitzen wohnen, 
als notwendig ist zur Beeinflussung ihrer körperlichen 
und geistigen Natur in tiefgreifender, bleibender Weise. 
Wenn heute Volney die überhängenden Äugenbrauen, 



70 



Tier^eliende Nal 



halbge schlössen eil Augen »ud aufgetriebenen Wangen der 
Neger auf die Wirkungen der übermässigen Sonnenliitze, 
oder wenn Stanhope Smith die Verkürzung und Ver- 
breiterung des Gesichtes der Mongolen, durch Zusammen- 
ziehung der Lider nnd Brauen imd festes Sehliessen des 
Mundes erzeugt, auf den Schutz gegen Wüstenwind imd 
Sandwolkeu zurückführte, oder wenn uns Carl Bitter sagen 
würde, dasa die kleineren Augen nnd geschwollenen Lider 
der Turkmenen «offenbar eine Einwirkung der Wüste 
auf den Organismus" seien, so würden wir mit Fug die 
Gegenfrage stellen: Woher wisst ihr, dass diese Völker 
lange genug in diesen Wohnsitzen sich befinden, uni von der 
Katur derselben so tief beeinflnsst worden nu sein? Und 
wenn nicht andre gewichtigere Gründe jene aUzii raschen 
Schlüsse von der Natur der Umgebung auf die des Men- 
schen zurückzuweisen zwängen, so würden diese von der 
Beweglichkeit des Menschen hergenommenen Gründe ge- 
nügen, um dieselben aus dem Kreise der wissenschaft- 
lichen Schlussfolgerungen zu verweisen. 

Wir werden in weitaus den meisten Fällen nur 
mehr ätisserliche, rasch sich aneignende Besonderheiten 
auf Wirkungen der heutigen Wohnsitze zurückführen. 
Eigenschaften, zu deren Erzeugung die verhUltniss- 
mässig kurze Zeit hinreicht, seit welcher ein Volk in 
Keinem Wohnsitze heimisch ist. Aber tiefer wurzelnde 
Eigenschaften müssen auf eine Zeit zurückführen . in 
welcher der Mensch auch in instinktivem Hangen 
an einem engen Heimata bezirke seinen tierischen Vor- 
fahren ähnlicher war, als seitdem die Kultur ihn gemacht 
hat. Gegen Schlüsse, welche mit vorsichtiger Beachtung 
der notwendigen und beim Hinausblick über die Schranken 
der wenigen Jahrtausende unserer Geschichte auch voll- 
auf möglichen grossen Zeiträume auf die Beziehungen 
zwischen bestimmten Eigenschaften der Menschen und 
solchen der Natur gemacht werden, kommen Einwürfe 
ivie diejenigen Hunies nicht auf. Aber freilich unter- 
scheiden jene sich durch nichte mehr von den leicht hin- 
geworfenen Behauptungen, welche wir oben zu charakte- 
risieren suchten, als durch die gewaltige Schwierigkeit 



Beispiele für direkte Katiir Wirkungen. 



71 



ihrer Erreichung. Denn es kann die Aufgabe Ikst nie- 
mals sein, geradlinige Beziehungen zwischen Volk und 
Lokalität zu imtersuclien. eben weil wir selten annehmen 
dOrfeu. das» in dem Zeitraum, von welchem wir wissen, 
dasB das Volk in dersi.dben weilt, merkliche Veränderungen 
möglich waren, «ufh wenn wir selbst annehmen wollten, 
dass das Volk sich in dieser Zeit rein von fremden Bei- 
mischungen erhalten habe. Diese leichtere Gattung von 
Problemen, in denen Ursache. und Wirkung zeitlich und 
örtlicii beisummen liegen, ist den Untersuchungen über die 
Wirkungen der Natur auf die Handlungen der Mensehen 
vorbehalten. Hier dagegen wird es sich darum handeln, 
für bestimmte Eigenschaften einer Kasse, eines Volkes 
oder Stummes, wahrscheinliche Ursachen in irgend welchen 
Eigenschaften des Bodens, des W'assers, des Khmas irgend 
einer Erdstelle zu suchen. In den weitaus meisten Fällen 
wird dies ein schwieriges physiologisches, hezw. psycho- 
lo^ches Problem sein. 

Wir werden allerdings bei einer Erscheinung' wie dem grossen 
Braslkosten der Punabewohner Südamerikas kaum irre geben, 
wenn wir die dünne Luft jener Hochebenen als Urenclie anspreehen. 
Aber die dunkle Hautfarbe der Neger und überhaupt der ab- 
wdchende Bau ihrer Haut, wie sind diese zu deuten ? Wenn man 
die nur zu getreue Zusammenstellung liest, welche Waitz in der 
Anthropologie (L 40 r.) von mehr und minder vernünftigen Meinungen 
über diesen von Alters her fraglichen Punkt gegeben, so staunt 
man am meisten über die vielseitigen Mögiicbkeilen von Vermu- 
tungen, Aber die der menschliche Oeist gebietet. Was aber die 
iJAnuag dieser Frage bctrilTC, so findet man sich ihr durch hundert 
Yermutungen kaum nülier gebracht. Gerade hier hat nun die 
moderne Physiologie uns aul" anderm Wege entächieden vorwärts 
gebracht. Wir haben als Thatsaclien die reichliche Verdunstung 
dieser Uant und die Möglichkeit der Schwarzen, obiie Schaden 
dieselbe einer Hitze auszusetzen, welche die Haut der Weissen 
Blasen werfen Hesse. Der physiologische Zusammenhang zwischen 
btiden Tbatsachen liegt offen; Die reichliche Verdunstung ist 
dnrch die Abkühlung, die sie bewirkt, eine nützliche Eigenschaft 
und von dieser ist es daher wahrscheinlich, dass sie im heissen 
Klima und Tür dasselbe erworben ist. Nun können wir von hier 
aus mit einer ganx andern Sicherheit den Fnss weitersetzen, als 
wenn wir von der geographischen Thstsache ausgehen wurdt'n, 
dws die dunkelsten Färbungen in tropischen Zonen vorkommen, 
welche Thatsache bekanntlich durch das Vorkommen heller Fär- 
bungen in diesen heissesten Regionen abgeschwächt wird. Die 



72 EinwUrle von D. LiTingsliine 

wdlere Frage wird nun walirBclielnlicIi sein: Wo uud wann riit- 
wickein sich dunfale Farben in der Haut hrller Uensulii^n? Uud 
die drilte: Wie verhalt sich dunbk Haut ioi kalten, weisse im 
heisaen Klima? Das Ergebnis muas dnnn wobl mindeatena eine 
Annäherung an die physiologische l'rsaohe der dunkeln Farbe 
und des Baues der Nrgi'rhiiut «ein. Und er«L wenn dies erreicht 
ist, tritt die Geographie ein mit ilirer Darlegung der Verbreiiung 
dieaer Hautfarbe über die Erde hin; erst jeUt kann sie niitzlieli 
aein und Nntzen emarlen. 

Aber ganz aUgeniem lässt, sich die Reg'^l aufstellten, 
dass bei allen Forschungen über die Einwirkung der 
Natur auf den Zustand, d. h. auf feste körperliche oder 
geistige EigenscLaften der Völker die geographische Ver- 
breitung solcher Eigenschaften gewühnlich bis zu Ende 
ausser Betracht -zu lassen ist, weil sie ausserordentlich 
leicht zu Irrtümern ffihrt. Dieae Wirkungen bleiben bei 
der unendlichen Beweglichkeit des Menschen nicht am 
Boden haften, welcher sie hervorgebraclit. Geistige Er- 
rungenschaften vor allem, in die geistige Sphäre erhoben, 
wandern mit der eingeborenen Ausbreitung st ahigkeit des 
Gedankens imd setzen sich vielleicht in Gebieten fest, 
welche ihrem Entstehen ganz und gar nicht günstig ge- 
wesen sein würden. Wenige Ideen tragen so viel ,Boden- 
eharakter* wie die religiösen, und keine sind weiter 
gewandert als sie. Der der Steppengrenze entlehnte 
Gegensatz des Orrauzd nnd Ahriiniin wird in den Rosen- 
gärten von Schiras oder in der tropischen Fülle Masen- 
de raus nicht verstanden, sowenig der abstrakte Mono- 
theismus des kahlen braunen Westasiens die germani- 
schen Waldgötter vollständig überwinden konnte. Was 
bedeutet das Lotossymbol des Buddhismus dem Mongolen 
der an Quellen, geschweige an Lotosblumen leeren Gobi? 
Und doch leben diese fremdartigen Ideen fort, wenn sie 
auch im ungewohnten Boden keiue Blüten treiben. 

Einen selir trelTenden Einwurf gegen den resclien Sclilnss 
von der Lokalitat auf die Eigeotic haften der Völbcr bringt ancli 
Livingalone im Anachluaa an einige Bern erlitin gen gegen den 
anleiten vagen Vermntnngen aebr xiigangUchen Prilchard, der 
In seiner Naturgeacliiclile des MenacTiengeschleclites viele der- 
selben einer verdienten Vergessen heil entrissen hat. In einem 
Briefe nuB TeU: den der Heranfgeber seiner -Cambridge Lecturea" 
(1851*. S. 102) anführt, sagt der grosse Afrikaforsclier; „leb ver- 






r mute, Haas diejeuigon, welche gewöhnt sind, ilire EinbildiingB- 
) kraR so atreng zu lieugcu, wie es zur Prüfung 'tiT Wahrheil in 
] df.T Naturf'orschiing erl'oi-dert wird, mehr Eindnss der Hasse als 
der l'mfebung KUSchrGiben würden. Die Oraache der ünter- 
scbiede liei Stummen, welche tin gleichen Orten leben, beruht 
«uf der Wahl beBÜnimter Oertlidikciten durch den Stnmni oder 
die Familie, »o dtiss, wenn wir beBtiromte Charaktere in besmi- 
deren Oerllichkvileii linden, ea richtiger aein wird, xu sagen, dns.i 
in der Auawnbl der letzteren sich eine bereits vorhandene Anlage 
kanilgibt, als dass die gewählte Oerllicbkeit eine Anlage erst 
entwickelt hat." Er seilt beiapielaweise dem iahen, sehnigen 
Buschmann, der mutig, unabhängig, dem Ackerbau und der 
Tiebziicht abgeneigt ist, den seit Jahrhunderten unter denselben 
fcuseren Bedingungen lebenden Bakaloliari entgegen, der mutlos, 
aich selber aulgebcnd, eirli begnügt, ein paar Kürbisse 2U ziehen 
oder einige Ziegen zu halten. Dea Baachmanns Wahl ist die 
I WfiBte vom Coanza bis zum Kap. der Bakalahnri ist iti sie liin- 
[ fib«rgKdrängt. 80 ist es mit mutigen Gebirgabewohnern: „sie 
I wählten das Gebirge, weil sie aich zu verleidigen, für ihre Frei - 
it zu kämpfen entachloaaen waren". 
Gewisn tritTt diese Erklärung des grossen Volke rkenners in 
I niBnchett Füllen zu, aber daas sie einer grossen Vemllgemeineruiig 
r niobt titlüg ist, duas sie demnach keine berriedigende Erklftrnng 
r aller hierher gehörigen Thatsaehen zu bieteil vermag, wird klar. 
" " B wir uns erinnern, da8S die Notwendigkeit lortbesleht, irgend- 
zit erklären, wie die Rassen, Völker etc. zu den Eigenschalten 
I gekommen sind, welche beute sie auszeichnen. Doch liegt in 
*■ dieser Aufstellung immer eiiie tiefe Wahrheit, und gewiss ist sie 
' wertvoller als die reine N'egation andrer Beobachter, wie z, B. Gnstav 
Fritecba, der (Die Eingeborenen SUditfrikas. 1872. 400) gegen die 
Theorie der „klimalologischen Philosophen", wie er sich, nicht eben 
ZUtrefTend. ausdrückt, die Thalaache ins Feld führt, dass unter 
den Buschmännern die einaamen Wüsten Wanderer, besonders 
, weiter im Norden, wahre Prachtexemplare ihres Stammes seien, 
[ welche durch körperliche Entwicklung ihre seit Alters (?) in 
I fracht bareren Gegenden wohnenden Landsleute überragen. Die 
I »on den letzteren bewohnten Gegenden seien dnrchaiia gleich den- 
I jenigen, welche „nach der Ansicht der klimatulogischen Philoao- 
I phen dem KalTeni zu seinem vielgepriesenen Körperbau verhalfen". 
I Seine unnto misch- physiologische Untersuchung und Beschreibung 
, dieses eigentümlichen Volkes führte ihn aber welter zu dem 
[ SchlusB. dass die Behauptung, es sei dasselbe nur ein verkommener 
' Zweig des Bollen tollenstummes, ale eine durchaus unerwiesen« 
I bezeichnet werden mtjsse. Es ist bekanntlich den Buschmännern 
auch nach seinen [Intersnchungen eine Stelle in der Nachbarschaft 
der Hottentotten anzuweisen, sie sind aber innerhalb dieser Ver- 
wandtschaft ein eigenartiges Volk. Man kann die lUchtigkeit der 
letzteren Behauptung zugeben und dabei doch hei der Frage stehen 
bleiben, ob Natureinflüsse, die auf die KafTern vielleicht seit Jnhr- 



74 Oljerllithliflikeil iiianclier Einwürfe. 

hiinderten wirkeu, wiiirend die Busclimanner ihnen seil Jalir- 
touseoden auBgeseUt Bind, niulit die leUlercn beeiDllossen konnten, 
wo jene nnberülirt blieben? Scheint doch G. Fritsch selber ge' 
oeigt, den Buschmännern und vielleicht anch den Hottentotten 
ein bedeutend höheres Alter ic ihmn siidsrrikanisclien Wohnsitzen 
zuzuerkennen als den KalTem. Von einigen Kafferalänimen def 
Kdlah&ri weiss man übrigens Jn recht gut, dass sie erst einige Jahr- 
zehnte in diese unerwünschten Wohnsitze gedrängt sind. Wir 
vermistien aber anch den Hinweis auf die Möglichkeit eines ver- 
schiedenen Grades von Erapränglichkcit gegenüber den Binflöasen 
der NalurumEebung bei rerscbiedenen Raasen, welchen so manche 
Tliatsachen der medizinischen Geographie, sowie der Lehre von 
der Variation bei Haustieren und Kulturp[lanzen nahelegen. 

Derselbe Forscher, der uns hier ein Beispiel für den ober- 
ttächliciien Widerspruch lierertn der so oft den Wirkungen der 
Naturbedingungen entgegengesetzt wird, hat an einer andern 
Stelle, wie wir billigerweise hervorheben wollen, sich viel einsichti- 
ger zur Sache ausgesprochen. Er sagt in seiner Reisebeschreibung 
„Drei Jahre in Südafrika" (S. 1111: „Die natürlicheu Anlagen 
und Neigungen eines Stammes bestinim.en die Lebensweise des- 
selben, und aus dieser wieder folgt mittelbar die Entwickelung 
des Körpers, soweit sie nicht schon in der Anlage begründet war. 
Der Typus wird jedenfalls nicht schnell durch die Beschaffenheit 
des Landes verändert und es ist besonders fürSüdalVika unstatthaft, 
eine bedeutende derartige Wirkung anzunehmen, da die Stämme 
ihre Wolin^itKe wahrscheinticb seit gar nicht sehr langer Zeit inne 
haben." Der Vergleich beider Aeusserungen zeigt erst recht 
deutlich, welch rascliea urteil man sich in dieser Frage gestattet 
glaubt. 

Wir kommen auf das bei Uuine Gesagte zurück, 
indem wir hervorheben , dass die Nichtbeachtung des 
grossen Faktors Zeit ebensowohl die Uebertreibimgen der 
Behauptung als, wie wir Soeben gesehen, diejenigen des 
Widerspruch.s auf diesem Felde zu erklären geeignet sind. 
Man glaubt die Umwandlungen durch Natureinflüsse über- 
haupt willerlegt zu haben, wenn man behauptet (wir 
nannten beiläufig schon früher die Behauptung die 
charakteristische Form der Darlegung in dieser Frage), 
dasB sie nicht in 3 oder 500 Jahren statl^efnnden hatten. 
Man sieht also vor falschen Anschauungen, dit- auf kurz- 
sichtiger Anwendung ilea Zeitmasses beruhen, nicht den 
Kern der Sache, wpil mnr »»IW mit der gleichen Knrs- 
sichtigfceit ' '--'''' : ' r> - : ' -_- '-■ ■-■- - 'in je- 
mand bri . *e'm 



Acnlogicii Akt n 



7 h 



telts in 20UO Juhren aufzubauen, und eia anderer 
inderlegte dies und behauptete dann, weil jenes nielit 
iralir, sei der Nil überhaupt nicht im stände, ein Delta 
i bauen. 

Gewiss ist doch die Frajje niu.'h der Beeinflussung 
■und Umbildung des menschlichen Körpers und Geistes 
fdurcb die Natur einer in etwas wLisenachaftlicheren Be- 
oidlung fähig, als solche mehr laute ab tiefe Stimmen 
Krennnten lassen wollen, nnd dies wohl am meisten gerade 
l*erm8ge einer weitsichtigeren Auffassung, welche endlich 
liftimDal abstrahiert von den paar Jahrtausenden, in welchen 
Vdie in ewiger Unruhe befindliche MenscJiheit sicherlich keine 
lehr tiefgehenden Umwandelungen durch Klima u. dgl. 
rfahreu konnte. Treten wir ein wenig zurück und 
jirerfen die Frage auf: Welches dürften nuch Analogie 
übrigen Natur die Beziehungen des Menschen zu 
Kiner Umgebung sein? Mit dieser Frage, dies dürfen 
"r Torau» verkünden, werden wir auf den Weg kommen, 
^er aus dem hoffnungslosen Dickicht der Behauptungen 
md Gegenbehauptungen auf den Gipfel einer freien Um- 
Eldcht hinausführt, von wo wir den Menschen in seinen 
Flffthren Beziehungen 7.ur Natur erblicken, die an deren Be- 
ideutung und Wirkung keinen Zweifel lassen. Diese Frage 
tnna kurz dahin beantwortet werden, da.fs von allen Er- 
ibeinungen. die in den Kreis unserer Beobachtung 
hlleo, seien sie in oder auf der Erde oder am Himmel, 
felae einzige ausser Zusammenhang mit allen anderen 
tebt, sondern dasa im Gegenteil keine Anschauung des 
Weltalls oder des Ganzen der Welt richtig sei, welche 
■nicht auf der Grundwahrheit beruhe, dass die Welt mit 
tlem Kleinsten und dem Grössten , das sie lunschliesst, 
ein einziges innig zusummenhilngendes Ganzes sei. Dar- 
aus foFgt. dass der Mensch, der ein Teil dieser Welt, 
Wechselbeziehung zu allen andern steht. Diese 
Fedwelbeziehungen sind nicht rein an dem zu messen, 
r Gegenwart wir wahrzunehmen scheinen, denn 
kihnen gehören der Vergangenheit imd Zukunft 
~ I Vergangenheit anbetrifft, so vermuten wir. 
i Geologen und Zoologen aussagen, dass 



7Ö 



liebundeiilie 



der lebendige Mensch im ersten Anfang aus der toten, 
aber lebenstahigen Erde entstanden sei gemeinsam mit 
aUem nndern Lebendigen und dass sein Entstehen und Sein 
mir ein Abschnitt in der Geschichte der Erde sei- Und 
da er trotz einer angebhch weitgehenden Freiheit, welche 
in dem Worte „Herr der Erde' sich ausspricht, so skla- 
visch wie ein Bäum oder Stein der Schwerkraft unter- 
worfen ist. welche ihn an die Erde fesselt und nicht von 
derselben loskoniinen läsat, so vermuten wir nicht nur, 
sondern wissen es ganz sicher, dass seine Zukunft eng 
verbunden sein wird mit der der Erde , von welcher er 
sich nun einmal nicht trennen kann. 

Der Mensch ist zweifellos das höchst organisierte von 
allen lebenden Wesen. Er hat, alles iu allem, die besten 
Mittel zur sinnlichen Wahrnehmung alles dessen, was 
ausser ihm vorgeht und einen Geist, welcher viel denk- 
kräftiger als der irgend eines Tieres ist. Auch seine 
Werkzeuge zur Bewegung und zum Festhalten sind sehr 
wirksam. Einseitig sind manche Tiere besser ausge- 
stattet: der Hirsch ist schneller, der Adler scharfsichtiger, 
der Hund riecht schärfer, der Tiger ist stärker imd ge- 
wandter, aber der Mensch ist vielseitiger ausgestattet 
wie sie alle und hat, was viel mehr besagen will, in 
seinem Geiste die Mittel, sich andre Werkzeuge ausser 
den von der Natur anerschaffenen herzustellen imd fflr 
wohl erkannte Zwecke zu benützen. Dadurch ist er ohne 
Zweifel freier gemacht von seiner natürlichen Ausstattung- 
Der Mode oder Lahme reitet oder (TLlirt. der Kurzsichtige 
beWafihet seine Augen, der Kranke heilt sich — das 
alles vermag das Tier nicht. Insofern hat der Mensch 
recht, sieh als frei anzusehen im Vergleich zu dem viel 
gebundeneren Tiere, er ist freier von den Fesseln seiner 
natürliclien Organisation vermöge seines Geistes. Aber 
iliese Freiheit erringt er sich doch wieder nur durch 
weise Benützung der von der umgebenden Natur ihm 
dargebotenen Hilfsmittel. So ist seine Freiheit im Gnmde 
aucli nur eine Gabe der Natur, aber eine unfreiwillige. 
ja eine mit heisser Mühe ahgenuigene. Und wenn in 
der That das Wesen seiner Geschichte in der immer voll- 



EiLlsleliung von Vnrioläleii. 77 

ständigeren Befreiung seiner geistigen Hälfte, die um 
zum Menschen macht, von der stofflichen bestellt, welche 
iha auf tierischer Stufe festhält, so ist es nicht bloss in, 
I sondern an der Natur, dass er sich emporgernngen imd 
I nicht ohne dass diese seinem Wesen in der vielfältigsten 
Weise ihren Stempel aufgedrückt hätte. 

Zwei allgemeine Eigenschaften sind es, in welclien 
die Naturforscher unserer Zeit die Grimdursacbeu jener 
allmählichen Veränderungen aller Lebewesen erblicken, 
welche in langen Zeiträumen so mächtige Ergebnisse 
erzielen, wie die Schöpfungsgeschichte sie uns aufweist: 
Veränderlichkeit (Variabilität) und Vererbung. Jene er- 
zeugt Abweichungen, welche diese auf die Nachkommen 
Tererbt. Nun ist Icein Zweifel, dass Äendernng der 
Naturbedingungen einen mächtigen Einfluss auf Entste- 
Imng Ton Abändenmgen llbt; auch andern künstlichen 
y Aenderuugen wolmt diese Macht; inne, wie unsern Züchtern 
I Ton Haustieren und Kulturpflanzen wohlbekannt ist, aber 
f es ist natürlich, dass im Naturzustand die wirkenden 
Bedingungen imter fnst allen Verhältnissen natßriiche 
, »ein werden. E.s wären hier nur ganz besondere Wir- 
kungen aiL-^zunehmen , wie z. B. die aus der Vergesell- 
schaftung von Tieren zu einem .Tierstaat* hervorgehen- 
den. Wie dem anch sei, uns interessiert in diesem Falle 
die Thatäache, dass Abänderungen des Zustandes, wie 
wir uns sie zu nennen gewöhnt haben, durch Natiirein- 
flüase entstehen, dass, um die Worte des grössten Denkers 
Buf diesem Gebiete zu gebraiichen, .oft geringfügige 
Aendenmgen der Lebensbedingungen in bestimmter Weise 
auf unsre ohnehin variabeln Haustiere und Kulturpflanzen 
I einwirken ; * und so wie der Einfluss geänderter Bedin- 
I gungen auf die Hervorrufung allgemeiner oder unbe- 
stimmter Variabilität ukkumulutiv ist, so mag es auch 
seine bestimmte Wirkung sein. Es ist deshalb möglich, 
dasa grosse bestimmte Veränderungen des Organismus 
durch veränderte äussere Bedingungen hervorgerufen 
werden, welche eine lange Reihe von Generationen hin- 
durch wirken. In einigen Fällen hat sich eine merkliche 
Wirkung bei allen oder nahezu allen Individuen gezeigt. 



78 Dil' Vfirinliililftl mwi tier BegtiB des LtbenB. 

welche beträchtlich ea Äenderimgen des Kliman, der Nah- 
rung oder andrer Umstände ausgesetzt waren. Dies 
geschah und geschieht noch immer mit Europäern in den 
Vereinigten Staaten, mit europäischen Hunden in Indien, 
mit Pferden auf den P'aiklandsinsebi, anscheinend mit 
verschiedenen Tieren in Angora, mit fremden Austern 
im Mittelmeer und mit Miiis, der in Europa nus tropiscJiem 
Samen gezogen wird. Wir haben auch Anlass zu glauben, 
dass Organismen im wilden Zustand in verschiedenen be- 
stimmten Richtungen durch die Bedingungen verändert 
werden, welchen sie lange ausgesetzt waren' (Darwin, 
The Variation II. 200). Vergessen wir nicht die bald 
darauf folgende Einschränkung hinzuzufügen, dass ,wenn 
auch zugegeben werden muss, dass neue Lebensbedin- 
gimgen manchmal Organismen in bestimmter Richtung 
verändern, es doch bezweifelt werden muss, ob wohhiater- 
schiedene Rassen oft durch die unmittelbare Wirkung 
veränderter Bedingungen ohne die Hilfe der natürlichen 
oder künstlichen Auswahl sich gebildet haben' (Ebd. II. 
292). Statt natürliche oder kfinstliche Auswahl mag es 
nus vorläufig gestattet sein, mit Moritz Wagner die geo- 
graphisch näherliegenden Begriffe der Wanderung und 
Absonderung am Schlüsse des vorstehenden Satzes ein- 
zustellen, wodurch dena Vorangehenden kein Ein- 
trag geschieht. Wir haben also die Variabilität des 
Menschen nicht so anzuschauen, als ob ge wisser massen 
jeder äussere Einfiuss seine Spur hinterlasse, und zwar 
eine ihm eigentümliche, an der man seine Natur viel- 
leicht sogar wiedererkennen könne, sondern es ist viel- 
mehr der Mensch ein seinen Gesetzen folgender Orga- 
nismus, der auch seinen Gesetzen entsprechend, also 
selbständig, das verarbeitet, was ihm von aussen herzn- 
g ehr acht wird. Dieses eich Behaupten unter äusseren 
Einflüssen, trotz lebhafter Reaktionen auf dieselben, ist 
ein wesentlicher Bestandteil des Begriffes Leben, den 
darum Herbert Spencer am umfassendsten und zugleich, 
nach unsrer Meinung, treffendsten charakterisiert, wenn 
er in ihm die beständige Anpassung innerer Beziehungen 
an äussere Beziehungen erkennt (Principles of Biologj I, 



Alks l.Kben ist bediogt. 



79 



g. 29) und dem Aug. Comte in annähernd demselben 
Sinne eine , Harmonie zwischen dem lebenden Wesen 
nnd dem umgebenden Medium' als charakteristische 
Grundbedingung zuspricht. Wenn die Veränderung einer 
orguniechen Form unter Aenderung der äusseren Ura- 
fitände hente als allgemein anerkannte Thatsache bezeichnet 
werden darf, so ist sogleich als nicht minder allgemeiner 
Erfahrungssatz liinztizufti gen, dass derartige Ver ander imgen 
in der Regel im Individuum sehr bald eine Grenze finden, 
über welche hinaus sie verscli windend gering werden, 
dass nicht alle Lebewesen gegenüber einem gleichen 
Betrag äusserer Einwirkimg gleiches Mass von Verän- 
derung aufweisen, und dass beim Verschwinden gewisser 
Einflüsse sehr bald ein Bückfall in die alte Form statt- 
zufinden pflegt, so dass also die Form, die Individualist 
sich in grossem Masse zu behaupten strebt. Wir sind 
aber doch geneigt, bei der mehrfach hervorgehobenen 
zeitlichen Beschränktheit unsrer Beobachtungen es für 
verfrüht zu halten, wenn Daiwin sagt: »Die Art der 
Abänderung hängt in böherm Grade von der Natur oder 
Konstitution des Organismus als der Natur der verän- 
derten Bedingungen ab' (Ebd. II. 250) i). Man sieht, 
wie wenig begründet einerseits die Annahme, dass die 
Völker gleichsam wie eine plastische Masse in ihre Um- 
gebnngen sich einpassen und mit der Zeit sogar geradezu 
ein Spiegelbild derselben darstellen sollen; wie zwingend 
aber auf der andern Seite die Annahme, dass dieselben, 
weil sie ans lebendigen Wesen sich zusammensetzen, dem 
Gesetze der Variabilität unterworfen sind , folglich der 
Wirkung der äusseren Einflüsse sich nicht zu entziehen 
vermögen. 

lat es nicht Überhaupt ein Fehler, in diesen Diogen sogleich 
tmraer mit MasBen operieren zu wollen, da es sich docli, wie wir 
sehen, nm Wirkungen auf die Einzelnen bandelt, welche an der 
Hasse erst zur Erscheinung kommen. nHcbdem sie aar die Ein- 



') V»r|ilelubo äbrlgsn» ein Ci 



□a an Moritz Wagucir 
inilttelb»rPD Wirkung 



80 Einwurfgeg. ilie ei 



t. Btliinung d. Massen wirkiinj^oi: 



xelnen eich ä 



1 konnten? Wir woüpn hierbei ganz abseilen 



davon, duss bei der gewalligen Wirkung Einzelner auf den Gang 
der Ueschichte der Hensi^hlieit eigenilidi auch die BeeinUusaung 
dieser Einzelnen durch ihre Neturumgebung zu den QegensUnden 
geographischer Betrachtung der Geschichte gehören wärde. So 
gut wir den natürlichen Charakter des Schauplatzes eines grossen 
Krieges zu erforschen und darzustellen streben, Bullten wirwolil auch 
die Einflüsse präzisieren, welche die Jugend eines Helden umgeben, 
der einst die Well erschiiltem und vor allem die geographischen 
Bedingnngen so manches Volkes gründlich vet^ndern wird. Die 
Biographie lehrt uns ja zur Cieniige, dass ticre Eindrücke der 
frühesten Jugend Oft bestimmend auf geschichtlich wirksames 
Handeln der Helden des Schwertes oder Oeiates gewesen sind, and 
sicherlich ist die Natur der grossen Hänner. die ein I.And von 
bestimmter Physiognomie erzeugt, oft ähnlicher als durch die 
Gemeinsamkeit der Tradition, in der aie aufwachaen. allein zu 
erklären n'äre. Ein abgeschlossenes und eigenartiges* Land, das 
Insel und Gebirg ingleich, müsstc, wenn Irgend eines, diesen SatK 
belegen können. Von Korsikas zahlreichen Helden, deren Reihe 
von Sambncuccio bis Napoleon eine ungewöhnlich grosse, hören 
wir Gregorovins hervorheben, wie bei sich gleichbleibenden Ver- 
hältniaseD des Landes einander auch die Charaktere dieser kühnen 
Menschen gleichen; „sie bilden bis auf Paoü und Napoleon eine 
fortlaufende Reihe unermüdlicher tragischer Helden, deren Ue- 
schichte mit Ausnahme des einen Mannes in Mitteln und Schick- 
salen sü dieselbe ist, wie der jahrhundertelange Kampf der Insel 
gegen die Herrschaft der Genuesen. Der Beginn der l.,aufbahn 
dieser Manner. welche alle aus der Verbannung hervork'immen. 
trttgt jedesmal den Charakter des Abenteuers^'' (Korsika I. Kap. 10). 
ünsre Alpenlünder können dieses Zeugnis nur bestätigen. 

Ein andrer Einwurf erhebt sich gegen die her- 
gebrachten Massenoperationen in dieaer Frage. Von der 
Annahme ausgehend, dass jedes heutige Volk mehr- 
typisch gebildet, indem es aus dem Zusammen wachsen 
zweier oder noch wahrscheinlicher mehrerer verschiedener 
Volksbrnchteile entstanden sei, welche zu einer Ei?iheit 
zu verschmelzen bei der Unmhe der Geschichte dieser 
letzten drei Jahrtausende noch nicht Zeit gehabt haben, 
liegt uns die Erwägung nahe, ob die geschichtliche Be- 
thätigung nicht eine Begünstigung des einen oder andern 
Bestandteils der Bevüikerimg durch den gemeinsamen 
natürlichen Boden ihrer Ge.schichte erkennen lassel' Daas 
bei Völkern, deren innere Versclüedenartigkeit noch sehr 
leicht erkennbar vorliegt, eine Art inner volklicher Arbeits- 



Zweilypisclie Volkw. 



81 



I 



teituoR stattfinde, haben tief erblickende Beobachter des 
Völkerlebens nie bezweifelt. Man darf nur uu die jüdischeu, 
artnenifidien, griechisclien, urubisclien, betächuanisclittn u. a. 
Hiiudelsrassen erinnern, die für ganze Länder die Handels- 
und Verkehrsgelegenheiten ausbeuten, an die Schifier- 
völker. die Aehnliuhea auf ihrem Elemente bewirken und 
dasselbe sogar so weit sich aneignen, daaa andere 
Völker von der Berührung durch die See überhaupt ver- 
drängt werden, wovon die Malaien in ihrem Verhältnis 
tu den Papuas oder den Negritos Südostasiens und die Ger- 
manen zu den Kelten und Slawen mancher TeOe Nord- 
und Mitteleuropas hervorragend« Beispiele bieten. Manche 
Völker Laben unzweifelhaft Vorteil von solcher innerer 
Arbeitsteilung gezogen. 

VorlrefTliuli bal M. Chevalier den Vorzug der „Zweilypisch- 
keit" hervurgehobeu, indem er den Virgiuier und den Tankee, 
die Bwei T^'pen des Nordaroerikanera, die selbst noch heute nach 
dem Autbommen des Westens gültig Bind, einander gegenüber- 
stellt: „Es ist kein kleiner Vorzug eines Votkee, tu seinem Schosse 
■wei Typen von efharf auagejirftgter Pliysiognomie zu haben, 
wenn dieselben friedlii^h im Kreis einer einzigen Nationalität eu- 
sammenwirkeu. Eine Nation, deren Individuen sich alle auf einen 
einzigen Typus beicieheu lassen, iat unter den Völkern, woa der 
Hagestuln uuler den Ueuaühen. Sein Leben ist monoton, es hat 
etwas VerschlusseneSn ea bleibt unbeweglicli, nichts treibt es zum 
ForlScbritt un: das alte Aegypten war von dieser Art. Ein zwet- 
typisehes Volk dagegen erfreut slcli, wenn keiner dieser Typen 
eine veroicbtende Ueberlegenheit über den andern gewinnt, eines 
möglichst vollkommenen Dnseina, aein Leben ist ein beständiger 
Auetsuscli von Empfindungen und Gedankea, gleich dem eines 
Eliepaarea. Es liat die Gabe der Friiehtbnrkett, ea erneut und 
verjüngt sieli von selbst. Jede der beiden Naturen raog wechsel- 
weise bändelnd und ruhend sein, das Ganze ist nie unthätig. 
Bald gewinnt die eine, bald die andre das Ueberge wicht, und dsa 
Volk, das Game ziebt den Vorteil verschiedenartiger Begabung. 
Die beiden Naturen regen einiinder wecbelseitig an, bald stützt, 
bald treibt eine die andre, das Volk aber, welctie» dieselben um- 
ichlieaat, ist dadurch lu hohen Geschieken bestimmt." Wir geben 
nicht tiefer auf weitergreifende Ausführungen über einen männ- 
lichen und weibliehen Völkertypus ein, aus deren Verbindung 
nach Chevalier das vollkommenste Volk entaUhen soll. Wir er- 
innern nur tai Stütze des vorhin Gesagten an die Ai'beitsteilung 
der industriellen Wallonen und der seetüchtigen Vlämen, welcher 
Belgien seine alte hohe Blüte verdankt, an das so vielseitig wirk- 
same Hand-in-Uand-gehen aädisischer und romaniacher Elfmente 

R*tlel. A.Dthropü-aoogT4phLp. b 



82 Kiitiirwirkiiiigen bd 

\n Eugland, sachsiscber uod keltiai-lier id Schottland, au die ger- 
maDischen Elemente Spaoiens und Italiens. Abtr vielleit.'ht zeigen 
die Vereinigti:n Staaten einen der bemerk enswertcBten Fälle 
goU-ber Sonderung in der Verbindang des ackerbauenden 
germaniscben und dee gewerbtb&tigen keltischen Einwanderer- 
elements. von denen Jedes rait gleicher Eoei^e sieh auf eine 
andre der zahlreichen Hilfsquellen dieses grossen Landes warf, io 
dasa ihre gemeinsame Arbeit viel grossere Resultate ergab, als 
wenn jedes einzelne in vermehrter Zubl sich beiden Zwecken ge- 
widmet haben würde. So ist weiter im Norden die Ausbeutung 
des Pelzreichtuma der Hudsonsbailänder nur durcli Vereinigang 
der intelligenten L'eberwachung der Weissen mit der zähen Aus- 
dauer der Indianer möglieh gewesen, und in Hittelanierika ist für 
die feuchten Tiefländer der Neger und Negermi schling ebenso 
geeignet, wie der IndiRner Itir die kQblen und trm'kenen Uocb- 

Es ergibt aich hieraiia, dass bei der Abschätzung 
der Wirkimg der Naturbedingungen wie die Individuen 
auch die VolksbrucbtheUe eiu Recht auf Beachtung ha- 
ben. Beide können das Medium werden, durch welches 
die Natur des Landen mächtige Wirkungen auf die ge- 
samte Nation übt. Beherbergt nicht England erst von 
dem Augenblick, wo es .seetüchtige Germanen erhielt, 
eine seefahrende Bevölkerimg? .\ber heute, kann man 
sagen, nutzt die ganze Nation, einerlei welcher Abstam- 
mung, die Inselnatur und die K Osten entwickelung aus, ist 
insgesamt ein Schiffervolk geworden unter Führung 
ihres seetüchtigsten Elementes. 

Dies führt ganz natürlich auf ein weiteres Desideratum: 
In einer Zeit wie der unsren, welche den genetischen 
Grundgedanken in jeile wissenschaftliche Betrachtung 
hineinzutragen bemüht ist. sieht man mit Erstaunen dieses 
wichtige Problem der Rückwirkung der Natur auf die 
Völker ohne jede Rücksicht auf das Werden der letzteren 
behandelt. Wenn ich von einem Volk annehme, daas es 
unter der Einwirkung bestimmter Naturverhältnisse ge- 
wisse Eigenschaften angenommen habe, so ist es offenbar 
für den Erfolg meiner Untersuchung über diese Wirkung 
sehr wichtig, ob ich femer glaube, dass diesen Verhält- 
nissen ein fertiges oder ein werdendes Volk ausgesetzt 
war. In einen Landstrich mit besonderen Natiirverhält- 
uisaen wandert ein Menachenpaar ein, lebt darin und ver- 



weriieiidtii Wilkerii. 



83 



vieltältigt sich und legt damit den Unind zu eiueiu 
Stamme, welcher ein grosses Volk werden kann. Ist da 
nicht die Wahrscheiiiliclikeit einer tiefergreifeiideii Natur- 
wirkting grSaffer, als bei einem Volke, das in grösserer 
Zahl ein leeres Land besiedelt und noch weiter in dem- 
selben sich vervieltliltigt':' Und wird nicht in jenem 
Kalle ilas Ergebnis ein innerlich gleichartigeres Volk 
sein? Man hat beknuntlich die sehr auffallende Gleich- 
ffirmigkeit der amerikanischen Indianer vora Polarkreis 
bis zum Kap Hoorn durch jenen ersteren' Modus der Ein- 
wanderung erklären wollen, dessen Wirkungen, wie man 
wohl beachten möge, noch gesteigert werden müssen durch 
den Umstand, dass Länder, die von Anfang an grossen 
Zuwanderungen nicht günstig gewesen, auch späterhin 
die Zumischung fremder Elemente und damit die Trübung 
der aus dem Zusnnmienwirken der Erblichkeit aus be- 
schränktem Stamme imd der Naturuuigebimg resultieren- 
den neuen Volksnatur in der Regel nicJit begünstigen 
werden. Die oft hervorgehobene Aehnlichkeit einzelner 
Inselvölker unter sich scheint zu beweisen , dass indivi- 
duelle Variationen mit der Zeit auf ganze Völker vererbt 
und dadiirch höchst wahrscheinlich auch Wirkungen von 
Natureijiflflssen, welche jene erfahren, sehr weit ausge- 
breitet werden konnten. Günstig wirkt in dieser Hin- 
sicht, wie Moritz Wagner hervorgehoben hat. bei Neu- 
eingewandertender weite Raum mit günstigeren Nahrungs- 
und Wohnverhältuisseu, welche bei Völkern geradezu 
eine soziale Verjüngung hervorrufen, beruhend auf dem 
leichteren Erwerb, der grösseren Selbständigkeit der Ein- 
zelnen und Familieu, der hofihimgs volleren Stimmung. 
welche das Bewusstäein praktisch fast unbeschränkter 
Expansionsfähigkeit unfehlbar erzeugt und welche, wenn 
auch nur Stimmung, gerade als solche vom grössten Ein- 
fluBS auf die Bildung des Volkscharakters ist. Wir ver- 
muten, dass so manches, was von rapider Umänderung 
des Körpers und Geistes der Europasöhne in Amerika 
und Australien gesagt wird und was Darwin mit mehr 
Bereitwilligkeit als wir hier fttr ge))oten erachten würden, 
auf das Klima zurückführt (s. u. S, 87), grossenteils durch 



S4 Wirkung der Naturbedingutigeii 

di<;ses ebengeiiannte soziale Medium hindurch gewirkt hat. 
Hier wird vielleicht ein Fehler begangen, der ein grosser ist 
und in Untersuchungen auf diesem Gebiete sehr häufig zu 
Tage tritt, wir meinen die Vernachlässigung gewisser Mit- 
telglieder, welche zwischen Wirkungen, die unzweifelhaft 
vor Äugen liegen, und deren entfernteren natürlichen 
Ursachen, sich einschieben. Diu Neigung, in gerader 
Linie statt auf den Umwegen der mittelbar wirkenden 
Ursachen vorzugehen, führt ähnlich wie die Vernachlässi- 
gung der grossen Zeiträume entweder zu falschen Ergeb- 
nissen oder zu der Behauptung, dass richtige Ergebnisse 
überhaupt nicht zu erreichen seien. Die meisten Wir- 
kungen der Natur auf das höhere geistige Leben voll- 
ziehen sich z. B. durch das Medium der wirtschaftlichen und 
gesellschaftlichen Verhältnisse, welche ihrerseits auf das 
innigste miteinander verbunden sind. Niemand zweifelt, 
daaa von der Zusammensetzung eines Volkes sehr viel 
für seine Bildung, seine Sitten, seine Politik abhänge, 
aber das Beispiel Montesquieus, welcher im 18. Buche 
des , Esprit des Lois" sehr anregende Untersuchungen 
über die Beziehimgen zwiechen Boden und Gesellschaft 
mitteilt, hat wenig Nachahmung gefunden. Bnckles 
Versuch im 2. Kap. seiner Einleitung steht noch fast 
allein. Um so grösser sind gerade hier die Irrtümer. 

Aua Aeu kUinen Verliältnissen Altgriedieulauds heraus kam 
ätrabo zu der Aosicht (Lib. II. 103), dass alleg in den Vi>lkeruciter- 
Bchieden Gewobiiheit und Erziehung sei, dasE niclil durcb die Natur 
ihres Landes die Athener gebildeter, die Lahedümonier und The- 
baner »uwissender seien. Dabei steht indessen die Fi-age ofTen, 
inwieweit Gewohnheit and Eriiehung ihrerseits unabhängig von. 
der Natur des Landes sein können, und vur allem, ob nicht der 
»oiiale Aufbau, die gesellschartliche Gliederung von natürlichen 
Gegebenheiten abhängig sind, welche auf diese Weise mittelbar 
und doch ohne sehr weiten Cmweg Bildung. Erziehung, überhaupt 
alles Geistige SD tief wie nur müglidi zu beeinUussen vermögen- 
Die Alten Helbcr hahen nie d«n Einlluss verkannt), den bei den 
Lakedämoniern das Vorwalten des Ackerbaues, der in den da- 
maligen Verhaltnissen keinen ReiehLum mit sieh brachte, auf den 
sgzialen Charakter und damit auf das ganze Staatsleben übte. 
Thukydides lässt den Perikles seineu Athenern sagen: Die Pelo- 
ponnesier leben von ihrer Hände Arbeit, und haben weder einsBln 
noch in der Staatskasse Geld , ferner kennen sie keine langwie- 



durch ein suziaks Meilium. 85 

rigen uml überseeischen Kriege , weil sie bub Armut nui' kurze 
Z«it Krieg gegeneinander aelbsl unternehmen. Solche Leate kön- 
nen weder Schiffe, die eie bemannen müssen, noch Landheere oft 
ausBcnden, indem sie dann von ihrem Eigentum entfernt aind (I. 
141). Unit Plutarch erzählt im Solon, wie nach dem kiloniachen 
Aufstand die Athener in ihre alten inneren Streittglteiten ver- 
fielen . wobei ea ebensoviele Parteien wie BodenbeschatTenheiten 
Sab: Die Bergbewohner wollten das demokratische Regiment, die 
er Ebene dns der Fürsten, und die am Heere wohnenden wünsch- 
I ten sich ein Mittelding zwischen beiden. Auf die Thatsacbe., dasa 
i die Landbauer ebenso wie die Kauflente lor allem Ruiie im Staat 
' haben wollen, wobei es ihnen auf die Staalsform wenig ankommt, 
haben Politiker im Altertum so gut wie in der nenen Zeit gebaut. 
Wir werden in nnsern spateren Darlegungen eine Masae von 
VerhÜltnissen kennen lernen, die unmittelbar von der Natur ab- 
hängen und ihrerseits nicht minder frnchlbar an grossen Wirkungen 
aaf iig;end einem geschichtlichen Gebiete sind. Bei letzteren allen 
liegt dann einer Jener beiden Lrtümer immer nahe: entweder un- 
mittelbar auf die Natur zurückzugehen oder jeden Zusammenhang 
mit ihr zu leugnen. Immer wieder die beiden alten Extreme. Hier 
r als Beispiel und Gegenstück jener etrabonisehen Behanp- 
I tong angeführt^ wie leicht unmittelbare Wirkungen des Kultur- 
\ znstandes eines Landes mit solchen seiner Katar überall da ver- 
wechselt werden, wo letztere scharf hervortritt, die merkwürdige 
Thatsache, dass von fast allen Landern, wo Europäer in grösaerer 
Menge Kolonien gegründet haben, behauptet wird, sie hatten ein 
snfregendes Klima. Mnn kennt diese Behauptung von Nord- 
amerika, Australien und Neuseeland, Die itit aber auch (durch 
Bleek] selbst vou Natal gemacht worden: ,.Eine krankharte Ge- 
reiztheit ist der durchgehende Gemüthszuslanrl hier zu Lande. ^^ sagt 
letzterer. 



Diese naheliegenden Irrthümer, welche stets auf dag 

Uebersehen eines Mittelgliedes zurückfahren, wollten wir 

hier besonder« hervorheben, weil wir sie zu den friicht- 

baren rechnen. Sie können uns nämlich einen Wink geben, 

I in welcher Richtung nicht bloss sie selbst zu vermeiden 

"ren, was allein schon sehr wünschenswert, sondern 

auch, in welcher die beste Einsicht in das wahre Wesen 

I der zunächst auf geistiger Basis ruhenden Einrichtungen 

[ der Gesellschuften und Staaten ku gewinnen sei. Es ist 

[nämlich, scheint sich uns klar zu ergeben, immer von 

I der Naturgrundlage zu deren ersten Wirkungen und von 

1 diesen zii den weiteren überzugehen: indem viele von 

i jenen sich in diese fortsetzen, kann man nur so der Ge- 



)|l(i Kelimen mit ilfui Wachstum der Kiiilur 

fahr entgehen, die Üussersteii. aber wichtigsten Wurzeln 
wegen ihres Tiefgehens zu übersehen. 

Die Reüie der Einwürfe und Einschränkungen be- 
schliesaen wir mit einer kurzen Beleuchtung einer schon 
oben erwähnten (S. 54) irrigen Auffassung eines WechseL" 
in der Stiirke der Naturbedinguiigen je nnch dem Knltiir- 
grade. 

Es ist sicherhch eine irrige Auffassung, wenn man 
migt, die Völker lösen sich immer mehr vitn der Statur 
loa, die ihre Unterlage und Umgebiuig bildet. Es genfigt 
ein Blick auf die mit zunehmender Kultur und Bevöl- 
kenmgsdichte wachsende Wichtigkeit des Wirthschafts- 
lebens, um sich zu überzeugen, dase diese Lostösung 
keine absolute jemals sein wird, demi diese Seite der 
Thütigkeit eines Volkes ist inniger als viele andern mit 
der Natur des Landes Tcrknüpft. in dem sie zur Bethä- 
tigung kommt. Grossbritanniens, Deutschlands. Belgiens 
gesamte Kultur ist heute viel mehr als vor 100 Jahren 
von den Schätzen an Kohlen und Eisen ubhäugig , mit 
welchen die Natur diese Länder ausgestattet hat und in- 
sofern ist dieselbe durth ein neues Band, das früher 
kaum vorhanden war oder nicht zum Bewusstsein kam. 
an den Boden gebimden. So nützt heute Grossbritannien 
mit O'i Millionen Toimen Kaumgehalt seiner Handels- 
flotte seine Kiistenlauge und Hafenreiclithum gründlicher 
als zur Zeit Cromwells, wo derselbe nicht den lOti. Teil 
betrug. Und Russlund zieht seit Erfindung der Eisen- 
bahnen, von welchen es jetzt 24,Oni) Kilometer besitzt, 
aus seiner dem Bau dieser Art von Verkehrswegen so 
günstigen ebenen Bodengestatt einen Nutzen, der ihm 
noch vor 35 Jahren, als es 0844) den Etsenbahnhau 
eben begann, wie ein totes Kapital im Boden vergraben 
war. Es lässt sich als eine Regel bezeichnen, dass ein 
grosser Teil des Kidturfortschrittes in derselben Riclitimg. 
nämlich der einer eindringende ren Ausnutzung der natür- 
lichen Gegebenheiten sich bewegt und das» in diesem 
Sinne dieser Fortschritt innigere Beziehungen zwischen 
Volk und Land entwickelt. -Ja man kann noch allge- 
meiner sagen, das» die Kultur einen viel innigeren An- 



dii; KatiirliediTigungen iibV 



87 



I 



schluss der Völker jlh ilireii Boden niit aicli führt. Die 
einfache Betrachtung der ffeographiachen Verbreitung der 
Völker läset bei den Naturvölkern Lücken erkennen, die 
bei den Kulturvölkern unmöglich sind und man sieht 
sehr bald, dass eben ihre gesamten Lebensverhältnisse 
nicht von der Art sind , um ihnen ein Festhalten und 
Ausbeuten der günstigen Bedingungen eines bestimmten 
Wohnplatzes zu gestatten, wahrend dieselben ihnen oft 
auch wieder nicht gestatten, dem Druck ungünstiger 
Einflflsse sich zu entwinden , was dann als eine stärkere 
Wirkung der Naturbedingnngen fälschlich vorj uns ver- 
standen wird. Der Ngami-See in Südafrika ist samt 
seinen Umgebungen eine der wild- und fischreichsten 
Regionen der Erde, aber wie wenig nützen dies seine 
Umwohner aus, die nur wenige Kühne und schlechte 
Waifen besitzen und alle paar Jahre mitten im Ueber- 
fluas von Hungersnot heimgesur.ht werden'. Man erinnere 
sich der abergläubischen Speiseverbote , welche z. B. fttr 
fast alle Kaffernvölker Südafrikas den Fischreichtiun ihrer 
Gewässer wie des Meeres brach legen, und damit eine 
Verbindungsader zur Mutter Natur unterbinden, die an- 
dern Lebensblut und breitere Fortschrittsmöghchkeiten 
auftlhrt. Da es bekanntlich in Worten ist, dass wir 
denken, so liegt auch hier viel an dem Worte Naturvolk. 
Aber dies soUte nicht bedeuten ein Volk, das in den denk- 
bar innigsten Beziehungen zu der Natur steht, sondern 
das, wenn der Ausdruck gestattet ist, unter dem Natur- 
zwang lebt. Wenn daher wohl von Ethnographen die 
Behauptung ausgesprochen wurde , dass im Cregeosatz 
hierzu die Entwickelimg zur Kultur in einer immer weiter- 
gehenden Loslösung von der Natur bestehe, so darf man 
betonen, diiss der Unterschied zwischen Natur- und Kidtur- 
voik nicht in dem Grade, sondern in der Art dieses Zu- 
sammenhangs mit der Natur zu suchen ist. Die Kultur ist 
Saturfreiheit nicht im Sinne der völligen Loslösimg, son- 
dern in demjenigen der vielfältigen weiteren und breiteren 
Verbindung. Der Bauer, der sein Korn in die Scheune 
sammelt, ist vom Boden seines Ackers endgültig ebenso 
abhängig, wie der Indianer, der sich im Sumpfe seinen 



88 






Wasserreis erntet, den er nicht geaäet hat ; nber jenem 
wird diese Abhängigkeit minder schwer, weil sie durch 
den Vorrat, den er weise genug war. sich zu sammeln, 
eine lange Fessel ist, die nicht leicht drückt, während 
diesem jeder Sturmwind , der die Äehren ins Wasser 
ausschüttelt, an den Lebensnerv rührt. Wir werden nicht 
von der Natur im ganzen freier, indem wir sie einge- 
hender ausbeuten und studieren, wir machen uns nur von 
einzelnen Zufällen ihres Wesens oder ihres Ganges un- 
abhängiger, indem wir die Verbindungen vervielfältigen. 
Deswegen hängen wir, wie jede Seite der folgenden 
Kapitel zeigen wird, entgegen Ritters, Waitz' u. A. 
Meinungen, eben wegen iinerer Kultur am innigsten von 
allen Völkern, die je gewesen, mit der Natur z 



6. Die Lage und öestalt der Wohnsitze 
der Menschen. 



I. Kontinente, Intieln nni) Halbinseln. 



: Vei-t 



enschen. InterkonlinenUlc Völkergrnppen : 
Hyperboreer, Hittetläuder, Halaio-Polynesier. D'if Bewohner der 
insularen Erdteile. Absondemng der loselvölker. üebersicht der 
in geschichtlicher Zeit iinbenohnlen Inseln. SclilüSBe, die eich 
darsoB ei^ben. Litlorale Verbreitung der Völker. Geschicht- 
liche Stellung der InseWölker. Förderung nnd Hemmung 
ihrer KnJttirent wickelang durch die Abschliessung, Schranke, 
welche derBelben auch unter günstigen Cmsl&nden durch die Enge 
und Zersplitlerung der Räume gezogen wird. Vermittelnde Stel- 
lung gewiseer Inselgruppen. Geschichtliche Stellung der 
Hftlbinsel Völker. Absonderung nnd Vermiltelung. Geographi- 
sche VersUrkung der ersteren. üescliichlliche Slelliing Arabien«. 
H&l bin Muri ige Stellung entlegener Landräume: Siidal'rika, Gallia. 
Die geschichtliche Rolle der Nord- nnd der Siidhaihknget. End- 
und Randlage. Innen- und Anspenseile der Kontinente. 



Wohnsitze der Jien 



I 



Qmndidee. Nichts ist in der Betrachtung 
der Natnrbedingungen der Geschichte wichtiger 
als die strenge Auseinanderhaltiing des dauernd 
Bewohnbaren und Unbewohnbaren. Da das Land 
das Bewohnbare, das Wasser aber das wesentlich 
Unbewohnbare ist, zeigt die Verteilung des erste- 
ren durch das andre hin die Anordnung der auf 
der Erde dem Menschen zw dauerndem Wohnen 
und Wirken bestimmten Räume, und weil der 
Mensch, auf das Waaser sich begebend, immer 
wieder zum Lande strebt, die grossen Wege 
nnd Ziele seines Erdenwanderns an. 

In der Verteilung des Festen auf der Erde erscheint 
uns als die wichtigste Thatsache das dreifache Ueber- 
gewicht der zusammenhängenden Masse des Waswers, des 
Weltmeeres, über das Land, welche zu der folgenreichen 
Trennung des Festen in eine grosse Anzahl von grossen 
und kleinen Landmassen ftihrt. die wir Kontinente und 
Inseln nennen. Diese Landmassen, deren es nur drei 
grosse, kontinentale, aber viele Tausend mittlere und 
kleine gibt, sind unter sich durch mehr oder weniger 
grosse Teile des Meeres getrennt. Aber diese Trennui^ 
wird gerade für die grösseren und mittleren Landmassen 
minder wirksam durch die häutige Einschaltimg kleinerer 
Inseln und femer dadurch, dass in verschiedenen Teilen 
der Erde, die aber alle der Nordhalbkugel angehören, 
die grösseren Landmassen einander sehr nahe treten. 
Femer dadurch, dass die letzteren häufig mit fast insel- 
haft tosgelösten Abschnitten, Halbinseln sich in das Meer 
hinaus und einander entgegenstrecken, .\nderseits darf 
als ein ungünstiger Umstand betrachtet werden der Maugel 
mittlerer Landraassen in den weiten Waswerödeu des Welt- 
meeres, wo man in der Regel nur kleineren Inseln imd 
Inselgruppen begegnet, während jene alle in der Nähe 
der Kontinente liegen, mit Ausnahjue der im Eis be- 
grabenen Nord- und Süd polarl ander. 



90 



UeLiBraicIll der LiiTnlviTttilung. 



Folgende Uebetsicht der Göstaltungs- und Verteiiimgs- 

verhältniase des Festen dfr Erde ist mit beaonderm Be- 
zug anf die geschichtlichen Wirkungen entworfen, welche 
ans diesen hervorgehen: 

1. SelbstaDdige Landmasaco. 

A. Erdteile. Selbstundig durch GrüsEe. welclie alles xur 
Kultur Notwendige, vor allem auch eine grüBse UeDschea- 
zalil, darzubieten^ bezw. eu erhalteu im stände isL 

a. iDSulare Erdteile: Australien. 

b. Nachbarliclie Erdteile, die nur durch «ciimale Heere»- 
teile TODeinander getrennt sind: Amerika, Asien. 

c. Peninaulare Erdteile: Europa^ Afrika. 

B. Inseln, Selbständig durch Lage, welche sie weit von 
Erdteilen ödem andeni Inseln entfernt. 

a. Ozeanische Inseln: durch die gross tmöglichr Ent- 
legenheit am selbständigsten: St. Helena, 

b. Zu Gruppen von Inseln gehörige ozeanische Inseln. 
dadurch minder selbständig: Hawai. 

c. Durch betrachtliche Grösse sich der Selbslündigkeit 
der Erdteile annähernd und dadurch die minder 
selbständige Lage aufwiegend: Grönland, Neuguinea, 
Madagaskar, im Kultursinn sogar noch Ürose- 
brilannien. 

11. Unselbständige Laudmassen. 

a. KüBleninseln. die nicht ohne ihren Erdteil zu denken 
sind: Euböa. 

b. Nahe Inseln: Farmosu, 

c. Inseln der Binnenmeere, die vom Lande iimBchlossen. 
daher auf verschiedenen Seilen demselben nahe und 
zugleich häufigem Verkehre ausgesetzt sind: Haiti. 
Korsika, Seeland. 

d. GriippeoinselD, die nicht aus der Zugehörigkeit zu 
andern zu lösen sind: Tahiti, Mayotte. 

Bei der Beschränkung der weitaus grössten Zahl 
der Menschen uuf das Land, welche daraus folgt, das» 
der Mensch ein landbewohnendtjs Wesen, prägt sich die 
Anordnung des Festen und Flüssigen auf der Erde, deren 
Hauptzug die Gruppierung des ersteren zu zwei grossen 
Landoiitssen — Asien- Europa- Afrika- Australien uuf der 
einen, Amerika auf der andern — zimäi-hst in der geo- 
graphischen Verteilung der Menschenrassen au». 
Halten wir für jetzt nn den filnf alten Blumenbach'schen 
Rassen fest, die wir allerdings nur als Hypothese annehmen 
dRrfen, so gehört die rot« oder amerikanische ausschlieas- 



Die Erdteile und die MenacheurasBeN. 



fll 



f lieh der einen dieser Landmassen , der westlichen oder 
I amerikanischen an, während die vier andern in die öst- 
liche Landniasse sich teilen und zwar in der Art, daas 
t^e Kaukaeier hanpteiichlich in Europa und Westasien, 
■4ie Mongolen in Ost- und Imierasien , die Aethiopier in 
lAlrika und die Malaien in Australien wohnen. Das 
[eigentliche Australien ist der einzige Teil der östlichen 
iLandmasse. welcher inselhaft gesondert ist von den äu- 
ssern . und es ist bemerkenswert , dass er zugleich der 
■einzige ist, welcher vor der europäischen Einwandening 
(fiur von einer einzigen Raase bewohnt ward. 

Wir dürfen also als einen ersten Schlitss aus der 

■i^trachtung der geographischen Verbreitung derMenschen- 

ssen hervorheben, dass die einzigen von den fünf Erd- 

|teilen, welche von Einer Rtisse ursprünglich ganz oder 

t aosschliesslich bewohnt waren, Amerika und Australien 

ind, d. h. diejenigen, welche zugleich als Insel-Erdteile 

Idendrei untereinander znsammenh ängendenEuropa-Afrika- 

l Asien gegenüberstehen. 

Eine zweite Hauptthiitsaehe der Verteilnng der Land- 
seen über die Erde ist ihr Zusammentreten im Norden 
Ktmd ihr Auseiniinderstreben im Süden. Auch diese prägt 
sich denthchst in der Verbreitung der Rassen aus, denn 
leine und dieselbe Völkergruppe, welche von einigen ak 
■liesondere .hyperboreische Rasse", von ims indessen nur 
^als Zweig der mongolischen aufgefasst wird, bewohnt 
alle nördlichsten Teile der Erde, sowohl in der Neuen als 
der Alten Welt, soweit dieselben überhaupt bewohnt sind. 
Sie bildet entsprechend den Verhältnissen in der Pflanzen- 
iind Tier -Verbreitung eine einzige zirkumpolare 
Völkergruppe. Im Gegensatz zu dieser ethnographischen 
Einheitlichkeit der arktischen steht die ethnographische 
Zerteilung der antarktischen Region. Dort finden wir 
die letzten dauernden Bewohner auf den Südspitzen der 
drei Erdteile Afrika, Amerika, Australien und dieselben 
gehSren ebensovielen Rassen an als dies Erdteile sind. 
Ist diese EinheitUchkeit der Bewohnerschaft des 
E fernen Nordens eine Wirkung der dortigen grossen An- 
I näherung der Erdteile , die durch die gewaltigen sich 



!I2 



tinentftle RüBser 



zwischenscIialteiideD Eiaumsseu ja nahezu eine Verschmel- 
zung wird, so darf man erwarten, eine ilhnliche Einheit- 
lichkeit auch dort zu finden, wo in ähnlicher Weise, wenn 
auch vielleicht nicht ganz so innig, die Erdteile einander 
nahetreten. Nirgends findet dies nnu so entschieden statt 
wie im Umkreise des Mittelmeeres . wo Asien, Afrika 
und Europa so nahe zusammentreten, dass wir regem 
Völkerverkehr der drei Erdteile dort schon im Beginn 
der ältesten Geschichte begegnen und Spuren solchen 
Verkehres in die vorgeschichthchen Zeiten zurück verfolgen 
können. Es ist nicht ohne guten Grund, dass man in 
neuerer Zeit für die kaukasische Ra.sse den Namen .mittel- 
ländische Kasse' in Anwendung gebracht hat, weil die 
Wohnsitze dieser Basse rings um das Mittelmeer in den 
drei dasselbe umschliessenden Erdteilen gelegen sind. 
Dabei Jat aber wohl zu erwägen, dass gerade diese An- 
näherung zur Bildung einer „guten" Rasse nicht ifihren 
konnte. Thatsächlich beruhen diese beiden geographi- 
schen Benennungen ,zirk unipolare' und „mittelländische* 
Kasse auf sehr ähnlichen geographischen Verhältnissen, 
nämlich auf dem nahen Zusammentreten der sonst weit 
voneinander getrennten Landmassen. 

Noch an zwei Stellen der Erde findet man Anna- 
henmgen von Erdteilen, wenn auch nicht in so ausge- 
dehntem Masse wie um den Polarkreis und in der 
mittelmeerischen Kegion. Es ist in der Behringsstrasse 
imd in der Inselwelt Südasiens. Die.se baut eine Insel- 
brüeke zwischen .A.sien und Australien, während in jener 
Amerika mit seinem uordwestiichsten und Asien mit sei- 
nem nordöstlichsten Ende so nahe zusammentreten, dass 
nur noch eine Meerenge von Kl Meilen Breite dazwischen 
liegt, aus welcher aber zum Ueberfluss Inseln sich er- 
heben, die diese Entfernimg noch verringern. Ist es 
anifallend, dass wir auch hier eine und dieselbe Rasse 
auf dem Boden zweier Erdteile finden ? Die Völkerkunde 
lehrt sprachliehe Beziige nnd deutliche Anklänge, wenn 
nicht Uebereinstimmungen zwischen den Bewohnern Nord- 
ostaaiens und Nordwestamerikas . Anklänge, die dann 
nordwärts sich in die polaren Regionen fortsetzen, so 



1 enl.lügcnpii Rnöa 



03 



I dass man »icli berechtigt glaubt, in den Nordwestame- 
rikanern iind Nordostasiaten Glieder der hyperboreischen 
oder zirkumpularen Völkergruppe zu erkennen. Die 
Malaien aber sind nicht bloss in der ganzen südasiatischen 
Inselwelt verbreitet, sondern gehen Über dieselbe hinaus 
in jenen Teil Australiens, welchen man Polynesien 
nennt; dort wohnen sie von Neuseeland bi« nach Formosa 
und von der äussersten Weatgrenze, ob man nie nun hei 
Celebes oder den Marianen ziehe , bis zur letzten be- 
wohnten Insel im ÜHten, der Osterinsel. 

Welchen andern Schluss ergehen diese Thatsachen, 
als daas die Erdteile, wiewohl in ihrer grössten Ans- 
dehiiung jeweils von einer Rasse bewohnt, dort wo sie 
sich am meisten einander nähern, zum gemeinsamen 
Wohnplatz einer imd derselben Rasse werden? 

Es wurde bereits daraut hingewiesen, das8 die Erd- 
teile anderseits sehr weit verschiedene Rassen dort hegen, 

J wo sie am weitesten voneinander abstehen. Man würde 

I sagen, die weitest verschiedenen, wenn eine Gradabstufung 
der Verschiedenheit nicht allzuschwer zu bestimmen 
schiene. Wir hüben gesehen, wie der Gegensatz zu der 
Uebereinstimmuug der zirknmpolaren Völker in der grösst- 
denkbaren Verschiedenheit der Bewohner der drei südhemi- 
sphärischen Teile Afrikas, Amerikas und Australiens her- 
vortritt, die in ihren menschlichen Bewohnern keine ge- 
ringere Trennung erkennen lassen, als in ihrer geographi- 
schen Lage. Aehnliches tritt un.s entgegen, wenn wir die 
am Mittelmeer von Einer Rasse bewohnten Erdteile A.sien, 
Afrika und Europa an den von diesem «inneren Meere* 
entlegensten Punkten ins Auge fassen. Wir finden 
Aethiopen in Südafrika und Südostasien und Mongolen 
m Nordeuropa. Amerika imd Asien gehen an den Vor- 

1 gebii^en Hoorn und Comorin ebensoweit in ihren Be- 
völkerungen auseinander, wie sie an der Behringsstrasse 

' ähnlich sind, und so sind die Ostaustralier weit ver- 

[. schieden von den Westasiaten, entsprechend der grossen 
Entfernung, weiche sie trennt, während in der Mitte der 
Linie, die sie verbindet, die Malaien beiden Erdteilen 

I gemein sind. Man darf aus diesen Thatsachen den 



94 Iiieelvölher. 

Schluss ziehen, ünni- rtie Bevöikeniiigen der verachiedeneu 
Erdteile einunder am unähiilichaten da sind, wo sie räum- 
lich weit voneinander entfernt liegen. Ein besonderer 
Fall dieses Gesetzes liefet in der bemerkenswerten Er- 
scheinung vor, dass eine Insel, welche zweierlei Bevöl- 
kerungen umschlJesst , hänfig nach zwei verschiedenen 
Seiten Aehnlichkeiten aufweist mit grösseren Völker- 
gruppen, die nach diesen Seiten hin wohnen. So ist 
z. B, der China zugewandte Westen von Forraosii chinesisch, 
der dem Stilleu Ozean zugewandte Osten malaiisch, und 
so ist der malaiische Teil von Madagaskar der dem 
malaiischen Wohngebiet zugewandt« östliche und ebenso 
der ffermanischste Teil von England der Deutschland am 
nächsten liegende. Diese Erscheinung lässt sich in das 
lokalhistoriache Detail verfolgen imd so findet man z. B,, 
dasH auf Korsika Caivi und Umgebung stets die festeste 
Stütze der Genuesen war. 

Nicht immer sind so grosse Entfernungen der Län- 
der nötig, wie wir sie eben angenommen, imi sehr be- 
deutende Unterschiede ihrer Bewohnerschaft zu erzeugen. 
Es genUgt, dass ein völkerscheidendes Element zwischen 
zwei Wohngebiete tritt, wie wir es in Afirika in den 
Wüsten der nördlieien und südlichen Piiasatregion, in 
Amerika in den Kordilleren, anderwärts in Meere.sarmen 
wirksam werden sehen. Aber offenbar sind immer die 
Meeresgrenzen die wirksamsten. Es zeigt sich dies in 
der Bevölkerung der Inseln. Die Torres - Strasse 
scheidet die Papuas von den Australiern, die Bass-Strasse 
diese von den Taaiiianiem. die Mozambique-Straase eine 
halbmalaüsche Bevölkerung Madagaskars von den Negern, 
die Fukian-Strasse die Malaien Forniosas von den Chi- 
nesen. Im Vergleich mit allen andern natürlichen Qrenz- 
scheiden der Völker sind die vom Meere gebildeten da- 
durch ausgezeichnet, dass sie absolut sind. Weim die 
Sahara oder das Himalayagebirge wegen ihrer Unwohn- 
lichkeit im allgemeinen völkerscheidend aufirt-ten, so 
sind sie selbst im einzelnen doch nicht so durchaus un- 
wohnlicb. dass nicht von der einen oder der andern Seite 
Völker sich auf ihr Gebiet ausbreiten und den Grenz- 



rieb in bunter Miecliutig bewuhneii küimen. Die Qrenze 
wd ' hier durch eiue neutrale, gemischte oder vermit- 
telnde Zune gebildet. Aber das Wasser als dauernd \m- 
bewohnbares Element bildet die möglichst scharfen Grenzen 
und sü kommt es, dass wenn aucli Inselbevölkerungen 
gewöhnlich im allgemeinen übereinstimmen mit dtr Be- 
rölkeruiig des nächstgelegenen Festlandes, sie doch weiter 
ron den einzelnen Gruppen desselben abweichen, als 
liese voneinander. Der Unterschied der Tasmanier von 
igend einer Gruppe der Australier war grösser als die 
Pnterschiede der entlegensten Gruppen der letzteren von- 
inder, und so stehen die Kelten Grossbritannieus den 
^rigeu Völkern Europas so scharf geschieden gegen- 
'yer, wie es weder vom romanischen, noch germanischen, 
ich slawischen Stamme behauptet werden könnte. Die 
H&panesen weichen körperlich und geistig weiter von 
len andern Mongolen ab als z. B. die hochkultivierten 
fphinesen von den rohen Buräten. Und doch wohnen 
Mich Chinesen und Japanesen sechsmal näher als Chinesen 
tind Buräten. Ja, darf man nicht selbst behaupten, dass 
die heutigen Briten trotz ihrer nahen Verwandtschaft mit 
kontinentalen Völkern weiter von diesen in Sitten und 

f Gebräuchen abweichen als die letzteren untereinander!' 
Sind das trotz des alten, massenhaften, unaufhörlichen 
Verkehres zwischen diesen Inseln und ihrem Festlande. 
Kant hat an verscliiedenen Stellen Beiner Anthropologie den 
imiilaren Charakter der Engländer trefTend gezeichnet, so be- 
sondere im AbediniU über den National Charakter, wo er den 
Nagel auf den Kopf trilTt, indem er djeeem Volke, im Gegenaats 
la allen nndern. einen Charakter zuschreibt, ^den es sich seibat 
angPSchafTt hnt". Damit ist Übrigens nicht bloBS eine Folge der 
AbBonderung von der abschleifenden unmittelbaren Beriilirung 
mit andern Völkern angezeigt, BOndern mindeetens cbensOBehr 
eine Art der Ausprägung jenes Oefühjes von Sicherheit, weiches 
den luBulanem überall eigen und zur benussten Ablehnung des 
Fremden, nenn nicht zur Bekämpfung desselben niUrl. „InsulBDer 
sind Immer aufsäEsig, weil sie sich in ihren natürlichen Testen 
sicher fühlen," schreibt LivingaWne nach seinen Übeln Erfahrungen 
mit den Bangweolo- Häuptlingen Matipa und Kuhinga (1BT3]- 
Wie sehr diese Regel ins einzelne tu verfolgen ist, lehren die 
Eigentliml ichkeilen selbst so kleiner Insel bevOlkerungen wie 
onerer friwiseiien Eilande, der Färber, sogar der Insel Man, die 



9() 



Lage: und Verteilung 



(lucli nur selimale Meeresstrcckeu vom Lunde trennen. In be- 
sonders Lervorragender Welse, scheinen eich auch die kleineren 
Inseln des Japanischen Meeres durch Unlerediiede ihrer Bewohner 
ouszuieichnen. So a. B. Fries Island, dessen 4000 Einwohner 
[lieh u. a. durch Grosse und Helirsrbigkeit. sowie geechtetere 
Stellung ihrer Frauen, Unbeknnntechalt mit Musik und Tanz, 
Nichtbeeitz von Waffen und Geld (aller Handel ist Tansch- 
handel) unterscheiden. (Hodges in Trans. R. Aaiat. Soc. of 
jB|«>n. Vol. V, S. 1.1 

Die Bevölkerungen der Inseln sind in einigen Fällen 
völlig undre als die des näclistgelegenen Festlandes oder 
der nächsten grösseren Insel; aber aiich wo sie «rsprting- 
lich derselben H&sse oder Völkergruppe angehören, sbid 
sie immer weit von derselben verschieden; und zwar, 
kann man hinzusetzen, in der Regel weiter als die ent- 
apreehenden festländischen Abzweigungen dieser Rasse 
oder Gruppe untereinander. 

Am schärfsten ist die völkerscheidende Funktion des 
Meeres ausgesprochen in den ursprünglich unbewohn- 
ten Inseln. Diese stellen die einzigen selbständig ab- 
geschlossenen Erdräiune dar. welche ursprünglich ohne 
jede menschliche Bevölkenmg waren oder noch heute 
es sind. Die wichtigsten von ihnen sijid folgende: In 
der Polarzone Spitzbergen, Jan Mayen und Bäreninsel, 
Franz -Josephs-Land, Nowaja Semlja, die ueusibirischen 
Inseln, Wrangeis- Land, die Inseln des nord amerikani- 
schen Polar- Archipels nördlich von Melville- und Lan- 
caster-Simd. In Europa Island, die Faröer, Lofoten, 
Madeira, die Azoren. In Asien die westlichen Aleut«n 
und viele von den Kurilen. In Afrika die Kap Verden 
und die Amirauten. In Amerika die Bermudas- und 
Falkl an ds- Inseln im Atlantischen und, mit Ausnahme der 
Aleuten, alle nicht unmittelbar an der Küste gelegenen 
Inseln im Stillen Meere, wie die Kevillagigedos, Galo- 
I)agos, Chinchas. In Polynesien eine Anzahl von kleinen 
Inseln, vorzüglich KoraÜeninseln und kleinere Vulkan- 
iiiseln. Unter den ozeanischen Inseln alle im Atlanti- 
schen und Indischen Ozeiui, dann alle Inseln und allen 
Land südlich vom Parallel des Kap Hoorn. Fasst man 
die Lage dieser Inseln uäher ins Auge, hü tindet man. 



der unbewoliiiten Inseln. 97 

liaas zu ihnen, mit Ausnahme der in hohen Breiten liegen- 
den wnd dariim uub klimatischen Gründen unbewohnten 
»der nicht sehr zur Bewohnnng einladenden, nur solch« 
Insehi und Eilande gehören, welche weit von Festländern 
jDder grösseren Inseln abgelegen sind; ferner, dass die 
{neisten von ihnen Einzelinseln oder sehr vereinzelte 
Bruppen aus wenigen Inseln bestehend sind; endlich dass. 
abgesehen von den beiden Polarregionen, der 
frtlantieche Ozean mehr unbewohnte und doch bewohn- 
bare Inseln umschljesst als alle andern Meere zusammen- 
genommen, trotzdem er der inselärmste von allen ist. 
n inselreichsten Stillen Meere sind fast alle bewohn- 
iren Inseln schon hei der Ankunft der Europäer be- 
wohnt gewesen, im inselärmsten Atlantischen waren es 
nur die den Küsten zu allernächst gelegenen. 

Die Reihe der nur seit einigen Jalirhuiiderlen bewolmten In- 
In, die wir in der vorstehenden Aufzählung in denjenigen FÄlleu 
nifDfthmen , wo wir geBchichlliche Belege besitzen nir ihre nur 
tnrx inriiukdatierende ünbewohntlieit, Iä»st sich noch in lehrreicher 
IFeise erweitem, wenn wir auch auf diejenigen unsre Aufmerk- 
wnkeit richten , welche nach glaubwürdigen Deherlieferungen 
hrer heuligen Bewohnur oder aua sonstigen guten Gründen als 
ta einer nicht weit »nriicitl legenden Zeit unbewohnt betrachtet 
Verden können. Wir gewinnen dann auch im Stillen Ozean zwei 
nnehtige Inselgruppen, nämlich die neuseeländische und die 
Uwsiische, Dir die Reihe der unbewohnten Inseln. Ja. vielleichi 
terren wir dann alle polyneaisehen Inseln Östlich von den Fidschi- 
lad Gilbert- In sein als noch vor einigen Jahrhunderten unbewohnt 
Üseben. Der Raum der Unbewohntlieit würde sich damit auch 
I FBciUschen Ocean erheblich einachranlcen und zwar würde er 
iel mehr in die Nähe der briden Festländer Asien und Australien, 
e gegen den Aeqnator zurückgeschoben werden. Wir würden 
. mit noch grosserm Rechte den Schluss als allgemein be- 
ftichnen können, daaa die meisten unbewohnten, aber bewohn- 
^^^ 1 Inseln fern von den Festländern und grösHeren Inaein oder 
pselgruppen gelegen sind; und ferner, dasa die l'nbcwohntheit 
ber Insdn eine grossere Ausdehnung lindct in den gemässigten 
nd k&lten als in den aequatorialen Regionen. Lassen wir aber 
*i polynesischen Inseln aus dem Spiele., so ist es sicher, dass 
^^^ • bewohnbaren , aber nnbewohnten Inseln immer vereinzelte 
Dseln oder kleine Inselgruppen sind. — Den Zoologen folgend 
rSrdeo wir, freilich einstweilen nur hypothetisch, den Uensohen 
1u noch weiteren Insel gebieten ausseht iessen dürfen. Darwin 
Bdet eine Uebereinstimmung zwischen dem Menschen und den 

Xkttol. Aothropa-OHgnphlc. 7 



98 lieschiclilliche Stell'irg der lnsel'<i|ker. 

andern Uliedem der Sänge llerbtasEe u. o. Huch dario^ dass jener 
.nllrni Anschein nach ur.ipriinglich keine ozenniacbe Insel bewohnt 
liat". (Abel. d. Menschen i. 193.) Dies isi nur ein weiterer Schluss 
RD? der Thslsache. auf welche znerst Agaseiz (in einem Aufsati 
.Diveraitj ol' Human Raoes" im Chrintian Examiner. Juli 1850) 
die Aurmerksamkeit gelenkt hat., dass die verschiedenen Rassen 
nnl' der Erde nacli denselben zoologischen Provinzen verteilt Bind 
wie die Süngetiere. Unrwin führt Auch diese Behauptung näher 
ans in Abst. d. Menschen. I. 192. ') 

Auch die geschichtliche Stellung der Insel- 
völker ist durch das Merkmal der Absonderung bezeich- 
net, welche allerdings zu ethnographisch verschiedensten 
Ergebnissen führen kann. Handelt es sich um Völker, 
welche der Änregiuig von aussen her bedürfen, ao wird der 
Mangel derselben aie in noch tiefere Barbarei verdenken 
als ihre featlandbe wohn enden Stammverwandten. Wenn im 
ganzBn nnd grossen den Negern Afrikas eine höhere 
Kultlirstufe angewiesen werden kann als denen Australiens 
und überhaupt des Stillen Ozeans, bü ist wohl eine der 
Ursachen darin zu suchen, dass diese insulare, jene fest* 
iändische Wohnplätze einnehmen. Der Besitz des Eist 







iiilnreii Lage. 



ist bei ilen Negern Afrikas eine koiitiiieiitale Erriuigeo- 
schttft, sein Fehlen bei deu Äiiatraliern eine Folge ihrer 
Insutarität. Handelt es sich" aber um Völkerj welche 
ans sich selbst heraus steh auf dem Wege zu höherer 
Knltur weiter zu fördern vermögen, so ist ihnen die Äb- 
sondenuig gtinstig, weil sie ihnen erlaubt, ihre Kräfte 
ungehindert zu entfulteii und zwar hauptäüchlich dadurch, 
dass sie ihnen die Verheerungen und Stünmgen der 
Kriege erspart, welche auf dem Festlande manchem von 
Feinden umgebenen Volke niemals die Möglichkeit ruhi- 
ger Entwickeluiig .seiner Kultnrgaben gestatteten. Es 
genügt, in dieser Beziehung an die Engländer, die 
Japaner, die Singhalesen Ceylons zu erinnern, welche 
erfreiJiclie Beispiele von selbständigen und hochgediehe- 
ueu Kulturen unter dem Einflüsse des Schutzes insularer 
Lage erkennen lassen. Wer kann daran zweifeln, dass 
Japan, wenn es auf dem Festlande - Ostasiens läge, den- 
selben Störungen ausgesetzt gewesen wäre wie die hinter- 
in<lisohen Staaten, welche ihre Kulturarbeit durch be- 
ständige Kriege unterbrachen? 

Darum äiiulit sich <itr Handel mit Vorliebe auJ'lDaeln Stätten, 
ilie Bieher und ;(ug1eich dem Verkebre ulfen Bind, wie die Ge- 
•cbichtc von TyruB und Sidon big uuf New Vorlt , Singapur, 
Bombay und eine grosse Zahl andrer lehrt. Diese geschütiien, 
über beschränkten Entwickelungen werden mit Notwendigkeit 
sehr einseitig and womüglicli aodi mehr von dem weit- 
liiRloTiBcben Eigennutz der Hände Isni ächte angekränkelt sein ala 
Uröaeere Länder mii denselben Zielen: Venedig, sagt Leu, hat 
nur Venedig hervorgebracht; »eine Gelehrten nehmen last nur 
Venedig tarn Gegenatsnd ihrer Forschungen, seine Künstler be- 
singen Venedig, malen, Bingen Venedigs Helden oder unterhalten 
das Volk von Venedig; Venedig bat nur Ein Streben und Ein Werk 
erzeugt, das ist es selbst und seine Blille. Das ist Insekharakler! 

So einerseits in sich selbst geschlossen, sind dann 
die Inseln doch wiederum um so zugänglicher bei ihrer 
freien -Lage im Meer für Völker, die dieses zu befahren 
wissen, und nicht selten macht ihre Lage zwischen 
verkehrsreichen Küsten sie zu notwendigen Bastpunkten 
der Seefahrer. Bei einer Laye vollends, wie Sardinien 
nnd Korsika sie haben, ist es gar nicht anders möglich, 
als dana die Kontinental Völker auch selbst schon in weni- 



m 



Ucliide Wirkung der Inseln. 



ger seefahrtskundigen Perioden der Geschichte auf ihnen 
zusaramenstiessen und ihr Gepräge ihnen aufdruckten. 
Man nehme Sardinien, das* heute von der tranzösischea, 
italienischen und afrikanischen KQste eine, von der spani- 
schen drei Tagereisen, von der korsikanischen nur ein 
paar Stunden entfernt ist. Kein Wunder, dass die von 
verschiedensten Völkern hinterlasse neu Spuren in Bauten, 
Skulpturen, Mflnzen, Spnichen, Sitten, PhyMiognomien, 
»welche wie Erdschichtimgen den ethnographischen Charak- 
ter der Insel bestimmen'" )_Gregorovius), gerade diese zu 
einem der merkwürdigster Länder der Erde machen. 
Leider greift aber eben deshalb auch die Fremdherr- 
schaft so oft störend in die zu ridiiger Entwickelui^; be- 
stimmte Geschichte solcher Inseln, wie Siziliens oder 
Korsikas, ein und gibt derselben einen schickaals vollen 
Charakter. 

Diese zeDtrale Lage ist mit so enlscliiedeaen Wirkungen bis 
Jetzt nur in engeren Verhältnissen znr Geltung gekommen. Afrika 
liat dagegen ?.. B, in seiner ganzen Entwiukeluug niclit gewonnen 
dadurtli, dasB es mitten zwisctien den üwei groHsten Erdteili-n, 
Asien und Amerika, seine Lage haL Rs hat starke asiatische und 
wahrscheinlich gar keine amerikanischen Einilüsse erlialten. Scliou 
heute liat sich dies g-eänderi., wie Liberia, der smeriksDiSL-he 
Handel mit Afrika u. a. beweist, und es wird niclit lange dauern, 
liis vom osiatlantiachen Ufer her weatatlHntieche Kinllüsse ein- 
dringen, die den vom Indischen Ozean koniinenden im Innern des 
Erdteiles begegnen werden. Dann wird man sagen können, dass 
der Verkehr diesem Erdteil aoch in bezng auf seine geschicht- 
liche Stellung die insulare Natur aufprägt, die ihm eigentlich in 
hoherni Hasse eigen sein mup» als die peninsulare. Nicht der 
Isthmus von Suez hat bis heute Afrika so sehr kultnrtich ein An- 
hängsel, gleichsam eine Kulturhalbinsel von Asien sein lassen, 
als dos einseitige Eindringen asiatischer Einlliisse von Osten, 
während der Westen tot lag. 

Es stellt sich also jener sondernden Wirktmg der 
Inseln sofort eine vermittelnde immer da zur Seite, wo 
dieselben zwischen grö.ssere Landmaasen oder Insel- 
gruppen sich einschieben. So begegnen sich auf der 
Lorenz-Insel in der Behriugstrasse Asiaten und Ameri- 
kaner, und es wäre schwer, sowohl geographisch als 
ethnographisch betrachtet, dieser Insel ihren Platz bei 
einem oder dem andern der beiden Erdteile mit Ent- 






Ei'h alten de Wirkung rier Ineeln. 



IUI 



schiedenheit aii/uweisen. So treffen auf den Key- und 
Arn-Ineeln Malaien und Papuas zusammen und ai^ar 
Chinesen, und dieselben verbinden zusammen mit den 
Molukken und den kleinen Sunda-Inseln das rein papua- 
nisehe mit dem malaiischen Völkergebiet. So verbindet 
Mfklta in ethnographischem Sinne Suropa mit Afrika, und 
so können auch Cypern und Kreta als Uebergangsglieder 
zwischen den drei im Mittelländischen Meere sich be- 
rührenden Erdteilen gelten. Geschichtlich höchst folgen- 
reiche Ent Wickelungen und Verwickelungen knüpfen sich 
an diese peripherische nnd Grenzlage mancher Inseln. 
Auf Sizilien fochten europäische Griechen nnd Römer 
mit afliatiach- afrikanischen Phöniziern imd Karthagern, 
nnd die Inselwelt des Aegüischen Meeres schuf der griechi- 
schen Geschichte in alter und neuer Zeit jenen einst so 
heilsamen und dann so verderblichen Zug europäisch- 
asiatischer Verbindung und Wechselbeziehung in Kidtur 
und Kampf, für welchen Griechenland nie gross genug 
war und der ihm dämm in alter und neuer Zeit ziun 
Verhängnis ward. 

Beiden Richtungen, der ersteren aber mehr als der 
andern, entspringt jene konservierende Wirkung, 
welche nicht bloss die Pflanzen- und Tier- Geographen von 
den an eigenartigen Geschöpfen so reichen Inseln (Neusee- 
land, Madagaskar) zu rühmen haben. Ihr ist auch in 
der Geschichte der Menschheit eine nicht wenig hervor- 
ragende Bedeutung zugeteilt. Die In-scln haben jederzeit 
den Flüchtlingen zum Asyl gedient, welche dort in heil- 
samer Abgeschiedenheit Gebräuche und andres Erbteil 
des alten Vaterlandes zu erhalten vermochten, die in den 
minder wohlbegronzten Gebieten der Festländer früher 
ijder später von den Völkerflnten weggeschwemmt wurden. 

Der Fnnd eines ält«Btt^n Üansk ri Im an u Skripten !□ Japan, der 

"jüngst, in den tieleiligten U e lull r(cn kreisen »i grosses AiifBelieii 

«rregl«, ist in dieser Richtung eine reprüsenlBtive Tliatsaelte. 

' l'nzäliligemsl kehrt Aehnliches wieder. „Das alle Irland in 

, seiner ÄbgeBchlnseenheit ist eine reiche Fundgrube fiir die Wissen- 

echalt", ruft einer der Kenner des Keltenlums, H. Schiichardt, 

, aud E. Windiscli nenut die irische Sage die „einzige 

\ reichlich Ilieiisende Quelle ungebrochenen Kellentums". Ist 



102 



AsyliLiitur iler Insdn. 



nicht ganz GrOBsbritaimien. BOn'eil es die Wirkungen der nngel- 
Ȋchflischen Einwanderung erfulir. retclier an , lebendigen Alter- 
tümern" echt gcrmaniscben Wesens als man es leider vom 
Mnlterlande jener Eolonislen behaupten kann? Anf den Lofoten 
!i8t man noch um Ende des vorigen Jnhrlinnderts statt des Feiier- 
gewehrs den Bogen und die Pfrile gebrauch!. Anf einen be- 
sonderen, sehr folgenreichen Fall der Aaj'l natu r der Inseln möch- 
lea wir liier noch aufmerkeam machen. Die Inseln der Lagunen 
klaren schon znr römischen Zeit bewohnt, wie die Altertlimer- 
t'unde beweisen, welche dort geniaclit werden. In der iteit der 
Völkerwanderung dienten sie den Flächtlingen von Padua, 
Allino. Aqiiilejn zur Zuftiichlsstälte nnd scheinen benonder« 
ans der letzteren Stadt starken Zuzug erhalten zu haben. Auch 
die Geistlichkeit suchte hier Schutz und gründete die Bistümer 
Venedig nnd Chioggia (Venesia e le ane Lagune 1847. 8, 4). 
Koch heute sind die Veneziftner stolz darauf, nicht von den 
Barbaren belierrscht worden xu sein und sich nicht mit ihnen 
gemischt /m haben. ^L'origine dei VencKiani i lutta e intera- 
mente romana, e tale si conservii sempre". (Ebeiidas. S. 5.) Und 
nicht minder verweilen die Oeschichtscb reiber der Lagunenstadt 
mit Behagen bei der Thalsache. dase es rorwiegenil nur die 
EdelD der nahen Städte gewesen seien, welche liier SchaU 
suchten, weil nur diese ein starkes Interesse hatten, den Bar- 
baren auf dem Wege zu gehen. Dass aber die Bevölkerung 
aus sehr versehiedenen Teilen zusammen geweht wurde, be- 
weist noch heule die Verschiedenheit der Dinlekie in der Stadt 
selbst , wie denn vielleicht selbst ein Teil der in der Ge- 
schichte dieser Lagunen Inseln so stark hervortretenden Aristo- 
kraten herrsch» ft auf diesen l'rapruog iiiriickgeführt werden könnte. 
Niemals hat ein Historilier diese im allgemeinen wohl zu wenig 
gewürdigte Rolle der Inseln geistvoller, weitblickender ge- 
zeichnet als Gregorovius in seinem , Korsika", wo er von Bostie 
im Jahre 1852 schreibt: Die Welt ist jetzt voll von Flüchtlingen 
der Nationen Europas; besonders sind sie über die Inseln zer- 
streut, welche durch ihre Natur seit alten Zeilen zu Asjleu be- 
stimmt sind. Es leben viele Verbannte auf den Jonischen Inseln. 
auf den Inseln Griechenlands, viele auf iSardinien und Korsika- 
siele auf den norniantiisehen Inseln, die meisten in Britannien. 
Es ist ein europäiscbea Los, das diese ^'erbanntea tragen, nur 
das Lokal isl verschieden; das politische Schicksal der Verbannten 
aber ist so alt wie die Geschichte der Staaten. Ich erinnerte 
mich lebhaft daran, wie ehedem Inseln des Mitlelmeeres, Ssmos. 
Delos. Aegina, Corcyra. Lesbos. Rhiidus. die Asyle der politischen 
Flüchtlinge Oriechenlands genesen waren, so oft sie Revolutionen 
ans Athen oder Theben . aus Korlnth oder Sparta vertrieben 
halten; ich gedachte der vielen Verbannten, welche Rom zur 
Kaiserzeit anf die Inseln verwies, wie den Agrippa Posthumns 
nach Plnnasia bei Korsika, den Philosophen Seneen nach Korsika 
■elbst. Und besonders war Korsika zu allen Zeiten sowohl ein 



Dil? HalbiDselii. 



103 



Verbaunuiigsoi-t h,U ein Zulluclitaurl. also ini ei[feui|ju)ieu Wort- 
«jnn eioe BsDditeninael, und da» \et sie noch bis niif deu lieuti- 

f&D Tag. In den Bergen irrtn heimatlos die Blalrncher. in den 
tidten Wohnen heimatloB die poliliachen Fliiclitlinge", 

Fügen wir liiniu, dass diese hei Isame Eigenschaft, weit entferut 
davon^ nur einzelnen zu dienen, ganzen Bevölkerungen zu gute kam. 
die in ihrein Schutze grossen Inseln einen durchaus neuen plhnri- 

fpHphiechen Cliarakter aufprägten. Fonnosa. welches t'rülier nur von 
chitTbriicIiigen und Seeranbarn lieimgesnfUt worden, wurde erst 
1673 dauernd von China in Besitz genommen, nachdem die vor 
den Handschu gellnhenen Anhänger der Ming^Dy nastie in grosser 
Zahl eich an der Westküste fest niedergel aasen hatten. Derselben 
Umwähnng sollen die Liukiu-lnseln Jenes so einüussreiche ebine- 
BiBcbe Element verdanken, weiehea troll alter politischer Verbin- 
dnqg dieser Inseln mit Japan, die neaerdlngs neu beresligt ward, 
noch heute China Ansprüche auf die Oberherrschaft derselben 
erheben und auf den Inseln iintersUltzt werden lässt. 

Begeben wir uns vom Wasser auf das Land, so 
finden wir zunächst als eine Art von Vermittehingsform 
zwischen Inseln und Festland die Halbinseln, Stücke 
Landes, welche in dem (ipröasten Teil ihres Umfanges 
vom Meere bespült werden, um nur auf einer verhältnis- 
tnäasig kurzen Strecke mit dem festen Lande ziiaammen- 
zubängen. Der Grad ihrer Absonderung hängt von 
diesem Zusammenhange ab, deun wenji dieser gering 
ist, können sie zu fast inselartiger Selbständigkeit ge- 
langen, wie der Peloponnes, Gutscherat, Neu Schottland, 
während sie, wo das nicht der Fall, oft nur an ihren 
äiifisersten Enden die geschichtlichen Wirkungen der 
natürlichen Umgrenzung durch Meer empfinden. Nun 
gibt es Halbinseln, welche fast wie Inseln scharf vom 
Festlande geschieden sind, dem sie augehSren, sei e.i, 
dasB ihre Verbindung, wie eben hervorgehoben, b» schmal 
ist, dass sie ge wisse rm aasen nur wie ein Stiel das Blatt 
mit dem Stamme des Festlande» verbindet, oder dass ein 
hohes Gebirge zwischen die beiden sieh schiebt, imi eine 
natflr liehe Grenze zwischen ihnen herzustellen. Das 
letztere ist in sehr bemerkenswerter Weise bei unsern 
drei südeuropäischen Halbinseln der Fall, am vollstän- 
digsten bei der Pjrenäenhalbinsel , sehr ausgezeichnet 
auch bei Vorderindien und Korea. So klar liegt die 
natfirliche Begrenzung Indiens vor uns, dass schon da.« 



104 



■(■n'leriiiig inirt Vermitleliing dei- Halbin 



Gesetzbuch des Manu sie deutlichst zu bezeicbuen ver- 
mochte: .Arjävarta", hei»st es ilort, .ist das Land im 
Sfiden des Himulnja, im Norden des Vindhya, von dem 
Meere im Osten bis zu dem im Westen*. (Lassen, Ind. 
Altertumsk. 1847. L S. 11.) Eine andre Art von Natur- 
grenze bildet die Wflste, welche Arabien von Syrien und 
Mesopotamien sondert, während Schneegebirge und Sumpf- 
landschaften die Isolierung der skandinavischen Halbinsel 
befördern. Nicht selten treten quer au der Wurzel von 
Halbinseln fliessende Gewässer auf, welche in geringerem 
Grade zur Isolierung beitragen, wie z. B. die Eider auf 
der jütischen Halbinsel, die Tomeil auf der skandinavi- 
schen. Selbst Donau und Po sind in dieser Beziehung 
gewiss nicht als unwirksam zu betrachten. So trägt 
Sevem bei zur Abgrenzung von Wales, und so Tweed 
und Solway Firth zu der Schottlands. Bei den meisten 
Halbinseln tritt zu der Grandthatsache des be- 
schränkten Zusammenhange» mit dem Festlande noch 
irgend eine zufällige Eigenschaft hinzu, sei es der Boden- 
gestalt, der Bewässerung oder des Klimas, welche in 
der Richtimg auf schärfere Ausprägung der Isolation 
wirksam ist. Daher eignet manchen Halbinseln nicht bloss 
ein Teil der isolierenden Fähigkeit der Inseln, welcher 
durch das Mass ihrer Meeresumgrenzung sich bestimmt, 
sondern sie können geradezu insular wirken. Es 
wurde schwer sein, zu bestimmen, ob vom übrigen 
Europa die Pyrenäenhalbinsel oder Sizilien weiter ge- 
trennt ist, mit andern Worten, welche absondernde 
Wirkung grösser ist, die der Meerenge von Messina. 
welche Sizilien vom festländischen Europa trennt, oder 
die des Pyrenäengebirges , welche die iberische Halb- 
insel mit dem festländischen Europa geographisch ver- 
bindet? Bei Völkern mit entwickeltem Seeverkehr kümien 
thatsächlich Halbinseln viel mehr abgesondert sein als 
Insebi. So sind die dänischen Inseln gewiss inniger ver- 
knüpft mit dem benachbarten Festland als das penin.su- 
lare Jütland. Und die Cykladen lagen den seegewohnten 
Athenern naher als der Peloponnes. Wenn so von dem 
eignen Erdteile entfernt, dem sie angehören, schon durch 



Vev kontinenUle Teil der llalbmt^eiii, 105 

ihre peripherische Lage, werden sie oft noch weiter ab- 
gesondert, wie wir sehen, durch gewisse zufällige Er- 
acheiuiingen ihres Grenzgebietes , des Gebietes, durch 
welches sie sich an das Festland angliedern. 

tHtte ThaUache ist besunders beacliteiiswert. Die HsIblnBelD, 
indem ein sich ans Festland angliedern, gewinnen nicht seilen ati 
Breite, während sie an andern Eigenschaften verlieren, welche sie 
im übrigen beeasaen. Leiclit erzeugt sich dadurch der Üegensalz 
eines kontlneiilalea und eines peninsuleren Abechnittec. In der 
merkwürdigen Besclireibung Itnliens, welclie Napoleon anf St. Helena 
dem üraren von Montbolon in die Feder dihtlcrte, unterscheidet 
dieser grosse praktische Kriegsgeograph eine nördliche Hallte als 
Italic continentale von einer südlichen, welcher er den Titel 
Presqii'lle vorbehält. Nicht nur iut jene breiter, massiger, sondern 
sie umschliesst auch das grösste Tiriland und zugleich den gniasten 
FlusR Italiens nnd ist den Alpen naher als dem Apennin. Von 
der Zeit an, dass Gallia ciealpina dieses Gebiet erHillte, bis dahin, 
wo sein Besitz denjenigen der eigentlichen Halbinsel entschied 
und wo im Streit um diesen Besitz dieser kontinentale Teil eines 
der blu Ige tränk testen Schlachtfelder der Well geworden war, bis 
endlich von. hier aus die Einigung Italiens sich vollzog, hat die 
Bedeutung dieses Teiles der Halbinsel sich immer als eine mäch- 
tige erwiesen, Auch haben die Q «schieb tschreiber Italiens dies 
keineswegs übersehen. Leo (1829) x. B. gibt eine lichtvolle Scbil- 
dernng, welche sehr klar die Unterschiede beider Teile einander 
enlgegenaetzL Betrachten wir andre Halbinseln, so begegnen wir 
nicht selten einer ähnlichen Sonderung, Griechenland ist die 
,dgent1iohi' Halbinsel" bis Thessalien, hiev beginnt der kontinen- 
l«le Teil, der seit 700 Jahren die Hand auf jenem halte. Uindo- 
St&n, der kontinentale Teil beherrschte das peninsulare Vorder- 
indien, vom Gegensatz der Malakkahalbinsel zu Hinterindien ganz 
abiusehen. Steht nicht Meeopolamien ähnlich zu Arabien, welches 
so oft von ihm beherrscht ward ? Hier kommt noch ein Gegen- 
satz der Boden gestal tun g, der als ein in Italien so deutlich hervor- 
tretender, oben schon berithrt wurde: Die auffallend hänßg. gerade 
beim Ansatz von Halbinseln vorkommenden grossen Tieflandbil- 
dangen, wie sie in der Po-, der Ganges-, Indus-, der mesopota^ 
mischen Ebene beobachtet werden, wie Spanien — als einzige — 
sie in Arragonien- Katalonien hat Die Kelten in Italien, die Arier 
in HindosUn. die Provencolen iu Arragonien- Katalonien, die Chal- 
däer in Mesopotamien zeigen, wie leicht hier die geographische 
Individualisierung auch eine ethnographieche nach sich zieht, wie 
überlegen die geschichtliche Krart dieser Erdslellen durch ihre 
Lage nnd Fruchtbarkeit. Aber gross ist auch ihr historisches 
Geschick, denn hier sind die Thnre der Halbinseln, hier ihre ver- 
lockendsten fruchtbaralen Strecken, hier ihre verwundbarsten 
Stellen. Die Lombardei und Piemont stehen nicht allein mit ihrem 



lOli 



liisiilartr Cliarakler 



trsungcN Kulini^ ila^ Schlachtfeld EurO[m£ zii sein. Hau erinner» 
sicli au die EinlritlsUnder der Balkan halbin sei, welche Reihe von 
Sehlachten von Phnrsalus bis zum AmselMd und liem bulgari- 
schen Ulacis I Nicht ander« sl-eht daa Ehru-, das Indusland, Sy- 
iien etc. vor una und selbst die kleine jUIiscIie Halbinsel hat auf 
ihrer Grenze oder, wie man will, nn ihrem Thore gegen Deul«ch- 
laad zu . dieses AufeinanderLrelTen und Aneinanderreihen der 
Gegeus&Ue in Tür DlLnemark wie Deutscliland gleich folgenreicher 
Weise erfahren. 

Wir erwähnten bereits der Eige Hurtigkeit der geo- 
graphischen Verhältnisse mancher Halbinseln, welche sie 
ganz wie viele Inseln zu scharf ausgeprägten IndividiialitSten 
werden lassen. Auch in dieser Beziehung gleichen sie 
den Inseln in hohem Orade und diese Uebereinstiramunjj 
ist keine zußUige, sondern, in vielen Fällen, eine ge- 
schieh tlicJi gewordene. Halbinseln bilden nir^t nur 
morphologisch den Uebergang vom Festland zu seinen 
Inseln, sondern es ist auch geschichtlich dieser Ueber- 
gang in nicht wenigen Fällen nachzuweisen: Inseln sind 
durch Verschwemmung oder Hebung des sie vom Fest- 
lande trennenden Meeresarmes mit dem Fe.'rtlande ver- 
kittet worden und erwuchsen dadiurch zu Halbinseln. 
Aber auch als Gliedern des Festlandes bleibt ihnen dann 
noch die Individualität ihrer Insehiatur. Wenn die Halb- 
insel Schantung sich als isoliertes Gebirge mitten avw 
flaeh-stem Tieflande erhebt, so ist es der alte, jetzt ver- 
lorene I n sei Charakter , welcher darin sich ausspricht. 
Und wenn das südliche Vorderindien in so manchen 
Beziehungen, wie in P&anzen- und Tierwelt, so auch in 
der menschlichen Bevölkerung an das südöstliche Asien 
mit seiner zerstreuten Negerbevölkerung anklingt, liegt 
nicht vielleicht selbst hier die durch Ankittung ans Fest- 
land verlorene, aber in Spuren noch wohl erkenn bare 
Inselnatur zn Grunde? 

So sind also die Halbinseln in vielen Beziehungen 
den Inseln an die Seite zu setzen, und dasselbe dürfen 
wir von ihrer geschichtlichen Rolle behaupten. Wie bei 
den Inseln lässt sie sich auch hei den Halbinseln haupt- 
sächlich nach zwei Grundrichtungen verfolgen: Absonde- 
rung und Vermittelung. Es genügt, in diesem Zusatn- 



I 
I 



der Halbinaeln. Ill7 

menhange an Koren zu erinnern, welches eines der abge- 
scfaloBsensten Länder der Erde ist, was es nicht zu sein 
vermöchte ohne seine HalbinKelnahir, und das aber zu- 
gleich durch sein Hinttberragen nach der japanischen 
Inselwelt hin die Brflcke war, welche die Uebertragung 
chinesiacher und iiberliaupt kontinental-asiatiacher Er- 
rungenschaften nach Japan vermittelte. Alsu Sonderung 
in erster, Verbindung in zweiter Linie. Clir onologisch 
werden sich die beiden in der Regel in der Weise ver- 
halten, dasB die Absonderung zuerst eintritt, dass sie 
ein selbständiges Volk entwickelt, das dann fortschreitend 
an Zahl zunimmt, bis es gleichsam überquillt, wo dann 
die vermittelnde , ' zur Aiuisendung des Bevölkerungs- 
Ueberfluaaes gflnstige Gestalt und Lage der Halbin.ieln 
sich zur Geltung bringt. Es ist einseitig, wenn nur die 
erstere, die sondernde. Kolle betont wird, wie es der 
Fall zu sein pflegt. 

Die historische Individaalitäl dui' Brelague ibL vod den Ge- 
sell ichtechreibern Frankreichs oft anerkannt. Michelet nennt sie 
du* „^l^ment rcsistant de la France". Der Widerstand gegen diP 
Normnnnen ging von hier aus. hier wurde im liiinderLjährigeu 
Krieg von Helden „mit linrtereni Mut als das Eisen der Feinde 
wftr" den Engländem Halt geboten, der grosse Seelield Dii(iua}r 
Troutn war ein Bretone. nnd die Stellung dieser Halbinsel in 
rter Rcvolationszeil ist bekannt. Aber neben dieser Absonderung 
tritt doch sogleich anch die Vermiltelnng hervor, welche ^Elein- 
BriiAnoiea'' als die gegen das grosse Britannien zu, den Hauptwolin- 
sita der im übrigen Europa verdrängten oder iinterworrenen Kelteii, 
hilfreich geschlagene RilrkziigabrQcke erscheinen llsst, und 
sogar nocE weilergreifend die bretoniachen SerfahriT xu den 
Pionieren Frankreichs nach der afrikanischen wie amerikanischen 
äeiU des Atlaiiüschen Heeres werden liess. Wenige Länder 
prägen aber so klnr diese Miltel8t«llung aus wie die in jedem 
Sinn liistorisch so bedeiitsiime Halbinsel Arabien, die nicht 
bloss klimatologisch und p II an zen geographisch . sondern auch 
ethnographisch nnd geschichtlich voll asiatipch - afrikanlacher 
Wechsel beziige ist und deren Wt'llstellung eben gerade da- 
darch am allerscbaiTsCen be;iei ebnet ist, dass sie zwischen 
beide» di« peninsoJare BrUche bildet. Von Sildarabien bestätig! 
»ich dies hinauf nach Palästina. Phönizien und Syrien, welche 
als der mittel meerische Rand Arabiens bezeichnet werden können. 
Es bilden die Beziehungen von dieser Halbinsel nach Afrika hin- 
über gleichsam ein Strahknnetz. dns von der Sofalaküstc bis zum 
feraiten Punkte Harnkkoa reicht. Auch nur die wichtigsten be- 



10? 



HBlbiNselälinliche Eidrä 



lonetiii neiitieu wir die Koloniengrüniluiigen vun Maskat auB in 
Kaosibar. Mombas und andern KUnleiiplulzen des Südostens, dann 
anf Hadagdskar und den Comoren und ilun hieran eicli kniipfen- 
ilen Handel mit Inner- und OstaTrihii. dtr seinerseits wieder lu 
Kolonisationen nilirte. die Einwanderung der Geeivolker nach 
Abeeslnien und die Vereinigung- dieses Landes und li^üdarftbic 
XU einem Heiche. die AoshreitUDg des Uoharomedan Ismus über 
Nordarrika und Sndan. die Entwickelung eines regen uBtafrikaniecli- 
indiechen Bandeis mit Gründung indischer Vlaudelskolonien in 
Südarabieu und Oatarrika. Nach der andern Seite reichen be- 
kanntlich die Ansatrahlungen dieser Halbinsel bis nach der Ost- 
kQste des Stillen Ueeres. wo den kühnen Entdeckungen der Vasco 
de Gama nnd Albuquerque die Araber varanfgegangen waren. 
welche jn dort den Euro|)Hern sogar ula Wegweiser dienten. 

Die abHoudernde und damit unter Umständen 
»chfitzende Wirkung, welche die Halbinseln flben, kann 
übrigens auch von andern Erdräumeu übernommen 
werden, welche man zwar nicht als Halbinseln bezeichnen 
kann, denen aber gewisse wesentliche Eigenschaften, wie 
räumliche Entlegenheit und reichliche Meeres Umgrenzung, 
7,um Teil mit den Halbinseln gemein sind. . Südafrika 
mit seinen Völkerinaeln zeigt, da'*s nicht so sehr die 
geographische Absonderung als die räumliche Entlegen- 
heit und vielleicht die klimatischen Unterschiede die 
Wohnsitze gewisser Völker vor Ueberflutnng dnrch 
Völkerwogen schützen können. Und Desjardins nimmt 
für Gallien .die Lage am westlichen Ende Europas" als 
Hanptiirsoche an, warum es bestimmt war, jenen V^ölkem 
als Wohnsitz zu dienen, welche von den Strömen der 
Völkerwanderungen bis an diese änssersten Grenzen der 
alten Welt geführt wurden, wobei er selbst jenen andern 
peninsularen Vorteil der Verschmelzung in der -Absonde- 
rung nicht ■ vergisst, indem er sagt: .Durch diese unauf- 
hörliche Zusnmmenschiehung der in ihrem Marsche auf- 
gehaltenen Rassen, welche hier gezwungen waren, feste 
Wohnsitze zu wählen, ist uns der Vorteil der Ver- 
schmelzung und zugleich der Einheitlichkeit zugeflossen*. 
(Geogr. de la Gaule I. 6(>.l 

Aehnlieh iührt Bnica die Anordnung der keltischen äpnich' 
reate in We«ieuru|jn aafgengrnphieche Gründe iiirllck; Die Völker, 
welche diurch eine Wanderung aus ihren Ländern vertrieben wer- 
den. Ilüchlen sich selbst verstau dl ich gegen die Heere zu, sur diu 



r 



luUrf und pentnsulsre VerlinJtnisse der KonliiieiiTe. 109 

HnlliiuBeln und Inseln. I>Bnim zeigl uns die geogrtiphiäche Ver- 
breitung der verschiedenen Sprachen die Reilienrnige der Wand<^- 
■ riiDgen. welche in unser Land einströmten. In Westeuropa sehen 

»wir die gaelischen Sprachen: das Irische, das Scliottiaolie und die 
Sprache der Insel Mnn, Oestlicli davon liegen die kyinriacben ; 
die Sprache van Wales und Cornwales und das Brelonische. Die 
TbnttMtche. dass die kyrnrischen Spracheu öetlich von den gaeü- 
Mheii lie^n, zeigt ans. dass dieselben durch einen zweiten Schwall 
der Einwanderung gebracht worden sind, (Bull, Boe. d^Anllirop. 
Paris 1879. 28.] Diese Ansicht wird vtin Amedfe Thierry und 
H. Harlin geleilt. Eine solche Schichtung ist ebeu nur möglich 
^^ nnter geogrnphiBchen Verhältnissen, welche die ruhige Neben- 
^L«iiiMiderlBgening zweier Völker gestatten , bekanntlich gibt es 
^^^■ber tiründe, welche au ein mehrmaliges Hin- und Wieder- 
^^Bw4ndem besondere der kyinrischen Stämme glauben lassen. Die 
^BOrund annähme Broca/i. dass diese Völker an den Westrand, den 
^Bpeninaulwen Rand Enropas. gedrangt seien, wird indessen da- 
^Bflurch nicht erschüttert. 

^V Dieae Betrachtung führt uns von den kleineren Er- 

^^ acheinimgen wieder zu denjenigen von kontinentaler 

Oröäüe zurück, von welchen wir ausgegangen. Fallen 

nicht, aus einem höheren Gesic.htspnnkte betrachtet, auch 

»selbst die Erdteile, die ja teils Inseln teils Halbinseln ge- 
doaunt werden dürfen, unter die Gesetze, welche vorhin 
i&r die geschichtliche Rolle der Inseln und Halbinseln 
entwickelt wurden!-' Jedentalls tritt uns hier zuerst der 
Gegensatz der Nord- und Sudhalbkugel entgegen, 
von denen die eine durch ihren Landreichtuni kontinental, 
die andre durch ihre Landarmiii insular und peniiisular 
ersciieint. Es lässt sich wohl sagen, dass die geschicht- 
liche Stellung der SfidhemisphSre stets ebenso durch 
ihre Landarmut zersplittert, wie die der Nordhemi- 
sphäre durch iliren Landreichtiim grossartig weit um- 
^Bsend sein wird; und wenn die beiden jemals in ge- 
schichtlichen Gegensatz gebracht werden sollten, wird 
jene auf die Dauer dem Massenübergewicht dieser nicht 
zu widerstehen vermögen. Australien wird immer der 
alten Welt folgen und weder Südafrika noch das süd- 
kemisphärische Südamerika scheinen die Hilfsmittel zu 
. einer von ihrem Stummerdteil losgelösten Existenz zu 
kluben. Blicken wir in die Vergangenheit und auf die 
■■Öegenwart, statt Zukunftspläne zu schmieden, die, wir 



no 



LclitlLfhp RuUv der Siidlialbkiigel. 



fliml es rticlit^r, durch unerwartete Thatäutheu im ein- 
zelnen, aber nicht im nllge meinen dementiert werden 
ktinnten . so sehen wir in ein geschichtliches Nichts. 
Wenn Mittelafrika geschichtlich schlief, so war der, 
Süden des Erdteils tot; er nniHchloHS wie Australien eiiie 
der ärniäteu und elendesten Bevölkerungen, und der- 
9el))en traurigen Auszeichnung erfreute sich das südlichste 
Hiidanierika. Indessen hat Südamerika weiter nördlich 
die einzige selbständige, wenn aiicli wulirHcheiulich nicht 
aiitochthone Kulturentwickelung angehört, welche auf der 
Sütlhalbkugel, soweit wir wissen, jenmla erblüht«. Es 
würde voreilig sein, ans dieser leeren Vergangenheit den 
Schins« zu ziehen, dass die Zukunft nicht anders sein 
könnte. Die Abschlieasung durch weite Meereszwischen- 
riinme kann einer Entwickelimg von insulurem oder pen- 
insnlarem Charakter, d. h. einer in der verhültnismässigen 
Abgeschlossenheit aicÜ vollziehenden, günstig sein, aber 
sie kann nicht in die Leere oder viebnehr die Oede des 
südlichen Eismeeres hineinwachsen, nicht dort sieb stQtzen, 
sie wird den Schwerpunkt dort suchen, wo die besten 
Möglichkeiten fßr die Existenz einer grossen Menschen- 
zahl gegeben sind, d. h. im Norden. Die Geringfügig- 
keit des ihr zur Verfügung stehenden Katmie^ würde 
dabei weniger in Betracht kommen, sowenig wie auf 
anderseitig begünstigten Inseln oder Halbinseln,, wenn 
niclit klimatische MiHsverhältuisse denselben noch weiter 
einschränkten. Diese drei Südkontinente oder Südspitzen 
grösserer Landmassen fallen imglOcklicherweise derart in 
die Passatregion. daas in Australien und Südafrika die 
Kulturäiiche ansserord entlich beschränkt, der Steppen- 
charakter fast allgemein, die wahrhaft frucbtl>aren Teile 
nur wie Oasen sind, während in Südamerika die Steppe m 
einer milden, aber doch den Erdteil südlich vom 40. " 
S, B. fÖr den Ackerbau, also für solide Kultur, wesent- 
lich imbrauchbar maihendeu Weise ausgebildet ist. Ge- 
rade diese klimatische Beungünstigung lässt eben deut- 
lich hervortreten, was dem Lande der Südhalbkugel fehlt: 
Wir haben das breiteste . fruchtbarste , kidturfUhigste 
Land nördlich von der Passatüone gerade da, wo im 



Eiid- oder Randlftge cier LuniitT 



111 



I 



I 



Süden die unbewulmteu imd mibe wohn baren Meeres- 
wfisten sich unabsehbar ausbreiten, welche nur von Eis- 
bergen belebt sind. Während auf der Sordhiilbkngel 
alle Erdteile einander mehr oder weniger benachbart 
sind und, wo sie auseinander treten, durch grössere Inael- 
schwärme oder betrüchtlicbe Einzelinseln miteinander 
verknüpft sind, entsteht hier im Süden ein entgegen- 
gesetztes Verhältnis, welches man als End- oder Rand- 
lage bezeichnen könnte und dem beträchtbthe Wirkungen 
entfliessen. 

Z»ci Erdteile lassen in ihren Schicksalen (Keae Bcdetitang 
•ter End- oder Randlage erkennen: Afrika nnd Ausiralien. Beide 
südwärts nach den menschenleeren WoGserwüsten des Atlantischen 
Oieans ediaoend, sind, jenes am bUiI westlichen, dieses am südöst- 
lichen Rande der grossen, Eiiropa-Asii'n. Afrika und Auetralien um- 
fassenden Land Vereinigung gelegen, in der Zone des Ausein and er- 
strebens und der Verschmdlerung der Landniikssen; daher sind sie 
weit entlegen von dem dritten in ahnliche eUdliemiaphärische Breiten 
reichenden Erdteil Anierika und von dem im hohen Nordwesten 
gelegenen Kulturbrennpunhl jener Landvereinignng nur durch 
w«it« Seereise über den Aequator hinüber erreichbar. In der 
Ceschichle Afrikas sehen wir nichts, was auf Einwirkung von der 
Atlantischen Seite her in Völker-, Sachen-, Ideentausch hinwiese und 
selbstverständlich ist der Erdteil tot naeli der Sildaeite hin, wo 
die Ureuxv zwischen Indischem und Atlantischem Ozean durch 
menschenleere nnd inselarroe Regionen nach dem Eiswall der 
unbekunnlen Siidpolarregion hinzieht. Australiens Geschichte ist 
uns noch dunkler als diejenige Al>ihas, aber die Wabrscheinlich- 
keilen. die wir za erkennen glauben, deuten alle nur auf nördliche, 
nordöstliche und nordwestliche VölkerbeEiehungen. Auch hier ist die 
Süd- und Westseite, wie dort die geschichtlich tote, weil sie die ine 
Leere scbanendc ist. Man könnte in diesem Sinne nicht ohne 
Nntzen von Innen- und AusBeaseite selbst der Kontinente 
sprechen, wobei freilich sogleich li er vorgehoben werden tnusa, 
dssB auch diese Begriffe dem Wandel der Zeilen unierworfen sind, 
denn Westafrika, und vor allem ^Udwestafrika, war Aussenseite 
solange die Geschichte im Hittetmecr nnd im Indischen Ozean 
sich bewegte, sie wird aber vielleicht in höherem Grad« Innenseite 
werden als Ostafrika je es gewesen von dem Augenblicke an, 
dass eine atlantische Geschichte sicli enlwickell. Aber für die 
ßsnze Vergangenheit, soweit unser Blick sie durchdringt, und für 
eine wohl noch ziemlich weile Zuknnlt, trifft jene f^ualifikation 
in. und für Australien wird sie nach menschlichem Ermessen 
niemals ihren Wert Terlieren. Ebenso werden die Südseiten aller 
auf der Südhemisphäre gelegenen oder auf sie sich oasdehnenden 
Erdteile nie Vorteile Eugewandt erhalten durch Austausch mll 



11-i 



äc y u s9 ro I ge i'i I Dge II . 



ilineii (jegüoiibern-oliii enden Völkeru ; dsä Feld ihrer Beiiehungen 
ist ihoen im Bücken gelegen. So iai es auch mit den polw&rU 

äewandli^n Nordseiten der nordhemJapIiBrlBchen Länder, welche 
M Eismeer bespült und die da« seltene Beispiel wiister Mecres- 
küateo grosser Kontinente geben. Aber bei ihnen bietet einigen 
Ersatz die Breitenaasdehnung dieser Länder, welche die seitliehen 
Beziehungen erleichtert und hier thatsächlich in der zirkumpolaren 
HyperboreerbevölkiTung etwas geschaffen hat, was der Südliälrte 
der Erde fchll. 

Folgende Schlösse ergeben sich nun aus vor- 
ntehender Betrachtung: Die Sonderung der grossen 
und kleinen Liindmassen durch das Meer ist nicht scharf 
genug, um die dieselben bewohnenden Völker auaeinander- 
zuhalten. Sie hat nur genügt, um in leichtem Grade eigen- 
täinliche Rnssen auf den zwei isoliertesten Kontinenten. 
Amerika und Australien, zu erzeugen und manche wenig 
uusgesprochene Sonde reigenschaften den Bewohnern man- 
cher Inseln anzueignen. Und mau kann .sagen, dass gr<)-'>B^re 
Verschiedenheiten den Völkern der voneinander entlege- 
nen als der einander genüherten Erdteile luid Inseln zu- 
kommen. Aber im allgemeinen ist die Menschheit, wie 
sie heute vor uns steht, offenbar weniger unter dem 
Einflüsse der Sonderung als der Vermischung stehend, 
und grosse Eassenverschiedenheiten , welche vielleicht 
einst bestanden und den Sonderungen der Landniassen 
entsprachen, sind heute nicht mehr. Dieses Schwinden 
ist indessen nicht so sehr die Wirkung eines grossen Ver- 
kehres über die Meere hin, als eine« Umgebene ihrer 
Schranken, wo dieses möglich, und eines U eberschreite ns 
an den mSglichst leichten Stellen. Gegen einen solchen 
Verkehr spricht die Unbewohntheit der grß.ssten Zahl 
von nicht nahe am Lande liegenden Inseln. Wir würden 
grösaere Unterschiede, als in Wirklichkeit vorhanden sind, 
in der Menäthheit von heute beobachten, wenn Insel- 
gruppen wie die von Neuseeland oder Hawai seit alter 
Zeit bewohnt wären. Die Geschichte der Menschheit war 
noch vor mehreren Jahrhimderten nachweisbar eine im 
höheren Müsse kontinentale als sie heute ist, aber sie 
achreitet immer weiter zum ozeanischen, d. h. zum ein- 
förmigen, er d umfassenden Charakter weiter. In einer 



Länder iiiiii ihre üreiiiiüi. 



113 



I 



iinbestiDiniten Urzeit war sie ganz kontinental: dieses 
Wachstum schafft ein beständiges Wechselspie! von An- 
aätzen zur Soudernng und von Unterbrechung derselben 
durch fremde Zumischung. Die gesonderten Teile der 
Welt kdnnen heute keine besonderen Menschenrassen 
mehr erzeugen, aber sie sind ■wohl im stände, gewisse 
äussere Eigentümlichkeiten von erheblicher Schärfe und 
Dauer in ihren Bewohnern zu t~Ördem. Die nur halb von 
grösseren Landniassen abgesonderten Halbinseln gleichen 
darin vielfach den ganz gesonderten Inseln. Beider ge- 
schichtliche RoUe liegt zum Teil darin, zum Teil aber 
in dem Gegensatz davon, der Vermittelung. Sie sondern 
zuerst, weil sie selbst abgesondert sind, und vermitteln 
dann, weil sie selbst in der Mitte zwischen grösseren 
Landmassen oder auf dem Wege von der einen zur 
andern liegen, 



II, LSnder und Ihre Urenzen. 

Die iialüriielien und kunstlicben Greaien. Die Verbreitunga formen 
der HeoBclibeit, ihre Entslebung und ilire Folgen. Die Vülher 
sind notwendig expansiv. Heilsamer WecliBL'l «wischen Expansion 
nnd AbscIiluBB. Bezieliungen iwisi^b'Cn Entdeukungsgeschiolite and 
allgemeiner Gesubithte. Sind die WolinBiUe der Völker geo- 
granhiecb bedingt? Die Lehre von den puliliecben Nachburscbaften 
und den verschiedenen Arten politie:i'.her Grenzcii. Die Grosse der 
Oreni-Entwickelung. Reaktionen zwischen Hittelpunkt und Peri- 

?berie der Lander. Hervorragende Wicbtigkeit der letzteren. 
ereinigung der Länder zu nattlrllchen Gruppen, Ein Blick auf 
die natürliche Zusammeugebörigkeit Deuts chlands. Grappiernng 
nacb gemeinsamen politischen Interessen. Zergliedernng einheit- 
lieber Linder nach ihren inneren Verschiede nbeiten. Beispiele 
Rnaslands und Italiens. Das innere Gleicb gewicht der Länder. 
Scbarfe oder leichte Abtrennung? 

MoCIg. lArfn Mr Btrg€. flUmn dh SlrSmt. 
Hfeii- d« Untr anJir,, vh «HmHM 

icBrfiH. J. a. Rcrdwr. 

Grundidee, Da die Völker in beständiger 
Bewegung sind, so können ihre Abgrenzungen 
auf dem Bewohnbaren der Erde weder absolut 



er wo sie das Uiibew 



noch dauernd seil 
bare berühreu. 

Die Grenzen der Erdteile und Inseln gegen das 
nasse Element bezeichnen die Grenzen dauernder menach- 
lioher Bewohnung. Man könnte sie fast als Grenzen der 
Menschheit bezeichnen. Ihnen stehen als zufälligere Er- 
scheinungen die Grenzen gegenüber, die am Lande ge- 
zogen werden und bei denen weniger die Natur selbst 
als die Trägheit oder Willkür der Menschen das Be- 
grenzende ist. Diesen sind gemeinsam die grSsseren 
Möglichkeiten des Verkehres imd Austausches, und wenn 
sie auch in erster Linie sondern oder zu sondern 
wenigstens bestmimt sind, so würde doch die geschicht- 
liche Betrachtung wesentlich unTollkommen bleiben, wenn 
nicht gerade dieses belebende, bewegende Element des 
Grenzanstausches ebensosehr wie das sondernde gewürdigt 
würde. Zahlreiche geringere natürliche Hindernisse 
schaffen aber auch Schranken innerhalb der Menschheit, 
welche man als Naturgrenzen bezeichnet. Hauptsächlich 
sind Höhenzüge und Flüss*^ geeignet, solche Funktion 
zu erfüllen. Dass man ihnen den gemeinsamen Namen 
.Naturgrenzen" beilegt, darf, um dies gleich hier hervor- 
zuheben, nicht glauben machen, dass sie unverrückbar 
seien. Auch sind sie in sich von sehr verschiedenem 
Werte. Ihnen gegenüber stehen künstliche Grenzen, 
welche von den Menschen ohne jeden natürlichen Anhalt 
gezogen worden sind. Beide bestinmien Grösse und Ge- 
stalt der Räume, welche Volksraassen und Völkergruppen 
bewohnen, und zu deren Einschränkung das Meer häufig 
beiträgt. Hier wollen wir zunächst nur die Gestalt dieser 
Räume betrachten. 

Die gcogrftphiacbe Verbreitung der Henscben kann oacb der 

GeaUtU ikr Wobngebiete wohl voUstAndig in rolgcndes einfauhe 
Sch«m» gefasst werden: 
I, Hasse nverbrei taug. 

a. Zusammenhängende Verbreitung. Beispiel : Deatecbe 
zwischen Rhein und E]be. 

b. Zentrale V. Beispiel: Die Hagyiiren im Oon«ulBnd, die 
Uakolnlo am mittleren Zambesi. 



: Vülkerverbrfitniig. 



Uö 



c. Peripherische V. Beispiel : Seniittii in ÜBt- und Nord- 
Bt'rika, Hsluen auf den Inseln des malaiischen Archipels. 

d. Strichireiee V. Beispiel: Luppen des skandinavischen 
Liebirges. 

e. Versprangle V. Beispiel; Deutsche lisllich der Mardi 
und Oder, Indianer iu den Vereinigten Staaten, Yao im 
NyasBSgebiet, Chinesen int tnitliiiiacheii Archipel. 

II. Einzel Verbreitung, in welcher die räumliche Trennung den 
Volkszusammenliang annöal. Die besten Beispiele liefern in 
Allen Landern der Krde hiefiir die HandelsraBsen, wie Jaden, 
Armenier, Araber in Afrika u. dgl.. dann die in bunter 
Mischung mit Einheimischen zusammen wohn enden Einwande- 
rer in Amerika nnd anderwäile. 

Die drei erstgenannten Formen der Verbreitung sind 
die geschichtlich wichtigsten und wirksamsten. Indem 
aümlich die Völker in normalen Verhältnissen einem 
sozialen Gravitationsgesetz zn folgen streben, welches 
die Angehörigen eines Volkes sich soviel wie möglich 
entweder um einen gemeinsamen Mittelpunkt oder doch 
zusammenhängend gruppieren lässt. finden wir entweder 
die zusammenhängende oder zentrale oder peripherische 
Verbreitung, eine von den dreien, bei allen reifen oder 
geschichtlich wirksamen Völkern, während die andern 
entweder einzelnen Völker bruchstUcken, oder werdenden 
oder zertrümmerten und im Diihinsch winden begriffenen 
Völkern, oder endlich solchen eigen sind, die mit Be- 
wuBstsein sieh bei einem bloss idealen Volk sz na amm en- 
tlang resignieren. Man kann diesen Verbreitimgsformeu 
fast immer einen passiven Charakter znsprechen, insoweit 
die Völker, welche in denselben aufgehen . gewöhnHeh 
nicht im P'ortschreiten begriffen sind. Bei der Elastizi- 
tät mancher Volksnaturen ist indessen damit nicht ge- 
sagt, dass sie nicht zur Aktivität sich wieder empor- 
arbeiten werden, was aber dann in der Regel mit ent- 
sprechender Konzentration Hand in Hand gehen muss. 
Bemerkt mnss noch werden, dass auch die zentrale Ver- 
breitung da, wo sie ein kleines Volk betrifft, wie z. B. bei 
den Rfaätoromaneu des europäischen Alpenlandes, leicht 
diesen passiven Charakter annehmen mag; bei Völkern 
von dieser Verbreitungsweise ist ea in der Regel zweifel- 
haft, ob man -sie den vor- oder rückschreitenden zu- 



Uti 



Rxp«r 



r Völker- 



rechnen soll. Wir erinnern an die drei deut»clien Volks- 
gruppen Siebenbürgens, an die Tschechen Böhmens, 
selbst an die Magyaren. Gewöhnlich ist die ZurÜck- 
dränguug eines Volkes in diese Verbreitungsform der 
Anfang; seines nationalen Rückganges Qbertmnpt, wie das 
Beispiel Polens und in viel früherer Zeit das der schot- 
tischen Gaelen lehrt. Umgekehrt ist es verheissungsvoU, 
wenn ein eingeschlossenes Volk sich eine Lücke in den 
Gürtel bricht, der es umgibt, oder sonstwie seine Ex- 
pansionakraft beneugt. Nicht umsonst war ein Jahr- 
hundert lang jener weise und kühne Ruf: „Tengerre, 
Mj^yar!" «Ans Meer, Magjar!" eines der politischen 
Leitworte der ungarischen Nation, ebenso wie Monte- 
negro erst von dem Augenblicke an für selbständig 
lebensfähig gehalten werden konnte, dass es einen Fuss 
aus seiner Bergveste heraus ans Meer gesetzt hatte. 

Auf die Dauer erlaubt die Natur einem Volke kein 
Stillstehen, es muss vor- oder rückwärts, und das erst^re 
ist das normale. Man ist zwar jjeneigt, es für eine kanne- 
giesserische und unter Umständen chauvinistische Floskel 
zu nehmen, dass ein Staat naturgemäss nach Ausbreitung 
und, aufrichtig gesagt, Eroberung strebe (für unsre Be- 
trachtung hier macht es keinen Unterschied, ob sich 
zivilisierte Staaten gegenseitig Provinzen abnehmen, oder 
ob einer derselben sich ein Land aneignet, das nur so- 
genannten Wilden gehört), solange er gesund sei, und 
dass absolutes Sichselbstgenügen als ein Zeichen von 
Schwäche, von Verfall zu gelten habe. Doch kommen 
hier einige Thateachen zur Erwägung, welche dieser Be- 
hauptung eine etwas höhere Stelle anweisen. Teils aus 
Erfahrung, teils aus Analogie schliessen wir, dass alle 
Völker an Zahl zunehmen, mit einziger Ausnahme 
mancher Naturvölker, deren Rückgang aber, soweit wir 
sehen können, nicht so sehr ihren ursprüi^lichen Ge- 
wohnheiten, als der durch Berührung mit den Kultur- 
völkern hervorgerufenen Zerrüttui^ aller ihrer Verhält- 
nisse, vom Körper de« Individuums an bis hinauf zu ihrem 
Glauben und ihren politischen Einrichtungen, entspringt. 
Wir kennen femer den einzelnen wie die Gesellschaften 



Uriimle der Expaiieirm. 117 

altt beweglich, unruhig, und diese Eigen Schäften wachsen 
leicht zu Expansionätrieb, ku Wanderlust aus. Wir wissen 
au&serdem, dass in höher entwickelten, d. h. älteren Ge- 
Hellschaften immer die Besitzverteilong eine solche wird, 
dafis grosse Mehrheiten besitzlos sind. EndKch ist nicht 
zu öberBehen, dnas die Fruchtbarkeit des Bodens in lange 
lind dicht bewohnten Ländern nachlassen muss, und dasa 
die Kultur auch Anderseits durch Entwaldung, Verzette- 
lung des notwendigen Wasservorrats, deren Wirkung z. B. 
in der Verödung einst fruchtbarer und menscheiireicber 
Strecken im Oxus- und Serafschan-Gebiet vorÜegt, den 
für Menschen nutzbaren Raum verengt oder wenigstens 
demselben von seiner Kapazität raubt. Das sind sehr 
wirkliche Gründe für den Ausdehnungstrieb, mäch- 
tige Anreger der Lust zum Wandern, weim sie nur unter- 
geordnete Individuen, znm TT ebergreifen, wenn sie Mäch- 
tige oder sogar die Herrschenden bewegen oder erregen. 
Man muss sie freilich nicht mit der Erobemngslust ehr- 
geiziger Herrscher zusammenwerfen, deren expansive 
Phantasien auf der Grenze zwischen Genialität und Wahn- 
sinn schwanken, oder ruhmsüchtiger, kampflustiger Völker, 
welche nicht den Boden, sondern ein Phantom haben 
wollen, welches sie Ruhm nennen. Noch etwas andres 
kommt hier ins Spiel: Die Fähigkeit und Neigung 
der Nachahmung ist jedenfalls ein wichtiger Faktor in 
der Bildung innig zusammenhängender Nationen. Sie be- 
wirken eine Art nationaler Au.^tecknng, flie immer weiter 
schreitet. Sie begünstigt die Expansion bei den Homanen 
und den Engländern, während ihr Mangel sich bei den 
Deutschen als ein politischer Fehler geltend macht : diese 
tasBen sich allzuleicht von anderu Nationalitäten „an- 
stecken", weshalb in jeder grossen europäischen Nation 
ein guter Teil verschwundenen Deutschtums steckt. 
Freilich hat dieser w oh Ibe gründete Trieb nicht un- 
mittelbar mit Jugend oder Alter, mit Kraft oder Schwäche 
eines Volkes zn thnn. Die Nordamerikuner. das jüngste 
grosse Volk, mit ganz andern Raum begriffen ausgestattet 
als wir, fühlten sich in einem Land zu eng. das fast so 
gross wie Europa, als sie nur erst die Bevölkerung 



118 



GegeQB&lx und Wci^lisel 



Deiitsthlands xikhiten. Die Chinesen . das älteste iler 
heutigen Kiiltnrvölker. (juellen über ihre Grenzen mit 
der Naturgewalt einer zwar zäheu, aber in Gährung be- 
findlichen Uasse. Und die Deutschen, ein ziemlich altes 
Volk, Fiihleii auch sie nicht heute mehr als je in ihrer 
Geschichte den Mangel eines in nationalpoUtäscheni Sinne 
gutgelegenen Raumes för die längst als notwendig er- 
kannte Expansion i" 

Eine tief? Bllgenieioer«^ Bedeutung hat die herkömmliche 
Sünderung der riimischeu Geschichte in zwei Abschnitte, deren 
erster die iuaere Geschichte Italiens bis zu seiner Vereinigung 
nnter der Führung des lateiniacben Stammes, deren andrer die 
Geschichte der italischen Weltherrschart umlnest. Wolil gehört 
es XU den hervorragendsten Eigen tiimliclikeilen gerade dieser Ge- 
schichte, zuerst so vollkommen im peninsularen Rahmen zusam- 
mengeraaet die Volkskraft haben hemnreifen zu lassen, um ihr 
dann Tast plötzlieh, d. h. in Zeit von nicht einem Jahrhundert die 

fanze Miltelmeerwelt zu Füssen zu legen. Aber dieser Gegensatz 
es Zusammenfassens und Siehausbreitens, wenn auch minder bittr 
und vor allem durch hbußgere Wiederholung abgeschwächt, kehrt 
öfters wieder and ist selbstverständlich in erster Linie geogra- 
phisch sehr merkwürdig. Die neuere Geschichte hat uns denselben 
in grösseren Dimensionen und einigemal sogar mit noch schär' 
ferem Gegensatz der beiden Akte sehen lassen. Wir erinnern an 
Portugals und Spaniens Geschichte vor und nach 1486, bezw. 1492. 
Es ist klar, dass ein Volk, um expansiv zu werden, erst inner- 
lich stark genesen sein muss. denn die Kraft, mit der es jenem 
Trieb folgt, sowie die Dauer seines Verharreus in der Richtung 
desselben, werden bestimmt werden durch vorher Erworbenes, 
Eine kräftigende innere Geschichte hat fast immer mit einer ent- 
sprechenden Wendung nach aussen geschlossen. Gerade darum 
sind jene Fälle noch merkwürdiger, in denen einer dieser natür- 
lichen Abschnitte ausfällt oder nicht zu hinreichender Entwicke- 
lung kam. Griechenland war durch seine Lage so expansiv ge- 
artet, dass seine tieachichle schon mit grossen Zügen in die Ferne. 
Eroberungen und Ansiedelungen au entlegenen Kiisten beginnt. 
um dann mit innerem Zerfall zu enden. Phbnizien war eigentlich 
nur auf küatenweiae Ausbreitung angelegt, ihm fehlte liie Mög- 
lichkeit innerer Erstark ung zu einem wohlgegliederten Staat, 
Datier mangelt der Geschichte dieses Volkes das Zusammenge- 
fasEte, der strahlende Mittelpunkt und es ist kein Zufall, dass die 
Historiker sie so oft aufzuzählen vergessen , wenn sie von den 
alten Kulturkreisen sprechen, als welche uns gewöhnlich nur die- 
jenigen bezeichnet werden .' deren Hittelpunkte am Enpbrat, am 
Nil, in Altika und an der Tiber lu suchen sind. Vermochten wir 
SO tief, wie es leider nie mehr möglich sein wird, in 



LiäUreitender und aliscIilieBBender 



Oden. 



lUt 



I 



Oalriebe der allen Gescliiulite liiueinxubliuken , so würden wir 
dieses aJlgegenwärtige Volk woUl unmittelbar einfluBareicIier in 
«lleo Richtungen, weil beweglicher, erkennen als ii^end eines der 
andern, denn selbst das griechisclii!, als ostmitteltneerisches, sttind 
ui rHumllcher Ausbreitung den dos gnuxe Mittelroeer erfüllen' 
den und über daaselbe hinausgehenden Phöniziern in den älle- 
ren Zeiten wenigstens nach : aber es würde auch dann uns 
keinen Kullurkreis zu bilden, sondern vielmehr die Verbin* 
dong mit den andern Kulturkroieen »u pflegen scheinen. Und 
dies ist in der That, nach allen Zeugnissen seiner Geschichte, 
die Aufgabe gewesen , welche znm hohen Besten der Well da« 
phönizische Volk gelost hat. Es ist diese Geschichte die einer 
HandelsTBAse, die aber freilicli in höherem Stil agiert als ihre 
armenischen oder griechischen Nachfolger. Kiin sehen wir auf der 
andern Seite die nie oder doch nie aus innerem Antrieb expansiv 
werdenden Völker, wie die Aegypter, deren Geschichte mumien- 
artig eingesargt im engen Thale des Nil stockt. Wohl herrscht 
nicht der Tod, es gibt hier Veränderungen, aber keine Entwickc- 
3ang: „sie zählen die einlörmigen Pen de lach läge der Zeit, aber 
die Zeil hat keinen Inhalt; sie haben Chronologie, aber keine 
Geschichte im vollen Sinne des Wortes" (E. Ciirtius). Die Kraft, 
statt nach aussen nährende Bethatigung zu suchen, wendet sich 
grOBsenteile nach innen, gegen flieh selbst, und reibt sich in Pallast- 
revolntionen oder Snccessionshriegen auf. 

Aber nicht nur die Geschichte einzelner Völker, sondern die 
ganze Weltgeschichte zeigt den Gegensaiz, bezw. die Abwechselung 
zwischen expansiven und eich abschliessenden Perioden und auch 
hier isl die geographische Grundlage dieses Wechsels bedeutsam 
herrortretend. Die Geschichte der geographischen Entdeckungen, 
indem sie eine Geschichte der Expansion (und mehr noch treilicb 
der Vorbereitungen und Versuche dazu) bildet, markirt in ihren wich- 
tigsten Epochen daher gleichzeitig aucli die bedeutsamsten Epochen 
der allgemeinen Weltgeschichlc. Man kann eine schemutische 
Gliederung der einen auf diejenige der andern legen und gewahrt, 
dass die sondernden Linien der grossen Epochen In beiden sich 
f«St immer decken. Die hervorragenden Geschichtschreiber der 
geographischen Enldecknngen leg«n die allgemein angenommene 
Einteilung in all«, mittlere und neuere Geschichte zu Grunde, 
wie es ja allgemein nnch In der Geachichte andrer Richtungen 
roenscblicber Unternehmung und Thätigkeit geschieht, Alexander 
der Grosse, so wie er die griechisclie Geschichte aus dem Mittel' 
raeer herausführt, und iiiren europüisch-asiat Ischen Gründung zum 
mächtigsten Durchbruch bringt, dnroit aber auch das Uebergewicht 
öriecbenlanda auf seinem eigen 11 ichslen Schauplatz, im östlichen 
Mittelmeer vernichtete, bewirkte aach die grund liehst« Erweiterung 
des geographischen Rorizontea nach Osten und Süden und den 
innigsten Austansch morgen- und abendländischer Erfahrungen 
and Ideen. Die Expansion der Römer vollendete das Gleiche 
nach Norden und Westen zu. Was Vivien de Saint-Marlin vom 



120 



Punkte geringsten VVid erstand w. 
L. Chr. 



erBten JaJirhunderl n. Chr. sagt. Am» seine Fortachrtlte in der 
Oeogrnpbie haoptaftchlicli den oiililftrifichen Expeditionen der 
Reimer zu verdanken Beien, darf auf alle folgenden' Jahrhunderte 
ViB zum Sturz des we»I römischen Reiclies Anwendung linden. 
Strabu, Tacilna, Ptolemäua verarbeiteten das Material, kann man 
eagen, der römischen KriegBgeographen, Dann traten, wahrend 
im HitUlalter neue politisch- expansive Hftchte in der Stille sich 
heranbildeten, die rcligiös-expansiTen StrebQngen des Chrietentums 
und des Islam als Erweiterer des geographischen Horizontes auf, 
bis der grösate AnstosB tu neuem Hinausatreben, dessen Ziel die 
Umfassung der ganten Erde war, dnrch die UmBchilTuDg Afrikas 
und die Entdeckung Amerikas gegeben ward, mit welchen die 
neuere Geschichte sich anfthut, die eine Periode der Erdumfaasung. 

Wir stehen davon ab, das Wesen dieser weltge- 
achichtlichen Erscheinung durch weitere Beispiele zu er- 
läutern, wir haben es hier hauptsächlich mit den 
Wirkungen zu thun, welche sie auf die Raum Verhält- 
nisse der Völker, bezw. ihrer Reiche ausübt. Wenn der 
Physiker die Expansion eines Körpers studiert, der von 
andern Körpern umgeben i.st, so wird die erste Frage 
sein: Wo ist der Punkt des geringsten Widerstandee? 
Annehmend, dass alle Volks- und Staatskörper notwendig 
expansir seien, wird fßr uns und ftlr jeden denkenden 
Betrachter der Geschichte dieselbe Frage eine der 
för die Einsicht in den Gang der GescJiichte wichtigsten 
sein. Und der Geograph muss sich für jeden Staat (wir 
sehen hier der Einfachheit halber von unorganisierten 
Völkern mit schleclit bestimmten Grenzen ab) diese Frage 
beantworten können, da er die in der Regel verlüütnis- 
mässig zufälligen Eroberungen nur als eine Teilerschei- 
nung des Expansionstriehs ansieht. Wo ein Land in 
allen Teilen seiner Grenzen annähernd gleichraässig ge- 
artet ist, muss auch die Möglichkeit der Ausbreitui^ 
nach allen Seiten hin ziemlich gleich sein. Eine Ebene, 
die rings nur von Ebenen umgeben ist, erzeugt Wander- 
völker ohne bestimmte Grenzen, während in den ring.'j- 
nni schlösse nen Gebirgsthälem fest ansässige Völker woh- 
nen mit stetigen Sitten und Gebräuchen. Dort wirkt die 
Expansionskraft Volk gegen Volk, und ihre Wirkungen 
hängen von der Macht ab. hier setzt die Natur Schranken 
und die Selbstbeschränkung zu Schutz und Erhaltimg 



Tkl'erc Bedeutung fesler Umgrenzung. 121 

wird selbst sich auferlegendes Gesetz. Die Formen des 

f Staates, welcjie dort ganz vom Zufall der MachtTertei- 
lung abhängen, sind hier ebenso vollständig von der 
Natur vorgeauhr leben. Dazwischen aber liegen imzählige 
Möglichkeiten von halb freien, halb bedingten öestü- 
tungeii, welche durch Grenzlinien der verschiedensten 
GrÖBse und Gestalt voneinander getrennt sind und deren 
Wechselbeziehungen dadurch zu ebenso mannigfaltigen 
werden. 

Es wäre kurzsichtig, im Schutz gegen Angriffe 
allein die Bedeutung dessen zu suchen, was man ganz 

y treffend .gute Grenzen" nennt. Ein Historiker, der den 
Tief- und Weitblick besitzt, die geschichtlichen Gescheh- 
nisse nach üirem vuUen Wert und ihrer fernsten Trag- 
weite zu schätzen, würde sie vielleicht nach einer 
andern Seite verlegen, die aus der ersteren zum Teil 
folgt. Der Schutz allein ist nicht schafi'end, er ist ein 
vom Tag für den Tag lebeadea Thun. Hingegen ist die 
ümschliessung einer Summe von geographischen Eigen- 
ttüulichkeiten, die einer Erdstelle angehören, durch einen 
unverrückbaren Rahmen, sei es des Landes oder Meeres oder 
Gebirges, zuerst darum von ausserordentlicher geschicht- 
lieher Wichtigkeit, weil solche Beschränkung zur Kon- 
zentration der geschichtlichen Kräfte, zu tieferer Aus- 
nutzung der natürlichen Gegebenheiten und damit zur 

' historischen Individualisierung am allermeisten bei- 
trägt. Kichta nimmt dem historischen Prozess so viel von 
seiner Grösse imd schwächt so seine Wirkimgen, als sein 
Verlaufen in breitem, greuzlosem Räume, wofür die russi- 
sche Geschichte in manchen Beziehungen als Beispiel dienen 
kann, wogegen anderseits aus jeuer zusammei^assenden, 
sich verdichtenden und vertiefenden Beschränkung die 
schönsten, grössten und wirkungsvollsten Erscheinungen 
der Mensch engeschichte, Griechenland und Rom, heraus- 
gewachsen sind. Die Lösung manches Rätselhaften in 

\ der geschichtlichen Entwickeiung gerade dieser geschicht- 
lichen Mächte — denn das sind sie, viel mehr als nur 
Länder oder Reiche — hegt in den Wirkungen der- 
selben. Beide sogen die überwindende, schöpferische 



12: 



Siiiil die Wohnsitu- der Völker gengrapliiscli bediiigl '! 



Kraft, mit der sie, selbst noch unn heute zu immer neuem 
Erstaunen, plötzlich auf die Weltbühne treten, zu einem 
guteu Teil aus der abgesonderten Entwickelung. welche 
Jahrhunderte, ja vielleicht Jahrtausende, die wir nicht 
kennen, ihnen in Ruhe zu vollenden gestatteten. Das 
Griecheuvolk trat hervor, als es durch friedhche Erobe- 
rung sich zum Herrn des Aegäischen Meeres, Rom als es 
sich zu demjenigen Italiens durch Krieg und Diplomatie 
gemacht liatte. Daher das wundervoll Bestinmite. scharf 
Umrissene in den Zögen ihrer fieschichte von diesem 
AugenbUck an, daher ihre vor allem im Verhältnis zu 
den räumlichen Grundlagen und der Mensch enzahl so 
gewaltigen Wirkiuigen auf Mit- und Nachwelt, datier 
das lange Leben, das ihnen trotz so mancher Elemente 
von Schwäche vergönnt war: sie waren eben reif geworden, 
waren zu fertigen In divi du abtaten herangewachsen. 

Die interessante Frage, ob, abgesehen von den 
Staaten, die Wohnsitze der Volker geographisch bedingt 
erscheinen , kann bejahend beantwortet werden , sobald 
man die Einschränkung hinzufugt, dass die Völker hier- 
bei nach ihren grossen Massen und nicht in ihrer Zer- 
si>Iitterung und Zerstreuung genommen werden. Jedes 
Volk hat eine Anzahl Ausläufer, Inseln. Kolonien, die 
bei der Beantwortung dieser Frage zunächst ausser Be- 
tracht zu bleiben haben. Von den drei stideuropäischen 
Halbinseln beherbergen die iberische und apenninische 
die zwei geschlossensten Zweige des romanischen Stam- 
mes, wie sie selbst die geographisch abgeschlossensten 
sind, während die Balkaiüialhinsel ihre Nähe bei Asien 
und dem osteuropäischen Tiefland durch gemischtere 
Bevölkerung beweist, in welcher nur der griecliische 
Stamm in dem geographisch selbständigsten Abschnitte 
dieses Gebietes in Griechenland samt Thessalien verhält- 
nismässig geschlossen auftritt. Dem weiten osteuropäi- 
schen Tiefland entspricht das über das sechsfache Ge- 
biet Deutschlands ausgebreitete Orossrussentnm und das 
greuzlose Polen, während Grossbritannien trotz seiner 
Vöikermischung die schärfst ausgeprägte und eine der 
pohtisch einheitlichsten NationaUtäten entwickelte. Man 



öebergiclit. der Greniformpn 



lL'3 



Ze 
J m: 

I 



enl 



larf nicht erwarten, die politischen Grenzen diesen natüT- 
ichen Abschnitten überall genau entsprechen zu sehen, 
denn die geschichtliche Freilieit duldet kein Eiuzwäageu 
Schranken, aber es int zweifellos, daaa zu der 
Zeit, in welcher die heutigen europäischen Völker sich 
^us dem grossen Magma, das die Völkerwanderungen 
;iirückgelassen. absonderten, natürliche Gliederungen und 
Umrandungen der Wohnsitze diesen Prozess begtinstigten, 
ge wisse rmassen die Gefasse zur ruhigen Äuskristallisie- 
mng bereit hielten. Ein vergleichender Blick auf die 
verhältnismäsN^e Schürfe der »panisch - französischen 
Grenze in den Pyrenäen, der deutsch-italienischen in der 
Schweiz oder der deutsch-französischen in den Vogesen, 
und die im Gegensatz dazu durch eine fast endlose R«ihe 
Ton Elxklaven und Enklaven bezeichneten deutsch -polni- 
schen oder deutsch-russischen Tieflandgrenzen gewährt 
dort das Bild der Ruhe oder wenigstens des Znriihe- 
kommens, hier der Unsicherheit, der Unruhe, des in be- 
ständiger Verschiebung Begriffenseins. 

Dfta Sludium ilerGrenseii der Länder ist einigermasHen ver- 
nachl&SBigt, teilweise iofnlge der im allgemeinen läesigeD Be- 
KhäfÜgung mit anlhropogeugraphiechcn Prübktnen, teilweise wohl 
•neb wegen der GcringschalAiing, mit welclier man diesen künst- 
licbe.a, anBcheinend ganz willhürliclieu^ oft selbst bizarren Linien 
entgegentritt. Man niiisB aber bei näjierer Betrachtung sowohl 
ihres Gewordenseins als ihrer Wirkungen gestehen^ dasa es eine 
Staatenkunde nicht unwürdige Aufgabe sein würde, die Lehre 
den politischen Nnchharsc haften zu entwickeln, mit andern 
'orten, die Wichtigkeit 7.11 zeigen, welche der Ausdehnung nnd 
'orm der poliiisclien GrenKcii zukommt, ^'erauclien wir «unüthst 
die Hanptgattungen der letzteren zu unterscheiden; schon dieser 
Versuch wird ohne grossen Kommentar zeigen, dass es sich hier 
um geschichtlich wichtige, am sehr folgenreiche Eigenschaften 
der Staaten handelt. Das Wort Grenzen gehrauehen wir dabei 
anaschliesslieh im politischen Sinn: 

I. Staatsgebiete ohne politische Grenzen. 

Inselreiche: Gross britannien, Japan. 
n. Staatsgebiete mit politischen Grenzen. 

A. Die politischen Grenzen fallen durchaus mil naltirliclien 

Meere.ägrenic: Halb- 



124 



L'ebersichl der pi>litlBi:li>:n NHfljliarsulinlieTi. 



üebirgsgre 



b. Der grüseere 1 
Montenegro. 

c. Die Grenze iet durchauB UeUirgsgrenze: Kaachmi 

d. Die Grenze ist teil» Gebirga-. teils Fluasgrenzi 
Schweix. Ruoi&nien, 

B. Die poliÜBchen Greoien fallen |iiur teilweise mit iiatti 

B. Der grbsaere Teil der Grenze ist Meeresgreiizi 
Fraukreicb, Spanien. 

b. Bin beträchtlicher Teil der Greiixe ist Uecresgrense: 
DeutschlBiid, Kusslaod. 

c. Das Land reiclit bis ans Meer: Belgien., Ungarn. 

d. Das Lan'l ist rings von andern Ländern um- 
suhloasen : 

d '. Grenzt nn einen ina Meer führenden Uanpt- 

Strom: Kumünien. 
d*. Ist rein binnenländioch: Württemberg. 
Id diesem letzteren Falle, wo der unmittelbare Aaslass ins 
Meer fehlt, erlangt nun die Art der Vergese Ilse haftutig mit andern 
Staaten natürlicherweise den grössteu Einflusa aal' die ganje ge- 
schichtliche Stellung. Sie ist ober auch sonst von Bedeutnng nnd 
dürfte vieUcicbt in folgender Weise zu graduieren sein: 

A. EinaeitigeNachbarschaft: Portugal undSpanien, Griechen- 
land und Türkei. Norwegen und Schweden. 

B. Zweiseitige Nachbarschafl; Schweden zwischen Norwegen 
und Russland. Montenegro iwischen Oeatprreich und der 
Türkei. 

C. Mehrseitige NachbarschaTt. 

B. Eine grosae Macht ist t 
geben : Uesierreicli mit 
negro, der Schweiz. 

b. Ein kleiner Staat tat von mehreren grosaen i 
geben: Die Schweiz zwiachen Deutsehland, Oestet' 
reich, Italien und Frankreich. 

c. Eine groase Macht ist von tnehrerpn ibreagleicben 
umgeben; Deutschland zwiachen Frankroiclx, Oester- 
reicb. Rnssland. 

d. Ein kleiner Staat oder deren mehrere sind von ein 
grossen eingeachlosaen: San Marino in Italien. 
Tribulärstaaten in Britisch -In dien. 

e. Hehrere Staaten liegen in kettenförmiger Aneinander- 
reihung, wobei 

e ', Endglieder: Chile in der paciSschen Staaten- 

reihe nnd 
e '. Mittelglieder: Frankrfich in der westnüttel- 

meerischen Stantenreilie zwischen Span 



Verbällnis zwisclici 



I 

I 



f tischen Aclise gesprochen^ die, von Kiel bis Catania reichend, dem 
[ Erdteil eio etarkes Rüchgrat verleihen und atörende Mächte in 
I' Oit und West auseinanderhalten Bollte. Es zeigt diea, daaa e '. 
and e*. nidit bloss Gedankenspiele aind. 

Fassen wir die geschiclitlicheQ Wirkungen dieser 
Formen der politischen Nachbarschaft ins Auge, so ist 
Tor allem klar, dass ihre Vergleichung ausserordentlich 
erleichtert sein wird, wenn man för die Länge ihrer 
firenzen einen vergleichenden Ausdruck finden kann, 
welcher auf keinem Wege besser als durch die Ver- 
hältniszahl der Grenzlänge zur RaumgrÖsse, d. h. zur 
Quadratmeiienzahl des Landes bestimmt werden kann. 
Die Meeresgrenzen sind dabei ausser Betracht zu lassen. 
Han gewinnt so eine Zahl, welcher Bedeutsamkeit nicht 
abzusprechen ist. Während man um die KüstengUede- 
rung und ihre unverstandene Bedeutung sich im Kreise 
drehte, bedachte man zu wenig, dass es auch noch andre 
Grenzen gibt, an welche der Mensch mit seinem Ex- 
pansionstrieb stösst oder gegen welche er gedrängt wird, 
imd dose diese je nach ihrer verschiedenen Ausdehnung 
Tielleicht von nicht minder tiefgreifendem Einfluss auf 
seine geschichtlichen Schicksale sein könnten. Man gab 
wohl die Kosten -Entwickebmg der Erdteile imd sonsti- 
ger Landatücke in den Handbüchern an, aber es ist 
mun-es Wissens nie der Versuch gemacht worden, eine ver- 
gleichende Grenz-Entwickelung auch nur t'Ür die europäi- 
schen Hauptstaateu zu berechnen, die doch gewiss fflr 
die politische Geographie und, wenn für nattirliche Völker- 
grnppen durchgeführt, ftir die Anthropogeographie von 
Wert sein würde. Wir geben hier probeweise einige 
Zahten dieser Art (auf der Basis von geographischen 
Heilen), wollen aber nicht unihiti, sogleich hinzuzufügen, 
dass von ungleich grosserem Werte die allerdings viel 
schwieriger zu erlangenden Grenzzahlen natürlicher 
Völkergruppeu .sein würden, wie der Deutselien, Fran- 
lOsen, Italiener. Polen u. s. w,. deren ausserordentlich 
ühsame Berechnung wir luis vielleicht später einmal 
toir Aufgabe setzen werden. Ein.stweilen dürften diese 
nicht ganz unfähig sein, zu nötzlicheii Vergleichun- 



136 



Die GrenzgrÖMe. 



gen Anlass /.ii gebeii. Für ein vollkomnien binnen lüiidiechea 
und kleines Gebiet, das also nur Landgrenzen hat, wie die 
Schweiz, verhält sich Fläcienramn zur Gronzlänge wie 
3,3:1, bei dem noch stark binnen ländischen Oesterreich- 
Ungarn verhält sich die Land- zur Seegrenze wie 3,8 : 1, 
während der Flächeninhalt zur ersteren sich wie 12,5:1 
verhält: bei Belgien verhält sich die Land- zur Seegrenze 
wie 19:1, zur Landgrenze der Flächeninhalt wie 3:1; 
bei Frankreich verhält sich die Land- zur Seegrenze 
vrie 1,8:1, der Flächeiiraum zur ersteren wie 18,7; 1; 
die Landgrenze Griechenlands stand vor 1881 (oline die 
Inseln) zur Seegrenze wie 1:9, und der Flächenraiim 
zur ersteren wie 40 : 1 : die Landgrenze der Vereinigten 
Staaten verhält sich zur Seegrenze wie 2,3:1, nnd der 
FläcJienraum (ohne Alaska) zur Landgrenze wie 66 : 1 ; 
die Seegrenze Schweden -Norwegens verhält sich zur 
Landgrenze wie +.3: I, und der Flächeninhalt zu letzte- 
rer wie 111:1. Vergleicht man diese Verhältnisse der 
Landgrenze zum Flächeninhalt, so ergibt sich folgende 
Keihe: 

Belgien 3 

Schweiz 3.3 

esterreich . . . 

Frankreich . . . 

Griechenland 

Vereinigte Staaten 

Schweden-Nor wegen 
Es zeigen sich hier grössere Unterschiede, ab derjenige 
vielleicht erwarten wird, der sich nicht gegenwärtig hält, 
dass auch die Flächen der politischen Geographie die 
Eigenschaft haben, selber in quadratischer Progression 
zu wachsen, während ihre Umfangslinien nur arithmetisch 
zunehmen. Es ist also , von allen andern möghchen 
Vorteilen abgesehen, jeder Grössenzu wachs eines Staates 
als ein Gewinn aus dem Gesichtspunkt der Grenz- 
abkOrzung zu betrachten, wenn anders diese ZufQgnng 
dem vorherigen Verhinf der Grenzlinie sich im allge- 
meinen anpasat. Indem Deutschland sich 1871 273Quftdrat- 
meilen von Fninkreieh abtreten liest-, kürzte es aller- 



12,5 

18,7 



111 



Vielseitige und einseitige Ueecliichli'. 



127 



K4i»ga dessen Grenzlinie um etwas, schon weil es ihm 
feine geradere Grenze gab, es kürzte aber im Verhäitnia 
' «nm vergrösserten Flächeninhalt die eigene noch viel 
mehr ab, was, ganz abgesehen von dem Tauach der 
schlechteren Rhein- gegen die bessere Vogesengrenze 
nnd anderm etwaigen Gewinn, als ein erheblicher Vorteil 
angesehen werden darf. Uebrigens möchten wir mit 
diesen Erwägungen keineswegs der Meinung Ausdruck 
geben, als ob die ktirzesten Grenzen immer die besten 
seien, woiiaoh folgerichtig die Staaten nach der strengen 
I Ereisgestalt zu streben und ihre Kräfte vom geometri- 
I Bchen Mittelpunkt aus wirken zu lasson hätten. Viele 
I Gründe können eine am weitesten von dieser vernünftig 
I Tor zustell enden Gestalt abweichende bizarre Grenzliaiie 
I rechtfertigen. Denn die Peripherie hat ihren eige- 
I nen geachichtliehen Wert und verdient demselben 
\ gemäss auch hier geschätzt zu werden. 
I Die Geschichte würde Material zu zahlreichen IHu- 

1 strationeii jeder einzelnen der vorhin aufgeführten Formen 
' des An einander grenzen» darbieten, dessen Ausbeutung wir 
uns jedoch hier entschlagen mfSssen, um nicht zu sehr 
in die Breite zu gehen. Nur Eines möge uns gestattet 
sein hervorzuheben; Der Gegensatz zwischen vielseiti- 
ger und einseitiger Geschichtsentwickelung beruht 
auf der mehr oder weniger vielseitigen Berührung eines 
Landes mit seinen Nachbarn, Es ist nun von Wichtig- 
keit für den Charakter der Geschichte eines Landes in 
verschiedenen Perioden, auf welcher Seite seiner Grenze 
die wichtigsten geschichtlichen Prozesse sich abspielen, 
und öfters wird man wahrnehmen, wie hervorragende 
Wendepunkte in der Geschichte eines Landes Hand in 
Hand gehen mit Veränderungen in der Lage seiner 
.Gescbichtsaeite". In Frankreichs Geschichte hat seit 
Anfang des 14. Jahrhunderts eine Verschiebung der ge- 
[ schichtlich wichtigsten Grenze von der westlichen zur 
[-«ildfifitlichen (italienischen) und von dieser zur östlichen 
P' (deutschen und niederländischen') stattgefunden, während 
I Deutechlands Geachichta- und Gesichtifseite von der Zeit 
Ider sächsischen Kaiser an von Osten und Norden sich 



128 



Einseitige Gescliichte. 



für .Tahrhunderte nach Süden wiuidte, um dann vor- 
wiegend nach Westen und zeitweilig nach 8 ü dosten ge- 
richtet zu sein, Der mächtigste Nachbar wird es sein, 
welcher vorwiegend die Lage der geschichtlich wirk- 
samen Grenze einer bestimmten Epoche bedingt, imd das 
Land wird glücktich zu schätzen sein, welches nie nach 
mehr als einer Seite gleichzeitig Front zu machen hat. 
Ausser dem mächtigsten Nachbar wird aber etwas 
Bleibenderes, nämlich die Richtung nach der höheren 
Kultur und dem Sitz der gewichtigsten Wirtschafts- 
interessen hin, einer bestimmten Seite eines Landef^i ein 
grösseres Gewicht zuerkennen lassen, wie denn unzweifel- 
haft für alle enropäiHcheii Binnenstaaten, sowohl Deutsch- 
land als Oesterreich und Rusaland, die Westseite, d. h. 
die dem Meere und den kulturlich und wirtschaftlich 
|}lilhendsten Ländern Europas zugewandte Seite heute die 
geschichtlich wichtigste ist. Man kann nicht leugnen, dass 
in dieser entschiedenen Richtimg nach einer bestimmten 
Seite hin etwas von Abhängigkeit liegt, die aber in der 
Vielseitigkeit der Grenzen gerade der hier in Frage 
kommenden Mächte und in deren eigener Grösse auf die 
Dauer ihr Gegengewicht findet. Anders ist es bei ein- 
seitig gelegenen Ländern, wie z. B. Spanien, das fOr alle 
seine Beziehungen zum kontinentalen Europa auf die 
Vermittehmg Frankreichs angewiesen ist, nur Frankreich 
in erster Linie sieht und darum kidturlich wie politisch 
stets geneigt ist, trotz seiner im übrigen freien pen- 
insularen Lage ein Trabant dieses Staates zu werden. 
Der Geschichte solcher .einfach* gelegenen Länder- 
räume pflegt immer auch ein entsprechend einseitiger 
Charakter aufgeprägt zu sein. Griechenlands Geschichte 
lullt meist unter den Begriff gri echisch -asiatisch , die 
Roms ist in der Zeit des folgenreicki^en Aufschwungs 
italienisch-afrikanisch , die Dänemarks ist vorwiegend 
dänisch - deutsc h , die Grossbritanniens, soweit sie euro- 
päisch, sehr vorwiegend enghsch- französisch. Nicht blo«.s 
fßr den Betrachter, sondern vor allem für die beteiligten 
Völker ist dieser einfachere Typus von Geschichte wohl- 
thuend im Vergleich zu dem vielseitigen, gewissermassen 



I 
I 



Reaktionen zwisclien Mittelfninkt und Peripherie. 129 

oszillierenden Deutschlands oder Frankreichs. Diese 
Komplikationen sind einfacher und eine irgendwie geartete 
Lösung kann irgendwann erwartet werden. 

Die Völkergeschichte und Völkerverbreitung zeigt 
eine Masse von Thatsaehen, welche man als Erscheinun- 
gen der Reaktion zwischen der Peripherie und dem Innern 
zusammenfassen kann. Die Entdeckungsge schichte zeigt 
nnfi im Herzen Afrikas den berühmten weissen Fleck, 
an der Peripherie ringsum bekanntes Land; die Geschichte 
der Kolonien in äussere uropäiacben Ländern zeigt von 
den Phöniziern und Griechen bis in die jüngste Geschichte 
Australiens imd Nordamerikas eine Ausbreitui^ in der 
Peripherie der Inseln und Erdteile, welcher dann erst 
das Vordringen in das Innere folgt; die geographische 
Verbreitung der Völker läsat Binnenvölker und Küsten- 
vBlker häufig scharf imterseheiden; wenn auch nicht 
tiberall wie im malaiischen Archipel, in Osta&ika oder 
in Madagaskar eine Küstenraase und eine Binnenrasse 
aneinaadergrenzen , so ist doch die Verbreitung der 
Griechen auf der Balkanhalbinsel und in Kleinasien, der 
Kormannen in Frankreich imd Sizilien, der einstigen 
Mauren in Sttdfrankreich eine sehr entschieden periphe- 
rische Erscheinung. Wie sehr die Ungleiebmässigkeit 
zwischen Mitte und Peripherie bei weiter Ausdehnung 
des Länderbesitzes eines Reiches auf die innere Konsti- 
tution desselben zu wirken vermag, zeigt schon die 
frühere römische Geschichte sehr deutlich, wo die Pro- 
Tinciae es waren, welche ein Kaiserreich aus der Ilepublik 
machten. Selbst die Geschichte der Bildung des chinesi- 
schen Reiches ist teilwei.se die eines peripherischen Um- 
fassens der binnenländischen Gebirgsbewohner, deren 
Einengung und Zusammendrän^ng noch in diesen letz- 
ten Jahrzehnten eine der wichtigsten Aufgaben der inne- 
ren Entwickelung dieses Reiches darstellt. Einige Fälle 
der umgekehrten Bewegung, des Hinausschiebens von 
Yölkern an die littoralen Ränder der Kontinente haben 
wir oben ausgeführt (s. S. 109 u. llß). Häufiger und 
wichtiger ist aber das Vordringen von der Peripherie 
nach dem Inneren, weil den vom Meere hereindrängenden 



131) 



Die geechiclitliche Bedeutang 



Völkern jene ganze fast scbrankenlose BewejtHchkeit, 
die das Meer gestattet, und jene Verfügung über reiche 
Hilfsquellen zur Seite steht, welche die üebung in der 
Seefahrt zu erteilen pflegt. Man hrancht dabei keines- 
wegs bloss an eroberndes Vordringen binnen war ts zu 
denken, es können aiich politische Wachstumsprozesse 
von hier aus ins Innere vordringen, welche genährt 
werden von dem Gefühl der Selbständigkeit und der 
weiteren politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, 
die an der Grenze und vor allem aber am Meere sich 
aufthim. 

Je nuBgedelmter and je »ehr nur erst in der Entwickclung be- 
griffer ein Land ist, um so grösser wird die Bedeutung der peri- 
pherieclien Interessen sein, wclvlie dnrch das Hassen gewicht den 
Landes in den Vordergrund gcilrängC werden. Mit Reclit hat man 
schon friiher gesagt, ilass für Russland, dos mit seinen Grenien 
viele und zum teil machtige europäische Staaten berührt, und durch 
seinen Handel auf weit voneinander entlegenen Heeren zugleich 
tu kommerziellen Beziehungen zu den BauptbandelsBtaaten der 
Erde steht, die auswärtige Polilik von viei grösserer Wichtigkeit 
ist als, mit Ansnahme von England, für jeden andern Staat in Eu- 
ropa. (G. L. Kriegt, Schriften zur AUg. Ei-dhunde 1840. 8.213,) 
Es ist, mindestens in den letzten zwei Jahrhunderten, wichtiger 
für Rnssland gewesen , seine Beziehungen zur westlichen Welt 
möglichst innig und wirksam zu gestalten als von einer zentral 
gelegenen Hauptstadt wie Moskau aus die Zügel der Verwaltung 
etwas stralTer oder gleichmässiger zu halten. Aehnliches wie in der 
Lage St. Petersliurgs tritt nns in der Lage Washingtons entgegen. 
Zu diesen peripherischen Erscheinungen gehört die Thotsftche. 
dass kleinere politische OebieCe sich mit Vorliebe in der Peripherie 
der Erdteile oder sonstiger grösserer Lftnd erkomplexe ablösen, 
bezw. herausbilden. Hier am Heere finden auch Schwache Halt, 
die im Binnenland von den Mächtigeren überftulct werden. Wir 
erinnern an Italiens und Deutschlands Städte repu b li ke n , an 
Portugal. Belgien, die Niederlande, Dänemark, wie denn Eu- 
ropas puliÜBche Vielgliederigbeit. wie einst diejenige Griechen- 
lands. IQ einem grossen Teile der Länge seiner Eüstenlinie zu 
verdanken ist Die entsprechenden ÄblösiingS' be/w. Wachstums- 
prozesse nehmen wir ja auch in unsrer Zeit wahr, wobei eine 
anscheinende Ausnahme das Erstarken Preiissens durch Herein- 
WHchsen von der OsUee nach binnen zu und die daraus folgende 
Zusammen Schliessung Deutschlands nur die Regel bestätigt, denn 
dieses Wachstum wurzelte ja grossenleils zuerst in einer peri- 
pherischen Abgliedernng nnd Aiisbreltung. Der politische Kristal- 
lisationsprozeas hat auch auf der Balkanhalbinsel in den mari- 



I 



der periplieriachen Gebiete. 131 

timsten Teilen, Grieclieiilaud und Rumänien, um friibeslen zur 
Aasbildung selbständiger und politisch wichtiger Staat^gebilde ge- 
führt, was an die Abgliederung D&neraarks und der Niederlande 
vom DeulBchen Reiche erinnern mag. Sehr oft ist dieser Ab- 
gliederungsproieSB ebensosehr wie durch die Kraft der peripheri- 
schen Interessen durch die Schwäche herrorgc rufen, welche die 
vom Hittelpunkt nach nusaen bin abnehmende Macht gerade an 
diesen wichtigsten Punkten bekundet Eben hier vermisst man die 
Stärke am schmerzlichsten und eben darum wieder das grosse 
Gewicht peripheriacher Fragen in den Prozessen der Völitereini- 

fnng. wie es die Flotten- und die Rheinfrage in Deutschland von 
840—70 zeigen. E^ ist eine sehr gecigrsphiscbe Idee, welche wir in 
einem Briefe Jakob Grimms aus Troyes (1814) auegesprochen finden : 
Das Elsass an Oesterreich, das übrige Linksrheinische an Preussen 
XU geben, weil „daran liegt, daas Starke an den Grenzen sind und 
■o wiirden die kleineren Fürsten Deutschlands gleii^hsam' eingehegt". 
Vielleicht im rosigsten Lichte erscheint uns die Peripherie in 
jeneu despotisch regierten Ländern, in deren Hauptstadt ein Ty- 
rkDD thront, dessen Grausamkeit und Willkür uia so weniger 
empfunden wird. Je weiter man sich von seinem Sitze entfernt, 
dessen Macht aber glücklicherweise mit eben derselben Schnelligkeit 
pcripheriewärts abzunehmen pflegt. Fast Jedes afrikanische Reich 
bietet dafiir Beispiele ; man denke nur an die Beziehangen «wischen 
Lunda und Kasembea Reich: aber auch der nähere und fernere 
Orient isl nicht arm daran. Diesen unterdruckten Völkern kommt 
baufig die Rettung von der Peripherie her, wo ea noch Menschen 
gibt, die za atmen wagen und mit der reineren Luft Entechluss- 
ßhigkeit einsaugen. Im persischen Reich gewannen die Aufstände 
peripher] sc lier Satrapen mehr als einmal welthistorisclie Bedeutung, 
An die Anabasia des jüngeren Cyrus braucht bloss erinnert üu 
werden. In milderem Grade hat Europa im 19. Jahrhundert ähn- 
liches sich vollziehen sehen. Man bat ee auch hier aus manchen 
Gründen zweckmässiger gefunden, Revolutionen von aussen nach 
jnnen ihren Weg machen zu lassen, und in Deutschlands trüben 
Zeiten nahmen die Grenzstaalen als Asylstaaten für verfolgte 
Helden nnd Ideen eine Über die Peripherie hinüber sehr einflnsa- 
reicbe Stellung ein. 

Ueber derartige mehr nur zeitweilig aufiretende Erscheinungen 
r»gt die bleibende Ausgleichung nationaler Unterschiede in den 
Grenzgebieten weil hinaus. Frankreichs und Deutschlauds Wech' 
■alwirknngen, die nnsern Westen vor altem politisch so ganz an- 
ders gemacht haben als den Osten, und manchmal den Gedanken 
nahelegen, doss West und Ost bei uns noch tiefer verschieden 
seien als die in oft kontrastierten Süd und Nord, haben ihren Platz 
in der deutschen Geschichte. Gewissen CeberKangsgebieten ist 
durch solche Verraittelung eine ebenso schöne als wichtige Rolle 
im Geistesleben der Menschheit zugewiesen, die in keinem Ver- 
hältnis zu ihrer Grosse steht. Wir denken z. B. an die fran- 
•ösiache Schweiz und an die Niederlande im vorigen Jahr- 



132 



Gretiivölker. 



hundert, oder bd Dänemark. Das Aneinnndergrenien der Viitker 
erteugt weiterhin die rUr ilir Gleichgewicht günstige Thotsacbe, 
daas sie io den Grenzgebieten in der Regel unter gleichen B«- 
dingangen wohnen und dadurch einander in Fähigkeiten und 
Neigungen näher gerückt werden. Hält eich eine Grenze lange 
Zeil, eo achreitet diese Abgletchung immer fori und es befestigen 
sich Bo die Schranken, welche zwischen den Völkern bestehen, 
soweit sie von den Fähigkeiten und Neigungen der letzteren ge- 
tragen werden. Vor allem gilt dies von den Cremen, welche 
Gebirge halb einem, halb eiaem andern Volke zuteilen. Italien 
würde sicherlich seinen nördlichen Nachbarn schwächer gegen- 
überstehen, wenn die Grenze am SÜdfltss der Alpen verliefe, statt 
mehr «der weniger auf dem Kamme derselben, und wenn Tos- 
kaner oder Roraagnolen statt der kräftigeren Frisuler, Bergamas* 
ken, Piemontesen ii. s. f. den Tirolern oder Schweizern gegen- 
über wohnten. 

Es ist innerhalb der Menschheit eine isolierte Aktion, 
isoliert nach Ursache oder nach Wirkung, nicht möglich 
nnd damit anch keine im einzelnen berechenhare. Die 
eigene Regsamkeit der IndiTidnen, wenigstens innerhalb 
der Kulturvölker, ist geneigt, auf jede Anregung, jede 
Einwirkung mit über das Mass dieser letzteren hinaus- 
gehenden Energie und Wirkung zu antworten. Ueber 
die Linie, bis zu der ein Volk Torgeschritten, geht in 
einiger Zeit immer ein Teil hinaus, imd der Fortschritt 
geschieht in nach vorwärts ausgebogener Schlachtord- 
nung, weil die Flügel, d. h. die trägere Masse, zurück- 
bleiben. Mindestens jenem vorgeschrittenen Teile fliessen 
Anregungen von noch weiter fortgeschrittenen Völkern 
zu, die er entweder weiter entwickelt, oder einfach be- 
wahrt, oder aber in der trägeren Masse verkommen 
lässt. Soweit das vergleichende Studium der Völker der 
Erde uns erkennen lässt, entspricht der verschiedenen 
Kulturhöhe derselben ein auf dem grösseren oder ge- 
ringeren Gewicht jener trägen Masse beruhender, ganz 
verschiedener Grad von Reaktion auf äussere Eindrücke, 
welche fast Null ist bei den Naturvölkern, um bei den 
Trägern der höchsten Kultur zu einem mit vollem Be- 
wusstsein seiner Notwendigkeit geführten, möglichst inni- 
gen Wechsel verkehr sich zu entwickeln, welcher sie alle 
zu Trägem Einer Kultur werden lässt. Was dann auf 
dieser Stufe von Kulturuuterschieden noch vorhanden, 



Knlturgemeinsdiaft. 133 

f[lhrt zu eiiiem guten Teil auf geographische Er- 
schwerungen dieses Wechselverkehres zurück, und so 
finden wir denn in den beiden geographisch ain schärf- 
sten vom übrigen Europa getrennten Teilen imsres Erd- 
teils, auf den britischen Inseln und in Spanien, die 
eigentümlichsten Abarten der europäischen Gesamtkultur, 
während die kontinental mit weiter Grenzer Streckung 
nebeneinander gelagerten Frankreich, Deutschland, Weat- 
österreich und Westrussland, nebst den kleineren Nach- 
barn, wie Belgien, Holland. Schweiz u. s. w., am meisten 
U eher einstimm ung hinsichtlich ihres allgemeinen Kultur- 
cbarakters erkennen lassen. Stammes ei gentündiehkeiten 
und geschichtliche Ererbtheiten bedingen viele Unter- 
schiede, aber eine Hülle von Gemeinsamkeiten, die auf 
wechselseitigem Austausche beruhen, ist über sie alle 
ausgebreitet. Der Amerikaner, welcher Europa zura 
erstenmal besucht, findet in der Regel zu seinem Er- 
' staunen eine grosse Aehnlichkeit des Charakters und der 
Sitten zwischen Deutschen und Franzosen, während 
Deutsche und Engländer ihn auf den ersten Blick sehr 
wenig von der Stanmiesgemeinschaft mehr erkennen 
lassen. Diese Kulturgemeinschaften im einzelnen zu 
verfolgen und ihre Grenzen zu ziehen, ist eine inter- 
essante kultiirgeographische Aufgabe, deren Lösung bis 
heute nicht versucht ist. Die politischen Grenzen sind 
nattirlich dabei ausser Betracht zu lassen, oder sie sind 
vielmehr nur ein Ausdruck des Kultur zustand es und der 
vergangenen Kul tu reut Wickelung der Völker, ebenso wie 
die Grenzen der Religionsbekenntnisse, der Sprachen, 
der Verbreitungsgebiete gewisser Sitten, Geräte irad 
sonstiger Kultur errungenschaften, nicht zu vergessen der 
Haustiere und Kulturpflanzen. 

Der Möglichkeiten eröffnen sich hier viele. Jedes 
Land kann aus irgend einem Gninde mit jedem andern 
zusanunengrnppiert werden, an welches es angrenzt, und 
es sind damit natürlich vielerlei Gruppierungen für alle 
diejenigen Länder möglich, welche nicht gleich den ozeani- 
schen Inseln so isoUert liegen, dass sie nicht einmal irgend 
einem Erdteil zugewiesen werden können. Die Frage 



134 



Gruppierung der Sla 



1 Nalurgebieten. 



ist dabei nur, welche von diesen mögliclien Gruppienin- 
gen wichtiger sind alx andre. Diese Frage zu beantwor- 
ten 'ist wichtig, weU sie allein uns einen gewissen Halt 
gegenüber den Versuchen zu willkürlichec Verschiebun- 
gen auf diesem Gebiete zu gewähren vermag. Man hat 
nur ein Recht, die herkömmlichen Anordnungen zu 
durchbrechen, wenn man ein Prinzip für sich aufzeigen 
kann. Wir stellen hier mm in die erste Linie die 
wechselseitige Ergänzimg zu vollkommeneren geographi- 
schen Individuen, die soviel wie möglich an die natür- 
lichen Gegebenheiten sicii anschliessen, denn es ist klar, 
(lass, je gesclilosseaer die geographit^che Individualität, 
um so fester aie die politischen Abgliederungen zu- 
sammenzuhalten strebt, welche in ihr sich gebildet. 

NiemBod zweirelt , mit vrelchem nndem Staat Portugal cu- 
eamincni^ug nipp ic reu aei, denn es gibt kaum eine schärfer auBge< 
BprocUene Einheit, die eben darum auch sur Kai turein heil be- 
stimmt ist, als die Pyrec^nhalbinfiel, Dos buute Staatenge (vimmel 
der Apenninenhalbinsel vor 1860 hat ebensowenig jemals einen 
Zweifel übrig la.sBen können, dass Italien troti alledem ein natür- 
lich und darum, zunächst wenigfitens in der Hoffnung oder Erwartung, 
aoch politisch einziger Begriff sei. Es ist um einen Orad schwieriger, 
wenn wir, einen Blick in das östliche Miitelmeer werfend, Syrien 
zwischen den abgefichlossenen I ndivid aal i täten Kleinasien und 
Aegypten einsam liegen sehen und uns die Frage vorlegen, ob ee su 
diesem oder jenem gehöre? Zu keinem von beiden, es ist zuerst 
ein Gebiet für sich und dann offenbar der mittelmeerische Rand 
Arabiens, Terhlillter nur als Maskat der iädiscbe und die Käste 
von Hedacbas der afrikanische ist. Bei dieser Frage erinnern wir 
uns andrer Fälle, wo Küatenstriche abgesondert von ihren Hinter- 
Ittndern wie politische Inseln oder Halbinseln daliegen. Eüsten- 
slriche haben so eigenartige Naturgegebenbeiten. dass sie leicht 
eine ganz selbständige Exislens führen können. Aber Dalmatiens 
Zugehörigkeit zur westlichen Balkanhalbinsel machen weder die 
Signori seiner Städte noch die Besatzungen seiner Blockhäuser 
xweifelhafL Die Ostsee pro vi nie n waren in den Banden Sehwedeni 
ein minder natürlicher Besitz als sie den Russen geographisch 
notwendig waren. Wenn heute Polen wiedererstände, würde es 
mit natüriicher Berechtigung seinen Auslaas an der Weichsel 
fordern. In den Binnenländern wird oft diese Zusammenlegung 
am schwersten, denn man hat nicht oft so starke Anhalte für 
dieselbe wie bei Halbinseln oder Küstenstrichen. Jeder siebt, 
dass zwischen den Alpen and Dcutschlonda Küsten an der Nord- und 
Ustsee kein starkes Motiv zu Abgrenzungen vorhanden ist, daaa 



De Q [Belli an ds Naturgrenjii'n 



135 



I 
I 



liier ein uatürlitli zuBammengehüriges Abdacbuugsgebiet vorliegt; 
über die Frage wird kompliziert im Nordwesten, wo die ans 
Frankreich kommende Uaas mit dem Rliein zusammen mündet, 
im Osten, wo die Donau nns den Weg nach Osten Öffnet und im 
Nordosten, wo unsre Küale sieb zwiacben Lithauen und daa Meer 
eiascbiebt. Sollen wir den Knoten im Mordwesten durcbscb neiden, 
indem wir sagen: Maaa ist Nebenflusa des Rheines, ihre Mündung 
gehört zu den Rheinmündungen? Wo sollen wir im Osten im 
DonauEhal die Grenze Deutacblands ziehen? Und soll jene diircb 
deutscbe Kultur erkämpfte Nordostküste aus dem geographischen 
Begriff Deutsciiiand ausgesondert werden? Man würde solchen 
Fragen gegenüber eich mit der Auskunft beruhigen, dass die Hand 
eines starken Volkes auch minder natürlich ZitBammengchöriges 
zusammenzuhalten wisse, und doBS die natürliche Zugehörigkeit 
Als ruhend betrachtet werden könne, solange diese üand nicht 
erschlaffe, wenn nicht die Notwendigkeit dieses Znsammenhalteas 
einen Krartaufwand erforderte, der andern Thätigkeiten verloren 
geht, und wenn nicht in. solch unsicherer Bt'grenzung unvermeid- 
lich die Konflikte lauerten, welche zn Völkerkriegen zu rühren 
pflegen. Für Staaten in solcher Lage gibt e-s nur zwei Wege, um 
sich eine erträgliche Existenz zu verschaffen; sich bis ta der 
nächsten besseren, d. h. Naturgrenze auezndehnen oder sicL so 
inächUg ta mnchen, dass nuch oline besondere Kraftanälrengung 
die schlechte Greaxe zu ertragen ist. Scheint nicht Russland die 
offene Linie seiner Westgrenze leichter zu ertragen als Deutsch- 
land, welcliem dieselbe der verwundbarste Punkt ist? Die Wunde, 
welche gleicbgross für den Koloss und den Mann, wird von jenem 
im Verhältnis weniger empfunden als seine Hasse und Macht 
grösser ist. Die Festigkeit des persiaclien Kelches beruhte darauf, 
duB es im Osten nichts zu fürchten hatte, wahrend seiner (Grösse 
im Westen nichts gleichkam. Es war in mehrfacher Beziehung 
gleidisam ein Vorläufer Russlands auf der Weltbühne, wie denn 
beide Grossmäcbte auf der Grenze Asiens und Europas stehen und 
mit dem Massen übergewicht ihres Erdteiles der räumlich beschränk- 
teren nnd damit aber fester zusammengefassten Macht Europas 
gegen übertrete II. Aber gnte Grenzen sind immer noch besser als 
grosse Maclit Wir verlassen diese Frage mit dem Bedauern nicht 
mehr als dies sagen zu dürfen , ohne die Linie zu überschreiten, 
welche die politische Geographie von der mehr oder weniger 
geOKraphischen Politik trennt. Doch möchten wir in Erinnerunc 
an das am Schlüsse des fünften Kapitels über das Verharren und 
teilweise St&rkcrwerden der Naturbedingungen mitten in der 
KuUnrent Wickelung noch kurz hervorheben, dass das wachsende 
Uebergewicht der wirtschaftlichen Interessen und besonders der- 
jenigen des Verkehres, die bisher auf Sprache ausschliesslich be- 
gründeten Nation all täten unterschiede bälder als man vielleicht 
glanbt zurückdrängen und den Naturgegeben he iten einen grösseren 
EinfluBB auf Staate nbildung wieder einräumen wird als ihnen bis- 
her, speziell in dem national so ungünstig verteilten llittel- und 



136 



Natürliche Slaalengruppeii. 



Osleuropa, gegönnt wi 
Raunirragen ßudet mai 



Die hier mit in Betraulit kgmtnendFn 
7. Kapitel besprocUeD, 

Wir h&ben zu zeigen versucht, welches Prinzip bei 
natürlichen Gruppierungen der geschichtlich mehr oder 
weniger zufällig getrennten Länder als das herrschende 
anerkannt werden mfisse. Da, wie gesagt, jedes Land 
auf irgend einen Gnmd hin mit jedem andern zusammen- 
gruppiert werden kann (man kann nicht mehr daran 
zweifeln, nachdem sogar Gemeinsamkeit politischer Inter- 
eitsen, stark bis zur Offenaiv-Allianz, zwischen Deutsch- 
land und China aufgefunden sind), ist es gut, sich nicht 
allzntief in die Kombinationen einzulassen, die als mög- 
lich gedacht werden könnten. Dabei soll nicht behauptet 
werden, dass eine GescJiicbte der gewaltsamen und ^ei- 
wilÜgen Zusaminenfaasnngen verschiedener Länder, d. h. 
der Weltreiche imd der Allianzen, aus geographischem 
Gesichtap unkte nicht vom grössten Interesse sein dürfte. 
Ks soll hier nur noch betont werden, dass Gemeinsam- 
keit der Lage an einer Seite eines Kontinentes ein 
wichtiges Moment der Zusammengruppierung ist, wie 
man an dem Beispiel der Mittelmeermächte, oder der 
atlantischen, oder der nach der Nord- \md Ostsee ge- 
wandten Mächte erkennt, ebenso wie auch einer Ver- 
einigung, welche zwei Meere verbindet, wie die von 
Deutfichiand-O esterreich zwischen Nordsee imd Adria, 
eine in der Natur gegebene Grundlage, bezw. Auf- 
forderung nicht abzusprechen ist, indem sie das herstellt, 
was man als Isthmuslage bezeichnen kömite. das Füssen 
an zwei Meeren, und was Frankreich zwischen Nord- 
see imd Mittelmeer , Russland zwischen Ostsee und 
Schwarzem Meer, in viel grossartigerem Masse die Ver- 
einigten Staaten und Mexiko, in kleinem Rahmen, aber 
höchst ein fliissr eich, Aegypten und Kolnmbia besitzen. 
Selbst die grossen Eroberer des Altertums gingen nicht 
ganz naturnngebimden ihre Wege, wiewohl höchst natur- 
imbewusst. Das assyrische Reich hatte von den Grenzen 
Persiens bis Aegypten imd Cypern gereicht, als es unter 
Cyms' Schlägen fiel, fügten die Perser ihr eignes Land 
und Teile von Indien hinzu, und Alesander, als er 



5 Naturgreiii 



137 



Persien zertrömmerte, schloss ihm Griechenland an, bo 
dass es nun eine Länderkette von der Adria bis zum 
Indus bildete, im allgemeinen zwischen 40 und 30° n. Br. 
von Nordwest nach Südost ziehend, im Norden von 
Steppen, im Süden ausser der arabischen Wöste von 
Meeren begrenzt. 

Soll die Summe der politischen Interessen eines 
Landes und das Verhältnis derselben zu andern ab- 
gewogen werden, so wird es immer gut sein, diese 
Verhältnisse ins Äuge zu fassen. Man wird damit 
zwar keine Grundlage zu politischen Prophezeiungen, 
wohl aber eine Einsiebt in die dauernden Faktoren der 
politischen imd wirtscha tili eben Weltstellung eines Lan- 
des gewinnen; und gerade diese, wir wiederholen es, 
haben in unsrer Zeit eine Tendenz, immer mehr in den 
Vordergrund zu treten, d. b. jeder Staat sucht seinen 
wahren Interessen bezirk zu bestimmen und zu umgrenzen. 
Man darf auf die Geschichte Oesterreichs seit 20 Jahren 
als auf ein Beispiel hinweisen, das in dieser Hinsicht 
besonders belehrend ist. 

Wir haben bisher vorwiegend von äusseren natür- 
lichen und künstlichen Grenzen der Länder gesprochen, 
doch darf darüber nicht vergessen werden, dass es auch 
innere Naturgrenzen gibt, welche geschichtlich nicht 
unbedeutend- sind. Sie werden, da sie fast immer durch 
Hshen oder Tiefen, durch Flüsse und Klima bedingt 
sind, wesentlich in folgenden Kapiteln zu betrachten sein. 
Hier wollen wir aber zur Vervollständigung des vor- 
liegenden Themas dasjenige vorwegnehmen, was auf die 
Zerlegung der grossen geographischen Gebiete, seien sie 
natürlicher oder politischer Art, sich bezieht. Innerhalb 
der gemeinsamen Geschichte eines Reiches gibt es nicht 
nur politische Unterabteilungen, sondern auch solche, 
die von der ijineren Naturbeschaffenheit desselben ab- 
hängen. Das meiste, was von den in Naturgrenzen ein- 
geschlossenen Staatsgebüden oben zu sagen war, gilt auch 
von diesen, vor allem das geschichtlich folgenreichste, dass 
sie sich stets durch alle gleichaam über sie hingeworfe- 
nen Hüllen politischer Gemeinschaft oder Sonderung hin- 



138 



Kutürliclie Gliederung Russlaiids 



durch zur Geltung zu bringen streben, dass sie, wenn 
nicht ganz selbständige, so doch mit irgend einem Masse 
eignen Lebens begabte, politische Individuali tüten oder 
Glieder zu bilden suchen und dass anderseitä üir Zurück- 
treten die Einheit, den Zusammenhang in einem grösse- 
ren politischen Gebiete begünatigea wird, Griechen- 
lands Vielgliederigkeit wird immer das klassische Bei- 
spiel für die sondernden, ja zersplitternden Wirkimgen 
reicher Umriss- iind Bodengliederung bleiben, ebenso wie 
Rugsland durch seine schon oben (S. 28) begründete 
Tendenz zur Einheit das Gegenteil, das Zusammenfliessen, 
die Amalgamierung illustriert. Aber selbst in einem 
Lande wie diesem letzteren wird es notwendig sein, 
wenn nicht scharfe orographiache, so doch die minder 
bestimmten klimatischen Grenzlinien zu verfolgen, welchen 
zwar weniger politische, aber um so stärkere wirtschaft- 
liche und dadurch mittelbar doch wieder allgemein kultu- 
relle und politische Bedeutung zukommt. 

Gerade &□ dieet^a Dicht leicht zu gliedemdea Landen läBSt sich 
NaUen und Metbode solchen Vorgehens vielleicht am besten auf- 
weiaen. Roasland, dieses weite, an nathrlichen inneren ÄbgreniuQ- 
gen BO arme Reich, fordert so entschieden zur Aberenzung weiiig«teiis 
einiger grossen Regionen auf, dass schon früher Beschreiber des 
Landes solche versuchten. Die heute übliche rührt in der Aus- 
bildung, wie wir sie seit einem Menschenalter in fast allen Werken 
über Kussland, in Handbüchern der Geogra[>hie u., s. w. finden, 
von Ä. von Meyendorf her, welcher sie 1841 in einer der Pariser 
Akademie vorgelegten Skizze und auf einer 1843 in Moskau er- 
schienenen Indiistriekarte Ruaslands durchgerührt hat. Er unter- 
scheidet 1, Waldgebiet, a. Gebiet des weissen Heeres, im Süden 
abgegrenzt durch eine vom Onegasee bis zum Ural in 62° n. Er. 
ziehende Hügelkette. 21.000 Q.-U. b. Gebiet der Ostsee. Im Osten 
durch die Waldaihöhen abgegrensL, im Süden durch die Wasser- 
scheide zwischen Ostsee und Schnarzem Heer. 12,000 Q.-M. IL 
Uittelrussische Hochebene. Im Süden durch die Högel der Desna, 
die über Pensa nach Samara ziehen, abgegrenzt. Zieht als ein 
Strich von 17,400 Q.-H. von Waldai bis zum UraJ. ÜmBchliesst 
das grosse Industriegebiet Ruselsnds. III. Der Südabhang oder 
das Getreideland. Im Süden von dem Steppenland durch eine 
von. Jekaterinoalaw nördlich von» Don gegen die Wolgahöhen 
ziehende Hligelreihe abgegrenzt. 17,500 Q.-H. Dies ist der Strich, 
welcher neuerdings auch als „Strich der Schwnrierde" bezeichnet 
wird. IV. Steppenslrich. Nimmt den südlichen Rest des Reiches 
gegen die beiden Heere und den Kaukasus ein und wird durch 



ind ItalieDS, 



139 



I 



I 



den UralflusB vun Asien CLbgegrennt. Uel>er 13,000 (J.-M. Streng 
genommen zerr&llt er in eine westliche und öatliclie Hatfte ^ da 
ein Strich der Schwarzen Erde hiB aa das AsowBche Meer hin- 
reicht. Wenn Meyendorf hier soviel wie möglich noch topogra- 
phische Momente der Abgrenzung herrorauheben sacliC, so kann 
man doch nicht verkenneo, dasa es weBentüch Klimazonen sind, 
die hier voneiuander geschieden werden. In der That haben 
denn üuch neuere Schilderer RuBeUnds, sich begnügt, eine Wnld- 
Bone und eine Steppenione lu unterscheiden, deren Grenze sich 
von selbst selir natürlich ohne jede lliire der Bodengt'Blalt oder 
der Hydrographie ergibt. So z. B. Leroy-Beaulien in dem ersten 
Bande seines L'empire des Tsara (1881). Dies ist nun doch wohl 
la weit in der Verallgemeinerung gegangen , und es liesae sich 
vielleicht mit fortschreitender Eutwickelung des Landes und Volkes 
viel eher eine noch etwas detailliertere Zergliederung im Interesse 
des klareren lleberblicks vorschlagen ') ; aber man kann nicht 
leugnen, dass selbst diese Zweiteilung natürlich wohlbegründet isC 
und dass jede überdicMeyendorfache hinauBgehende doch nicht mehr 
gani naturgemiSB Bcin würde. Diesem Beispiel einer beim Hangel 
andrer iiatürliclier oder geschichtlicher Sonderungamomente vor- 
wiegenden Klima unterschieden sich anschliessenden und daher von 
selbst auf selir grobe und grosse Arbeit angewiesenen Zergliede- 
rung stellen wir eine gegenüber, -welcher Natur und Geseliichte 
gleich sehr entgegenkommen. Schon dieser Vergleich der Fähig- 
keit, zergliedert zu werden, Russlanda auf der einen, Italiens auf 
der andern Seite, gibt einen BegrilT von der grundverschiedenen 
geschichtlichen Beaulagung der beiden Lander, denn während 
dieses evhon auf dem engen Ran me,. den wir sogleich betrachten 
wollen, eine Fülle der schärfst ausgeprägten geographisch- histori- 
schen Individualitäten darbietet, von denen jede eine besondere 
Rolle in dem so unendlich wechsclvollen Drama der italienischen 
und gerade der ob eritalien lachen Geschichte, gleichzeitig aber auch 
der europäischen, spielt, begegnen wir dort einem nur mit Hilfe 
keineswegs scharfer Klimaunterschlede mühsam zu BOndernden 
SOmal so grossen Lande, welches im wesentlichen eine geogra- 
phische Einheit mit entsprechend einförmigen geschichtlichen Pro- 
■easen ist, die auf die Bildung eines einzigen politischen Orga- 
nismus mit grosser Kraft hinaCreben. 

Leo (Ilal. Gesch. I. K. 1) gliedert Oberitalien in folgende 
fünf Abachnitle: 1) Das obere Fothal zwischen den Cottiscben und 
Seealpen und dem Muntferrat. Rauher und gebirgiger als die üb- 
rigen Abschnitte, daher wonig Handel und Wandel, mehr Erhal- 



d« BHllorröaht«; ^j itei U 






140 



Natiirlk'bf GLiederUDg llalie: 



lung der ailea buiierliclien und Lehnsverh&ttDtese : „Im Verhält- 
oia zu der ganz städtisdi und demokratiscli eicli liildendeo Lom- 
bai'dei erai^lieint die Landschaft, welche jetzt den Uauptbestand- 
teil der sardiniBclien Honurchie ausmacbt, als eine aristokra tische, 
wie im alten Grieütietilsnd das rosaenährende TlieBSBlien." 2) Dos 
untere Pothal Via Elach und Rtieno. Flacbes, Tettea, Tür den 
Handel von Mitteleuropa nach 6üd und Üst wolilgelegenes. wirt- 
Echaltlich Triih hm^hentwickeltBS Land; daher Landscbult republi- 
kanischer Bildung, städtischer Verhültnisae, dessen Bauptstadl 
Uailand der natürliche 6itE der gaclflschen Partei. 3) Mündungs- 
land des Po und Lagunen gebiet, Dieee sutopfige, von Fluss- und 
Meeresarmen durchzogene Landschaft ist auf dos Heer hinauBge- 
wiesen, wie seine Hauptstadt Venedig, die nicht von den Verhält- 
tiiasen des Landes im kleinen oder grossen, sondern von Welt- 
verhältnissen abhing. Venedig, territorial schwach, musetc sich 
zuerst echutzen und dann versuchen sich auszubreiten, und „da 
die kalte verständige Art, zu denken und zu sein, nie Sache des 
Volkes ist", musste hier notwendig eine Aristokratie entstehen, 
die über das Volk gebot wie die Uffiziere auf einem Schiffe der 
Mannschaft. 4) Die alle Mark Verona und Friaut zwischen Alpen, 
Etsch und Adris. Am Meer fruchtbare Ebenen, im Innern ge- 
birgiges, vielfach unfruchtbares Land; als Durch gangsland für die 
von Norden und Osten kommenden Strassen und wegen seiner 
alpinen Lage schon durch Otto L an Deutschland angeschlossen, 
bildete es in ähnlicher Weise rleu Uebergang zu Deutschland, wie 
Piemout zu Frankreich. Erst die Herrschaft Venedigs griff hier 
tiefer italianisierend ein, wie denn auf jener andern Seile Genua 
nicht ohne eine ähnliche Wirkung war. 5) Die Landschnft zwi- 
schen Apennin und Adria, südlich vom Po und ostlich vom Rheno. 
Flachland ähnlich der Lombardei, aber mit einer der veneziani- 
schen ähnlichen Küste, die ihm früh eine bedeutende Ilaudela- 
stellnng und vor allem lebhaften Verkehr mit dem 09l.en gewährte, 
wodurch es kam, dass es die Stelle ward, wo die Osirbmer in 
Italien den festesten Fuss hatten. Es bildet dadurch gleichsam 
den diesseitigen Pfeiler der Brücke nach dem Osten, während es 
gleichzeitig den Cebergang von Norden nach Süden lang« der 
Ostküste hin vermittelt — Das Genuesische, d. h. den südlichen 
Saum des oberen Italiens am Tyrrhenischen Meere, zieht dieser 
Historiker zur Sudhälne der Halbinsel, weil es auf der Südseite 
ilee Apennin gelegen ist. Wir erwähnen es, weil seine Beziehnngen 
zum Nordwesten der Hajbinsel nie nnbedenlend waren, wie sehr 
auch die steile felsige Küste mit dem geschützten warmen Klima 
es südlicher eckeinen lassen und noch SUdeu es weisen mögen. 

Betrachten wir die Geschichte, die auf solchem viel- 
gliederigen, beziehungsvoileii Boden aich abspielt, so dßr- 
fen wir sagen: Es gibt ein inneres Gleichgewicht, 
welches, eoll der Bestand einer Macht Ton Dauer sein. 



e Gleiohgewiebt der Stitiiteii 



141 



I 



ebensowenig verletzt werden sollte, wie dasjenige der 
äuflgeren Form, und welches natürlicherweise am gefähr- 
detaten immer da ist, wo die verschiedensten Kräfte in- 
einandergreifen müssen, um es herzustellen oder zu er- 
halten. Wenn die Vereinigung verschiedener geographi- 
scher Individualitäten innerhalb derselben politischen 
Einheit wertvoll ist, so hat sich doch ein gewisses Gleich- 
maas derselben immer von Wert gezeigt. Der Wille 
des Menschen ist stark genng, um die Verschiedenheit 
der natürlichen Gegebenheiten nicht ebenso unvereinbar 
erscheinen zu lassen, wie widerspenstige Nationalcharak- 
tere oder einander feindliche historische Traditionen ; 
aber wir erinnern daran, wie schwer sich z. B. die Be- 
herrschung der Inseln vom Festland ans für Neapel im 
Falle Siziliens, für Irland im Falle Englands, für Kreta 
im Falle der Türkei gestaltet hat. Schwierigkeiten sind 
vorhanden, aus andern Quellen fiiessend, aber die Insel- 
natur fasst sie zu einem schwer, wenn überhaupt, zu be- 
wältigenden konzentrierten Sonder- oder Eigenwillen zu- 
Bunmen, der nur im Gefühl dieser natürlichen Abgeschlossen- 
heit in solchem Masse feste Tradition werden kann, wie die 
sizilianische oder irländische Geschichte sie aufzuweisen 
hat. Wie störend auf dieses Gleichgewicht der auf Grund 
sehr verschiedener Naturbedingungen erwachsende Gegen- 
satK wirtschaftlicher Interessen einwirken kann, hat keine 
Thatsacbe alter und neuer Zeit in so grossen feurigen 
Zügen lesen lassen wie der vierjährige Krieg zwischen 
der Union und Konföderation der Vereinigten Staaten 
Mordamerikas , welcher im Gegensatz industrieller und 
ack erbaulich er Interessen seine letzte Wurzel hatte. 
Vielleicht dürfle einst fUr Oesterreich der Znsammenhalt 
der Donausteppe mit den Alpen schwieriger erscheinen 
als derjenige der feindlichsten Sprachgruppen. Dass 
Russland den Kaukasus sich bis heute nur äusserlich 
anzugliedern vermochte, ist eine bekannte Thatsache, es 
hat sich leichter den zehnfachen Betrag Steppenland 
assimiliert als ein Paar Thäler dieses widerspenstigen 
Gebirges, Frankreich darf dagegen als ein Land be- 
seichuet werden, welches der Bewahrung des inneren 



142 AligreiiKurig der Nntiirgebicte. 

Gleichgewichtes möglichst geringe Hindernisse be- 
reitet. 

Noch eine Frage zu diesen auch fflr den pädagogi- 
schen Geographen wichtigen Erwägungen: Ist bei der 
Abgrenzung geographisch individualisierter Gebiete scharf 
oder nnheatinimt die Scheidelinie zu ziehen? Sind z. B. 
in die Gebirge die Stufenländer und in die Wüsten die 
Steppenländer mit hineinzuziehen? Die Antwort muss 
hier in der Regel lauten: Dem Stärkeren folgt der 
Schwache, Doch da es sich um wissenschaftliche Klassi- 
fikation handelt, ist die Gefolgschaft nicht unbedingt zu 
nehmen. Auch hier sind Beispiele gut. Die bayerisch- 
schwäbische Hochebene ist durch die unzweifelhaft alpi- 
nen Vorberge mit den Alpen verknüpft, ihre mittlere 
Höhe von 5 — 600 m, mit den klimatischen Folgen, ihre 
reissenden Gewässer, ihr armer, steiniger Boden, ihre 
dttnne Bevölkerung sind alpine Züge, gegen welche die 
verhältnismässige Flachheit und die sanfte Abdachung 
zur Donau nicht aufkommen. Diese Hochebene ist alpin. 
Aber ebenso ist die lombardische Ebene nicht alpin, 
schon weil sie Tiefebene, und damit fruchtbar, verkehrs- 
reich und dicht bevölkert ist. 

Schlussfolgerungen. Die Erdteile reichen nicht 
hin zur Auseinanderhaltung der durch einen fast end- 
losen Sonde rui^strieb zersplitterten kleineren Teile der 
Menschheit, welche daher durch Grenzen sich zu scheiden 
suchen, die ihrerseits mehr oder weniger künstlich sind, 
je nachdem sie an natürliche Hiudemisse der Ausbreitung 
sich anlehnen. Da den Völkern allen eine Tendenz zum 
üebergreifen über ihre jeweiligen Grenzen, sei es in 
Form von Massenwandenuigen, Eroberungen oder Einzel- 
wanderungen, eigen, sind die Grenzen absolut sicher nur 
nach der Seite der unbewohnbaren Erdraume, also haupt- 
sächlich der Meere, und ebendieselben gewähren daher 
auch die grössten Möglichkeiten freier Expansion. Alle 
andern verdienen nur in eingeschränktem Sinn den 
Namen .natürlicher" Grenzen. Als Stellen des Völker- 
verkehres, sei es feindlicher oder friedlicher Natur, sind 



Verteilung der WoliiiBlatlen. 



143 



I 
I 



alle Grenzen von der gross ten Wichtigkeit für die 
snthropogeographisciie Betrachtnmg. Eine Reihe der 
bedeutsamsten geschichtlichen Prozesse führt auf Wechoei- 
wirkungen zwischen ihnen (als den peripherischen) und 
den zentralen Teilen der Völker, bezw. Staaten zurück. 
Insofern die Hinausrilckung der Grenzen eine historische 
Thatssche von ebenso grosser symptomatischer als kausa- 
tiver Bedeutung, erliält die Geschichte der Grösse, des 
Verlaufes und der Veriinderungeii der Grenzen eine be- 
Bonrlere Wichtigkeit. Die denkende Betrachtung der 
Völkerverbreitung braucht indessen nicht an diese Linien 
Ton momentanem Werte sich zu binden, sondern kann 
die bestehenden Länder zu grösseren Einheiten aus Ge- 
sichtspunkten der Natur oder Kultur verbinden oder 
zergliedern und so die Rahmen gewesener oder künftig 
wahrscheinlicher anthropogeographischer Individualitäten 
aufzeigen; derartige Vergliche sind in verschiedenen Be- 
ziehungen von Wert, sie geben tms aber hauptsächlich 
einen Masastab für die Schätzung des Wertes des Be- 
stehenden, dessen die Geographie von je so sehr be- 
lastende Beschreibung damit wissenschaftlicher Vertiefung 
ziif^änglich wird. 



m. Tertellan? der ir«hnst»tteii. 

Die natürlicLen BedinguDgen der Enlwickelmig der WohnBitie 
der kleineren Organismen der Menscliheit, der S lamme, Gemeinden 
und Familien. Erste Ansiedelitngen. Betonung der Fliissgrenien. 
Wirkung der Fruclitbsrkeit dea Landes. Das Schutzbedürfnia 
achafTl Anlagen aaf Bergen, Inaein, Landzungen. Primitive Be* 
festignngen. Banmwoliner. Die Entwickelung von Bevulkemnga- 
Kittelpnnkten bei n'achsender Bevülkening ond Arbeitateilnng. 
Der üebergang Tom Einzelwolinen KU gemeinsamen Wolinatätten. 
Vorübergehende Ansammlungen. Die Entwickelung von Verkehrs- 
mitlelpnnkten. 

JuHitti itSa'r. 

Onmdidee. Auch die kleineren und kleinsten 
Elementarorganismen der menschlichen Gesell- 



Bcliaft: Stumme, Gemeinden, Familien sind in 
Lage und Ausdehnung ihrer Wohnsitze vielfach 
von der Ifatur abhängig. 

Innerhalb der Länder, deren Formen und Grena- 
liuien wir betrachteten, haben sich die Menschen noch 
engere Gebiete abgeeondert, welche die Fajnilien oder 
unter Umstünden auch einzelne für aich in Besitz 
nahmen, und welche ebenso wie jene grösseren Räume 
bald von natürlichen, bald von künstlichen Grenzen um- 
geben sind, welche aber ebensowohl guiiz unbegrenzt 
sein konnten in jenen Fällen, wo die Besitzergreifenden 
in ein Land kamen, das von andern noch gar nicht be- 
wohnt oder in Anspruch genommen war. „Jeder scheint 
aich im Anfang soviel genommen zu haben, als er hat 
nötig gehabt und gewinnen können, da wo ihm ein 
Bach, Gehölz oder Feld gefallen. Und so ist gemeinig- 
lich die erste Anlage der Natur,' wie Justus Moser im 
ersten Kapitel der osnabrückischen Geschichte sagt. 
Wir sehen das alles in der Besiedelungsgeschichte 
Amerikas, Nordasieus und Australiens sich wiederholen. 
Einzelne nehmen sich Königreiche, Gesellschaften von 
wenigen wie die der Hudsonsbai halbe Erdteile, aber 
natürlich zerfällt später solcher Besitz, dem kein Macht- 
titel Sicherheit oder Weihe gibt. Die unverfälschte 
Uenschennahir macht mit ime ingeschränktem Eigentums- 
trieb sich in diesen ursprünglichen Verhältnissen geltend. 
Selbst die in gesellschaftlicher und politischer Beziehung 
aü tietstehenden Australier itehmen stamm- oder fami- 
lienweia gewisse Landstriche für sich in Anspruch und 
betrachten den als Feind, der ohne Erlaubnis diese ihre 
Gebiete betritt. Es hängt dabei von dem Masse der 
Nahrung ab, die ihre Heimat ihnen bietet, und von ihrer 
Fähigkeit, dieselbe auszunützen, ob sie sich engere oder 
weitere Grenzen ziehen. Die erstere Wirkung zeigen 
zur Genüge alle kalten und trockenen Länder, die zu- 
nächst arm an Pflanzen, dadurch auch nicht reich an 
Tieren sind imd infolge beider Umstände nur eine ge- 
rii4re Zahl von Menschen ernähren, oder, wie viele 



l'ngleiclie Vcrlii'tilung der Volker. 



145 



Inseln der beiden Polarregiooen iind grosse Wüsteil- 
strecken, menschenleer sind. Die andre tritt uns in 
der unverhUltnismassigen DUnne der ursprünglichen Be- 
völkeniDg der fruchtbarsten Präriegegenden Südruss- 
lands oder Nordamerikas entgegen, wo nur der Kultur- 
zustand, in keiner Weise aber die Natur dem Anwachse» 
der Bevölkerung sich entgegenstellte. Es hegt auf der 
Hand, dasa eine Famihe, welche von der Jagd sicli 
nährt, mehr Boden braucht als eine den Ackerbau 
pttegeude, und ebenso, dass die nomadisierenden Ilirten 
ireitere Flächen beanspruchen müssen als ansässige Vieh- 
«ücJiter. Zu allen Zeiten und in allen Ländern haben 
diese Gegensätze sich geltend gemacht, und wir werden 
bei der Betrachtung der Steppenvölker die grossen ge- 
'flchichtliehen Folgen speziell des Gegensatzes zwischen 
nomadisieren den Hirten und ansässigen Ackerbauern sich 
vor rniB aufthun sehen und werden dieselben in der 
Gegenwart, wo sie bewusst gepflegt und verschärft wer- 
den, in ebensolcher Wirksamkeit erblicken wie im 
grauesten Altertum, wiewohl sie keine blutigen Kämpfe 
mehr hervorrufen, dafür aber in der Erzeugung endloser 
Beibungen, denen das zerset;£ende Gift unstillbaren Hasses 
entäiesst, lun so fruchtbarer sind. 

Da wir es hier mit festen Grenzen und Lagen zu 
thnn haben. Übergehen wir für jetzt die ihrer Natur 
nach grenzlosen oder unbestimmt begrenzten luistüten 
Völker mid fragen: Wie verhalten sich die festen An- 
eiedelungen der Menschen zur Natur, in die sie hineiu- 
gegründet werden? 

Die ersten Ansiedelungen, wo es sich darrim handelt, 
im grossen über ein Land zu disponieren, dasselbe zu 
teilen, riefen die Naturgrenzen natürlich in erster Linie 
ui, und zwar hauptsächlich die Flüsse als die am leich- 
testen zu verfolgenden. Die Regeln der , Landnahme*, 
wie sie uns in den isländischen Geschichtsbüchern anf- 
liewahrt sind, geben uns dafür manches lehrreiche Bei- 
]q)ieL 

Wir kennen lieiiilicli gut diese Gebräuche und wisBon, dasa 
wenn ein StaniR9eshBU[jt nir sicIi und die Seinen Land in Beeiii 

, ADthiope-Qebgnplile. 10 



140 



Lan<Iiinliiiie. Flussgreiize>i. 



iislini, die riDDeoden QewäEBcr und die Firsten der Berge und 
Hügel als naturlidie Gretiren eingehalten wurden. Es wird be- 
sonders hervorgehoben ^ da«B Flünee aucli dann Grenzmarken 
biieben, wenn sie ihren Lauf änderten. Waren solche Merkmale 
nicht tnr Hand, bo nahm man den Horizont eines bestimmten 
Ortes, womöglich eines hoher gelegenen, zur Grenze und zog 
diese soweit man ein im MitCel|iuukt eingemündetes Feuer noch 
erblicken konnte. Aber der OkkiipBlion dnreU Feuer scheint 
Busserdeni eine gewisse religiöse Weihe innegewohnt zn haben, 
da es in der verschiedensten Weise bei der Landnahme eine Rolle 
epielt. Man eelioss auch einen Fenerpfeil über einen Ftnss und 
nahm dsmit Besitz vom jenseitigen Lande, was an den Speerwurf 
Kaiser Uttos in den Lymljord erinnert. Wie naturgemäss ge- 
rade die Betonung der Flussgrenzon bfi solchen grossen Dis- 
positionen über herrenlose Lander, haben wir unten in dem Ab- 
schnitt über die geschichtliche Bedeutung der Flüsse mit Bei- 
spielen zu erläutern versucht. In der Besiedelungsgeschichl« 
Nordamerikas und Nordasiens haben die Ströme in verschiedenen 
Zeiträumen gewiss ermassen die Ruhepunkte dieser im grossen 
entdeckenden, erobernden und verteilenden Thätigkeit gebildet, 
bis dann ihre durch Verkehr vereinigende, entlegene Landstriche 
gleichsam zosaminenbindende Funktion sich xum Bewusstsein 
brachte. Washington widerstrebte noch der Erwerbung des Uissis- 
sippi durch die jungen Vereinigten Staaten, für deren anscheinend 
schon zu weites Gebiet dieser Strom die naturlichste Grenze %a 
bilden schien, aber schon sein Eweiter Nachfolger erwarb durch den 
Kauf Louisianas von Frankreich nicht nur ihn, sondern das Anrecht 
auf den näheren und ferneren Westen, und der Mississippi galt 
nun als Lebensader des gewaltig wachsenden Landes, nicht mehr 
als Grenze. E« ist sehr interessant, wie Napoleon, gewohnt über 
Europa zu verfügen, noch im Exil geographische Betrachtungen 
anstellte, in welchen immer den Flüssen als den obenhin auf- 
fallendsten Grenzen die gröaste Beachtung gewidmet wird, wie 
es so augenfällig z. B. in den Bemerkungeu über die Geographie 
der Apenninenhalbinsel hervortritt, welche er auf St. Helena dem 
Grafen Hontholon in die Feder diktierte. 

Kehren wir zu den Wohnsitzen im engeren Sina 
zurück, so bemerken wir vor allem eine Abhängigkeit 
der Grösse des von jeder einzelnen Ansiedelung in An- 
spruch genommenen Gebietes von der Fruchtbarkeit des 
Landes. Auf Island müssen die einzelnen Höfe weit 
voneinander liegen, da jeder eine grosse Strecke Landes 
zur Erhaltung seiner Insassen bedarf. Ebenso ist es in 
jenen Teilen der Gebirge, wo der Ackerbau nicht mehr 
möglich ist und durch die einen viel grösseren Kaum 
benötigende Viehzucht ersetzt vrird, und so treffen wir 



Eiiizelwulineii und Dorraiilagen, 147 



Ies in vielen Marschländern. Ebenso findet das Entgegen- 
gesetzte, das gesellige Wohnen m Dörfern und mit der 
Zeit in StÜdten, sich im manchen Stellen von der Natnr 
vorgeschrieben. Die Anlage unsrer mittel- und west- 
deutschen Dörfer zeigt sehr oft einen Anschlusa an den 
Lauf eines Gewässers, Wo dies nicht der Fall, deutet 
manchmal ein reichlich fliessender Brunnen inmitten des 
Dorfes den (irund der Zusammenscharung der Häuser 
und Hütten gerade auf diesem Flecke an. Am Rhein 
sehen wir manche Winzerdörfer, von denen einige wohl 
sogar zu Städten ausgewachsen sind, auf enge Streifen 
ebenen Landes zusammengedrängt, welche mühsam 
zwischen der steilen Bergwand und dem Flusse sich 
behaupten. Die Weinberge und Felder ziehen weit am 
Berge hinauf, während die Wohjistätten dort vereinigt 
stehen. Diese grosse Entlegenheit der Arbeitsstätten 

ITon den Wohnstätten steigert sich zu Missverhültniasen 
in den Steppen und den Wüstenoasen, wo eine Quelle 
Tausende von Menschen nm sich vereinigt, die ihre 
Felder eine Tagereise und weiter von da entfernt liegen 
haben. Da genügt nicht mehr das enge Zusammen- 
drängen von Hütten, sondern es wohnen die Menschen 
in Stockwerken übereinander oder es wird aus der 

I Häuser ansammlung ein einziges grosses Haus mit vielen 
Käumen. Für beide Bauweisen liefern die Indianerdörfer 
Ifeumexikos, Arizonas und Unterkaliforniens zahlreiche 
merkwürdige Beispiele. Aber bei diesen bald höhlen-, 
bald kastellartigen Wohnstätten, welche auf engstmög- 
lichem Räume zahlreiche Menschen beherbergen und 
welche oft nur vermittelst einer einzigen Felstreppe oder 
sogar nur einer von oben herabgelassenen Leiter zu- 
gänglich sind, kommt eine andre Ursache ins Spiel, die 
mächtiger als alle andern zusammengenommen auf Lage 
und Verteilung der Wohnsitze einwirkt: das Schutz- 
I bedürfnis. 

Da die Anlage der meisten Wobnplätze in Zeiten 
\ erst beginnender Ausbreitung einer dünneren Bevölke- 
l ning stattfindet, wo die Gefahr feindlicher Ueberfdlle 
[ noch besteht oder lebhaft vor Augen ist, so findet sich die 



148 



icadiützie Lageo auf Ins 



Rücksicht auf den Schutz der Lage häufig stark aus- 
geprägt. Mau erinnere »ich an die Lage fast aller älteren 
Städte Griechenlands und Italiens auf oder an Uflgeln 
oder sogar Bergen, der Thatsache, dass fast alle älteren 
Handelsstädte auf Inseln liegen, die allerdings später teil- 
weise dem Lande verbunden wurden, wie in dem Falle 
Tyrus'. Berberaa u. dergl. Erat später, in Zeiten opti- 
mistischerer Auffassung der Völterbeziehungen , machte 
man so unvorsichtige Anlagen, wie z. B. diejenige 
Washingtons, welches 1800 zur Hauptstadt gemacht und 
1814"von der englischen Flotte bombardiert wurde. 

N'alürlich liöngt der Begriff der gescliüuten Lage immer von 
der Art und WirksaDilieil der Angriffs- uud Verteidiguuga mittel 
ab, Utier welclie man auf der dabei in Frage kommenden Kultui^ 
stufe gemietet. Einige Lagen haben indps na allen /eilen iliren 
Wert bewahrt und iwar sind dies alle, bei denen dos heule wie 
je unbewohnbare, die Annäherung hiudernde Wasser ins Spiel 
kommt. Die Pfalilbaulen werd«n wir bei Gelegenheit des Waaeer- 
wühnena eaml ihren Atiarlen Letrocliien. Sie würden heute 
mm Schutze tiner Völkenithad gegen Feinde, die mit geräumi- 
gen Schiffen und weittragenden Waffen ausgerilstet wäreu, nicht 
Einreichen, aber die nassen Gräben der Festungen wiederholen dau 
Prinzip, auf dem sie ruhten und Städte von Bprieliwörtlich sicherer 
Lage, wie Venedig und Amsterdam, kann man als grosse Pfahl- 
baaten betrauiiten. Der olien gleichfalls schon berührte Schall, 
den Inseln gewahren, ial weder im Uruudsali noch in der Au' 
Wendung veraltet. Die Engländer haben noch in unsrem Jahr- 
hundert Singapur und Hongkong auf Inseln angelegt, wie einst 
Tyms und (iades mit so manchen andern Handelsstädten von den 
Ehöniziem und wie in spateren Jahrhunderten , Sansibar und 
Uombas von den Arabern, Veracrm von den Spaniern, New York 
(Neu-Amsterdam) von den Niederländern angelegt wurden. Der 
Schutz solcher Lage begünstigt, wie wir gesehen haben, nicht nar 
Abwehr sondern auch AngriiT: Hella und Helgoland gellen als 
wesentliche Slutxpunkle der englischen Maciit an den enigegca- 
gesetzten Seiten von Europa und sind ebenso defensiv wie ofTenaiv 
stark. Hit der insularen Lage hat die peninsiilare die meisten 
Vorteile gemein , welche die Portugiesen in Uacao wählten bei 
dem so bedeutsamen ersten Versuche einer kleinen europiü- 
Bchen Macht im riesigen China Fuss zu fassen, und welclie 
Gibraltar zu einem der festesten Platze aller Zeiten gemacht 
hat Auch ihre Vorteile hat man im Altertum schon einge- 
sehen. Utika, nach karthagischen Nachrithlen 250 Jahre älter 
als Kartlingo und noch zu Straboa Zelt Metropole von Norrlafrika, 
war von den Phöniziern in einer Lage gegründet, wie sie nach 



[nlbinadii^ Hblipn. 



149 



ThiikydideB' Bemerkung immer von denselben gewählt ward: ein 
lelclit zu verteidigendes Vorgebirge, dngcinen nahen ßafcnlieherreclit. 
Von den plionizi^ch-licllenischen Städtegrilndem an den grieeliiscben 
Küsten sagt Thuhydides; Sie schnitten die Landzungen ab, sowohl 
wegen dea Hnndels als auch um den Anwohnern widerstehen zu 
können (I. 7), und bezeichnet damit mit gewohnter Schärfe tlie 
beiden Zwecke, die dabei gesucht wurden. Auch Gibraltar ist den 
Engländern nicht nur als Festang, sondern anch a1a Hal'en flir 
seine Indienfahrer und — fiir den Schmuggel nach Spanien wert- 
voll. 

Im GegeTisBl;t lu diesen Logen von dauerndem Wert ist 
unFre Zeit der weittragenden Waffen und des leichten Ver- 
kehrs über die schützende Wirkung der Höhen längst hinaus- 
geschritten, znmal die Ansiedelungen auf denselbrn nicht die 
Bcbwerersteiglichsten Berge, Honriern nur Hügel wählen konnten, 
die den in der nahen Ebeue liegenden Ackerfeldern und Verkehrs- 
strassen nicht zu Temc lagen. Längst sind nicht nur die Ring' 
wälle unsrer Uneit, sondern auch die Burgen uud Festen ver- 
lusen. welche vordem in Deutschland jeden gutgelegenen Hügel 
krönten und in Siidarabien und Nordindien einst nicht minder 
drohend hersbbli eklen. Für uns sind diese Hobenbefealigungen 
nicht nur ilberllUsBig, sondern fiir die Enlwickelung der modernen 
Vcrteidigungsraittel sogar häufig als schädlich erkannt und die 
moderne Fortiflkntion zieht Anlagen in weithin bestreichbaren 
Ebenen denselben in der Regel vor. Die Hache , freie Lage von 
Kandahar ist im Gegensatz zu der bergigen von Kabul in den 
politischen Diskussionen der letzten Jahre häufig als ein Grund 
angeführt worden, jenes in (englischen) Besitz zu nehmen, da 
die afgbanisclie Taktik nichts gegen dasselbe ausrichten könne, 
wenn es europäisch armiert sei. Auf eine noch schutzbedürf- 
tigere Zeit denlet die Anlage ganzer Dörfer und Städte auf 
beherrschenden Höhen zurück , n-ie Italien sie in grosser Zahl 
nocli heute aufweist, und wie viele Naturvölker sie nocli heute 
wählen und bewohnen, welche, sich selbst überlassen, überhaupt 
last immer ffir ihre Wohnstätte Schulz suchen oder schaffen. 
Jnngbubn erzählt von den Battns Samatras, wie sie überall 
die sicherBten Lagen ausgesucht baben , wenn irgend Sicherheit 
und Trinkwasser zusammen zu finden waren. Viele Esmpongs 
liegen anf fast unzugänglichen Berggipfeln oder Bergllrsten, und 
die beliebteste Lage sind die kleinen Flächen, zu welchen ge- 
legentlich die Kämme der Bergzüge sich erweitern. Wo sie das 
nicht finden, befestigen sie ihre Wohnplätze auf irgend eine an- 
eingliche Weise. So fand dieserReisende in den llaeheren Teilen 
der Battaländer fast alle Kamponga mit hohen Bambus-Palissaden 
nmgeben, hinler welchen Warltlirmchen zum Auslugen sich er- 
hoben. DasR nicht der Schulz gegen wilde Tiere, sondern gegen 
roenschliclie Feinde zu solchen Befestigungen nötigt, lehrt die 
Tbälflaohe,. dasB dieselben überall von selbst verfallen, wo die 
niederländische R4:'gieruMg im stände war, den anauliiörlichen 



150 



Cescbütite Lagtn auf lliihon^ En Siir 



inneren Kriegen dieser Völker ein Ende zu setien. ArbonSBel 
liebt bei seiner Reise in die Blauen Berge die Ti-ndenz der dortigen 
BetEchuanen hervor, ihre Wohnsitze an den hticlisigvlegencn Stellen 
an ft LI ach lagen, auascliliesalich wegen grösserer Sicherbeit, wiewohl 
die Ebenen ebenso Truchtbar und einladend wie, in der Regel, jene 
nnfruchtbar Bind (Relation 1842. 99). Von den Indianern Neu- 
mexikos, AriEonas nnd Untcrkalifomiens haben wir entsprechende 
Wolinweisen vorhin erwühnt. Diese leigen, dass nicht nur die 
Höhe lind Steilheit, sondern aach der Höhlen- nnd Klürcereichliini 
der Gebirge zam Sehatie beitragen. Die Beaka, wfluhe sich später 
den Betsehuanen nnler Setschcle anschlössen, wohnten lange in 
den Höhlen und Spalten der Basaltregion im (juell^ebiet des Lim- 
popo, wo zahlreiche Spalten und Locher ihren Feinden nicht 
geslattelen, sie ansmriiuchern. Die Vorgeschichte der Europäer 
lehrt, wie zu einer Zeit kaum eine einzige irgend zugängliche 
Höhle unbenutzt blieb. Wo das Höhlenwohnen nicht mehr prak- 
tisch geübt wird , lebt . ea doch noch in Sagen nnd Märchen 
fort. Unter den Geschichten, mit welchen Dschuma Merihani 
Cameron unterhielt, ala derselbe wartend in Kasongos Dorfe lag. 
Tanden sich auch mehrere von Höhlenbewohnern am LuEra bei 
Hkauna und Mkambwa, und am ersteren Orte sollten ganze Ge- 
meinden in grossen Höhlen wohnen. (Cameron, Quer durch 
Afrika, II. 77.) 

So lange die Hova in eine Henge von kleinen Stämmen ler- 
ßelen, deren jeder mit seinen Nachbarn in endlosen Streiten lag. 
trug Jede Höhe auf dem Hochland von Im^rina ein mit drei Ring- 
graben befestigtes Dorf. Sobald aber eine feste Regierung diesem 
Faustrecht ein Ende machte, verlless die Bevölkernng diese Berg- 
festen, um in die Ebenen hinabzusteigen, wo ein geraureigerea 
Wohnen in grösserer Nahe ihrer Ackergründe möglich war. Aber die 
Gewohnheit des Schutzbedarfes erstirbt niuht so leicht, wenn sie sich 
auch mit der Zeit gelinderer Mittel bedient. A. Schulz fand bei den 
Antenosi auf Madagaskar nicht bloss die Dörfer, sondern oft jede 
einzelne Hau^ergruppe für sich abgeschlosgen. Jene bestanden 
BUS Labyrinthen von Kochenitleukaktus mit Ausbnchtnngen, in 
denen Gruppen von 10 Häusern stehen. „Eine jede solche Aus- 
buchtung hat einen eigenen Ttiorweg und kann gegen die äussere 
Welt geschlossen werden." Denselben hinfälligen, aber wirksamen 
Wällen begegnet man in Siidmexiko sehr häuüg. Die Einrührung 
der Opuntie hat sogar in Spanien und Italien manche kleine 
Gemeinde mit solchem Dornenwall umgeben lassen. Wir haben 
oben des Schutzes pflanzen reicher Sümpfe gedacht. Im tropischen 
Afrika sind die Dschungeln die natürlichen Zufluchtsstätten wie 
bei uns in kriegeriscbrn Zeiten der Wald. Auf dem Wege von 
Bagamoyo nach dem Lande Usagara begegnete Cameron im Bezirk 
Hsuwah mehreren in den dlchleelen Dschungeln gelegenen Dörfern. 
die nur auf sehr engen gewundenen Wegen zu erreichen aiod 
«nd welche vollsländig abgesperrt werden. Die Bewohner achiitien 
sich dadurch nicht nur selber gegen die Angriffe ihrer Feinde, 



luf Buiiiueü, 



ifiguiigen. 



löl 



sondern eolzielien sicli aucli leichler der Vergeltung für Raub 
und Plünderung. (CamerDii I. 390 

Wo solche Natitrgegebenheilen rehlcn, sind aelbet die trägen 
Neger zu manchmal ziemlich kunstreichen Berestigungen tortge' 
sehritlen. Moambas Dort am M«reng£ ist z, B. auBser den Paliesa- 
den von einem Graben umgeben, welcher 15—20 Puea breit und 
«benso tief ist, und ähnlich sind alle Dörfer der Bahemba befesligl. 
Als letzte ' ZuHucht bleiben , wenn keine andre möglich , die 
Bdame. Gliicklicherweise sind Zustände, welche die Menschen zu 
-dieser an das Leben der AlTcn erinnernden, der menschlichen 
Naluranlage widersprechenden Lebensweise zwingen, nicht hautig. 
Aber die Pfablwohnung am Trockenen ist ein L'ebergang dazu, 
■o wenn die Batoka am unteren Zambesi ihre Hütten inmitten 
ihrer Qftrten auf hohen Gestellen erbaut haben , um sich vor 
Raubtieren , vor allem der sehr genirchteten gedeckten Hyäne 
in schütuen. CLivingstone, Miss. Travels 1857. 600.) Bei den 
Battas auf Sumatra linden sich echte Baum Wohnungen , ^die 
auf der Gabel- oder Quirlteilung eines Baumstamroea erriclilet 
sind, deren Mittelclste man gekappt hat, wührend man die Aesle 
des Umfanges hat stehen lassen, um das Häuschen in seiner Mille 
zu umgrünen und zu beschatten. Auf 25 — 30' hohen Leitern steigt 
man zu diesen grünen Luftsc bloss eben hinauf, von deren Höhe 
herftb der Battaer sein kleines Paddy- und Jagonfeld zufrieden über- 
schanl," {Junghuhn, Ballaländer U. 78.) Uebrigens ruhen auch die 
gewöhnlichen Battahütten fast nienaals unmittelbar dem Boden auf, 
sondern sind auf Pfeilern 1— 3m über denselben erhoben. Die 
Kimre Baghirmis, welche Nachtigal mit Hbang Mohameds Sklaven' 
Jägern besuchte, benutzen die hohen Eriodendren ihrer Wäldtr 
als Festungen, die sie etagenweise durch Balken und Flechtwerk 
abteilen und befestigen. Nacbtigals Schilderung (Sahara und 
Sudan n. 628) lässt keinen Zweifel, dass diese Leute oft längere 
Zeit mit ihren Familien und Haustiereu diese Eriegswohnuugen 
benntzen. Manche Vtilker, die nicht selbst auf Bäumen wohnen. 
haben doch noch dahinzielende Sagen, wie z. 6. die Damnra. 

Bei zunehmender Dichtigkeit der Bevölkerimg ent- 
stehen immer mehr Wohnsitze, von welchen einige bei 
der notwendigen wirtachaftliclien Arbeitsteilimg gröisser 
als die in demselben Gebiete mit ihnen liegenden zu 
werden streben, während zwischen ihnen und den klein- 
sten desselben Gebietes eine Mannigfaltigkeit von Ab- 
stufungen sich entwickelt, denen teilweise natürliche 
Momente zu Grunde liegen. 

Betrachtet man indessen die heurige Verbreitung der beiden 
Wohnweisen. so scheint dem llnlerfichied zwischen Ginzelwohnen 
und Zusammenleben, zunächst in Dörfem, weniger Naiurbedingiiog 
als Stamm esgewohnbeit zu Grunde tu liegen, und diese mag ihrer- 



152 F-nIslehung gpeclliger WohnBlällen 

»eiU ihre letile Wun.el in geBchicliUii'licn Zustanden irgend eines 
Zeitraumes haben, wie %. B. in ungemein gesteigertem Schuti- 
liedUrfnis, das die Wohnstätten zuüaniinendrttngle. Man ilndet 
Hm SüdsbliHng der Alpen die Menschen in Dörrern, wahren Felsen- 
nestern, am Notdnbhang in bequemen Einielhören, Hier mag 
man wob! daran denken . daps jener Südabhang Jahrhunderte 
hindurch dem Ansturm nordischer Barbaren am meisten ausgesetzt 
war^ die vom Kordabhang kamen, dsss die.', wenn das Bild erlaubt 
ipl, gleichsam die fiturmseite der Alpen war, die nordliche aber 
die Leeseite. Das Gebirge hat an und für sich mit diesem Unter- 
fichiede des Wohnens nicht unmittelbar zu thon. Es wohnen auch 
im KmiksÄUB die Abschasen in einitelslehenden Hdfen, im Gegen- 
patz KU den dorfbewohn enden Tscherkessen. Und so wohnen im 
norddeutschen TieCland von je die Wiederdeutschen hofweise, 
Mährend die Franken am Rhein schon zur Romerieii Übrllinge 

Fräjit man, was zuerst die einzel wohnenden Menschen 
zusamnienfiihrte, sie in Dörfern und Städten vereinigte, 
so ist vor allem nuf den Geselligkeitstrieb des Mensr^en 
hinzuweisen, der seiner Katur eigen zu sein scheint, 
dann auf das gemeinsame Bedürfiiis nach Schutz, heides 
ursprüngliche und alte Faktoren. Wie Jiistiis Möser'von 
der Markeneinteihmg sagt: , Natur nnd Bedürfnis allein 
scheinen die Einteilung gemacht zu haben; und man 
schliefst daher, dass die Marken älter als alle übrigen 
sind," Als dritter Grand kommen aber gemeinsame 
Interessen der Arbeit in Frage, welche ebenfalls Justua 
Moser an demselben Orte (Osn. Gesch. 1. 13) hervor- 
hebt, indem er sagt: .Die gemeinschaftliche Nutzung 
eines Waldes, Weidegrundes, Moors oder Gebirges, wo- 
von ein jeder seinen nötigen Anteil nicht im Zaun halten 
konnte, vereinigte dem Anschein nach zuerst ihrer einige 
in unsem Gegenden.' Aber dieser Grund gerade wächst 
mit fortschreitender wirtschaftlicher Arbeitsteilung immer 
weiter aus. bis er der wichtigste für die Bestimmung 
der Lage eines Wohnortes wird. Schon auf primitiven 
Kulturstufen sammeln sich grössere Bevölkerungen zeit- 
weilig an Stellen, wo Dinge, die ihnen nützlich, in 
grösserer Menge vorkommen. Die Indianer eines grossen 
Teiles von Nordamerika wallfahrten nach den Pfeifen- 
Bteintagern, andre versammeln sich alljährlich zur Ernte 
bei den Zizaniasiimpfen der nordwestlichen Seen, die so 



in Dörfprn und Städie 



153 



I 



zerstreut lebenden Australier de» Biirkiigebietes kommen 
von allen Seiten, um eine Art von Erntefest in der Nähe 
der dort häufigen Sümpfe voll körnertragender Marsiliaceen- 
zu feiern. Das sind nun vorübergehende Ansammlungen. 
Ist aber einmal der Schritt vom schweifenden Leben zur 
Ansässigkeit gemacht, so werden gerade derartige Stellen 
am frühesten gewählt werden; und wenn, in Konsequenz 
dea seashaft^n Lebens, die Bevölkerung sich vermehrt 
und die wirtschaftliche Arbeitsteilung Platz greift, wer- 
den grössere Wohnatätten an ihnen sich herauabilden, 
bis sie, d. h. die von Natur mit irgend einem besondem 
Reichtum ausgestatteten Erdstellen , auf den höchsten 
Stufen der Kultur jene imgewöbnlich dichten Bevölke- 
rungen von 10,000 auf der Q.-M. aufweisen, welchen 
wir in den fruchtbaren Niederungen des Nil und Ganges, 
in den Kohlen- und Eisenrevieren Nordeuropas, in den 
Goldfeldern Australiens oder Kaliforniens begegnen. 

Aber diese Anreg\mgen schaffen zunächst nur dichte 
Bevölkerungen über mehr oder weniger weite Räume 
hin; vereinzelte Anhäufungen erzeugen sich dagegen 
dort, wo bestimmte Punkte dieselben veranlassen, und 
solche Punkte werden in erster Linie durch den Ver- 
kehr aufgesucht oder bezeichnet, der dieselben zn Mittel- 
punkten, Kreuzungs punkten od€r Wechaelpnnkten seiner 
Strömungen macht. Auch in der fruchtbarsten oder 
goldreichsten Gegend kann der einzelne oder kann eine 
Gruppe die Naturschätze ausbeuten, ohne das Bedürfnis 
zu empfinden, sich andern möglichst zu nähern. Erst 
der Wunsch nach Austausch schafft das Bedürfnis der 
möglichsten Annäherung: der Verkehr schafft Städte. 
Und damit ist nun eine grosse Mannigfaltigkeit von 
natürlichen Gegebenheiten menschlicher Wohnplätze er- 
Bffnet; denn überall, wo die Natur den Verkehr in her- 
vorragendem Masse erleichtert oder, verstärkt, da ent- 
stehen verhältnismäflsig grössere Ansammlungen von 
Menschen, seien es nun Städte wie London oder Markt- 
flecken wie Nyangwe. Dieses wichtige Gebiet hat glück- 
licherweise einen gedankenreichen und scharfsinnigen Be- 
arbeiter in .1. G. Kohl längst gefunden, an dessen Aus- 



154 



Städte uDii Wrkehrsgebie 



fühnmgen in „Der Verkehr und die Ansiedelungen der 
Mensclien in ihrer Abhängigkeit von der Gestaltung der 
Erdoberfläche' (1841) wir uns im folgenden wesentlich 
nur anachliessen können. 

Die Wohnstätten der Menschen, wo sie sich in 
grösserer Zahl auf einen Punkt vereinigen, bilden, 
schematisch betrachtet, Mittelpunkte von Kreisen, die 
ihre Verkehrsgebiete und überhaupt ihre Wirkungs- 
gebiete umfassen. Die Verkehrs-ströme, klein oder gross 
je nach Grösse des Mittelpunktes und seines Kreises, 
bewegen sich entweder innerhalb der Peripherie oder 
über dieselbe weg oder an derselben hin. Die ersten 
und zweiten streben auf den Mittelpunkt zu oder strahlen 
von ihm aus, die letzteren aber haben direkt mit dem- 
selben nichts zu thun. Sei nun die Peripherie eine 
Küste oder eine Landgrenze, immer wird der Verkehr 
sieh an einzelnen Punkten derselben konzentrieren, wo- 
durch ausser der zentralen Stadt mehrere peripherische 
entstehen. Die Lage der letzteren wird teilweise be- 
dingt durch die Lage von ausserhalb der Peripherie ge- 
legenen Plätzen, in deren Verbindungslinie, ihrem eigenen 
Mittelpimkt sie gelegen sind , oder durch natürliche 
Gegebenheiten. Ausserdem werden zwischen ihnen und 
dem letzteren noch Zwischenstationen sich einschieben 
je nach der Länge des Weges und der Stärke des Ver- 
kehres. Wie sehr man auch annehmen muss, dass es 
die Natur bedin gl mgen zusammen mit geschichtlichen 
Verhältnissen in erster Linie sind, welche die Lage der 
Wohnstätten bedingen, so ist doch ihre Zerstreuung über 
ein Land bin mit von diesen Grundthateachen des Mittel- 
punktes, der Peripherie und der notwendigen Ent- 
fernungen abhängig. Es sind dieselben nicht zu ver- 
kennen z, B, in der Anordnimg der spanischen Haupt- 
plätzc um den Mittelpunkt Madrid in konzentrischen 
Kreisen, deren inneren Segovia und Toledo, deren zweiten 
Valladolid und Giudad Real, deren dritten Leon und 
Cordova bezeichnen mögen und deren äussersten endlich 
die städtereiehe Klistenlinie bildet. Kann ein Land aus 
Gründen seiner natürlichen Gestalt oder seines geschieht- 



Natürliche Städte lagen. 



155 



liehen Qewordenseins keine Kreiafonn erreichen, so wird 
es, wenn es langgestreckter Form sich nähert, zwei oder 
mehrere Hauptfltädte haben und sein Schwerpunkt wird 
endlich in die Peripherie fallen. 

Verkebrelüse Kegionen liaben Datiirliuli nur Plälitu an der 
Peripherie. Wo VerkehraBchwiprigkeitPn »lusamniengfhänft simi, 
wie in den Gebilden, erlangt deren Periplierie, d. h. der Fuag des 
Gebirges eine besondere Bedentnng llir die Städlegrünilung und 
Jene nstfirlichen Verkehrslinien, die als Thäler und Päsac in die- 
«elben hinein und über aie wegführen, sind an ihren AuHiniindunga- 
Stellen die natürlieh rorbestiramten Stellen für Städtegrlindung. 
Hierbei kommt ein wichtiger Faktor ina Spiel, der in anderen 
Fällen noch eingreirender wirksam ist, nämlich der Uebergang 
von einer Verkehrsart aar andern, welcher den Verkehr zwingt, 
einen Aufenthalt zu machen and dadurdi die Entstehung von 
Städten wesentlich mitbedingt. Am eingreifendsten wird derselbe 
wirksam beim l'ebergang vom Wasser- zum Landverkehr, da die 
Vehikel Tür beide begreiflicherweise am sllerverscliiedenslen sind. 
Db der gröaete Verkehr über die Meere weg ctattÜndeii muss, 
welche die grösuten Ländergruppen bzw. Eirdleüe trennen, so 
entwickeln »ich auch hier die grössten Stadle, wenn wir von den 
Hauptstädten einiger grbssten Reiche der Erde absehen. Für ihre 
Entwickelnng ist entweder ihre Lage im Hintergrund tiefer Buchten 
oder Fluasroiindungen, wekhe den Verkehr nach dem Binnenlande 
erleichtem oder auf den Spitzen hinausragender Halbinseln oder 
. Vorgebirge, au Strassen, welche Heere verbinden, oder an Isthmen, 
wo zwei Heere nnhe znsommentrelen, oder aaf echülzenden Inseln 
oder endlich, und dies am häufigsten, an guten Häfen bestimmend. 
Inseln mitten im Heere, welche an und für sich keinen Orund 
zur EntWickelung grösserer Städte besitzen, können dazu befähigt 
werden durch ihre zur Rast einladende Lage, durch den Austausch 
zwischen sich kreuzenden Verkehrslinien, der auf ihnen Btntlllndet. 
Endlich sind als Slädterzeuger und -Nährer noch die Strome nu 
nennen, weiche nicht nur iiberall an ihren Mündungen, sondern 
auch da, wo NebenllUsse in sie eintreten, wo sie umbiegen, wo 
sie anfangen BchtITbar zu werden, wo andre Hanplstrassen sie 
kreuzen oder in sie einmunden, wo Katarakte ihre SchilTbarkeit 
unterbrechen, Anlass zur Aiifslanung und Ansammlung grösserer 
Zahlen von Menschen, d. Ii. zur Slüdtebildung geben. Dieses alles 
tchliesst rein zufällige Oründe für die Existenz von Studien nicht 
aus. Die menschliche Willkür ist der slarkale von ihnen, die in 
ftfrikanischen und hinterindisclien Despotieen zur Verlegung selbst 
der Hauplstadt jeweils nauh dein Tode des Herrschers sich ver- 
steigt. Doch giüt es noch manche andere. 

So konnte natürhch selten bei einer Anlage voraus- 
gesehei) werden, welche Entwickehing dieselbe einst 



156 Naturliche SlBt!lFlB.gell. 

nehmen werde; und wo die Katurbe dingungen nicht 
ganz ausserordentlich gQnstig liegen, so dass sie geradehin 
aiiftbrdern, die theseiBche Arbeit aufzunehmen, ist also 
auch dadurch dem Zufall ein grosser Spielraum gestattet. 
Valparaiso ist, nach Pöppig, die unpassendste Oertlich- 
keit zur Erbarning einer grossen Seestadt. Der Hafen 
gehört nicht zu den sichersten und der Kaum für die 
Stadt ist nur ein Strand von 200 Fuss Breite zwischen 
Meer und Felswänden. Die Spanier glaubten eben nicht, 
dass Chile je ein so bedeutendes Handelsgebiet werden 
würde. Nicht selten kommt es endlich auch vor, dass an 
günstigsten Gegebenheiten der Strom der Geschichte 
oder des Verkehres wie mit leichter Vermeidung vorbei- 
fliesst. Ein merkwürdiges Beispiel ist Kertsch: Vortreff- 
licher Hafen, nördlich davon der Eingang ins Asowsche 
Meer, östlich gegenüber die Mündung des schiffbaren 
Kuban, auch au dem Faden alter Traditionen, alten 
Ruhmes fehlt es dem von Milesiern gegründeten Pantika- 
paeon nicht. Und doch diese träge Entwickehuig ! 

Folgerungen. Bei der ersten Besitznahme eines 
Landes bieten die Natiirgrenzen, und luiter ihuen vor. 
allem die Flüsse, die ersten Anhaltspunkte zur Zerteilung. 
Auch bestimmt die Natur des Bodens zum Teil die 
grössere oder geringere Ausdehnung der von einzelnen 
in Eigentum genommenen Gebiete. Bei der Anlage der 
Wohnstätten werden schützende Naturgegeben he iten auf- 
gesucht, 30 Höhen, Inseln, Halbinseln, Sumpfgelände, im 
Extrem selbst Bäume. Grössere Ansammlungen von 
Wohnstätten schafft der Verkehr, und jede von jenen 
wird Mittelpunkt eines Bezirkes, an dessen Peripherie 
(Küste, Grenze) entsprechende Ansammlungen sich bilden. 
Solche Ansammlungen legen sich mit Vorliebe an den 
Lauf der natürlichen Verkehrswege, vor allem der Flüsse, 
an, und zwar sind ihre natürlichen Kristallisattonspunkte 
die Kreuzungen und Vereinigimgen dieser Wege, sowie 
die Uebergänge eines derselben in den andern. 



7. Raumverhältnisse. 

Ei ndrio gliche Betonung der RaumverMllnisse ist eine der ersten 
Motwcudigk eilen der Erdkunde. Wichtigkeil der Vergleichung 
denelben. Einlluse der RuumverliäUni^se, unter wduben sie sii-ti 
eolwickelien, auf Römer und Gerinauen. Beziehung swiMheii 
Üräeee und Macht der Keiclie. Urosse Ausbreitung der R«iclie 
führt Uicht notwendig zum Zerfall dereelben. Verschiedene Urade 
and Dreacben von Haumbelierrscliung. üu verkennbare Tendenz 
lur Einfillirung imnier grösserer ItSume in die gtscbichtlicbe 
Altlioii und zur Bildung räumlich grijsserer Nationen. Kleine 
und hteioste Räume. Räumliche Bedingungen des pülitischen 
Glejcbgtwichtts, welcbe jener raumerweiterndt'n TendenK nicht 
dauernd enlgegeniuwirken scheinen, Rückwirkung Kordatnerikas 
anf Europa. Kontinentaler Typus der Geschichte. Kontinentale 
Rassen. Wo ist die RsuniTrage in ethnographischen Untersuchun- 
gen za atellen? Notwendigkeit einer Lehre von den Entfernungen. 



liarph, f/d« rr 'Itt rmpli-iae^ Kok- 
tiril rm Ztll HHd Hamm brle»t, In-Irm 
rr llirt epalim mSglirlit rrrkUrml. 
Ernil Kupp. 

Gnmdidee. Zum Wesen des menschlichen 
Geistes gebort unaufhörliche Bewegung, die an 
den Raum- und Zeitgröasen sich misat und, wenn 
auch immer weiter dieselben verkleinernd, doch 
stets in sie gebannt bleibt. Zum Wesen der 
Völker gehurt gleichfalls unaufhörliche Be- 
wegung, die als Geschichte im Räume sich voll- 
zieht und im Räume ihre Grenzen findet. Ebenso 
wie Bewegungsmöplichkeit hat auch Raumerfül- 
Iting durch Menschen ihre Schranken. Doppelt 
ist daher Grösse und geschichtliche Leistung 
der Völker von dem Räume abhängig, den ihnen 
die Geschichte zumisst. 

Ungenügende Betonung der Grössen Verhältnisse ist 
in der physikalischen wie politischen Geographie eine 
der ergiebigsten Quellen von falschen Vorstellungen, die 



158 



Raumverhältuisse. 



leider dazu noch in vielen Fällen durch schiefe Vergleiche 
und entsprechend hinkende Benennungen gestützt werden. 
Man geht hierin sehr sorglos vor. Ich erinnere an die 
beliebte Bezeichnung AbessinienB, eines 40,000 Q.-M. 
grossen Landes als , Alpenland Afrikas', wodurch in der 
Phantasie fast jedes Menschen eine nn willkürliche Zu- 
sammenziehiing und Verdichtung des erscheinungsreich - 
sten und wildgross artigsten Hochlandes der Erde in den 
Rahmen der 5400 Q.-M. unserer Alpen oder gar der 
752 Q.-M. der Schweiz bewirkt wird. Es würde viel 
richtiger, aber minder bequem sein, wenn man sagte: 
Schiebet die drei sfid europäischen Halbinseln zusammen, 
nehmet Alpen, Pyrenäen und Balkan dazu und vergleichet 
dieses Gebiet mit Äbessinien, dem es aber an Flächen- 
ausdehnung noch nachsteht. Allbekannt sind die Miss- 
verständuisse , welche hinsichtlich der politisch einander 
gleichgesetzten Einheiten wie der Vereinigten Staaten, 
des Russischen Reiches, der Türkei, Deutsclüands. Oester- 
reichs u. s, f. durch mangelhafte Vorstellungen über ihren 
Rauminhalt erzeugt werden. Man erkennt die Wichtig- 
keit des letzteren durch die Peinlichkeit an, mit welcher 
man die Quadratmeilen zahlen auswendig lernt, aber diese 
Zahlen werden entweder nicht oder ohne Rücksicht auf 
die Wirkungen der Raum unterschiede verghchen. Na- 
törUcb ist für pädagogische Zwecke die Einprägung 
richtiger Vorstellungen von den Grössen Verhältnissen der 
Länder, Inseln u, s. w., eine wichtige Aufgabe und wird 
mit Recht in neuerer Zeit mehr und mehr an die Stelle 
des öden Zahlenlemens gesetzt, ebenso wie unsere bes- 
seren Karten durch Neheneinanderstellnng von häufig 
aufeinander bezogenen, aber in ihren Grossen Verhältnissen 
leicht raissv erstandenen Land er gebieten, wie z. B. Groae- 
britanniens mit Indien oder der Niederlande mit den 
niederländisch-indischen Besitzujigcn der Raumverglei- 
cbung eine sinnlich greifbare Unterlage zu gehen be- 
strebt sind. Aber für die wissenschaftliche [lurchdrin- 
giuig des geographischen Stoffes ist die Berücksichtigung 
dieser Verhältnisse nicht minder geboten, denn die ge- 
schichtlichen Funktionen der Erdräume sind aufs innigste 



r 



Wirkungen bei Romtm und Gtra 



159 



I 
I 



verknüpft mit ihrer Aiisdeiinung. Gestatten ihre klima- 
tischen iijitl Höhen verhäitujaae einen gleichen oder ähn- 
lichen Grad Ton Bewohnbarkeit, so hängt in erster Linie 
ihre Bevölkerungszahl von derselben ab. Sind sie bei 
grosser Ungleichheit der Ausdehnung von annüliemd 
gleichen Volkszahlen bewohnt, ao rufen sie in diesen 
Btarke Unterschiede im Tempo der Kulturentwickelung, 
in der Zusammenfassung zu energischen politischen Hand- 
lungen, im Verkehraleben u. s. w. hervor. Man hat die 
Seime grosser politischer Entwicklungen ausschliesslich 
in den Beziehungen zwischen den Völkern und den Räu- 
men, die sie bewohnen, finden wollen. 

Von Wieterahfim, der vielleicht weiter gehl als irgend ein 
neuerer OegchichtsBchreiber in der Zurück fiihrung groiiser und 
danernder geschichtlicher Zustände auf örtliche Verhältniese, sucht 
in seiner „Geschichte d<^r Völkerwanderung" (Bd. I. 18^9 S. 374) 
den üegeneatz der „wunderbaren Ecnprangliehkeit und Vorliebe 
für das stSBl^bildende Prinzip bei den Römern" zu der „absoluten 
Vnrähigkcit dessen Verständnisses und tiefer Abneigung gegen 
Mtlchee bei den Germanen" aus der „Beschaffenheit des Bodens 
und Dmltreiflea der geschichtlichen Entwickelung beider Völker" 
herzuleiten. Als Rom auf den Plan traL sagt er, war es auf einen 
Wald- und Sumpfbezirk am die 7 Hügel und nach dem Ueere 
in von höchstens 5'/« Q.-M. beschränkt, von feindlichen Stamm- 
verwandten und mehligen Stammfeinden alle höherer Kultur 
umschlossen. Die Räuberbande, die hier im Urwald zwischen 
Sümpfen zuerst ein Versteck und dann befestigte Schutzwebren 
Buchte und fand, vermochte sie anders als durch blinden 
Gehorsam gegen ihren Hauptmann , dessen gebietender Per- 
■önlichfaeit sie folgte, sich zu erhalten, zu erwachsen? Hieraus 
wird das der ganzen romischen Verfassung zu Grunde liegende 
Antoritätaprinzip abgeleitet und vielleicht führt selbst die Schroff- 
heit der hausväterlichen Gewalt auf den geographischen Ursprung 
des alten Rom zurück. Die Germanen hingegen zogen als No- 
maden in weile Wohnsitze ein, wo sie die Urbewohner zu ver- 
drängen, vernichten oder unterwerfen vermochten, in eine uner- 
messliche Waldwäste mochten sich ihre Stämme und Geschlechter 
friedlich teilen und die Grenzen waren durch Waldgebirg oder 
absichtlich wüst gelegte Landstriche gesichert. „Wer mag da ver- 
kennen, dass unter solchen Umständen und bei dem dem ganzen 
indogermanischen llauplatamme eigenen Freiheitsstolze ein patri* 
archalisches Selbstregiment die einzige naturgemässe Grundlage 
des öffentlichen Lebens sein und bis weit in die geschichtliche 
Zeil hinein bleiben musste?" und da, wo dem durch lange Wan- 
derungen gestählten Volkscharakter Viehzucht und Feldbau nicht 



16Ü 



md V'ergaugliclikpi 



geiiüglEii, Bind docli die Raub- und EruberuDgszüge Privat- 
untern e lim un gen ausserlislb ilca Bniiiies der Gemeinde geblieben. 
— Wir müssen es den UesL'lucblBth reiben» des europaischen 
Oslene überlaeseu zu errorschen, ob niuliL in ülinlidiem physika- 
liacliea Gegeusatz der ursp ding lieben Wohnpiätze der von keaaeni 
Rasslsnds (vgl. ütixtbausen Studien L Vorr. lU. 115 f.) als fun- 
damental betonte Unteracbied des russiscben PatriarcbBlBlaaU vom 
west- und mittel europäisdien Feudaletnat seine Wurzel bobe. 

Hier würde man also eine grosse unmittelbare ge- 
schichtUelie Wirkung der RaumverhültnisBe zu erkennen 
haben, welche durch das Medium der politischen Insti- 
tutionen der Entwickelung zweier Völker gerade ent- 
gegengesetzte Anstösse erteilte. Wir erkennen aber in 
diesem besondern Gegensatz einen allgemeinern wieder, 
der ims mahnt, nicht einseitige und einzige Wirkungen 
von Kaimikleinheit oder Rauragrösse zu erwarten, sondern 
die verschiedenartigsten je nach der Beschaffenheit der 
anderen Umstände voraiisziieehen. Man weiss aus der 
Weltgeschichte zur Geniige, wie täuschend die Vorstel- 
lung ist, ah ob der räumlichen Grösse eines Reiches 
seine politische Macht, oder überhaupt sein Gewicht in 
der Wage der A'ölkergeschicke, irgend entsprechend »ein 
müsse. Von Xerxes und Alexander bis auf Philipp II. 
und Napoleon haben mächtigste Geister dieser Täuschung 
ihren Tribut gezahlt. Die Vergänglichkeit der Welt- 
reiche ist ein Sprichwort geworden und scheint in neue- 
rer Zeit unter jene Lehren der Gescliichte aufgenommen 
zu werden, welche man zu beherzigen sucht. Indessen 
hat diese Regel ihre Ausnahmen, welche oifenbar durch die 
Art und Weise der Entstehung und der daraus folgenden 
inneren Konstitution solcher Gebilde bedingt sind. China, 
welches durch langsame Kolonisation, durch Schritt för 
Schritt mit friedlichen mehr als mit kriegerischen Mit- 
teln arbeitende Aufsaugung und Assimilation der frem- 
den Bevölkerungen zu seiner heutigen Grösse erwachsen 
ist, nimmt seit 2000 Jahren ungefähr denselben Raum 
ein wie heute und ist in dieser Zeit trotz grosser Wech- 
selfälle nicht lockerer, sondern in seinem Innern, d. h. 
im eigenthchen China nur einheitlicher und fester ge- 
worden, während, wie uoch vor vier Jahren die Ereig- 



der Weltreiche. 



lÜl 



I 



nisse in Üsttiirlcestan zeigten und wie seine tibetanische 
Politik beweist, die Kraft der Festhaitiiiig selbst grosser, 
entlegener Untertanenländer nicht nachgelassen hat. Wir 
haben ein anderes in vielen Beziehungen dem ebenge- 
nannten gerade entgegengesetzt geartete» Reich in den 
jungen, erst werdenden, dflnn bevölkerten Vereinigten 
Staaten von Nordamerika, welfhe mit Alaska zusammen 
einen Flächenraum fast so gross wie Europa bedecken. 
Die bisherige Geschichte lud die al^emeinen politischen 
- Eigenschaften dieses in solchen Ausdehnung allerdings 
erat seit einem Menschenalter bestehenden Weltreiches, 
geben keinen Grund zu der Annahme, dass dasselbe so 
bald dem Beispiel Alteuropas folgend in eine Anzahl von 
grösseren oder kleineren selbständigen politischen Exi- 
stenzen zerfallen mßsse, die teilweise von der Bodenge- 
stalt, den grossen Flussläufen, dem Klima und andern 
natQrlichen Faktoren abhängig sein würden. Diese neue 
Welt, welche in so vielen Beziehungen neuernd, begrifl- 
umwälzend aufgetreten, scheint auch das in nltwelÜichen 
Erfahrungen angeblich so tief begründete Gesetz des 
Zerfalles grosser Reiche nach knrzer Dauer widerlegen 
zu sollen. Und allerdings geniesst ein Volk, dessen 
Jugend in die Zeit des Verkehres mit Dampf und Tele- 
graphen fällt, eine einigendere Erziehung, als die unsrer 
europäischen Staatengrönder jemals sein konnte. Auch 
entsprangen die bisherigen Sezession sverauche nicht der 
allzugroBsen Ausdehuimg noch andern natürlichen Motiven, 
sondern gescbichtlichen Entwickelungen auf klimatischem 
Boden, deren Keime, einmal gelegt, nicht rasch genug 
in ihrer Verd erblich keit erkannt imd entfernt worden 
vfaren. Man ist vielleicht geneigt zu glauben, dass 
mittelbar der weite Raum zu diesen Ent- und Verwicke- 
lungen geführt habe, indem nur er so grosse Gegensätze 
erzeugen konnte; aber die Geschichte lehrt deutlich, dass 
es keines grossen Raumes xxn Entfaltimg schärfster 
Gegensätze bedarf, sondern dass im Gegenteil die allzu- 
enge Nachbarschaft besonders leicht Reibungen erzeugt. 
Die Geschichte der Schweiz-, ja einzelner Eantone, die 
im Vergleich zu den Vereinigten Staaten nur Kwerge 



1Ö2 



llHIE 



Wacbslum gro 



sind, weist Kämpfe von ganz ebensolcher Erbitterung 
und Zähigkeit auf, wie der Sezessionskrieg war; und 
umscfaloss nicht das kleine Griechenland in Athen, Sparta, 
Theben, weitergreifend sogar Macedonien, Gegensätze, 
deren Schärfe politiscJie und soziale Typen für den 
ganzen späteren auf soviel grÖBsereni Räume sich be- 
wegenden Verlauf der Weltgeschichte schaö'eu konnte? 
Die Geschichte der zwei grössten Länder des europäisch- 
amerikanischen Knlturkreises , der Vereinigten Staaten 
TOD Nordamerika und Russlands, lässt in den letzten 
Jahrzehnten eher eine Erstarkuiig durch festeren Zu- 
sammenschluss als eine Lockerung durch jene hiHtorlsehe 
Z er brock elungstendenz grosser Ländermassen erkennen. 

Der geiatvollsfe Aroerikaner der Jetieeit, R. W. Emerson, 
BQcht sogar die BeliBiiptung zu begründen^ dass die Elrfindaag 
der EJBenbahnen England auf ein Drittel seiner Grösse lerkleinert, 
also geschwächt habe, indem dieselben die Meoaclien eiuander 
itnmer naher brachten, wahrend in den Vereinigten Staaten, deren 
Tage Bclion gezählt schienen in Folge der Schwierigkeiten, Volks- 
vertreter, Richter, Offiziere über die weilen Strecken weg ta be- 
fördern, durch dicflelbm die zerstrenten Bevölkerungen in ein 
einziges Netz zu sau men gewoben und beständig einander mehr 
assimilirt werden, ao daas keine Gefahr mehr bestehe, da«s Ört- 
liche Besonderheiten und Gegensätze sich erhallen. (Wnrks. Hohn 
E^. II. 293-} Diese letztere Annahme leigt den amerikanischen 
grossartigen Optimismas, aber man kann an der allgemeinen 
Richtigkeit des Gedankens nicht zweifeln. Nicht bloss in Amerika, 
sondern auch in Russland bestätigen ihn dii- Thataacheii. Scliou 
vor 30 Jahren schrieb Von Haxlhansen: „Das grösste Bediirfni» 
Russlands sind erleichterte und tweckmässige Kommunikations- 
mittel. Ein ungeheures Reich, dessen innere beste Landstriche, 
weit von dem Heere entfernt, dessen nicht hinreichend schiffbare 
Flüsse */i des Jahres nicht zu beschiCTen, dessen Landwege in 
Regenzeilen unfahrbar sind, welches keine Chausseen besitzt, wo 
an Eisenbahnen kaum gedacht ist, bedarf der erleichterten Kom- 
munikationsmittel mehr als jedes andere Land. Es ist ohne Kom- 
munikationsmittel ein kolossaler, ungelenker, an Händen und 
Füssen gefesselter Rieee." (Studien 11. 104.) Die politischen Be- 
dingungen der Existenz und W ei terent Wickelung dieser beiden 
Machte sind so verschieden wie möglich, aber sie haben beide 
das Gemeinsame einer grossen Fülle der Möglichkeiten, die noch 
unausgeschöpft, teilweise noch gar nicht berechenbar sind, und 
sie fühlen sich mit Recht darum beide, jung im Vergleich zu den 
in enge Grenzen eingeschlossenen, mit dem was sie haben und 
noch en'eichen können nur zu verlranlen. mehr und mehr in die 



Der geograpliische Horizonl. Uröst 



nnd Ein 



^)l)l(' 



163 



geeeUle fielbstbeBchränkuiig reifen Altere eich ciuletienden west- 
und niittekaropäiaclien Hlaaten. Der grosse Staat gibt seinen Be- 
wnbuers einen weiten Blieli Man kann ilberliaupt von einer 
higtoriBchen Perspektive epreclien, welrlii' mit diesen Ramnfragi'ti 
aufs innigste zusanimpnhängt. Sowie die Sehkraft des leiblichen, 
ist Blich die des geistigen Anges der Verfitärkung fähige wenn 
ttucb keiner anbesclircinkten. Der Umrang unsrer eigenen Er- 
ralirnngen und die Erfahrungen andrer, die uns milgeteilt \verden. 
bestimmen die Weite des geistigen HorizonteSi während die Deut- 
lichkeit der an demselben erscheinendes Oestalten von der Schirre 
abhfingt, mit der jene in untrem Geiste sieh spiegeln, lieiw. 
welche sie sich bevfahrt haben. Nicht minder ist dsriturvon Ein- 
fluHS nach die BewegungslUhigkeit des einzelnen, die bei der in 
kleinen Ländern dichten Bev51hening natürlich geringer sein mtiss 
als bei der in groBsen Ländern viel weiter verteilten, dünnem. 
Es soll aber ein grosser Unterschied nicht verschwiegen werden, 
der dabei zwischen beiden besteht. Die russische Bevölkerung 
amalgamierte sich, und zum Teil ist sie noch in diesem Prozesse 
begriffen, aus einheimischen und eingewanderten Elementen von 
olTenbar ursprünglich sehr verschiedener Begabung, während in den 
Vereinigten Staaten der Gitrakt der begabtesten und civilisierte- 
sten Nationen Europas sich auf Tast unbevölkertem Boden fand. Da- 
her hier die Jugendlichkeit mehr wie Frühreife erscheint, indessen 
sie dort sich mehr in der TTnfertigkeit zeigt, so dass noch heute 
die Worte einige Berechtigung beliallen, mit denen der Nnlional- 
charakter der Russen in Kanla Völkersebilderung (Anthropologie 
4. Ansg. 302) kurz abgethan wird : Russtand ist das noch nicht, 
was zu einem bestimmten Begriff der natürlichen Anlagen, welche 
sich *n entwickeln bereit liegen, erfordert wird. 

Verstärkt wird jene jimge Grösse im Falle der Ver- 
einigten Staaten nicht bloss f(ir den Eindruck, sondern 
vor allem auch für die wirtschaftliclien Wirkungen durch 
eine ganz ausserordentliche Einfachheit der inneren Ent- 
wickelung wie der äusseren Beziehungen. Die letztere 
ist solchen Massengrössen von Tfatiir eigen. In Bezug 
auf jene ist hier keine Rede vom Widerstreit verschie- 
dener Kultiirströmiingen , Völkerstämme , politischer 
Systeme, sondern es handelt sich einfach um die Ver- 
pflanzung der selbständigsten, freiesten und westlichsten 
Kulttiribrm Europas, der englischen, auf den mit leichter 
MOhe von den Eingeborenen gc-^äuberten Boden des 
neuen Erdteils. Was aber die letzteren betrifft, so 
fassen sich alle, entgegengesetzt dem ostwärts streben- 
den Golfstrom, der immer mehr sich zerteilt, indem er 



164 



r üeacliiclite 



den Atlantiseben Ozean durchschneidet, auf ihrem Weg» 
übera Meer zusammen in eine einzige europäische, und 
die Vereinigten Staaten haben nicht England, Frankreich, 
Deutschland n. s. f., sondern in erster Linie und immer 
mehr Europa sich gegenüber. Ebenso sind die pasEJIiHchen 
Beziehungen kontiuentale , d. h. es steht nicht Land 
gegen Land, sondern uuch hier der Erdteil dem Erdteil 
gegenüber. Indessen über diese kontinentalen Perspek- 
tiven später. Was aber die einfache Thnfcsache der 
geschichtlichen Wirkungen verschiedener Raumgrösnen 
auch in engeren Verhältnissen betriflft, so hat der Gang 
der Geschichte selber das Experiment fTir uns gemacht, 
indem er eine Kultur von eiuer Stelle der Erde zur 
andern wandern und mit zu- oder abnehmender Eaum- 
erfullung und Intensität imter verschiedenen äusseren 
Bedingungen verschiedene Gestalt und Gehalt annehmen 
lieas. Freilich begegnen wir auch hier immer wieder 
der groBsen Schwierigkeit, dass in verschiedenen Räumen 
auch verschiedene Völker wohnen und dass die Wirkun- 
gen der Volksnatur schwer zu trennen sind von der- 
jenigen der Natur des Landes. Aber die vergleichende 
Forschung nach den wirksamen Naturbedingungen ist 
darum noch nicht zur Unfruchtbarkeit verurteilt und um- 
soweniger als derartige Wanderungen oder Verpflanzungen 
eich mehr als einmal wiederholt haben. Vor allem 
schaffen sich ja ohne Zweifel bei aolchen Veränderungen, 
die zunächst und unfraglichst Veränderimgen der Ört- 
lichen Lage sind, neue Berührungen und damit neue 
Einflüsse. Die Uebertragung westasiatischer Kultur nach 
Griechenland schuf in ihren Rückschlägen nach Asien 
den ersten grossen europäisch -asiatischen Konflikt, wäh- 
rend ihr Weiterwandem nach Italien den entsprechenden 
eurupäisch-a&ikanischen auf dem Wege- über Sizilien er- 
zeugte. Beiden ist gemein, dass sich Süd- und Nord- 
völker gegenüberstanden nud in beiden siegten die letz- 
teren. Aber wieviel gründlicher und vor allem wieviel 
dauerhafter war der Sieg der liömer, der auf der 
Menschenkraft einer fast zehnmal so grossen mid 
80 ungleich viel einheitlicher gestalteten, zur politi- 



ipl Rntimerwciterung. 1(;5 

sehen Zusammenfassung geeigneteren Landen beruhte! 
Griechenland hatte der orientalischen Kultur nur eine 
üebergangsstelle nach Europa bieten können , keine 
Stätte dauernder Grösse. Einem weitsichtigen (leschichts- 
Bchreiber wie Ranke ist der folgenreiche Umstand nicht 
entgangen, dass Gi'ieciienland nie im stände war, eine 
Weltstadt zu entwickeln, wie Westasien, Nordafrika und 
Italien nacheinander sie kannten. !Es gibt geschichtliche 
Entwickelungen, welche gleichsam wie unvollendet, man 
möchte fast sagen unreif, abbrechen, und andre, welche 
ein Sberzähea Leben in greisenhafter Unfruchtbarkeit 
hinschleppen. Bei solchen Gegeusätzen ist es immer 
sicher, dass man ein starkes geographisches Element an 
ihrem Grunde linden wird: am häufigsten zu geringer 
Raum im ersten, Reibungsloaigkeit, d. h. Nachbarlosig- 
keit im andern Fall. Um nicht von ganz ephemeren 
Grössen wie Epirus oder Palmyra zu sprechen, die auf 
zwei Augen standen: Wieviele Aufschwünge hat Sizilien, 
hat Korsika genommen, ohne je zu einer dauernden 
Grösse zn kommen, wie bald schloss jene Blütezeit Por- 
tugals ab, die nicht einmal ganz ein Jahrhundert aus- 
föllte ! Karthago wurde Grossmacht in Politik und Krieg, 
was Phönizien nie gewesen war. Aber es hatte nicht 
bloss grösseren Küstenraum — es herrschte unmittelbar 
über ein 200 Meilen langes Gebiet — sondern vor allem 
ein Hinterland. Und doch ging es unter, weil es als 
Seemacht sich in Krieg verwickeln liess mit der grössten 
Landmacht jener Zeit und damit eine verhängnisvolle 
Raumfrage aufwart'. Wie fest steht dagegen nach 
allen Stürmen doch immer noch China und wie lange 
wird dieses auf seiner breiten Basis unbeweglich ruhen, 
wenn es klug genug ist, auch fernerhin, wie früher, sich 
nicht von seinen jüngeren und rascher lebenden Nach- 
barn Kussland und -Japan zii ungewohnten Bewegungen 
verleiten zu lassen 1 Nicht nur die politische Beständig- 
keit, sondern auch die kidtnrerh alten de Fähigkeit grosser 
Volksmassen ist eine Thatsathe, welche mau nicht be- 
zweifeln kann, wenn man die uralte, unter allen Stürmen 
barbarischer Einbrüche ruhig fortblüheude Kultur Chinas 



UKi 



llaiier grosser Völker. V'ölkertriii 



mit der Kurzlebigkeit gewisser auf geringere Zahlen und 
engere Räume beschriinkten Knltiirent Wickelungen klei- 
nerer Völker vergleicht. Schon allein das Masaengewicht 
der riesigen Bevölkerungezahlen spielt dabei eine wich- 
tige Elolle, wie gerade China zeigt, in dessen dichter, 
«inheitlicher Menschenmasse die siegreichsten Invasionen 
gleichsam versanken. Die aristokratischen schützenden 
Massregeln der Mandschus seheu dem gegenüber wie die 
Anwendung einer wohlbeherzigten geschichtlichen Lehre 
aus, aber auch diese sind doch längst in allem Wesent- 
lichen Chinesen. 

Diese aufBaii^nde Uacht der grüsBeren HaBsen wirkt mit 
Naturnotwendigkeit. Darius bewies Scharfblick, als er ea ver- 
mied, seine Residenz aus den weniger angenehmen persisehea 
Hochlande nach dem eroberten BabylOn zu verlegeD. Sein Volk 
wäre in der unerm esslichen Bevölkerung der Einheimischen ver- 
schwommen. Da»s HS sieh nicht um absolut grosse Zahlen zu 
bandeln braucht, ist selbst verstand lieh. Es ist eine Frage des 
Verhältnisses, Trotz der langen Herrschaft norwegischer Wickin- 
ger über die Hebriden ging das germanische Element im OaSlI- 
echen unter, da die Niederlassungen üu schwach und die fremden 
Frauen zu wenige waren. Erst durch die Engländer ist es wieder 
emporgekommen. Wie Pflanzen und Tiere auf Inseln anssterben, 
da ihnen kein Raum zum Ausweichen bleibt , so mog ea auch 
manchen kleinereu Gruppen vou Zuwanderern gegangen sein. 
Das Schicksal der Gerährlen des Columbns anf Hayti nach dessen 
erster Reise ist eines von vielen Beispielen, die dafür angeführt werden 
können. £> gibt in der Menschheit genug Reste, an denen die Völker- 
Anten nagen und die sicherlich einst viel grosser gewesen sein 
müssen. Eine Sprache., welche wie das Baskische, heute nur noch 
einen Raum von 45 Lieues Länge und 15—20 Lieues Breite eiU' 
nimmt, und so eine Insel bildet, ähnlich jenen Gipfeln, welche in 
einem iiberschwe turnten Lande noch über die Wasser hervorragen 
(Broca, Hev, Anllir. IV. S. 4), muss notwendig einst eine grossere 
Ausdehnung besessen haben. Abgesehen davon, dass es eine 
Sprache für sich ist, von der wir keine Vemandten in irgend 
einem Teile der Erde finden, daas es also unmöglich ist, sie gerade 
in dieser ihrer jetzigen Vorkommens- und Verbreit ungsweise durch 
kolonienartige Verpflanzung von aussen her zu erklären, beweisen 
auch zahlreiche nur aus ihr /» erklärende Ortsnamen, ihre einst 
weitere Verbreitung. Bekanntlich ist durch W. von Humboldt die 
alte Verbreitung des Baskischen über Iberien nachgewiesen wor- 
den, während seine Behan|)tang, dass sie einst auch Aquilanien 
bewohnt hStten, dagegen nicht bestätigt worden ist (vgl. Broca, Rev, 
d'Anthr. V. 1 f.). Und ansserdem kann eine so ganz eigentäm- 



I 



REnimweite imd Innere Gliederung, lri7 

liehe Sprache sich nicht gan» zusammenhangslos IiIosb für sich hier 
an diesem Orte entwkkelt haben. Jede Sprache ist so gut wie ein 
einselner Zweig eine Ent Wickelung,, welche mit andern ihresgleichen 
lOMin menge hört und nur aus dieser Zu-iammengehörigkeit heraus 
lu T erstehen ist, Eagehört ein grösserer It»um zu solcher Eni wicke- 
lang als der ist, den diese Sprache heute einnimmt. Man darf 
wohl im allgemeinen sagen, dass die Entwickelung eines Sprach- 
stammes insofern eine streng geographisch bedingte Thatsache ist, 
nls jener des Raumes hedarl\ um sich zu entfalten. Eine einzelne 
Sprache kann sich auf engem Räume erhalten nnd auch bis zu 
einem gewissen Grade fortentwickeln, aber sie ist wie ein Pllänz- 
Hng unter Glos, der sich nicht anders lu natürlicher Breite ent- 
wickeln kann als durch Sprengung seiner Schranken. Gelingt 
ihm diu niclit, so wird er nach nicLt sehr langer Zeit den Tod durch 
Einengung und Erstickung sterben. Denn auch bei den Spreeben 
liewährt sich der Satz: Was nicht vorschreitet, schreitet zurück. 
Natürlich. So wie der volkreiche Stamm sich unter glelcheo Ver- 
hültnissea rascher vermehrt als der volkorme, so haben auch die 
von grosseren Zahlen gesprochenen und weiter verbreiteten 
Sprachen die Neigung, jene zu llberwachsen , welche von einer 
kleinern Zahl getragen werden. 

Liegt nun aber nicbt ein Widerspruch gegen jene 
Annahme einer Tendenz auf räumliches Wachstum darin, 
daas ein grosser Teil der politischen Entwickelungen 
dieses Jahrhiinderta sich in der Richtung des Heraus- 
ringens aus künstlichen Grenzen und übermässig grossen 
Länderanhäufungen und der Selbständigmachung natür- 
licher Ländergebiete bewegte ? In Zeiten innerer Schwie- 
rigkeiten grosser Reiche hat man von berufenster Seite 
das einzige Heil in der Individualisierimg ihrer geschicht- 
lichen und natürlichen Provinzen gesehen, welche in den 
freilich viel zu engen Begriff des „Föderalismus" ge- 
fasst das praktisch verheissungsvollste politische Schlag- 
wort für grosse Länder wie Oesterreich, Russland oder 
Frankreich erzeugte. Es gentigt indessen, die Lebens- 
bedingungen der Staaten zu erwägen, um sich zu sagen, 
dass die möglichst vollständige Individualisierung der 
Einzelglieder dem festen Zusammenhang des Ganzen 
nicht schädlich, ja sogar, vde das Beispiel der Vereinig- 
ten Staaten zeigt, der Assimilations kraft desselben selbst 
gegenüber sehr entlegenen und fremdartigen Elementen 
gflnstig ist. Wer kann glauben, dass Massachusetts und 
Arizona in einem Einheits Staate nebeneinander bestehen 



könnten? Eine Mai^ht wie die Vereinigten Staaten ist 
nur bei einem Minimum tou innerer Reibung möglich. 

Wir beriiliren uds hier mit einem Gedanken, welchen frühere 
Slaatelehrer nnd Geschieh tephilOEOphen Tteirtiiih behandelt haben, 
der aber l'iir die Gegenwart, welcher von der praktischen Staats- 
lehre und der wirklichen Ueschichte des Tages so schwere Auf- 
gaben gestellt werden, an Inleresee wesentlich verloren zu haben 
scheint. Wir meinen den Gegensatz zwischen organischem und 
mechanischem Staat. Der erctere soll aus der Natur der Individuen 
ebeoBOwohl wie aus der des Landes hervor wachsen, der andere ent- 
schiägt sich der einen wie der andern; oder, wie H. Leo es aus- 
drückt: ..Zwischen den beiden Grenzlinien, welche die Nslnr der 
Individuen und die Natur dea Staates seihst der menschlicben 
Willkür in Bezug auf den letzteren vorschreiben, liegt ein freier 
Raum fiir diejenigen, welche durch das Schicksal mit dem natär- 
lich Erwachsenen nnd historisch Hergebrachten verfeindet, sich 
reflektierend gegen daeselbe wenden und im Gegensatz dazu einen 
neuen Staat konstruieren wollen" (Allg. Gesch. 1. 12). Freilich 
kann diesem Gegensatz eine politische Unterlage gegeben werden, 
die über die geographische Auffassung weil hinansgeht, so wenn 
Leo Frankreich schon im ersten Jahr der Revolution einen me- 
chanischen Staat werden lässt. Für uns gehört es gerade zum 
Wesentlichen dea organischen Staates, dass er durch alk Stürme 
der Geschichte hindurcli derselbe bleibt, eben weil seine Grund- 
lagen tiefer reichen, als die Wellen der geschichtlichen Ereignisse 
ZQ gehen püegen. weil er, bei aller Ungleich mässigk ei t seiner 
natürlichen Abteilungen oder Glieder, ein inneres Gleichgewicht 
vorzüglich durch das Aufeinander -angewiesen -sein dieser Teile 
bewahrt. Das Bewusstfein davon ist durch die hohe Eulwickelnng 
des Verkehrs und der natürlich begründeten Interessen, vorzüglich 
der wirtfic ha filichen, im Wachsen (vgl. u. 8. 173). Aus dieser Er- 
kenntnis heraus nnd aus dem ohne Zweifel nur iinraer wachsenden 
BewuBStcein der mit den Mitteln des Verkehres zunehmenden 
Raumbeherrschungsfähigkeit^ dürfte für die kommenden Jahrzehnte 
eher eine Richtung anf Vergrosscrnng der bestehenden Reiche als 
anf ZerfälluDg derselben in national noch so berechtigte Bruchleik 
vorauszusagen sein. Wir haben im l.aufe der letzten Jahrzehnte 
rine grossere AniabI kleinerer Länder auf Grund der nationalen 
An/iehnngskraft In grossere Staatsgebilde ihres Slamnies auf- 
gellen sehen und nur Belgien und Holland liefern sCurke Beispiele 
des Gegenteils. Es ist aber wichtiger hervorzuheben, dass ent- 
gegen der nationalen Antiehungskraft sich Staaten, wie Oesler- 
reicb nnd Russland, auch die Schweiz kann hier genannt werden, 
auf Grund des Bedürfnisses nach Zusammengehörigkeit mit einem 
grossen Staalswesen. zusammenhangend erhallen, ja vergrÖsserL 
haben. Wenn man betrachtet, wie die Räome der Weltreiche sich 
in verschiedenen Epochen der Weltgeschichte nach ihrer Grüase 



Die Entstehung v 



r Staatflgebici 



169 



I 

I 



verhallen, ist es schwer, nicht ein weiteres Waclistnm dieser 
Oroesen vorauBzuseheM, denn keine ErrungenfchaCt der modernen 
Kultur iBt xweirelloser, als die Leichtigkeit der Bewältigung der 
Entfern un gen. „Vernichtung des Raumes", wie die BmerikRnische 
Hyperbel lautet, kann freilich nicht das Ziel der Erliudungen aein, 
welche auf dem Gebiete der Verkebrserleichterungen mit tiefer 
uingesUltendrr Wirksamkeit als irgend welche früheren aeit 70 
Jahren ins Leben getreten sind, und denen sicb'Tlich noch GroeseB 
vorbehalten ist; aber zweifellos werden sie die RaiimbegrilTe immer 
mehr in der RichtQng auf leichtere Umfassung deeseD verändern, 
was früher unertnesslioh gewesen. Und da es sich dabei nicht zu- 
nächst nm Verdrösse rungdergedanklicheuMassstäbe handelt, sondern 
vielmehr um thalsächliche Näherrfickung der Menschen und ihrer 
beweglichen Bcsilztumer und leichteren Austausch beider , so 
werden sehr viele Trennungen, welche heute bestehen, mit der 
Zeit als historische Znratligbeiten erscheinen, über welche der 
grosse Bahnen suchende Strom sich brfit ergiessen wird. 

Wir haben das Wort L. v. Raakes dafür, dass 
eioer allgememen Geschichtsbetrachtung sich .überhaupt 
anfangs nicht grosse Monarchieen, sondern kleine Stammes- 
bezirke oder staatenälinliche Genossenachafteii darstellen, 
welche eijienartig und unabhängig nebeneinander, be- 
stehen" (Weltgeschichte I, 88). So beginnt die Ge- 
schichte, soweit wir sie kennen, in der späteren Heimat 
grosser Reiche, im Euphrat-Tigrisland, im 0. und 10. Jahr- 
hundert V. Chr. mit einer grösseren Zahl kleiner Reiche 
dies- und jenseits dieser Ströme und im Quellgebiet 
derselben. Äehnliches zeigt die Geschichte aller grossen 
Iteiche, selbst das chinesische kann auf kleine Anfänge 
zurückgeführt werden. Freilich sind die grossen Reiche 
des Altertums von geringer Dauer gewesen mit einziger 
Ausnahme des römischen. Auch das chinesische hat be- 
kanntlich Perioden des Zerfalles mehrfach durcli gern acht. 
Es ist, als ob am römischen Reiche die Völker gelernt 
hätten, wie grosse Länder verwaltet werden mtlssen, itm 
sie (wenigstens räumlich) gross zu erhalten, denn seit- 
dem hat die Geschichte vorwaltend Reiche, die oft das 
rflmische an Grösse noch Überragten, sich erheben und 
durch Jahrhunderte sich erhalten sehen. Wir leben 
heute in der Zeit der Grossmächte und längst liegt die 
Zeit hinter ims, von der Johannes von Müller spricht, 
wenn er sagt: Die meisten grossen Sachen sind durch 



170 Tenilena auf RanraerweiteniDg. 

kleine Völker oder durch Männer mit geringer Macht aml 
grossem Geiat vollbraclit. Nebst besserer Wißsenschaft 
der Staatsverwaltung hat gewiss viel dazu die zunehmende 
Dichtigkeit der Bevölkerungen geholfen, weiche wie die 
einzelnen, so die Länder einander nähert. Auch mnsste. 
je älter die Geschichte eines Volkes wurde, ainsoraehr 
sein nationales Bewusstsein, sein Zusammengehörigkeits- 
gefühl erstarken, ebenso wie die Lehren der Geschichte 
immer mehr beherzigt werden, welche den Segen der 
Einigkeit vor allem deutlich erkennen lassen. Endlich 
haben in immer steigendem Masse die materiellen Inter- 
essen in derselben Richtung gewirkt, welche erst die 
Verkehrsschranken iimerbalb der Völker durchbrochen 
haben und mit der Zeit auch manche A ussenachranke 
als dem gemeinen Nutzen schädlich erkennen lassen wer- 
den. Viele Völker wären wirtschaftlich aufeinander an- 
gewiesen, welche noch durch Zufälligkeiten der ge- 
schichtlichen Ent Wickelung voneinander getrennt sind. 
Weon Russland trotz seiner Grösse und so vieler Miss- 
stände keine Neigung zum Zerfalle zeigt, so ist diese 
Erkenntnis mit darin wirksam. 

Schon HaxthdUBen hat Ruaslanda 9tBatliche[Eluheil als Natur- 
notwendigkeit bezeichnet (Studien I. XIV.) indem er betont, wie 
die vier kolossalen natürliclien Abteilnngen des Reiches nicbt 
ohne einander leben können. Der Waldgürtel des NordenB, der 
wenig fruchtbare, aber gewerbreiohe Laodstreifen vom Smolensk 
bis zum Ural, das Land der Hchwarzen Erde und endlich die 
Steppen des Südostens — sie sind für die ersten Bedürfnisse des 
Lebens sufeinaoder angewiesen, nnd stehen nicht in zuAlligem, 
sondern notwendigem Anslnusch und Verkehr. Hier empündet 
man als notwendig, dass diese Teile thateächlich iBBöm menge hören. 
Würden sie voneinander getrennt sein, so ist es fraglich, ob sie 
schon heQte dieselbe Empfindung in solcher Stärke hätten, daes 
sie dorch dieselbe in engerer Vereinigung gelrieben würden, aber 
es ist nicht fraglich, dass die Tendenz dazu immer vorhanden 
sein und zu irgend einer Zeit ihr Ziel doch erreichen w&rde. Es 
gibt kleinere Länder von einer so vielseitigen, fast allseitigen 
Begabung mit den Notwendigkeiten des wirtschaftlichen Lebens, 
däSB sie in dieser Beziehung selbständiger dastehen als ein IDmal 
so grosses Stück von Russland; Belgien ist z. B. in dieser Hin- 
«icht zu nennen. Aber hier kommt dann das Begehren der 
grösseren Nachbarn ins Spiel, welche glauben, dass in ihrem 



I 



kleinen geschieh llklieti Räiimi'. I71 

grosse rea Verband alle diese Vorzüge nach mehr ;sur Gel- 
tung kommen würden und das am Eudc- duch iromer wesent- 
lichste Element der SelbataDdtgkrU, die Macht, fehlt diesen 
Kleinen. 

Inseln oder IlalbinHeln könnt« man sich selbst bei sehr einseiti- 
ger Begabnng als selbständige politische Individualitäten denken, 
aber dann leidet doch wieder ihre allgemeine Knllurentwickelnog. 
Die Armut und noch mehr die einseitige Ausstattung einer Insel 
wie Korsika kann wohl durch Zufuhr von aussen, sowohl materielle 
wie geistige, verbessert werden , aber es fehlt jene viel tiffer- 
gehende Wirkung des nn mittelbaren Zusammenhanges armer und 
reicher Provinzen am £U!<an)nien hängenden Lande, die sich gegen- 
seitig dauernd ergänzen und damit ihre Nachteile neutralisieren 
and viel mehr Eigenartiges behalt daher jene trotz alles Handels 
und alles geistigen Verkehrs, aber dieses Eigenartige besteht oft 
aoa ßücketändigkett. Macht sich doch der Mannigfaltigkeit 
Kugende Eintlnas grossen Raumes selbst bei den Erdteilen gel- 
lend, von denen Australien der kleinste, auch der klimatisch ein- 
förmigste und kulturlich damit ungilnstigate ist. 

Hiermit ist in keiner Weise die geschichtliche Bedeutsam- 
keit geleugnet, welche auch beschränktem Erdstellen möglich 
Ist, aber dieselben mdsaen über das Mass ihrer natürlichen 
Beanlagung hinaus durch geschichliiche Schicksale begünstigt 
werden, und der Raum, der ihnen nicht selbst eigen, muss sie 
umgeben, damit sie als Mittelpunkte erglänzen können. Solche 
Oertlichkeiten sind Brennpunkten zu vergleichen, welche Licht 
and Wärme zugleich sammeln und ausstrahlen. Und darauf be- 
ruht anch ihr gewaltiger historischrr Wert und selbst ein tieferes 
gemütliches Interesse, das sie uns erwecken. Soviel Qrosses be- 
gibt sich an ihnen, dass sie selbst gleichsam geweihte Stätten 
werden und nun immer von neuem Grosses in ihren Kreis ziehen. 
Und was in diesem sich bewegt und begibt, ist im höchsten 
Grad eindrucksvoll, da es io dem engen und zugleich ehrwürdigen 
Rahmen sich zusammendrängt. An solchen Stellen, wenn irgend- 
wo, wird die Geschichte dramBlisch. Ist es nar Schicksal oder 
Znfall, wie man es nun nennen mag, dass ein geschichtlicher Prozess 
lieh auf eine kleine Erdstelie konzentriert, wie innig verwlichst 
er dann docb mit dieser, and wie vermenschlicht sich die Natur, 
die zu solcher tiefen Wirkung berufen wij'd ! Die Ebene von 
IVoja, die Hligel Jerusalems, die Siebenhügelstadt Roms, das 
Schicksals volle Gestade von Syrakus., der Bosporus, dessen Horizont 
seit Jahrhunderten von Wolken weltgeschichtlicher Gewitter dunkel 
ist: An solchen Stellen ist es, wo die Bedeutsamkeit jeder Einzel- 
heit der Topographie zn ihrem Rechte kommt. Die historische 
Raum- und Länderkunde zieht sich zusammen, verengt und vertieti 
sich mit dir Geschichte selbst zur historischen Orts- oder besser 
Oerilichkeitskunde, die entsprechend dem hervorragenden Interesse 
solcher Brennpunkte schon früh mindestens soviel Aufmerksamkeit 
erweckte wie jene. 



n-2 W(w beJeutPt iler Raum 

Das sog. äiiTopiiische Oleichgewicht ist offenbar uicht 
in erster Linie ein Gleiohgewiuht der Räume, über 
welche die einzelnen Staaten gebieten. Die sechs Staaten 
Russland, Oesterreich-Ungam. Deutschland, Frankreich, 
England, Italien, auf welche jene politische Formel ge- 
wöhnlich bezogen vdrd, repräsentieren Flächenräume von 
5420. 624, 54Ö, 528, 315, 296 tausend qkm. Schweden- 
Norwegen mit 761 und Spanien mit 500 tausend qkm 
wfirden in dieser Reihe die zweite, bezw. die fünfte Stelle 
einnehmen; bedecken sie doch '/^ des Fläclienraumes von 
Europa. Aber sie sind aus dem Kreise der Mächte ver- 
wiesen, auf deren Gleichgewicht angeblich der Friede 
unsres Erdteiles beruht. Die Bevölkerungszahlen lassen 
viel eher etwas von diesem Gleichgewicht erkennen. In 
der angegebenen Eleihe folgen sie sich (In Millionen) 
folgendermassen: 75, 38, 42, 37, 35, 28. Nur Russland 
tritt hier auffallend hervor, während unter den übrigen 
der volkreichste Staat. Deutschland, von dem volks- 
ärmsten, Italien, nur um die Hälfte der Bevölkerungs- 
zahl des letzteren absteht, aber in Russland kommen nur 
14, in Italien 9.j Seelen auf den qkm. Die dadurch 
dort hervorgerufene Schwerbeweglichkeit ist zusammen 
mit einer Reihe von andern Ursachen, wie geringere Bil- 
dung, geringerer Reichtum u. dergl., geeignet, jenes Ueber- 
gewicht der Volkszahl Russlands abzuschwächen. That- 
sächlich ruht aber das Gleichgewicht dieser sechs Mächte 
in erster Linie auf der Grösse ihrer Bevölkerungen, wobei 
bei dem heutigen Stande der Kultur die kriegerische Ver- 
wertung derselben, d.h. ihre Soldatenzahl, weitaus schwerer 
ins Gewicht fällt als die friedliche. Wäre dies nicht der 
Fall, so würden die Niederlande und Belgien mit 2300 
und 2100 Mitl. Rm. Umsatz im Weltverkehr vor Italien 
ihre Stellen einnehmen. In der vrirtschaftüoh und über- 
haupt kultnriich nicht zu billigenden Betonung der Be- 
völkerungszahl liegt die einzige Gewähr gegen eine allza 
rasche Verschiebung dieses wichtigen Verh^tnisses. Wenn 
auch Deutschland seine Bevölkerung rascher vermehrt 
als Frankreich, so dauert es doch, abgesehen von der 
Auswanderung. Jahre bis dies zu einer Verdoppelung 



riischer WHchseiiden Macht 



» 



der Zahl auf Seite 
führt. 

Zwisclieii SiboWb ahnliclier Raumgrossc, Ldge, Wirtschafls- 
ehftrakter, deren poliÜBoiie Interes-sea an vielen Punkten kolli- 
diereD könnten, wie t. B. DeutBulilaud, Ueaterreicb und Frank- 
rnicli, hat das U leidige wicht dazu noch den hisloriBchcn Grund, 
dw« SB das Ergebnis einer langsamen Eutnickeiung daratelU, 
eine in langen Kämpfen gewonnene An- und Ahgleichung. Eine 
cyniaclje, habsüditige Politik, wie es die franziisische 80 oft ge- 
wesen, zog bekannllicli daraus den Sclilasa, dass Jede Slärknng 
Deulflclilande durch eine entaprechende Vergrüsaerung Frankreiche 
ausgeglichen werden müBBe, und ähnliche Ansprüche hat Ilalien 
gegenüber Oeeterreich erhoben. Ein solches klcinrechneriaches Ab- 
wägen liegt nun keinenrells im Sinn einer grossen Politik, denn 
nickt jeder Landerwerb bedeutet auch aogleicli StüAung, aber ge- 
wiss ist eine Tendenz Eur Abgleichang grusserer Machtnnlerachiede 
iint«r benaehbarlen Staaten von nicht allzu verschiedener Hacht- 
Stcilung überall in der Geschichte erkennbar und wir dürilen z. B. 
erwarten, daas jeglicher belr&:btliche Mschtzuwacha irgend einer 
europäischen Grossmachl sehr bald gleichsam ansteckend aar ihre 
Tinubburn wirke» würde. Wird nun, darr man wohl fragen, nicht 
eine ähnliche Wirkung durch die Entwickelang zweier so gewal- 
liger tTebermächte wie Russlands and der Vereinigten Staaten an 
den eiiigegengesctzten Polen des europäischen Staaten Systems 
liervoi^rufen werden? Werden nicht dieae jenen gegenüber lu 
Kleinstaaten berabainkeuden europäischen UrosaslBDteu sich der 
nmeriknmschcn und der asiatischen Grosamacht dadurch eben- 
bürtig £u machen suchen^ dass sie sich zu dem lenaammen- 
si-liiiessen, wozu die Kutur sie ohne Zweifel rrolz aller Qliedernng 
gebildet hat, nämlich zur eurgpäischen tirosBmaclil? In den Ver- 
einigten Staaten hat man die Deberwindang der Entfernungen, 
dieser „allen Feinde des Henschengesclilechts'', als den Kampf 
für die Kultur verherrlicht, und die „Vemichtnng des Raumes'' 

EeUört zu den beliebten Schlagworten jener modemslen Ifenschen. 
I dieaen Ucbei'treibungen liegt der Instinkt, dass. wie ein philo- 
sophischer Geograph sich nuBdriickt, höchste Raamkultur das Ziel 
der Weltgeschichte sei. Man kann nicht sagen, dass Europa sich 
der Erkenntnis dieser Wirkungen entzieht, wiewolil dieselben noch 
erst in der Vorbereitung begrilTeii Bind. Uan mit bereits den 
sJten Staaten des Kontinents eindringlich eu., sich einen Tropfen 
amerikanischen Blutea anzueignen. Ein ncuprer Volkswirt, welcher 
in manchen wirtscliarilichen Umwälzungen der Vergangenheil Folgen 
der Wellbewerbung Amerikas erkennen will. >sprscli es jüngst klar 
Uli: Die beiden grossen an gel aäch Bischen Staaten, von denen der 
«ine um die Wende dieses Jahrhunderts 100, der andre mit den 
Kolonieen über 300 Hillionen Einwohner zählen wird, zwingen 
durch ihre Konkurrenz alle andern Gemeinwesen zur Nachfolge. 
Wer iiiolit zurückbleiben und zertreten sein will, mnss mitlsofen 



174 



IkT Ein 






(A. Peel, Die amerikan. Kunkurreoz, 1681, 118). Wenn heule Gross- 
hritannien einen Waarea an Stauach von 52 */, seines enoruien Geeamt- 
handels mit den Vereinigten Staaten ptlcgt und dodureli einerseit« 
unter der UeberBchwemmung^ mit umerikBniBcheD ErzengnisBen 
mehr leidet, andereeits mehr von den wohlthätigen Folgen der- 
aelben empfindet ala irgend ein andree europäiscbes Land, so 
scheint in dieser Griiaae und Innigkeit der atlantischen Wechsel- 
beziehungen im westlichsten Teile Europas nur anzuheben, was 
nach Osten lind Süden weiter rortnch reiten und mit der 'Zeil ganz 
Europa so nahe zn und gegen Amerika bringen wird, wie hente 
jenee Inselland steht. 

Damit würde sich denn der Eintritt der Kontinente 
in die Geschichte der Menschheit vorbereiten, deren 
rüumlicbe Ausdehnung man nur solange als etwas ge- 
schichtlich verhältnismiissiR Unwichtiges betrachten konnte, 
als dieselben im höchitten Grade ungleichmässig bevölkert 
waren. Solange Amerika noch nicht den zehnten Teil ■ 
der Bevölkerung von Europa zählte, solange Australien 
seiner Bevölkerung nach überhaupt kaum in Betracht 
kam und Nordasien, nach seiner Menschenzabl geschätzt, 
nur als ein imwichtiges Anhängsel von Nordeuropa er- 
schien, schien im Gegenteil die grosse räumliche Aus- 
dehnung dieser Gebiete mehr ein Hindernis der Knitnr 
zu bilden. Dies ist aber nun in rascher Wandlung he- 
grifi'en, da jedes Jahr Milhonen diesen jungen Bevölke- 
rungen zuwachsen und in absehbarer Frist die neuen 
Länder des Westens und Ostens mit ihren gewaltigen 
Kaum grossen einige rmassen entsprechenden Menschen- 
massen auf die geschichtliche Bühne treten werden. Dies 
bedingt einen Geschichtsverlauf in gänzlich neuen Verhält- 
nissen von Ranm und Zeit, der vielleicht das letzte 
Raumziel aller Geschichte, die Erdumfassung der 
Menschheit vorbereitet. Soweit nämlich die geschriebene 
Geschichte geht, hat die Völkergeschichte noch nie einen 
in dem Siime kontinentalen Charakter gehabt, dass die 
Bevölkerungen ganzer Kontinente von einem Gedanken 
geleitet, in die Geschichte eingegriffen hätten. Es hat 
sich immer nur um die Geschichte der Bevölkerungen 
kleiner Teile der grösseren Landmassen gehandelt, welche 
wir Erdteile nennen. Dem rhetorischen Ausdruck, wt-1- 
iher Teilerscheinungen ftlr Symbole des Ganzen nimmt. 



1 die UeBcIiiehlt. 



17 



können die Perserkriege der Griechen als Kämpfe zwi- 
arhen Europa und Asien oder die punischen Kriege Borns 
als europäisch-afrikanische Kämpfe eracfaeinen, £s sind 
dabei jeweils grosse Bruchteile der asiatischen oder 
afrikanischen Menschheit in Handlung getreten, aber 
immer nur ein ganz kleiner Bruchteil der europäischen, 
' und zwar ein Bruchteil, der sich auch gar nicht eitro- 
I pälsch fühlte. Im Gegenteil. Die Griechen wären nicht 
I in die Perserkriege eingetreten, wenn sie nicht durch 
I ihre asiatischen Stamm-, Sprach- und Kulturverwandten 
I selber halb asiatisch gewesen wären oder doch mit einem 
F Fusse in Asien gestanden hätten; und ebenso waren den 
I Römern und Karthagern die pimischen Kriege erspart 
geblieben, wenn nicht bei Ermangelung einer bestimmten 
V6lk ersehe i düng zwischen Afrika und Europa Sizilien 
>Us eine europäisch -afrikanische Insel notwendig zu Kon- 
flikten dieser beiden Mächte des westlichen Mittelmeeres 
Iiatti! führen müssen. Thatsächlich wurden diese beiden 
hochwichtigen Kriege von mittel meerischen Mächten um 
die Herrschaft im Mittelmeer geführt, d. h. um die Herr- 
schaft auf dem damaligen Schauplatze der Weltgeschichte. 
Ganz anders wird die Erscheinung und werden die 
Wirkungen sein, wenn ganz Nordamerika als von einer 
Sprache, einer Sitte, einer Gesinnung, einer Regienmgs- 
form durchdrungene, geschichtliche Einheit auf den 
Schauplatz tritt, ebenso Australien oder Russisch -Asien, 
vielleicht einst selbst Südamerika. Mit allen Vorteilen 
wird dann Europa in erster Linie nur klein sein. Wie 
das einige Denker schon vorausgesehen haben, z. B. 
R. W. Emerson, wenn er im Vergleich Englands mit Nord- 
amerika sagt: .Die Geographie Amerikas flOsst das Ge- 
fühl ein, dass wir das Spiel mit ungeheurem Vorteil 
spielen, dass hier und nicht dort der Sitz und Mittel- 
punkt der britischen Hasse." (Engl. Trait«. XVI.) 

Es wirft sicli noch die andre Frage auf, welche 
teilweise schon im 6. Kapitel {!.) gestreift ward: Gibt 
es auch einen kontinentaleu Typus in dem Sinn, dass 
alle Völker eines Erdteiles, einerlei wie sie auch sonst 
geartet seien, von gewissen grossen durchgehenden 



176 



Kontinentale RnsBPii. 



Eigenschaften desselben sich heeinflusst zeigen? Be- 
aitzen die Völker solche grosse, weitverbreitete Eigen- 
schaften, welche alle Bewohner eines Kontinentes von 
denen eines andern unterscheiden? Vei^ebens hat man 
sie bei Pflanzen und Tieren nachzuweisen gesucht, aber 
sie könnten sich ja vielleicht tiefer einprägen bei den 
eindrucksfähigeren Menschen, und thatsächlich hat man 
ja öfters einen gewissen Ziisamnienhang zwischen allen 
fünf Blumenbachischen Menschenrassen und den fßnf Erd- 
teilen annehmen wollen. Das war aber nur in einer 
Zeit unvollkommenerer Kenntnis möglich. Heute weiss 
man, dass die melanesischen Neger im wesentlichen den 
afi-ikanischen gleichen, dnss innige Beziehimgen zwischen 
Asiaten und Amerikanern bestehen u. s. w. und dass 
anderseits innerhalb eines und desselben Erdteiles soweit 
verschiedene Völker wohnen, dass eine Wirkung des 
grossen gemeinsamen Wohnsitzes, ihres Erdteiles, nicht 
zu erkennen ist. Es soll damit nicht gesagt sein, dass 
vor der Zeit der Erfdllung aller Erdteile mit mensch- 
lichen Bewohnern, d. h. vor der Zeit grosser Wande- 
rungen, nicht eine bestimmte Rasse die Mögliclikeit der 
Sonderen twickelnng unter den besonderen Verhältnissen 
eines abgeschlossenen Erdteiles habe finden können; ja 
es ist sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, 
dass abgeschlossene Erdräume, die aber nicht Kontinente 
zu sein brauchten, die Hauptrolle in der Zerlegung der 
Menschheit in Rassen gespielt haben. Aber die späteren 
Uebereinanderschiebungen haben die Spuren davon ver- 
wischt. Nur ein einziger Erdteil zeigt, wenn man ihn 
ohne seine Inselglieder betrachtet, einen verhältnismässig 
hohen Grad von Homogeneität seiner eingeborenen Be- 
völkerung: Australien, das immer nur wenige Einwan- 
derer, sei es von papuanischer oder malaiischer Seite, 
empfangen konnte, daher Zeit hatte, auf seine Bevölke- 
rung den am algamier enden, vereinheitlichenden Einfluss 
der Mischung ausgiebig wirken zu lassen, und welches 
dazu noch durch sein Klima und seine Bodenbeschaffen- 
heit den Nomadismus und damit die Einförmigkeit seiner 
Volker mehr als irgend ein andrer Erdteil hegtinstigt. 



Die Wissen sc Iml't der Eiitlernungen. 177 

Dennoch sind die Merkmale der Australier keine streng 
scheidenden, zumal, wie wir ausdrücklich hervorheben 
mSchteii, nin nicht den Anschein zu geben, als sollten 
die Thatsachen zu gimsten einer Hypothese gebeugt 
werden, selbst auch die Einheitlichkeit der australischen 
Rasse doch wieder keine ganz lückenlose ist, denn gegen- 
über Beobachtungen wie z. B. G, Grey sie auf seinen 
Eeisen in Nordwest- und Westaustralien gemacht hat 
(Travels, 255 f.), ist doch nichts andres anzunehmen, als dasa 
Malaien teilweise zeitweilig, teilweise dauernd unter ge- 
wissen nordwestaustraliachen Stämmen leben und eineu 
nicht geringen Einfluss auf dieselben üben; ebenso wie 
anderseits nicht an häufigerem Verkehr der Tor res - 
Insulaner mit Papuanen wie Australiern zu zweifeln ist. 
Ohne Frage haben die Völker schon lange vor 
der geschichtlichen Zeit begonnen, ineinander 
ttberzufliessen und an dem Ziele der Verschmel- 
zung der Völker zu einer einzigen Menschheit 
arbeiten Erde und Menschen langer zusammen 
als man gewöhnlich glauben will. 

Eine Wissenschaft der Entfernungen erhebt 
sich von selbst als die erste Erfordernis, welche man an 
die Geographie stellt, wenn diese sich als Wissenschaft 
der räumlichen Änordmmgen auf der Erdoberfläche be- 
thätigen soll. Der Sinn der Ritter sehen „Verhältnis- 
lehre' geht auf das gleiche Ziel. Diese Wissenschaft 
bereitet sich ganz von selbst vor, bis heute ohne Zuthun 
der Gelehrten, und wird sich aber eines Tages den Men- 
schen als eine gebieterische Notwendigkeit aufdrängen. 
Es scheint, dass sie einen bedeutenden Teil von dem 
in sich zu fassen bestimmt ist, was wir heute als Lehre 
vom Verkehr teils der Volkswirtschaft, teils der Handels- 
geographie zuweisen. Indem nämlich mit der Zunahme 
der Grösse und Leistung des Verkehrs die natürlichen 
Hindemisse desselben immer mehr zurückgedrängt wer- 
den, und indem gleichzeitig die Bedingungen der Er- 
zeugung und des Verbrauches der Waaren in den ver- 
Bchiedensteu Ländern der Erde sicii einander immer mehr 
nähern, auf eine Abgleichung hinstreben, sind es nur die 

Katzal. AnUirupo-Qeognplile. 12 



171 



Die WiBsenselmfl iler 



Entfernungen, welche in ihrer alten ursprünglichen Grösse 
unveränderlich verharren und welche damit zu immer 
grösserem Gewichte im Verkehre jeder Art heranwachsen. 
Schon heut« ist ja die Frage der Konkurrenz auf dem 
Weltmarkte in hohem Masse eine blosse Frage der Ent- 
fernungen geworden: Viele andre Bedingungen sind mehr 
oder weniger gleich zu machen oder sie wagen sich auf 
beiden Seiten im endgültigen Durchsclmitt auf, nur die 
Entfernungen sind unTeränderlich. Wo aber grosse 
Unterschiede der Bedingungen noch bestehen, wie bei- 
spielsweise in der Getreideerzeugimg Russlands und Nord- 
amerikas, da sind es eben endgültig wieder die Entfernun- 
gen, welche dem unter ungünstigeren Bedingungen Arbei- 
tenden in gewissen Grenzen einen Vorteil gewäliren. Sind 
die Bedingimgen gleich, ao zieht die Grenze der Konknr- 
renztabigkeit gleichweit von beiden, also in der Mitte 
zwischen ihnen durch, iu der Praxis wird es aber fast 
immer notwendig sein, zti bestimmen, inwieweit diese 
Linie durch die Ungleichheit der Bedingungen verschoben 
wird. So würde es denn, um bei diesem Beispiel zu 
bleiben, nach unsrer Auffassung, eine Aufgabe der Lehre 
von den Entfernungen sein, ilie grossen Getreidehandels- 
plätze der Erde nach ihren Entfernungen von den Haupt- 
erzeugungs- und Hauptabsatzgebieten zu gruppieren und 
damit eine übersichtÜche Klassifiliatiün derselben anzu- 
streben. Dies würde aber nur einer von vielen Gesichts- 
punkten sein, welche einzunehmen wären, denn dieselbe 
Frage wie hier wird ja jedem Zweige des Verkehres gegen- 
über aufzuwerfen sein und nicht bloss des grossen. Der 
Verkehr selbst ist aber auch wieder nur eine Seite der 
Wechselbeziehungen, in denen die Entfernungen eine 
Holle spielen. Dieselben werden von viel ausschliess- 
licherer und konzentrierter er Bedeutung im Kriege, wo 
es gilt, den Vorrang abzulaufen, Armeen von verschiede- 
nen Ptmkten auf einen einzigen zusammenzuziehen, zu 
verproviantieren u. s. w. In der pohtiscben Geographie 
werden die Entfernungen vor allem in jenen Fragen der 
Wechselwirkung zwischen (politischem) Mittelpunkt und 
Peripherie sich wichtig erweisen, die wir im (i. Kapitel 



Entfernungen, Kulturkreiae. 



179 



I 



(b. V. 8. 121) zu cliHrftkterisieren veraucliten. Wer 
möcitte aber die zahUoBen Fälle aufzählen, in welchen 
moralische oder geistige Mächte über Entfernungen hin 
wirken und durch die grössere oder geringere Länge 
ihres Weges erheblich beeinflusst werden? Denn hier 
kommt ein Ntues in den Veränderungen hinzu, welche 
diese geistigen Wirkungen in die Ferne erleiden, indem 
dieselben von ihrem Ausstrahlungspunkte sich ent- 
fernen, Sie Terlieren umsomehr von ihrer ursprünglichen 
Stärke, je weiter sie wandern, und erleiden auch andre 
Veränderungen. Diese Thatsache ist von der grßssten 
Wichtigkeit tür alle Zweige der Anthropogeographie. 
Von der je nach der Kulturhöhe veränderlichen Grösse 
dieser Abnahme hängt der verschiedene Grad des inneren 
Zusammenhaltes der Staat-en, der grosse .Unterschied in 
der Grösse der Kniturkreise und Ideenkreise 
und der noch grössere der Qualität ihrer verschiedenen 
konzentrischen Zonen zusammen. Hierher gehören so- 
wohl Thatsachen wie die, dass al.s Livingstone 1859 das 
Gebiet der Batonga am Zambesi durchwanderte , man 
ihm von den damals zu Mosilikatse, der eine Monatreise 
entfernt wohnte, gekommenen Engländern (dem Missio- 
nar Moffat imd Genoasen) genau erzählte und ihm 
deren Lehren in ziemlich verständücher Weise hinter- 
brachte; und anderseits Thatsachen wie die, dass eine 
Kabeldepesche rascher als die Sonne um die Erde eilt. 
Hierher gehört sowohl die altägyptische kleine Mando- 
line mit vorgebogenem Halse, welche man heute bei den 
Ovambo im 20. " S. B. findet, als die Verbreitung der 
Siegfriedsage bei uralischen Finnen: kurz die ganze 
Mechanik der Gedankenverbreitung. In den Geschichts- 
büchern ist oft von Kulturkreisen die Rede, welches 
dnrch lange Vorbereitung, Dauer imd Vereinigung von 
geistiger mit materieller Macht ausgezeichnete, aber eben 
diesem ihrem Wesen nach seltene Erscheinungen sind. 
Ihre Wirkung auf den Gang der Geschichte ist jedenfalla 
eine grossartige. Aber darum ist die Bedeutung der 
Ideenkreise um nichts geringer anzuschlagen, denen zwar 
die äusseren Machtmittel und der sonnenartige, dauernde, 



180 



Schluasrolgerungen. 



grossL' Mittelpunkt mangeln, die aber dafQr tun bo hänfi- 
ger auftreten, und denen eine um so grössere Fähigkeit 
der raschen Erweiterung ihrer Peripherie innewohnt. 

weil sie eben jener Mittel nicht bedürfen. 

Schlussfolgerungen. Wenn alle andern Natur- 
gegebenbeiten , welche den Bewegungen der Völker 
hemmend entgegentreten können , überwunden werden, 
bleibt immer der Kaum ßbrig, in dem jene sich toH- 
ziehen. Dieser kann verkleinert, aber nicht tiberwunden 
werden. Die Vergleichung der Räumlichkeiten mit Be- 
zug auf ihre Bewohnung, Beherrschimg, Umfassung 
durch den Menschen bleibt daher eine der wichtigsten 
Aufgaben der Äntbropogeograpbie. Schon durch das 
Bewusstsein einer bestimmten Äusbreitimgsmöglichkeit, 
die sie den Menschen verleihen, wirken die geschicht- 
lichen Räume auf die Geschichte, vor allem werdender 
Völker. Die Tendenz der Gescliichte geht auf Schadung 
immer grösserer Reiche, da mit der Kultur die Möglich- 
keit der RaumbeherrschuDg wächst. Die geschichtliche 
I-ehre, dass grosse Reiche notwendig zerfallen, scheint 
schon durch den Gang der bisherigen Geschichte entkräf- 
tet zu werden. Mögen aber auch grosse Reiclie zerfallen, 
so behaupten sich doch Völker zunächst nach dem Mass 
ihrer Grösse. Der innere Zusammenhang grosser Reiche 
wird, abgesehen von den VerkelirsmÖglichkeiten, durch 
das Mass der natürlichen Zusammengehörigkeit und des 
Anfeioanderangewiesenseius seiner Teile bestimmt wer- 
den. Naheliegende Staaten zeigen die Tendenz auf ein 
gewisses räumliches Gleichgewicht, und diese scheint 
durch Näherrücken der Kontinente infolge gesteigerten 
Verkehres einen kontinentalen Charakter der Geschichte 
vorzubereiten. Eine .Wissenschaft der Entfernungen' 
wird die anthropogeographische Bedeutung der Ramn- 
verbältnisse besonders auch in der Richtnng der Ver- 
kehrsgeographie zu entwickeln haben. 



U berll Bell enges tnlt: Furm und ÜoheDverhaltDisGe. 



8. Die Otjerflächengestalt. 

I. nie Cnobenheiten der Erdoberfläche. 

Verschied ED artige Wirbungen der Bodengestait auf den Menscbeo. 
KlaBsilihation derselben. Wirkungen d«r Boden formen an und 
für sicli. Etlinographiaclier und geschichtlicher Gegen- 
sati zTvischen Flachlaudern tind Gebirgsländern. Die 
Arbeit des Steigens, Wander- und Ausbreitungsgebiete. D i e 
Gebirgsschrauken und ihre Ueberschreituag. Gebirgs- 
kenntnia der Alten. Ilir Verkehr über die Alpen und Pyrenilen. 
Himalaya. Günstige und ungünstige Gebirgsg renken. Vö 1 k er- 
gondernde Wirkung der Budengliederung. Beispiele ans 
Afghanistan, Ni pal, Albanien, An Cioquia, Grossbritannien. Völker- 
resle in den Gebirgen. Einigende Elemente im Gebirgs- 
bati. Die grossen Hochdachen des Pamir und Skandinaviens. 
Vergleich iwischen Schweiz und Tirol, Gebirgsgrenien. Kräf- 
tigung der Gebirgabc wohner. Wirkung des Klimas oder 
der ArbeitaleiBtung? Beispiele von U eberlegen bei t der tiebirgs- 
Tölker. Beispiele vom Gegenteil. Bedeutung der Hochebenen für 
urBpriinglicheKultnrentwickelungen. 



Grundidee, .\n der Erdoberfläche unterschei- 
den wir Stfirres und Bewegliches. Die Mensch- 
heit fällt unter den letzteren Begriff und wird 
nnn in ihren Bewegungen durch die Formen des 
Starren gehemmt oder gefördert. 

Die Bodengestaltung der Länder übt in mehreren 
Beziehungen einen starken Einflusa auf Verbreitung und 
Geschichte der Völker. Dieser Einfluss eignet zum Teil 
den Formen des Bodens an und fiir sich und zum Teil 
ihren HöhenverhältnisBeu imd ist, insoweit er darauf be- 
ruht, ein unmittelbar wirkender; oder er geht aus Eigen- 
schaften hervor, welche Wai^ser und Luft, sowie Pflanzen 
und Tiere unter dem Einfluss der durch die Boden - 
gestaltung verschieden gearteten Höhen Verhältnisse er- 



Ig2 Klassifikalion der Wirkungen der Bodengestall. 

werben und ist in diesem Fall ein mittelbarer. Deninacli 
gliedert sich äuch unsre Betrachtung in: 
t. Uaniiitelbare WirhuDgen der Boden gentall. 

H. Wirliiingon der Boden formen en und für sicii. 
b. Wirkungen der Hohen Verhältnisse. 
U. Uittelbsre Wirkangen der Bodengestall. 

a. Ktimatisulie Wirkungen. 

b. Wirkungen der Bewässerung, 

c. Wirkungen der Verbreitungsunlerscliiede der Pllanien- 
Dnd Tierwelt. 

Was die Sonderung der unmittelbaren und mittel- 
baren Wirkungen anbelangt, so ist diese im vorliegen- 
den Falle ebensowenig streng durchzufahren, wie in allen 
andern; aber es ist ebenso auch die Sonderung der 
Wirkungen der Bodenformen und der Höhen verhäJtniase 
nur nach MöglicJikeit anzustreben, keineswegs so streng 
durchzuführen, wie hier schematisch augedeutet; jeder 
Unterschied der Form des Bodens bringt auch einen 
Unterschied der Höhe, bezw. Tiefe mit sich und wie- 
diese selbst sind auch ihre Wirkungen innig miteinander 
verbunden. 

Von Bodenformen unterscheidet die Geographie Flach- 
land, Berge, Hügelland und Gebirge. Diese Begriffe 
bedürfen keiner Definition, ebensowenig wie man her- 
vorzuheben braucht, dass es Abstufungen zwischen ilinen 
gibt, die als welliges Land n. dgl. selbstverständlich 
sind. Land, welches so flach wie ein Wasserspiegel, ist 
von sehr geringer Verbreitung, aber schiefe Ebenen von 
trägem Abfall oder langgezogene sanfte Bodenwellen 
machen oft auf weiten Strecken den Eindriick von 
Flächen und wirken auch demgemäsa auf den Menschen, 
Die wichtigste Eigentümlichkeit des flachen Landes liegt 
für unsre Betrachtung darin, dass es dem in Bewegung 
befindlichen Menschen den geringsten Widerstand ent- 
gegensetzt. Beim Gehen auf ebenem Boden bleibt der 
Körper dem Schwerpunkt immer gleich nahe, während 
er beim Steigen immer weiter von demselben weg- 
gehoben wird, wobei seiner Tendenz zum Zurückfallen 
mit beträchtlichem Kraftaufwand entgegengewirkt werden 
muss. Beim Bergsteigen wird Muskeisubstanz verbraucht. 



Die Bewegung dos Steigecis. Einr.elbergc. 



183 



iiu Blute verbrannt imd ans dem Körper ausgi 
Ein leicht arbeitender Mann scheidet 1000 g CO* pr. Tag 
ans, ein Bergsteiger lun '/» mehr und vielleicht noch 
darüber. H. Buchner beziflert die Eiweiasmenge einer 
genügenden Tageakoat bei geringer Bewegung auf 122, 
die KohlenatoffrueTige auf Mi g, hei starker Bewegung 
aber inüssten 13—22 g Eiweiss und 112^117 g Kohlen- 
stoff zugesetzt werden (Z. d. D. Alpenvereins, 1876, 157). 
Es bieten also die Höhen der Erde den Bewegungen 
der Menschen ein Hindernis, und wo sie massig zu Qe- 
birgen vereinigt auttreten, schaffen sie die wirksamsten 
Schranken, welche auf dem Festen unsres Planeten so- 
wohl den individuellen als den geschichtlichen Bewegun- 
gen gesetzt sind. Im Gegensatz dazu lassen die Ebenen 
die denkbar freieste Bewegung zu. 

Der vereinzelte Berg ist räumlich zu geringfügig, 
um die Bewegungen der Menschen auf der Erdober- 
fläche, ihre Verbreitung über die Erde hin in irgend 
nennenswertem Masse beatiniraeu zu können; seine 
anthropogeographische Bedeutung liegt vielmehr fast nur 
auf der geistigen Seite, wo er aber dann durch sein 
Hervortreten, das die Vereinzelung auch bei kleineren 
Dimensionen mächtig erscheinen liisst, von um so tiefe- 
rer Wirksamkeit ist. Das Selbstverständliche ist schon 
früher al:^!;edeutet , dase als Anlehnung für schutz- 
suchende Umwohner, als Platz für weitschauende und 
beherrschende Befestigungen derartigen Bergen eine nicht 
geringe Bedeutung in Zeiten verliehen wurde, wo Angriffe 
auf Höhen die schwierigste Aufgabe der Kriegführenden 
bildeten. Nur ein Beispiel: Livingstone fand auf seiner 
letzten grossen Reise am Westufer des Nyasaa sogar die 
hohen Ameisenhüget von den Manganja als Wachtürme 
benutzt, von wo aus ihre Männer das Herannahen der 
gefürchteten Mazitii beobachteten. Aber Berge musaten 
echon in jenen Zeiten von grösseren Völkerfluten um- 
ringt werden, in denen sie nur gleichsam historische 
Inaein bildeten. Schon damals konnten kräftige Hem- 
mungen, eigentliche Schranken nur die Gebirge bilden. 

Der hemmenden und damit sondernden Wirkung 



184 Geschichtl. Wirkung <i. verscbied. üebirgegotlungfn. 

der Gebirge entsprechend ist nun für iinsre Betrachtung 
iii ihrein Baue vorwiegend wichtig der Unterschied des 
Massigen und Zerklüfteten oder Zerteilten, Die verkehr- 
hemmenden und absondernden Wirkungen sind andre in 
einem Gebirge, das, wie der schweizerisch -französische Jura, 
keinen einzigen nennenswerten Durchbruch, oder wie das 
skandinavische Gebirge keine nennenswerte Eins enkung in 
der Erstreckung von 15 Breitengraden hat, und in einem 
Gebirge entgegengesetzter Art, das wie das Hochland von 
Wales von Thälern mit noch nicht 100 m hohen Wasser- 
scheiden durchzogen, oder wie die Alleghanies von einer 
Einsenkung von 54 m mitten in ihrer sonst beträcht- 
lichen Gesamterhebnng durchbrochen ist. In derselben 
Richtung ist es dann wieder von Wichtigkeit, ob dies« 
Massengebirge kettenförmig gegliedert sind wie der Jura 
oder die Alleghanies in ihrer un durchbrochenen SüdhiUfte. 
wo dann der Verkehr sich anf Umwegen in den Längs- 
thälern durchwinden kann, wie auf der alten Strasse 
Yverdun-Pontarlier-Besan(;on oder in dem von zwei und 
stellenweise drei Eisenbahnlinien durchzogenen , Grossen 
Thal", d. h. dem Längstfaal der Alleghanies, oder ob 
sie massig auftreten wie jener breitrückige Felsblock des 
skandinavischen Gebirges. Die wichtigste Unterschei- 
dung der grösseren Erhebungen an der Erdoberfläche 
bleibt aber ffir uns die in Massengebii^e und durch- 
brochene Gebirge, denn sie ist die geschichtlich folgen- 
reichste. Indessen ist ftir imsre Erwägung auch die sonst 
minder wichtige Gegensetzung von Eammgebirgen und 
Plateaugebirgen nicht ohne Bedeutung, insofern jene die 
bestimmtesten Grenzen bilden durch scharfe Entgegen- 
setzung der beiden Abhänge, während diese gerade auf 
der Grenze oder Mittellinie oft noch in bewohnbare Flächen 
sich ausbreiten. Die bekannten, von A. v. Humboldt in die 
Wissenschaft eingeführten und von Sonklar vervollkomm- 
neten Begriffe der Paes- und Eammhöbe erlangen hier 
geschichtliche Anwendbarkeit, denn nicht die Gipfel, an 
welchen nur selten einmal ein Jäger oder Tourist seineu 
Mut beweist, sondern die Kämme, welche dieselben mit- 
einander verbinden, und die tiefsten Stellen der Kämme, 



Hemmung durch Mitlelgebirge. 



185 



die Pässe, sind das im Jossen menschlich bedeutende 
am Gebirg. Aber auch die viel allgemeinere, schemati- 
schere Unterscheidung der Gebirge nach der Höhe ist, 
wie das vorhergehende zur Genüge erkennen lässt, 
anthropogeographisch von grosser Bedeutung, denn man 
kann im allgemeinen sagen, dass alle für den Menschen 
folgenreichen Eigenschaften der Erhebungen an der Erd- 
oberfläche sich mit der Höhe dieser letzeren verstärken. 
Gewisse Thatsachen scheinen zwar diese Aufstellung zu 
bestreiten, wie z. B. die fast völlige Vereinsamung und 
Wildnis des in nächster Nähe der höchstkultivierten 
Landschaften des Ostens der Vereinigten Staaten ge- 
legenen Adirondack - Gebirges im Staate New York 
(Hanpt^ipfel Mount Marcy 1540), oder die hemmende 
Wirkung einiger niederen deutschen Mittelgebiete auf 
Vormarsch und Kulturaushreitung der Rjimer. Man 
muES hier zugeben , dass für die erste Urbarmachung 
die Mittelgebirge mit ihrer dichten Bewaldung, welche 
im Schwarz- und Odenwald den Waldcharakter fast merk- 
licher machte als die Gebirgsiiatur, und mit ihrer immer- 
hin nicht unschwierigen Ueberschreitung kaiun geringere 
Hindernisse zu bieten scheinen als die Hochgebirge. 

Anf gleicher Höhe mit diesen standen aie denn in der That 
in der Scb&tiung der Homer. Von den Ardennen cilieren die 
Alten nicht das Gebirge, bezw. das HUgeünnd, aondero den Wa!d 
„Silva Arduenna". Die Gallier verbargen und vt>rsdianxten eich 
darin, indem sie eich auf loeeln in Sümpreu zurückzogen. Diih- 
selbe gilt vom Schwarzwald. Auf der Karte des Ptolfmiius nah- 
men die Wälder und Sümpfe eine hervorragendere Stelle ein als 
alle Gebirge. Zur Zeit der elaniechen Einwanderung im östlkhen 
Alpenland Bchied der unbewohnte Nordwald die Slawen Böhmens 
und Mährens von denen des Donaugehielee und der Wiener Wald 
war damals eine unbewohnte WildniG. 

Aber dies gilt von den noch anbewohnten Gebirgen 
and von den Eigenschaften, welche dieselben demjenigen 
zeigen, der es eben zuerst imterniramt, Bewohnbarkeit 
in ihnen auszubreiten. Anders verhalten sich jene, an 
welche die geschichtlichen Bewegungen schon länger 
herangewogt sind und Wege in ihre Thäler hinein und 
Ober ihre Pässe hinweg sich gesucht haben. In ihnen 



186 



Digfaltigi^Dde 



macht sich die schärfere Trennimg durch höhere Kumme, 
die Abnahme der normalen Luftdichte und der Wärme 
nach oben, das Zurücktreten des fruchtbaren Landes, 
das dieselbe Neigung hat, in den tieferen Gegenden sich 
anzusammeln, wie sein Erzeuger, das Wasser, die Ver- 
änderung und Verminderung in der Vegetation, vor 
allen das Aufhören des Waldes aufs kräftigste bemerk- 
bar. Die Mittelgebirge sind alle mit der Zeit von 
menschlichen Ansiedelungen durchsetzt worden, wie sehr 
auch ihre Wälder, Sflmpfe und Raubtiere die Bewohner 
fröherbin fernhalten mochten, sie sind wesentlich gleich- 
artige Teile des Landes geworden, in dem sie ihre 
grossen, aber nicht schreckenden Massen aufbauen. Ja, 
oft umschliessen sie jetzt sogar mehr Bewohner als die 
umhegenden fetten Ebenen. Etwas ganz andres ist das 
Auftreten von wahrhaften Hochgebirgen oder auch nur 
sehr hoben Mittelgebirgen, wie etwa der siebenbürgi- 
sehen Südkarpathen, die hoch genug sind, lun in ihren 
höheren oder höchsten Teilen Oeden hervorzurufen, welche 
dauernde Bewohnung durch Menschen ausschliessen mid 
damit die Kontinuität seiner Wohngebiete ebenso ent- 
schieden durchbrechen wie grosse Wasser- oder Wösten- 
flächen, dazu aber oft für den Verkehr schwieriger sind 
als die einen und die andern. 

Verarmt in diesen Höhen an allem, was der Mensch 
bedarf, sind die liöheren Gebirge dagegen an ihren Ab- 
hängen in demselben Masse mit mminigf altige reu Lebens- 
bedingimgen ausgestattet als sie durch mehr Zonen der 
Wärmeabnahme hindurchragen und werden dadurch reicher 
an Gaben und Gegensätzen (wer möchte sagen, ob diese 
oder jene historisch bedeutender seien?) als die Ebenen. 
Eine wenig beachtete, aber doch sehr bedeutungsvolle 
Thatsache der Oberflächengliederung ist die grosse Sel- 
tenheit unvermittelter Formen der Erhebung. Die 
Unebenheiten der Erde, ob sie von unten her stoasend 
oder schiebend wirkenden, oder ob sie aushöhlenden, 
vertiefenden Kräften ihr Dasein verdanken, oder, was 
am wahrscheinlichsten, den einen und den andern, sind 
sowohl wogen der zähen Beschaffenheit der Erdrinde als 



Forn 



n der Erhebung. 



187 



wegen der abgleichenden Wirkung der Atmosphürilien 
fast immer vermittelt, d. h. die Höhen neigen mehr oder 
weniger zur Kegel- oder Firstform, die Tiefen zur 
Rinnen- oder Trogform. Es ist dies für den Verkehr von 
der grössten Wichtigkeit, denn wenn auch die Grade der 
Steigungswinkel sehr verschieden sind, so lässt doch 
diese Ver mitte Itheit die absolute Unzugänglichkeit selten 
sein. In den seltenen Füllen aber, wo sie gefunden wird, 
hemmt sie freilich den Verkehr fast unbedingt. Der Ein- 
tritt in die niedrigeren, bewohnbarsten, menschlicii wich- 
tigsten Teile der Gebirge wird durch diese Thatsache in 
hohem Grade erleichtert. Die kulturgünatigen Eigenschaften 
der Ebenen setzen in den sanft ansteigenden und häufig 
Stufen bildenden Uebergangs- oder Stufenlandscbaften 
zam Gebirg sich fort imd erlangen einige der Vorteile 
des Gebirges zugleich mit den meisten der Ebene, wozu in 
wärmeren Klimaten noch jene reizende und bereichernde 
Mannigfaltigkeit der Höhenstufen der Vegetation kommt. 
Dies gilt ebensowohl für einzelne Berge, wie für grosse 
Gebirgsgruppen. Selbst für grosse Inseln und Erdteile 
hat es Geltung. Diesen sanften Böschungen verdankt 
überhaupt die Erde einen grossen Teil ihrer Bewohnbar- 
keit. Landschaften, die in geringem Masse sie besitzen, 
wie Südafrika sfidiich von Cnnene und Limpopo, leiden 
durch die hierdurch bedingte Beschränkung des besten 
Kultur-. Wohn- und Verkelirsbodena imd werden stets 
kulturarm sein, ziunal wenn noch, wie hier, ungünstige 
Kostengestaltung hinzukommt. 

Sehen wir so die Höhen der Erde auf Mannigfaltig- 
keit der Bedingungen und der Erzeugnisse in der Ruhe 
hinwirken , so ist nicht minder vermannigfaltigend , ja 
zersplitternd ihre Wirkung auf die Bewegungen der 
Völker. In vielgegliederten Gebieten zersplittern in der 
That die grossen Aktionen der Weltgeschichte, welche nur 
in geräumigen, glatte Bahn bietenden Ländern sich in ihrer 
ganzen Grösse zu entfalten Termogen. Wenn schon die 
modernen Armeen mit ihrem möglichst vollkommenen Trans- 
portwesen sich teilen müssen, um ohne Gefahr Gebirge zu 
überschreiten, wie mochten sich erst die Scharen nomadisie- 



188 



VöIkerwanderDog, Völkerheminang und 



render Völker oder die einem blinden Trieb gehorchenden 
Völkerwanderungen vor solchen Hindernissen zerteilenl 
Den ersten Anstoas zur Völkerwanderung innerhalb 
Mitteleuropas gaben die Goten, die im Tiefland der 
Ostsee wohnten und von da im Tieflande nach dem 
Pontus wanderten. Nicht so rasch worden sie das ge- 
birgige westliche Deutschland durchwandert haben und 
mehr als ein Mongolenschwarm zerstob an den Gebirgs- 
wällen Siebenbärgens. Absolute Schranken hat die Natur 
des festen Landes zwar auch im Gebirge nicht, dafür setzt 
sich der Mensch selbst ein Hindernis in seiner Trägheit, 
welche sich selbst an kleineren Hindernissen stösst, so- 
lange nicht eine dringende Notwendigkeit zur Ueberwin- 
dung derselben antreibt- Die Hemmung einer ge- 
schichtlichen Bewegung bedeutet fast immer eine 
Schwächung ihrer Energie, weil die Elastizität der 
Mensehen begrenzt ist und Zufällen Thür und Thor geöffnet 
wird. Wie manche deutsche Unternehmung gegen Italien 
ist an den Fiebern der Poebene zu Grunde gegangen. Die 
Kraft der Kreuzzüge stumtifte in solchen Hemmungen ab. 
Die Kriegsgeschiclite hat den langsamen Feldherren selten 
den Lorbeer gereicht. Es ist nur natürlich, dass Fabius 
Cunctator selten mit Glück kopiert wurde, wenn es sich 
nicht eben darum handelte, den Feind hinzuhalten und 
zu ermüden, wie ISl'l in Russland. Hannibal und Cäsar 
fanden es nicht schwer , die höchsten Gebirge im Um- 
kreis ihrer Welt mit Armeen zu überschreiten, aber 
diese Schranken blieben nichtsdestoweniger für alle ihre 
Volksgenossen bestehen, welche nicht von der gleichen 
unwiderstehlichen Energie getrieben waren. Man um- 
ging womöglich die Gebirge, und selbst wo raan sie 
durchschreiten musste, geschah es nur auf bestimmten 
Wegen, von denen man nicht gerne abwich, und eine 
Reihe der trefflichsten Alpenpässe , wie Simplon , Gott- 
hard, Gemmi, Grimsel, Furka, ist daher den Alten 
praktisch luibekannt geblieben Ihre Gebirgskenntnis 
war überhaupt eine aelu' beschränkte. 



VolkcrträglieH. Seil ranken 



r Hochgebirge. 



189 



der Erde erinnert, liegt gclbat heute nncli teilweiee der diii 
Bevölkerung liöherer Striclie im Vergleich mit den Tieriänderii 
SU Grunde; denn nicht überall ist jene auf die ärmere Natur- 
ausBtallUDg der Gebirge oder Hochebenen zuriickiurüliren. Die 
frllhe Besiedeliing der Tiefländer in den tropischen Kolonieen 
europäiacher Völher im Vergleieh zu den gebirgigeren Teilen der- 
selben ist in vielen Fällen weder hygienisch noch wirtschafllicli 
gerechtfertigt und hat oft selbst suhlechte politische Folgen ge- 
habt. Die VeniachlSssigung des östlichen gebirgigen Teiles von 
CubBi nnter entsprechender Bevorzugung des Ilachen westlichen 
hat wesentlich dazu beigetragen, den Halt ni schwächen, den 
Spanien an dieser Insel hat. Die Bevölkerung dort von 2414, 
hier von 384 Köpfen anf die G. Q,-M. entspricht in keiner Weise 
dem Verhältnis der natürlichen Äusstattang der beiden. In die- 
selbe Kategorie gehört das sellfame pbÖDizierhafte Haften an den 
Küsten, welches die Spanier in Südmexiko^ Kalifornien, den 
Philippinen u. a. minder wichtigen Kolonieen immer zu einer ver- 
h&ngnisv ollen politischen und wirthscbaftlichen Schwäche ver- 
urteilte. Und ist nicht schon dieser trägen M en sehen an hau fung 
in den Tiefländern gegenüber das dünne Wohnen der Gebirge- 
menschen eine Quelle von Kraft? Man vergleiche die ober- und 
niederbaiertsche oder die Züricher und Umer Bevölkerung. 

Die Alten haben weder Namen für Uontblanc, noch Monte 
Rosa, noch Mattcrhom auf uns gebracht, ebensowenig für Ml. 
Cenis oder Tabor. Sie unterschieden ausser Hte. Viso und noch 
ein oder zwei Gipfeln keine Berge in den Alpen. Der für die 
Alten so wichtige Ht. Gen^vre ist in dem Massiv des Mons Ma- 
trona inbegri0en , aus den lepontiniechen und rhätischen Alpen 
haben sie uus keine Namen ßcgeben und den Jura iibersehrilt 
ncich im 1. Jahrhundert nur Jie eine Strasse über den Pas de 
l'Ecluse. 1d den Pyrenäen kannten die Romer zwar verschiedene 
üebergänge und hatten wenigstens SWege durch dieselben hindureh- 
gelegt; 1) Barcelona-Geronu-Col de Perlus-Narbonne; diesen Weg 
nahm Hnnnibal. 2) Zaragoza-Jaca-Port Chautrau (1644 m) -01£ron ; 
8) Pampel uns -Thal von Roncevaux-Dax ; wahrscheinlich benutz- 
ten sie auch einen Weg von 8. Sebastian nach Bayonne, Aber 
«ine Heerslrasse unterhielten sie nnr auf der erstgenannten Strecke, 
die andern Wege waren nur Saumpfade. Damals galt doppelt 
und dreifach , dass „die Mauer der Pyrenäen Frankreich von 
Spanien mehr scheidet als das Meer dieses von Afrika" (Michelet, 
Hist. de France II. C. I.). Die Pyrenäen sind zugleich das 
beste Beispiel , wie die orographische Trennung durch eine 
kulturelle verstärkt werden kann, wenn das Gebirge nicht 
bloss schwer übersteiglich, sondern auuh dünn bewohnt ist. 
Die Pyrenäen nn sich waren nie wertvolles Kampfobjekt, sie 
blieben ruhig als Schranke stehen. Ihr wirtschaftlicher Werl 
ist im Vergleich zu den Alpen ein geringfügiger. Bekannt- 
lich gehört die linbelebtheit durch Menschen und lleerden 
so den bezeichnenden Merkmalen ihrer Szenerie. Viel gründ- 



IlimalaySi als Volkcrecl tränke. 



lieber Doch sondert aus demac^lhen Grunde der Hiniala,vu «eine 
Anwohner, bo dasB Lassen die Uaupturantlie , warum „Indien 
eine in aiuU abgeschlossene eigeutümlicbe Welt bildet^ obwohl 
es auf der Karte nur als ein Anhängsel des grossen inner- 
aaiatiachen Gebirgssystemes erscheint, eben in den unabänderlich 
gegebenen Verhältnissen der Nordgrenie" suebt (Ind. Allertumsk. 
1847, I. S. 11). Unter solchen Umständen leben Völker ohne Berüh- 
rung rast ohne jeden Austausch ihres KulturbesitKes Jahrtausende 
nebeneinander, wiewohl sie nur wenige Meilen trennen. Nur Ideen 
von grosser Propagstionafähigkcit, also in erster Linie religiöse 
Ideen, finden einmal ihren Weg über die 5000 m hohen Fätse und 
bleiben dabei lebensfähig. .Die Tübeter," sagt Lassen, „den Indem 
so nahe, aber durch den Hinalaya getrennt, über den nur be- 
schwerliche Pässe den Verkehr zwischen beiden Völkern möglich 
machen, haben auf Indien keinen EintluEs geübt; denn die liibe- 
tifichen Stamm«, welche sich auf dem Südabralle des Himalaja 
in den höchsten Thälern cngesiedelt haben, sind ein kaum he- 
nierkbarcs Element indischer Bevölkernng und ergeben sich dem 
Andränge indischer Bildung. Wegen der Beschwerlichkeit der 
Wege konnten kriegerische Berührungen nie wichtig werden, es 
mussle der Verkehr der friedliche des Handels sein. Nüch leich- 
ter aJs die Karawanen zog der Uissionar über das Gebirge und 
Tübet hat von Indien seine Religion und den grossten TelJ seiner 
Oeisteeliildung erhalten" (Ind. Altertumsk. l. 13). Was den Han- 
del anbetrifft, so strebt er nach leichleren Wegen und scheut 
grosse Bogen nicht, in welchen er die Gebirge umgebt. China 
dürfte in alter Zeit nur auf dem Wege der mittelasiatischen 
Oasenkette, des Pamir und Irans mit Indien gehandelt beben und 
erst später scheint der gleichfalls noch sehr indirekte Irawaddyweg 
in Aufnahme gekommen zu sein. Die grossen skythischen Kara- 
wanen, welche den Handel zwischen den griechischen PÜanzstät- 
tcn des Schwanken Meeres und Innerasien betrieben, umgingen 
wahrscheinlich den Ural ara Ufer des Kaapisees und gelangten 
von da lum Aralsee. Ein andrer Uauptweg ging von Samarkand 
und Baktra den Oxus hinab zum Kaspisee, Kur und Araies ent- 
lang nach dem Phasis, soviel wie möglich die Oebirgsböhen ver- 
meidend. 

Nicht immer sind die Gebirge nach beiden Seiten bin gleicli 
unwegsam; es gibt GebirgsgrenzLinien von natürlich ungerechter Art, 
welche die Völker, die durch sie voneinander getrennt werden, 
sehr ungleich stellen, indem sie die Schranke dem einen öffnen, 
welche für das andere so gut wie verschlossen ist. Den schweifenden 
innerasiatiachen Völkern war es leichter, durch die Passe ins in- 
dische Tiefland hinabzusteigen, als es den tief unten wohnenden 
Indiern war, sich zu ihnen zu erheben. Es kommt hier die kli- 
matische Sonderung ebenfalls in Betracht, welche in derselben 
Richtung wirkt. Ohne Zweifel ist es den nördlicher wohnenden 
Hochesialen verlockender, in das Tiefland hinabzusteigen, als den 
an Wärme gewohnten Tieflandhewohnern, sich in die kälteren 



Einseitige iiod ungereclite Gtbirgsgretiien. 



101 



Regionen za erheben. Das gibt aicli auch nach Westen liin kund: 
„Jenseits des Beiurtüghs strebte alles^ Verkehr und Eroberung, 
nach dem Westen. Phönizier, wie 'Nebukadnezar nnd Cyrua ; dies- 
seits genügte man sich seibat, darum entwickelte sich hier die 
Kultur, durch die Natur gefördert, ungleich früher, reicher und 
vollkommener als in der westlichen Aiiaaenvrelt, blieb aber auch, 
weil ihr Hivalit&t und Gefahr fehlten, stationär, wie sie es in China 
noch heute ist" [v. Wietersheim, Völkerwanderung IV. 26). Verein- 
Seite Falle wie den Alejtanderzug nach Indien und ähnliche aben^ 
teuerliche Unternehmungen abgerechnet, die mehr nur einem Klo- 

fifen an die Prorte glichen, hat bis cur ErblTnungdes Seeweges nach 
ndien die Wech.tel Wirkung zwischen Europa und Asien sich in 
dem letztem Erdteil auf die westwärts von Innerasien gelegenen 
randliehen Gebiete beachrhnkt. Selbst die VcilkerBtiirme des Islam 
warfen nur einzelne Wellen über diese Gebirgssch ranken hinüber. 
So bebt A, V. Humboldt die leichtere Zugänglichkeit der paci- 
flachen Seile Mexikos im Gegenaatz zur allantisclien hervor, 
welche durch den aanfteren Abfall de« Südabhanges des Hoch- 
landes von Anahuac im Gegensatz zu dem nördlichen bewirkt 
wird. Der Kenner Mexikos weiss, daas der früheren Entwicklung 
der Verkehrswege am Nordabhang mehr zufällige Oraocben zu 
Grunde lagen, und dass die jetzt bevorstehende allaeitigere Ent- 
faltung der Vcrkehrsmoglichkeiten dieses Landes seiner Südseite 
den ihr von Natur gebührenden Anteil geben wird. Abfatlvcr- 
biitnisse und Küsten gesl alt werden einst der paci tischen Seite 
Hezikos ein üebergewicht einräumen, wie es derselben in allen 
mittelamerikanischen Staaten schon längst zukommt. Die Ver- 
echiedenheit io der Richtong der Aipenthüler auf beiden Ab- 
hängen der Westalpen , divergent auf dem franzüsichen und 
konveraent auf dem italienischen Abhang, hebt schon Strabo 
II. 28 nervor. Sie ist iwcifellos von Einlluss gewesen auf die 
Tlintsnche, duss fast alle feindlichen Einfälle von der letztern auf 
die erslere Seite miselungeri sind, während aie in umgekehrter 
Richtung fast immer zum Ziele führten — von HannibsJ bis auf 
Napoleon III. Auch der Gegensatz der südwärts gewandten „Sonn- 
seite" inr „Winlerseite" ist überall io den Alpen fiir die Kultur 
und Bewohotheil wichtig. Dort steigen in der Regel die Höfe 
und Äecker beträchtlich höher hinauf als hier und liegen viel 
dichter. Weis- und Obalbau suchen mit Vorliebe jene Lage, die 
im allgemeinen ungleich bevölkerter ist. Entsprechend ist die Be- 
völkerung am Siidabhang der Alpen dichter als am Nördabhang. 
Wie die Bodengeatalt die Wundeningen erschwert oder 
erleichtert und die Völker voneinander sondert, hnben wir 
gesellen. Aber sie beeinflusst in mindestens ebenso hohem 
Grade diejenigen Völker, welche dauernd in üiren Schranken 
wohnen. Dieselbe Sondemng, welche sie nach 
aussen hin bewirken, rufen sie auch in ihrem 



192 



Gebirgs Völker, 



Inoerea hervor. Man braucht nur an die Zersplitterung 
der Staaten bil düng in Griechenland, der Schweiz, dem 
Himalayagebiet, Afghanistan zu erinnern, um diese Wir- 
kimg 'ZU erkennen. Selbst Deutschland, wiewohl nur von 
Mittelgebirgen durchzogen, musste einst in dieser Reihe 
genannt werden, und man durfte es als eine nicht zu- 
fällige Thatsache liervorheben . dasa die grössten und 
dauerndsten unter seinen Staatsgebilden in den Gebieten 
mit wenigst gegliederter Oberfläche, im norddeutschen 
Tiefland und auf der süddeutschen Hochebene erwuchsen, 
und dass die Einheit von dem einheitlichst Gestalteten 
seiner geographischen Abschnitte ausging. Dieser Gegen- 
satz des verflachenden, ausgleichenden zu dem zer- 
teilenden und hervorhebenden Einfluss der entgegen- 
gesetzten Bodengestaltungen tt"ird besonders klar, wenn 
man sich von der Geschichte belehren lässt, dass Ost- 
europa ursprflnglich von nicht weniger verschiedenen 
Völkern und VölkertrÖmmern bewohnt ward als der 
Westen. Wenn man nun zusieht, wie in derselben R«ihe 
von Jahrhunderten dort die politische Geschichte den 
Charakter der Zentralisation und Verschmelzung, hier des 
Äuseinanderstrebens nnd der Sonderbildungen immer 
mehr und mehr zur Ausprägung bringt, so erkennt man, 
dass ans ähnlichen Anfangen unter solchen verschiedenen 
äusseren Verhältnissen höchst verschiedene Resultate her- 
vorgingen. Bei uns hat die hohe Entwickelimg der Ver- 
kehrsmittel viel von diesen Unterschieden nivelliert und 
das vielgliedrige Mitteleuropa zeigt in seiner politischen 
Gestaltung nur mehr Spuren derselben. Um so schärfer 
treten sie aber in primitiven Verhältnissen hervor. 

Schon i» CassTS Zeit sassen in dem viel gegliederten Westen 
Gcrmaniens die fortgesehnt tenaten und unter sich verBchieden- 
sleti Slämme, während den Üsten in weiter Ausbreitiuig die 
halb nomadischen Sueven einnnhmen. Nur in denjenigen Teilen 
iialliens, wo kein starkes Bodenrelief vorlianden — seuTe barriire 
efflcace entre les penplee encore harbares — findet es D^^jardin» 
nnmöglich, den allen Völkersc haften Grenien anjuweisen, welche 
.lie „wahrsciieinljch selbst nicht kannten". Das Einzige, was man hier 
thun kann, ist daher, bo genau wie möglich den Haupt- und Hittel- 
ptinkt einer Bevölkerung und ganz im allgemeinen den Raum zn be- 
stimmen, den sie einnahm (Oeugr. de la Gaule II. 430). In Af- 



GebirgsTölker. 193 

ghAnistan, segl EapiC, Holdich in seiner ZugammenstelluDg der 
„Geographic^al ResultB of the Afglian Campftign", maclien flieh die 
EünUiiaBe der geograp bis eben YerbältniBBe auf den Charakter des 
Vulkes besonders i'ühlbnr. Vielleicht ist niemals ein Land in 
solchem Masse der Zielpunkt von aus allen Riclitungen zusam- 
men streben den Invasionen and Einwanderungen gewesen nnd die 
grossen Slam raesgliederun gen , welche durch diese aufeinander 
folgenden Ströme gebildet wurden, fanden in AfghaniBlan eine 
Verteilung von Berg und Thal vor, welche ihre dauernde Exi- 
steuE besonders begünstigten. Jeder Neuknmmer fand ursprüng- 
lich einen Streifen Land, jn den er sich einpassle, nnd welcher 
die Ubglichkeit einer Art von nationaler Unabhängigkeit trotz 
neuer Einwanderer und neuer Ansprüche bot. Aber im Verlaufe 
der Zeit griff bis zu einem gewiseun Grade die gewöhnliche Ver- 
schraeUung längs der Ränder der Provinzen Platz, welche von 
benachbarten StiLmmen eingenommen waren, so Aäss wir unab- 
hängig von grossen Stammesgliederungen provinzielle Vereinigungen 
von gemischlem Charakter gerade die bestgelegenen nnd frucht- 
barsten Teile des afglian Ischen Landes einnehmen sehen. Der 
topographische Grundzug der scharf ausgesprochenen Felskämme, 
welche höchst vorzügliche Verteidigungslinien abgeben können 
nnd welche weite bcbnubare Flachen einscbliessen, die ikrerseita 
nur durch die natürlichen Wasaerabflüflse (tangia) zuganglich sind, 
trttgt sehr viel bei zu der Gliederung des Volkes in provinzielle 
Massen. Deren Elemente sind aus iwei oder drei Nachbaratam- 
men gezogen, die ihre Hauptquartiere in den Naturfestungen der 
benachbarten Berge haben, nun aber durch das gemeinsame In- 
teresse an der Kultur dieses selben Stückes Land vereinigt werden. 
80 besteben die Logaria, die Bewohner des Logarthales, aus Ghil- 
lais und Tadschihs, jene Puschtti, diese Persisch redend, und 
ebenso wolinen im Lughmanthal Eusammen unter dem gemein- 
samen Namen Lugbmanis Ghileais, Tadschiks und Hindus, ver- 
einigt durch die gemeinsamen Interessen am Ackerbau und durch 
die gleichen Stammes kämpfe- Entstehen Streitigkeiten , so sind 
sie viel häufiger zwischen den Bewohnern benachbarter Tlialer 
wie den Logari. Wardaki oder Kabuli , als denen eines und des- 
selben Thaies, wiewohl z, B. der Ghilzaikricger wahrsulieinlich 
den Tadschik nicht minder geringschälil als dieser den Hazara 
Schiftb , den Sklaven von allen. Bs ist gerade diese provinzielle 
Zusammen fugung des Volkes, welche die Stärke wie die Schwache 
der afghanischen Gesamtregierung ausmacht. Die englische Re- 
gierung ist von guten Kennern des Landes unter iliren Oflizieren 
nnd Beamten eindringlich darauf aufmerksam gemacht worden, 
dass es nicht die durch ihre Wohnsitze und daran haltenden In- 
teressen auseinandergerissenen Stammesglieder der Ghiliais, Du- 
ranis u. a.. sondern diese territorialen Vereinigungen sind, auf 
welche eine Regierung in Afghanistan sich stützen muss. Frei- 
lich herrscht in ihnen selbst wieder eine fast schrankenlose Un- 
abhängigkeit der Freien voneinander, welche den Charakter des 
R*tz<!l, «Dthropo-tieogripble. 13 



194 



GeliirgHTÖlber 



Bergvolkes vollendet. — In Nepal vrar dor ganze QebirgBdIeirikt stets 
in lahlreichfi kleine Staaten geteilt, die von einem Erbrürsten unter 
verschiedenen Titeln regiert wurden. „Im Ganzen." meint J.B. Fräser, 
„scheint eine starke Aelinliohkeit zn bestehen smschen dem Zd- 
Btand dieses Landes and jenem, welcher in den Hochlanden von 
Schottland auf dem HöhepunkC des FendalaystcmeB herrschte, wo 
jeder Landbesitzer souveräne Rechte ausübte und seine Nachbarn 
mit Krieg und Raab überzog, wie ihn eben Ehrgeiz oder Raub- 
lust antrieben" [Journal of a Tour throiigh the Bimala etc. 1820. 
Intr.). Er fügt später hinzu, dasa die Zeraplilttrung so weit 
ging, dnse zum Unterschied von andern Feudalstaaten hier nicht 
einmal ein nomineller Hi'rrscher vorhanden war. Erst unter den 
Eroberem Prithenarrain und Riing Bahadiir änderte sich dieses 
Verhältnis, indem diese für kurze Zeit alle Ghurkas zu einem 
einzigen Staate verschmolzen. Aber zur Zeit des Ghurkakriege« 
esb es wieder nicht weniger als 12 grossere und 18 kleinere 
Staaten. Derselbe sagt von den Nepalesen , dass sie auch durch 
grosse Verschiedenheit der Physiognomie und des Charakters aiis- 
gezeichaet seien, was der Gebirgsnstur entspricht. 

Auf Korsika, dessen Inneres nach Gregorovtus Ausdruck 
.durch sein Gebirgssystem in Thaler gesondert wird, ähnlich 
einem Zellgewebe", schlössen sich lange vor den vier WaldstSt- 
ten die zersplitterten Gemeinden des Innern von Aleria bis Caivi 
nnd Brando schon im 10. Jahrhundert unter ihrem Befreier Sam- 
bucuccio zu einer Eidgenossenachafl . die sich den Namen Terra 
del commune beilegte und . entsprechend der Gliederung des 
Landes, in Thal gemeinden sich gliederte. Jahrhunderte ist sie 
ein Hauptfaktor in der Geschichte der Insel gewesen und noch 
Paoli legte ihre Gemeindeordnung seiner Verfassnng für die kor- 
sische Republik zu Grunde. Derselben starken Abgliederung vei^ 
dankt aber auch diesefi Gebirgsland die Blüte der Blutrache und 
des Räubertums. Die natilrlichen Schlupfwinkel, die Möglichkeit 
des Rückzuges in unbewohnte Teile begünstigt dieses letztere in den 
Gebirgen nie in den Steppen und Wäldern und auf dem Meere. 
Ohne die Unwegsamkeit des Gebirges, das in den Umgebungen 
des U. Cinto und Rotondo den Uauptschlupfwinkel der Banditen 
und Blnträcher bildet, wurden diese Institute in Korsika langst 
geschwunden sein, -Die Kultur wäre die allgemeine Entwaff- 
nung." Geradeauf den Inseln bilden wiederGebirgeScheidegrenzen, 
welche in diesen kleinen Verhältnissen doppelt scharf ausfallen. 
Es ist hier viel Beständigkeit, deren enge Schranken keine grossen 
Volkermossen überilutend durchbrechen. Auf Island sind die 
Bewohner der nördlichen Teile der beiden Weslljorde die abge- 
schiedensten dieser abgeschiedenen Insulaner , und haben alt« 
Sitte und Tracht sich in höherem Uasae erhalten als alle andern. 
0. Finsch fand auf Neubritannien die grosse Zahl verschiedener 
Sprachen sehr hinderlich. „Es verstehen sich."' sagt er. ..mitunter 
auf kaum 30 engl. Heilen Entfernung die Eingeborenen selbst nicht 
mehr," Eleinasien umschliesst auf dem Höhepunkt der persischeD 



Gebirge vulkvr 



195 



Hseht io Eappadoden, Paplilogonien, Ciücien utiabhaogige Heicbe. 
Selbst iD Kalabricn, dem von so vielen Eroberen (igen überBchwemm- 
len, ist nie eine andre Art von Abhängigkeit auf die Daaer zu irr- 
zwingen gewesen als die türbisi-lie, die sich mit mehr oder weni- 
ger regelmäsaig eingehenden Tributen begnügt. In Oberalbanicn 
bilden allein die Maijiuren, deren GesamUahl kaum 50,000 über- 
steigt, 20 Stämme, von denen einige noch nicht lOOO Köpfe zahlen. 
Der eindueereichetc von ollen, der der Hoti^ zählt nur 2500 Köpfe. 
Alle Bind voneinander und th ein seh lieh auch von der Pforte un- 
abhängig. Derselbe Zug hat schon in der Jungen Neuen Well Zeit 
gehabt, sich zu entwickeln. Der bolunibianisclie Staat An tiiiquia, 
welcher durch eine wahre chinesische Mauer von Bergen, Wül- 
dem ond ungesunden Einöden von den Nachbarstaaten abgeson- 
dert ist. umschlieset ein durchaus eigenartiges, streng sich ab- 
schliessendes Volk. „Unbeirrt von fremden EinllUssen, gleichgültig 
gegen das, was ausserhalb seiner Berge vorgeht, lebl der Antjo- 
qnef'O nach der Väter Weise^ konservativ in Gesinnung, Sitten 
und Trachten." Der Aotioqueno Hihtt sich als Weisser gegenüber 
der dunkelfarbigen Bevölkerung des benachbarten Cauca; wah- 
rend Tust das ganie übrige Kolumbia liberale Gesinnungen hegt, 
ist er politisch entschieden konservativ, ,,Das Dnionsgefühl ist 
gering; das Vaterland ist Antiöquia, nicht Kolumbia, und alles, 
was auf Zentralisation und Gleichmacherei deutet, wird mit 
misstrauischen Augen angesehen. So »tark ist die Abneigung der 
grossen Hasse des Volkes gegen eine Annäherung an die benach- 
barten, nicht stammverwandten Caucaner etc., daas man sich noch 
vor wenigen Jahren gegen die Erolfniing eines kürzeren und be- 
quemeren Weges über einen neu entdeckten Paes nach dem cau- 
canisclieu Distrikle von Anserma heftig wehrte'"' (v, Schenck, 
Geogr. Uitth. 1881. 42). Wen erinnert diese Charakteristik nicht 
an die wohlbekannten Züge in der geistigen Physiognomie unsrer 
Alpenbewohner ? Dieses ist ein junges Volk, aber selbst alte 
Gemeinsamkeit der Geschichte zeigt sich ohnmächtig gegenüber 
solchen sondernden Wirkungen. Grossbritannien zerfällt noch 
immer in die drei Teile: England, Wales und Schottland, welche 
im allgemeinen seiner Gebirgsgliedernng entsprechen. Am selb- 
ständigsten hat sich das gebirgige Schottland gehalten , von dem 
ein neuerer Reisender sagt: .,Die Ungleichheit in Gesetzen, Ge- 
bräuchen, Einrichtungen und selbst in den religiösen Verhält- 
nissen tnuss sicherlich jedem Fremden, der beide Lander besucht, 
ftqfTallen. Es ist gewiss kein geringes Zeichen von Selbständig- 
keit, dass das kleinere und ärmere Schottland nach einer so langen 
Verbindung von dem grösseren und reicheren England noch nicht 
absorbiert worden ist" (R. Andree). Mikroskopische Staalsge bilde, 
wie Liechtenstein, Andorra, San Marino, haben sich in Europa 
nur im Gebirge erballen, und so haben die letzten Reste ver- 
schwindender Sprachen oft nur noch im Gebirge ihr Lehen ge- 
fristet, Dn,s Keltische hat sich überall nur in Gebirgen und auf 
kleineren Inseln halten können, in Ebenen und auf grossen Fest- 



19ö Gebirgsvölker. 

Indern dagegen gar nicht. Da.a Rhäto-Romaiiiiiclie , dag Bas- 
kiscbe, eine ganie Anzabl vnn kaiikaaiBcben Dialekten sitid solche 
Relikten, die im Schutz der Gebirge sich erhalteu haben, lu 
Schottland hielten sich übrigens nicht bloss die Reste der Kelten 
Kaledoniens, gündern hierher zogen bei der Kormanneneroberung 
auch Sachsen sich zurück. £b war ein ZiitlDchteland. Etwas 
Aehnlicbee haben wir wohl in der inneratnkanischen Gebirge- 
landschaft Ganibaragera zwischen l'kerewe und Hwutan vor uns, 
in welcher (.nach Stanley) eine helle Raase (Wahnma?) wohnl, 
die sich scharf nnterscheidet von den dunkeln Negeratämmen 
ringsum. Man konnte sogar Vi)lk erSchichtungen nach der Holte. 
bezw. Tiefe des Gebirges unterscheiden. Im Kaukasus haben sich 
(nach Pallas, Bern. a. e. Heise, 1. 410) die Balkaren vor den Ka- 
bardinern tiefer ins Gebirge zurückgezogen, wälirend diese selbst 
allem Anschein nach erst aus der Steppe ins Gebirg gewandert sind. 
In letzter Instanz führen endlich auf diese schützende Wirkung 
zahlreiche Sitten und Gebrauche , Sagen , Bauweise der Hauser, 
Geräte u. dgl. zurück, welche in den Gebirgen sich erballen, 
wohin sie olt mit Bewusslsein übertragen werden, Junghuhn 
erwähnt (Java 11. S. 342), dasa Brahmaglautnge sich im 14. Jahr- 
hundert vor dem Andringen des Buddhismus auf den Vulkan 
Gnnung-Lawa zurückzogen und daselbst ein Schi wah- Heiligtum 
erbauten, welches nooli heule steht. Ana der Entdeckung und 
Eroberung der aussereuropäi sehen Länder weiss man, wie Ge- 
birge, wo sie vorhanden, immer die natürlictien Zulluchtsslatlen 
der furchtsamen Eingehornen waren. Die Lage ihrer Wohnailae 
bezeagt in unzähligen Fälli'D den Schutz, welchen sie von den 
Höhen erwarten (vgl. Kap. 6. III). 

Indem die Entwickelung der Völker von kleinen Ge- 
meinwesen zu grösseren Staaten fortschreitet, wächst auch 
die Schutz bedürftigkeit, die an das Bodenrelief sicii an- 
lehnt oder anklammert, in grössere Verhältnisse hinein imd 
statt zwischen einzelnen Bergen sucht der Staat nun Schutz 
imd Grenze hinter den Wiillen der Gebirgsketten. Dabei 
ergibt sich, sobald die Gebirge selbst bewohnt werden, von 
selbst der Kamm oder die Wasserscheide derselben als 
die natürlichste Scheidelinie zweier aneinander grenzender 
Staatsgebiete, und zwar nicht nur wegen der Schwierig- 
keit der Ueberachreitnng, sondern nut^h, weil in diesen 
Höhen die Bevölkerung viel dünner, wenn überhaupt 
vorhanden, der Verkehr schwach und durch die Wasser- 
läufe naturgemäss nach den verschiedenen Abhängen hinab- 
geieitet ist, auf kleineren Gebirgen aber gerade hier auch 
die dichte Bewaldung die Völker auseinander hält. Wemi 



Vereinigende Punkte des Gebirgsbau 



197 



überhaupt, so kann man unter diesen Verhältnissen von 
,natärlichen' Grenzen sprechen. — Es ist vorzüglich die 
militärische Erwägung der Schwierigkeit der Krieg- 
führung in den Gebirgen, bedingt durch ihre Steilheit, 
Wegarmut, Armut an Lebensmitteln und Rauheit des 
Klimas, welche dem Begriff der Gebirgsgrenze denjeni- 
gen des jGlazia" hat ziifügen lassen. So wie der Be- 
lferte vom Wall herabsteigt, um vor der Festung auf 
günstigem Kampfplatz dem Belagerer zu begegnen, so 
sollen die Alpen in der Lombardei, die Pyrenäen in 
Navarra verteidigt werden. Gegenüber den gewaltigen 
Vorteilen der Gebirgsgrenze kann aber diese rein miii- 
tariache Wertacbätzung der ,Glazisgrenze' kaum ins Ge- 
wicht fallen. 

Neben dieser sondernden und schützenden kann in- 
dessen ein Gebirge auch eine verbindende, vereini- 
gende Wirkung ausüben, wenn ea in sich seihst breiten 
Wohnraum gewährt oder durch seine innere Gliederung 
gewisse Mittelpunkte schaSt, nach welchen zu die Völker 
ebenso zusammenÖiesseu, wie es die Bäche des Gebirges 
thun. So bindet auf dem breitrückigen Pamir die Hoch- 
ebene Nomadenstämme von Süd und Nord zusammen, so 
sind die Gebirgshochebenen von Mexiko und Peru Sammel- 
plätze wandernder Indianer stamme gewesen. Seltener ist 
der breite Gebirgsrücken Wohnsitz eines besonderen 
Volkes, wie z. B. der Lappen im nördlichen skandinavi- 
schen Gebirge. Es ist euphemistisch, wenn von Buch sagt: 
Die Lappen binden Schweden und Norwegen aneinander. 
(Norwegen II. 2\■^.) In solchem Falle tritt vielmehr zu 
der trennenden Funktion der Gebirge noch die ethno- 
graphische durch Einkeilung eines Volkes. Die vereini- 
gende kann auch durch Zusammendrängung des Gebirges 
bewirkt werden. Wenn das Gebiet zwischen Mittelalpen 
und Rhein so früh schon eine gemeinsame Geschichte er- 
langte, tuid wenn im Gegensatz dazu dasjenige zwischen 
Ostalpen und Donau noch früher eine Doppelgeschichte 
hatte, historisch in zwei Hälften zerfiel, so ist die Zu- 
sammendrängung jenea in ein einziges und die Aus- 
einanderlegung dieses in zv/ei Gebiete (Qebirg und 



198 Vereinigende Pankle des GebirggbsueB. 

Hochebene) eine Hauptursache. Dazu kommt, dass di^ 
Schweiz in ihren Seen Vereinigungsp unkte hat, welche 
in den Ostalpeu sich nicht mehr finden. 

Dort Bpnden dsH Thal Dri , das alle Land Schwy*, die Zwil- 
liögsthäler von Cnli^rwalden ihre Qewasaer einem und demselben 
See lUn einem WMierbecken. das darch seine wnnderlJcliP Ver< 
zacknng, Beine Busen und Nebenanne zur innigsten Verkniiprung 
der anslot>senden Gelände^ zur TerechmelzuDg ihrer InlereaseD, 
kan gesagt, zur Dienstbarkeit Tiir die EidgenosaeDSchsIt von der 
Katur prädestiniert war. Für die drei Länder ergibt sich nan 
durchaus von selbst die am Äuslluss des Sees, nicbl mehr »a( 
ihrem Boden ^ aber als vierle Waldstatt ihnen ^nz benachbart 
gelegene stüdliscbe Ansiedelung als Eintrittspunkt wie nie Aus- 
gangspforte ihres Verkehrs. „Est et umbelioua terrarum con- 
lederatoram Lncema,'^ sag-t der gelehrte Albert v. Bonstetten in 
seiner ,.De9criptio Helvetiae" (Meyer v. Knonau, Jahrb. S, A. C. 
18()9— 1870. S. 363). Genfer «nd Züricher See wirkten ähnlich 
verbindend, waren historiache Zentren, wenn auch in kleinem 
Uasae, und viel Gemeinsames haben selbst die zwei Stämmen und 
fnnt Ländern angebürigen Umwohner des Bodensees in Geschichte, 
Sitten und Charakter. Dazu kommt aber noch die Thatsache, 
dssB die Schweiz unmitlfilbar mit den grossen Fliiasen des Alpen- 
gebietee in Beziehung tritt, während die Ostaipen nur durch klei- 
nere Nebenflüsse mit ihrer Donau verbunden sind. In Tirol 
-wiegt aber auch durch die Oberllachengeetalt mehr die Sonde- 
rung vor, ,,Kein geographisches Moment tritt in der Geschichte 
Tirols so in den Vordergrund wie seine Teilung in zwei Hälften 
diesseits und jenseits der grossen Kette. Die Erhebungen der 
Oetzthaler, Stubaier, Zillerthaler Alpen in der Mitte sind auf Qns- 
dratmeilcn unbewohnt und unbewohnbar. Nicht ganz so öde und 
vereinsamend sind die Ealkalpen im Norden und Süden. Ge- 
schieden werden die Gebirgsmassen durch die drei Tbäler des Inn 
im N. , der Etsch und Drau im S. und sie bilden gleichsam die 
Kulturland scharten von Tirol, von Natur miteinander verbunden 
nur durch den 16'/i Meilen langen Engpass des Brenner und den 
Umweg durch Oberinn- und Elschthal. der von Innsbruck bis 
Meran fast 50 Marsch i erstunden nimmt" (Richter im Jahrb. d. 



D. A. V- 



;75). 



In dieaera die Völker Auseinanderhaltenden, tlas den 
Gebirgen eigen, liegt, wie man sieht, ebensoviel Grund 
zu Schwäche wie zu Stärke. Die Gebirge erscheinen, 
aus einem grossen geschichtlicJien Gesichtspunkte als 
Defensivfitelhingen, ebenso wie Meere und Steppen 
Stütten grosser Offensivbewegungen, weitreichender Un- 
ternehmungen sind. Langsam fortschreitende Völker wie 



Die Gebirge sind groaee Deren Bivatellmigen. 199 

Cliiiiesen und Türken begnügten sich deshalb, ihre Ge- 
birgsstämnie zu zernieren und langsam den Gürtel um 
^dieselben imnier enger zu ziehen. Die grosse und 
wundervolle Geschichte der Schweiz ist die einer einzi- 
gen höchst geschickten Defensive, die ja zuletzt selbst 
durch europäische Verträge Anerkennung erzwang. Die 
Kaukaauskämpfe der Russen sind mit vollem Recht als 
eine Reihe grosser Belagerungen bezeichnet worden. Zu 
Unternehmungen nach aussen pflegt aber diesen Völkern die 
starke Zusammenfassung zu fehlen und ihre innere Ge- 
schichte ist klein, verworren. Die Mannigfaltigkeit der be- 
sonderen Gestaltungen von Land luid Volk macht es allein 
schon erklärbch, wenn der ältesten Geschichte Griechen- 
lands ein verwirrender, wahrhaft chaotischer Charakter 
eigen ist, .dem der Faden ägyptischer Königsreihen ebenso 
fehlt, wie der zusammenfassende Mittelpunkt eines ge- 
meinsamen Heiligtums von Jerusalem oder Babylon". 
(L. von Ranke.) Das Widerstrebende in der Verbindung 
innerer Absonderung, Zersplitterung in eine grosse Zahl 
kleiner Kantone mit dem ebenso starken Trieb zu Unter- 
nehmungen nach aussen, den die günstige thalassische 
Lage und die herrUche Küstengestaltung Griechenlands 
erwecken mussten, schufen Griechenland ein früh sich voll- 
endendes lustorisches Geschick, dessen Tragik durch die 
räumliche Enge des Landes und die viel zu frühzeitige 
Entwickelung seiner auf der asiatischen Seite gelegenen 
thalafisischen Interessen nur rascher vollendet werden 
konnte. 

Auch die Armut an Hilfsquellen darf hier nicht 
vergessen werden, welche die Gebirge charakterisiert, 
denn sie trägt so wesentlich dazu bei, die historische Kraft 
ihrer Bevölkerimgen zu vermindern. Mit der nach oben 
zu abnehmenden Wärme nimmt auch die Menge des 
nutzbaren Landes ab, wird der Verkehr und Austausch 
immer schwieriger, die Bevölkerung dünner. Dies min- 
dert nicht im geringsten die entschlossene Zähigkeit, mit 
welcher die Gebirgsbewohner ihre Heimatsstätte gegen 
feindhche Eindringlinge zu verteidigen wissen, aber es 
trägt wesenthch zu den Erfolgen des Belagerungskrieges 



200 



Armut und Expansion 



bei, in welchem diese gegen jene endlich geradezu die 
Aushungerung erzwingen, und mitbedingt auch jenen 
von Alters her Gebirgsbewohnern anhaftenden räuberi-; 
sehen Zug, der selbst ihre Offensivbewegungen nach den 
besseren Gegenden der Ebene weniger geschichtlich als 
räuberhaft zufällig erscheinen iässt. Daher ist die poli- 
tische Verbindung fetter Tiefländer mit den Gebirgen, 
an welche sie grenzen, eine natürlich wohlbegrttndete. 

Die Bevölkerung Nepals würde für sich allein uiclit NaliruDg 
genug gefunden haben iq ihren Gcbirgsthälem , wenn nicbt die 
Nepalesen einen weiten Strich Tiefland (Terai) sich unterworfen 
hätten, ans dem sie nicht blosa Nahrung, sondern auch den gröas- 
ten Teil ihrer Einknnl^e zogen: „Ohne dieses Land würden die 
Nepalesen nie die Grösse erreicht haben, ku der sie sich auf* 
schwangen'^ (Fräser, Joum. 1820. 9). Aus solcher Verbindung 
zieht auch die Schweiz die materiellen Bedingungen ihrer geachteten 
Stellung trotz Kleinheit und binnenlandischer Abgeschlossenbeit. 

Auf dieser Armut beruht denn auch die meist aller- 
dings nur individuell wirkende Expansion der Gebirgs- 
bewohner. Es scheint ein Widerspruch darin zn liegen, 
dass diese in der Abschliessung ihren Völkern so eigen- 
artige Merkmale aufprägenden und so sehr zur Völker- 
sonderung neigenden Gebirge in vielen Fällen umgekehrt 
mehr Menschen in die Fremde hinaussenden, als die 
offenen , dem Verkehr in allen Formen zugänglichen 
Länder der Ebene. Und doch gehört ein gewisser 
Wandertrieb zu den bezeichnendsten Merkmalen vieler 
Gebirgsvölker und erlangt bei einigen eine ungewöhn- 
liche Bedeutung für das ganze Leben des Volkes. Aber 
es ist eben die Armut und Einseitigkeit der Hilfsmittel, 
welche dazu drängen und, wenn nicht die Auswanderung, 
so den Verkehr erzwingen. So entstand gerade aus der 
starken Höhengliederung auch selbst in dem vielgeson- 
derten Griechenland ein Bedfirfiiis nach Verkehr und 
Austausch zwischen von Natur sehr verschieden begabten 
Landschaften: die Herden wanderten zwischen Berg und 
Thal alljährlich hin und her und wurden sogar über 
Gebirge auf jenseitige Weiden getrieben. Der Berg- 
bewohner bedurfte des Weines, Oeles und Salzeö der 
Ebenen und brachte diesen Holz und die Erzeugnisse 



der Gebirgsbewohner. 



201 



eeiner Viehzucht. So war es im Altertum und ist es 
noch heute. Aber daneben kann das Gebirge nur eine 
beschränkte Zahl von Menschen ernähren und der Rest 
muss hinaus, wo dann die harte Erziehimg des Gebirges 
ihm oft einen beträchtlichen Vorsprung, sei es in kriege- 
rischer oder friedlicher Thätigkeit, Tor dem flachländi- 
schen Mitbewerber sichert. Sehr oft ist dieses Aus- 
wandern nur ein zeitweiliges , dem beim Anbruch des 
Winters alljährlich die Rückkehr in die Heimat folgt. 

Braucht man die Tiroler, Savoyarden, Graubiindner, Slowaken, 
die Harzer beBonderB zu nennen? Die vorUn genannten ffebirgs- 
bewohnenden, abgesuhlosBenen, konserrstiven ÄntioquenoB der 
kolumbianiBchen Republik sind trotz ihrer 1 ei de nscIiaFt liehen Vater- 
landsliebe ein wanderlustig-es Volk, da bei atarker Volksvermeh- 
rang (nach T.Schenck, Geogr. MitteU. 1880. S.43 sind 15— 20 Kin- 
der keine Seltenheit) die Heimat oft nicht mehr Raum genug bietet. 
Die Antioquenoa haben daher eine Menge von Ansiedelungen in den 
Wildnieeen ihrer üebirgeumgebung angelegt, denen sie aber immer 
einen durchaus antioquenischen Charakter zu bewahren wuaalen. 
Wo das Ueer unmittelbar ans Gebirge grenzt, gibt es natürlich 
reichlichere Möglichkeiten, dieaem Antrieb zum Wandern Folge 
zu leisten , und hier kann ea dann zu einem historischen Faktor 
sich konzentrieren, wie in Norwegen, dessen scIiifTahrende Bevöl- 
kerung nicht so reichlich wäre, wenn nicht das unfruchtbare 
Gebirge sie aufs Meer hinaussendete , ebenso wie die Scliotten, 
deren kosmopolitischen Trieb Prof. Blackie jüngst treifend schil- 
dert, indem er sagte : „Der ,8cot abroad'' ist fast ebenso bekannt 
wie der .Scot nt home''. Sei es in deutschen Religions- oder 
franst sisclien Erobeningskriegen, sei es nm die Klippen der Krim 
zu erstürmen, Rebellionen in Indien niederzuschlagen, Handels- 
verlrige den glatten Chinesen zu diktieren , Kilquellen lu flndeu 
oder sich eine Strasse zu bahnen durch die Wildnis Innerasiens 
— immer ßndet man den Schotten, der die Entschlossenheit zur 
Ger&brtin und den Fortschritt zum Wegt>ahDer hat^' (Contemp. Re- 
view. 1868. Ang.) Solche Expansion setzt nun allerdings eine fast 
mehr als gebirgsliafte Energie voraus. Doch gilt es freilich langst 
als ein Erfahrungssatz, dass die Gebirgsbewohner körperlich und 
geistig, wenn nicht kräfttger, so doch frischer und schneidiger seien 
als die der Ebenen. Das geht durch alle Alter und Zonen. Der 
verwegene Rhatier, der trotzige Korse waren den Alten sprich- 
wörtlich. Strabo nennt die Korsikaner unbezähmbarer als wilde 
Tiere und sagt von den korsischen Sklaven: sie nehmen sich 
entweder das Leben oder ermüden ihre Herren durch Trotz und 
Stumpfheit, so dass sie das Kaufgeld reut, auch wenn man sie um 
einen Spottpreis erstanden hat. Diodor fällt ein viel besseres 
Drteil and hebt schon den Rechlssinn der Korsen hervor, den bis 



202 






ade Wirkungen 



aar die Gegenwart jeder anerkeDnt. Und „einfach^ reuh and 
gross, einen MeosclieD vom Ueprägt ursprüagli chater Natur^' ueitnt 
Dregorovius den korsikanisclieo Helden Sampiero und zeichne I 
damit den allgemeinen Typua der Gebirgshelden. Die Schweiier 
und Tiroler kuanten lange Reihen von Helden aurrühren , deren 
Wesen ganz diesen Worten cntapricht, wenn auch ihren Namen 
oft nur die Geschichte einea Thaies kennen mag. Was Johannes 
von Hiiller .,die guten Zeiten der alten Freybeit nennt, wo keinem 
etwas Iremde blieb, was dna Ganze belral', und ohne den Willen 
der Mehrheit über das Allgemeine nichts verfügt warde''', ist nar 
in diesen aus Kotwendigkeit kleinen Verhältnissen möglich, wo 
Krbfte und Gegenkräfte lauge unveränderlich bleiben. Diese Wir- 
kungen äussern sich über die Welt hin. Speke fand in Uzinza 
die Bewohner des gebirgigen. Nordens viel energischer ond krttt- 
liger gebaut als im Süden des Landes, wo sie den schlalTen Wa< 
nyamivesi gleichen (Journal of a Mission. 1863. 125). Die Nepa- 
lesen hatten bis zur Unterwerfung unter England das vonüglichste 
Militärsystem und galten als kühne, ausdauernde Soldaten und 
lleissige Arbeiter, Die Uewohner von Jytok (Nepal) sind zwar 
dnrch geringere Gröase. aber auch durch weit grössere Körper- 
kraft vor den Bewohnern der Ebene ausgezeichnet (J. B. Fräser. 67). 
Sie tragen 60 Pfund und mehr die steilsten Wege auf und ab. Nach 
S. Tunier sind die Bhutanesen kräftig gebaut, häuGg über 6 Foas 
hoch und im allgemeinen von nicht einmal so dunkler Färbung wie 
die Portngiesen (Geaandtschaftsreise, Kap. IV). Die an den Ab- 
hängen des Pik von Indrapura wohnenden Malaien sind vor 
andern durch ihre Freiheitsliebe berühmt, und Junghuhn (Java II, 
215) hebt hervor, wie im allgemeinen der physische Charakter 
der in 6000 — 6400 Fuss wohnenden Bevölkerung des Dienggebirges 
auf Java durch das Höhenklinna sich in wenigen Jahrzehnten ver- 
bessert habe, und daas man selbst rote Wangen dort sehe, 
Capello und Ivens fanden, von Benguella nach Bihe vordringend, 
die Eingebomen um so weiter voi^eacbritten , je ferner sie von 
der KiiBte wohnen, und Bainea traf auf arbeitende, menschliche, 
Verkehrs fähige Namatjua erst als er fast die Hälfte seines Weges 
von der Küste nach dem Ngami zurückgelegt hatte. Ohne Zweifel 
ist hierin auch zu gutem Teil der Einfluss des demoralisierenden 
Küsten Verkehres zu erkennen. Als die Zulus noch in ungebroche- 
ner Kraft bestanden, vor etwa 40 Jahren, war aber die Erfahrung 
eines von der Ostküste etwa nnter 30' S. B, binnenwärts Reisen- 
den gerade entgegengesetzt, denn er kam von den kUsten- und 
tiefland bewohnenden kräftigen Zulus zu den schwachen Betschnanen, 
Bakalshari und Buchmännern des hochgelegenen Innern. Man mus» 
hier also vor raschen allgemeinen Schlüssen auf der Hut sein. Living- 
stoue (N. Mission sreisen II. 93) ist allerdings der Meinung, daas 
„auch" in Afrika die Eingebomen ein desto längeres Leben 
haben, je höber ihre Wohnarte liegen, schliesst dies aber nur 
BUS dem Vorkommen vieler Weissköpfe im Hochland und be- 
merkt aasdrückiieh, dass er nie genügendes Material zur Ab- 



der UcbirgsDat 



203 



■chätiDtig der relativen LehensdBiier habe erlangen können. Aber 
ein anderinnl nennt er dip Bergbewohner des Zambesigebietes 
„echwacli, kleinmütig und Teig, selbst im Verglejcli lu ilircn 
eigenen Londeleiiten in den Ebenen". (N. Mission sreisen D. A. 
I. 72.) Solche Widersprüche sind nicht selten. So sagt, um ein 
andres Beispiel zn nennen, Walilberg über die Basiitos; „An 
Körperwuchs, Gesithtsiiigen und Hautfarbe gleiche» Bie den Knsten- 
kaffern. Da sie indes grossenteiU Gegenden bewohnen, in denen 
sie der EäUe^ dem Hisswauhs und dem Mangel jeder Art aus- 
gesetct sind, so fehlen ihnen im allgemeinen die Züge von Wohl- 
befinden, Kraft und Mut, welche ihre von Natur besser bedachten 
Verwandten ausieichnen". (Geogr. Mitt. 1858.) Ebenso hat 
Chase in den hochgelegenen, minder fruchtbaren Wohnsitzen 
der Tambukis den einzigen Grand zu der Schwäche und Un- 
selbsUndigkeit gesucht, welche diese von den benaciibarten andern 
KsITerstämmen so sehr zu ihrem Nachteil unterscheiden. (.Berg- 
Usus, Ann. 1836. I.) Solche Ausnahmen bekräftigen, wie man zu 
sagen pllegt, nur die Regel; sie würden Terschwinden, wenn es 
möglich wäre, die ZeitFrage zu stellen und die historischen 
Schicksale derartiger Völker zu erkennen. Beides ist unmöglich. 
Aus den Buschmännern, die von den KäiTern und Boers in das 
Kathlambn-Gebirge gedrängt wurden, erwächst gewiss nicht im Zeit- 
raum einer einstigen Generation ein Hcldenvotk. Die Naturnnlage 
eines Volkes begünstigt oder erschwert die Geltendmachung dieser 
wie aller andern Wirkungen der änaseren Bedingungen, und ein 
starker, begünstigender Faktor ist die Ansässigkeit, welche gerade 
tllr die körperlich und seelisch stählenden Wirkungen der Gebirgs- 
natnr schwer entbehrlich ist. Der halbnomadische rumänische 
Birte der Südkarpnthen, der Zinzare der dinnrischen Alpen, wel- 
cher heirnatioa mit seinen Herden umherzieht, der Kurde Klein- 
asiens und Arraeniens : sie sind wohl abgehärtet und kräftig, 
ab«r es fehlt bei ihnen oder ist gering entwickelt die Uück- 
wirkung dieser körperlichen Einflüsse auf die geistige Seite, 
welche ihrerseits Jene wiederum zu stützen halte. Sie können 
bei aller Kraft entsittlicht sein, und ohne moralische Kraft ist 
dia körperliche Stählung ein hinräiiiger Besitz. Es ist hier wie 
bei andern Wirkungen auf den Zustand eine gewisse Stetigkeit 
Ton nöten. Man darf also wohl sogen, dass die gUnstigsten Folgen 
des Gebirgswobnens filr ein Volk da entstehen, wo, wie in den 
meisten Gebirgen Europas, Ackerbau und Hirtenleben, welche die 
Vorteile der Natur neben denen der Kultur darbieten, noch nahe 
beisammen liegen oder innig verbunden sind. 

Da» Vorhergehende zeigt wohl genügend, wo die Ur- 
sachen dieser kräftigenden Wirkungen zu snchen 
sind. Fassen wir kurz znsammen, so liegt der Kern darin, 
daas dem Gebirgsbewohner grössere Anstrengung auferlegt 
iat, er kann kaum einen Schritt machen, oline zu steigen. 



204 Cliarakter der Gebirgsvölker, den die 

So wird sein Körper gestählt, ohne dass er es will oder 
weiss. Aber auch seinem Geiste werden vielfach ganz 
andre Äulgaben gestellt. Der Hirte, Jäger, Holzfäller 
des Gebirges wird zur Bethätigting des Mwtes und der 
Ausdauer angeleitet. Wuchst die Bevölkerung an, so 
nrnas erhöhte Arbeit die Armut des Bodens und die Un- 
gunst des Klimiis ausgleichen, und nicht umsonst sind 
hochentwickelte Hausindustrieen besonders in Gebirgs- 
ländern heimisch: Ührraacherei im Schwarzwald und Jura, 
Spitzenklöppelei im Erzgebirg , Metallarbeiten bei den 
Kaukasus- und Schanvölkem, Weberei bei den Kaschmiris. 
Die Zurückweisung auf das Leben im Inneren des 
Hauses, welche der harte Winter mit sich bringt, be- ' 
fördert den Hausfleiss, und wohl auch manches von dem 
ainnigen poetischen Zuge der Gebirgavölker ist hierauf 
zurückzuführen, während ihre stark entwickelten reli- 
giösen Neigungen mehr auf die Bewahrung alter Sitten 
und auf den übermächtigen Eindruck der Gebirgsnatur 
hinweisen mögen. Enges Beisammenleben in den heim- 
lich umschlossenen Thälern nährt bei ihm die Heimats- 
liebe wie bei keinem andern. So sehen wir im Gebirgs- 
bewohner einen gestählten , fleissigen , aufgeweckten, 
heimats- und freiheitsliebenden Menschen, dessen über- 
legenem Können und Wollen nicht selten die Herrschaft 
über weit umhegende Tiefländer zufiel. Diese zunächst 
individuelle Ueberlegeuheit wird im allgemeinen in dem- 
selben Masse historisch wirksamer werden, als die Men- 
schen, denen dieselbe zufällt, oder besser, welche die- 
selbe sich erringen, zahlreicher und geschlossener auf- 
zutreten vermögen. Warum dies den Gebirgsbewohnern 
durch die eigene Natur ihrer Wohnstätten schwer ge- 
macht wird, haben wir vorhin zu zeigen versucht. 

Aber manche Hochebenen erfreuen sich eini- 
ger Vorteile der Gebirgsnatnr, ohne darum der 
Ansammlung einer grossen Bevölkerung ungün- 
stig zu sein, und diese sind es denn, welchen eine 
grosse historische Rolle öfters im Lauf der Geschichte 
zufiel. Es ist kein Zufall, dnss dies nur in warmen Län- 
dern der Fall war, wo die Hochebenen durch den Kontrast 



Hochebenen aul' Massen übertrugen. 



205 



zu den erscMaffenden, den Anbau leicht lolinenden Tief- 
ländern hervorstechen. Von den körperlichen Aiiatreii- 
gURgen. zu welchen das Gebirge zwingt und welchen 
ohne Zweifel ein grosser Teil der geistigen und körper- 
lichen Stählung der meisten Gebirgavölker zuzuschreiben 
ist, weiss die Hochebene an sich so wenig wie das Tief- 
land, wiewohl nicht zn Übersehen ist, dass die Hochebenen 
in der Regel von Gebirgen umrandet oder durchzogen 
sind, wodurch ihre Bevölkerungen denjenigen der Ge- 
birge nahegebracht werden. Man hat sogar behauptet, 
dass die dache Hochebenen bewohnenden Mexikaner von 
Anahuac noch schlaffer seien als die des Tieflandes. 
Ihre Wirkung liegt also im Gegensatz des kühleren, in 
der Regel minder fruchtbaren, anspannenderen Gebirges 
zum warmen, reicheren, erschlaffenden Tiefland; es ist 
der, den z. B. Sibree bezeichnet, wenn er (Madagas- 
kar D. Ueh. S. 138) sagt, das das klihlere, stärkende 
Klima des Hovalandes viel dazu beigetragen habe , das 
Volk zu dem zu machen, was es heute ist. Ihr zentraler 
Wohnsitz Imerina ist durchschnittlich 1200 m hoch und 
die geringere Fruchtbarkeit im Vergleich zu den Küsten- 
atrecken erheischt einen grösseren Aufwand von Energie 
und Arbeit. Dieses habe den Hova einen kräftigen, 
selbstvertrauenden Sinn gegeben. Als die grösste Er- 
scheinung dieser Art wird jedoch immer jene Kette von 
Kulturen erscheinen, welche auf den amerikanischen Hoch- 
ebenen von Neuraesiko beginnend durch Nordmejciko, 
Anahuac, die Mizteka nach Yucatan zog, und dann, in 
Kolumbia den Faden wieder aufiiehmcnd, über die ganze 
Andenhoch ebene Südamerikas bis in das heutige Bolivien 
sich erstreckte. Ira Norden und Süden,' im Osten und 
Westen von Barbarei umgeben, blühte diese Kultur nur 
auf der Hochebene, soweit diese in den warmen oder 
gemässigt warmen Zonen hinzieht, und sehr beschränkt 
sind die Striche des Tieflandes, welche sie in sich auf- 
genommen hat. Auch historisch ragt sie nicht über den 
Rahmen der Hochebene hinaus, denn wie häufig auch 
Wanderungen, sei es von Süd nach Nord, wie die tol- 
tekische, oder von Nord nach Süd, wie die aztekiscbe, zu 



206 



Ursaclieo der geachicIitlicbeD Bedeutung 



grossen Veränderimgen Anlass gaben, bleiben doch auch 
sie auf der Hochebene. Ea ist nicht sicher, ob Monte- 
zuma bis nach Nicaragua seine erobernden Heere schicltte. 
Guatemala, im Hochebenenbezirk gelegen, dürfte das 
entfernteste südliche Ziel seiner Kroberimgen gewesen 
sein ; und Monteziima griff weiter aus als alle seine Vor- 
gänger. Und wenn dieselbe vielleicht in ihren letzten 
Wurzeln auch in die grossen, ausser dem Hochland 
liegenden Flächen Nord- oder Südamerikas hinüber- 
greifen m^, diese Hochebeuenkultur war sowohl in 
Peru wie in Mexiko, gestützt auf ihre grossen, ansässi- 
gen, ackerbauenden Menschenmassen (auch ein Zeugnis 
ihres hohen Alters!) im stände, ähnlich wie die chinesi- 
sche, eine Invasion nach der andern in sich aufzunehmen, 
ohne ihren eigentümlichen Charakter zu verlieren und, 
im allgemeinen, von ihrer Höhe herabzusteigen. 

Auch Hat Sumatra verweist uns. wie Jutigliulin (Baltaländer, 
11. 28} sagt, sowohl VoIksBage als direkte Foreclmng durch die 
physische Beschaffenheit des Landes aud die Oekouomie seiner 
Bewohner, auf Hochebenen, nämlich anr die Plateaus von Ogam 
and Tobah , ..von welchen die Henschheit hcrab^itieg, nm die 
kakosreichen Gestade zu bevölkern^'. Aber hier scheint ein Blick 
nach dem nahen Bjntcrindien zu genügen, um uns zu lehren, dasa die 
gleichfalls auf mBlniischem Volksgrunde ruhende Kultur derCham 
(Ciampa Marco Polo'e) und Khmer im Mekong-Tieflande wohnte 
und dasB die von Norden von den Gebirgen und üochebenen 
herabsteigenden Laos and Annamiten diese Entwickelnng eher 
forderten als störten. Wollte man indessen diese Kulturen, deren 
grossartige Reste im heutigen Eambodacha mit zu den gewaltig- 
sten Schöpfungen des allen Orients gehören, anf chinesische oder' 
indische Anregungen zurück Cühren (die letaleren scheinen aus 
verschiedenen Gründen wahrscheinlicher als die ersterenl, so wtitde 
man hier wie dort nicht zunächst anf Hochlander, sondern auf Tief- 
ebenen gefuhrt, deren kulturki^flige Bewohnerschaft aber aller- 
dings ihrerseits aus höheren Teilen Asiens eingewandert isl. 

Damit finden wir uns auf eine Erdstelle geführt, welche 
für die Geschichtsphilosophen des vorigen Jahrhunderts 
als der Ausgang aller Kultur überhaupt und als die . 
grosse Zentralhochebene der Weltgeschichte erschien. 
Man nahm Asien als den ältesten Erdteil an und in 
.\sien wieder sollte das grosse Hochland, welches den 
Kern dieses Erdteiles bildet, als dns am frühesten ans 



der üocliebenen: Die asiatische Zentral hochebene. 



207 



l 



der grossen Flut emporgestiegene Land gelten. ,Wo 
erzeugte sich,' fragt Herder (^Ideen II. Zehntes Buch), 
,die Perle der vollendeten Erde? Notwendig im Mittel- 
punkt der regsten organischen Kräfte, wo, wenn ic.li so 
sagen darf, die Schöpfung am weitesten gediehen, am 
längsten und feinsten ausgearbeitet war; und wo war- 
dieses als etwa in Asien, wie schon der Bau der Erde 
mutmasslich saget? In Asien nämlich hatte unsre Kugel 
jene grosse und weite Höhe, die, nie vom Wasser be- 
decket, ihre PelaenrÜcken in die Länge und Breite viel- 
armig hinzog." Johannes von Müller wurde der be- 
geisterte Prophet dieser Lehre, die er nicht bloss in 
seinen .Vierundzwanzig Bücbem", sondern selbst auch 
in der Einleitung zur Schweizergeschichte vortrug! Pallas 
brachte alles zusammen, was man damals über die 
Heimat der Haustiere und Kulturpflanzen kannte, um 
Hochasien als die Wiege des Menschengeschlechtes zu 
erweisen. Ja, man kann sagen, dass dieser Gedanke 
eine der allgemeinst angenommenen Ideen zur Geschichte 
der Menschheit im vorigen Jahrhundert war. Hatten ihn 
doch zwei der einflussreichsten Geister desselben, Linne 
und Bnffon , naturwissenschaftlich begründen hellen. 
Aber auf diesen geogenetiscben und anthropoge neti- 
schen Boden dürfen wir uns beute nicht mehr st-ellen. 
Von Asien wird vielleicht immer die Erwägung der Her- 
Btammong unsrer europäischen Kultur auszugehen haben, 
aber es ist anders mit der Frage nach der Wiege der 
Menschheit, für welche uns keine Notwendigkeit auf 
diesen grossen Erdteil verweist. 

Legen wir uns nach alledem die Frage nach der ge- 
schichtlichen Bedeutung der Hochebenen noch ein- 
mal vor, so flnden wir, dass sie überall ein kühleres Klima 
haben als die sie umgebenden tieferen Länder, dass sie 
nicht ^ie diese erschlaffend wirken, dass sie dem Men- 
schen, der seinen Lebensunterhalt sucht, eine schwerere 
Aufgabe stellen, dass sie häufig Gebirge tragen, denen 
ein noch stählenderer Einfluss innewohnt, und vor allem, 
dass sie durch nahes Herantreten an die Tiefländer den 
O^ensatz ihrer Bewohner zu denen der letzteren scharf 



208 



Kullnrentwickelung'en auf Hochebenen. 



ausprugen. Zu diesem letzteren kommt noch, was mLch 
unsrer Meinung bis heute zu wenig beachtet wurde, dass 
fiie den Wanderungen aua entlegenen Gebieten sich 
günstig zeigen. In Asien wie in Amerika und Afrika 
haben wir aus nördlichen, kühleren Regionen Völker auf 
Jen Hochebenen nach südlicheren, wärmeren und reiche- 
ren einwandern oder in die an ihrem Fusse liegenden 
Tiefländer herabsteigen sehen. Die Chinesen, die indi- 
schen Arier, die Wahuma Zentral -Afrikas, die Azteken 
Mesikoa (und die Tolteken wahrscheinlich) sind auf 
Hochebenen von Norden nach Süden gewandert und 
wurden herrechende Rassen, und bei dadurch hervorge- 
rufener günstiger sozialer Gliederung Kulturträger ent- 
weder in den begünstigteren Teilen der Hochebenen selbst, 
oder indem sie in die angrenzenden Tiefländer sich hinab- 
zogen. Selbst den steppenhaften Charakter, zu dem die 
Hochebenen so leicht neigen und der der kriegerischen 
Organisation wandernder Yolksmassen so günstig ist, 
möchten wir dabei nicht ausser Betracht lassen (vergL 
Kap. 8. H.), ebensowenig wie die Thatsache, dass sie nicht 
selten grössere Binnenseen tragen, die der Anlehnung 
junger Kulturentwickelungen auf dem Plateau von Anahuac 
und dem von Cuzco nicht minder günstig gewesen zn 
sein scheinen als auf der Hochebene der Nilquellseen. 
Wenn die Frage hier an dieser Stelle ') unbe antwortbar 
ist, ob die Entstehung dieser Kulturen bloss an ihre 
Lage auf der Hochebene geknöpft, sei, so ist doch nicht 
zu zweifeln, dass ihre Erhaltung und Ausbreitimg durch 
diese Lage begünstigt wurde. 

Folgerungen. Den Bewegungen der Völker setzen 
die Erhebungen des Bodens Hindernisse, für welche in- 
dessen einzelne Höhen, selbst von beträchtlicher Grösse, 
weniger in Frage kommen als ausgebreitete, weryi auch 
niedrigere Erhebungen. Zufällige Eigenschaften, wie Tor 
allem dichte Bewaldung, tragen zu dieser hemmenden 
Wirkung bei, während anderseits die so allgemeine Ver- 

<J YorgL Indtuen Kap. 10 un Sobtuu. 



Ebenen, SteppeOi Wüsten. 



209 



mitteltbeit derselben diese Wirkungen vermindert. Die 
grossen Aktionen der Weltgescliiclite zersplittern sich 
notwendig in den Gebieten starker Höhengbedemng, 
welche von ältesten Völkern gemieden und nur aUmählicb 
in den Kreis der gescbichtbcben Schauplätze einbezogen 
wurden. Dabei erweiat sich aber öfters ein und dasselbe 
Gebirg von verscliiedener Heinmungskraft au seinen ver- 
schieden steilen Gehängen. Die Gebirge wirken daher 
als gute Grenzen und können, alles in allem, als die 
besten Grenzen im Binnenlande bezeichnet werden. Sie 
fahren ebendeslialb leicht zur Zersplitterung der in ihnen 
wohnenden Völker. Einigend in dieser Zersplitterung 
können dagegen wieder breitrückiger Bau, sowie grössere, 
Mittelpunkte bildende Ebenen und Seen im Gebirge 
wirken. Indem die Gebirge arm an Hilfsquellen, weisen 
sie ihre Bewohner auf die umliegenden reicheren Länder 
hin, daher jene der Sitz von Eroberern, Räubern oder 
starken Auswanderungen sind. Darin hilft die von der 
Natur ihrer Wohnsitze ihnen anerzogene Kühnheit und 
Zähigkeit. Die grosse historische Bedeutung der Hoch- 
ebenen beruht auf der Ausbreitung dieser Eigenschaften 
und Neigungen auf grössere und beweglichere Völker. 
Auf Unterwerfung benachbarter ackerbauender Stänune 
durch solche Hochebenen Völker scheint endlich die kultur- 
erzeugeiide Macht der Hochebenen zürtickzuführen. 



II. Ebenen, Steppen nnd WDsten. 

Gegensatz der geschieh tüclien Wirkungen der Ebenen nnd der 
Gebirge. Indem groase Ebenen mr Steppenhaftigkeit npigen, 
wird ihr geBchiohtlicher Charakter durch entsprechend weitver- 
breitete ThatHachen der Klimatologie und Pflanzengeographie ver- 
stärkt, welche alle auf Ein- und Gleichförmigkeit hinwirken. 
QrenzloBigkcit. Grenzwälle. Steppe nnd Heer. Aggressiver Charak- 
ter der Steppen Volker. Geechichtliche Bedeutsamkeit der Grenxe 
zwischen Ackerbauiand und Steppe. Schwierigkeit dea Anbaues 
in der Steppe. Menschenarmut derselben, Neigung in Völker- 
mischungen. Die Steppen beiw. Wüsten als Grenzen nnd als 
ZuUuchtHtfttten. 



isl, AJiUuopo-OiognpMe. 



14 



1 steppen und Gebirgen. 



mltrr la 'plui dlrtat d diacipUiirr. 



Qnmdldee. Die an den Erhöhungen des Bodens 
sich stauenden und in seinen Vertiefungen sich 
sammelnden Völker breiten sich in schranken- 
losen Ebenen weit üus und sehen ihre Bewegunga- 
triebe noch verstärkt durch die natürliche An- 
lage dieser letzteren zu Dürre und Unfrucht- 
barkeit, was alles ihnen Neigung zu An- und 
Uebergriff, Raub und Zerstörung verleiht, so- 
wie, was wichtiger, Fähigkeit zur Ueberschwem- 
mung, Unterjochung und Beherrschung. 

In den Ebenen sind die Gleichförmigkeit der Lebens- 
bedingungen, die Grenz loaigk eit , die Anregung zum 
Wandern im Gegensatz zn den Gebirgs- und Hügel- 
ländern die Faktoren der geschichtlichen Entwickelung. 
Wir haben oben hervorgehoben, dass spiegelglatte Flächen 
selten und, wenn vorkommend, stets von geringer Ver- 
breitung sind. Weit verbreitet sind aber Ebenen, die 
(WOgenbaft", wie Pallas die Wolgasteppe von Charachoi 
nennt, und so sind vor allem die ausgedehntesten Ebenen, 
die wir in Gestalt von Steppen und Wüsten in allen 
Erdteilen viele Tau sende von Quadratmeilen bedecken 
sehen. Auf diese Ebenen vorzüglich haben wir hier 
unsem Blick zn richten, da allein schon ihre räumliche 
Weite ihnen eine hervorragende geschichtliche Rolle zu- 
weist. Jene aber, die in die höheren Teile der Erd- 
rinde eingesenkt sind, die Thalebenen, gehören wesent- 
lich zu den Gebirgen oder Hügelländern. Sie bilden 
nur Aushöhlungen in denselben, was die Griechen treffend 
ausdrückten, wenn sie von xoi).r/ j^axeSaZ/iruti, xoikr/ 'fiiig 
u, dergl. sprachen. Zahlreiche andre flache Erdstellen 
treten zwar selbständiger auf, erlangen aber nur geringe 
geschichtliche Wichtigkeit, solange sie beschränkt bleiben, 
d. h. solange sie von Höhenzügen durchsetzt werden, 



Das Nomadentum, 



211 



welche hoch oder breit genug sind, um sie aiiseinaiider- 
zuhalten. Nur unter günstigsten Verhältnissen haben 
auf den kleinen gebirgsumrandeten Ebenen Griechen- 
lands sich folgenreiche geschichtliche Vorgänge abge- 
spielt, denen aber vorzüglich die Nähe des Meeres und 
die, im Vergleich zum Gebirge, grössere Fnichtbarkeit 
lind damit grössere Tölke mährende Fiihigkeit ihres 
Bodens Bedeutung verlieh. Während aber stets iu diesen 
Ebenen die Umrandung von grösster Bedeutung wird 
(b. o, S. 192), ist für jene grossen Ebenen gerade die 
Schraukenlosigkeit. die Unbegrenztheit das bezeichnendste 
und wirksamste. Der Gegensatz zwischen beiden ist 
geschichtlich hffchst bedeutsam. Denn während dort 
Ruhe und Besondemng die historische Signatur, öfinet 
sich hier unser m Bücke ein unbegrenztes Bild, Hier 
sind jene grenzlosen Steppen, in welchen ein ziu: Ruhe- 
kommen überhaupt nicht möglich, sondern welche eigent- 
lich nur grosse Tummelplätze rastloser, wurzelloser 
Völker sind und von denen man sagen kann, dass die 
Völkerwanderung in ihnen in Permanenz erklärt ist. Es 
sind das die Steppen, in welchen nomadische Horden 
umherziehen , welche keine festen Wohnplätze , daffir 
aber wegen der Notwendigkeit des Zusammenhalts eine 
sehr feste Organisation haben, und welche durch diese 
Organisation oft genug der Schrecken gebildeterer und 
in ihrem Kerne mächtigerer, aber mit geringerer Beweg- 
lichkeit und mit einem kleineren Grade herdenhaften 
Gehorsams begabter Völker geworden sind. Um nicht 
weiter zu gehen als an die Pforten unsres Erdteiles, er- 
innern wir an die Flachländer SO doste uropas an der 
untern Donau und an den Nordzuflüssen des Schwarzen 
Meeres. In diesen Flachländern drängte, soweit die Ge- 
schichte geht, beständig ein Volk das andre, und alle 
drängen weat- und südwärt*. So dürfen wir zuerst wohl 
annehmen, dass die Skythen die Kimmerier vor sich her 
schoben, so kamen dann die Samiaten nach den Skythen, 
die Ävaren nach den Sarmaten, die Hunnen nach den 
Ayaren, die Tataren nach den Hunnen, die Türken nach 
den Tataren. Gewöhnlich gestatten uns die geschieht- 



212 



Die Einförmigkeit weiter 



liehen Zeugnisse nicht, diese Völker viel weiter zu ver- 
folgen als bis östlich vom Don, der mit grossem Rechte 
einst als Grenze Europas galt. Da enden diese wilden 
Ströme in dem grossen asiatisch- europäischen Volk er - 
Zentralmeer. Aber wir dürfen mit hoher Wahrschein- 
lichkeit annehmen, dass ihre Wanderungen fast immer 
auf Anstössen beruhten, welche aus Innerasien kamen. 
So wie geographisch dieses Steppenland eine Verlänge- 
rung des inner asiatischen ist, so bindet sich hier die 
innerasiatische Geschichte an die enropäische, nnd diese 
letztere nahm immer dann einen nomadenliaflen Charak- 
ter an, den man asiatisch nennen kann, wenn diese 
Stösse mit Kraft kamen. Die Möglichkeit einer ge- 
schlossenen europäischen Geschichte entstand erst in dem 
Augenblick , wo eine feste Macht diese schweifenden 
Horden zur Ruhe, zur Ansässigkeit zwang. Aber es 
spielt sich noch immer der steppenhafte Zug in dem 
Leben der Völker fort, die sich dort festgesetzt haben, 
und der Staat, der daselbst erwachsen ist, verleugnet 
nicht ganz die im Wesen uneuropiiischen Bedingungen 
seiner Existenz. Angesichts der stürmischen Geschieht« 
solcher Gebiete versteht man die Worte H. Barths auf den 
Ruinen von Garrho. der alten Hauptstadt von Sonrhay: 
,lch war tief ergriffen von dem Schauspiel dieser wunder- 
baren und geheimnisvollen Völkerwogen, die einander 
unaufhaltsam folgen und verschlingen und kaum eine 
Spur ihres Daseins zurücklassen, ohne dem Anschein nach 
einen Fortschritt im Gesamtleben zu bezeichnen." 

Erwägen wir die Ursachen dieser grossen Erschei- 
nung, 80 wollen vrir nicht säumen, hervorzuheben, dass 
nicht nur die Flachheit dieser grossen Ebenen es ist, 
welche diese, im wahren Sinne des Wortes, TJngebunden- 
heit ihrer Völker erzeugt, sondern es kommt hinzu ein 
starkes klimatisches Moment und eine davon zum Teil ab- 
hängige Thatsache der Pflaiizengeograpbie : Die Trocken- 
heit und der bald haiden-, bald wiesen artige, vorwiegend 
niedrige Pflanzenwuchs, welcher den Wald und in 
weiten Erstreckungen sogar jeden Baum wuchs aus- 
schliesst. Die physikalische Geographie lehrt, dass die 



Eben* 



: Steppen und Wüfllen. 



■213 



Verbindung dieser drei Thatsaclien: Ebene, Trockenheit, 
niedriger Pfianzenwuchs nicht zufällig ist. Und bo sind 
denn die drei häufig auftretend in dieser ihrer Verbin- 
dung, die man in weitem Sinne Steppe nennen kann 
und deren Extrem durch Vorwalten der Trockenheit 
bei noch stärkerem Rückgang des Pflanze nwnchaes zur 
Wüste führt. Auf die Unruhe und Ungebundenheit der 
Völker, welche unter ihren Einflössen leben, wirken ge- 
rade diese beiden letzteren Momente mächtig mit ein. Viel- 
fach sind sie es, welche die Unruhe anregen, die dann 
erst in der Grenzt osigkeit der Ebene historische Dimen- 
sionen annimmt. Wenn die Einförmigkeit der Boden- 
gestalt das in erster Linie bestimmende in der geschicht- 
lichen Bedeutung der Ebenen, ho tragen Klima und 
Vegetation am meisten dazu bei, diesen Charakterzug 
noch zu verstärken, indem aie auch ihrerseits gleiche 
oder ähnliche Naturbedingungen in weitester Erstreckung 
in Wirkung treten lassen nnd damit mächtig mit auf die 
Maaaenwirkung hinarbeiten, welche der geschichtlichen 
Rolle der Steppenvölker in so hervorragendem Masse 
eigen ist. Denn die Steppengebiete sind auch klimatisch 
und vegetativ in erster Linie gleichförmige, einförmige 
Gebiete, und sie sind es ferner, welche weiten Ebenen 
den geschichtlich hochbedeutsumen Charakter zug der 
Armut aufprägen. 

F. von Richlhoren (Cliina I, 43) findet „trotz der Verschieden- 
heiten io Meereshöhe und Bodenrormcn Inneraaiens, welehe die- 
jenigen Europas weit übersteigen, trotz einer Mannigfaltigkeit des 
geologischen Baues, weicher alle Grundlagen reichster landschaft- 
licher Entw icke long besitzt, und dem Boden die Elemente grösster 
Frochtbnrkeit ebenso wie diejenigen absoluter Sterilität verleiht, 
Iroti beträchtlichen Wechsels in der Regenverteilung, iu den vor- 
herrscUeuden Windrichtungen und minieren Jah res lemp erat uren, 
und trotz der Erstrecbung des Gebietes durch fast 20 Breitegrude, 
doch in Hinsicht auf den phreiognom lachen Charakter eine Ein- 
förmigkeit, welche alle jene Unterschiede in einem Grade aus- 
gleicht, wie dies in peripherischen Lündern nicht vorkomral." 
Und dieselbe kehrt in ahnlichen Gebieten der alten und neuen 
Welt überall wieder. Wo Abwechselung vorhanden, ist es doch 
immer nur dasselbe Grundthema, welches vanirt wird, So nennt 
iwar Ucintyre als Landschafta- und Bodenformen der inneren 
Gegenden Australiens am uiiieren und mittleren Bsirku : Flache Ein- 



214 



Einfiirniigkeit der Ebenenvolker. 



Bunkiingen mit Lehmboden, Flächen mit Polygonum Ciinningbamin 
Eucaiyptenwald mit einigen seliönen Bäumen, Sandhügel mil 
niedrigem Skrub nnd Triodia, trockene Seebelten in Dünenhiigeln, 
steinige Anhöhen, wasaerlose Flussbetten, und diese ganze Reihe 
entrollt sich oft an einem einzigen Tage; aber die Einrörmigkeit, 
gesteht doch dieser Reisende seibat, bleibt der letzte Eindruck! 

Auch wenn man von solchen ungünstigen Extremen 
absieht, welche schon an die überall arme und darum 
überall gleichförmige Wüste erinnern, ist schon die 
gletchmässig ebene Gestalt des Bodens grosser Flach- 
länder gewiss kein Vorteil für die Entwickelung der 
Kultur. Der Gegensatz zeugt Fortschritt, indem er sich 
vereinigt. Wirkt nun, wie wir im vorigen Kapitel zur 
Genüge nachgewiesen zu haben glauben, die Oberflächen- 
gliederung schon durch die Schaffung verschiedener 
Lebensbedingungen auf engem Saume kulturlich günstig, 
so schafft hingegen einförmige Bodengestalt auch ein- 
iBmiiges Leben, das nach dieser oder jener Seite not- 
wendig abhängig, unselbständig ist und der Ergänzung 
diurch anders gestaltete Striche bedarf. So ergänzen 
sich Nord- imd Mitteldeutschland, während Holland als 
Tiefland einseitig ist. Alle die besonderen Naturgaben 
der gebirgigen Länder, von den Wasserkräften an bis 
zum Erzreichtum, den sie vor den Flachländern voraus 
zu haben pflegen, fehlen liier. Aber was am meisten 
fehlt, das ist der innere Gegensatz der Volksnaturen, 
der den Charakter und die Fähigkeiten der Gesamtnation 
bereichert. Von Grossrussland sprechend , sagt Haxt- 
hausen: ,Es zeigt uns überall die homogenste Volks- 
masse, die es in Europa gibt. Es ist daher wenig Ent- 
faltung von provinziellem und individuellem Leben, wenig 
Mannigfaltigkeit , überhaupt Eintönigkeit imd wenig 
frische Poesie des Lebens, dagegen aber auch jede 
Grundlage und Anlage zu grosser und energischer poli- 
tischer Macht vorhanden" (Studien I. 309). Dies zeigt 
sich in jeder Aeusserung des Volkslebens. Dieses vfeite 
Gebiet hat z. B. fast nur einen einzigen Dialekt, seine 
Sprache ist dieselbe für das gemeine Volk wie für die 
Gebildeten. Während man in Deutschland vor einigen 
Jahrzehnten gewiss weit mehr aU U'O Volkstrachten 



tirenzlosigkeil der Sle|i(ip. 215 

zählen konnte, gab es iu dem so viel weniger abge- 
Hchüffenen und örual grösseren Crrossrussland nur eine 
einzige mit vi eile i cht einem Dutzend kleiner Schattie- 
rmigen. So hüben auch im Verlauf langer Zeit die 
Sitten und Gebräuche dieser einförmigen Völker eich 
entsprechend ein- und gleichförmig erhalten. Denn mit 
dem inneren Gegensatze fehlt auch Grund und Ursache 
zur Fortentwickeluug. Die Nogaier der Krim, sowie die 
östlicher wohnenden haben Filzjurten statt Hütten, die 
sie auf zweirädrigen Wagen mit sich fahren. Bei allem 
Wandel der Wohnorte welche Beatäudigkeit in den Sitten: 
Schon die Griechen htrttcn für die Agathjrsen und Sauro- 
maten der Maeotis den Namen Hamaxobiteo! Auch schon 
das nomadische Leben an sich kommt der Trägheit der 
menschlichen Katur entgegen, indem es der Arbeit, d. h. 
der Emanzipation des Menschen von den Naturbanden 
ferner steht. Und daher denn die Schwierigkeit, jene 
Neigungen zu überwinden, welche ihr entspringen. Die 
Russen legten Städte (z. B. Jenataefka) eigens für die 
Kalmücken an, die sich aber nicht herbeiliessen, die- 
selben zu bewohnen. 

Von diesen selben Nogaiem sagt Schlatter, dass ihr 
Land ursprünglich keine bestimmten Grenzen gehabt 
habe, diese seien erst durch daa Vorrücken der deutschen 
und russischen Ackerbauer-Ansiedlungen ihnen gezogen 
worden. In der That, erst wo die beiden so grundverschie- 
denen Kultur- und Lebensarten aufeinandertreffen, werden 
den SteppenviSlkem scharfe Grenzen gezogen. Auch hier 
genfigt aber die Nutur allein nicht, wie scharf der Gegen- 
satz von Acker- und Steppenland sich erweisen möge. Die 
Kunst sucht nachzuhelfen, indem sie Wälle und Mauern 
zieht. Die Steppengebiete sind die Länder der chinesischen 
Mauern und der Kosakenwälle, deren Vorkommen bis nach 
Mitteleuropa herein die einstige Verbreihmg nomadischer 
Barbaren anzeigt. Deutachland weist Werke dieser Art 
aus der Römerzeit auf, die nur bedingt hier anzuziehen 
sind, aber im inneren Russland begegnet man schon bei 
Pensa einem Grenzwall, der bis Tambof läuft und sich 
mit einem von Simbirsk bis Kursk ziehenden kreuzt. 



216 



Meer und Steppe. 



Pallas hat beide beschrieben. Und nun sind diese merk- 
würdigen Wälle lind Mauern eine gewöhnliche Erschei- 
nung, bia man jenem berühmten grössten und — un- 
wirksamsten Beispiele derselben, der grossen Mauer 
Chinas begegnet, die von ^utschau bis Girin das grösste, 
aesshafteste Kulturvolk Asiens von dem grössten Nomaden- 
volk Hcheiden soll. Vielleicht ist es nicht allgemein be- 
kannt, dass noch in unserem Jahrhundert z. B, unter 
Perowski Schutz wälle von grosser Ausdehnung gegen 
die Nomaden einbräche in der Kirgisensteppe auf der 
Grenze Europas und Asiens erbaut worden sind. 

Wi& diese Werke an die Damme erinnern, mit deneu man 
das Ueer vom Wohn- and Kulturboden der Uenschcn abzuhHlten 
sucht, Bo bat der Volkeinstinki die weiten Steppen dem Meere 
verglieben; und so erinnern die Henacbenfluten , welchu an sie 
anbrausen, an die Wogen des Heeres. Gleich ihnen sind sie im 
höchsten Grade beweglich, ruhelos, an zu verlässig. Die Analogie 
ist nicht gan£ nur Bild. Hit dieser oEeantschen Beweglichkeit 
hangt es ancb zuBammeii, dase die Steppen Völker oft und leicht 
ihre Herren wechselten und dadorch nicht selten Kriegsnraacbeu 
aufwarfen. Vielleicht ist der früheste Fall dieser Art, den die 
Geschichte berichtet, der Uebei^ang der Skythenhorden des 
Kyaxares zu Älyattes, den Her-odot (I. TS) ganz ebenso aciiildert, 
wie Honortb etwa die Flucht der Mongolen aus Russland nach 
der cbtneeischen Kirgisen steppe beschrieben bat. Es ist ein 
iTpiBcber Fall. Grote (Gr. Geficb. in. 310) hat einige selir be- 
leichnende Belege dafür beigebracht, wie leicht derartige Ver- 
schiebungen sieb ereignen und zugleich wie geschichtlich folgen- 
reich dieselben sein können. 

Meer und Steppe in ihrer einförmigen Scbranken- 
losigkeit sind gleich geeignet, grosse und schwer erreich- 
bare Er ober er Völker zu zeugen, deren gröaste Stärke 
eben oft nur die Unmöglichkeit ist, sie in ihren Steppen 
zu erreichen. Sehr lehrreich ist in dieser Richtung die 
gleichzeitige Bedrohung des karolingischen Reiches durch 
skjthische Land- imd germanische Seenomaden, an welche 
jenes zu einer Zeit rechts und links Tribut zu zahlen 
hatte. Aber es liegt doch ein grosser Unterschied in der 
endgültigen Bestimmung der Wasser- und Sandmeere. 
Dort achafil ein mächtiger Verkehr, dessen Entwicke- 
lungsiähigkeit noch heute nicht zu ermessen ist, alle 
absorbierenden Handels- imd Kulturinter essen an den 



Meer- und Steppen-Nomaden. 



217 



Ufern, die allein bewohnbar sind und bleiben; hier ist 
der Verkehr, auf WUstentiere beschränkt, immer ver- 
hältnismässig klein, und der Sandboden nährt spärliche 
Bevölkerungen, deren Armut und geringe Zahl sie immer 
zum schweifenden, kulturfei ndUchen Leben neigen lässt. 
Es kommt femer noch das rein geographische Moment 
der sehr scharfen bestimmten Abgrenzung der Wasser- 
meere vom Land hinzu, welche die Kultur unmittelbar 
an die Natur grenzen lässt. während die Sandmeere 
durch Step penh alte , nicht in hohem Masse kulturfähige 
Striche mit den eigentlichen Kulturländern vermittelt 
sind. Und gerade diese Mitteldinge von Wüste und 
Kulturland, welche grössere Menscheozahlen erzeugen, 
ohne die steppenhailen Neigungen entsprechend zu min- 
dern, sind am gefährlich sten, wie Arabien und die besse- 
ren Striche des westlichen Innerasiens zeigen; sie sind 
die Wiegen der geschichtlich bedeutendsten Steppen- 
völker, der Reichestürzer und KulturOberschwemmer. 
Anderseits sind, wo solche Länder ans Meer grenzen, 
Hie Piratenneigungen am schwersten auszurotten gewesen 
und haben am längsten, seihst in europäischen Meeren, 
eine sogar staatsrechtlich anerkannte Existenz behaupten 
kennen. Die Barbareskenstaaten Norda^ikas bieten hie- 
für ein allbekanntes Beispiel. Und die weiten Räume, 
ebenso günstig für Raubzüge wie für Verstecke, Hessen 
oft genug die ersteren sich zu geschichtlicher Grösse 
entwickeln, sowohl von der Steppe wie vom Meer, vom 
Herzen wie vom Rande der Kontinente her, und See- 
wie Steppennomaden sind mit ihrem festen Zusammen- 
halt, ihrer starken Offensivorganisation, ihrer Fähigkeit, 
zu befehlen und zu herrschen auf der ganzen Kette der 
zwischen Meer und Steppe vom Ostrand Asiens um den 
Süden _ und Westen der diesseitigen Landmasse herum 
einen .Kulturgürtel' bildenden Staaten als Staaten- 
grüuder immer wieder hervorgetreten. Man kann sagen, 
dass z. B. in Rusaland beide sich zu gemeinsamer Arbeit 
verbanden, und würden wohl Aehnliches von Oatasien 
sagen dürfen, wenn die geschichtliche Rolle der Malaien, 
denen wahrscheinlich die hinterindischen Kulturträger 



218 



Kulturr^■in(^Sl^haft der Steppenvölker. 



der Cham und Khmer zuzuzählen sind, nicht fast ganz 
unter dem Schleier halb geschichtlicher Dämmerung oder 
gar in vorgeschichtlicher Nacht lägen. 

Die Natur selbst erinnert manchmal an diese Ver- 
wandtschaft, wenn sie in Kürze eine Steppe in ein Meer 
verwandelt. In Nordamerika wie in Südostenropa wan- 
deln sich ja in der That clie^e welligen Gründe in Meere 
um, wenn nach der Schneeschmelze jedes Wogenthal zu 
einem See wird und endlose Sümpfe sich entwickeln, 
welche die Pasairbark eit im höchsten Grade schwierig 
machen. Wo die Steppe ans Meer grenzt, greift dieses 
in jene über. Wir erinnern uns einer Schilderung von 
Pallas (Reise I. 264), wie die vom Kaspisee in die west- 
liche MOndungsbucht der Wolga wehenden Winde das 
Wasser über die grenzlosen Steppen hintreiben und weit- 
hin überschwemmen. Nur die Dünen verhindern an 
einigen Stellen das breite Austreten des Kaspisees in die 
M any tschni e de ru n g. 

Die Steppe, indem sie Unabhängigkeit, Selbstvertrauen, 
Kühnheit mit fast schrankenloser Beweglichkeit in ihren 
Söhnen paart, erzeugt Völker von Soldaten, die eben des- 
halb zur Herrschaft über andre, nicht nur an Zahl und 
scheinbarer Macht, sondern auch an Kultur und iteichtum 
ihnen selbst weit überlegene Völker so oft in der Welt be- 
rufen waren. Der Naturaohn, welcher gute Waffen und 
gute Ordnung von fortgeschritteneren Völkern erhalten 
oder gelernt hat, ist immer der gefährlichste Gegner der 
Kulturvölker gewesen, von den Skythen an, denen der 
erste Necho Psammetich Tribut zahlte, um sie vom Ein- 
bruch in das Deltareich zurückzuhalten, und deren An- 
griffe auf das alte assyrische und das junge medische 
Reich einen so wichtigen Einünss aid" den Fall de» 
erateren und das Emporkommen des anderen geflbt haben, 
bis auf die Hunnen, Magyaren, Mongolen und Türken, 
die nacheinander die Kulturmächte West- und Ostroma, 
Mittel- und {Osteuropas entweder stürzten oder wenig- 
stens störten. 

Ranke hat (Weltgeschichte 1. 124) eine treffende 
Parallele gezogen zwischen Kyasares, der durch Zurück- 



, der Steppe. 



219 



Weisung einer solchen die alte vorderasiatiscfae Kultur 
bedrohenden Invasion die Macht des Mederreiches schuf 
und Heinrich dem Städte grün der , der durch ähnliche 
Thaten die Macht über die Deutschen au die Sachsen 
brachte. 



Im 



esllictien Welt 



I 



lU PräBident des damala unhariacheD Argen tii 
Rivadavin ^ die Gauuhos der Pampas unter die Folinen gegen 
Brasilien riet'^ bis zum Zusammenbrucli der extremen FöderaliBten, 
d. h. 50 Jalire laug, sind diese külinen^ aber rohen Steppenreiter die 
StarkeStützc der unkultivierten und anskru pal Ösen Uachthaber dieser 
Republik gewesen, das Hcmmuia jeder ruhigeren Entwickelung, 
die Stiilien der Revolution auf Revolution häufenden Halbbarbarei. 
Die fruchtbare Entwickelung, in der wir lieute dies zukunftsreiche 
Land begriffen sehen, datiert ebenso von der endgültigen Zurück- 
weisung des Gaueho politico in die Sehranken seiner St«ppen und 
seines Hirtenlums, wie die Mitteleuropati von der Zurückwerfung 
der das karolingische Reich bedrohenden Magyaren im 9. Jahr- 

Wirkt die Steppe durch Grenz losigkeit Bewegung, 
Unruhe fördernd, damit Verdumpfung und Erschlaffimg 
hindernd auf ihre Völker, so lasst sie andererseits durch 
die Armut ihrer Hilfsquellen jenes den männlichen 
Tilgenden im barbarischen Sinn, d. h. den kriegerischen, 
schädliche Uebermass der Kultur nicht aitfkommen, son- 
dern erschwert vielmehr die Befestigung des Eigentums- 
begriffes und verewigt die Zwistigkeiten der Stämme. 
Die Räubernatur ist den Steppenvölkern, mau möchte 
fast sagen, angeboren und tritt im kleinen und grossen 
hervor; ja auch selbst in ihren grössten geschichtlichen 
Aktionen verleugnet sie sich nicht. Vom Islam in der 
Entstehung sagt Kremer: ,Es war ein Geschäft zum 
Betrieb des Riuibes und der Plünderung en gros wider 
alle Andersgläubigen, gegen Verteilung des Qesellschafts- 
gewinnes," und Sprenger: ,Die einzige Erwerbsquelle, 
welche allen Muslimen offenstand, war Raub. Sie wählten 
sie und der Islam wurde zur Religion der Aggression." 

Die Schwierigkeit des Anbaus Hegt in diesen Gegenden 
hauptsächlich in der Wasserarmut, welche einmal schwer 
and immer nur in beschränktem Masse durch Kanalanli^en 



22(1 



Ai^kerbau in der Steppe. 



ZU beheben ist, und nienials ganz imabhüngig gemacht 
werden kann von der anberechen baren Ungleichmässigkeit 
der Niederschläge , während auf der anderen Seite auch 
die sorgfältigste Kultur auf dieser schmalen, von Natur 
bestündigem Schwanken ausgesetzten Basis immer un- 
sicher steht. Zehrt sie sich doch oft genug selber auf! 
In der Turkmenensteppe nimmt man wahr, wie mit zu- 
nehmendem Anbau der Wasserreichtum abnimmt, weil 
mehr Wasser zur Bewässerung verbraucht und dadurch 
der Verdunstung zugeführt wird. Selbst von den 
Afghanen kann man sagen, dass sie den ganzen Wasser- 
vorrat ihres Landes aufbrauchen, und Kabulfluss wie 
Harirud liegen einen Teil des Jahres trocken, durch die 
Bewässerung gleichsam aufgesogen. Der Vermehrung der 
Bevölkerung ist also eine sehr bestimmte Grenze gesetzt, 
denn wo das Wasser fehlt, stirbt auch der Äckerbau wie 
eine verdorrende Pflanze ab. Daher die grosse Häufig- 
keit der Kuhurminen in allen Steppen, selbst die der 
neuen Welt nicht ausgeschlossen. Spuren früher ausge- 
dehnterer tatarischer Ansiedehmgen schon in den Wolga- 
steppen zählt Pallas in grösserer Zahl auf. Versandete, 
verschättete Städte sind in- der Gobi und Dsnngarei in 
grösserer Zahl zu finden. Gewiss verschärfte die Müh- 
seHgkeit dieses gewagten, unsicheren Äckerbaues in nicht 
geringem Masse den Gegensatz zwischen Ackerbauern 
und Komaden, denn Jener Abhängigkeit von ihrem 
bischen Land und ihren Bewässerungsgräben macht sie 
noch härter arbeitend, unternehmnngsloser, daher leichter 
zu knechten. Ackerbauer, welche zu Bewäaserungs- 
zwecken sogar unterirdische Kanäle graben, um Quellen 
zu verbinden und neue Quellen herzuleiten, wie es 
F. Stolze aus dem wasserarmen Fars, dem Stammlande 
des persischen Reiches berichtet, oder welche den salzigen 
Boden erst durch Jahre auslaugen müssen, um ihn fBr 
Päanzenwuchs zugänglich zu machen, wie Pallas es aus 
der Gegend von Zaritzin beschreibt und wie man es 
heute an den dmrhsalzenen Oaträndern des grossen 
Salzsees von Utah beobachten kann , werden sich nicht 
leicht erheben, um der Unterdrückung entgegenzutreten. 






Gegen 



r Nomaden nod Ackerbauer. 



221 



solange dieselbe ihnen nicht diese ihre Lebensfäden ab- 
achnfidet. Die Stellung der Tadschibs in Turkestan 
entspricht ganz dem Gegensatz zwischen der Freiheit 
des Nomaden und dieser extremen Gebundenheit des 
Ackerbauers. Und dieser Gegensatz ändert sich auch 
nicht wesentlich, wenn der letztere selber zu einer Art 
von Noraadismiis gezwungen wird, wie z. ß. an der 
Achtuba in den unteren Wolgaateppen, wo Pallas Bauern 
angesiedelt fand, deren Ackergründe 50^60 Werst von 
hier entfernt lagen. (Bern, auf e. Reise 1793 u. 94, 1, 159.) 
Solcher Besitz bindet, ob er fern oder nah und bindet 
um so mehr, je grössere Mühe er verursacht. Daher 
n\m der so starke Gegensatz zwischen Kulturland und 
Steppe, der vielleicht unter ganz bestimmten Verhältnissen 
knlturfiSrdernd wirken konnte (s. o. S. 206), jedenfalls aber 
. immer ara meisten beigetragen hat zu den nicht zu- 
fälligen, sondern natürlich begründeten und damit dauern- 
den Reibungen grosser Völker, zum beständigen Wider- 
streit unversöhnlicher Gegensätze, welche die Unruhe in 
der sonst vielleicht längst zum Stehen gekommenen Uhr 
der Weltgeschichte bilden. 

Nicht nur im persischen Reich entsprach der Gegen- 
satz zwischen Unterworfenen und Widerstrebenden fast 
durchaus den zwischen Kulturland und Wüste (wenn auch 
z.B. diemedischen Gebirge widerspenstige Ununterworfene 
umschlossen), sondern so waren auch in China, in Meso- 
potamien, in Aegypten die Grenzsteppen und ihre Völker 
der unüberwindbare Gegensatz zu aller stetigen Kultur- 
entwickelung. Man weiss, wie tiefe Spuren er in dem 
politischen Leben und den Geiateserzeugnissen dieser Völker 
hinterlassen hat. Die Geschichtschreiber der iranischen 
Welt glauben, dass wenn man die geographischen Gegen- 
sätze der Länder und Völkerachaflen innerhalb Persiens 
und seiner Provinzen ins Auge fasse, den unaufhörUchen 
Kampf der angesiedelten Bevölkerungen und der Bewohner 
der Steppe, den Kampf, welchen angebautes Land selbst mit 
der immer vrieder vordringenden, wenn noch so oft zu- 
röckceworfenen Wildniss der Wöste kämpft, dass dann 
die Ideen des Zend Avesta gleichsam wie autochthoniscb 



222 



Die Grenze zwiscben Steppe ond EulturlEmd. 



und natiir gemäss era che inen. Man kann in einigen Be- 
ziehungen Auramazda geradezu als Gott des Äckerbaus 
auffassen, während Ahriman dessen guten Werken ver- 
derhliche Schöpfungen einer menschenfeindlichen Natur: 
Sturm, langdauemden Winter, tödtliche Fliegen u, dgl. 
aus einem unerschöpflichen Füllhorn schädhcher Kräfte 
entgegen wirft. Wir erinnern uns eines Ausspruches 
Rankes in der Weltgeschichte ([. 144): , Die ägyptische 
Religion ist auf die Natur des Nillandes, die persische 
auf den Anhau von Iran gegründet." 

Auch Prschewalsky hat jd Beinern ersinn Reisewerk (Reisen 
in d. Mongolei 1877, 8. 184) diese s.i scharfe Natur- und Eultur- 
grtaie zwischen Steppe und Anbaulaud, mischen „der kalten und 
wÜBten Hochebene und der warmen, fruchtbaren, reich bewässer- 
ten nnd von Gebirgen durchscbnittenen chinesischen Ebene" be- 
slütigt. Er stimmt mit Ritter überein, dasa diese l.age das histo- 
riache Geschielt der Völker entschied, welche die beiden hart 
aneinander grenzenden Gegenden bemohnen. Es ist von Inlenzsse, 
die Worte zu wiederholen, die er hierüber bei seinem BintriU 
in das Ordoaland, jenes geschichtlich ao wichtige Steppengebiet 
in der oberen Schlinge des Uosngho, ausspricht: „Einander un- 
ähnlich, sowohl der Lebensweise als dem Charakter nach, sind 
sie von der Natnr bestimmt, einander fremd su bleiben und sieh 
gegenseitig lu hassen. Wie für den Chinesen ein rnhelOBM 
Leben voller Entbehrungen, ein Nomadenleben^ unbegreiflich ond 
Terachtlich war, so musste auch der Nomade seinerseits verächt- 
lich auf das Leben voller Sorgen und Mühen des benachbarten 
Ackerbauers blicken und seine wilde Freiheit als das höchste 
Glück auf Erden schätzen. Dies ist auch die eigentliche Quelle 
des Kontrastes im Charakter beider Völker; der arbeitsame 
Cbinepe, welcher seit unvordenklichen Zeiten eine vergleichsweise 
hohe, wenn auch eigenartige Zivilisation erreicht hatte. Hob immer 
den Krieg und hielt ihn fUr das griisste üebel, wogegen der 
rührige, wilde und gegen physische Eindüsse abgehärtete Be- 
wohner der kalten Wüste der Mongolei immer bereit lu AngrilTen 
und Raubzjigen war. Beim Hisslingen verlor er nur wenig, aber 
im Falle eines Erfolges gewann er Reichtümer, welche durch die 
Arbeit vieler Geschlechter angesammelt waren." So nennt auch 
F. V Stein (Geogr. Mitt. 1880. 832) in der Charakterschilderung 
der Turkmenen „den harten Kampf, den sie abgeschieden von der 
Welt viele Jahrhunderte lang gegen eine sich ihnen in der feiad- 
seligsten. fürchterlichsten Gewalt zeigende Natur gekämpft haben, 
fast allein eDlscbeidend," Das Land ernährt sie nicht genügend 
oder mindestens ist der ErtrHg desselben sehr im zuverlässig. Sie 
sehen sich also fast mit Notwendigkeit auf den Raub angewiesen, 
den sie als eine gestattete, weil durch die Not auferlegte Erwerbe- 



Bevölkerungwahl der Swppe. 223 



IBUeUe betrachten, und legen &n alle Dinge nur den Hassstab, 
3eti ihr hartes und vielbedrängtcs Leben sie gelclirt bat. ^ Die 
orientaÜBcbe Grausamkeit and Rohheit steigert sich bei ihnen zu 
ungewöhnlicher Grosne, zugleich sind aber ihr Hat und ihre Prei- 
heitflliebe unbeschränkt. Russische Offiziere bezeichnen sie als 
die tspfersleu Männer Asiens, auch die Tscherkessen nicht aus- 
mnonunen. Aber ihre hervorragendsten EigenschaRen : Hut und 
Oiikusamkeit, zeieen sich f^st nur in den liäubzügen, welche sie 
unl^roebmen und mit welchen sie eine verwüstende Wirkung 
weit über die Grenzen ihrer Wohngebiete hinaus üben. Im persi- 
schen Bezirke Pjass-i-Ku haben sie die Zahl der Dörfer von 460 
auf 20 reducirt und mit Recht führt heute dieser Bezirk den 
Namen ,I-Charabeh", der Verwüstete. In den persischen Be- 
Eirken Dereges, Butschnnn und Bulschnurd findet sich nur noch 

I dort eine Bevölkerung, wo unzugängliche Schlachten Schatz ge- 
währen. Der Handel zwischen Kraf<nowodsk und Chiwa und 
zwischen Buchara, Persien und Chiwa ist wegen völliger Unsieher- 

I heil der Wege oft Jahre lang unterbrochen. — Man kann dem 
hinzarügen, dass selbst nach dem hrärtigen Schlag, welchen die 
Russen 1880/81 gegen die Tekke-Turkmenen geführt haben, die 
Gesetzlosigkeit nur örtlich beschränkt ward, während sie in ge- 
ringer Entfernung vom Mittelpunkt dieser. Uaehl aus semng, z. B. 
im unteren Amugebiet, immer noch rortblillile. Ein Volk, das 
TOD sich selbst scigt; „Ein wahrer Turkmene bedarf weder des 
[ Schattens der Bäume noch des Schutzes der Gewalt", macht sich 

■ wohl niemals ganz klar, dass es feste Gesetze und festen Besitz 

■ geben muss, und liandelt demgemäss im Grossen and im Kleinen. 

Eine Frage, die wir hier aufwerJ'en möchten, mehr 
anzuregen, als um die wahrscheinlich nie mögliche 
Antwort zu gewinnen, betrifft die mit der Natur der 
KjVflste einerseits und der geschichtlichen Beweglichkeit 
r Völker andererseits eng zusammenhängende Klein- 
heit ihrer Bevölkerungszahl, Nach langer Priedens- 
neit, in der die einheimische Bevölkerung sich vermehrte 
Bid eine reichliche Zuwanderung stattfand, hat die Mon- 
[Olei heute doch wohl kaiun den 100. Teil der durchachnitt- 
ichen europäischen Bevölkerungsdichtigkeit aufzuweisen. 
Die libyscJie Wüste, von Fesaan abgesehen, zählt (nach 
Tohlfe) 50,000 Einwohner. Die nord amerikanischen 
teppen hat man vor der Zeit, in 4er der Büffel von 
OBt«Q her in sie abgedrängt war, höchst wahrscheinlich 
' ! in grossen Strecken ganz menschenleer zu betrachten. 
(Wenn man nun weiss, dass der Menschenraub einer der 
iliebtesten Zweige der Räuberthätigkeit dieser Völker 



224 



Wüslen als Grenzpn. 



ist, daes fiberall bei ihnen, von den Dimganen bia hin- 
über zu den Apaches, zahlreiche Fremde in Sklaverei 
gehalten werden, so muss man sich sagen, dasG diese an 
Zahl geringen Völier sehr beträchtlichen inneren Um- 
wandlungen durch Blutmischung unterliegen werden, 
wozu ihre Rastlosigkeit noch beitragen wird, und dass 
dies eine Thatsache von grossem anthropologischem 
Moment nicht nur an sich, sondern auch darum ist, weil 
diese Völker ihrerseits nicht in iliren Grenzen bleiben, 
sondern nach allen Seiten zu anderen Völkern abfliessen 
und dort ihr gemischtes Blut hinbringen. Wenn Uassen- 
mischung unter dem Miteinfluss stählender Natur- und 
GesellschallsTerhältnisse günstig auf die Fortbildung der 
Menschlieit einwirkt, dann ist es kein Zufall, dass die 
Wurzeln der grösaten Kulturvölker Europas in dieses 
vielbewegte inner asiatische Völkermeer liinein reichen. 
Hat vielleicht die grosse afrikanisch -arabische Wöate 
die südlich von ihr wohnenden dunkeln Menschen zu 
hamitischer Helle und Regsamkeit durchläutem helfen? 
Und sehen wir vielleicht einen solchen Durchganga- 
prozess in der libyschen Wüste sich jetzt vollziehen, von 
der jQngst Rohlfs behauptete, dass ihre 50,000 Menschen 
in zunehmender Vemegerung begriffen seien? Diese 
veruegerten Libyer werden wohl bald doch den Nord- 
aMkaneru näher stehen, als den Schwarzen im Sudan 
und weiter sfidhch! 

In hohem Masse sind als Grenzen wirksam der Gipfel 
weiter Ebenen, die Wüsten, welche in dieser Funktion 
den hohen Gebirgen am nächsten stehen. Sie sind unweg- 
sam wie diese, oft noch unwegsamer. Naturvölker, welche 
ausgebildeter Beförderungsmittel in Gestalt der Lasttiere 
entbehren, und welchen zugleich die Anregungen zu weite- 
ren Reisen fehlen, sind geradezu von ihnen ausgeschlossen. 
Sogar auf die Steppen dehnt sich diese Ausschliessung aus, 
denn es ist heute, wie erwähnt, kaum mehr v^weifelhaft, dass 
die Prärien Nordamerikas und die Pampas des La Plato- 
Gebietes vor der Änkimft der Europäer fast menschenleer 
waren. Noch immer trennt die Sahara die zwei Rassen 
Atrikas, und wir &ndeu sQdlich von der Kalahari andere 



> VVtinlc als Gi-iMiie. 



225 



ToIkastiimmL' , als nördlicli derselben. In Nordamerikn 
tielfen WQste und Hochgebirge zuaainnien, die paciBschen 
Stnuiiue von denen des Inneren sondern und in Ostasien 
ist die Grenze zwischen Kulturland und Wüste die Grenze 
der Chinesen und Mongolen. Im Extrem der üflrre und 
Armut auftretend wetteifern sie mit der Meereagrenze. 
Rawliuson sagt von der tnrtestanischen Wüste : , Wirk- 
samer als jede Wassergrenze grenzt dieser weite Strich. 
der alles tierischen Lehens bar nnd ohne Vegetation ist, 
die russischen Steppen vom Laiide Khorassan: Ein 
sandiges, salzgetränktes Gehiet, fast imbewohnt mit 
Änsnuhme der Abhänge der es einschliessenden Gebirge 
und der Flnssthäler, deren Gewässer vergebens sich zum 
Easpi- oder Aralsee durchzuringen suchen" (Herodotus I. 
MO). Nicht nur Völkerzüge, sondern selbst Verkehrs- 
wege umgehen oft lange diese Hindernisse, welche den 
Volk er verkehr in so krass «teppenhafteu Ländern wie 
Australien. Mittelasien und Nordafrika an die Peripherie 
drangen und das historische Uebergewicht der letzteren 
ungemein verstärken. Selbst Kulturströmungen nehmen 
dadurch seltsame Wege. Die östlichen Negerländer, mit 
einziger Ausnahme Bornus. sind z. B. später dem Islam 
gewonnen worden, als die westlichen; die Araber, welche 
denselben ausbreiteten, sind hauptsächlich von Norden 
in die westlichen Negerländer gekommen, und von hier 
ist dann ihr Glaube erst wieder ostwärts gewandert. Es 
kann dabei geschehen , dass einiger massen abgelegene 
Gebiete überhaupt kaum von diesen Strömimgen berührt 
werden. Denn es wachsen auch die Entfernungen ins 
Gewaltige mit der Unwegsamkeit der Wüste; so liegt 
das erst von einem einzigen Europäer (_Nachtigal) be- 
NUchte Tibesti hart an der grössten Karawanenstrasse 
Nordafrikas und war doch vor 20 .Tahren so unbekannt 
wie das Allerinnerste des Erdteiles. Durchsetzt aber 
eine Reihe von Stellen, die günstige Rastplätze für Kara- 
wanen bieten, ein derartiges Gebiet, dann gewinnt jene 
als Verbindung weitgetrennter Striche, als Volk er Strasse, 
Verkehrsweg, Kultiu-vermitteler eine geschichtliche Wich- 
tigkeit, wie sie z. B. dem innerasiatischen .Lande der 

RllIPl. Anll.rgp.i-Oeogmphle. IS 



■226 



e a1? ZulluchtsfiliUtt. 



Eingänge" nachgerühmt wird, wie C. Ritter treffend die 
Oaseiikette zwischen dem oberen Hoangho und dem 
Thianschan genannt hat. Wie kleine ozeanische Inaeln, 
an sich unbedeutend, durch grosse Wege gehohen wer- 
den, welche in ihnen sich schneiden, so erlangen Oasen 
iuif dieselbe Weise eine geschichtliche Stellung, welche 
weit über ihre Macht, ihr Eigenes hinaus geht. Im 
graaesten Altertum schon nahm Damaskus eine solche 
zwischen Ost ihhI West der djiiiiiiligen Welt mächtige 
Stellung ein an der Gabelung der Strasse von Babylon 
nach Phönizien und Aegypten , zugleich als paradiesi- 
sche Oase reich und geschätzt. Der Schutz seiner Lage 
und diese konzentrierte Fruchtbarkeit der Oase kamen 
dazu, um ihm schon früh eine in Vermittelung und Be- 
herrschung grosse WeltsteUung anzuweisen. Und wie 
mächtig sind einzelne der westchinesischen und nord- 
airikanischen Oasenstädte atis ähnlichen Gründen zeit- 
weilig gewesen! 

Was die Wüste zu höchst wirksamen Grenzstriehen 
macht, das macht sie auch zn Zufluchtsstätten der 
Völker, wo Flüchtlinge schwer zu finden und zu erreichen 
wind. Kicht zuiallig flohen die Juden in die Wüste, als 
sie Aegypten den Röcken kehrten! Wenn zwangsweise 
auf Reservationen oder im Indianerterritorium angesiedelte 
Indianer stamme dies Kulturjoch abschütteln wollen, wissen 
sie sich in der Wüste am sichersten. Darius floh nach 
der Schlacht von Gaugamela in die baktrische Steppe, 
Livingstone (Missionary Travels 18ö7. 51) bebt treffend 
die Bedeutung der sogenannten .Wüste" Kalahari als 
Zufluchtsort für verfolgte "Volksstämme besonders hervor, 
um zu zeigen, dass dieselbe «keineswegs ein werthloses 
Stück Land sei". Ein Betachuanenatamm . die Bakala- 
hari, hat bekanntlich seine Wohn.sitze ganz in der Wüste 
aufgeschlagen. Andere, wie die Bakwena, Bangwaketse 
und Bamiuigwato zogen sich zeitweilig in dieselbe zurück, 
als sie in ihren Wohnsitzen ron den Matahele bedrängt 
wurden. Eine grosse Zahl von ihnen kam darin um, 
imd Livingstone fand einige Jahrzehnte nach diesen 
Katastrophen bei den Bakwena kaum mehr einen alten 



Steppen krieg. 



227 



Manu, der die frühere Geaehichte seines StammeB be- 
richten konnte, weil fast alle älteren Männer in der 
Wüste zu Grunde gegangen waren. Aber ihren Fein- 
ilen, die sie zum Teil in die Wüste verfolgten, ging es 
nicht besser, auch von ihnen verschmachteten Hunderte. 
An dieser selben Schwerzugänghchkeit der Steppen 
und ähnlicher weiter grenzloser Gebiete haften selbst ge- 
wisse Methoden der Kriegführung. Im Gebirgskrieg 
prägt sich das Festhalten an sicheren Stellungen deutlich 
genug aus, aber daneben ist es ebenso bemerkenswerth, 
dass die Skythen gegen Darius, als er in ihr Land Sei, 
genau denselben ins Innere lockenden, ermüdenden auf- 
reibenden Plan verfolgten, wie die Russen gegen Na- 
poleon. Das ist die Kriegführung des ausgedehnten 
Flachlandes, in dessen Weite die zu überwindenden 
Raumeiitfemiingen neben den Flüssen die einzige Schutz- 
mauer und zugleich, bei ihrer so leicht Täuschung 
erregenden Natur eine höchst gefährliche Waffe bilden. 
Man muss es nur verstehen, wie Justus Moser von den 
Cheruskern sagt, den Feind immer „tiefer ins Land und 
aus seinem Vorteil zu bringen' (Osn. Gesch. I. 144), um 
zu fiegen, d. h. man muss die Menschenmacht an der 
grösseren Macht dieser Natur zerschellen lassen! 

Schlnssfolgerungen. Die geschichtliche Bedeutung 
der Ebenen wurzelt vorzüghch in ihrer Schrankenlosig- 
keit, und nur die weitausgedehnten, unbeschränkten 
Ebenen vermögen daher diese Bedeutung zu entwickeln. 
Indem dieselben nun zugleich um so dürrer und pflanzen- 
ärmer, d. h. steppenhafter werden, je ausgedehnter sie 
sind, vereinigt sich die geschichtliche Wirkung grosser 
Ebenen fast überall mit derjenigen der Steppennatur^ 
wodurch nicht bloss die grossen Bewegungsmöglichkeiten, 
sondern auch die Einibrmigkeit imd Armut derselben in 
inniger Verbindung zu geschichtlichen Mächten erwachsen. 
In jedem Falle wirken die Ebenen schon durch ihre 
Gegensatzlosigkeit nicht so knlturgünstig wie gegliederte 
Bodenformen, dazu kommt ilire Ruhe und Schutz aus- 
schliessende Grenzlosigkeit. Beide erzeugen Äehnlich- 



228 i)»- KuaK'u. 

keiteu mit dem Meer, und in der That sehen wir die un- 
rnhigen Mächte der Geschichte vom ozeanischen Äeusseren 
imd steppeiihaften Inneren her heide an den Knltnrschöpfua- 
gen der ruhigeren, zwischen beiden liegenden Völker 
lecken und nagen. Die Steppe zeugt die gröaaten Räuber- 
und Eroberervölker, in deren Unruhe ihre Wasserarmut 
eine grosse Bolle spielt. Je muhseliger diese den Acker- 
bau macht, um so schneideuder wird die Kulturgrenze 
zwischen Nomadismus imd Äckerbau. In der anthropo- 
logischen Schätzung die SIT Nomaden wird die weit- 
gehende Mischung ihrer Rassen wohl im Äuge zu halten 
sein. Die Wüsten bilden mit die schärfsten Völker- 
grenzen, wo sie aber durch Einengungen oder Oaseii- 
ketten den Verkehr gestatten, entstehen um so wichtigere 
Völker- und Verkehrsstrassen. Die Steppen und Wüsten 
bilden Zufluchtsstätten, welche den Flflchtlingen das 
Leben zu sichern vermögen, sie aber zugleich zur Armut 
herabdröcken. 



9. Die Küsten. 

Formen and ÜliederuDg. Mellmdcii nir Beatimmung tler Kustcn- 
gliederung. Kullurtvirkung'di^rKüstengliederuiig. V'errfel- 
tUiligang der historischiii Uogli ob keilen durch die BerUbrung 
«iues Volkes mit dem Meer. Diese Berührung kann eine beschränkte 
lind doch huebsl wirksam sein. Beispiel Venedigs, der pbünizi- 
acheu Küst« u. a. Kritik de« Begriffes der Küstcngllede- 
rung mit besouderm Bexiig auf Zugängliehbeit der 
Lander und verschiedene Grösse der Gliederung. That- 
sachen, welche den Nutzen der Gliederung vermindern können. 
Gegensatz von Küsten- und Binnenland. Gegeneatx von geglieder- 
len und ungegliederten, geschichtlich offenen und geschlossenen 
Küsten, Angriffspunkte der Länder. Drängen der Binnen- 
länder nach den Küsten. Wie kann die grösste Menge von ll«n- 
?c!ien an dns Meer gebracht werden? 



Onmdidee. In den Kflsten grenzen die VOlkei 
der weitesten Ausdehnung an die Natur und 



Itit Schwelk- duH Meere 



werden durch die Berührung mit dem Flüssigon 
bis zur Weltnmfassung expansiv nnd beweglich. 

In den Küsten vollzieht sich die Berührung des 
Litudes mit der grossen Wassermasae dea Meeres, welche 
Abgrenzung und Vennitteluig zugleich ist, doch immer 
eines der beiden erheblich mehr als das andre zu sein 
pflegt. Diese Linie des Aneinandergrenzeus des zum 
Wohnen der Völker allein bestimmten Landes mit dem 
für den Wechselverkehr derselben so groasartig wichti- 
gen Meere kann nicht anders als bedeutungsvoll für die 
Geschichte der Menschheit sein, die vor dieser natür- 
lichsten aller Grenzen wohl eine lange Reihe von Tausen- 
den von Jahren überhaupt Halt machen musste, ehe sie 
dieselbe zu Überschreiten vernioclite, um dann aber, 
nachdem 

Auiiai omniu perpeti 
Gens humana rait jivr rctUuta cefai' 
eine reiclijicher und vor allem rascher fliessende Quelle 
von Macht in ihrer Ueberachreituug zu finden, als das 
Land allein jemals geboten hatte. Erst Schranke, dann 
Schwelle, und zwar Schwelle zum Eintritt in die Bahn, 
auf welcher das grosse Ziel der Geschichte, die Erd- 
nmfaseung der Menschheit allein erreicht werden konnte: 
Dies bezeichnet die beiden grossen Richtungen, in wel- 
chen die Küsten geschichtlich bedeutsam geworden sind. 
Noch finden sich beide nebeneinander, noch haben manche 
Völker diese Schwelle nicht überschritten, während andre 
nur erst zagend den Fuss auf dieselbe gesetzt haben, 
aber von vielen ist ihr weltgeschichtlicher Wert erkannt 
und in HO höchst folgenreichen Erscheinungen erwiesen 
worden, das« kein Zweifel an demselben bleiben kann. 

Wie immer haben wir uns zunächst an die physika- 
lische Geographie zu wenden, um an die Unterschiede des 
natürlichen Wesens dieser Erscheinimg uns zu erinnern. 
Aber hier spricht man uns nur von Flach- und Steilküsten, 
was unserm Bedarf nicht genügen kann. Als geschichtliche 
Schauplätze sind die Küsten etwas breiter zn fassen und 
daher nicht bloss in ihrer eigenen Form, sondern auch 



230 



KlaseiHkation der Küsten. 



in ihrer Beziehung einerseits zum Lande, anderseits zuiu 
Meere zu betrachten. Denn eine üebergangsform selbst 
seiend, können die Küsten nur zwischen und zusammen 
mit den Teilen von Land und Meer richtig verstanden 
werden, die in ihren Wirkungskreis gehören. Dabei 
kommt der Unterschied von Steil- und Flachküste keines- 
wegs in erster Linie in Betracht, weil Flachheit und 
Steilheit bei den meisten auf weiteren Strecken ab- 
wechselnd vorzukommen pflegen, und wenn die letztere 
den Zugang zum Meere in höherem Masse erleichtert, 
die andre doch nicht so unnahbar zu sein pflegt, um 
denselben geradezu zu verbieten. 

Wir würden nun folgende Klassifikation der 
Ktisten aus dem geschieh tsgeographischen Gesichtspunkte 
vorschlagen: 

A. Gegliederte Küsten; KüBlen mit gebroclietier Krislen- 

ft. Kontinentale Gliederiuig: Durch grosse Einschnitte: Der 

Südrand Asiens von der Sinai-Halbinsel bis Hainan. 
b. Peninaulore Gliederung: Durch massige Einschnitte: Der 
Südrsnd Europa« vom Kap Finisterre bis zum BoBponis. 
b. Kleine Gliederung durch kleinere, aber um so häufigere 
Einschnitte, die entweder 
a. Tiefeingreifend: Fjordküsle Norwegens, Schottlands 

und anderer, oder 
?. Flachere Buchten bildend: Kleinaaiena Westküste. 

B. Ungegliederte Küsten: Küsten mit vorwiegend gerader 
Küstenlinie 

a. Einfache Küsten: Südafrikas Weatküslc. 

b. Durch Vorlagemng Ton Kehrungen oder Rirten ver- 
doppelte Küsten: Deutschlands OsLteeküste, Australiens 
Nordostkiiste. 

C. InselkUsten: Dnrch vorgelagerte Inseln bereicherte Küsten. 

a. Die Insel sind eigentliche Küsleninseln : Die nieder- 
ländische und deutsche KUste zwischen Texel vnd 
Wangeroog. 

b. Die Inseln sind selbständige ge?igraphische Individnali- 
taten: Westküste Nordamerikas zwischen 48. u. GO'N. B. 

Bei der Bestimmung der Küstengliederung hat 
man verschiedene Wege eingeschlagen. Man hat zuerst die 
Länge der Küstenlinie mit dem Flächeninhalt des be- 
treffenden Landes verglichen, indem man z. B. bestimmte, 
wie viele Qundratmeilen des letzteren auf eine Meile der 



Bestimmung der Küalengliedermig. 



231 



ersteren kommen. Mnn findet dabei für Australien 47,5 : 1. 
für Europa aber 37:1. Diese Methode hat den Fehler, 
zwei ungleichartige Grössen zu vergleichen, welche /.u- 
dem bei Annahme kleinerer oder grösserer Masaeinheiten 
in ganz verschiedenem Grade wachsen oder abnehmen; 
sie hat ferner die Eigenschaft, dass jedes Land natür- 
licherweise um so viel mehr Küstenlinie erhält, je kleiner 
es ist. Aber dieses ist nicht ohne Weiteres als Fehler 
hinzustellen, indem ja thatsächlich ein Land sich in ver- 
hältnismässig um so viel mehr Punkten mit seiner Um- 
gebung berührt, je kleiner es ist. Es ist das also kein 
Fehler in allen Untersuchungen, welche ans der verhält- 
nismässigen Kßstenlänge die Länge der Meeresgrenzi- 
und ffumit auch die Grösse der ozeanischen Zugänglich- 
keit zu gewinnen streben. Aber für die eigentliche 
Gliederung der Küsten sagt diese Grösse nichts aus. 
Für sie gewinnt man auch keinen besseren Ausdruck 
dadnrcli, dass man statt des reinen Flächeninhalte» die 

Quadratwurzel ( ;ti) nimmt, wodurch eine für alle Mass- 

sjsteme gleichgültige Verhültniszabl erlangt wird (Bothe), 
ebensowenig wenn , wie man vorgeschlagen hat , die 
Kfistenlängen ins Quadrat erhoben (Steinhauser) oder 
die Küstenlänge eines Landes mit dem kle instmöglichen 
Umfange einer gleichgrossen Fläche, also eines Kreises 
verglichen (Schumann) oder die Yerhältniszahl för einen be 
kannten Erdteil als 1 genommen wird und alle andern dar- 
auf zurückgeführt werden (v. Prondzynski). Die Meisten 
sind aber auf die gleichfalls schon früher vorgeschlagene 
Vergleichung des Flächeninhaltes der Glieder mit dem des 
Rumpfes eines Erdteiles oder Landes zurückgekommen. 
In der That ist diese frei von den Einwürfen, welche 
man den andern Methoden allen machen kann, liefert 
aber allerdings einen ganz andern Begriff aU der ist, 
welchen man in der Küstenent wickehing sucht! 

Hat man sich überhaupt genügende Reclienschaft ge- 
geben von der Bedeutung der Küstenentwickelung 
für die menschliche Kultur? Nicht alle scheinen dem 
Begriff die gleiche Meinung unterlegt zu haben. Sie 



232 l^- Kitlfir über ilie Bedeutung der KÜEtenglieilerung. 

wurde von Carl Ritter in der Individualisierung gesucht, 
wenn er z. B. von Asien sagte: „Durch die reiche, wenn 
juich nur teilweise peripherische Küetenentwiekelung 
von Asien ist eine Welt von Ersclieinurigen hervor- 
gezaubert, die iü ihren Gliederungen überall indiriduoli- 
siert hervortritt, da jede derselben durch ihre kontinen- 
talen gegenseitigen Ahsondeningeii, aber wiederum unter 
sich maritimen Vermittelungen eine andre, von der Natur 
in Lüften, Bergen und Thälern, Strömungen, Meerea- 
anspülungen, Windejetemen. Produkten ausgestattete sein 
musste und so auch in ihren Bevölkerungen und Kul- 
turen eine immer andre werden sollte, so daas hier die 
Individualitäten der chinesischeu , malaiischeu, indischen, 
persischen, arabischen, syrischen, kleinasiatischen Welten 
charakteristisch hervortreten konnten" (Kinl. z. Allgem, 
Vgl. Geographie 1852, 8. 233), und ein andermal von 
Europa: .Europa war in den für seine Bevölkerung 
fib erschauliehe reu, auf die temperierte Zone beschrankten, 
reich gegliederten, in allen maritimen und plfistiBchen 
Formen ineinander wirkenden Gestalten, ohne die Extreme 
imd jene üeberfiillung (Asiens), doch eben dadurch mit 
grösster Empfänglichkeit für die Au&iahme des Fremden 
ausgestattet, und durch die Natur seiner Werkstätten^ 
wie die Energie seiner Völkergeschlechter zur Verarbei- 
tung des Einieimischen dazu begabt, die planetarische 
Mitgift in dem Kulturcharakter seiner Heimat zu einer 
humanen Zivilisation zu steigern, die durch ihre inner- 
halb gewonnene Harmonie als Durchgangspunkt eben 
die Gewähr trüge der möglichsten Empfänglichkeit und 
Aufiiahme auch für alle andern Völkergeachlechter der 
Erde. Daas diese Bestimuumg des unendlichen Reicli- 
tums der Formen in den individuellen Ent Wickelungen 
nnd ihren harmonischen Ausgleichungen dieser Gesichts- 
seite, der europäischen, des Planeten sich in dem Fort- 
gang der Weltgeschichte auch bewährte, ist bekannt* 
(Eheudas. S. 234). Man wird bemerken, dass hier zwei 
sehr verschiedene Wirkungen der Käst«ngliederung ge- 
schildert sind: dort bei Asien die Absonderung grosser 
Glieder, geographischer Individualitäten, hei Europa hin- 



Verschicflein' Bedeutung tier KuBlen^lieiieruiig. 



233 



gegen eine grosse AnfgeschloBsenheit, Empfiiiiglichkeit, 
verbimden mit jener Mnimigfaltigkeit, ans <Ier der bei- 
spiellose Reichtum der Ersclieinimgen auf engein Ranme 
sieh entfaltete, wie in «nderwürts unmöglicher FttUe er 
gerade die Geschichte Europas bezeichnet. 

Wir haben diese Beispiele gewählt, um zu zeigen, 
dasa Ritter die geschicbthchen Wirkungen der Küeten- 
gliederung in zwei weit verschiedenen Richtungen sich 
bewegen sah, welche sicherlich nicht ohne Einfiuss auf 
die nähere Bestimmung dieses Begriffes Überhaupt sein 
können. Wenn es aicb um Zugäaglicfakeit handelt, 
wird daher die Küstenlinie im Vergleich zum 
Flächeninhalt, wenn um Absonderung oder Indi- 
vidualisierung, die Grasae der Glieder zu bestim- 
men sein, und in vielen Fällen wird man beide in 
Betracht zu ziehen haben. So bei der Entwickelmig 
des ozeanischen Verkehres, den beide begönstigen. Die 
öeschichtsforseher haben die eine wie die andre Anschauung 
bestätigen können, imd dieselbe gehört jetzt zu den all- 
gemein angenommenen geachichtspbilosophi sehen Ideen. 
Nur mnss man besorgt sein, dass nicht das Augenfällige, 
ja Imponierende der ozeanischen Wirkungen in der Ge- 
schichte, manchmal über die innere Ungleichheit der im 
Wort Kflstenent Wickelung gelegenen Begriffe hinweg- 
sehen lasae, was nur zu Unklarheiten führen könnte. 
Nichts liegt in der That offener in der Geschichte da, 
als daas das Meer einem Lande, das es umspQlt, und 
dessen Bevölkerung zugleich den Mut hat, sich ihm an- 
zuvertrauen, unbeschränkte Möglichkeiten der Ausbreitung 
darbietet. Von Natur kleine Gebiete erlangen Wirkung.s- 
sphären. welche an Ramn sie um das Tausendfache 
überragen, denn auch der Schwächere kann Grosses 
leisten, wenn freier Raum ihm gewährt wird. Völker 
und Länder, die an sich keineswegs bedeutend, haben 
sich den Weg zur Weltherrschaft geöffnet, indem sie 
sich den Weg zur hohen See bahnten. Man denke an 
die Phönizier, Karthager, Venezianer, Genuesen, Portu- 
giesen, Niederländer. Das britische Weltreich enthält 
70mal so viel Quadratmeilen und 7nial so viel Einwohner 



234 



KüBteiitänge und 



als düs Mutterland. Ist äuch bei dem geringen terri- 
torialen Rückhalt, den solche Staaten zu besitzen pSegen, 
der Bestund ihrer politischen Herrschaft über fremde 
Gestade in der Regel nicht von langer Dauer, so bietet 
dafür der grosse Handel, der mit Seebeherrschung ' 
bunden zu sein pflegt, Reichtümer, welche nicht c" 
leicht vergehen imd für Entwickelung der inneren mate- 
riellen und geistigen Kultur des Volkes von tangdauern- 
der Wirkung sein können. Man erinnere sich der Stel- 
lung, welche Phonizien und Karthago in der Geschichte 
der Erfindungen, die italienischen Weltplätze und die 
Niederlande in der politischen und Geiatesgeschiehte 
Enropos einnahmen, endlich der leitenden Stellung Gross- 
britanniens auf so vielen und vor allem selbst auch geistig 
höchsten Lebensgebieten. Um diese mächtigen Wirkun- 
gen zu erzielen , bedarf es aber nicht immer grosser 
Küstengliederung, keiner langen Erstreekung reich ent- 
wickelter Küsten, sondern überhaupt eines. Zuganges zum 
Meere; oft genügt ein einziger Hafen. 

Die Hansa besass gar keine güa/i\gen Küsten, m&n kano das- 
selbe von den Niederlanden behaupten und Barcelona, Venedig, 
Pisa, Genua ging'en bei ihrer Seebelierrschnng von einem einaigen 
Hafen aus. Auch die phbnizijchen Küsten sind keineswegs reich 
entwickelt, sie scheinen sehr arm und öd im Vergleich ca der 
ausserordentlich mannigfalttgen Entwickelung der griechischen oder 
der west- kl ein asiatischen. Ihre Krümmungen, „in welchen sich 
eine gewerbfleissige , kunstfertige und seerahrende Nation ent- 
wickelte"; ihre Vnrgebirge, die „in frühen Zeiten sichere Hafen- 
plätze darboten, an denen sich maritime Ansiedelungen festeetiten"; 
vorherrschende Winde, „die wie von selbst nach Cypern und Rhodus 
iuhren, während eine Kiistenströmnng von Aegyplen her die Schiffe 
wieder nach Phüniiien zurückbringt", alle diese und andre Vor- 
theile, welche die Geschichtsschreiber uns nicht mUde werden zu 
schildern (vgl. %. B. Ranke, Wellgeschichte I. 82), sind in Wirk- 
lichkeit nicht bedeutend, wie denn diese Küste heute fast jeden 
Wert für Schiffahrt und Handel verloren hat und kein Schiffer- 
volk mehr beherbergt. Waren die Pböniiier die ersten gewesen, 
welche die grosse Schiffahrt im Hittelmeere entwickelten, so folgten 
ihnen die Karthager auch hierin. Aristoteles bemerkt z. B., doss 
sie zuerst die Zahl der Ruderbänke von 3 auf 4 vermehrten n. dgl. 
Und doch hat noch niemand die karthagische Küste als für die 
Entwickelung der Schiffahrt sehr günstig bezeichnet. Nehmen 
wir an, dass die Hypothese sich bewahrheite, es seien die Phö- 
nizier als ein schon schiffahrlskundjges Volk nach ihrer KSste 



SeebeherrBcliung. 



235 



I 



eingewBnilert, »ü würde uns die Gunst der letzteren als eine viel 
weniger wichtige Sache erscheinen. Denn einem solchen Volke 
w&re ein guter Hafen nnd die regelmässigen Wind- und Stromunga- 
TerhftltniBse genügend, um die mitgebrachten Fähigkeiten zu enl- 
falten. Würdigen wir Jene aber, wie die Geschichtsschreiber es 
EU thun pflegen, inil Bezug auf ihre mr Seefahrt erziehenden 
Wirkungen, so erscheinen sie uns nicht genügend. In dieser Hin - 
eicht treten uns ganz anders ausgestattet die Küsten und Insel- 
Huren des AegäiBchen Meeres entgegen , das wir aber andrerseits 
noch dem eben Gesagten doch nicht mit Mommsen als das insel- 
reiche Ueer , bezeichnen mochten , ,,daB die Hellenen zur see- 
fahrenden Nation gemacht hat'\ Wohnten denn aber die Phö- 
nizier nur auf jenem schmalen Küstenstrich des südlichen 
Syriens, oder genossen sie nicht auch von den Vorteilen, die 
dos Aegäische Heer den SchilTem, Räubern und Kaufleuten bot? 
Wir dürfen heute letzteres ebenso bestimmt bejahen, wie Thucy- 
dides sagt: Und nicht weniger waren die Inselbewohner, die aus 
Karem und Phöniziern bestanden , Seeräuber „oüto'. fäf 3j] xäq 
icXtioTd; Tuiu vvjsutv uixipiv''''. Das geht in die mythischen Zeiten 
lorilck uud so liatten die Phönizier Zeit genug, um an günstigeren 
Küsten als ihrer heimischen sich Schalung in der Schiffahrt zu 
holen. Behanntlich hielten die Griechen den Minos für den ersten 
Gründer einer Seemacht, Hinos aber beherrschte ein altphönizisches 
Gebiet. Wir müssen eben auch hier dem Grundsatz treu bleiben, 
welcher für die Prüfung derartiger Verhältnisse oben ausgesprochen 
warde: Die Natur und die Geschichte jedes einzelnen Falles prüfen, 
um den Schematismns zu vermeiden, weil es sich nicht nm Not- 
wendigkeiten, sondern um Möglichkeiten oder höchstens Wahr- 
scheinlichkeiten handelt. Japan, eines der reichstgegl lederten 
Länder, das durch seine Lage noch mehr als durch seine Qliede- 
rang zur Schiffahrt einlädt, zählte seit Jahrhunderten in der Schiff- 
fahrt jener Heere nicht mehr mit, hatte aufgehört die Gunst der 
n atfirl ich cn Verb BltniBse zu nützen. Nach einer Arbeit Kusunoki's 
über die Seereisen der Japaner im Altertum (s. Japan Herald Juni 
1878) würde diese Abschliessung erat von der Zeit der Christen- 
Verfolgungen (1639) an datieren. Er führt Ueb erliefe rangen von 
japaniscbera Handel und Verkehr nicht nur mit Südostasien, sondern 
auch mit West-Amerika bis Mexilfo und Peru an, femer Reste von 
japanischen Tempeln sn Küstenpunkten Chinas. Was man auch 
davon halten mag, jedenfalls war Japan einst mehr Seestaat als 
es heute ist. Ein Blick auf die Geschichte lüsst diese Beispiele 
vervielfältigen. Wie gross ist die Länge todliegender Küsten, die 
Zahl verödeter Häfen, von welchen Handel und Verkehr sich zu- 
riickgeaogen haben, und welche Entwickelungen mag andrerseits 
eine nahe Zukunft bergen, von denen uns nur die Ahnung einer 
nnerhörten Verkehrsent Wickelung vergönnt ist! 

Wir sehen uns angesichts derartiger Thatsachen zu 
I der Behauphing gezwungen, dass der Begriff Kflstenent- 



23ti Weile der Wirkungen (1it Kiietenlänge. 

wickelmig nichtr bloss nicht genflgeiid nach seiner in- 
neren Verschiedenartigkeit gewürdigt, sondern dasn 
auch die Sache selbst hinsichtlich ihrer Wirkujigen im tJl- 
gemeinen überschätzt werde. Dieses einseitige Betonen der 
Umrisslinie, diese geometrische Oegenaetzung der Glieder 
gegen den Rumpf ist, mau kann es nicht verkennen, 
etwas äusserlich. neigt zum Schematismns. Das eine ist 
gnt, um zur Abgrenzung grosser geographischer Indivi- 
dualitäten wie Arabiens, Kleinasiens, selbst der Sinai- 
halbinsel u. dgl. zu gelangen, das andere, um die Länge 
der sicheren Meeresgrenze, die Zugänglichkeit, den Grad 
der Insiilarität und Peninsularität ii. A. zu vergleichen, es 
darf aber nicht ins Kleine fortgeführt werden, ohne dass 
man der Gefahr ausgesetzt wird, das natürliche Geäder 
des organischen Zusammen gehören» mit sciiwerfalUg 
irrender Hand zu durchschneiden. Die Bedeutung des 
Meeres reicht zu weit, ura so leichthin an den KQsten 
abgegrenzt zu werden. Es ist für die vergleichende 
Geschichtsbetrachtung mindestens ebenso wichtig, die 
Frage aufzuwerfen: Wie weit reicht das Meer? oder 
gar die schwierigere: Wie weit reichen diejenigen 
Wirkungen des Meeres, welche stark genug sind, um 
dem Lande einen eigenthümlichen Charakter aufzuprägen, 
der der Gegensatz von binnenländisch oder, im Grossen, 
von kontinental ist? Vielleicht ist es nicht missverständ- 
lich, wenn wir den bildlichen Ausdruck , geistiges See- 
klima* för das anwenden, was wir im Auge haben. 
Dass aber die Einführung eines derartigen feineren Be- 
griffes in die Lehre von der Küstengliederung nothwendig 
ist, lehrt die eine Thatsache, dass nach der herkömm- 
lichen Fassung des Begriffes Küstenlinie manche unserer 
grössten Seestädte , wie Hamburg . Bremen , Stettin, 
Petersburg thatsächlich hinter die Kflstenlinie fallen. 
Zum mindesten muss die Küstenlinie soweit reichen als 
die Seeschiffe in der Regel gehen, und eine Linie, welche 
alle diese am meisten binnenwärts gelegenen Punkte ver- 
bindet, würde die Küstenzoue vom Binnenlande abschnei- 
den. Dass es dann aber noch immer sehr verschiedene 
Verhältnisse der weiter znriickliegenden Landesteile znm 
Meere gibt, liegt auf der Hand, 



Kol«eii'li(;e Ergänzung des Begriffs Küäti-iiglieripi-ung. 237 

Die KuUurverbreitung hi Westeuropa zeiet im üegeosaU eu 
dorJBliigcn im Oateu unseres ErdtLieÜes deutlichst die Wirlcung 
der Nähe iind der Eutlegcnheit^ <Jer Zu^nglirlikeit und At>ge- 
süMoHsenheit, jener nicht untnitlelbor, sondern von weither wirken- 
den Meeresein II ÜBse. Europa im Kultursinn reichte bis vor anderthalb 
Jahrhunderten ostwärts nicht über die Weichsel hinaus und es ist 
wohl kein Zufall, dass diese Grenze mit derjenigen des gegliederten 
und Oieftnisch- zugänglichen Teiles von Europa gegen den halb 
asiatiBcben Rumpf zusammenfällt und dass die Haiiptquelle der russi- 
schen Knltiir, Religion n. s. f., Bjrznnz, eine halbasiatische aber 
im höchsten Grad tholasBiBche Lage hat. Von Süden und Westen 
d. b. von den gegliederten Meeresseiten her wuchs die Kultur in 
diese Uasse hinein, die sie noch heute im Osten nicht so recht durch- 
drungen bat. Wie viele Handi^latitadte des Binnenlandes verdanken 
dem nicht eben nahen Meere ilire Grösse ohne Seestädte zu sein! 
Babylou „ein Land des Handels, eine Stadt von Kaufleuten" wie 
die Schrirt es nennt, ist ohne Zweil'el in seiner Bntwickeluug 
geTördert worden durch die grössere Leichtigkeit der Schiffahrt 
anf dem persischen Maerbusen, In dessen Mündung Tylos lag, eine 
phÖDixische Niederlassung. Paris und Berlin haben unzweifelhaften 
Gewinn von ihrer Lage in der Nähe des Meeres. Köln ist halb 
Hordseestadt und könnte es noch mehr sein als es ist. Dem 
Fluseverkehr müssen solche Plätze Dotürlich zugänglich sein, denn 
dieser dient am meisten dazu, das Heer in dna Binnenland hinein 

Hier kommen wir auf die Fotderiiny zurück, daae 
so wie in der physikalischen auch in der Kultur-Geo- 
graphie die Flüase , diese Nährer der Meere und diese 
Tr&ger der Meereswirkungen nitch dem Binnenlande hin, 
nicht vom Meere getrennt werden sollen und dass der 
Begriff Kiiateueutwickelung seine Ergänzung fin- 
den mfisse durch den Begriff Stromglied eruug 
oder Stromentwickelung, wenn er nicht lahm 
bleiben solL Wir brauchen wohl nicht hinzuziiftigen, dass 
damit etwas andre» gemeint ist als mit dem rein physika- 
lisch-geographischen Begrifle gleichen Namens, der durch 
den Vergleich der wahren Länge eines Stromes oder Flusses 
mit dem Abstand der Quelle von der Mündung erhalten 
wird. Wir aehen schon heute kleinere Seeschiffe auf 
dem Wege des S. Lorenzstromes und Wetlandk anales 
bis in den Kichigansee kommen, wo sie vor Chicago, 
d. h. im Herzen Nordamerikas vor Anker gehen, und die 
Jetzt nahezu vollendete Erweiterung jenes die NiagarnfüUe 



238 



lenglieder 



[ imil Stvonigliedcriiiig, 



umgehenden Kanales verspricht diesen Weg; auch grofiseii 
Dampfern zu öffnen, Diese hochwichtige Thatsache stellt 
sich in ihren wichtigsten Wirkungen umnittellmr neben 
die Küste ngtiederung. Nicht minder die der Schiffbar- 
keit des Amazonenstromes bis Tabatinga. Wenn Werthe- 
inann einen Plan entwerfen konnte durch Ausdehnung der 
Schiffahrt bis in die Anden hinein den Weg zwischen 
dem höchsten Schiffahrtspunkt und der äussersten Station 
der Oroyabahn auf wenige Tage zu reduzieren, so sollte 
man nicht von der plumpen Ungegliedertheit Südamerikai« 
sprechen, ohne sogleich hinzuzufügen, das» der Küsten- 
lioie Ton noch nicht 4000 G. M. im Amazonenstrom und im 
La Plata u. s. w. allein eine Schiff burkeit von Tausenden von 
Meilen entgegenstehe. Da die Menschen nicht schema- 
tisch sind in der Ausnützung der Natur, indem sie mit 
einem Strom sich begnügen, wo kein Meeresarm ihnen 
zur Verfügung steht, und mit einem FIusb, wo kein 
Strom fliesät, sollten es auch diejenigen nicht sein, welche 
über diese Dinge nachdenken und sollten die Gliederung 
nehmen wo sie solche findeu. Da aber die Natur der 
Flüsse in der physikalischen Geographie in eben so un- 
berechtigter Weise scharf von der des Meeres getrennt 
wird, wie ihre Kultvirwirkungen in der Betrachtung der 
tieschichte von denjenigen des Meeres auseinandergehalten 
zu werden pflegen, so darf man sich allerdings über jene 
einseitige Schätzung der Küstengliederung nicht wundern. 
Auch wenn wir die Grössenverhältnisse ins Aoge 
fassen, sehen wir, wie sehr mannigfaltig unterschiedene 
Küstenformen , welchen verschiedene Wirkungen inne- 
wohnen können, man zusammenfasst, indem man von 
Küste ngiiederung spricht. Dadurch erhält dieser so oft 
angewandte Begriff eine innere Unsicherheit, welche ihn 
verhindert, die Bedeutung für die Kulturgeographie zu 
erlangen, welche mehr ahnend als erkennend Ritter ihm 
zusprach und welche ihm ohne Zweifel auch zukommt. Und 
doch liegt es auf der Hand, dass eine Felsenküste von 
der Art der Gliederung, welche wir in Norwegen finden, 
in anderer Richtung ihre Anwohner beeinflussen wird 
als eine iihnlich reich gegliederte aber flache Küste, wie 



GröBse der Kii Stellglied er. -239 

wir sie in den Atlantischen Südstaaten XordamerikHs 
finden; und noch klarer ist au sehen, dass eine Glie- 
derung im Grossen wie der Südrand Aaienö sie zeigt, 
»ndre Kultur Wirkungen hervorrufen wird als eine Glie- 
derung im Kleinen . wie wir aie an der Schärenküste 
von Finnland linden. Auch wird man nicht zweifeln 
können, dass eine ungegliederte Küste, welcher Inseln 
nahe gegenüberliegen, in dieser Beziehung nicht ganz 
ebenso sich verhäU wie eine ungegliederte und zugleich 
insellose Küste, wobei auch die Nähe oder Feme solcher 
Inseln und ihre eigene Grösse nicht ohne Bedeutung ist. 
Und ebenso ist wiederum ein erheblicher Unterschied 
zwischen einer Küste, an welcher zahlreiche Flüsse aus- 
münden und einer andren, welche solcher entbehrt {vgl. 
u- Kaj). lO II). Und nehmen wir die Gliederung im Grossen 
für sich, so ist es wieder nicht dasselbe, ob die Glieder 
zwischen 7 und 10,000 Q,-M. wie in Südeuropa oder 
zwischen 30 und 40,000 wie in Südasien oder zwischen 
300 und 1,000 gross sind wie im gemässigten Nord- 
amerika. Suchen wir ihre Wirkungen zu überschauen, 
so sind es ebenfalls nicht überall die gleichen. Vor 
allem besteht hier ein Unterschied zwischen grossen und 
kleinen Küstengliedern, welcher schwer in die Wage 
lallt. Schon Keber hat in seiner Kritik des Ritter'schen 
Begriffes der Küstengliederung, die so heilsam anregend 
gewirkt hat (Geogr. Mitth. 1863 S. 309) darauf hinge- 
wiesen, welchen .Unterschied in Bezug auf Kästen- 
gliederung und die daraus zu ziehenden Folgerimgen es 
macht, ob ein solches nur nach seinen Quadratmeilen 
zählendes Glied eine Halbinsel von der Gestalt Vorder- 
indiens oder Kaliforniens ist*. Vorderindien, Hinterindien 
und Arabien sind Glieder von solcher Grösse, dass man 
ihnen als geographischen Individualitäten unmittelbar 
hinter den Erdtheilen ihre Stelle anweisen muss. Jede 
von diesen Halbinseln übertrifft um mehr als das Doppelte 
die grössten Inseln der Erde, und Vorderindien hat nicht 
bloss mehr Kulturboden als Australien, sondern auch 
nicht viel weniger Bevölkerung als Europa. Das sind 
in Wahrheit kleine Erdtheile für sieb, welche in vielen 



340 



Abäomieriing diircli Kdaleiiglieder 



Beziehuagen nur wie zufiillig au Asien angegliedert er- 
scheinen. In kleinerem Masse gilt dasselbe von den 4 
grossen Halbinseln Europas. Diese Art von Gliederung 
schafift historische Schauplätze, welche gross genug sind, 
um ganze Nationen oder selbst mehrere derselben zu 
umschliesseii. Die geachichtlicheu Vorgänge, welche auf 
deuselbeu sich abspielen, könuen dem Erdtheile, dem 
solche mächtige Glieder angehören mehr oder weniger 
fremd bleiben. Man wird wohl im Allgemeinen behaupten 
können, dass je grösser diese Glieder, desto selbständiger 
ihre Stellung im Verlauf der geschichtlichen Entwicke- 
luug sein wird, doch kommen dabei auch jene Momente 
der inneren Gliederung in Betracht, bei welchen wir oben 
in der Schilderung der geschichtlichen Rolle der Halb- 
inseln verweilten (s. S. 103). 

Die Tendenz zur Absonderung, welche sieli hier 
vollständig zum Durchbruch bringt, muss bei den Glie- 
derungen in kleinerem Ma.sastabe sich mit weniger ein- 
greifenden Wirkungen begnügen, welche indessen im 
Rahmen einer Sondergeschichte noch immer bedeutend 
genug erscheinen können. Der geschichtliche Gegensat?. 
zwischen dem Peloponnes und dem Übrigen Griechenland 
fülirt zu einem guten Teile auf die starke Abgliedeiung 
des ersteren zurück, aber er vermochte nicht aus den 
Bewohnern des einen oder des anderen Äbschnitte.'^ etwas 
andres als Griechen zu machen. So schafft auch die 
reiche Gliederung Schottlands, Norwegens und Irlands ent- 
sprechend mannigfaltige innere Unterschiede in den be- 
treffenden Völkern, aber dieselben fallen dariim nicht 
auseinander. Und wenn die Gliederung eine so tief ein- 
greifende und so wenig Raum für eigene iimere Ent- 
wickelung übrig lassende wie in Norwegen, wodurch 
die ganze Bevölkerung mehr oder weniger aiil's Meer 
hinausgewiesen , mit demselben befreundet wird, ver- 
wischt dieses verbindende Element wieder viel von dein 
Sondernden, das in der Küstengliederung gelegen ist. 
Wo endlich die Gliederung noch kleinere Dimensionen 
amiimmt, wie z. B. an der Snnischeu Schärenküste. 
da kami sie durch die Erzeugung zahlreicher Buchten, 



I 



KüBlengliederung und Sehiffalirt. '241 

welche als Häfen dienen, zwar die Schiffahrt, den Ver- 
kehr, vielleicht auch nur die Seefischerei fördern, aber 
ihre sondernde Wirkung hört hier auf. 

Wm wir eben berührten, die Wirkung der Küfltengliede- 
rung Buf die Schiffahrt und den Verkehr, liegt, wie gesagt . 
gcoseenteils nach einer andern Seilte aie ihre sondernde Wirkung. 
Eine Käste ist der SchiiTahrt günstig,, wenn sie hafenreich ist, wenn 
sie in ihren Einschnitten ruhiges Sahrwasfier bietet und wenn die 
einielnen Glieder des Landes in Form von Halbinseln und KfiBten- 
Inseln sich etwa nur so weit von dem Reste loslösen, um lockende 
und günstige Zielpunkte für die Sch.itTahrt xu bieten. Die Küsten- 
fakrt erfordert mehr Geschicklichkeit als jede Fahrt auf liolier See, 
wenn sie auch weniger Ansprüche an den moralischen Unt stelll. 
Sie hat stets die besten Seeleute gebildet und so haben die PhiS- 
niiier, Karthager, ürieehen und Portugiesen ihre grosaen Ent- 
deckungen immer durch Küstenfahrten vorbereitet. Die grosse 
Gliederung spielt hier eine mindere Rolle als die Gliederung im 
kleinen, wiewoht auch jene vorzuglich bei schon entwickelterer 
Beeffthrt von förderlicher Wirkung sein kann, wie denn die Kach- 
barschaft Arabiens und Afrikas sammt Hadagashar jener ersteren 
Halbinsel eine wichtige Rolle in der AufschlieasungAfrikas von der 
Seeseite her zugewiesen hat. Es ist aber hinsichtlich der klei- 
neren Gliederung wohl xu beachten, daes sie nicht immer mit 
Hafenreichtum verknüpft ist, wahrend umgekehrt Hafenreich- 
taro nicht notwendig mit reicher Gliederung znsammen trifft. 
Die südliche atlantische Küste von Nordamerika ist zwischen 
30 lind 33* K. B. eine der buchten- und in sei reichsten und doch 
riir die grosse Schiffahrt mindest günstigen in dieser ErdteilhälHe. 
Die Sfidküste von England ist verh ahn issmassig wenig gegliedert 
und hat doch, such abgesehen von den Kunstbauten, mit denen 
nun Jahrhunderte sie bereichert haben, eine Anzahl Häfen, denen 
das viel gegliederte Dänemark nicht« an die Seite stellen kann. 
Geht mit reicher Gliederung Unwirtlichkeit oder sehr gefährliches 
Fahrwasser Hand in Haad, oder, was in nordischen Ltindern nicht 
selten, beides, so fällt ihr Wert dahin. Der klippige Charakter 
der schottischen Westküste hat seinen Anteil an der geringen 
Fischerei und ScbifTahrt der gälischen Nordwestküate im Gegen- 
aatE zur germanischen Ostküste , die so ungemein rege in allen 
Heeresgeschaften ist. Der unterschied der Bevölkerung ist in- 
dessen dabei nicht zu übersehen, denn obgleich die britischen 
Inseln vom Meere umtiutet sind, wagten sich die Kelten doch nie- 
mals sehr weit auf dem Salzwasser. Der Schiffbau blieb bei ihnen 
stets auf einer untergeordneten Stufe, sie harnen nicht Über elende 
Fahnieuge ans Flechtwerk hinaus. 

Selbst das, was der Schiffer ^Landroarke" nennt und wonach 
er seinen Kurs nimmt, kommt bii'rbei wesentlich in Betracht. Man 
hat es als einen hohen Vorzug des üatlichen Miltelmeeres gepriesen, 
Bilirl. inthropo-Qnogniphls. It. 



242 



LuidmarkaD. Das Mittelm 



das9 die SohilTer auf langen ReiseD täglich ein Vorgebirg, eine 
Insel II. s. w. im Auge behalten können, wonach sie ihren Kun 
richten. In Verbindung mit der von E. Curtius ausdrücklich her- 
vorgehobenen Klarheit der griecluachen Lnft, ohne welche allerdings 
gerade dieser Vorzug viel von seinem Werte einbiisBen würde, 
ist dies ein Vorteil, der vor der Zeit der Magnetnadel nnd de« 
Teleskops grösser war als wir heute schätzen können. Vei^ssen 
wir nicht, dass die Klippen ehrlichere Uefahren sind, die vor 
sich selbst warnen, als die trügerischen Sandbänke. Beim Anblick 
des Südkaps von Vnn Diemens-Land mit seinen wie für Leacht- 
tnrme gemachten beiden Felsspit.zen sagt daher Cook: ^ Die Natur 
acheint diese beiden Feisen hier stehen gelassen zu haben tnr 
denselben Zweck , zu welchem Eddyatones Leuchtturm gebaut 
ward, nämlich um den Schilfern von den in der Nähe sie be- 
drohenden Gefahren Kenntnis zu geben" (A Voyage 1777. L 941. 

Die günstigsten Erfolge treten natürlich da auf, wo 
die Yerschiedeneii Arten von Gliederung sich ver- 
binden und nahe zusammentreten. Im Mitt«lmeer ist 
dies im grössten Masse der Fall. Niemand zweifelt, dass es 
schon durch seine Unterabtheilung in verschiedene Becken 
für die Entwickelung einer von den Küsten sich ablösen- 
den SchifTahrt geeignet war, und dass das Zusammen- 
treten Europas, Asiens und Afrikas an seinen Ufern 
einer solchen Entwickelung noch kräftigere .Ajitriebe 
geben keimte. Aber ausserdem ist sein Reichttuu an 
guten Häfen, Buchten, Inseln imd vorspringenden Halb- 
inseln und Vorgebirgen, welche auch schwächeren Fahr- 
zeugen guten Schutz boten, schon früh als eine starke 
Hülfe in der Entwickelung der Schiffahrt erkannt worden. 

Zweifellos übten jene Wirkungen der Küstengliede- 
rimg einen grossen Einfliisa auf die Bevölkerungen aas, 
welche sich ihnen ausgesetzt sehen. Es entsteht daraus 
hauptsächlich der Gegensatz zwisclien Küsten- nnd 
Binnenvölkern, welcher nicht selten mit tiefergehea- 
den Hassen- und Stammesunterschieden zusammenhängt. 

So finden wir im malaiischen Archipel iiberaU wo Halaien 
und Papuas beisammen wohnen, jene an den Küslen, diese im 
Inneren. Die Kiieten nnd das Ueer gehören auch in Schottland 
dem Germanen, während Berg und Uoor die Wohnstitte des on- 
betriebGamen Kelten sind. Uie Phönizier und Karthager waren 
echte Küsicnvolker and so waren es In Kleinasien die Griechen. 
In Kteinasien macht die Geschichte diesen Gegensatz im höchsten 



KiJBtenvijlker 



243 



I 



I 
I 



Hasse fühlbar. Ernsl Curtius zieht eine Linie tod Eonstanlinopel 
Ijkischen Biieen und 1ä.sat westlich tod ihr gleichanm 
e Well, ein andres Land beginnen. Treffend vergleicht 
er disBefl Küstenland detn Sanrae eines Teppichs '). „Wenn man 
nach der Terrainhildung die Weltteile unterscheiden wollte, sa 
milsste man auT jener Scheidelinie des Urer- und Binnenlandes 
die Grenisäulen aufrichten zwischen Asien und Europa" (Gr. G. 
1, G). Von seinem Binnenlande losgelüst, erhält dieses Ufer- 
Stufenland eine littorale Geschichte, die ihren Mittelpunkt Im 
Heere und ihren Gegenpol im gegenüberliegenden Ufer dieses 
Heeres Gndet, Westkleinasien und Griechenland, Dalmatien und 
Venedig, Norwegen und Dänemark, die ostafrikanieche Küste vom 
Roten Ueer südlich und Arabien sind entsprechende Beispiele. 

Nur angedeutet sei liier die tie fein greifende geschichtliche Rolle, 
welche solchen meerv ertrau t«n Völkern zugeteilt ist, Uit der Be- 
weglichkeit des flüssigen Elementes begabt, sind sie die vorbe- 
Btimmten Eroberer und Kolonisten. So die Phönizier. Karthager, 
Griechen, Normannen, Malaien, die Fermente rahigerer Völker. J&er 
oft sind ihre Wohnsitze zu eng, oni ihrer rasch erworbenen Macht da» 
nötige breite Fundament zu geben, und dieselbe ist darum manch- 
mal nur von kurzer Dauer. Im Gegensalz zu ihnen sind die 
Binnenvölker langsam von Bewegung, aber oft nm so schwerer 
von Massengewicht; wo sie eine Macht gründen, pflegt sie allein 
schon wegen der Zahl, in der sie auftreten, von grösserer Dauer 
zu sein. Die Alhsnz der Phönizier mit den Juden, welche jenen 
via Hinterland and diesen Seehäfen gab, ist eine der natürlichsten, 
die je geschlossen wurden. 

Oft werden solche Verbnltnisse die Richtung und die An- 
griffspunkte der Wandemugeu bestimmt haben. Walirend Java 
sich nach Norden mit llachep, fruchtbaren Küsten strichen gleich- 
sam einladend öffnet, indessen seine Südküste felsig und daher 
schwer zugänglich ist. wendet Sumatra seine dorch fruchtbare 
Niederungen und breite, schiffbare Flüsse aufgeschlossene OstkÖste 
jenem „uralten Durchgang maritimer Zivilisation"' zu, wie C. Ritter 
(Asien V. 42) treffeud tlie Malakka- Strasse nennt, wiilirend es 
nach Westen seine wildeste, gebirgigste Küste dem Indischen 
Ozean weist. Man sollte von vornherein annehmen, daas wenn 
Sumatra von aussen her bevölkert worden wäre, dies von jener 
nicht nnr zugänglichen , sondern auch einladenden Seite her ge- 
schehen mnsale. In der That hebt Junghuhn hervor (Batia- 



■atlHiKDiotilMn: .TU Mrbaiorani m 
SnaolM.* (Fngm. De Kt^pobl. tl, i. 



An dr-FBolbsn StcUo ■oblldoit n gtna n 



qua« Onnubas « 



244 



AngrilTtfpiinkle der Erdteile. 



läader II. 200), dusB im Battalande „die Zunahme der Bevölke- 
rung Ton O. nach W. gerichtet war und da»8 das Uensuhen leben 
im lonem und an den sanften Oatgehängen achoa in Blüte stand 
ale. durch Uebervöllierung gezwungen^ eine Anzalü Kolonisten 
EUm wilderen Weatgeslade hinab6tieg'\ 

Daflaelbe macht sich in grösseren Verhältnissen und 
in den grössten geltend. Vermöge ihrer sehr mannig- 
faltigen Eüstengestalt und dea schon in der Nälie der 
Kasten verschiedenartigen EnlturmÖglichkeiten, bieten die 
ErdtL'ilein ihrer Peripherie verschieden günstige Mög- 
lichkeiten zum einmaligen oder dauernden Ein- 
dringen dar, so gut wie jede andre Insel. Man hat iii 
diesem Sinne ganz treffend z. B, von den drei oder vier 
Angriffspunkten gesprochen, welche Afeika in der Syrte, 
au der Nilmündung, in Äbessinien und au der Südspitze 
darbiete. Bestimmte Seiten eines Erdtheiles oder sonst 
einer Landschaft erhalten dadurch eine bewegtere Ge- 
schichte, eine grössere Bedeutung für den Verlauf der 
geschichtlichen Entwickelnng in ihrem weiteren Umkreis. 
Kleinasien, das in diesem Zusammenhang immer wieder xd 
nennen ist. kann auch hier als gutes Beispiel gelten. Während 
die Nord- und Südküslen Kleinasifns geradlinig, hafen- und intel- 
arm rerlaiifeo, zeigt die Westküste Ton der Proponlis bis Kap 
Chelidonia einen fortlaufenden Wechsel von tiefen sicheren Bach- 
Cen und Hafen nnd weit ins Heer hinausragenden, schützenden 
Vorgebirgen. Und toi» Lemnos bis Rhodos tragt eine reiche 
Inselechaar noch dazu bei, die Küsten za beleben und, nach 
Humanns Ausdruck, .,den Sefgang zum Besten der Schiffahrt an 
mildem-^ Ernst Cnrtins spricht von der gegliederten, offeneren 
Ostkiiste Griechenlands vom thrakischen Gestade nn als von ' 
Vorderseite der ganzen Land ermasse; dies ist in der That in 
allen Geschichte die Angriffsseite Griechenlands und die Seite, 
von der die geschichtlichen Handlungen auch wieder ausgingen. 
Vergessen wir aber Über den günstigen Wir- 
kimgen nicht der minder wohlthätigen zu gedenken, 
welchen diese so ganz offenen Strecken der Erde a 
gesetzt sind. Wir denken heute nicht mehr in erster 
Linie an Seeräuber, welchen noch Thucydides eine er- 
hebliche geschichtliche Rolle (L 4 5,) zuweist, und denen 
die Küstenentwickelung Lebensbedingung war. Aber es 
zeigt sich die Konfiguration auch einflussreich in der 
Verbreitung gewisser Krankheiten, welche an Küsten- 



Das Drängen nach den Küsten. 



245 



ränder gebunden Hind. So ist daa Gelbe Fieber in 69 
Epidemien, welche in Nordamerika beobachtet wurden, 
in 30 Fallen nur an der Koste, in 32 nur an Bchiffbaren 
Flüssen aufgetreten. Im Durchschnitt dringt es nicht 
über 2 D. M. von diesen ertlichkeiten aus landein- 

Wetm die Geschichte uns von vielen KüatenvöUsem 
berichtet, dass sie von »useen an die Wohnjilätze ge- 
kommen, deren natürliche Vorteile sie vermittelst ihrer 
bereits mitgebrachten Kenntnisse sich zu nutzen wissen, 
so ist doch sicher, dass in vielen anderen Fällen die 
Binnenvölker eines Landes an dessen Meeresrand vor- 
rückten, um dort die Vorteile des leichteren und un- 
mittelbaren Verkehres mit der Aussenweit zu geniessen. 
Selbst wo sie nach Neigung imd Befähigung letzteres 
bloss in passiver Weise thun, sind diese seewärts ge- 
richteten Bewegungen dennoch von grosser Wichtig- 
keit und Ausdehnung. In den afrikanischen Littoralge- 
bieten gehen sie z. B. bestandig vor sich und sind bei der 
Eifersucht zwischen den Handel monopolisierenden Küsten- 
bewohnern imd den nach demselben Ziele strebenden 
Binnen Völkern unaufhörliche Ursachen von Volk er Ver- 
schiebungen und Kämpfen. Hierbei gewinnt dann die 
der Berührung mit der See mehr oder minder günstige 
Gestalt und Lage des Landes natürlich eine folgenreiche 
Bedeutung. Wäre mehr GlieJening, so wäre auch mehr 
Berfihrung, mehr Selbständigkeit, weniger nutzlose Rei- 
bung vorhanden. Aber ,da dieser Kontinent ohne 
Meeresarme und Föhrden ist, so sind die Stämme des 
Innern stets vom Verkehr mit den Europäern abgehalten 
worden durch die allgemeine Herrschaft dieses Grund- 
satzes (die binnen wärts wohnenden ausser Sicht zu 
halten und als Zwischenhändler sich zwischen sie und 
den Europäer zu stellen) bei den Stämmen der Küste." 
Es sind dies Worte D. Livingstones (Miss. Travels 
1857. 77), welche wir ausdrücklich hersetzen, weil sie 
ze^^en, wie diese Verhältnisse hervortretend sind, um 
einem Geiste aufzufallen, der in Fragen der sog. ver- 
gleichenden Erdkunde als .unsophisticated" gelten darf. 



246 



KüstenbeTölkemngeti. 



Wenn man endlich die für die Schätzung der KOsten- 
entwickelung so naheliegende, ja notwendige Frage aof- 
wirft: Wie kann die gröastmögliche Menge von 
Menschen an das Meer heran, mit dem Meere in 
Berührung gebracht werden? so sind selbstverständ- 
lich wieder mehrere Beautwortungen möglich. Es kommt 
dabei allerdings viel auf die Ghederung, viel aber auch 
auf die Bewohnbarkeit der Küste des betreffenden Landes 
an. Ist die EUste so felsig und steil, daas keine mensch- 
liche Wohnung an derselben haften kann, so wird sie 
bei aller Gliederung wenig dazu beitragen, die Bewohner 
des betreffenden Landes mit dem Meere zu befreunden; 
lädt sie hingegen zu dichter Bewohnung ein, so wird 
auch ohne reiche GUedenmg eine grössere Anzahl der- 
selben an das Meer und damit mit der Zeit auf dasselbe 
hinausgeführt werden. Ueberhaupt ist die Frage der Zu- 
gänglichkeit des Meerearandes hierbei wohl zu erwägen. 
Das Zurückbleiben der Aegypter in der grossen See- 
schiffahrt beruht wohl wesentlich auch auf der That- 
sache, daas die am nächsten beim Meere gelegenen 
Strecken des Deltalandes ihrer Natur nach stets dünn 
bevölkert sein mussten, während die Phönizier und 
Griechen zu ihren für die Entwickelung ihrer ungeheuer 
folgenreichen Seeherrschaft unentbehr heben Wanderungen 
über die Inseln und Küstenländer des Mittehueerea durch 
die Thatsache der Anhäufung von noth wendig über- 
ffiess enden Bevölkerungen an ihren heimischen Kfisten 
getrieben wurden. Derselbe Grund las st sich für die 
Wanderungen der Chinesen nach den südostasiatischen 
Inaein annehmen, welchen, in engerem Rahmen, eine 
ähnhche Bedeutung für die Entwickelung ihrer Schiffs- 
fahrt beizumessen ist- Norwegen würde ohne die Rauh- 
heit seiner Gebirge und zugleich ohne die verhältnia- 
inäsaig dichte Bevölkerungen nährende Fruchtbarkeit 
seiner Fjordniederungen nicht im stände sein, eine 
Flotte zu unterhalten, welche diejenige Deutschlands 
(nach der registrierten Tonuenzahl) heute um */i über^ 
trifft und Aehnliches gilt von den Niederlanden. Sollen 
wir endlich hervorheben , daaa die reichstgeghederten 



Seliiiu der Küelen. 



247 



Landscliaften auf iinsrer Nordhalbkiigel den polaren 
Regionen angehören, wo die durch das Klima bedingte 
Menschenleere jede Ausnötzung dieser Naturgabe ver- 
bietet? 

DasR, zwischen Meer und Land gelegen, die Küsten 
XU den Stätten grösater natürlicher Veränderun- 
gen gehören müssen, und dass auch diese nicht ohne Ein- 
fluBH, sei es rascher oder -langsamer, zerstörender oder 
aufbauender, auf den Menschen und seine Werke sein 
können, liegt auf der Hand. Gewöhnlich sind die auf- 
bauenden Wirkungen die langsamen, die zerstörenden 
die raschen. Was letztere anljetriflt , so genügt es , an 
die durch Vereinigimg von Sturm imd Gezeiten oder 
durch Erdbeben entstehenden Sturmfluten zu erinnern, 
weiche zu den die meisten Menschenleben in kürzester 
Friat fordernden Naturereignissen gehören. Aber nicht 
derartige Verluste, wenn auch selbst ganze Landschaften 
za Grunde gehen, wie bei den Sturmfluten des 13. — 16. 
Jahrhunderts in der Nordsee , welche den Dollart und 
Jahdebua^ entstehen liessen, sind das geschichtlich 
folgenreichste dieser Ereignisse, (denn da die Geschichte 
eine fortgehende Schöpfung ist alle Zerstörung, Ver- 
neinung in ihr nur wichtig als Bedingung und Grund 
neuer Enistehungen), sondern die Bewegungen zum Schutz 
und zur Abwehr, welche sie in die Küstenbe wohner 
bracliten, und an welche sich, weil die Abwehr zuer.it 
Behauptung sein muss, eine grosse schaffende Thütigkeit 
anschloss, welche selbst in der Summe des gewonnenen 
Landes mehr als die Verluste früherer Jahrhunderte 
aufwiegt. Sind doch zwischen Elbe und Scheide nicht 
weniger als 100 D. Q.-M, fruchtbaren Landes in 300 
Jahren gewonnen worden ! Es liegt aber noch viel mehr 
als nur materieller Gewinn darin. Gefahren, deren 
Drohui^ die Gesammtheit eines Voltes oder einen 
grösseren Teil desselben zu gemeinsamer Abwehr ver- 
bindet , haben eine starke vereinigende , die Schätzung 
gemeinsamer Interessen fördernde Macht imd wirken da- 
durch günstig auf die Qesamtkultur. Eines der hervor- 
ragendsten Beispiele bieten hieför die tiefgelegenen Küsten- 



248 



Schalt der Riislen. 



»trecken der Nordsee in Deutschland und den Nieder- 
iatiden, wo durch die allgemeine Gefahr des Damm- 
bruclies und der Ueberschwenimnng durch wütende 
Sturmfluten ein nach verschiedenen Richtungen hin 
folgenreiches Zusammenstehen der Menschen hervorge- 
rufen wird. Mit tiefem Sinn hat der Mythus den Kampf 
gegen diese Naturgewalten der vielköpfigen Hydren und 
der gräulich vom Meer ans . Land kriechenden Seeun- 
geheuer mit der Erringiuig der höchsten Guter der 
Völker in Staatengründung imd Kulturerwerb innig ver- 
bunden, keines mehr als das chinesische, das in seinem 
«trom- und sumpfreichen Lande seinen dämmenden und 
austrocknenden Heroen Schem, Schim, Jao u. dgl. freüich 
Arbeit mehr als genug darzubieten hatte. 

Kulturfördernd mßssen fiberall gemeinsame Bedürf- 
nisse wirken, welche die Menschen aus der unfruchtbaren 
Isolierimg heransreissen . die ihr natürlicher Zustand zu 
sein scheint. Es ist nicht ohne eine innere Wahrschein- 
lichkeit jene Annahme gewisser Naturphilosophen, dass 
die Chinesen in ihrem Tieflande durch die Itotwendig- 
keit gemeinsamer Damm- und Kanalbauten gegen den 
wild überschwemmenden Gelben Strom irüher als alle 
andren Völker, von welchen wir Kunde haben, zu einem 
durch gemeinsame Interessen verbundenen Volke in 
einem Staate sich entwickelten. In Aegypten liegt eine 
derartige Wirkimg, welche der Sorge für die jährliche 
Bewässermig und Neuabgrenzung des Landes entspringt, 
historisch offen. Der Kampf an der Küste hat zwar 
sicherlich erst später begonnen als der gegen Ströme 
und Sümpfe im Inneren der Länder und war getahrlicher, 
aber er hat dann um so kostbarere Früchte getragen. 
Was hier errungen ward , gestattete grossartige Ans- 
ntitzung. Die Niederlande verdanken diesem Kampfe 
nicht bloss jenes fruchtbare Land für eine halbe Million 
Menschen mehr, sondern Freiheit und Weltatellung. 
Dieses thätige, selbstschaflende Zurückdrängen des 
Meeres vom Lande wird ausgiebig unterstützt durch das 
eigene Wachstum der KGsten, in deren Gezei testrecken 
(Watten) sich der fruchtbarste Schlamm sammelt, während 



Niilürliche Verändeninger 



von binnenwärts die fliessenden Gewässer immer neuen 
Baustoff herzubringen. 

Unter günstigen Verhältnissen bedarf es niclit der Hilfe dea 
Henflcben zu einer schafreDdeD Thätigkeit wie der Po sie am Nord- 
westnfer Her Adria entwickelt, wo die einst so verkehrareielien 
Häfen Ravenna und Adria um 1 bezw. 4 Meilen landeinwärts ge- 
schoben sind. In den fftst abgeBchloSBenen Gewiuisern der eog. 
HalTe, Lagunen oder Etangs machen eich derartige Wirkungen be- 
sonders rühlber und mit den oft nicht eelir tangesmen Verände- 
mngen der Natur dieser GewSsser sind Verändernngen der Kultur- 
bedingungen ihrer Anwohner oft in mehreren Stufen seit .histo- 
rischer Zeit Hand in Hand gegangen. Wie sie & fi. von deu Etangs 
der Rhone Lentberle geschildert hat: „DieseB schreitet durch 3 
scharf unterschiedene Entwickelungsstnfen durch. Die erste 
ist die maritime, welche heute Überwunden ist; sie dauerte, so 
lange die SchilTahrt auf den Stange (HsITen) möglich war und 
scheint ihren Höhepunkt unter der römischen Herrschaft erreicht 
ta haben, gegen das 4. Jahrhundert, und sich bis zum IG. Jahr- 
hundert ausgedehnt 2U haben. Zu dieser Zeit waren die ätangs, 
welche sich in pestilentialische Sümpfe verwandelt hatten, iura 
erstenmal Gegenstand von Studien, welche man über ihre Aub- 
trockniing anstellte. Der Boden erhöhte sich dann allmählich 
immer mehr, die Regen führten den tieferen Teilen die Erde lu, 
welche sie von den höheren abschwemmten , die Deberschwem- 
mongen der Rhone und Durance haben seit 20 Jahrhunderten 
eine erstaunliche Masse von Schutt abgelagert; die früher m- 
sammen hängenden Hatfe sind zu Tümpeln geworden und ein 
grosser Teil der sonst untergetauchten Strecken stieg in Trocken- 
leiteo hervor um ungesunde Dünate auszubauchen. Dies ist die 
snmplige Stufe, die man mit Recht auch die pestilentielle nennen 
könnte. AileB macht dieselbe gegenwärtig durchi and wiewohl 
sie sich ihrem Ende zuzuneigen scheint, ist es doch wahrschein- 
lich, dasB man noch lange wird wnrten müssen, bis man ent- 
schieden und dauernd in die dritte Stufe, die Stufe des Ackerbaues 
wird eintreten können." (Lee Villes mortes 396/97). 

Schill SS folgerung. Die Küsten vermitteln 
die Berühnmg der Völker mit dem Meere, und ihre 
Gliederung, von welcher teilweise das Mass dieser Be- 
rührung abhängt, ist daher ein wichtiges anthropogeo- 
graphieches Moment, wobei ihre verhältnismässige Länge, 
ihr Abfall und ihr Umriss gleicherweise in Betracht 
zn ziehen sind. Unter ihren Wirkungen hat man vor- 
züglich die verkehrfördemde und die individualisierende 
zu unterscheiden, von denen jene mehr der kleinen, 



250 



Scliluaafolgerung. 



diese der grossen Oliedenwg angehört. Aber man muss 
bei der Schätzung der Gliederung nicht die ajideni 
Mittel der Verbindung der Länder mit dem Meere und 
vor allem nicht die Plüase übersehen. Die Wirkimgen 
des Meeres greifen weit über die Küsten hinaus, nehmen 
aber gegen Binnen zu immer mehr ab. Die günstigsten 
Wirkungen erzielt die Verbindung der verschiedenen 
Arten von Gliederung. Oft ist dem Küstenland eine 
ganz andre historische Bolle aufgeprägt als dem Binaen- 
lande, von welchem sich jenes dann loslöst. Die ge- 
schichtliche Rolle der Küstenvölker liegt nach der Seite 
der Expansion, welche küatenweise und über das Meer 
weg sehr beträchtlich werden kann, nicht selten aber 
wegen Mangels an binaenländischem Rückhalt ebenso 
glänzend wie kurz ist. Gewöhnlich verleiht daher eine 
gegliedertere Küste einem Lande auch eine reichere 
Geschichte und die verschiedenen Küsten eines Landes 
oder Erdteils können geschichtlich selir verschieden be- 
gabt sein. Wo die Küstenentwickelung gering, ist das 
Drängen der weiter zurück wohnenden Völker nach der 
Küste zu eine wichtige Ursache von Völkerwanderungen. 
Die Macht, mit der die Natur dem Menschen an den 
Küsten gegenübertritt, zwingt diesen zum Zusammen- 
Bchlnss, der kultiu^Ördernd zu wirken vermag. 



10. Die geschichtliche Bedeutung des Flüssigen. 

I. Vhk Heer und die MeeUi 

Allgemeine Betrachtung des PlÖSBigen auf der Erde, seiner Wir- 
bneeen, Heiner Verleilung- und KlassifikBlion. Der Menach ist ein 
L»nabewohner, seine Wasser bewohnuag tragt daher einen vorüber- 
gehenden Cliarakter. Schiffe und Flösse als Woliii stallen. Pfahl- 
bauten in alter und neuer Zeit. Andre Fälle von Wasser- 
tiewohnang. Das Meer. Das Meer ist eine der stärksten 
Schranken der Volkerverbreitung , aber keine unübersteigliche, 
Erfindung der SchilTahrt. Zustand der ozeanischen SchilTalirt bei 
Mstnrvölkem. Fälle völligen Fehlens dieser Kunst. Niedere und 
hoohatti Stufen derselben. Der moderne Seeverkehr. Die Binnen- 
seen. Trennende und vereinigende Wirkung. Anlehnung selb- 
■tindiger Kulturen an dieselben. Gefahren ihres schwankenden 
WasMi'SlBiideB. 



ßnindidee. Wie das Flüssige der Erde eins 

ist, so ist die Meiiacliheit eine. 

Da» Flüssige an der Erdoberfläche erscheint uns, 
aus dem anthropogeographischen Gesichtspunkte be- 
trachtet, als eine einzige Thalflache, wie es ja auch bei 
grosser Betrachtung der physikalische Geograph nicht 
anders auffassen sollte und dürfte. Es ist eine einzige 
dflnne Hülle, bald zusammenhangend, bald Iflckenhaft 
um die Erdkugel gewoben, welche da, wo sie an der 
Erdoberfläche einen Riss zu b»ben scheint, in den sog. 
Wasserscheiden, doch unterhalb derselben in der Tiefe 
sich fortsetzt. 

Wie so oft lenkt auch damit unsre auf der Kenntnis fast der 
ganzen Erde beruhende Auffassung, wie die Jahrtausende seil Homer 
sie geschalTen haben, sobald sie sich über die Schranken gewohn- 
beiUmässiger, schemaCischer Betrachtung erhebt, in die Bahnen 
gläcklicher Intuition der Uteaten bevorzugten Geister ein. Wie 



252 Sondernde, vereinigende nnd a 



ii-lieode Wirkung 



man auch mit Strabo (I. S. 4/5 Kas.) nn dem Flnsse Okeanos des 
Homer, ßaftü^fooi; und i'|op^ooc, und seinem Gegenaalz zur ftaJjtooTi 
liftein mag, ob jenes als ein Strom, eine Strömung, oder die Ge- 
ceitenllut, oder docit als das Heer selbst aurziifassen sei, wir aehes 
hier eine dem einfaeben Natursinn selbstveretändliclie Verknäpfong 
des WasBerB im Meeresbeeken und in Strombetten, an welche 
ancb bellte noch natnrmenachliche Vorstellungen erinnern: Als 
Livingatone die Eingeborenen am Liambai frng, wo dieser Flosa 
entspringe, sagten sie: „Er entspringt in Leoatl^ oder des weissen 
Mannes Meer'^ p-ist Journal I. 340). 

Es dringt diese Flüssigkeitshiille einerseits eine un- 
bekannte Strecke in das Erdinnere ein und erhebt sich 
anderseits in die noch, weiter nach aussen liegende zweite 
Erdhülle, die Atmosphäre. Jene erstere Form werden 
wir hier ebenfalls zti betrachten haben, da es sich dabei 
um Teile des Flüssigen handelt; die andre aber öber- 
laesen wir dem klimatologi sehen Kapitel, da das Flüssige 
sich nur im luftförmigen Zustand über die Erde erhebt. 
Hier möge indessen doch darauf hingewiesen sein, daes 
nicht bloss der physikalischen Betrachtung die Flössig- 
keits- und Luilhülle der Erde einander so nahe stehen, 
indem sie beide eine flüssige Einhüllung, sozusagen, tun 
die starre Erde bilden nnd dadurch beide, wenn gleich 
in höchst verschiedenem Masse , verflüssigend auf die- 
selbe einwirken; iiuch der anthropogeographi sehen Er- 
wägung kann diese Vereinigung auf Grund der gemein- 
samen Eigenschaft flüssig zu sein, nicht anders als nahe 
liegen, indem nicht nur der Menschheit jene vielen FälU 
von Ausgleichung zu gute kommen, die an der Erd- 
oberfläche und in Wasser imd Luft selbst durch diese 
Eigenschaft hervorgerufen werden, sondern indem sie, 
aus der Passivität heraustretend, die letztere zu eigener 
Bewegung ausnützt, sei es körperlicher, die dem Flusse 
sich anvertrauend oder n«r seiner Richtung folgend, neue 
Orte sucht, sei es geistige, die die Gedanken sich be- 
schwingen und mit den eiligen Seglern der Lüfte den 
Äether nach ungewussten Zielen durchdringen läast. 
Wenn es als ein Grimdsatz der Kulturgeschichte rnid 
speziell der Verkehrsgeschichte gilt, dass seit der Eat- 
wickelung der Verkehrsmittel, welche die moderne Zeit 



lies Flüssigen. 



253 



schärfer als alles andre charakterisieren, die Meere mehr 
zur Volk er Verbindung als zui Völkertrennuug beitragen, 
so liegt, darin keineswegs etwas dem erd überschau enden 
Aathropogeographen gänzlich Neues, denn immer hat 
dies flüssige Element an der Trägheit des erd- und nicht 
wassergeborenen Menschen gerüttelt und wenn nicht daa 
Meer, so doch die Flüsse, seine Wurzeln, seine Venen, die 
ihm, dem Herzen, sein Element wieder zuführen. Sehen 
wir für jetzt auch ab von der gar nicht zu ermessenden 
geistigen Wirkung (vgl. Kap. 1-3), so ist klar, dass der 
Mensch von einem Insulaner (denn die Kontinente sind 
Inseln, imd nur auf einem von ihnen oder auf einer 
Insel, die wir gar nicht Kontinent nennen würden, kann 
er zuerst entstanden sein) nur dadurch zum Erdbewohner, 
und man kann heute sagen, Erdumwohner geworden ist, 
daas er diesem Element sich anvertraute. Und nur nach 
Wandenmgen über dasselbe hinweg, welche weit ent- 
legene neue Wohnsitze aufschlössen, konnten jene grossen 
inneren Verschiedenheiten entstehen, aus deren Reibung 
lind Mischung immer höhere Formen der Menschen- 
gattnng sich herausbildeten. Und endlich gehörten wie- 
der Wanderungen dazu, um die erst Gesonderten und in 
der Sonderung Verschiedenen neuerdings wieder einander 
zu nähern, auf einander wirken zu lassen. Nicht immer 
mussten dies Wandenmgen über Flüsse oder Meeresarme 
sein, auch Gebirge wirken in hohem Masse sondernd, aber 
jene werden die grössten Wirkungen erzeugt haben und 
am häufigsten in der Lage gewesen sein, ihre sondernden 
Fähigkeiten in Wirkung treten zu lassen. Erst viel später 
kam dann jene andre Eigenschaft des Flüssigen, leicht 
aach von grossen Fahrzeugen durcliachnitten werden zu 
können und dadurch zur Bewegung grosser Massen 
passender zu sein als der Erdlxiden, beim reger werden- 
den Handelsverkehr in Betracht und hat dami freihch 
einander gegenüberliegende Länder so sehr begünstigt 
und genähert, dass öfters der Mittelpunkt grosser ge- 
schichtlicher Vorgänge ins trennende Meer fiel. 

Suchen wir das Flüssige der Erde in solche Gruppen 
lu zerlegen . wie sie der anthropogeographischen Er- 



254 Klassifikation. 

wägung seiuer Wirkimgen entsprechen, so werden wir 
die Grösse und dann die Umgrenzung zu Grunde legen. 
Jene ist daa Bestimmendste in der anthropogeograpluschen 
Rolle des Meeres. Dabei sehen wir zunächst ab von dem 
im Luftkreis befindlichen Teile dieses Elementes, auch 
wenn es dort bereits nicht als Dampf, sondern flüssig 
auftreten sollte'). Wir haben dann: 

I. Die ruhenden Teile des Fliisaigen. 

A. Daa Weltmeer, die grosse zusammen hau gen de V/aaser- 
niMse, die '/> der Erde bedeckt. 

B. Die Mitlelmeere, als welche wir mit Varen die gröBsten 
und umaulitossenaten Meerbusen bezeichnen. 

C. Die Binnenseen, von denen die in Flusssysteme einge- 
schalwien, also mit Ablliiss veraehfnen, Tür die physiEa- 
Usciie Geographie nicht zu dem ruhenden, sondern dem 
bewegten Flüssigen lu rechnen wären. 

II. Die mit eigener Bewegung begabten Teile des Flüssigen. 

A. Schillbare; Ströme und Flüsse. 

a. ITnterläufe, die zwischen Heer und Flosa innestehen. 

b. Entschieden fliessende Mittel- und Oberlänfe. 

B. Dnschiffbare: Bäche. 

C. Quellen. 

ni. Nur zeitweilig fliessende oder stehende Gewässer; Fiumaren, 
als Uebergnng tum Trockenen (Troekenthäter). 

Insofern der Mensch för das Wohnen auf dem Lande 
geschaffen ist und nur vorübergehend auf dem Wasser 
zu weilen vermag, ist er als Landtier zu betrachten, und 
bei all seiner Wanderlust und Erfindungsgabe hat denn 
auch das Meer nirgends seine dauernde Wohnstätte wer- 
den können. Zwar ist durch die grosse Entwickeltmg 
des Seeverkehres und der grossen Seefischerei in imsrer 
Zeit die Zahl derjenigen Menschen, welche den grösstea 
Teil ihres Lebens oder mindestens einen sehr grossen 
auf dem Meere verbringen, grösser als zu irgend einer 
andern vorher. Der englische Census von 1871 fuhrt 
imter „Soldaten und Matrosen ausser Lands' 229,000 
Köpfe an, die Bemanuung der Handelsmarine aber wird 
für 1877 auf '268,335 Mann angegeben, die deutsche 






plegenhelb die aJlgen 



tmarkiUB, dBAB 



I 



Vorübergehend es Wasser wohner. 255 

Handelsmarine zählte 1878 40,832 Köpfe, die deutsche 
Seefischerei 1872 17,195, die französische Handelsmarine 
1876 43,087, die französische Seefischerei 1876 53,077, 
die norwegische Handelsflotte 1876 61,120 Köpfe, die 
italienische Konskription der ffir den Seedienst taug- 
lichen Mannschaften ergab 1877 209,024 Seeleute. Ohne 
die Bemannung der Fischerboote mitzuzählen, kann man 
in runder Summe '/» Million allein für die Bemannung 
der Handelsflotten dieser 5 flotten mächtigsten Staaten 
von Europa annehmen. Ihre Kriegsmarine beschäftigt 
dasm über 200,000 Köpfe (Grossbritannien 1877 82,010, 
Frankreich 1878 ca. 72,000, Deutschland 1878 10,26fl) 
im eigentlichen Schiffsdienst nnd gewiss ist die Anuahme 
yon 1 'ji Millionen Männern in der europäischen Bevölke- 
raog, welche ihr Beruf anweist, auf Schiffen zu leben, 
nicht zu hoch gegriffen. Man bedenke, dass in einzelnen 
Ländern ein ungewöhnlich grosser Bruchteil der Be- 
völkerung der Schiffahrt und der Seefischerei obliegt. 
Hat doch Griechenland bei einer Bevölkerung von ca. 
1 '/i Millionen eine HandelsDotte von nicht weniger als 
240.UÜ0 T. (Ende 1876), die eine Bemannung von ca. 
20,U00 Köpfen voraussetzt. Aber nicht Wenige zwingt 
auch ihr Beruf dazu, auf FlQssen, Kanälen und Land- 
aeen zn leben. Deutschland zählt allein auf seinen 
Binnengewässern 420 Dampfer und 20,900 Segelschiffe, 
und hat doch eine soviel weniger entwickelte Binnen- 
schiffahrt als die meisten andern grossen europäischen 
Staaten. Nimmt man nun noch hinzu, dass auf den 
kleineren Seeschiffen und den Schiffen auf Binnen- 
gewässern in der Regel auch die Weiber und Kinder 
der SchifFsführer und oft auch der Matrosen leben, so 
erhält man eine Zahl für die .Wasser wohn enden' inner- 
halb der europäischen Bevölkemng, welche mit 2 bis 
2'/i Millionen nicht zu hoch angeschlagen sein dürfte. 
Und doch ist das noch nicht der 100. Teil von der Be- 
völkerung unsres Erdteiles. 

Indessen, dieses Wohnen auf Schiffen, in Booten, 
Flössen u. dgl. hat doch immer nur etwas Zeitweiliges. 
El ist kein festes Wohnen. Man kann ein Symbol dieses 



256 



Dautrodes VVasserwolvnen. 



nur Torübergeheuden Charakters solchen Wasserwohnena 
darin sehen, dass reihst die Menschen, die ihr ganzes 
Leben auf Schiffen verbrachten, in ihren alten Tagen 
nach dem Lande zuröckstreben, iiin hier endlich eine 
Ruhestätte und die Stätte ihrer ewigen Rübe zu suchen. 
Sogar die Pfahl baube wohner haben diese Zusammen- 
gehörigkeit des Menschen mit seiner , Muttererde" an- 
erkannt, indem sie ihre Toten am Lande begruben, wie 
nicht bloss der auffallende Mangel menschlicher Knochen- 
reste in ihreu so massenlaften und wohl erhaltenen Ab- 
lagerungen zeitj;t, sondern auch die ÄufBiidung von 
gleichalterigen Grabstätten am Ufer in unmittelbarer 
Nähe ihrer feuchten Wohnstätten. 

Zur Begründung dauernder Wohnstatten im Wasser, 
welche aber nie im Meere stattfindet, welches für diesen 
Zweck allzu unzuveriiLssig und gewaltthätig, sondern steta 
nur in ruhigen Landseen oder langsam strömenden Flüssen, 
scheinen den Menschen hauptsächlich zwei sehr ver- 
schiedene Gründe anzutreiben: der Wunsch, sich zu 
schützen vor den am Lande hausenden Raubtieren xind 
vielleicht noch mehr vor Feinden und Räubern des eigenen 
Geschlechtes und dann auf viel höheren Kulturstufen der 
Zwang und Drang grosser Menschenansammlun- 
gen auf verbältuissmässig beschränktem Räume, wie 
wir es besonders in dem übermässig dicht bevölkerten 
China und auch an einigen Punkten in Hinterindien 
finden. Ln ersteren Falle sind Pfahl- und Packwerk- 
bauten das beliebte Mittel, sich mit dem schutzenden 
Wasser zu umgeben, im andern dienen breit« Flösse, 
abgedankte Kanalschiffe u. dgl. , die eng aneinander- 
gelegt sind, zu Wohnstatten; oder es entwickeln sicll 
daraus ebenfalls Pfahlbauten, aber iu grösserem Mass- 
stabe als auf jener schutzbedürftigen Stufe, die mehr 
durch Vereinzelung als Zusammendrängung der Men- 
schen gekennzeichnet ist. Es ist übrigens bezeichnend, 
dass die Pfahlbauten doch immer nur in seichtem, 
manchmal mehr lacbenaiügem Wasser angelegt waren. 
Ihrer Lage nach lehnen sich diese Wasserbauten am 
liebsten an das Ufer der Seen oder an Inseln an, wo 



I 

I 



Pfnhlbautea. 257 

welche Torhanden, und sind vom Rande des Wassers, so- 
weit aich das bei den seither gewiss vielfach veränder- 
ten Wasserständen noch beurteilen lässt, nicht oft mehr 
als 100 Schritt entfernt gewesen; sie standen immer an 
seichteren Stellen, wie das in der Art ihres Aufbaues 
liegt. Oft ist der Grund unter denselben durch Auf- 
schüttung von Kies und Erde erhöht und durch Zwiachen- 
föhrung senkrechter und wagrechter Ballien gestützt. 
So waren auch die irischen Crannogs künstliche, be- 
festigte Inseln, welche über das Mittelalter hinaus in den 
irischen Seen bewohnt imd noch in den Kämpfen des 
16. Jahrhimderts verteidigt wurden. 

Pl'alilbauien werden auch in unsrerZeit noch bewohnt und maii 
hat hier Gelegenheit, sich zu überzeugen, dasa dies eine nicht eben 
leltene und vor allem eine sehr natiirlicfae Erscheinung ist, welche 
künstlicher Hypothesen von cigentMi Prahlbau Völkern, phi)nizischen 
oder elruskiechen Uandels-Pfahl bauten zu Waarennied erlagen im 
Korden u, dgl. in keiner Weise bedarf. Diejenigen, welchen der 
eigentliche Zweck ansrer stein- und erzzeitlichen Pfahlbauten so 
rälhselhaft erschien, können aich überzeugen, dass einer der er- 
Sndangsreichsten Triebe , nämlich das SchuUbedttrfnis, auch hier 
in erster Linie wirksam gewesen ist. Oft mag später dieser Schatz 
BberfliiEsig geworden, in Vergessen Eieit geraten sein, während die 
Sitte bestehen blieb, Aber er war das ursprungliche JloCir und 
die Pfahlbauten sind nur auf den ersten Blick auflallend; im 
Qnuide sind sie ein Fall unter vielen andern, die jenem mächtigen 
Bedürfnis entspringen, das Lage und BescIialTenheit menschlicher 
Wohnstätten überall am tiefsten beeinilusst hat Es braaclit nicht 
eben immer der Pfahle, um solche Wohnungen aufzubauen, viele 
»ndreMittel werden angewandt, wenn sie nur dem Zwecke dienen, die 
Wolinatätte und die Vorräte zu isolieren, zu schützen. Die Beispiele 
liegen nahe, denn in allen wasserreichen Landern vorzüglich der 
Tropen hat man „Pfahlbanbewohner^'' gefunden. Wir wollen sie 
in den urspriinglicbsten Teilen von Afrika aufBUchen. In dem 
kleinen Mtirja-See, im oberen LnaJaba-üebiet, fand Cameron Pfabl- 
bauer in grosserer Zahl, welche in niederen viereckigen auf hohen 
Pfählen sich erhebenden Hütten wohnen, Sie fahren in Einbäumen 
nnd bebauen am Lande Felder. Als Cameron einige von ihnen 
ansprach, liefen sie davon und llüchteten sich sogleich auf ihre 
Pfahlhütten. Die Treppe zur Bütte stellt ein mit vorstehenden 
Acsten versehener Steigpfahl vor. Kicht weit von hier wohnen 
andre auf schwimmenden Inseln , welche aus Stücken der ver- 
lloohtencn, Tingi-Tingi oder Tikhi-Tikki genannten, Wasserpflanzen 
bestehen, die dichte Decken über die Randstrecken dieser meist 
«eichten Hoch ehe nenseen ziehen. Solche Stücke werden mit Pfählen 

BAtxtT. Abthropo-Oflographl«. 17 



258 Pfa.lilbaulen. 

feslgerammt und tragen dann die Hütten der InsnlSDer^ welche 
auf ihnen aogar Bnnanen pllaiizeu und Ziegen- und Hühnenuchl 
treiben. Sie bebauen indessen aucb Fruclit.relder am Ijnnde. Wollen 
sie den Plati wechseln, so wehen sie die Pfahle ans und treiben 
die Insel nech einer andern Stelle. Da dae Tingi-Tingi nicht TeBl 
am Ufer anliegt, sondern voo Wasseradern durchschnitlea wird, 
kann man nur zu Boote diese Inseln erreit^hen. Die Insulaner stellen 
Wachen aus, wenn ihre Weiber aul' dem Lande das Feld bear- 
beiten und sind überhaupt höclist argwöhnisch. Wieder eine andr« 
Form derartiger schützender Wolmatatten schildert Livingstone. 
Hier seine Worte; ,v^ls wir auT dem Scliire hinabführen, fandeo 
wir in dem breiten Papyi uflgilrtel um den See Pamalombe herum, 
la welchem sich der Fluss erweitert, eine Aniahl Uanganjft- 
Familien versteckt, welche durch die Einfälle der AJawn aus ihren 
Wohnsitzen Terlrieben worden waren. Der Papyrus wuchs so 
dicht, dass er, wenn er niedergedrückt wurde, ihre kleinen sehr 
vergänglichen Hütten trug, obwohl er, wenn sie von einer Hütte 
zur andern gingen , nnter ihren Füssen wie dünnes Eis sich hob 
nnd senkte. Zwischen sich und dem Lande Hessen sie einen diohtui 
und undurchdringlichen Wnld von Papyrus stehen und es würde 
nie Jemand vermutet haben, der vorbeikam, daas hier mensch- 
liche Wesen lebten." (N. Miseionsreisen H. 91.) Diese Leute be- 
sassen Kähne und lebten fast nur von Fischen, die maesenweis 
in diesem kleinen See vorkommen. Einen andern Zweck lassen 
eigentliche Pfahlbauten erkennen, welche G. Rohlfs von der Insel 
Loko im unteren Binne beschreibt und welche von dem vor den 
Fulbe geQücbteten Negerstamm der Baasa bewohnt werden. In 
der trackenen Zeit wohnen diese Neger in Strohhütten, um beim 
Steigen des Stromes, welcher ihre Insel oft ganx nnter Wasser 
setzt, eich in Pfahlhütten zurückzuziehen, in welchen sie so lange 
verweilen, bis der Boden trocken geworden. Dem Streben nach 
möglichster Sicherheit zugleich mit dem nach gesünderer Lage 
entspringt auch die Sitte der an der afrikanischen Westküste an- 
sässigen fremden Kauflente, ihre Wohnung aufsog. Hulks. alten abge- 
takelten Schilfen zu nehmen, vvelche in den Flüssen verankert sind 
und zugleich ihre Waarenlager umschliesseu. Dies ist im Omnd 
auch nur eine Form des Pfalilwohnertuuis, wenn auch die sns- 
gewachsenste nnd civil isierteste. Am höchsten Ende (yeser Ent- 
wickeln ngsleiter stehen aber die grossen Pfahlstädte, wie Amsterdam, 
Venedig oder St. Petersburg, bei welchen allerdings heute kaum mehr 
vom Schutz zu reden ist, den sie den Bewohnern gewähren, «on- 
dem viel eher von der Gefahr, in welcher dieselben sieh dem 
nahen Meere gegenüber auf so schwankem, morschem Boden be- 

Wenn sich so das dauernde Wohnen auf dem 
Wasser als eine zwar weitverbreitete, aber ihrer Natur 
nach vereinzelte, sowohl örtlich als zeitlich bescltrankte 



äedi'iitiing der Si'liilTnlirt 



■2h9 



I 



I 
I 



Eracheinung darstellt, welche ohne wichtige Folgen für die 
Geschicke der Menschheit geblieben, so ist umgekehrt 
daa zeitweilige Siclihinansbegeben jiiif dieses nn- 
sichere, eigentlich meuscheni'eiuilliche Element, 
eine der folgenreichsten Begebenheiten der 
Uenschheitsgeschichte. Indem das Meer drei Vierteile 
der Erdkugel bedeckt, sind auch die grössten Landmassen 
liur wie Inseln in dasselbe eingelagert und dazu sind noch 
tausende kleinerer Erd räume, Liseln. in der weiten 
Wasser däche zerstreut. Von allen Erdteilen ist nur 
Europa breit mit einem andern, mit Asien, verbunden, 
wogegen Australien nnd Amerika durch Meer von den 
übrigen Erdteilen getrennt sind. Wemi man mit Recht 
sagt, dass die Kultur nur im Kampfe mit der Natur sich 
zu entwickeln vermöchte, so nimmt der Kampf mit dem 
Meere hier eine der ersten Stellen ein. Denken wir 
uns das Verhältnis der Land Verteilung umgekehrt, 
'/i Land und '/* Wasser, das letztere dann ähjilich wie 
nnn das Land in grösseren oder kleineren Massen durch 
das weit Oberwiegende Land hiuzerstreut : welche Mög- 
lichkeiten fruchtbarer Besunderungen und Gegensätze, 
welche Anregungen zu Verkehr uud Austausch, zu sinn- 
reichen Erfindungen wären damit verloren! Die Mensch- 
heit würde ohne Meer sich in sich selbst gleichartiger ge- 
bildet, aber in der Gleichartigkeit längst ärmer, schlaffer, 
znknnilaloser gefiilüt haben, als selbst heute in ihreu 
alten Tagen. Wir werden in einem späteren Abschnitt 
sehen, welchen Einfluss diese luid andere Verteilungs- 
verhältnisse des Landes auf die Verbreitung des Menschen 
üben und wenn wir dort aucli erkennen werden, dass 
letzterednrchjenebaldbegünstigt.hald erschwert erscheinen, 
8o kommen wir doch zu dem allgemeinen Schluss, dass das 
Meer keine absolute Schranke der Verbreitung des Menschen 
nnd vor allem nicht auf die Dauer ziehe. Was es aber 
ermöglicht, dass der Mensch, trotz des Dazwischentretens 
des ursprünglich ihn ausschliesseuden Elementes, sich 
ober fast alle bewohnbare Teile der Erde ausgebreitet hat. 
das sind die zur BeschifFung des Meeres dienenden Werk- 
zeuge und Kenntnisse, welche der Mensch in einem sehr 



2(50 



Erllndung- der Scliiffabrt. 



aJlmählichen und an Rück Schwankungen reichen BÜdungh- 
Rang sich erworben hat. Dieselben haben mit der Zeit 
aus dem einst feindlichen Element ein vielen Völkern 
vertrautes, den Völkerverkehr sogar in hohem Grade 
erleichterndes werden lassen und es ist nicht zuviel 
gesagt, wenn man in der Erfindung des Flosses und des 
Schiffes eine der bedeutsamsten sieht, welche jemals ge- 
macht worden sind. 

U'aB diese Erfindung betrifTt, eo sagt mit Reclit ein neuerer 
Geschichtsschreiber der Schiffahrt „die ausschliessliche Ehre der 
Erfindung ist zu gross, am einem einzigen Menachea zugeteilt su 
werden" (.W. S. Lindsay, History of Merchant-Shipping 1874. I. 12). 
Diese Erfiodung liegt fiir alle Henschen, die in der Kähe schiff- 
barer Wasser wohnten , so nahe , dsss man sie zu denen 
rechnen kann, welche oft gemacht worden sind, um auch oft wieder 
verloren zu werden. Sie gehört in dieselbe Klasse mit einer 
Isngen Reihe von ähnlichen Erftndnngen, die man vor allem not- 
wendige nennen kann, weih sie starke uud in allen Lagen elnma] 
auftretende BedUrfnisae decken. An verschiedenen Orten sind also 
verschiedene Menschen zur Anwendung naheliegender Mittel ange- 
regt worden, um sich auf das Wasser zu hegeben. SchwimmeDde 
BaumslBmme mögen die ersten Versuche des FlosS' und des Kahn- 
baues, schwimmende aufgeblähte Tierleichen die ersten Versuche 
zum Uebersetzeu von Flüssen vermittelst luftgefnllter Schläuche 
oder Binsen angeregt haben. Auf dieser Stufe linden wir noch 
heute die SchllTahrt bei einer Anzahl von Völkern und diese« 
Stehenbleiben ist ein Beweis Tür die Zweckmässigkeit der älteateu 
und einfachsten ErUndungen, der Leichtigkeit, mit der dem ein- 
facheu Bedürfnisse eben auch durch eine einfache Erfindung Genfige 
geleistet werden konnte. Heute wie vor 2'lt Jahrtaueenden be- 
fahren die Bewohner des Tigris diesen Flnas mit Flössen, deren 
Tragkraft durch Schläuche veretärkt ist und welche man schon auf 
den Bildwerken des alten Ntniveh abgebildet findet. Dieselbe Sitte 
fand Von flügel unter den Anwohnern des Sudletsch. Aber die 
Tigris-Anwohner benützen daneben auch aus 'Zweigen gellochtene 
Fahrzeuge, welche durch Erdpech wasserdicht gemacht sind. In 
Wales kreuzt man reissende Flüsse auf Flechtwerk, das mit Leder 
überzogen ist und Flinius beschreibt solche Fahrzeuge bei den 
alten Briten. Die ersten Boote dürften anagehöhlte ßaumstämme, 
aber jedenl^lls mit (lachen Böden versehen, gewesen sein und man 
wird zuerst ruhige Flüsse und Seen befahren haben. Der Kiel 
kam erst hinzu als man sich auf die See hinauswagte. Dnser 
„Einbaum", d. h. der aus einem einzigen Baumstamm mit Feuer 
oder Aexten ausgehöhlte Kahn ist wohl als eine der ursprüng- 
lichsten in Jahrlausenden nur wenig veränderten Erfindungen auf 
diesem Gebiete zu betrachten. Die stilleren Wasser der Seen und 



SdiiffMlirL der Nulurvulker. 



261 



FIQ98C gestattelen leichlere SchiflfubrI nie das Meer, ober dbas 
kein noiwendigur Forlschritt von hoch entwickelter Binnen-Schtff- 
fahrt lur Seeachiffabrl Tührle, lehren die Aegypter. welche maasen- 
han Fiaes- und KannlbÖte hatten iHerodol sagt, daes hei einem 
Feste eich 700,000 Menschen aurSchifFen versammelten], die sinn- 
reich gebant waren, und weiche dennoch ihre SchifTabrl durch 
Phönizier und Grieciten besorgen lieasen. Auch die iieuligen 
Afrikaner, die an den LTern der grossen Nilqueil-Seen wohnen, 
Hind teilweise über die untersten Stufen der Schiffahrtskunst hin- 
nnsge schrillen. Sowohl hivr als auldem Kongo fand Stanley viele 
und grosse Kähne. Die Kriegsflotte Ugandas auf dem Viklori&Bee 
ist 325 Kalme stark and im ganzen besilzen die Waganda viel- 
leicht 500 Kahne. Der grösste davon ist 72 engl. Fuss lang und 
Stanley gibt au, dass sie zu Land iings zw ecken ]6~ 20,000 Mann 
aufnehmeD könnten. Das acheint doch beträchtlich zu hoch ge- 
griffen. Wir erfahren leider nichts Nilheres Über den Bau dieser 
Schiffe, die wahrscheinlich doch nur riesige Einbäume sind. Dem 
Muana-Tapa am Kongo nehm er eines von 83'/t engl, Fuss lÄnge 
ab. Von den Rubenga berichtet er, dass sie ihre Kähne mit 
grossen Ku dem im Stehen ä Knoten die Stande forttreiben. Aber 
diese See- und Slromumwohner sind nirgends bis zur Anwendung 
des Segels fortgeschritten. Als LivJngstone zum erstenmal am 
Njaesa war, bauten die Araber gerade ihre erste Dhau, das erste 
ßegetBckiir, welches diesen See befuhr. Wie vergleichsweise ge- 
ringfügig selbst diese einfache SehilTahrt dann noch in einigen 
Gegenden ist, mag die Thatsache lehren, dass Livingstone bei den 
Bnbisa am Bangweolo zwar Kähne fand, die aber nnr zum Blossen 
in den seichten Sumpfwössem, nicht zum Befahren des Sees selbst 
bestimmt waren. 

So naheliegend nun aucli diese einfachen Vorrichtungen 
zu sein scheinen, so lehrt doch die Völkerkunde, dass, 
wie die Ausbeutung der Schätze des Wassers überhaupt, 
so vor allem die Ausnutzung der Mittel zur Ortabewe- 
jping, welche dasselbe dem Menschen bietet, zu den 
Wegen gehört, wekbe manche Völker erst auffallend 
spät heschntten haben, manche sogar gar nicht. Ea 
gibt Völker, für welche das Wasser als Verkehrsmittel 
und als Quelle der Emiihrung gar nicht, sondern nur 
zur Durstlöschung existiert. So besassen die Hottentotten 
mid Buscliraänner vor der Ankimft der Europäer keine 
Fahrzeuge fürs Wasser und man darf da^elbe von den 
Damora und mit ganz geringen Ausuahmen, welche den 
Verdacht europäischer oder arabischer Beeinflussung 
offenstehen, von den Zulu- und Betscbuanenstämmen, 



2*52 ScIiJITiilirt neuerer Naturvölker 

also kurz gesagt, von allen Südafrikanern behaupten. 
Der Forseher, welcher von Süden her ins Herz Ah'ikas 
eindringt, sieht thRtsachlich nichts hei den Eingeborenen, 
was einem Kahne nah oder fern verwandt wäre, ehe er 
lim Ngamisee die rohen Einbäume der wie so vieler 
Künste auch der Schiffahrt kundigen Bayeye oder Ba- 
koba trifft. Man hat darin einen der deutlichsten Be- 
weise dafür sehen wollen, dass diese Völker noch nicht 
lange Zeit sich hier dem Meere genähert hatten, aber 
die Zahl der Völker, welche am Meere wohnten, ohne 
sich auf dasselbe binausziibegehen, ist zu gross, als dass 
man diesen Scbluss so rasch ziehen dürfte, und nocli 
grösser ist diejenige der Völker, welche, obwohl an 
Meeresküsten von einladender Beschaffenheit wohnend, 
nicht über die ersten Stufen der Schiffiihrtakiinst hinaus- 
gelangt waren. Dabei ist es keineswegs die Furcht in 
erster Linie, welche diese Rückständigkeit bewirkt, son- 
dern wie in allen Fällen von Rückständigkeit der Natur- 
völker ist es mehr die Trägheit. Wir wissen, dass die 
Feiierländer auf elenden Rindenhooten sich weit auf eines 
der stürmischsten Meere hinauswagen, die es gibt, und 
ähnlich sind die Nordwestamerikaner kühnere und ge- 
schicktere Schiffer als ihre höchst einfachen Kähne an- 
nehmen 7.\\ lassen scheinen . die sie aber dennoch allein, 
<J. h. ohne europäische oder ostasiatische Beeinäussung 
nicht entsprechend ihrer weiteren und kühneren Fahrten 
vergrössern oder verbessern. Nirgends tritt die Ueber- 
macht der Trägheit, die diese Völker dar nieder hält, so 
deutlich hervor wie eben hier, 

EnäliU doch Ciavijero (S. XXI] von den Indianern von Baja 
California, dass sie 4 — 5 nilllaa von der Küste mit Flössen Gschlea, 
die nnr aus 3—6 Bau in stammen (Lenoa) bestanden „sin temor a 
Ins elevadaa olas de] Pacirico". AehnlicUe Fahrzeuge hat LienL 
R. W. Hardy noch I82ti im ünlf von Californien gesehen (Travela 
in thc InWrior of Mexiko. 1829. 6. 281). Es ist utn so wunder- 
barer, daas es dann offenbar nnr einer leichten Anregung liedarf, 
uro diese Geschicklichkeit nnd SeegewÖhnnng höheren Zwecken 
dienstbar lu rauchen und es baben viele Eingeborene, vor allem 
Malsj-en und Polynesier. aberaiich einige Indianer- und Negerstamme 
sich in auffallend kurzer Zeit lu Schiffern nach enropsischem 
Huster nmgebildd. Hier darf auch angefülirt werden , dass La- 



lud dur alten AniiTikas. 



263 



dialsue Hsgyar die Delta- Bewohner des Kongo sogar als TOrxiig- 
liulie Sciliflebauer trotz ilirer einlachen Werkzeuge bezeichnet. Er 
»«gl, ea seien schon maocbe von ihnen gebaute Schiire mit 400 
bis 500 Skjaren beladen nach Bj-asilien und den Antillen abge< 
gangen. (Qeogr. Mitt. 1857. 186,5 Die alten Amerikaner waren 
im Vergleich zu ihrer stellenweise so hohen Kultur weit zurück 
in der SchifTuhrt. Colon begegnet dem ersten grösseren Fahrzeug 
der Indianer in dem Meere zwischen der Halbinsel YucRtain und 
Hondaras. Bisher hatte er nur kleine Kähne in den Antillen ge- 
sehen. Las Casas beschreibt dieses Fahrzeug „so lang wie eine 
Galeere und 6 Fnss breit", sie trafen es ca. 30 Legaas von der 
ynkste bischen Kliste und fanden es mit Hatten ans Falinbast be- 
deckt , unter welchen die Waren nnd Weiber und Kinder ge- 
schützt waren. Ausserdem waren ca. 25 Mann in dem Schiff. 
(Las Casas, Historia de las Indias Lib. II,* Cnp, XX.) Die zweite 
Erwähnung eines grösseren SchilTcs ist die der .balsa peruana", 
welche Pisarro in Tumbex nahm, und diese hatte sowohl Segel, 
als auch eine Art von Steuerruder Ctimon 6 remo), durch welches 
die Wirkung der Segel geregelt werden konnte. Aber dieses ist 
nicht, wie Prescott (Conquest of Peru 1. 05) glaubt, das einzige 
Beispiel eines SegelsehilTes bei Bmerikanisclieu Eingeboreneq. son- 
dern es spricht Bemal Diaz de Costillo deutlich von „cincu canoas 
grandes, llenas de Indios . . . y venian ii remo y vela"'. (Historia 
verdadera Kap. II.) Dieser Satz bezieht sich auf Yuhateken.^ und 
ein ähnlicher findet sich im Kap. CLXXVIII. wo gleichfalls von 
einem ,„canoa^^ der Eingeborenen gesprochen wird, welches „d 
reuio y a la vela", Gon»lo de Sundoval begegnete. Ferner wird 
von Segelbooten an der yukat-ekiecheu Küste gesprochen von Ovicdo; 
aber allerdings la einer Zeil, wo die Europäer schon ein Menschen- 
alter das Antillenmeer hefuhren. (Historia General Lib, XVIL 
Kap. XVll.) Uan kann vermulhen , dass die Muasleken oder 
Cunsteken das Segel kannten, da sie als ein scIiilTahrendes Volk 
genannt werden, wekhes seine Fahrten vielleicht bis zu den An- 
tillen ausdehnte. Die Gestalt ihrer Schiffe scheint dieselbe ge- 
wesen KU sein wie jie der Yukaleken, welche von Bemal Diai 
als „artesas" bezeichnet werden, Stephens hat in seinen „Incidents 
«f Travel in Yucatan-' auf S. 50 die Zeichnung eines SchiiTes ab- 
bilden lassen, welche in Chichen Itwl gefanden wurde. Grijalva 
wurde bei seiner Forschungsreise nach Yncataii von Huasteken 
mutig zu Schiffe angegrilTen und dieselben zerstörten mit Aus- 
nahtne eines einzigen Schiffes im Tampico-Fluss eine Flotte, welche 
Oarsy zur Eroberung von Paniico ausgesandt hatte. Die Azteken 
n. a. Bewohner von Anahuac hatten keine Beziehungen zu Uber- 
aeeischcn Völkern, ihre SchifTahrtskunst war sehr unvollkommen 
und sie besuchten mit ihren Booten (acaili) nur die der KUste 
Däcüsigelegenen Eilande. Ihr Wassei^ott „TIaloc" wohnte nicht im 
Heer, sondern zwischen hohen Bergen, war also ein Flussgott, Ihre 
Fahrzeuge waren Baumflösse oder Einbäume, so dass des Corlez' 
Segel anf ihrer Lagune sie in Schrecken und Staunen setzte. Die 



264 Schiffnhrl der Polyncsier. 

PoijDesier sind dagegen unter allen Naturrülkern die fttisgezeichnet- 
BWn Schiller. Eb genügt einige Thutsachen liervorKnliebeii. Die Ein- 
geborenen der Karolinen liamen 1788 in grösserer Zalil nachGuaham, 
der Hauptstadt der Marianen, welche 5—600 Kil. von den Karo- 
linen entfernt sind. Sie erklärten, dass ilire Vorväter öfters diese 
Reise gemaelit hätten und daes sie ihrerseits nach Ueberliefe- 
rungen von denselben, die in ihren Gesängen fortlebten, den Weg 
gesucht hatten. Als später eine ganze Flotille von ihnen durch 
Sturm zu Grunde ging, blieben sie aus, aber nnr, weil sie glaubten, 
dass ihre Volksgenossen ermordet worden seien, kamen aber 1804 
wieder nnd seit dieser Zeit sollen sie alljährlich diese Reise ge- 
macht haben. Den geübten Ürtsainn, das Vermögen sich überall 
lurecht zu finden, ohne welches solche Reisen unmöglich wären, 
heben viele Kenner der Polyncsier hervor. Bekannt ist die Et- 
zählnng Försters von dem tahitanischen Weisen Tupaia, welcher 
von Cook auf seinen Krem- und Querfahrten im Stillen Oxean 
mitgeführt, selbst in mehr als 1000 Meilen Entfernung von seiner 
Heimat stets genau die Loge derselben anzugeben wusste. Der- 
selbe hatte von Raiatea aus eine Reise von 2700 Kil. nach Osten 
gemacht. Er zeichnete für Cook eine fast vollständige nnd richtige 
Karte sämtlicher polynesischer Inseln, auf der nur die hawaiisuken 
nnd Nenseelond fehlen. Es sind manche EnUeckungen in diesen 
Heeren nur durch die Vermittelung der Eingeborenen gemacht 
worden, welche den Europäern Wege weisen konnten ; so erfuhr 
QairoB 1606 die Lage von Ticopia, einer der grössten der Neu- 
hebriden, aufTanmako, das in der Gruppe der Duffinseln 500 Kil. 
entfernt liegt. Auf die Seetüchtigkeit der Malayen, welche schon 
Jahrhunderte vor Vasco de Gama und Columbns aus dem Sandk- 
archipel nach Madagaskar schifften, braacht nur hingewiesen eh 
werden. 

Wenn wir sn grosse unterschiede in der Meerea- 
vertrautheit bei den sog. Naturvölkern finden, unter 
denen gewiss die Afrikuner in dieser Beziehung am 
niedrigsten stehen, während die Malayen und Polynesier 
am weitesten fortgeschritten sind, so ist in erster Linie 
voraichtshalber nicht zu vergessen, daas gerade die Natur- 
völker durch nichts .so sehr ausgezeichnet sind, als durch die 
Leichtigkeit, mit der Risse in ihren Traditionen 
entstehen, und nicht am seltensten gerade in ihren 
überlieferten Kenntnissen imd Fertigkeiten. Wenn die 
Japaner einst ein grosses Schiffervolk waren, um plötz- 
lich in Folge einer kurzsichtigen Abachliessimgspolifcik 
sich ganz von der hohen See zurückzuziehen, so kann 
hei Naturvölkern noch viel eher die SchiÖahrtskunst zu 



Uradt tler Met 



265 



I 



den verlorenen Kfinsten gehören und wir dürfen ans 
ihrem Mangel keine von jenen Schlfissen ziehen, zu 
denen man in diesem Falle immer so schnell hereit ist. 
Die See gewohntheit mag verschieden tiefe Wurzeln 
schlagen. Ea giht sicherlich sehr verschiedene Grade 
der Gewöhnung an das Meer und des Einflusses, den ein 
Volk demselhen aufsein Leben, seine Geschicke gestattet. 
Denn es ist etwas anderes, ob ein Volk auf dasselbe 
hinansgewiesen , oder ob es bloss ihm benachbart, oder 
oh es gar durch schwer zugängliche Schranken in Ge- 
stalt von Dünen, Eüstensümpfen u. dgl. von ihm getrennt 
ißt. In allen diesen Fällen ist es Kflstenvolk, verhält 
eich aber sehr imgleich zu dem Meere, dem es so nahe. 
Der höchste Grad von Imiigkeit in den Beziehungen 
zum Meere wird dort erreicht, wo der Mensch auf 
kleineren Inseln durch einen grossen Ozean zerstreut 
lebt, so dass er nicht nur überall die weiten Wasser- 
flächen als Bestandteile des täglich und stündlich ihn 
umgebenden Bildes seiner Umgebungen gewahrt, sondern 
selbst gezwungen ist, dem schwankenden Elemente sich 
anzuvertrauen, sobald ihn etwas drängt, den engen 
Raum seines Heimatseilandes zu erweitem, sei es der 
Wunsch, Nahrung aus dem Meere zu gewinnen, sei es 
Reiselust oder Verbannung und Äusstossung. Dies sind 
die Völker, bei welchen in allen Lebensäusserungen der 
Glanz und die Grösse des Meeresspiegels durchschimmert, 
deren ganzes Wesen von einem Hauch von Seeluft 
durchweht ist. Die Poivneaier. deren vollendetstes, mit 
dem grössteu Können und besten Wollen hergestelltes 
und geschraücktestes Erzeugniss das Schiff sammt Zu- 
behör, deren bewundernswertheste Leistung die Schiff- 
fafart und die ihr verschwisterte Seefischerei , deren 
Mythologie , deren Vorstellung vom Jenseits und deren 
Keime astronomischer Wissenschaft dem Meere ent- 
sprungen und alle vom Kreise des Meerhorizontes lunfasst 
sind, dürfen als bester Typus dieser meerverwandtesten 
Völker bezeichnet werden, von denen weder Afrika noch 
das festländische Asien oder Australien, noch Amerika 
eines aufweist. Die wegen Ungastlichkeit des Landes 



2ti6 



Verlui 



r Sühilfnlii'lskunsl:, 



auf das Meer verwiesenen Hyperboräer, die Bewohner 
mittebneerischer Inseln und des liafenreiehen Norwegen» 
stehen ihnen am nächsten. Aber nur in dem milden 
Klima Polynesiens ist jene innigste Verbindung des 
Menschen mit dem Meere inögüeh gewesen. Die nordi- 
schen Schiffervölker stellen eine etwas andre Art der 
Beziehung zu ihrem viel rauheren Meere dar, mit dem 
sie bis zur Waghalsigkeit vertraut sind, in dessen stür- 
mischem Wesen sie eine treffliche Schule der Scbjff- 
fahrtskunst durchmachen, das aber in keiner Weise zu 
fast beständiger und heiterer Gesellung einlädt. Sie 
kämpfen mehr mit ihm als sie mit ihm leben. Vielleidit 
stehen die mittelländischen Küstenvfilker zwischen beidm, 
wie Klima und ruliigere Natur ihres Meeres es zulaaseß. 
Ein andres ist es aber mit Völkern, deren Leben keine 
Notwendigkeit mit dem Meere verbindet, die. wenn sie 
auch an Küsten wohnen, doch ein breites Land hinter 
sich wissen, das ihren Fleiss mit reichlichen Früchten 
belohnt. Diese Früchte sind wahrscheinlich mit grösserer 
Mühe, aber sicherlich mit geringerer Gefahr zu ernten. 
Wer mit Seeleuten viel verkehrt bat, weiss, wie gross 
die Sehnsucht nach dem Lande bei vielen von ihnen ist. 
Unter solchen Verhältnissen kann Schiffabrtskunst und 
See Vertrautheit weit zurückgehen und unter Umständen 
endlich ganz verloren werden. Wir wollen daher z, B. 
aus der Unkenntnis der grossen Seefahrt bei den Mexi- 
kanern und Peruanern nicht sogleich den Schluss ziehen, 
dass sie nicht von Westeu her in ihr Land eingewandert 
sein könnten und noch weniger glauben, dass selbst ge- 
wisse Flüsse von nicht übermässiger Breite von den 
Buschmännern oder Hottentotten nie hätten über- 
schritten werden können , weil diesen heute die Mit- 
tel zur Schiffahrt fehlen. In allen diesen Fällen ist 
der Qnmdsatz zu bedenken, welcher in allen mensch- 
lichen Dingen weite Geltimg hat, dass das Verharren im 
Nichtshaben, Nichtwissen u. s. f. die Regel, das Fest- 
halten des Erworbenen schwerer und am schwersten das 
£rwerben oder Aneignen selbst ist. Die Iren müssen 
Züi See nach Irland eingewandert sein und haben die 



Wirkung <ipr C 






2Ö7 



testen Küsten, aber nocli jüngst (Juli ISl^l) wurde in 
den Parlanieutsdebatten aber die irische Auswanderung 
hervorgehoben, dass die Iren sich nicht einmal die Fische 
aus dem Meere holen und an manchen Orten, obwohl 
Inselbewohner, selbst nicht Fische fangen. Weitere Bei- 
spiele in dieser Richtung s. o. S. 285. 

Was nun die inneren Eigenschaften der Meere an- 
betrifft, so ist zunächst ihre Grösse nicht ohne EinSuss 
auf das Mass der Expansion, welches sie den anwohnen- 
den Völkern gestatten, zu welcher sie dieselben einladen. 
Mit dem Fortschritt der Geschichte sind die Meeres- 
räume gewachsen, die der Mensch beherrscht. Jede der 
grossen Epochen der Geschichte hat, kann man sa^en, 
är eigenes Meer: die griechische das Aegäische und 
Jonisclie Meer, die römische und mittlere Geschichte das 
ganze mittelnieerische Becken , die neuere den Atlanti- 
schen Ozean, und eine Zeit dämmert schon, die in dieser 
Linie fortschreitend den Namen der weltmeeriachen. d. h. 
der weltumfassenden, verdienen wird. Die wachsende 
Ümlassung ihrer Uferstrecken durch die immer weiter 
sich ausbreitenden Völker Europas, welche die Träger 
der Geschichte dieser letzten zwei Jahrtausende, ist die 
ernte Ursache dieser stufenweisen Erweiterung des ge- 
schichtlichen Horizontes. Aber .die Fortschritte in der 
Beherrschimg. d, h. Verkleinerung der Entfernungen 
haben jene Umfassung Brossenteib erst möglich gemacht, 
denn heute ist das Weltmeer bald auf die Masse redo- 
ziert, in welcher das Mittelmeer sich den Alten darstellte. 
Die Grösse des Meeres im Ganzen ist so überwältigend, 
dass die Verschiedenheit der Grösse seiner einzelnen 
Teilö weniger hervortritt ab man nach den Zahlen ver- 
muten sollte, die für das Mittelmeer 47,00li, für den Stillen 
Ozean 3 '/s Mill. Q.-M. angeben. Wenn ein Schiffer 
sich auf einer Stelle des Mittelmeeres befindet, wo er 
nichtüi als die graue Linie des Meereshorizontes ihn um- 
geben sieht, so ist die Wirkung auf ihn dieselbe, wie 
wenn er sich im insellosesten und landfernsten Teile des 
Stillen Ozeans wüsste. Bei ausbrechendem Sturm ist es 
geröhrlicher auf dem Micbiganaee als im Atiantischeu 



268 > 

Ozeiin, die Laiidiiähe ist dann eher eine Gefahr. So 
Bind der Kanal niid die Nordsee gefürchtet er als die 
Weltmeere. In Zeiten geringerer Entwickelnng der 
Scbiffahrtsknnst , wo man von Insel zu Insel und von 
Vorgebirg zu Vorgebirg fuhr, war die Landnühe sehr 
wichtig, und nur in einem Mittelmeer konnten mit so on- 
voUkommenen Fahr-ieugen so grosse Thaten in Priedea 
und Krieg verrichtet werden. Es war das heimische 
Meer, ,Mare nostrum". 

Heute wird allerdings die Grosse der Heere nach im allge- 
meinen die der Fahrzeuge bedingen^ welche bestimmt sind, jene 
in durcbsclineiden. So wie man auf den kleinen Biunenseen sich 
mit kleineren Kähnen begnügt, während die grösseren ^ wie z. B. 
die 5 groBsen nordamerikan lachen, bereits SeeachiiTe tragen, so hat 
man nuch in den engeren Meeren^ wo kürzere Fahrten genügen, 
nm selbst die enlfemtegten Punkte zu verbinden, kleinere Schiffe 
als in den grossen Wellmeeren, wo man woclien- oder monate- 
lange Fahrten macht, eobalri man sieb von der Küste loslöst Nor- 
wegen und Italien sind beide reicher an zahlreichen kleinen Schiffen 
als irgend eine andere von den grossen Seemüchten Europas, aber 
in der norwegischen Flotte kommen trotzdem 18G, in der itolieni- 
seilen dagegen nicht ganz 120 Tonnen auf ein Fnhrzeag. In der 
grossbri tan ni sehen Flotte, welche die weitesten Fahrten macht, 
kommen aber eogor 216 Tonnen auf jedes Fahrzeug. Die groieen 
Ozeandamprer haben heute gewöhnlich nicht unter 2—3000 Tonnen, 
manche über 5000, nnd dem Trieb naeh noch viel grösseren 
SchilTen setzt nur die Schwierigkeit ihrer Bewegung und Lenkanff 
Ecbninken. Dies gilt natürlich von den Segelschiffen noch vid 
mehr als von den Dampfern. Das grösete Segelschiff hat über 
2500, der grösste Dampfer 10.000 Tonnen. Wenn auch diese 
letztere Zahl Tiir lange Zeit liinaus die Grenze bezeichnen därfte, 
wo die praktische Brauchbarkeit sehr grosser SchiiTe aufhört, eo 
bringt doch die Zunahme des Schnell- und Weilverkebrcs gailB 
von selbst die Tendenz auf beständige Vermehning der Schifo- 
grösse mit sich. Die Flotten der grossen Handelsvölker sind seil 
Jahrzehnten damit besch'artigt , ihre kleineren Schiffe darch 
grossere «n ersetzen. Von 18S0— 7« hat in Folge dessen die enro- 
paiBche HandeUflolte ihre Tragfähigkeit um 53,4 Tonnen pro 
Fahrzeng vermehrt. Damit scheinen die ozeanischen Schiffahrta- 
TÖlker die mittel meerischen zu überllügeln. Ein andrer Grund 
ist die geringere Stitrmischheit des letzteren, die die dortigen 
Seeleute im ^Igemeinen minder sturmgewöhnt marhi. Aber es 
gilt dies nicht von allen Teilen, z. B. nicht vom Adriatischen 
Meere , dessen dalmatinische Katrosen zn den besten Seelenten 
überhaupt gehören. Es ist aber eine bekannte Thatsache. das« 
den Riillelmeerlschen Schiffern Tür den Verkehr auf dem Atlaa- 



II e. 



ingeii. 



twchen Oit'nit kein so grosses Vertrauen geschenkt wird, was z. B. 
4ler Eiubärgerung der sonst darch Billigkeit sich au SEeiuhn enden 
Italien Iselien ScIiitTe in dvn atlantiBcben Il^ren emstlicUen Ab' 
bracli gctlian hat. Andereraeits ist die auf Ersatz der SogelBclüfTe 
durch Dampfer gerichtete Bewegung in den mittel meerischen Flotten 
kaum merklich gewesen, Italien hat bei fast gleicher Oeeamttouneii- 
zahl ntir '/> des TonnengehalleB in DntnpfschilTeii, welchen Deutsch- 
land aufweist, wobei 10,602 der Kusienfahrt dienende SegelschilTe 
Italiens niclit niilgi<rechnet sind. 

Indeßsen mfissen diese ErBcheinungen groasenteilB 
Torübergeliend sein, da das natürliche EspansionsHtrebea 
dieser meeruinfloasenen Mittelmeervölfeer immer mehr 
auch sie aus ihren geschlossenen Becken auf den grösse- 
ren Schauplatz des offenen Weltmeeres liinausführt. 

Die eigenen Strömungen der Meere sind nicht 

\ ohne Einfluss auf die früheren Bewegungen der SeevÖlkor 
geblieben. So wie rasch strömende Flüsse den Schiffs- bezw. 
Flossverkehr nur in einer Richtimg, der ihres Fliessens, 
gestatten (Isar, Lech, die sogen, flossbaren Flüsse des 
Dchwarzwaldes u. a, Gebirge), so trugen auch die heftige- 
ren Meeresströmimgen vor Erfindung der Wind und Wellen 
trotzenden Dampfscliiffe den Verkehr immer nur nach 
der Richtung, in welcher sie selbst sich bewegen, und 
diese grosse tellurische Erscheinung ist nicht nur mittel- 
bar diu-ch Milderung des Klimas weiter Küstenstriche 

I dem Verkehre der Menschen günstig, sondern sie hat 
den Austausch und selbst die Entdeckung häufig ge- 
fördert. Ein örtlicher Küstenstrom begünstigte ■ den 
phönizischen Schiffsverkehr mit Aegypten und Cypem. 
Selbst heute benützen noch unsre grossen Dampfer bei 
der R«ise von Amerika nach Eiu^pa den Golfstrom. 
In den eisbedeckten Meeren der Polarregionen ist ihre 
teils hemmende, teils fördernde Wirkimg ausserordent- 
lich. Auf manche Entdeckung sind die Schiffer ja nur 
durch sie hingeführt worden. 

Von den Binnenseen schliessen sich die grösseren 
an das Meer an, indem für den begrenzten Horizont des 
Menschen sie ebenso grenzlos siud wie dieses und auch 
andre wesentliche Eigenschaften mit dem Meere teilen, 
fiinige der grössten führen Salzwasser und sind in meer- 



270 



Meeräliuliclikei 



artig abgesclilossene Becken gefasst. Die Stürmischkeit 
nnd Gefährlichkeit der grosaen Seen Nordamerikas ist 
nicht geringer als die des Meeres, dasselbe gilt von viel 
kleineren Seen, vorzüglich solchen, die felsumrandet sind. 
Ja im Michiganaee sijid Gezeiten gemessen, die die 
mancher Teile des Mittelmeeres übertreffen. Tiefen von 
über löO Faden, wie sie im Oberen See erreicht sind, 
lassen die der Nordsee hinter sich. Fügen wir hinzu, 
diiss den Küsten dieser Seen weder Fjorde noch Dünen, 
weder Klippen noch Brandnng fehlen, dass sie reich an 
Inseln und Halbinseln, nnd dass die Vereinigten Staaten 
allein auf dem Komplex der 5 grossen Seen eine Flotte 
von Segel- imd Dampfschiffen unterhalten, welche mehr 
als die Hälfte der Tonnenzahl der ganzen deutschen 
Handelsflotte erreicht, so scheint sehr wenig mehr an der 
Meeresqualität, ausser der Ausdehnung, zu fehlen. Der 
Kaspisee. der grösste Binnensee, steht indessen hinter 
einigen Binnenmeeren, wie Schwarzes Meer und Ostsee, 
auch an Ausdehnung nur unbedeutend zurück. Es kaoB 
also die geschichtliche Wirkung der Binnenseen eine 
wesentlich meerähnliche sein bis zu dem Moment, wo 
entwickeltere Verkehrsmittel diese verhältnismässig be- 
schränkten Räume beherrschen lehren, was bei den 
grossen Meeren nicht so bald möglich. 

Den kleineren Seen kommt in der Landschaft eine 
vereinigende, zusammenfassende Wirkung zu, sie 
halten die Einzelbilder zusammen, aus welchen ein Land- 
schattsbild sich zusammensetzt, indem ihr ruhiger Spiegel 
einen ruhigen und beruhigenden Mittelpunkt demselben 
verleiht. Ihre geschichtliche Bedeutung beruht ztmächst 
auf einer ähnlichen vereinigenden und zusammenhalten- 
den Wirkung. Johannes von Müller sagt in einer seiner 
(leider so spärlichen) Anmerkungen zu Herders „Ideen", 
dass ohne den Vierwald statte rsee die Eidgenossenschaft 
nicht entstanden wäre. Diese Behauptung ist von andern 
Geschichtsschreibern der Schweiz noch näher begrün- 
det worden (vgl. o. S. 198). Es ist dieselbe Wirkung, 
welche den Strömen eigen, aber sie macht sich hier 
in verstärktem Masse geltend, wo fast nur das zu- 



und schützende Wirkung der Seen. 



271 



l.aammenfShreiide Moment zur Geltung kommt, während 
'"das gleichzeitig hinausführende der FlQsse zurücktritt. 
Wie das Mittelmeerbecken im grossen, so bilden die 
Seebecken im kleineren und kleinsten Massstabe neutrale 
Böden, sei es für die geschichtliche oder nur für die 

»wirtschaftliche Entwickelung ilirer Umwohner. Sie er- 
zeugen einen Kiilturkreis, dessen Mittelpunkt ursprüng- 
lich in den See fällt und dessen Peripherie die Ufer 
dieses Sees bilden; später geschieht es dann leicht, 
dosB der regere Verkehr, den die Wasserfläche fördert, 
^nen grösseren Mittelpunkt an irgend einem Teile des 
Ufers entstehen liisst, der die Strahlen dieses Kreises 
sammelt und gleichsam verdichtet nach aussen sendet. 
Chicago ist das grossartigste Beispiel einer solchen Lage. 
Doch begünstigt in der Regel die im ganzen mit nicht 
«ehr ungleichartigen Naturgaben ausgestattete Peripherie 

»eines Sees weniger die Entwickelung eines einzigen ab- 
Mtrbierenden Mittelpunktes, wie sie viel leichter an den 
Iffigünstigten Abschnitten eines Flusslaufes, wie an Fluas- 
knieen (Basel), Einmündungen und zuletzt an der Äus- 
mündung entstehen. Mit dem Meere teilen 'die Seen die 
Möglichkeit, Völkern eine Anlehnung zu ungestörter 

»Entwickelung darzubieten; wie dort ist es diesen auch 
löet veratattet, mit der Natur unmittelbar sich zu be- 
rflhren, statt mit andern Völkern zusammenzugrenzen. 
Es scheint, dass der hierdurch gewährte Schutz die Ent- 
wickelung festerer Staatsgebilde und höherer Kultur mehr 
als einmal unterstützte. Kaum wird man einen Zufall 
darin sehen wollen, dass fast einstdramig die Herstanimung 

■'der Incas von dem Titicaca uud seinen Umgebungen 
pder selbst von einer Insel in demselben von den Ge- 
währsmännern der peruanischen Geschichte angegeben 
»ird, und dass dieser See tmd seine Hauptinsel das 
Kiteste Heiligtum des Landes umschlossen. Viracocha, 
der Stammvater des Menschengeschlechtes, soll hier nach 
der grossen Flut aus dem Wasser gestiegen und von 
l'lner die Sonne selbst ausgegangen sein. Das andre 
^lulturvolk Amerikas, die Mexikaner, soll, nach seiner 
igenen üeberlieferung, von Norden kommend, einen 



272 



ScliiiU und Gel'abr der Seen, 



Adler auf einem Nopalstrauch , das verhoisHene Zeichen, 
an dem See sitzend erblickt haben, auf dessen Insel «s 
dann seine Hauptstadt Tenocbtitltui erbaute. Tezcoco aber, 
der zweite Kulturmittelpunkt der Hochebene, war wtAI 
schon von den Toltt>ken um Ufer des gleichnamigen Sees 
erbaut worden. Diejenigen Stsiaten Afrikas, welche am 
meisten von allen bekannten Negerstaaten, als auf dem 
Wege zu selbständiger Kulturentwjckelung liefindUch be- 
trachtet werden können, Karagwe. Uganda und TJnioro 
umsäumen im Westen und Norden den ükerewe oder 
Viktoriasee, und es finden sich in denselben Spuren von 
religiösen Vorstellungen, welche mit diesem See in Ver- 
bindung gebracht werden. Wenn auch Uganda vielleicht 
nicht gerade so viele Tauseiide Krieger aui' Kriegskähaen 
einzuschiffen vermag, wie Stanley .schätzt, so schöpft es 
doch zweifellos einen grossen Teil seiner Macht <md vor- 
züglich seiner Sicherheit aus der Nachbarschaft des Sees. 
Mit dem Meere teilen endlich die Seen auch noch das 
Bedrohliche, das grossen Wassevmassen innewohnt, wenn 
sie plötzlich gegen flache Ufer getrieben werden, und 
den Zwang zu amphibischem Leben, der den Bewohnern 
der weder dem Wasser noch dem Lande ganz eigenen 
flachen Uferstrecken auferlegt ist. So sind die Um- 
wohner des Tsadsees bei den häufigen Niveau Veränderun- 
gen dieses sumpfigen Binnenmeeres gezwungen, sich dem 
wechselnden Wasserspiegel häufiger anzupassen, als fDr 
die Kontinuität ihrer Kulturent Wickelung gut ist. Als 
Eduard Vogel in Bomu war, wurde die Stadt Gurnö, 
welche einige Meilen sQdöstlich von Kuka lag. von den 
Wellen zerstört. Gleichzeitig kam eine Anzatil Budama 
(Inselbewohner des Tsadsee) nach Kuka, um vom Scheich 
die Erlaubnis zur Ansiedelung am Festland zu erbitten, 
da eine der grössten Inseln im Tsadsee von den Wellen 
verschlungen worden war. 



Schlussfolgeruugen. Das FlUssige der Erde ist 
Eines. Seine anthropogeographische Wirkung ist erst 
trennend, dann Bewegung fordernd. So wie es Eines ist, 
hat es am mächtigsten darauf hingewirkt, aus den Men- 



Die Flüsse iind Sümpfe. 



273 



sehen Eine Men.sc)iheit zu machen. Es ist zweifelhufl, 
ob von der Binnenschifl'ahrt ein unmittelbarer Schritt kot 
Seeschiffahrt führt. Es gibt fortgeschrittene Knltiirvölker. 
deren Meeres Vertrautheit höchst gering. Der grösste 
Grad von Meeres Vertrautheit wird durch den Zwang er- 
zeugt, von engen oder armen Wohnplätzen auf das Meer 
binauszugehen. Die Weltgeschichte ist mit der CtrSsse 
der Meere, welche die Schiffahrt stufenweise erschloss, 
stufenweise gewachsen. An grösseren Meeren wohnenden 
Völkern fallen auch grössere goschichtliche Aufgaben zu. 
Die Binnenseen wirken ahn lieh wie die Meere, erst 
trennend, dann verbindend, doch lässt ihre Uebersehbar- 
keit die letztere Funktion noch deutlicher hervortreten, 
Völkern, die an sie sich anlehnten, boten sie eine Sicher- 
heit, die in der rätselhaften Entwickeliing einiger an- 
scheinend selbständigen Kulturen nicht ohne Bedeutung 
gewesen zu sein scheint. 



II. Die FIQsse und SOmpfe. 

geroeinea und Klasaifikfttinn. Die Fliisse ala Wege. Ueber- 
g zum Heer. Aehnlichlieit beider. UaiiQge Verweeliaelung 
Heere^^armcii und FlUsaen in der EDtdeckungsgeachielile. 
FlusRreichtum und Zugänglichkeit der Erdteile. Beziehung der 
letzteren zur Küatengliederung. Erohernngen Ton der See her 
K^hen die Flüsse aufwärts. Verkelirsbedeatung der Flüsse. Flüsse, 
Kanäle und Strassen. Fiumaren. Welclie Richtung nahm die 
ägyptische Kultur im Nilthal? Flüsse sla Völkervereiniger. 
Völkerzuaammenrührende Wirkung des Verkehres. Tballand- 
icbal^en. Flüsse ala verbindende Feiden gescliicbtl icher Ereignisse. 
Aegypten. Ässam. Flüsse als Grenzen. Sie sind nur unter 
gewissen Bedingungen wirkaame Grenzen, z. B, in weiten, dünn- 
bevölkerten Landern., in grenzlosen Tiefländern, bei schwachen 
Völkern. Können unter Umständen Schutz gewähren, hemmen 
I aber nicht die Bewegungen grosser wandernder Völkermassen. 
Flüchtige Völker erhalten sich auf Flnssinseln oder inmitten von 



Sun 






IS 



e Wirklingen der FlÜBse. 




Grundidee. Wo das Meer nicht hindringt, ver- I 
flüssigen die Flüsse die Erdveste samt ihren j 
Bewohnern. 

Die Flüsse sind fSr eine grosse Betrachtung der 1 
Erde einmal als Teile der allgemeinen Wasserbedeckung 1 
oder als Verlängerungen der Meere in die Binnenländer I 
hinein, das andremal, abgesehen von dem Wasser, welches i 
sie erfHiIt, einfach als Rinnen in der Erdoberfläche oder i 
als Thal er anzusehen. Die erstere Betrachtung Sndet j 
ihre Bedeutung für den Menschen teilweise der des 
Meeres vergleichbar mid an dieselbe sich anschliessend, 1 
wobei jedoch die einseitige, beständig fliessende Bewegung J 
ihres Wassers, die wechselnde und oft sehr geringe Meiwe J 
desselben und seine Salzlosigkeit bedeutende Unterschiede i 
bewirken. Für die andre Betrachtung schlieasen sich die 1 
Wirkungen der Flüsse auf den Menschen den Wirkungen J 
gewisser Oberflächenformen an, vorzüglich solcher des 1 
Tieflandes, wobei aber gleichfalls wieder Eigentümlich- 
keiten der Thalformen, wie ihre Enge, ihre lange Er- 
streckimg, ihre Zugehörigkeit zu bestimmten grösseren 
Systemen , erhebliche Besonderheiten eintreten lassen. , 
Uebersieht man alle jene Wirkungen, durch welche die j 
Flüsse geschichtliche Bedeutung gewinnen, so gruppieren ( 
sich dieselben ziemlich natürlich folgen d ermasse n ; 

I. Die FlIiBBe eis Teile der allgemeinen Wasserbe- 
bedeckung wirken: 1) als Verkelirswege; 2) als Unter- 
bracher de» ZuHammeuliangs der Landmassen; 3) sIb Leben- 
Spender durch ihr Wasser und dadurch auch 4) als An- 
sanimler von Bevölkerungen. 
11. Die FlasBthäler als langgezogene und meist i 

BChiedenauBgebildeteEinsenkungen des Erdbodens I 
wirken: 1) als VerkehrBwege; 2) als starke Vertienmgen I 
den Verkehr in gewlasen Richtungen hindernd; 3) durchs 
ihre Tieflsge, die Fruchtbarkeit ihres Bodens n. b. w. diel 
Bevölkerungen vereinigend. Diese beiden Gruppen von ' 
Wirkungen lallen zum Teil miteinander lusammen und wer- 
den daher iui folgenden nicht scharf Jtn trennen sein. 



Flüsse oder Me-eresarme? 



275 



I 



Diejenigen Flüsse, welche in das Meer münden, 
pflegen durch breite Lücken des Landes mit diesen 
grossen Sammelbecken des flüssigen Elementes sich 
zu verbinden nnd nehmen dadurch oft weit hinauf 
einen Doppelcharakter zwischen Fluss- und Meeresarm 
an. Vorzüglich ist dies dort der Fall, wo ein energisches 
Meer seine Gezeiten hoch hinaufführt. Der Hudson 
(Nordamerika) ist in der Hälfte seines Laufes Gezeiten- 
flusB und inj S. Lorenzstrom gehen die Gezeiten 06 g. 
Meilen weit aufwärts. Bei tiefem Wasser, wie es z. B. 
dem ebengenannten Hudson \ind vielen andern Flüssen 
vorzAglich in den gemässigten Teilen der Erde zukommt, 
entsteht dadurch eine Aehnlichkeit mit Meeresarmen, 
welche so gross, dass sie in der Entdeckungsgeschichte als 
eine der häufigsten Quellen von Täuschungen bekannt ist. 

So segelte Hendrik UudBun, ol» er IGIS di-n s[üter nach ihm 
genannten Fluss im heutigen New- York xueret befuhr, fast bis 
nach Albany hinanf, ehe er merkte, daas er sich in einem Flnsse 
and nicht in einer schon damals eitrig gesachten Dorchfahrt naclt 
Nordwesten befinde. Die Geecliichte der nordwestlichen Dnrcli- 
fahrt ist angeraein reich an ähnlichen VerTfechselangen. Als 
Hiddleton aar seiner Expedition nach der HadsonahBi (lT4I/42> 
zwischen 65 n. 66 ° N. B. eine Strasse fand, in welche er einlief, 
deren gründliche Erforschung ihm aber (angeblich) eine von Osten 
kommende etarke Strömung unmöglich ma<;btc, nahm er an, desa 
er sich in der Uündnng eines grossen Flusses befinde. £r nannte 
denselben Wager River. Dobba aber, der später Uiddlelons Tage- 
buch herausgab, behauptet, dass diese Angabc nicht wahrheits- 
getreu sei. In Wirklichkeit liandle es eich hier um eine Heeres- 
strasse, welche irrthiimlich als Fluss betrachtet worden sei, und 
welche unzweifelhaft einen Weg nach der „amerikanischen West- 
see'' bieten müsse. Als damuiliin die Schiffe ,J)obbs'^ und „Cali- 
fornia" entsandt wurden , um diesen so zuversichtlich angenom- 
menen Weg aufzusuchen , fanden Middletons Angaben einfach 
Bestätigung. Audi Rankins Inlet enttäuschte, indem es sich als 
Bucht erwies. Dafür brachte dann Ellis, der Geschieh tschreiber 
dieser Reise, Chesterlleld Inlet in Vorschlag, ebenso wie Repulee 
Bay. Beide wurden aber noch im vorigen Jahrhundert auf ihre 
Qualität als HeeresslrasBe für die Nordwest-Durchfahrt geprüft, 
und geschloBsen gefunden. Christopher und Norton untersnchten 
1761 und 17ii2 aufs Genaueste Chealerfield Inlet und fanden, dass 
es etwa 170 Meilen von der See in einen Süsswasaersee übergehe, 
welcher selbst wieder 21 Leaguvs lang sei und in welchen aber nur 
ein kleines Flüsseben mit raschem Fai! münde. Als dann die 



27ti 



Die Zugängliclikeit der Lander liurüli Flüsse. 



Enldeckungen weiter gegen NW. vorgeschoben wnrden und Heame 
als der erste 1771 die Münduug des Coppermine River erreichte, 
fand er es wiederum schwer^ die Grenze zwisuliea FIusB' und 
Meer za bostimmeji und es zeigte eich diese Mündung errüllt mit 
Inseln und Bänken. Alle Fjordregiooen zeigen diese Schwierig- 
keit, welulie z. B. in der ersten Untersuchung der neiiseeländiachen 
Küsten durch Cook und der tssmanischen durcli Flinders nii 
minder hervortritt. 

Unternehmenden Schiffer Völkern besland zur Zeit der kleinen 
SchiOe überhaupt kein Unterschied für ihre Züge zwischen Meer and 
Strom. Es erscheint sei hstverständ lieh, daas wenn Seevälker ins 
Innere der Kontiuente eindrangen, sie eich der Flüsse als der aatür- 
liehen Fortsetzungen des ihneu befreundeten Elementes bedienten. 
So sind bekanntlich die Normannen im 9. und 10. Jslirhundert anr 
allen schiffbaren Flüeecn Europas ebenso als ^.Seeräuber*' erschienen 
wie vorher und spater an den Küsten. Auch die germanische Erobe- 
rung Englands vollzog sich aul' den Flüssen und längs derselben and 
es trug der zentriragale Cliar&kter der Bewässerung des südliehen 
Grossbritannien wesentlich zur leichten Zerklürtung des Landes 
und damit seiner kämpfenden Bevölkerung in kleinere, unschäd- 
lichere Teile bei. So war nach der Schlacht von Oid Sarum (552) 
der Marsch der Westsachsen das Avon- und Severn-Thal Ünab 
. entscheidend für das Schicksal des Südwestens , iiud so drangen 
von der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts an die grössten und un- 
widerstehlich sten Massen der Angeln vom Aestuar des Humber ans ins 
Land, aufnod längs den verschiedenen Flüssen, welche dieser ins Heer 
führt. Dieses war dann die massenbancete und wirksamste Invasion. 
Und nicht bloss für die Eroberung, sondern für jede Art von Er- 
schliessung eines Landes ist die Mägliclikeit des unmittelbaren 
Vordringens vom Meere aus ins Innere die Hauptbedingung dea 
leichten Gelingens, Wenn wir die neuerdings freilich immer enger 
gewordenen R^ume ins Ange fassen, welche im Inneren Afrikas, 
Asiens und Australiens unerforscht bleiben, so erkennen wir, dass 
sie gerade in denjenigen Lagen sich linden, welche am weitesten 
von den Küsten und schiffbaren Flüssen entfernt sind. Die v 
hängnisHvoUe Rolle, welche die Stromschnellen im Unlerlanf des 
Nil, Congo. Zambesi und andrer afrikanischer Flüsse als Hinder- 
nisse des Vordringen» KU Wasser in das Innere des Landes spielen, 
ist zu oft besprochen, als dass wir hier auf sie noch einmal eu- 
rücbkommen sollten. Doch sei in diesem Zusammenhang noch 
anf den sehr bemerkenswerten Gegensatz der neuen Welt und der 
alten hinsichtlich der Entdeckung ihres Inneren aufmerksam ge- 
macht. Südamerika, der stromreic liste aller Erdteile, war in den 
Hauptzügen 50 Jahre nach der Entdeckung bekannt, während 
Afrika der geschichtlich älteste, aber mit den seh werstschiffbaren 
Strömen ausgestattete, heule noch im Inneren 50,000 ({.-M. nn- 
bekannten Landes bietet. Ebenso ist die potamische östliche HiÜfte 
Nordamerikas mit ihren mindestens 25.000 Meilen schiffbarer O«- 
wttsser, um volle 200 Jahre vor der finssamen westlichen tct- 



Für <lie Geographen, welche nicht müde werden, 
die Bedeutung der Küsten gl iederung für die Aiifadilieasung 
der Länder herrorzuhehen (s. o. S. 230 f.), mag hier bei- 
liiiiSg bemerkt sein, dass die eben hervorgehobenen Wir- 
kungen des Reichtums an schiffbaren Flüssen und über- 
haupt Binnengewässern sich denen des Insel-, Halbinsel- 
und Bnchtenreichtums unmittelbar anschliessen, und dass 
jener diesen bis zu einem gewissen Grnde zu er- 
setzen im stände ist. Das ungegliederte Südamerika 
steht vermöge seiner schiifbaren Flüsse hoch über Afrika 
au Zugänglichkeit, und das küatenarme Russland ist durch 
seine Flüsse zugänglicher als die kfistenreiche iberische 
Halbinsel. 

Die Bedeutung eines reichen und mit dem Meere 
in offener Verbindung stehenden Flussnetzes für den 
inneren und äusseren Handelsverkehr der Völker hat 
mau immer und überall erkannt, und Nationen, welche 
au den ersten unter den Handels- imd Verkehrsmächten 
der Erde gehören, verdanken diesen ihren Vorrang mit 
in erster Linie der günstigen Ausstattung ihrer Länder 
mit schiffbaren Flüssen und der klugen Ausnützung dieses 
Schatzes. Man denke an Holland, England, Frankreich. 
In räumlich grossen Ländern, deren wirtschaftliche Aus- 
beutung nur möglich unter Ueberwindung grosser Ent- 
fernungen, werden diese von der Natur gebahnten, 
- daher billigsten Wege von geradezu entscheidender 
Wichtigkeit, wofür Russland und die Vereinigten Staaten 
von Nordamerika die besten Beispiele liefern. Kein Land 
der Erde von gleicher Grösse ist von der Natur so 
günstig für den Verkehr beanlngt wie die 80,000 Q.-M. 
der Vereinigten Staaten östlich vom Hochgebirg. 
Man erkennt leicht die Grundbedingungen dieser 
günstigen Begabimg: die Bodengestatt, wiewohl keines- 
wegs einförmig, ist doch im Ganzen so vermittelt und 
abgeflacht, dass die Dampfer einerseits vom Golf von 
Mexiko bis in nächste Nähe der Grossen Seen (durch 
Kanäle ist die Verbindung mit diesen längst aufge- 



278 



Der Fl uaa verkehr. 



schlössen), anderseits durch Missouri und Yellowatoue bis 
zum Fuss des Felsengebirges und auf dem Ohio bis in daa 
Herz der AUeghaniea gelangen können. Dem Mississippi 
und seinen Nebenflüssen achreibt man eine Gesamtscbiff- 
barkeit von nahezu 4000 G. M. zu. Bis zum Anfang 
unsres Jahrhunderts waren die^ Flüsse die' einzigen Ver- 
kehrswege, wie es noch heute im Westen von Britisch- 
Nordamerika, den einstigen Hu dson sbai - L ände m , der 
Fall, und als der gem'ale Finanzminister Gallatin 1807 
den ersten grossen Plan zu einem System von Verkehrs- 
wegen für daa Gebiet zwischen dem Atlantischen Ozean, 
den Grossen Seen imd dem Mississippi entwarf, konnte 
er sich durchaus an die natürlichen Gegeben]] eiten der 
Hydrographie dieses Landes halten, und so unzweifelhaft 
sind die .Vorschriften der Natur'' in diesem FaUe, dass 
fast jede der von ihm damals vorgeschlagenen Schiffbar- 
machnugen und K anaiv erbindungen seitdem ausgefObrt 
worden ist und trotz der riesigen Entwickelung des 
Eisenbahn- imd Strassennetzes doch noch immer '/t des 
gewaltigen Verkehres dieses Landes die Flusswege, dazu 
etwa ','i ilie mit diesen zusammenhängenden Kanäle auf- 
sucht. Nur haben die Wege der natürhchen Bewässe- 
rung nicht mehr jenen früheren zwingenden Fintluss auf 
die Richtungen geübt, welche die Ströme des Menschen- 
imd Waarenverkehrs sich gewühlt, nachdem die von 
natürlichen Bedingungen unabhängigeren Eisenbahnen das 
Uebergewicht gewonnen hatten. So ist, tun ein auffallen- 
des Beispiel zu nennen, der Mississippi bei weitem nicht 
mehr in dem Masse Hauptkanal des Verkehres im Inne- 
ren der Vereinigten Staaten, wie er es bis etwa 1S50 
gewesen; Eisenbahnen und Kanäle, die rechtwinklig von 
ihm ab nach dem Atlantischen Ozean führen, haben den 
Verkehr mit den grossen Plätzen New York, Phila- 
delphia, Baltimore und Charleston an sich gezogen, da 
sie den Umweg von der Mississippi -Mündung um Florida 
herum vermeiden. Wo diese vorzüglichsten Naturwege 
fehlen, miisa natürlich um so rascher das Eisenbahnnetz zur 
Ausbildung kommen, das dann ohne andre vorgezeichnete 
Richtungen als die vom Verkehrsbedarf unmittelbar ge- 



Flusse und Kanäle. 



279 



I 



^ebenen um so wirksamer sich entwickelt. Im 
armen, zu einem grossen Teile sogLir flussloa i 
den Australien bewährt sich bereits, was Meinieke schon 
vor Jahren (Geogr. Mitt. Erg.-H. 29) prophezeit hat, 
dass Eis enb ahne a hier einst eine Bedeutung gewinnen 
werden, wie nirgends anders auf der Erde. 

Den förderlichen Einflusa einer natürlichen, schiff- 
baren Bewässerung auf die Entwickelung des Verkehres 
und zunächst auf die Hervorrufimg andrer künstlicher 
Verkehrswege beobachten wir in allen, auch den klein- 
sten Ver)iältnissen. Deutschland mit seiner zersplitterten 
Bodengestalt und daraus sich ergebenden zersplitterten 
BewElsserung zeigt die einzige nennenswerte Entwicke- 
lung und Bereicherung der Schiffbarkeit einer grösseren 
Anzahl von Gewässern in dem wasserreichen Spree- 
Havel-Tief laud, wo die grossen Flösse Elbe und Oder 
auf 211 M. sich nähern. Frankreich, dessen gi'össter Fhiss 
Loire um ÖÜ G. M. hinter dera Rheine zurückbleibt und 
dessen Tieflandanteil geringer ist als derjenige Deutsch- 
lands, hat diesen Mangel durch Kanalanlagen ausgleichen 
kennen, welche in reichem Masse den Vorteil der zentra- 
len Lage der Quellgebiete seiner grösseren Flüsse ver- 
mittelst Verbindung ihrer Oberläufe ausbeuten. Die 
dringendste Aufforderung zur Vervielfältigimg der natür- 
lich schiffbaren Gewässer umschliessen aber immer die 
Stellen, wo die gegen ihre Mündung im Tief lande hin 
immer träger und wasserreicher werdenden Flüsse sich 
von selbst in ein Netz von Kanälen ausbreiten, welches 
die ausgedehntesten Verkehrsmögliclikeiteu schafft. In 
solchen Gebieten haben die alten Aegypter, Chaldäer, 
Chinesen und Inder vor Jahrtausenden grosse Kanal- 
anlagen gemacht, und Holland, wo im Rheindelta schon 
die ROmer kanalisierten, ist das kanalreicbste Land 
Europas und die Lehrerin aller andern Länder im Wasser- 
bau geworden. 

Auch zur Anlegung trockener Verkehrswege 
zeigen die Flüsse den Weg, da ihr Jahrtiiusende in der- 
selben Bichtung fliessendes Wasser Hindernisse geebnet und 
in der Regel die kürzesten oder bequemsten Wege gefunden 



280 I'iP ^'^'^S^ der Flusstliäler. 

hat. Von Alters her haben die Landstrasseu die Flussthaler 
aufgeaiK'ht; wir erinnern an den vierfachen Strassenzng 
des Oherrheinthale» oberhalb Mainz, an die Weltatrasse 
dea Rhone-, Donbs- und Kheinthales zwischen Mittelmeer 
und Nordsee, die Weser- und Werrastrasse u. s. w. In 
den schwer wegsamen Gebirgsiändem bieten die Fluss- 
thäler fast immer die einzigen Möglichkeiten zum Vor- 
dringen ins Innere der Gehirge und zur U eher sehr eilmig 
derselben. Alle Aljien-Eiöenbflhnen benützen Flussthäler 
bis zur Wasserscheide, und in einem weglosen gebirgi- 
gen Lande wie Afghanistan wäre* ohne die Flussthäler 
jeder Verkehr unmöghch. Die Schwierigkeit der Ge- 
liirgsubergänge pflegt sich nach der grösseren oder ge- 
ringeren Eingeschnittenheit der von entgegengesetzten 
Seiten auf den Kamm uuA die Wasserscheide zuführen- 
den Strassen zu bemessen. 

Lange lihe es Strossen gab, erkannten die Völker, wie die 
Thäler ihre Wanderungen erleichterten. Der Oronles bildete den 
Weg der ersten so folgenreichen assyrischen Eroberung, die unter 
Ässnr'Nasir-Nabal ans Miltelmeer vordrang und von da an den 
Weg häufiger Kriegstüge wie l'riedlichen Verkehres. In waldreiclten 
Ländern kam noch hinzu ^ dass die Tlialgriinde reich an jenen 
natürlichen Wiegen sind, die man „Anen" nennt, während ringsum 
die höheren Theile dicht bewaldet waren. Dort liess sich das sit- 
erst kommende Volk nieder, hier muaeten Spätere sich ihre Wobn- 
flitne Buclien, und so wirkten die FlüBse wie Adern, die Leben und 
Kultur im Lande ausbreiteten und auch später immer am reichsten 
daran blieben. Bestimmend für die Verbreitung der Slaven im öel- 
Ueheu Alpengebiet ist es geworden, daas sie die breiten FluBGtfaäler 
mieden, um an den Thalabhängen und in den Gebirgsthatern sitj) 
auBiubreiten. Waren aber dip'Späterkommenden starker, so trieben 
sie die alleren Ansiedler aus den Thälern ins Gebirge. Während 
im Wolga- und Eamegebiet die Russen längs der Flüsse leben, 
haben die Finnenslamme der Tscheremissen und Tschuwaschen im 
Inneren des Landes ihre malerischen und wohlhabenden Dörfer. 
Die Vöikerverbreitnng Sibiriens leigt noch heute die BeroriDgnng 
der FlnsBthäler durch die kalturkrärtigeren europäischen EÜU' 
Wanderer, die erst jetzt von den Thälem sich mehr ins „trockene 
Land" hinein ausbreiten. E. Ssokolowshy bat in einer eigenen 
kleinen Arbeit die nhielorische Bedeutung der Wolga" lu ent- 
wickeln gesucht (Rhss. Revue 1879). Nach ihm leigt die Wolg« 
ihre gescliichtliche Bedeutung schon vor Chr. Geb. in der Z&h] von 
finnischen Völkern, welche von 0?ten kommend an ihr und ihren 
Sebentlüssen sich ansiedeln. Die Bulgaren, welche im 5. Jahr- 



Gesoliicluliclie Stellung der Wolga. Trockenllialer. 281 

hundert n. Clir, vom Ural berttanien, liessen sich am ZuBammenlluss 
der Kama und Wolga nieder. Später gründeten die Bulgaren 
an der Wolga ibr berühmteB Reich (9. Jahrhundert), (n der Zeit 
der Volker Wanderung zogen die aus Asien weut- und nordwärts 
gebenden Völker entweder auf der Wolga anfwärta oder mnesten 
sie doch übersetzen. Ihre Mamen (.bei Ptolemäas Rades und Raja, 
bei älteren Griechen ßa, bei den Tataren Idel, Edel^ bei den 
Arabern und Byzantinern Itl u, s. f.) verbreiteten sich weit. Ihr 
heutiger Name ist ihr wahrscheinlich von den Slaven beigelegt. 
Schon im 9. Jahrhundert zogen russische Handelsleute auf der 
Wolga abwürts, nm in Itel {Astrachan) und auf dem Kaspisee Handel 
za treiben. Bolgary die alle Hauptstadt der Bulgaren (am linken 
Ufer "der Wolga oberhalb von Pjetust) wurde im 13. Jahrhundert 
Hauptstadt der Mongolen. Der Reichlum dieser ölterenBulgarei, den 
es grossenteila der Lage an der Wolga dankte, lockte die andern 
Völker nach diesem filronie hin , ao auch die Russen. Zuerst 
verlegten diese ihre Hauptstadt Kijew nach Wladimir am Ufer 
der Kljasnia (Nebenlluss der Wolga) und gründeten im 12. Jahr- 
hundert die Städte Niflhnij -Nowgorod und Jurjeyetz-Jroyolschsky. 
Kach der Wolga zogen an Weslen und Südwesten, teils llüchtend, 
Schaaren von Slaven an die Wolga. 1543 wurde Kasan nnd 1552 
Astrachan von den Russen erobert tind damit die Wolga zum rus- 
sischen Strom gemacht. Der Eintlusa reicher Wolga^Städte wie 
Nowgorods und Koslromas auf die Geschicke des russischen Reiches 
war bedeutend. Peter der Grosae entvrickelte endlich die Ver- 
kehrsbedeutung der Wolga im Sinne des modernen Verkehrs, er 
befnhr mehrmals selbst den Strom, und legte den Grund zu dem 
in n errussischen Kanalsyst^m, dessen Hauptader die Wolga, wie 
sie nnd ihr Tbal endlich neuestens wieder eine herrschende Stel- 
lung im russischen Eisenbahnsysteni gewinnt. 

Wo nmi die in Frage kommenden Flüsse nicht 
wasBerreich, sondern im Gegenteil reich an Kies und 
Sftnd sind (Fiumaren, Wadis)^ wie das in Ländern mit 
entschieden ausgesprochenen Trockenzeiten der Fall zu 
sein pflegt, kann das Flnssbett selbst einen grossen Teil 
des Jahres hindurch eine Naturstrasse darstellen, deren 
Beschotterung regelmässig wiederkehrend der Fluss in 
der feuchten Jahreszeit selbst üherninimt. Der Lokal- 
vetkehr in Sizilien und andern MittelmeerlÜndem bedient 
aich derartiger Naturstraasen sehr ausgiebig, und im 
Damaralande bildet das breite, mit sanftem GefiUl be- 
' gabte Trockenbett des Swakop den einzigen fahrbaren 
Zugang ins Iimere. Für den Verkehr, der rechtwinklig 
auf solche unberechenbare Flussbetten trifft, die oft Ober 



282 



Die Richtung dir Wanderungen 



Nacht sich mit alles fortreissenden ephemeren Fluten 
füllen, sind dieselben anderseits schwere Hindernisse. In 
Ländern, welche keine andern Flüsse besitzen als solche, 
ist diese ungleichm aasige Art von Bewässerung dem Ver- 
kehr im Ganzen doch eher hinderlich als förderlich. 

Das nördliche Chile hat keineo FIuss, der mehr als ]~2 
Stunden landeinwärts von beladenen Böten befahren werden 
könnte. In die Milndung des Maule in Mittel-Chile können bei 
Flut Brigga von 6 Fues Tiefguig einlaufen., aber der breite Biobio 
ist ein lloches, beständig veränderliches GewS^sser. Schilfbar in 
grösserem Masse ist nur der Fluss von Valdivia. Wegen ihrer 
breiten Betten und ihrer höchst unregelmäsaigen Wasserführung 
Bind die Flüsse Chiles überhaupt viel mehr Hindernisse als För- 
derer des Verkehres. 

Wo eine bestimmte Kulturent Wickelung in verschie- 
denen Teilen eines Flussthaies Wurzel gefasat hat, l^^D 
aich die Geschichtsforscher wohl die Frage vor, ob die- 
selbe nicht wahrscheinlicher dem Lauf des Wassers 
folgend abwärts als aufwärts gewandert sei? Noch ^e 
man die merkwürdigen Felsendenk male und Obelisken 
Abesainiena kannte, waren viele Forseher geneigt, in 
diesem Hochlande, wo die damala allein bekannte Quelle 
des Nils sich befand, die Heimat der ägyptischen Kultur 
zu suchen.' ,Man fand es natürlich, wie Jomard in 
seiner Rede ,Ueber die Beziehungen zwischen Aethiopien 
und Aegypten' (1822) sagt, von den höheren Gebirgen 
sowohl die Bevölkerung als ihre Künste, ihren Glauben 
und Uire Sitten herabfliessen zu lassen.* Man braucht 
nicht KU fragen, warum man gerade dies natürlich fand. 
Dem Wasser zu folgen ist ein natürlicher Trieb, der 
von den Poeten oft genug verwertet worden ist. weil er 
auf einem wahren Gefühl unsrer Seele beruht. Was in- 
dessen für den Einzelnen psychologisch wahr ist, braucht 
es nicht in jedem Fall für ein ganzes Volk zu sein. 
Gerade in dem Falle Aegyptens erschütterte eben- 
falls eine geographische Erwägung, aber von gründ- 
licherer Art. cfieae etwas rasch von der Oberfläche ge- 
schöpfte Analogie, als man sah, dass die Einrichtungen 
Aegyptens ganz der Natur dieses Landes angepasst 



und Aiiebreiiungstendenzeii an Flüsaeii. 



283 



waren und ror allem seinem Klima imd aeiner Bewässe- 
rung, welche soweit abweichen von denjenigen des oberen 
Nilgebietes und besonders Abessiniena. Man liesa gelten, 
dass die Bevölkerung stromabwärts nach Aegypten ge- 
wandert sein könnte, wogegen die Kultur dem Strom 
entgegen sich von ITnterägypten nach den höher ge- 
legenen Landschaften bewegt haben müsse, weil viele 
ihrer Merkmale unzweifelhaft in Unterägypten angeeig- 
net sind. 

Musa man sich also vor einer allzu leichten Verall- 
gemeinerung dieser Ansicht hüten, so ist es doch nicht 
zweifelhaft, dass die Richtung der Flfisse dazu hilft, den 
Völkern nicht bloss in ihrem friedlichen Verkehr, sondern 
auch ihren Tendenzen nach politischer Herrschaft be- 
»timmte Richtungen aufzuprägen. Die Eisenbahnen 
schwächen diese Impulse, ohne sie indessen ganz zu 
vernichten, denn anch ihre Richtungen gehorchen ja zu 
einem guten Teil denselben Naturbedingungen und ausser- 
dem bleiben die Flösse nicht mir neben den Eisenbahnen 
fftr den grossen Verkehr wichtig, sondern es wird auch 
immer ein unbestimmter Einfiuss thätig sein , der den 
Geist eines Volkes in einen gewissen Parallelismus zu 
der Richtung zu bringen strebt, in welcher die Hanpt- 
> ströme seines Landes gehen. Und derartige aus Reali- 
täten, historischen Erinnerungen und unklaren Empfin- 
[ düngen zusammengewobene Tendenzen können mächtige 
geschichtliche Faktoren werden. Man wird Deutschland 
nie einreden, dass nicht die Donau ihm ein Interesse an 
dem einflössen müsse, was um das Schwarze Meer herum 
vorgeht, ebensowenig wie Frankreich je aufhören wird, 
< nach der Nordsee zu blicken. .Deutschland", sagt 
' M, Michelet, ,ist Frankreich nicht entgegengesetzt, son- 
[ dem eher parallel. Rhein, Elbe, Oder fliessen zn den 
I Heeren des Nordens gleich der Maas und Scheide." In- 
' dessen gibt es ein Mass anch für solche allgemeine Ten- 
! deozen, und sicherlich kann der Nordsee -Horizont der 
[ Franzosen nur ein kleines Ende sein im Vergleich zu 
[ demjenigen Deutschlands, das seine in jeder Hinsicht 
\ wichtigsten Ströme der Nordsee zusendet, und jener 



284 Vereiuigende Wirkung der Flüsse. 

Parallelismas sollte bei ruhiger Erwiigimg niemals za 
einer Konkurrenz führen können. 

Man hat auch den Versiidi gemacht die Ozeane nach ilen 
Verkebrpgebieten m betracliteu ^ welclie die ihnen zuslrömenden 
Fliiese ihnen zuweisen und zum Beispiel die grosse^ nenn auch 
noch ntaht voll entl'altetc, geschichtliche Bedeuluug des Atlantisch«!! 
Ozeans in der Grösse dieser Verkehrsgebiete begründet sehen 
wollen. Es ist dies einer von den anregenden Gedanken, derra 
Aussprechen dankenswert ist, die aber nicht dazn verfuhren 
dürfen, die eigene gewaltige Bedeutung, die dem Meere, auch ab- 
gesehen v5n den Flüssen innewohnt, sowie den Wert der Bnden- 
geslAltung für solche Zuweisung bezw, Abschliessung zu unter- 

Mit der Eigenschaft der Flüsse, leichte Wege in 
da.s Innere der Länder und durch dieselben zu legen, 
hängt eine völkerzusammenftthrende, vfllkerver- 
einigende Wirkung zusammen, welche sie überall da 
ausgiebig üben, wo sie iind ihre Thäler eine grössere 
Bedeutung als Verkehrsstrassen gewinnen. Was man 
auch von der Begrenzung durch Flüsse sagen möge, 
hier sind die Völker nicht getrennt zu halten, sondern 
diese Verkehrsströme sind eher geeignet, Schranken 
einzureissen , welche zwischen Völkern bestehen. Der 
Rhein hat im Altertum Gallier und Germanen zusammen- 
geführt, die in häufigem Verkehr manche Eigentümlich- 
keiten abschliffen oder austauschten, und dieselbe Rolle 
hatte er auch wieder in der neueren Zeit übernommen, 
solange deutsche und französische Herrschaft durch ihn 
abgegrenzt wurden. Schon die grossen Städte, welche 
an solchen Verkehrswegen aufwachsen und ihrem Wesen 
nach nicht einseitig sein können, müssen vermittelnd 
wirken. Wird nicht der Rhein zwischen Konstanz imd 
Emmerich von 20 Eisenbahnen überschritten? Wie 
die orographische Umrandung der Thallandschaften dazu 
beiträgt, sie zu geschlossenen Gebieten um die Mittel- 
linie ihres Flusses zu gruppieren, haben wir oben ge- 
sehen. Vor allem in den Hochgebirgen fallen die Land~ 
Schäften mit den Gebieten der Hauptflüsse zusammen, 
hauptsächlich weil in diesen das meiste anbaufähige und 
bewohnbare Land zusammengeschwemmt ist. So ist das 



Flusatlialer old Lftnder und LiindsclLarien 



285 



Land Salzburg im allgemeinen identisch mit dem Ge- 
biete der Salzach, UrJ mit dem oberen Reuss-, Wallis 
mit dem oberen Rhone-, das Veltlin mit dem - Addathal, 
und so sind auch wieder die Unterabteilungen auf klei- 
nere Fhissabschuitte oder Seitenthäler gegründet, wie 
Pinzgan, Emmenthal, Hinterriss, Jachenau u. s. f. Hier 
gruppieren sich jeweils die dichtesten Bevölkerungen um 
den Fluas, in dessen Thalsoble ja oft genug das einzige 
anbaufähige Land liegt, welches im ganzen Gebiete vor- 
handen und da durch ihn oder neben ihm die einzigen 
Wege hinauszuführen pflegen, welche eine solche Thal- 
landschaft mit der (ibrigeu Welt verbinden, begreift man 
die Wichtigkeit, welche ihm beigelegt wird und die dazu 
fuhrt, dass dem ganzen TLale sein Name als unter- 
scheidender gegeben wird. Die Abgeschlossenheit trägt 
noch dazu bei, den Bevölkerungen solcher Gebiete ein 
Ueines Nationalbewusstsein und ihrem Lande und ihnen 
eine eigenartige Geschichte zu verleihen. Wie hier im 
. Kleinen, so bilden draussen in dem weiteren Rahmen 
I des Hügel- und Tieflandes Ströme die Fäden, an 
L welche geschichtliche Ereignisse sich gleichsam auf- 
I reihen, die verbindenden Glieder zerstreuter Orte und 
I Geschehnisse. Michelet nennt einmal Paris, Ronen und 
[ Havre eine einzige Stadt, deren Hauptstraase die Seine, 
rund welche köstliche Perlenschnur ist der Rhein, ist die 
I Loire! Daher erglühen die Ströme in der Phantasie der 
r Tölker zu ehrwürdigen, sagenumwobenen Besitztümern oder 
I selbst Heiligtümern. Wo nun zu schärfst ausgeprägter 
I and mit segensreichsten Eigenschaften begabter Indivi- 
dualität des Stromes eine stark sich ihm entgegensetzende 
Wüsten- und Gebirgsumrandung tritt, wie beim Nil, 
welche dessen segensreiches Wirken vom diuikeln, un- 
fruchtbaren Grunde s^ch licht abheben lasst. da wird der 
r Strom zur Lebensader seines Thalea iui wahrsten und 
■ weitesten Sinn und prägt ilim, soweit seine Wirkungen 
I reichen, einen ganz bestimmten Charakter auf, indem er 
Natur- und Menschenleben seines Gebietes ganz durch- 
dringt. Die Bedeutung des NU ist nicht erschöpft, in- 
dem mau Aegypten mit Herodot als sein Geschenk be- 



286 FlusBgrenzen, 

trachtet. Aigyptos hiess bei den älteeten Griechen der 
Strom, dessen Name dann auf das ganze Land über- 
tragen ward, denn dieses Land ist nichts als das Thal jene« 
Stromes. Nicht mit Unrecht gehörte die Unveränder- 
lichkeit der Grenzen Aegyptens, welches ein tiefsinniger 
Geschichtschreiber .ganz von der Natur iimacblossen"' 
nennt, zwischen den beiden Wüsten, dem Meere und dem 
ersten Katarakt zu den von älteren Geographen am 
meisten bewunderten Eigenschaften des Landes, denn 
allerdings sind stärkere Grenzen als diese kaom zn 
denken und die Geographie kennt nur von Inseln gleicK 
scharf bestimmte, sichere Grenzen. Solche günstige Ab- 
sonderung der Lage in Verbindung mit grosser Frucht- 
barkeit fährt indessen nicht notwendig zn entfernt ähn- 
lichen , selbständigen , geschichtlichen Entwickelungen, 
sondern kann sich im Gegenteil auch nur rein negativ 
geltend machen. Ässam ist seiner geographischen Lage 
nach nur von Bengalen aus zugänglich, indem es ge- 
wissermassen eine Sackgasse bildet, rings von Gebirgen 
und Sümpfen umschlossen, eine ungemein geschützte und 
in sieh reiche Landschaft. Es hat weder an der Ge- 
schichtsbewegiing Indiens noch Hinterindiens teilgenom- 
men, wenn auch einzehie Eroberer ans diesem, zuletzt 
die Ahoms, imd Händler aus jenem eingedrungen sind. 
Die Gunst seiner Lage hat es hauptsächlich zur Aus- 
schliessung fördernder Einflüsse benfitzt, die gerade von 
der offenen, der bengalischen Seite kommen konnten. 

"Wir kommen noch eiimjal zur Begrenzung durch 
Flüsse zurück. Die Flüsse sind als Grenzen der Völker 
nach dem Ebengesagten nur unter gewissen Bedingungen 
wirksam, stehen aber in dieser Funktion immer sehr 
weit hinter den viel schärfer sondernden Gebirgen zu- 
rück. Nur die Gebirge imd das Meer scheiden scharf 
genug, um Grenzen zu bilden. Die Flüsse können als 
politische Scheidelinien dienen und politische Grenzen 
bilden, aber zu keiner Zeit würden sie Naturgrenz^i 
ersetzen können. 



nnsBBTenze 



287 



I 



Stämme geschieden, die verflchieden voneinander sind. Wie 
wenig hat gerade der vielberülimte Rlieiti eich als Völkergrenze 
benänrt! üioge vor den 2 berühmlen Rhein üb ergingen Cäeare 
(55 n. 53) hatten die Germanen denselben oft überschritten, bald 
als H-ilfBvöllier, bald auf Eroberungs- und Raubzügen. Noch im 
Herbst 53 zogen 2000 Sigambern über den Strom, einen andern 
Uebergang derselben meldet Dio CaesiuB aus 16 v. C. Hit Recht 
sagt ein franzoHischer Geograph : „Der Khein hat alles gesehen, 
alles erfahren, nichts Behindert; beweglich und unbeständig wie 
seine raschen Wellen, linl er niemals die Völker durch Schranken 
getrennt, wie sie in Gestalt der Alpen und Pyrenäen zwischen 
Völkern und Rassen aufgerichtet sind" (Desjardina 1. 115. Vgl. 
TacitUB Germcmia. 28). Man kann ebenso sagen, daas m keiner 
Zeit die Loire als wirkliche, dauerhafte Grenze, die beiden Re- 
gionen Aquitnuia und Helgica schied: weder unter den Römern 
noch unter Clitoilwig, der sie überscbrilt^ um Alarich 11. hei Voiigl^ 



Beleica und Celtica anzuerkennen und wenn wir auf den histo- 
rischen Karten im alten West- Germanien um Christi Geburt die 
Chanken durch Ems und Elhe. die Friesen durch die Ems, die 
Angrivarier durch die Leine, die Bnicterer und Sigamliier (Marsen} 
durch die Lippe »charf begrenzt ßnden, so eind diese anscheinend 
scharfen Nstnrgrenien, mehr ein Ausdruck der grossen Allgemein- 
heit unseres betrelTenden Wissens, das nur an die grösaten 2üge 
sich zu halten vermag, als des Thatbestandea , der im einzelnen 
gewiss nicht iiberall so klar lag. Die neueren Forschungen über 
Stammt'sgrcnzen in Süddeutschland haben bekanntlich den Lech 
als Grenze des schwäbischen nnd bayerischen Stammes nicht be- 
stehen lassen, wiewohl derselbe als politische Grenze zwischen 
schwäbischen und bayerischen Gebieten seit 1000 Jahren ange- 
nommen ist Nicht bloss an Rhein, Elbe oder andern Knltnr- 
flüssen, kommt es vor, dass ein Dorf an einem, seine Felder am 
Bndern Ufer liegen, sondern auch am Zambesi fand es sich, dass 
dtichtige Batoka oder Makalaka am sicheren Nordufer des Stromes 
lebten und am südlichen ihre Felder bebauten. Chapmnn IL 210 
berichtet solches aus der Gegend des Quagga-Flusses. 

Aber es ist ein Unterschied zwischen Stammesgrenzen, 
welche die Natur zieht, und künstiicli festpesetzten poli- 
tischen Grenzen. Für die letzteren empfehlen sich die 
Fltiüse immer vor allen andern, auch ans strategischen 
lind fiskalischen Gründen, und daher ihre Verwechselung 
mit .natürlichen Grenzen". Die Flüsse sind z. B, die 
natürlichsten Grenzmarken, wenn es sich tun die künst- 
liche Zerteilung grosser, grenzloser, dünnbevölkerter Ge- 
biete handelt. Als Karl der Grosse 803 das Avarenland 



j Fluflsgrenwn. 

unter die angrenzenden deutsch eu BistUmer verteilte, 
machte er die Drau zur Grenze zwischen dem Teile, 
der Salzburg uud dem, welcher Aquileja zugewiesen 
wurde, und ebenso bestimmte er später die Raab als 
Grenze dea Salzburger und Pasaauer Besitzes, wie denn 
sein eigenes Reich in dieser Gegend durch die Donau 
begrenzt war. In dieser Beziehung sind auch die Land- 
schaften verschieden und es hat nur für ein Tiefland 
Bedeutung, was Niemcewicz die Boten des Himmels zum 
Plasten sprechen lässt: ,Äus deinem Stamme' werden 
kräftige Heerführer, die Haufen der Barbaren vor sich 
her jagend, nach Osten und Westen den Grenzkreis der 
Herrschaft durch eherne Denksäulffn in den Flüssen be- 
zeichnen. " Trotzdem ist die Grenülosigkeit zu den 
Nägeln um Sarge Polens zu zählen. Endlich hängt aber 
am allernieiaten von der Individualität der Völker ab, 
die hier in Betracht kommen. Schwache oder träge 
Völker lassen sich Grenzen ziehen, die von starken 
Völkern wie Fäden zerrissen werden. 

Im miteren Zambesigebiet fand LivingBlone „die Gebiete der 
cinielnen Häuptlinge aebr gut von einander geacbieden, indem 
ibre Grenzen gewöhnlicb dnrcli die kleinen FlÜBSe gebildet werden, 
von denen hier eine gro.ise Aniabl dem Zanbesi luflieast" (Hiaa. 
Travela 1857. 59ü), wehrend den Hlttellaiir desselben Flasa« 
gleichzeitig der kriegeriscbe Baautoatamin der Makolo troti dos 
Widerstandes der dort wohnenden Batoka überschritt. Livingstone 
lässt zwar Sebituane nach Besiegung der Zambesi Inselbewohner 
ausrufen; „Der Zambesi ist meine Verteidigungslinie''' (Mission. 
Travels 1857. S. 88), aber die Uakololo setzten sich dennoch tM 
jenseitigen Ufer fest und ihre Sprache, das Sieuto, welches rie 
selber, die fast alle ausgestorben sind , überlebte , greilt noch 
heute von Süden her über den Zambesi hinüber. So finden wir 
im vblkerreichen Nigergebiet selten ausgesprochene Flnssgrenaen, 
aber für Baghirmi iai der Schari als westlicher Grenifluss von 
grosaem Nutzen, eine natürliche Sehatzwehr. Barth nennf dies 
Bogar cm. 395) „fast der einzige Nutzen". 

Es lässt sich also f[!r die völk ersehe id ende Rolle der 
Flüsse keine allgemeine Hegel aufstellen. Jedenfalls darf 
man die Ethnographen tmd Historiker warnen, nicht allzn 
leicht an eine dauernde und stisolute Anslibung dieser 
Funktion zu glauben, auch hei solchen Völkern nicht, 
denen anscheinend die Mittel zum Ueberschreiten der 



Fl upBubersL'lireilung. 



289 



Flüsae f^iinzlich fehlen. Selbst ein Schluss. wie ihn 
Theophilus Halm auf die Unsicherheit der Hottentotten 
bezw. Buschmänner auf dem Wasser gründet, indem er 
annimmt, sie hätten Cunene und Zambeai nie über- 
schreiten können imd seien daher immer südlich von 
diesen grossen Strömen geblieben (Globus 1870. I, 08), 
erscheint nicht ganz zulässig oder mindestens nicht not- 
wendig, zumal wir wissen, dass bei dem Maugel aller 
Kähne oder ähnlicher Werkzeuge sowohl die kahnlosen 
Hottentotten als K affer o Baumatärame mit einem Ast 
oder Zahn zum Festhalten benutzen. Sie setzen oder 
legen sich darauf und rudern sich mühsam mit Hand 
und Fuss fort, wie es Thompson (in seinen Travels II. 29) 
beschrieben hat. Wenn vollends Völker, die irgt'ud einen 
starken Antrieb zum Wandern besitzen, sich ein Ziel 
vorsetzen, so lehrt die Geschichte in vielen Fällen, dasa 
selbst mächtige Ströme sie nicht zu hemmen im stände 
sind. 

Die Hunnen, weiche aus der Kirgiaen steppe kamen, zogen in 
der Zeit zwischeo dem 3. und 4. JnhrLuridert gegen Europa heran, 
wobei weder Urallluss noch Wolga aie gehemmt haben. Zwischen 
Wolga und Don blieben sie einige Mensclienalter liindnrcli silwn, 
und drftngen dann über den Ausflaea der Mäotis in den PontuB 
nach der Krim und damit nach Europa ein. Derselbe ist an der 
BchmaUten 8t«]le '/» dciiUcbe Meilen breit. Die bemerkenswerte 
Tbatsscbe, dasa die Hunnen diesen Weg über die Meerenge (von 
dem freilich eine von Prificus mitgeteilte Sage berichtet, daS8 eine 
weisse Hirschkuh ihn in einer zu Fuss Übersclireitbaren Furt ge- 
neigt habe) wählten, statt über den Don ta gehen, meint Von 
Wietersheim dadnrcli erklären zu können, dasa es sicli um die 
Durchführung eines augenblicklichen Einfallee, keines durch- 
dachten Kriegeplanes gelianilelt habe C\''ilkerwBnderang IV. 06). 
Wie dem sei, jedenlUlls ist es eine erstaunliche Leistung, welche 
des Xerzes Deberschreitung des Uellesponl verglichen werde» 
kftnn. Eeguläre Flussiibeigänge mit Armeen kommen schon früh 
vor. Man hat eine sichere tiachricht, das Balmanassar 851 v. C. 
auf Flössen über den Euphrat ging, um die syrischen Fürsten zu 
bekriegen. Ist nicht auch eine der eraten geschicIitUchen ThalEaclicn, 
I denen wir in den Berichten über die dorische Wanderung be- 
t gegnen, die, dass die Dorier nicht über die Landenge, sondern 
fiber den Istlimns in den Peloponnes eingedrungen sind? 

Darum hören die Flüsse und flussartigeu Meere.sarme 
nicht aid". Hindemisse zu sein, welche wenigstens zeit- 



29U 



Die Flüsse in der Kriegsgesdiichlt 



weilig hemnieu. Darin liegt vor allem ihre p-oase kriega- 
geschichtliche Bedeutung. Um Uebergänge über 
Flüsse zu gewinnen oder zu verwehren, sind Tausende von 
Schlachten geschlagen worden, von welchen die Welt- 
geschichte berichtet. Die Blutströme, die den Rhein, die 
Donau, den Po oder Ebro hinuntergeflossen, haben diese 
Flüsse der Geschichte denkwürdig, den darum streiten- 
den Völkern aber nur immer teurer gemacht. Wenige 
Erdstellen vergleichen sich ihnen an Grösse der Erinne- 
rungen. Und ebensowenig soll damit geleugnet sein, 
da=s das Wasser, sei es im stehenden oder fliessen- 
den Zustand oder als Sumpf, zeitweilig ein vortreffliches 
Schutzmittel gegen feindliche Ueberfälle biete; 'wir haben 
oben (S. 148 f.) gesehen, dass diese seine Eigenschaft von 
den verschiedensten Völkern und schon im vorgeschicht- 
lichen Altertum verwertet worden ist. In der Geschichte 
wasserreicher Länder wie Hollands oder Irlands spielt 
die Verteidigung hinter Wasserflächen und Sümpfen ge- 
radezu eine dominirende Rolle und die , nassen Gräben' 
kehren im alten und neuen Festungskrieg wieder. Die 
Aegypter vermochten Amyrtäos, den König in den 
Marschgegenden (ö iv xoig tXeat ^aailev?) nicht zu unter- 
werfen; ,sie konnten ihm", sagt Thukjdides, , wegen 
der Grösse der Sümpfe nicht beikommen, und zugleich 
sind die ^i.£toi, die Marschbewohner, die Kanipftüchtig- 
sten unter den Aegjptern" (I. 109). Dabei kommt nicht 
nur die Unzugänglichkeit, sondern auch die Masse von 
Verstecken luid Ausgängen in derartigen amphibischen 
Landschaften zur Geltung. Das Gewirr der Kanäle im 
Zambesidelta erleichterte in hohem Grade den Sklaven- 
handel zvrischen Quillimane und dem eigenthchen Zambesd, 
ebenso wie die vier verschiedenen Mündungen desselben 
Flusses das Auslaufen der Sklavenschiffe. Anthropologisch 
ist es von Interesse, dass Völkerreste im Schutze solchef 
Umgebiuigen sich erhalten. 

Hach einer Erkimdigimg Sosnuwskis (Globus I8TÖ. IL 171) 
leben auf einer Insel im Lob- Nor nocli Reüle von Kirgieen, welche 
sich von Viehzucht und Fischfang nähren, und nach chinesischer 
Ueberiieferung sind die ca. 40,000 Seelen zalilenden Tan-Iu, 



Schutz iD 8iim[il'en und Flugnetzen. 291 

welcbe im KanCoatlu^s auf Booten an <1 PI shl bauten wohnen^ Reste 
von Ureinwohnern, wclclie hier vor den aus Norden vordringen- 
den Chinesen Schutz suchten und erst später wieder mit dem 
Lande in Verbindung traten. Die Männer sind Fährleute, Werft- 
arbeiter u. dg]., die Frauen führen Gondeln. Nach Nacken 
(Gcogr. Hitt. 1878. S. 421) sind ilire Züge gröber, ihre GesichtB- 
farbe ist dunkler und ihre Statur kleiner als bei den Chineeen. Es 
mug sich hier nur um eine Sage handeln, aher die neuere Vblker- 
Kt^chichte gibt noch manche andre Beispiele von der schützenden 
Wirkung der FlussinBeln und Strom gellechte. Noch in den letzten 
Jahren haben sich z. B. im aumpBgen Uiindungsgebiet des Tschobe 
Maenbia angesiedelt, Flüchtlinge, die der Tyrannei der Barotse 
entgehen wollten, und welche Sei ous 1879 unter dem Pro tektornte 
Kharaes stehend fand. Die Fluesinseln sind Tiir Flucht und Aus- 
fall gleich günstig und wirken nicht immer nur defensiv, 
sondern geben ihren Bewohnern etwas von der Sicherhett echter 
Insulaner, öfters auch von ihrer Verwegenheit. Die Inseln des 
Btellenweise 6—8 E. M. breiten Lualaba sind im Lande der Ba- 
bemba von Uenschen bewohnt, welche als nnehrlich und räube- 
risch verschrieen sind, da sie sich vor AngriHen sicher wissen 
(LivingBtone, Last Journ. I. 359), und die Bndnma der Tsadsceinseln 
sind ein ringsum gefurch te tes Rauliervolk. Die Bakota lebten, vor 
ihrer Vertreibung durch Sebituane, auf Inseln im mittleren Zambesi, 
in der Gegend, wo dieser Strom am weitesten gegen Süden aus- 
biegt, und man behauptete, dass sie, in diesen natürlichen Festun- 
gen sich sicher fühlend, oft flüchtige oder wandernde Stämme 
auf anbewohnte Inseln lockten, unter dem Vorwande, sie überzu- 
setzen, und sie dort dem Verderben liberliessen , um sich ihre 
Halbe anzueignen. Sie beherrschten in dieser Lage den ganzen 
Verkehr im .„Central Valley'", das erst durch SebituaneB Siege 
dem Handel Hir kurze Zeit erschlossen ward. 

Aehnlich, d. h. inselartig schtitzentl, wirken auch 
nmSoBsene Stellen, welche, durch scharfe Krilmmimgen 
eines Fliiaaea gebildet, gleich Landzungen in ihrem 
grösseren Umfang von Wasser umgebfn sind. Auf 
solchen ,FhisslialbinseIn" pflegen z. B. die so rätsel- 
Iiaften komplizierten Befestigtingen der indianischen 
.Mound-Builders" u,m Ohio, Miami u. dffl. angelegt zw 
sein, wobei häufig ein Wallgraben den Zugang vom 
Lande her abschneidet. Es ist die Anlage, die Thiiky- 
dides von den Städten der Phönizier hervorhebt (s. o. 8. 149). 
Dies ist eine Lage, die sich leicht empflehlt und die 
häufig ist. Die fast immer befestigten Manganjadörfer 
an den Westzuflüssen des Nyassa sind in der Regel von 
einem mehr als halbkreisförmigen WaBserarm umgeben. 



293 



Geächichtliclie Bedciitang der Sunipfp, 



Die Küloiiisten haben das nachgemacht und so ist z. B. 
Griiaff Reinett in der Kapkolonie in einer zu */4 es um- 
gebenden Schlinge des Sonutagstiusses gelegen. 

Bei Wirkungen dieser Art spielt stets die sumpfige 
Bodenbeschaffenheit eine grosse Rolle, wie die Ge- 
schichte von der Zeit des Sumpfköniga Amyrtiius, der 
Donaudeltabewohner und der auf»tändiachen Bataver an 
lehi-t. Zahllose Beispiele bietet auch hier das vielbewegte 
Völkerleben Afrikas, vom Nil bis hinab zum Zambesi. 
So lebte, lun eines zu nennen, das einige Jahrzehnte 
liindiirch beherrschendste, einflussreichste Volk des süd- 
lichen Zentralafrika, die Makololo, zwischen Zambesi 
und Tschobe wie aui' einer natürlichen Insel, von 
Sümpfen und von den sumpfigen, riedigen Ufern dieser 
tiefen Flösse un^eben, geschötzt vor seijien Feinden. 
In der That sind vielleicht die Sumpf 1 ander dos 
schatzendste Medium zn nennen, denn Sümpfe zeigen 
dem Menschen gegenüber eine gewisse schwer verschieb- 
bare Trägheit oder Passivität, welche ihrer Mittelstellung 
zwischen dem Festen und Flüssigen der Erde entspricht. 
Sie entbehren sowohl der sichern Festigkeit des Landes 
als auch der verkehr fördern den oder sogar beschleuni- 
genden, das Leben der Menschen gleichsam verflüssigen- 
den Beweglichkeit des Wassers. Ihre geschichtliche Rolle 
ist daher vorwiegend eine negative, Sie wehren Völker 
vom Eindringen in ihre verräterischen Wälder und Moore 
ab und erhalten daher das Leben nicht bloss Elentieren, 
Auerochsen und andern grossen Tieren, welche ander- 
wärts ausgerottet oder verdrängt werden, sondern auch 
Völkerstämmeu. welche die Möglichkeit gefunden haben, 
in ihnen Fuss zu fassen. Wir haben ein naheliegendes 
Beispiel hievon in der wendischen Sprachinsel des Spree- 
waldes, in welcher zugleich auch das amphibisch zu 
nennende Leben, das der Sumpf seinen Bewohnern auf- 
zwingt, sehr gut zu erkennen ist. 

Wir haben bisher im allgemeinen die Flüsse als 
Einheiten betrachtet. Ist dies aber nicht zu schematisch, 
indem ein Fluss seinem Wesen nach, wiewohl 
ein Ganzes, sehr verschieden in deu Abschnitten 



Dit verschirrleTiPii Htromöbsthnilie 



203 



sein mag, die dieses Ganze bildeu? Im unteren 
Teile gehart er in der That mehr dem Meere oder über- 
haupt seinem Mündungsgebiete an. und diese Angehörig- 
keit setzt sich, je nach der Gestaltimg den Bodens, (iber 
welchen er fliesst, mehr oder weniger weit in den Mittel- 
lauf fort; im Oberlauf aber überwiegt der Charakter des 
Festen, an dessen Starrheit das Flüssige sich iu endlose 
Wurzelrweige zersplittert, deren letzte Fasern tief in 
die Erde hineinreichen. Die physikalische Geographie 
leitet uns an, den Unter-, Mittel- und Oberlauf der 
Flösse bezw. Ströme zu unterscheiden, aber wenn wir 
ihre geschichtliche Bedeutung erwägen, scheint es uns 
ebensowohl sachgemässer als einfacher, den unteren oder 
ozeanischen bezw. lakustren Teil von dem oberen oder 
terrestrischen zu scheiden. Man mag jenen die Meeres-, 
diesen die Landhälfte des Flusses nennen und die Grenze 
zwischen beiden dort ziehen, bis wohin die grosse Schiff- 
fahrt reicht. Weiter unten liegende Grenzen, wie z. B, 
das Heraufdringen der Gezeitenbewegung sie vorznzeich- 
nen scheint, würden im Vergleich zu der eben wige- 
deuteten natiirgemässer, aber geschichtlich mehr zufallig 
erscheinen. Sie würden auch nicht für alle Flüsse durch- 
zuführen sein. 

Die geschichtliche Bedeutung dieser beiden Hälften 
ist höchst imgleich. Gehen wir von den Quellen aus, 
so machen diese durch ihr geheimnisvolles Hervorsprudeln 
zwar einen tiefen Eindruck auf die Phantasie der Men- 
schen (Kap. 13) und sind durch ihre Wasserspen düng von 
EiuAuss auf die Verteilung ihrer Wohnstätten (Kap. 0, IU.), 
welche teils aus Behagen, teils aus Notwendigkeit sich 
mit Vorliebe um dieselben ansiedeln, aber sie sind selbst 
da, wo sie als Oasenbildner den höchsten Grad ihrer 
Wichtigkeit erreichen, nicht von Einfluss auf die grossen 
Bewegungen der Geschichte. Dieser gewinnt erst Be- 
deutung im Augenblick ihres Zusammentretens zu grösse- 
ren Gewässern, die entweder trennend oder verkehrs- 
fSrdemd zu wirken vermögen, oder welche mehr oder 
weniger tiefe Einschnitte in den Boden gemacht haben, 
Thäler, die in denselben Ilichtungen wirksam sind, oder 



294 



Geschiclitliche Bftdeutung der Flnääiiiiindui 



welche durch Ablagerung fruchtbarer Erde an ihren 
Bändern die AuBdehnung des anbaufähigen Bodens ver- 
mehren. Diese Wirkungen steigern sich nun im allge- 
meinen in dem Masse, als der Fluss grösser wird und er- 
reichen ihren höchsten Stand in den FlussmUndungen, 
die vor allen andern Stellen der Erde ausgezeichnet sind 
durch die Vereinigung der für die Kultur günstigsten 
Verhältnisse, Die fruchtbare Erde, welche hier ange- 
schwemmt ist, nährt dichtere Bevölkerungen als man, 
von beschränkten Vorkommnissen abgesehen, sonst findet. 
Der Verkehr aus dem Inneren des Landes, dem der 
Fliias entströmt, trifft hier mit dem Seeverkehr zusam- 
men, dem FlossmUndungen fast überall Häfen, mehr oder 
weniger günstige, bereiten, und so sind die meisten und 
mächtigsten Handelsstädte der Welt stets an Flussmfin- 
dimgeu oder mindestens in Mündungsgebieten gelegen. 
Mit der verkehrsfordernden Lage hängt die Zusammen- 
führung verschiedenster Völker in solchen Mittel pimkten, 
die dadurch gesteigerte Kultur zusammen und endlich 
kommt jene Erleichterung selbständiger Staatsbildungen 
hinzu, welche in Aegypten, Mesopotamien, Kambodscha 
so gut wie in Holland, Belgien oder in unsern Hanse- 
städten auch die günstige politische Ausstattung dieser 
aus erwählten Regionen bezeugen. 

Wie nun also das historische Leben von den Quellen 
zur Mündimg des Stromes wächst, in dem Masse wie 
seine Tributären ihm iuimer neue Wasser massen zu- 
führen und seine Bahn erweitern, das hat der grösste 
Dichter der Natur in Mahommets Gesang mit einem so 
hinr eissenden dithyrambischen Accent der Welt- und 
Naturfreude verkündet, dass jedes neue Wort vergebens 



Bäche sc lim legen 
Siuli gesellig an. Nun Iritt er 
In die Ebne silberprangend 
Und die Ebne prikngt mit ihm. 
Und die Flnsae von der Ebne 
Und die Bäche von den Bergen 

Jauchzen ihm ^ — 

l'nd nun schwillt er 



Dbs liistorische Lelj^n der Flus 



Uerrliclier; ein ganz Geschleulite 
Trägt den Fürsten hoch empor! 
Und im rollenden Triuuiplie 
Gibt er Ländern Namen, SUdte 
Werden unt«r seinem Fiiag. 

Und 10 tragt er seine Brüder, 

Seine Suliätze, seine Kinder, 

Dem erwarti-nden Erzeuger 

Freudebrausend an das Herz. 
Ueberblickt man alles, so darf man wohl sagen: 
Der Ausdruck , Lebensader" , von den Flössen ge- 
braucht, ist in Wahrheit nicht ein blosses Bild, nur tiaas 
die bewegende Kraft des Herzens sich ihnen noch voller 
mitteilt als dem Geätter eines lebendigen Leibes, wes- 
halb Meer und Flüsse zusammen einem Herzen ver- 
glichen werden dürften, das mit seinem flüssigen Leben 
die Starrheit der Erde lebenspendend durchtränkt. 

Schlnssfolgerungen. Die geschichtliche Bedeu- 
tung der Flüsse beruht einmaJ auf ihrer Wasserführung, 
dann auf den Rinnen, in welchen sie fliessen; aber es 
sind beide nicht scharf zu trennen. Sie gehen so all- 
mählich ins Meer über, dass man Meer und Flüsse oft 
nicht voneinander kennt. Sie vereinigen sich mit der 
Eüstei^liedernng zur Äutschliessiing der Länder, und 
daher ist deren Betrachtung ohne die der Stromentwicke- 
Inng unvollständig. Die natürlichen Wege der Seevölker 
ins Innere der Länder sind immer die Flüsse gewesen. 
Die Wegbahnnng der Flüsse beruht auf ihrem Wasser 
und ihren Thälern. Wandernde Volker werden oft in 
der Richtung des Fliessens der Flüsse gezogen sein, aber 
es ist das nur Neigung, der nichts Allgemeingültiges 
beiwohnt. Die Anziehung der Flüsse auf den Verkehr 
macht sie zu Völker Vermittlern und zuletzt zu Völker- 
vereinigern, weshalb sie aber doch nicht aufhören, trägen 
Völkern Grenzen zu setzen oder als Scheidelinien bei 
grossen historischen Diapositionen über Länder und Völker 
zu dienen. FlussverscÜingungen, Sümpfe u. dgl. dienen 
zum Schutze kleinerer Völker, und Sumpfländer wirken 
konservierend auf ihre Völker. Es ist. tiefer angesehen, 



2<l|j D«B Klima, 

nicht aiifi allen Gesichtapiuikteii richtig, die Flüsse als 
Ganzes m hetrftchten, man raiiss sie in ihre Abschnitte 
zerlegen, unter denen eine Meeres- luid eine Landhälfte 
unterschieden werden können. Das geschichtliche Leben 
wächst aber mit den Flösaen, an deren Rande es aufge- 
gangen, zu Einem und findet seine höchste Entfaltong 
an den Flussmündungen. 



11. Das KUma, 

Tiefd ringender Charakter der Kliman-irkungen. Begriff Klim&. 
Umbildender Einlluss des Klimn? aus philosopbiscliem und nator- 
wiese nachaftli eil em Gesichtspunkte angenommen. Irrtümliche geo- 
graphlBclie Anwendung dieser Annahme. Das Klima nnd die 
geographische Verbreitung. Die SonnenhaTIigkeit des Men- 
Bchen. Einfluss des Tropeaklimas auf Volker und Einzelne. 
Wirkung der Hilie und der Feuchtigkeit, Wirkung des Polar- 
kiimae. Die Verbreitung nach der Höhe und das HOhenklimM. 
Di>: kleinen Unterschiede zwischen Nord und Süd in 
derselben Zone. Die Unteracbiede der Lebens- und Arbeits- 
weise, Charakterunterachiede. Geschieht) iche Gegensbtie. Wich- 
tigkeit der Verteilung der Jahreszeiten in dieser Hinsicht. Bei- 
spiele von Island und Nordrussland. Kiilturzonen. Die ge- 
masBigte Zone als eigentliclie Knllurione. Erschwerung der Knltnr- 
entwickelung in den heissen Ländern. Verschiedene Verteilung 
des Besitzes und der UachL Geschichtliche Beispiele des Druekei;, 
den Völker gemässigter Zone auf die der heissen üben. KliiD& 
und Kultiirent Wickelung. Geschichtliche Wirkungen der 
Luft durch Ausgleichung und Bewegung. 



■rrrh/llMUvm WIrwm 



■ und dir f 
mjwKm MfHfcMiic gtiliiuHtm ttrgt- 
iridiml. K. E, ro- Ba*r. 

Grundidee. Von allen Natur dingen, die den 
Menschen umgeben, dringt die Luft am tiefsten 
in sein Inneres, so dass er am meisten Teil von 



Ig des BrgrifTes Klin 



l!il7 



ihr selbst wird. Die Wirkungen, welche sie da- 
durch auf ihu übt, müssen gross sein. Gt-schicht- 
lich hochwirksara wird aber die Lnft als Träge- 
rin von Wärme und Feuchtigkeit, die durch sie 
an die Erde gebracht und vermöge der Beweg- 
lichkeit dieser Trägerin Über weite Räume ver- 
breitet werden. 

Die Wirkungen der Luft auf aUea organische Leben 
aiud so tiefgreifend imd marmigfaltig, sei es, dass sie 
durch ihre eigene Zusammensetzung und ihr Gewicht, 
sei es, daas sie als Medium wirke, durch welches Wärme 
und Feuchtigkeit an den Körper heran und in denselben 
hineingebracht werden, dass man keinem andern Natur- 
körper in der Umgebung dea Menschen einen entfernt 
ähnlichen Einfluss zugestehen kann. Keiner durchdringt so 
das Innerste des menschliclien Organismus, keinem kann 
der Mensch so wenig entgehen. Wie sehr die Einsicht in 
diese imbezweifelbare Thatsache schon früh die Meinungen 
Aber die BeeinUnssung des Menschen durch das Klima be- 
stimmte, haben wir hervorzuheben gesucht (s.o. S. 43, 67u. a.). 
Wir haben aber zugleich dnranf hingewiesen, dass, waa der 
Trübere Sprachgebrauch unter „Klima" rersteht, oft etwas noch 
vitl Weiteres und Hannigraltigeres sei als das Klima im meteoro- 
logischen Sinn, wie wir es hier verstehen, und es wird gut sein, 
behufs Vermeidung von Uissverstandnissen noch einmal hierauf 
zurück luko mm eu. Klima ist z. B. im Sinne Forrys (Climate of 
Itie Ilniled States 1853) .,dBS Ganze aller Unsscren natürlichen 
Zustände, wie sie jeder Lokalität in Beiiehnng auf ihre organische 
Natur eigen sind". Und Hnme, wo er in seinem schönen Essay 
„üeber den Nation alcharaltter" (Philoe. Works Ed. Green III. 
N. XZI] von natiirlichen Einllilssen spricht, beschränkt sie zwar 
ausdrücklich auf „Eigenschaften der Liift und des Klimas, von 
welchen man annimmt, dass sie unmerklich den Charakter beein- 
tlaBsen", ohne aber dann im Laufe seiner Erörterungen andre 
Nalurbedingungen auszuscbliessen. Zu dieser weiten Fassung ist 
man offenbar dadurch gekommen, dass es ausser den allgemein 
anerkannten nnmitlelbaren Wirkungen des Klimas eine grosse 
Anzahl mittelbarer gibt, die sich dadurch erzeugen, dass Dinge, 
die nnroiltelbar ouf den Menschen wirken, ihrerseits wieder vom 
Klima bedingt werden. Ausserdem aber prägt sich in derselben 
klar die Unsicherheit des Begriffes aus, die in jener Zeit magne- 
tischer und elektrischer Ahnungen in der LuR nicht Hitze und 
Kalle allein auf den Menschen wirken Hess, stindern, wie Herder 



298 



Uaibilduug der menscliJiclien 



ea anssprkhl, in ihr „ein Vorratshaus andrer Kräfte , die schäd- 
lich und günstig mit uns sioli verbinden". Bah (Ideen VII. 3). Wir 
möchten daher ausdrücklich betonen^ daas wir unter klimatischen 
Wirliungen iiier nur die der nachweisbaren HaniiteigenschaTten 
der Luft, nimlich der Wärme und Kälte, der Feuchtigkeit und 
Trockenheit in ihrer verschiedenen Uischung und Verteilung Ter- 
Btehen werden, wodurch unere Betrachtung einen viel beschränk- 
teren, aber hoffentlich weniger unsichereo Charakter tragen wird. 
Die Umbildung des Menschen durch das 
Klima ist eine apriorische Annahme, die in gewissen 
Grenzen höchst wahrscheinlich, der man aber wegen der 
Natur der in ihr wirkenden Faktoren nur mit grösster 
Vorsicht sich nähern sollte. Die Analogie mit Tier- und 
Pfianzenwelt liegt allerdings auf der Hand. Schon Herder 
hat gefragt und mit vollem Recht auch geantwortet: 
.Sollte sich der Mensch, der in seinem Muskeln- und 
Nervengebäude grossenteils auch ein Tier ist, nicht mit 
den Klimaten verändern? Nach der Analogie der Natur 
wäre ea ein Wunder, wenn er es nicht thäte' (Präludien 
1. Th. n. S), und Naturforseher, welche von der Betrach- 
tung der Umbildung der Pflanzen- und Tierwelt durch 
Veränderhchkeit und Vererbung aus zu dem Schlüsse 
kamen, dasa ähnlich auch der Mensch bleibende Umbil- 
dung erfahre , haben das Klima in erster Linie berück- 
sichtigt (vgl. o. S. 77). Aber man darf vorzüglich he! 
Betrachtung der ausserordentlichen Abhängigkeit schwerer 
beweglicher Organismen von den Klima einflössen nicht 
die Beweglichkeit des Menschen ausser acht lassen und 
darum, wie wir ebenfalls schon oben hervorgehoben, in 
allen diesen Untersuchungen nicht zuerst von der heuti- 
gen geographischen Verbreitung als einem unabänderlich 
gegebenen Zustand ausgehen. Sie ist eine Grundeigen- 
schaft des Menschen und ihr Uebersehen fälscht not- 
wendig jeden Schluss, den man auf Naturwirkungen zo 
ziehen suclit. Man kommt so zu scheinbar höchst ein- 
fachen, gefälligen, aber grundfabchen Annahmen, etwa 
wie MaupertiuB (Venus Physique 11. Kap. I), der die 
schwarzen Afrikaner zwischen den Wendekreisen wohnen 
und nicht nur hier, sondern überall in der Welt die 
Regel gelten lüsst; »Indem man sich vom Äequator ent- 
fernt, wird die Farbe der Völker stufenweise heller.' 



I 
I 



Es iM indessen iiiteressanl, zu Bellen, wie wenig selLiat bei 
dieaem eleganten Denker das schone Bild einer den Klimazonen 
entsprechenden Gradation der Verschiedenheiten des Baues der 
HenBchen vor der Kritilc Stich hält und wie er von selbst anf 
Verschiebung^en innerhalb der Menschheit kommt, sobald er sicli 
die Frage vorlegt, warum kleine und grosse Völker in den nordi' 
sehen bexw. den südlichen gemässigt kalten Zonen vorkommen? 
Diese Frage beantwortet Maupertins (Venns Physique II. Kap. VII) 
eehr leicht., indem er meint, diese Riesen und Zwerge seien, als 
sie entstunden, von den andern Vöikern in die^e Regionen ziirilck- 
B«trleben worden; die Riesen seien aus Furcht, die Zwerge aus 
Verachtung daliin gedrangt worden. „Entstanden Riesen, Zwerge, 
Schwarze unter den andern Menschen, sa wird derStolz oder die Furcht 
den grusaten Teil des Menschengesclilechtes gegen sie in WalTen 
gebracht haben und die zahlreichste Art der Menschen wird diese 
„racea difformea- in die wenigst bewoiinbaren Teile der Erde 
verdrängt haben. Die Zwerge zogen sich uacli dem Nordpol zii- 
riick, die Riesen wiiblten die Magella Oslander zum Wohnsitz und 
die Schwarzen bevölkerten die heisse Zone." Ausser der Farbe 
und Grösse wurde dann auch besonders gern die Zahl der Men- 
schen in Beziehung zum Klima gesetzt. Die Behandlung dieser 
Frage durch Geister ersten Ranges ist höciist interessant, sie zeigt, 
wie unvoUkommen damals noch die Forsch ungsmethoden gehand- 
habt wurden. Man möchte sagen: weil die Thalsaohen selbst so 
ungenügend bekannt waren, warf man sich um so eifriger sur 
ihre vermein tliclie Ursache, als könnte so Jener Mangel ausge- 
glichen werden. Der Mangel der Statistik machte Bugenschein- 
Bch diese Frage nur noch interessanter. Wenn Mftnner wie 
VoasiuB und Moutesquieu sich den grösalen Uehertreibnngen hin- 
Bichtlicii der Volkszahl der Staaten des Altertums hingaben 
(HoDtesquieu verstieg sich in den Letlres Persanes zu der Be- 
haaptDDg. dasa Jetzt nicht der 50. Teil der Menschen auf der Erde 
tu wie zu Julius Caaars Zeit], so nahmen sich Home und Voltaire 
»nf der andern Seite die Hiihe, nachzuweisen, aber mit höchst unvoll- 
kommenen Daten, daas dem nicht so gewesen. Columelias An- 
gabe, dass in Aegypten und Afrika mehr Zwillinge geboren wür- 
den als anderwärts, wurde immer noch im vorigen Jahrhundert 
wiederholt. Der Grund war das Klima und die Fruchtbarkeit 
des Bodens, Aber die Qe schichtschrei her des vorigen Jahrhun- 
derts übertrieben ebenso den Volkreichtum Deutschlands, das in 
der Encyclop^die M^thodique als „pipiniüre des peuples"' bezeich- 
net wird, und suchten in der Luft ein fruchtbares Prinzip. 

Geht man diesen Ansichten auf den Grund, imti man 
braucht nicht tief zu steigen, um ihn zu erreichen, so findet 
man überall die Grondanschauiuig dea Klimas als einer 
ebensowohl tief als in weiter Verbreitung wirkenden Ur- 
0Bche und deshalb eine Ursache, die mau fQr entsprechend 



300 Einwirkung üfs KliinaE 

tiefwnrzelikle mitl weitverbreitete Erscheintuigea verant- 
wortlich zu machen iuiiuer geneigt ist. Das nnhewiisste oder 
halbbewusate Bestreben, Ordnung in die Verwirrung der 
anttiropologisch-ethnographisclien Erscheinungen zu brin- 
gen, neigt sehr zur Annahme solcher grossen Ursachen, 
die, wenn sie thatsächlich als wirkende zu Grunde ISgen, 
ungemein vereinfachende, klärende Erklärungen bieten 
würden. Wir erinnern uns einer charakteristischen KotJz 
Livingstones (Miss. Travels 1857, S. 159), dass je weiter 
nach N. um so bestimmter die Ideen der alrikaniachen 
Eingeborenen über religiöse Gegenstände seien. Oder 
wir erinnern an jene Carus'sche Klassifikation der Men- 
schen in Xacht-, Dämmernngs- und Tagvölker, welche 
antliropologische wie historische Verwirrung aufs klarst« 
zonentorraig zu ordnen scheint nach Art des MaupertiuB 
in dem oben angeführten Beispiele. Aber die so ge- 
wonnenen Ergebnisse sind alles nur Gedankenbilder T<ai 
mehr oder weniger grosser Klarheit oder Gefälligkeit, 
die vielleicht augenblickKch ein forschungs müdes Gemfit 
befriedigen, höchst selten aber, und dann nur zuföUiger- 
weise. der Wahrheit selW uns näher bringen können. 
Nachdem wir den methodischen Grmidfehler der Ver- 
mengimg dauernder und vorübergehender, physiologisclier 
imd mechanischer Wirkungen früher (Kap. IV- 1 u. 2) 
als eine Hauptiirsache derartiger Verwirriingen gekenn- 
zeichnet und unsre Selbstbeschränkung auf die letzter« 
Gruppe von Naturwirkungen als notwendig bezeichnet 
haben, haben wir um so weniger Anlass, hier bei der 
ersteren Gruppe oder gar bei jenen täuschenden Ver- 
mengungen der beiden zu verweilen und wenden uns mit 
dem Gefohl, ein klareres Terrain zu betreten, den Ein- 
wirkungen des Klimas auf Verbreitung und ge- 
schichtliche Bethätigung der Völker zn. Die kli- 
matischen Bedingungen der Existenz des Mennchen 
sind bis zu einem gewissen Punkte dieselben wie von 
jeder andern organischen Entwickelung, und die be- 
stimmtesten Grenzen der geographischen Ver- 
breitung des Menschen werden daher zunächst durch 
dieselben gezogen. lieber eine gewisse Grenze von Hitze 



luf die Verbreitung des Menschen, 



301 



tttnd Kälte geht die M(>gliclikeit lueti-sdilicher Existenz 

P'ebensowenig hinaus wie die der Pflanze. Er ist wander- 

f&higer als die weitest wandernden unter den Landtieren, 

aber auch diesem Streben sind heute die äussersten, nicht 

leicht hiuaiiszurUckenden Schranken in 83 " 20' N. B. und 

_ 78" 15'S. B. und nach der Höhe zu bei ca. 7000 m gesetzt, 

B Wassers bedarf der Mensch zum Leben nicht weniger 

s die Pflanze oder das Tier, Die Verteilung von Wärme 

KUber die Erde liestiranit daher in erster- Reihe unmittel- 

lllar die horizontale Verbreitung des Menschen. Jenseits 

tiner gewissen Höhengrenze gibt es keine Möglichkeit 

nenschlicher Wohnungen mehr wegen der Luftrerdttn- 

iuiiig, und ebenso macht seine VerbreJtmig über eine be- 

itdmntte Höhengrenze die Kälte unmöglich. Ebenso sind 

[ewisse wasserarme Gegenden Wüsten, ohne alle An- 

iedeitmgen der Menschen, welche durch die Trockenheit 

■femgehalten, nur da ihre Ansiedelungen begründet haben. 

kwo ein genügender Wasserreichtum sie vor dem Ver- 

F«clunachten schützt. 

Immerhin sind (Iie,se Regicmen. in denen der Mensch 
gar nicht auszudaueni vermag, beschränkt. Aber viel 
ausgedehnter sind diejenigen, wo Kälte und Trocken- 
heit sein Wohnen, seinen Verbleib nicht absolut ver- 
bieten, wohl aber hindern und einschränken. Dahin 
gehört ein grosser Teil der Länder kalter und gemässig- 
ter Zone, auch viele Gebirgs- luid Steppenl ander. Nicht 
absolut unmöglich, sondern nur beschwerlich ist hier das 
Wohnen dem Menschen gemacht- Er lebt ja entweder 
direkt von den Pflanzen, die aus der Erde sprossen, oder 
von den Tieren, die von diesen Pflanzen sich nähren. Er 
iat also entweder mittelbar oder unmittelbar abhängig 
roD den Einflüssen, die auf die Vegetation einwirken, 
denn die Vegetation liefert entweder ihm direkt, oder aber 
i Tieren, von welchen er sich nährt,, die Mittel zum 
Leben. Wo die Vegetation eine reiche, kann sich der 
Mensch leicht nähren, wo sie arm, iallt ihm die Ernährung 
Ksehwer. Blicken wir aber Über die einfache Thatsache des 
Igestülten Emährungsbedürfuisses liinaus. so finden wir, 
fwo ein sehr warmes und feuchtes, der Fruchtbarkeit 



302 



Der Mensch t 



■nhaftes Wesen. 



allzu günstiges Klima herrscht, eine Schwächung Aer M 
Bedingungen höherer Kultur und des ebenmässigen Fort- T 
Schrittes aller Teile eines Volkes. In den Formen der ] 
Zivilisation, die auf diesen Grundlagen ruhen, hat die 1 
allzu leicht befriedigte, trage, grosse Masse des Volke« 
keinen Vorteil von den Fortschritten, die etwa gemacht | 
werden , den Verbesserungen , die eingeführt werden 1 
mögen. Die Gnmdlage des Fortschrittes wird sehr be- f 
schränkt, der Fortschritt selbst sehr nnsieher. 

Fasaen wir die einzelnen hervorragendsten Punkte 1 
in diesem vielfadigen, beziehun gereichen Gewebe der 3 
menschlichen Abhüjigigkeit von den Eigenschaften des 1 
Luftkreises ins Auge , so hebt sich als fundamentale J 
Thatsaehe die Sonnenhaftigkeit heraus, die der Mensch 1 
mit allem organischen Leben teilt. Der Mensch ist gleick | 
allem Organischen, das an der Oberfläche der Erde, in J 
Licht und Wärme sich entfaltet, halb Sonne. Erde sind | 
nur die so und soviel Gramm Kohle, Stick.stofF, Wasser- 
stofif, Sauerstoff, Kalk u. s. w., die bei seinem Zerfall \ 
als Äschenli auf lein übrig bleiben. Alles aber, was 
in der Weise zu.sammenbindet , da,ss sie eben dies«i-l 
wunderbaren Organismus bilden , welchen wir Mensch 4 
nennen, das ist das Licht und die Wärme, durch welche I 
sie in Bewegung gesetzt, ins Unendliche verfeinert, ia I 
die manniglaltigsten Formen gebracht uud endlich za J 
dieser höchsten Leistung der organischen Schöpfung be- 
fähigt worden sind. Aber die Betrachtung dieser weit- I 
gehenden Abhängigkeit des Menschen von der Sonne, 1 
welche thatsächhch ein Doppelwesen, halb irdisch, halb | 
sonnenhaft, aus demselben macht, fällt nicht in die i 
Grenzen, die nir unsern Erwägungen hier gezogen haben. 
Es wird Sache einer erst zu schaffenden Entwickelunga- i 
geschichte des Menschengeschlechtes sein, diesen tieren 
Zusammenhängen nachzugehen. Man hat noch kanm { 
begonnen, das Material zu sammeln zu einer solchen Ge- 
schichte; imd der Aufljau desselben hängt nicht bloss j 
von Fleiss und Gedankenreichtum derer ab, die sich ihr 1 
widmen werden, sondern anch von glücklichen Funden I 
vorweltlicher Reste, deren Zutagekomraen wir dem Za- J 



EintluBS der Warme auf den Meuschen, 



303 



' fall überlassen müssen. Hier Iiaben wir ans mir mit 
f Einflüssen zu besehäftigen , die der fertige Mensch er- 
föhrt. 

Indem der Mensch wie jeder andre Organismus nur 
innerhalb bestimmter Teniperahirgrenzen sich zu erhalten 
. vermag, wird die von der Sonne Über unsern Planeten 
l Biisgegossene Wärme eine der einflussreichsten 
I Bedingungen menschlichen Daseins. Mag man 
die Wärme des Weltraumes zu — 140" C. oder noch 
niedriger annehmen, ao viel iet sicher, daas wenn die 
Erde diese oder eine ähnliche Temperatur beaässe, sie 
fQr den Menschen nicht bewohnbar sein würde und 
ebenso für die andern Organismen, möglicherweise mit 
Ausnahme von einigen der allemiedersten, über deren 
untere Wärmegrenze wir keine Ahnung haben. Wahr- 
scheinlich würde aber die Erde ganz leblos werden. 
Die Erde empfängt aber jahraus jahrein genug Wärme, 
lim gelbst in jenen Teilen ihrer Oberfläche organisches 
Leben erhalten zu können, welchen weniger davon zu- 
fällt als allen andern. Die mittlere Jahrestemperatur 
Obersteigt in einem zu beiden Seiten des Aequators 
liegenden Strich 25 " C. und es ftnden sich innerhalb 
desselben Gegenden, welche sogar über 30" haben, so 
Teile von Innerafrika, Ostindien und dem nördlichen 
Südamerika. Dieser Strich ist nirgends über 40 und 
&st nirgends unter 20 " breit. Entgegengesetzt finden 
räch in den polaren Regionen Striche, deren mittlere 
Jahrestemperatur unter — 20 ° herabsinkt. Man kennt 
' eine derartige Region nördlich vou Nordamerika in dem 
nördlichen Teile des dortigen Polar -Archipels, und man 
darf ihr Vorhandensein vermuten in den nördlich von 
Asien und Europa polwärts gelegenen Teilen, welche bis 
heute nicht besucht und erforscht sind. Auf der Süd- 
Hemisphäre sind die Forschungen nicht weit genug vor- 
redmngen, um ähnliche kälteste Striche nachweisen zu 
V&nnen. Vielleicht gibt es sie dort gar nicht, weil die 
■weite Meeresbedeckung der Südliemisphäre allzu starke 
■Kälte nicht aufkommen lässt. Die grösste andauernde 
KWärme findet man in Innerafrika und Arabien bei einer 



304 



Schädlichkeit des Tmpenklin 



Juliwärme von 35 " C. die gröast« Kälte im nordöstlichen 
Sibirien und im nordamerikanischen Polar archjpel bei 
einer Januarkälte von 4fl " C. Die absolut höchsten uUd 
niedersten Lufttemperaturen, weiche man gemessen hat, 
sind 1)7,7 " C. (Duveyrier in der Sahara) und — Ö2,5 " C. 
( Nischne-Uditisk in Sibirien). Frtlher gab man sogar auf 
die Autorität Gmelins eine Temperatur von — 71,9''C. 
aus Kiringa (Sibirien) au, aber es ist zweifelhaft, ob es 
sich dabei um eiue zuverlässige Messung handelt. 

Was aber die Wirkung des sehr warmen Klimas 
auf die Natur des einzelnen Menschen betrifft, der 
nicht in demselben geboren ist, so ist es zweifeUos, dasa 
der an kaltes oder gemässigtes Klima Gewöhnte in dem- 
selben gefährdet ist. So beträgt in Bataria die Sterblich- 
keit der Einheimischen 1 : 24,8, der Fremden 1 : 1(5,5. Dabei 
ist aber wohl zu beachten, dass vernünftige gesundheits- 
erhaltende Massregeln die Sterblichkeitsziffer der in den 
Tropen lebenden Nordländer im Laufe iinsres Jahrhim- 
deris ausserordentlich vermindert haben. Man miiss sich 
daher häten, die Gefahren des Tropenklimas mit den 
Gefahren einer un regelmässigen Lebensweise zu 
wechseln. Und vorzüglich ist zu erwägen, dass der 
Europäer in den Tropen auch moralisch minder wider- 
standsfähig wird, was aber teilweise Sache der Erziehnng. 
Abgesehen von der ermattenden Wirkung der Hitze und 
besonders der feuchten Hitze schadet er sich seibat durch 
massenhaftes Trinken von Wasser oder sogar von üb 
Verbrennung steigernden, respiratorischen Getränken, 
durch langes und zn oft wiederholtes Baden, durch Träg- 
heit, Genuasleben. Mit der Zeit artet jede Erkältung, 
jede Wunde, jede Hautkrankheit zn einer bedenklichen 
Krankheit aus, er ist der Ansteckung durch ansteckende 
Krankheiten viel mehr unterworfen u. s. w. 

Der Mensch erträgt auf die Dauer nicht ohna 
Schaden eine Wärme, welche die seines eigenen Blutes: 
fibersteigt, aber wie wir sehen, gibt es Gegenden mal 
solcher Wärme, vorübergehende Ausnahmen abgerechnet, 
nicht auf der Erde und so sehen wir denn auch, di 
nii^ends die Wärme es ist, weiche allein ihn von der 



Akklimaiisaiiuii i:i den Tropen. 



305 



I 



Bewohnnng irgend eines Landes oder Ortes ausschliefst. 
Wohl aber sind die Wärmeunterschiede an der Erdoher- 
fläche gross genug, um einmal den Orgauisinns der 
Menschen an eines oder das andre Estrem so weit zu 
gewöhnen, dass er nnr durch einen langsamen Prozeas 
der sog. Akklimatisation sich dem entgegengesetzten an- 
zupassen vermag, und anderseits schaffen sie eine reiche 
Skala verschieden abgestufter Lebensbedingungen, welche 
auf oft unmerkliche \Veise die Lebensweise, die Thätig- 
keit, ja selbst die geschiclitliche Bethätigung der Völker 
bestimmen. 

Ohne Zweifel finden in seinen Lebenspro zc.«äen ge- 
wisse Veränderungen statt, welche den Ablauf derselben 
sich anders vollziehen lassen als in kühleren Klimateu. 
Aber deren Untersuchung ist eine physiologische Frage, 
der wir nicht naher an dieser Stelle zu treten haben. 
Uns genflgt die Thatsache. dass dadurch eine Störung der 
Lebensprozesse entsteht, welche den Aufenthalt und die 
Arbeit allen an gemässigtes Klima Gewöhnten erschwert, 
vielen ganz unmöglich macht. Aber diese Einflüsse sind 
erfahrungsgemäss nicht auf alle Völker dieselben. Die 
Bewohner der warmen gemässigten Zone scheinen am 
meisteu Anpassungsfähigkeit an tropische Klimate zu be- 
sitzen. Nach Augniot wären die Portugiesen am Congo 
geradezu immun und die hervorragende Vitalität ihrer (aller- 
dings vielfach gemischten) Abkömmlinge im malaiischen 
Archipel und Indien ist bemerkenswert. Die Spanier 
Bcheinen kamn zurückzustehen. In Cuba hat sich von 
1774 bis heute ihre Zahl von flO.OiK) auf gegen 800,000 
.vermehrt Von 1849 — 57 betrug ihre Sterblichkeit 24 
p. Mille, ihre Gebnrtazahl 41. In Portorico haben sie sich 
Ton 1851-f>l imi 110,000 (?) vermehrt. AufdenPhiHp- 
pinen halten sie gut aus. Die Sterblichkeit ihrer Sol- 
daten ist dort nur 32 p. Mille. Auch die rasche und 
«eite Verbreitimg der Spanier im tropischen Amerika 
scheint Zeugnis in derselben Richtung abzulegen. Die 
Italiener bezeugen eine ähnliche Fähigkeit in Nordafrika 
und Südamerika, neuerdings auch in Louisiana, wo sie 
neben Basken und Gallegos in den Zuckerfeldem geradezu 



3(Hi 



Farbige Menschen in den Tropen. 



an die Stelle der Neger getreten sind. Die Franzosen 
beweisen ebenfalls einen ganz respektabeln Grad von 
Äkklimatisationsfähigkeit , welcher besonders auf den 
Maskarenen und Antillen sirh gezeigt hat. Abgesehen 
von ihrer Mischung niit stidhchem Bhit ist in dieser 
Richtung jedenfalls auch ihre Massigkeit von Wert. Am 
wenigsten Anpassungafähigkeit zeigen die Germanen, 
deren Organismus einmal den tropischen EJJiflüssen in 
minderem Masse zu widerstehen scheint als der der sOd- 
europäischen Völker, und welche auf der andern Seite 
durch ihre in der gemässigten Zone angeeigneten Sitten 
mid Neigungen weniger zum Leben in den Tropen ge- 
eignet sind. 

In dieser Hinsicht gibt es aber auch Unterschiede 
unter den Farbigen. Griquas und Hottentotten sind 
wegen ihres starken Fleischessens am wenigsten geeig- 
net, in den Fiebergegenden der Tropen auszudauenif 
und wahrscheinlich ist ihr gewohnheitsmässiger starker 
Fettgenuss in dieser Richtung besonders schädlich. Ver- 
schiedene Äfrikareisende haben sie minder widerstands- 
fähig gefunden sogar als die unmittelbar aus Europa 
gekommenen Europäer. Die Leute, welche D. Living- 
etone nach dem Zanibesi- Delta aus den Sumpfluftgegen- 
den des Inneren mitbrachte, litten hier fast ebensosehr 
von Fiebern wie Europäer. Livingstone vertritt infolge dieser 
und andrer Erfahrungen den Gedanken, da,ss die zivili- 
sierten Menschen den Übeln Einflüssen fremder Klimate 
besser widerstehen als die Naturvölker. Er beobachtete 
ebenfalls, dass aus gesünderen Gegenden in ihre Heimat 
zurückkehrende Neger so heftig litten, wie Europäer nur 
irgend hätten leiden können. Die Masslosigkeit in Ge- 
nüssen aller Art spielt hierin gewiss die grösste Rolle; 
eine bewnsste Adaption durch Einschränkung dieser Ge- 
nösse ist ihnen kaum möglich. Selten zeigt sich die 
Kulturüberlegenheit des Weissen so entschieden wie ge- 
rade hier. Man kann ganz allgemein behaupten, dass 
die weisse Rasse den Krankheiten der heissen Länder 
nicht allein unterworfen ist und bei ihrer grösseren morali- 
schen Kraft, die der Erziehung fällig, vor allem nicht 



Verschiedene Fftkloren des Tropenklin 



307 



so unbedingt, wie man oft glaubt. Ruhr und Leber- 
krankheiten suchen in den warmen Teilen Amerikns die 
Kingeborenen fast ebenso oft heim, wie die Weissen. 
Der Cholera, den akuten Lunpenkraukheiten . vorzüglich 
der Schwindsucht, sind Farbige mehr ausgesetzt als 
Weisse. Der Aussatz, die afrikanische Kachesie und 
das Beri-beri zeigen sich fast nie bei der weissen Kasse, 
und es ist besonders bemerkenswert, dass in vielen Fällen 
die Arbeitsfähigkeit der Weissen in den Tropen, nnd 
zwar selbst in den tieferen Lagen, eine nicht viel kleinere 
ist als in der gemässigten Zone. Die , Petita Blancs" 
von Bourbon liefern das Beispiel einer vollstiindigea 
Akklimatisation. Sie widmen sich den allermübsamsten 
Landarbeiten. Und ebenso die spanischen Tabaksbauem 
auf Cuba, welche oft ohne alle Hill'e von Sklaven ihren 
Boden bauen, wie sie es in Andalusien oder Katalonien 
gethan. 

Es ist wohl Taat überilüasig za betonen, dasa xtm Veratänd- 
nia derartiger Unterscliiede es notwendig ist, die vericliiedenen 
Faktoren zu zerl^cn, die nicht Überall in gleicher filärke daa 
repräsentieren, was wir Tropenklima nennen. Wns znnftchst die 
Hitxe betrifft, so werden die hohen Wärmegrade der Tropen be- 
kannllich anch in gemäesigteren Klimalen erreicht^ wo sie aller- 
dings von kühleren Jahreszeiten unterbrochen werden, dennoch 
aber nicht aellen HoDate hindurch herrschen. Ea musa alao muhr 
ihre fast nicht unterbrochene Dauer, ata nur ihr einfaches Vor- 
handensein als eine Ursache dieser Wirkungen angesehen werden, 
welche das Tropenküina auf den Menschen übt. Es ist iwar wahr- 
scheinlich (ß. o. S. 71), das» die Haut dunkler Rassen in ihrem Bau 
ctwaa beaiut, was sie gegenüber unmittelbarer Einwirknng grosser 
Wiimie viel weniger empfindiich sein lässt als diejenige hell- 
farbiger Völker, und es scheint mehr Natiir als Gewohnheit dabei 
im Spiele. Sogar die Hottentotten und Damaraa, wiewohl in 
kühlerem Kllcaa lebend, sieht iiiajt oft das Gesicht der Sonne zu- 
gewandt auf dem heisaen Sande liegen. „Ich bin tiherzeugt," 
sagt Chapman, „dasa 10 Minuten in dieser Lage einem Europäer 
ii^cnil eine Art von Sonnenstich auziehen würden" (I, 383). Aber 
sichrr aind die einroaligen Wirkungen groaaer SonnenwÄrme nicht 
entscheidend in der Frage der Akklimatisation, wie viele Weisse 
auch am Sonnenstich in den Tropen sterben oiügen. Vielmehr 
mass man hervorheben, dass die verhältnismässige Einlbrmig- 
keit eine wesentliche Eigenschaft des Tropenklimas ist, welchem 
in seinen typischsten Ausprägungen z. B. der Jahreszeiten ante r- 
•chied fast ganz abgeht. Und diese Eigenschaft iit sicherlich 



308 



Einfürtuigkei l und Peucbligkei 



iiiclit am wenigsten wirksam iu jener liocbgradigen ErscIilalTuiig, 
welche den Einfluss des Tropenklimsa auf den Europäer hanpt- 
siächlich cberaklerisiert. In nianclicn Beziehungen sind den Tropcii 
durch aolche AbwechBelnngBloaigkeit &hnlic)i Linsiuhtltch dicRer 
Wirkungen- die ninterloaen Seeklimate, wie wir sie t. B. a«br 
aasgeprägl in Südafrika finden. Ea fallt, wie 0. FriUcli (Z. f. 
Erdk. 1868. S. 136) bemerkt, der ionisierende. Einflusa fori, wel- 
uben die kalte Jahreszeil der organischen Faser mitteilt, und so 
tritt allmählich ein Sinken der vitalen Fiinkcioueu ein, welches 
sich besonders dardi den Wrlust der Tliatkraft und die ein- 
tretende SchlaETlieit in der Bewegung dokumentiert. Sowohl bei 
den eingewanderten als den dort geborenen Weissen soll dieser 
KinllusB merklich hervortreten und die allerdings etwas verdnch- 
llj^e Behauptung, daas eelbat die Haustiere sich viel lenksuner, 
sanfter and, bis auf Katze und Hund herunter, friedlicher zeigten, 
bekräftigt wenigstens dem Anschein nach diesen Scliluss, Horean 
de Jonn^s hat aber die erschlalTende Wirkung des Tropenklimaa, 
wie sie spewell in Weatindien sich auasert, sogar bis auf die Stellungen 
bezw. Lagen verfolgt, die der Körper mit Vorliebe annimmt.'^ Du 
Gehen und Hängenlassen der Glieder nimmt der Haltung und dea 
Bewegungen alles Ruhige, Zueammengefasste, erzeugt Bewegungen 
ohne Krait und Grazie, einen wahren „embarros de mouvementa'. 
Es gehören dahin die Vorliebe der Weiber für das Ksuen, welche 
auch auf die Euro^erinnen tich übertragen hat, das Hängenlassen 
der Arme, das Zurückwerfen des Oberkörpers,- die Neigung, alle, 
auch die leichtesten Dinge, anf dem Kopfe zu tragen. Sogar der 
Charakter der meisten Negerlänze, welche mehr die Gelenkigkeit 
einzelner Partleen, voraüglich der Hüften, als diejenige des geasm- 
ten Körpers und seiner Kraft oder Ausdauer auf die Probe setzeiL, 
werden hierauf zurückgeführt. Ausserdem ist aber die groBBe 
Feuchtigkeit der Tropen erfahrungsgemase eine der sohbdlieh- 
sten Eigenschaften jenes Klimas. Kach Jourdanet {.Le Hexique 
el l'Am^rique tropicale. 18M) wohnen die Enropäer unbelÜLsÜgt 
in den heissen, aber nichtsumpfigen Teilen von Mexiko, und in 
den n ci rda Ol eri konischen Golfstaalen sind immer die tiefstgdegea«a 
und doBiit fenciitesten Striche die für den Weissen unbewohn- 
barsten, während er nnter gleicher Breite in den wenig höheren, 
trockeneren Regionen sich heimisch zu machen vermag. Selbst 
das Zaluland und Nalal sind bei grösserer Feuchtigkeit u 
gesund im Vergleich zu den nlichslan grenzenden Hochebenen. 
Anch in andrer Bexieliung greift das üebermass der FenchUg- 
keit in den Tropen tief in das Leben der dortigen Menachen eio. 
Die Hemmung des Verkehres, welche sie bewirkt, ist oft au» 
ordentlich. Westlich vom Tanganyika auf der flachen Wasser- 
scheide zwischen diesem und dem Lualaba steht Monate hindimb 
das Wasser so tief, dass aller Verkehr stockt. Livingstone ging 
bekanntlich bei seiner letzten grossen Reise (186@^ vom TangttnyikK 
zum Bemba meilenweit bis an den Leib im Wusaer. Im Buiff- 
weolo- und Moerogebiel iet die Versumpfung penunnent and weft- 



des TroiienklitoBfl, 



309 



hin muBS die Kultur Bich anf die Termiten liiige! heschranken. 
Dieses grusse Mass von Feucht ig^keit trägt an der Trägheit der 
dortigen Völker wohl einen gröBeeren Teil der Schuld als die 
Hitze, denn nicht die trockene Hitze crsclilafft, wie wir an den 
nördlichen Wüstenbewohuem deaselben Erdteiles sehen, sondern 
die feuchte, und die reichliche Feachtiekeit trügt das meiste zu 
der die Arbeit teils überflüsaig mocliennen, teils erschwerenden 
Uep[iigkeit des Pllanienwachses bei. Schafft sie doch ohne Warme 
noch tropische Urwald bilder*ini hohen Norden in der Breite von 
Sitka! Gering ist im Vergleich dazu der Nutzen, den sie bietet, 
sn wenn die Babisa im westlichen Nysssalioc bland von diesen 
andauernden Regen Gewinn ziehen für die Etefantenjagd , indem 
sie das Tier in die tief morastig gewordenen ßenken treiben, in 
welchen es, liilflos geworden, leicht zu erlegen ist. Der grüsste 
Vorteil ist wohl der Antrieb zu grösserer Keinlichkeit, welchen 
das Uebermass dei' Feuchtigkeit sUenlhatben zu erteilen scheint, 
Liviugstone fand in dieser Hinsicht einen auffallenden Gegensatz 
»wischen den Bewohnern der Nyassauler und der angrenzenden 
Hochebenen: den Schmutz der letzteren scblldert er als ab- 
schreckend. Ihr Gebiet ist viel trockener als das der eraleren. 
Von den Jivaros am Pastassa, die in regenreicher Gegend wohnen, 
hebt W. Reiea die Reinlichkeit der Menschen sowohl als der 
Hütten als eine besonders anffallende Eieenscliaft heryor. Und die 
Polynesier sind bei Wasserfiberüiiss im allgemeinen ebenso reinlich 
wie die Australier in ihrer Steppe schmutzig. Die direkten Wirkun- 
peu der Feuchtigkeit auf den menschlichen Organismus haben wir 
hier nicht zu betrachten, da sie in das Gebiet der Physiologie 
lallen. Wir möchten hier nur hervorheben , dass sie vielleicbt 
etwas lu sehr über denjenigen der Warme bisher übersehen 
wurden. Wir möchten ihnen freilich nicht so grosse Folgen zu- 
sehreiben wie z. B. Krapr, der in seinen „Reisen in Üstafrika" 
(1858) meint, einen der Gründe des neuerdings von Antinori be- 
stätigten Vorkommens Ton Pygmäen, der Doko, im oberen Dschnb- 
£;biete auch in klimatiscben Verhältnissen , vielleicbt in der von 
ai bis Januar ununterbrochenen Regenzeit suchen zu dürfen; 
aber es scheint kaum zweifelhan. dass Hitze nnr in Eombination 
mit grosser Feuchtigkeit tief^Teifend auf den Gang der Funktionen 
uns res Korpers wirkt. 

Tieff^ehende Wirkungen der strengen Kalt* in der 
PoUrzone auf das Innerste des menschlichen OrganisnniB 
kennen wir nicht. Die früher angenommene Wirkung 
auf die Körpergrösse , welche durch sie vermindert sein 
sollte, kann nicht mehr behauptet werden. Und in allen 
übrigen Eigenschaften sind die Polarbewohner im allge- 
meinen nicht verschieden von denen der gemässigten 
Breiten. Scheint doch nicht bloss das Fehlen eines durch 



310 



Polarklin 



Klima Wirkungen hervorgerufenen gleichartigen Polar- 
typiis, sondern überhaupt eines scharf auageprägteu 
hyperboräischen Baasentypua immer klarer sich heraus- 
zustellen. Wir erinnern an Nordenakiölda Beobachtungen 
über die Tschuktschen, die nach ihm gleich der Mehr- 
zahl der PoIarTÖlker keiner unvermischten Raaae mehr 
angehören, sondern, abgesehen.von ihrer Verwandtschaft 
mit den Korjaken, Anklänge an die Indianer Nord- 
amerikas, an die mongolische Rasse und selbst an die kau- 
kasische zeigen! Gleiches darf von ihren amerikanischen 
Verwandten gesagt werden. Ebensowenig scheint die Kälte 
der Polarregionen, welche mit einem grossen Masse von 
Trockenheit verbunden ist, an und für sich den Aufent- 
halt der an gemäaaigtea und aelbat warmes gemäsaigtee 
Klima Gewöhnten zu hindern oder zu erschweren. Die 
dalmatinischen Matrosen der Payer-Weyprechtschen Ex- 
pedition litten nicht an ilu-er Gesundheit durch den 
zweijährigen Aufenthalt in den Polarregionen. Die Frage 
scheint anders für die dunkelfarbigen Menschen Afrikas 
zu liegen, bei denen man wenigstens in Kanada einv 
starke Neigung zu Krankheiten der Atmnngsorgane 
wahrnehmen wollte. Aber ea gibt nicht genug Material, 
um zu entscheiden, ob das kalte und trockene Klima 
allein ihren dauernden Aufenthalt in den Folarregionen 
ebenso erschwert, wie das heisse und feuchte Tropen- 
klima denjenigen der Sprösslinge kühleren Klimas. 

DftBS aber allerdinge die rauhen Naturgewalten der hoben 
Breiten dem tinzelneii Hensclienleben oft Terderblieh werden und 
schon dadurch die Zalil der dort Lebenden verringern können, 
liegt aur der Hand, denn naturgemsaa iat die ExiBteim der Men- 
schen in diesen Regionen nicht, dieselben hallen aicli nur mit 
künatliclien Mitteln, Der 2-5. Teil der ialändiachen Bevölkerung 
erfriert, kommt in Sclineestürmen um oder ertrinkt beim Fischen, 
Ebensoviel sterben an Engatmigkeit, welche dorch das Klima be- 
dingt ist. Verheerende Hungeranöte sind unter den Eskimo h'äufig 
und verschulden sicherlich mit ihren Rückgang an Grönlands 
Ostkiisle. 

um so stärker sind die mittelbar teils auf völlige 
AusschhesHung der Menschen, teils auf Verringerung 
ihrer Zahl in den kalten Zonen wirkenden Ur- 



Verbreitung natli iler Hohe. ;311 

Bachen. In erster Linie steht hier die geringe Zahl der 
Pflanzen und Tiere, welche ihm zur Ernährung nötig 
sind. Das Klima ist zunächst dem Pflanzenwuchs un- 
günstig, verraindert daher die Zahl der von Pflanzen 
lebenden Tieren und beides schränkt die Esistenzmßg- 
lichkeiten des Menschen soweit ein, dass man wohl sagen 
kann, ohne die Tierwelt des Meeres würden von den 
10,000 Bewohnern Grönlands, welche im Vergleich zu 
dem Areal dieser Insel eine äusserst geringfügige Zahl 
sind, nicht IOO(J in diesem Lande auszudauern vermögen, 
das noch keines von den ungünstigsten ist. 

So wie bei der Verbreitung des Menschjn über die 
Erdoberfläche die kalten Gegenden der Polarregionen 
die entschiedenste Schranke setzen, so sind es bei seiner 
Verbreitung nach der Höhe zu die in vielen Be- 
ziehungen ähnlichen schnee- und eisbedeckten höchsten 
Teile der Gebirge, welche ihm ähnlich scharf die Lebeus- 
möglichkeiten abschneiden. Es haben Menschen den 
Chimborazo ((3310 m) bestiegen und sind in Luftschiffen 
bis zur Höhe von 0780 m gelaugt. Aber diese Höhen 
werden nirgends dauernd bewohnt. Die höchsten be- 
wohnten Orte der Erde sind Hanle in Westtibet (4598 m), 
CerrodePasco (4352) und Potosi (40(59) auf der peruanisch- 
bolivianischen Hochebene, Ladak in Westtibet (3600); 
in unsern Alpen ist Sta. Maria am Stilfserjoeh (2535), 
in unsern Mittelgebirgen das Feldberghaus (gegen 140IJ) 
die höchsten dauernd bewohnten Stellen. Hohe Pässe 
fuhren über Himalaya und Kordilleren bei 4^ — 5000 m 
Höhe, und die höchsten von Eisenbahnen erreichten 
Punkte sind 4700 m bei der Oroyabahn und 4580 bei 
der von Ärequipa-Puno. Die besonderen Lebeasbedin- 
gungen der Höhe beginnen allerdings schon viel früher 
als diese vereinzelten Vorpostenpunkte. 

Dae Röhenkliiua, dessen cbarakteristisclie Merkmale in den 

§ rossen DilTerenxen zwischen Tag und Kacbt zu allen Jahreszeiten, 
agegea in geringen DKTerenzen c]er Blitteltemperaturen des 8om- 
mera und Winters (iu Dresden ist das Kaltemuxiranni — 29 ° C, 
in DavoB —25, das WärmemaKimum ist dort 37,5, hier nar 24°, 
Dresden hat eine mittlere Jnliwärme von 19", das Oberengadin von 
IS'C), ferner in gröseerer Trockenheit und Bewegtheit der Luft 



312 



Hohenklimn. 



bestehen, kann noliirlkh nidit sdierf begrenzt werden l es nittg 
aber in unflern Breiten sein Anfang bei 1300 m in eetzen sein, 
dft bier eine gewisse Zahl von Eigen tarn] ichk ei ten des Hoch- 
gebirgea za« am men kommt oder stärker hervortritt. Es sind du 
haupteftclilicb: Abnahme der Tempera lur, grössere Trockenheitder 
Luft^ stärkere Besannung. Änfbören des Ackerbaaes und dcrlnda- 
strie. Die Wirkung dc^^elben auf den Körper ist eine im ganzen 
sicherlich der Gesundheit ziitrikglichere als die des Flach landkljmsa. 
Aus den Todtenlisten der holiei'en Schwcizerth&ier, über welche wir 
genauere Kachrichten haben, ersehen wir. daas die Leute dort ent- 
weder an Altersschwäche in den TOer oder 80er Jahren, oder ao Un- 
gtiicksrBlleni ferner an versoliiedenen akuten Krankheiten infolge 
heftiger Erkältungen, n Ami ich an Lungen- und BrustfellentKiln- 
dungen , an KierencnUilndiingen , dann nn Krebsge.'chnrülHtea, 
Bla-ienstein und Blasenkatarrli , eingeklemmten Brüchen, Schlag- 
anfallen! ^'^ Kinder auch hier nnd da an Scharlach, Uasern, 
Dipliterie sterben. Die Pocken kommen ebenfalls bisweilen vor, 
anch der akale Gelenkrheumatismus i Typhus nnd Ruhr sind sehr 
seilen, einfache abnte Katarrhe der Luftwege kommen vor, d04^ 
nicht so oft wie bei uns. Nervenkrankheiten sind selten. Der 
Kretinismus hört von 1000 m an auf. Die hochgelegenen Gegen- 
den der Tropen, welche ein viel schärferer Klimugegensatz voa 
den dortigen Tiefländern trennt, zeigen entsprechend viel günsl- 
gere gesnndheitliche Verhältnisse als die letzteren. Sie sind meiM 
vollkommen frei von den eigentlich tropischen Endemieen nnd 
wenn die letzteren auch eingeschleppt werden, vermögen sie sicJi 
doch nur wenig aaszubreilen. In Mexiko erreicht — auch durch 
Einschleppung — das gelbe Fieber selten eine Hohe von mehr 
als 700 m. In Guadeloupe herrschte bei der Gelbti eher- Epidemie 
von 1866 an den niederen Orten eine Sterblichkeit bis zn 66 "/, 
der Erkrankten, während im Camp Jacob (545 m), trotz der er- 
heblichen Zahl der dort vereinigten Truppen, sie nicht über H •/* 
stieg. In Uatouba, einige 100 m höher, erstickt sogar der Qelb- 
fieberkeim, wenn der Erkrankte £ur rechten Zeit dahin kommt. 
Die Truppensterbliclikeit betrug in den Bergstalionen von Ben- 
galen 1870 1,12; die der französischen Armee ist 1,01. 

Viel wichtiger als dieser passive Vorzng der geringeren 
Schädlichkeit, welche der Hocbgebirgsluft in gewissen Richtungen 
eignet, ist indessen Jedenfalls der aktiv wirkende Antrieb xnr 
BethatiguDg der Körperkräfte, welcher ihr zukommt. Der GebirgB- 
bewohner bewegt sich unter gleichen Verhältnissen viel mehr (Ja 
der Ebenebewohner und vor altem viel energischer. Bei Ersteigung 
einer Höhe von 2000 m in ca. 5 Stunden kann man reclmen, daas 
das Herz statt 72 ca. 100 Schläge in der Minute macht, was eine 
Leistung von 18.000 kg darstellt. Die Muskelarbeit des Atem- 
holens, die ca. 2>'Jmal verrichtet wird, gibt eine Leistung von 
4500 kilo. Dazn die Hebung uneres eigenen Gewichtes von ck, 
75 kg mit 150,000 gibt zusammen 172,500 kg. Dazu kommt 
aber noch die Anstrengung des Änfrechterhallens . die Ans- 



Hocliebeneuklia 



313 



I 
I 



gleichung ilfS Verlustes durch Herabsinken des ''^diwerpunktesi 
uneree Körpers und ilarcli Reibung nni Hoden. Man kann liit 
annähernde Summe von 180,000 kg für diese Arbeitsleistung 
annehmen, r\. h. soviel als wenn man 180,000 Liier Wasser in 
5 Standen in ein um 1 m liüliKres Becken schöpfen würde 
(H. Buchner in Z. d. D, Älpenvereins 187«, S. 142). Nun gibt 
es in der Regel filr den Gebirgsbewohner keine Mögliehkeil, «ich 
zu bewegen, als iodeni er an- oder absteigt, und er übt rlemnach 
seine Körperkrafle in viel höherem Masse als der Bewohner der 
Ebene. Welche dauernde Wirkungen dieser Uebuiig entQiessen, 
ist oben zu bezeichnen versucht worden (vgl. Kap. 8. l. S. 201 1'.). 
Dass sie und nicht die direkte Einwirkung der dünneren Lntt das 

C'Bum movens im Charakter der Gebirgsvölker ist, lehrt am 
ten der Vergleich mit hoclinolin enden Hoch ebenenv öl kern. 
Zwar ist eine beträchtliche Wirkncig auf die Atemthätigkeit hier 
nnliagbar. Coindet bat Untersuchungen angestellt, denen lurolge 
Franiusen, welche eben in Mexiko angekommen waren, 18,8 Atem- 
züge in der Minute thaten, während die Einheimischen 20,8 
(Indianer), 21 (Mexikaner) und 21,4 {Mestiien) aurwieaen. Die 
Zsbl der PuUschlftge betrug dementsprechend bei jenen 78, bei 
diesen 79,2 bis 80,4. De Bclina behanptet, an eich erfahren zu 
haben, dass nach einem zweijährigen Aufenthalt in Mexiko die 
Zahl der Einntmnngen, die in Paris 16 pr. Minute betragen hatte, 
auf 19' und die der Pulsschlgge von 65 auf 76 gestiegen sei (Bol. 
Sociedad de Geogroßa. Mexiko 1879. 8. 301). Entsprechend nimmt 
die Menge der ausgeatmeten Luft, bezw. der ausgeliauchten Kohlen- 
säure lu. Aber nach der Statistik möchte man eher anneltmen, 
dass die Riickwirkung dieser Beschleunigung nuf den Organismus 
eine schädliche sei. Gerade auf den Hochebenen von Mexiko ist 
nach den Behauptungen einheimischer Statistiker die Lebensdauer 
geringer und die Vermehrung langsamer als im Tiefland. Ruiz 
y Sandoval gibt die mittlere Lebensdauer zu 2i},7 au, Jourdanet 
sogar nur lu 22—23. Von 1801—57 soll sich die Bevölkerung 
der Hochebene um S pr, Hille jährlich, die der Striche „entre la 
iDSSeta 7 mar" um fi— 7 pr. Uiile vermehrt liaben (?). Dagegen sagt 
man, dass zwischen 15 und 30 Jahren weniger Todesf&lle auf der 
Hochebene als im Tiefland vorkommen, und so möchte man 
denn auch nach den Schilderungen, einheimischer Forscher wenig 
Gänstiges von den allgemeinen körperlichen und geisligen Wir- 
kungen des Hochebenenklimaa vermuten; hören wir b, B. die 
Schilderung, welche De Beiina ih seiner Arbeit „Influencia de la 
allura sopre la vida e la salud dct habilanle de Anahuac (Bol. 
Sociedad de Geograüa Mex. 1879. 8. 4 n. 5) vom Weses des 
Hochebeuenbewohnere macht: „Der Bewohner Anahnacs ist 
minder kräftig als der der tieferen Striche des Landes, sein 
Körperbau ist im allgemeinen schwächlich, seine Muskulatur 
wenig entwickelt und seine Arbeitsleistung verhältoismäsaig 
sehr klein. Sein Gesicht ist bleich und „amarillenla" , sein 
Angc matt, sein Ausdruck ist traurig und nachdenklicli. 



314 



Suharfe benachbarter Klimaunterschiede. 



g«in S(;hritt iel langsam und bewalirt stets etwan von „vacilaoioti 
melancäHca". Die aangaiDiBchcn Naturen beobachlet man selten, 
vorberrBchend ist die nervös-biliöse beim Hann und die nerrÖB- 
lymphatiache bei der Frau, Uebcrnll macht eich die Tendena be- 
inerklich za passivem Leben, zu Ruhe nnd Erholung. Wenige 
Bürger beeuhäftigen sich mit dem pcilitiBclien Leben, über der 
grossen Uehrheit der BeTölkerung lastet eine unerklärliche Teil- 
nahm los igk ei t, sie nimmt keinen Teil acn öfTentlichen Leben nnd 
lebt in den Tag. ohne sich um die Zukunft zu kümmern." Das 
klingt nun übertrieben, lüaet aber unter allen Umständen den 
Schluaa machen, duss selbst die hohe Hochebene keine dem Gebirg 
entsprechende günstige Wirkung auf ihre Bewohner übe. 

Unterschiede, welche verschwinden, wei 
sie rüunilich weit auseinander Hegen, werden 
ebenso auffallend wie folgenreich, wenn sie ein- 
ander sehr nahe kommen, so dass sie sich innig be- 
rühren oder sogar durchdringen. Gerade bei den ver- 
hältnisniässig kleinen klimatischen Abständen, welche in 
derselben Zone, sogar in derselben KlimaproTinz beob- 
achtet werden, macht sich dies geltend, Sie wirken auT 
Menschen mit im ganzen gleichartigen Sitten, gleichen 
Arbeitsgewohnheiten, gleichen Ansprüchen und geben 
dadurch einem im Grunde ähnhchen Leben sehr ver- 
schiedenen Ton. Man ist geneigt, selbst jene Unter- 
Bchiede des Volkscharakters, welche man zwischen den 
nördlichen und südlichen Stämmen eines und 
desselben Volkes findet, auf klimatische Ursachen 
zurückzuführen. Man hört die Meinung aussprecheji, 
der heiterere Südgermane sei eine sonnige Natur, wäh- 
rend den Angelsachsen der Nebel seines Klimas trüb- 
sinnig oder mindestens ernst mache. Die Deutscheu sind 
sogar geneigt, unter sich einen nordischen und südlichen 
Charakter zu unterscheiden, und wülirend der Süddeutsche 
gern von seiner Gemütewärme redet, rühmt sich der 
Norddeutsche seiner Energie und seiner rastlosen Thätig- 
keit. Derartige Ansichten erinnern etwas an nationue 
Vorurteile und würden kaum der Berücksichtigung wert 
erscheinen, wenn sie nicht auffallenderweise bei einer 
grossen Anzahl von Völkern wiederkehrten. Ungefähr 
denselben Gegensatz wie zwischen Süd- und Norddeut- 
schen finden wir zwischen Engländern und Schotten. 



Nordlnndcr und Siidliinder, 



n\h 



Ijene, die uns schon verschlossen luid ernst genug vor- 
) kommen, werden von diesen als heiter, gesprächig, laut, 
diese von jenen dagegen als verschlagen und geizig ge- 
schildert. Aber die Schotten sind sicherlich auch eines 
der energischsten und ausdauerndsten Völker. Dass etwas 
an dem Unterschiede ist, das zeigt sich nirgends deut- 
Lücher als in Ländern, wo die beiden Völker nebenein- 
lander als Kolonisten aufgetreten sind. So in Nordamerika, 
Fwo der Schotte durch seine Fälligkeit, auch unter den 
elendesten Verhältnifisen vorwärts zu kommen, sprichwört- 
lich geworden ist. Der Nordfranzose schilt den Pro- 
Ten<;alen trag und schmutzig, woraus sich indessen dieser 
iß seiner sanges- und weinfrohen Heiterkeit wenig macht. 
In Spanien ist der Gaüzier und Katalane weitaus fleissi- 
ger und unternehmender als der Andalusier, und in 
Italien ist der entsprechende Gegensatz zwischen detu 
Pieraontesen und Lombarden auf der einen und dem 
Neapolitaner und Kalabresen auf der andern Seite — 
ganz abgesehen von dem Sizilianer als Inselbewohner — 
»ehr auffallend. Auch der Stidrusse wird als heiterer 
geschildert als der Nordrusse, wiewohl die slawische 
Melancholie ihm auch nicht fremd. Der Südchinese und 
vor allem der Kantonese gilt für heissblütiger und leicht- 
lebiger als der Nordchinese, aber ist wenigstens in den 
dichtbevölkerten Kttstenprovinzen , vor allem in Kwang- 
tung, nicht minder arbeitsam. Er muas es trotz der 
Hitze sein. Aber in den Feierstunden liebt er Spiel, 
Gesang und Schmausereien. Sogar vom Südarabier wird 
behauptet, daaa er wenig von der Würde des Arabers 
, Ton Nedschd oder von Damaskus aufzuweisen habe. Kurz, 
Lflberall wohin man blickt, mehr Heiterkeit, aber auch 
lijnelu' Trägheit und Willensschwäche im Süden. 

Im Zusammenhang damit darf man die Frage suf- 
w«rfen, ob es Zufall sei, dass so oft von Norden her 
^ie Eroberer und Staatengründer gekommen sind, 
IVelche die Südländer unterwarfen? An die Rolle, 
Welche Deutschland solange gegenüber Italien oder welche 
rdie nordspanischen Königreiche in den Maurenkriegen 
[oder die Norditaliener in Mittel- und SüditaUen gespielt. 



31(3 KiimatiBche VerbieitiingBgebk-le. 

ist nur zn erinnern. So sind die Chinesen von den 
Mandschuren und die Inder von den Mongolen unter- 
worfen worden, und die Katfern stamme dringen erobernd 
aus dem gemässigten nach dem tropischen Afrika vor. 
Und nicht bloss der Vorteil der Gestähltheit ist »nf 
Seiten der ans kühleren Klimnten Kommenden, sonders 
ea haben anch darin die Völker der letzteren sicher- 
lich einen grossen Vorzug vor denen wärmerer, dasa sie 
im stände sind, zu der körperlichen Kraft und der Shi- 
lling und Energie des Geistes, die ihnen eigen, 'noch die 
feinere Kultur der letzteren sich anzueignen, nährend 
diese nicht im stände sind oder nicht die Neigung haben, 
umgekehrt zu tauschen. Die ersteren werden also bei 
der Berührung immer bevorzugt sein. Selbstveratänd- 
Uch finden diese Vorteile ihre Grenze, wenn man ans 
äquatorialen nach polaren Regionen wandernd, die ge- 
mässigte Zone überschreitet imd entfalten sieh am kräf- 
tigsten mitten zwischen den beiden. 

Man koRimt auf den Gedanken, daes diesen kleinen uiid doch 
folgenreichen ünterflclüeden vielleiclit eine ähnliche ürBache SB 
Grande liege, wie Livingetone sie für Wirkungen andrer, aibtt 
ähnlicher Art angesprochen hat (s. o. 8. 72% namlicli die Wahl 
von Oerilichkeiteu bealioimten Klimacharaktera durth die Völker 
zur Zeit als sie ihre heutigen Sitze sich suchten und gewannen. 
Wenigstens bei den Itingüaonaren und planvolleren WanderongeD, 
welche durch friedliches Suchen nach be Beeren oder weiteren 
Wohngebieten erzeugt werden, also bei der eigentlichen Aos- 
wanderong, iässt eich eine Kegel erkennen, welch« vorzügliefa in 
Nordamerika deutlich ausgeprägt ist. Die Auawaaderer bleibe* 
nm liebsten in denjenigen klimatiachen Verhältnissen, an weleho' 
sie in ihrer Heimat gewöhnt waren, und ordnen sich daher im 
ganzen in neuen Wohngebieten wieder ähnlich an, wie einst in 
den allen. So finden wir in den Vereinigten Staaten die Skandi- 
navier in Minnesota nnd Wisconsin am stärksten vertreten, die 
Deutschen folgen ihnen znnächsC, während die romanischen Völker 
ihre Auswanderer mit Vorliebe nach den Golfstaaten wandern 
lassen. Audi in Europa sind die Deulachen, indem sie sich nach 
Osten ausbreiteten, gern in Gebieten ähnlichen Klimas geblieben, 
wo Ackerbau und Viehzucht ähnliche Bedingungen fanden. Die 
Regel wird oft durchbrochen, aber sie hat sicherlich dazu bei- 
getragen, gewiesen expansiven Volkern Wohngebiete von vor 
wiegend latitudinaler Ausdehnung anzuweisen. 



Kord- und sUdlrindiBclie LebensweisL-. 



317 



I 
I 
1 



Betrachtet man im einzelnen die Lebensweise der 
Tford- und Südländer der gemässigten Zone, so 
findet man zahlreiciie kleine Unterschiede, welche auf 
die Klimaversctiiedenheiten zurückzuführen sind und sich 
zuletzt doch zu ganz beträchtlichen Differenzen summie- 
ren. Die Lebensweise des Nordländers ist in der ge- 
mässigten Zone fast immer eine häuslichere, umsichti- 
gere, sparsamere als die des Südländers. Er ist nicht 
immer massiger als dieser, aber er muss seine Genüsse 
theurer bezahlen. Der Südländer kann sich in günstigen 
Umständen mehr gehen lassen, braucht nicht ebensoviel 
zu arbeiten, nicht so peinlich i^ schlechte Zeiten vorzu- 
Borgen; aber anderseits ist er in minder günstigen Ver- 
hältnissen bei seiner billigeren Emährimg schlechter be- 
zahlt und dies zusammen mit der ihm eigenen Sorglosig- 
keit neigt»zur Schalfimg einer Armut, eines Proletarier- 
tums, das, wenn auch leicht ertragen, doch immer de- 
gradierend ist. Ein proletarierhafter Zug ist den Italie- 
nern und Spaniern hoch hinauf eigen und erzeugt eine 
Kivellierung nach unten, während umgekehrt bei uns 
der Adel der Arbeit auch die niederen Klassen höher 
hebt und tief hinab einen Zug vOn Selbstachtung sich 
verbreiten lässt, welcher nicht anders als vereSelnd auf 
grosse Teile des Volkes wirken kann. 

Wie bald solche Unterschiede sich herousljilden and geschicht- 
lich wirken, zeigt niolits so deutlich wie der (iegenaatz zwischen 
„Noflbeaers" und „Sontheners^ in den Vereinigten Staaten, für 
den wir J. VV. Drapers trelTende Schilderung (in Uist. of the Am. 
Civil War 1867. L 100) als eine allgemelDgülllge anführen m.öch- 
tea. „Im Morden teilt der Wecliael von Winter und Sommer dem 
Leben der Uenschen seine gesondertcu und verschiedenes Ptlichten 
■o. Der Sommer ist die 'Zell der Arbeit im Freien, der Winter 
■wird in den Hansem mgebracht. Im Süden kann die Arbeit 
ohne Unterbrechung fortgeben^ wenn sie schon verschieden ist. 
Der Bewohner dee Nordens mnss heule vollbringen, waa der des 
SQdens bis morgen anfschieben kann. Aus diesem Grunde mues 
der Nordländer arbeitsam sein, während der Südländer tnger sein 
darf und weniger Neigung zur Voi'aicht and zn geregelten Ge- 
wohnbeiten bnben kann. Die Kalte, welche eine zeitweise Unter- 
breebuug der Arbeit mit sich bringt, gibt damit anch die Ge- 
legenheit zum Nachdenken, und durum gewöhnt sich der Nord- 
länder, uicbt ohne [Icherlegung zu bandeln und ist Inngeamor in 



318 Klimii iintl Arbeitsweise. 

seinem Beginnen und seinen Bewegtingen. Der SUdl&ndet 
neigt, oline UeberlegiiDg zu Ijsndeln und erwägt nie die letita 
Folge von dem. was er zu thun im Begriff ist. Der eine ist vor-, 
sichlig, der andre impulsiv. Der Winter mit seinem Hangel ftB 
Freude und Behagliclikeit wird dem Nordländer zum gröBsmii 
Segen, denn er lehrt ihn, sjcli an den häuslichen Herd und «ein« 
Familie anzuachli essen. In Kriegs Zeiten zwar erweist dieaer Segeq 
sich als seine Schwäche, er ist besiegt, wenn seine Wohnat&tt^ 
genommen wird, Der Suilländer IVegt nichlH danach, 
schnitten von den Anregungen der Natur während einer eo 
Zeit des Jahres wird das Gemüt im Nordländer mit siel 
mehr beschäftigt; es begnügt sich mit nur wenigen Ideen, die a,^^ 
von den verschiedensten Gesichtspunkten betraclil^t. Es ist fSliig« 
sich innig an etwas zu heften und es mit der fanatischsteo Ap^' 
dauer za verfolgen. Ein eüdliches Volk, das beständig unter d 
Einflössen des freien Himmels lebt, rrelches beständig den v 
Bchiedensten Gedanken zugänglich, wird sich in einem üeberfli 
von Ideen treiben lassen und sie alle oberQsclilich behandeln 
melir flüchtig als nachdenkend, wird es nie beständige Liebe n 
einer festen Einrichtung fassen. Ist der Nordländer* einmal eot 
schlössen in handeln, so wird ein Entschluss, der nur auf dl| 
Vernnnft gegründet ist, die Begeisterung des Siidländers 
dauern. Im physischen Hnt sind sich beide gleich., aber d< 
Nordländer wird überlegen sein durch das Gewohntsein an ArV 
und Methode und seine unerschöpfliche Ausdauer. Um den aal 
Dach lebenden Menschen zu überzengen, mnss man nn sein 
Veratand appellieren; um dasselbe bei dem zu bewirken, d 
unter freiem Himmel leht , muss man sich an seine Gefühls 
wenden.'' 

In bezug auf diese ünterscbiede ist wohl die Folg4 
und Dauer der Jahreszeiten von hervorragendem 
Einfluss, und ganz besonders wichtig dürfte es sein, di« 
Frage aufenwerfen, ob das Klima eine dauernda 
Feldarbeit und Oberhaupt Arbeit im Freien mSg' 
lieh macht oder wie lange es dieselbe unter- 
bricht. Nach Montesquieus Vorgang hat zuerst H, Th. 
Buckle mit grossem Eechte hervorgehoben, das» dia 
Arbeit durch das Klima nicht bloss in der Weise beein-. 
fluBst werde, dass jenes den arbeitenden Menschen ent^ 
weder entnerve oder kräftige, sondern dass auch du 
Regelmässigkeit des Arbeitens und Lebens erbeblich« 
Einflüsse von der Seite des Klimas erleide. ,So finden 
wir," sagt er, ,dass kein Volk in einer hohen nörd- 
lichen Breite jemals den stetigen fortgesetzten Fleias be* 



Geschichtliche Bedeutung <ies Jahreszeitenwechsels. 31fl 

sessen hat, wodurch sich die Einwohner der gemSssigten 
Zone auszeichnen. Der Grund dafür wird klar, wenn 
wir bedenken, dass in den nördlicheren Gegenden die 
Strenge des Wijiters nnd der teilweise Mangel des Lichta 
es dem Volke unmöglich machen, seine gewöhnliche Be- 
schäftigung im Freien fortzusetzen. Die Folge ist, dass 
die arbeitenden Klassen, weil sie ihre gewöhnliche 
TMtigkeit abbrechen müssen, zu unordentlichen Gewohn- 
heiten geneigter werden; die Kette ihrer Thätigkeit wird 
gleichsam zerrissen und sie verlieren den Trieb, welchen 
eine lang fortgesetzte luid ununterbrochene Uebung un- 
fehlbar einöösst. Daraus entsteht ein Nationalcharakter, 
der mehr von Eigensinn und Launen hat als der Charak- 
ter eines Volkes, dem sein Klima die regelmässige Aus- 
tlbung seiner gewöhnlichen Arbeit gestattet' (Gesch. d. 
Zivilisat. I. 1. 39). Buckle sieht diese Erscheinung als 
eine gesetzliche von sehr weiter Verbreitung an und 
glaubt z. B. in der Geschichte von Spanien und Portugal 
auf der einen und von Schweden und Norwegen auf der 
anderu Seite deutliche Spuren des (Gesetzes" zu er- 
kennen. , Diese vier Völker, die in andrer Hinsicht so 
verschieden sind, zeichnen sich alle durch eine gewisse 
ünstetigkeit nnd durch einen gewissen Wankelmut des 
Charakters aus." Die gemeinsame Ursache liegt nach 
ihm in allen vier Fällen in der langdauemden Unter- 
brechung der Feldarbeit, dort durch Trocknis hier durch 
Frost. 

Wir hüten ans, eo viel vom National Charakter und damit vom 
gonien Verlauf der Geschichte dieser Völker, wie Buckle will. 
von diesem Unterschied der Arbeitsweise herzuleiteu. Aher daes 
da» Klima gerade in dieser Richtung höchst eionussreich werden 
kann, wer möchte das leugnen? Nur ist dabei nicht bloss die 
Arbeitsweise in Betracht zu ziehen, denn nichts weniger als 
die gesamte Lebensweise wird durch den mclir oder weniger 
raschen Jahreszeiten Wechsel und durch die verhältnismässige 
Daaer der zum Leben und zur Bethätigung im Freien einladen- 
den nnd befähigenden Jahreszeiten bestimmt. Hon sehe die Is- 
länder an, die schon Trüh im ganzen Nurden ob ihrer Trägheit 
and träumerischen Faulheit berühmt waren! Ein sinnendes Hln- 
brülen liegt in ihrer Nalnr, das allerdings von anfrahrender Uef- 
tigkeii nicht selten unterbrochen wird. Ihre Vergnügungen selbst 



320 Gesell iditlicbe Bedeutung- des JaUreBieiieiiweelisela. 

Gind, nnoli Klähns Äuedruck^ friedlicher iiad tnedilativer NaLur, I 
Aber freilich ist dort nicht nur der Einwlne in Beinen Bewegun- f 
gen gehemmt, eingeschränkt, sondern seihst dem öffentlichen f 
Leben wird Einhalt gebaten. Im Winter erlöscht in Island i 
Öffentliche Leben, Nur im Sommer, wenn die Wege zu Heer naä I 
Land frei waren, wurden früher die Gerichts Versammlungen gehalten. ] 
Vor allem deutlich zeigen sich die Wirkungen solcher gezwuag«- T 
ner Ruhezeiten natürlich auf dem wirtschart liehen Oebiete, wie 
wenn z. B. die in Mittelrusalsnd so lebhafte Industrie nach Kor- 
den zu abnimmt und selbst schon im Gouvernement Wologdk | 
einen mehr zerstreuten und trägeren Charakter zeigt. Baxt- 1 
hausen führt es Husdrüekllch darauf zurück, dsss „diese Nordländer J 
contemplativer und genügsamer sind" (Studien l. 279), Od« 1 
wenn die ursprünglich aus gleichen Elementen wie die der Ver- I 
einigten Staaten zusammengellossene Bevölkerung Kanadas ricU 1 
von jener schon Iieule in hohem Hasse durch einen nicht gerade J 
trägen, aber doch langsameren, untern e hm ungsnnlustigeren Cha- 
rakter unterscheidet. Aber noch weiter geht dieser EinUnas, ' 
auch nicht mehr unmittelbar wirkend, durch die wachsende OH' 
Sicherheit und Kostspieligkeit der Bewirlscliaflung. Der an aiolk I 
so fruchtbare, zur Aufnahme gewalliger UenBchenmasBen geeig- I 
nete Nordwesten Kanadas ist zum guten Teil auch darum in. I 
seiner Besiedelung so langsam vorgeschritten, weil nicht nnr di« I 
Farmer selbst den langen Winter von dem Erwerb des BommerB I 
zehren müssen und haum irgend eine lohnende Arbeit im Inne- T 
ren ihrer Blockhäuser zu verrichten haben, sondern weil hftnptr I 
sachlich ihre Tnglöliner nicht ohne übermässige Opfer über den • 
langen Winter fast arbeitslos erhalten werden können: wOSB I 
kommt, dass die im Osten übliche Winterarbeit des Holan]le&>-1 
sich in den Prärieen ja nur ausnahmsweise darbietet. HaxthMlsea 1 
bat eine Berechnung angestellt, nach welcher ein Out in Uittd*! 
deutschlnud bei Tmonatlichcr Dauer der Arbeiten im Freien nnterfl 
sonst gleichen Verhältnissen fast die doppelle Bodenrente TO&fl 
einem Gute in Nordrussland, etwa im Gouvernement Jaroslair,V 
abwerfen werde, dessen Arbeitsdauer nur 4 Honale beti^t. Viia J 
doch sind in Hitteldeutschland seihst die 5 Wintermouale keines- I 
wegs, wie hier angenommen, der Arbeit im Freien durchaus tin-f 
gänstig, sondern es bleibt im Gegenteil fast diese ganze Zeit hia^ 
durch die Uögliehkeit, Dienstboten, Zugtiere etc. zu beschäftige]),^ 
die eben in jenen Teilen Kusslands fast ganz wegfallt. Dicaea 
ungünstige Verliällnis bildete einst einen schwerwiegenden Omnf 
gegen die Aufliebung der I^ibeigenschafl, weil man behaiipt 
die Landwiripchall sei in diesem ungünstigen Klir 
Grossen nnd mit Frohnarbeit zu betreiben. 

Mail versteht, indem man diese mittelbaren mit jenei 
oben erwähnten unmittelbaren Kliinawirkiingen zusammen^ 
fusst, wie selbst geringere Kliman nterscliiede von | 



I 



gescHchtÜcher Wirkung werden können. Welche Men- 
schenopfer haben z. B. die Kolonisations versuche gernde 
dadurch gekostet! Ganz geringe Klimaunterschiede ge- 
nllgten liier zur Erziehmg trauriger Effekte. Ich erinnere 
an das Misslingen »o vieler Veranche, Südrussland, speziell 
das untere Wolgagebiet, mit Nordruaaen zu bevölkern, 
an die Sterblichkeit nach den ersten Besiedelungen des 
Banates mit deutschen Bauern u. dgl. Ueber diese Lokal- 
tarbungen der Kidtur durch den EiufluB.s der Menge und 
Verteilung der geschichtlich wirksamen Eigenschaften des 
KHma.'j hinaus wirken am eingreifendsten die verschie- 
denen Kümate durch die Erzeugung von grossen Gebieten 
ähnlicher kUmatiseher Bedingungen, Kulturgebieten, welche 
entsprechend den Klimazonen gürtelförmig um den Erd- 
ball angeordnet sind. Man kann sie also Kulturzonen 
nennen und man kann von ihnen eine heisae, zwei ge- 
mässigte und zwei kalte, entsprechend den Klimazonen, 
unterscheiden. Bei allem Unterschied der lokalen Klima- 
verhältni-sae konijnt diesen etwas Grosses, Gemeinsames 
zu, daa einmal in den verschiedenen Wirkungen der Kälte 
und Wärme und ihrer Kombination mit Trockenheit und 
Feuchtigkeit und zum andern in den verschiedenen Graden 
von Fruchtbarkeit begründet ist, welche jenen entspre- 
chen. Zwar verdienen diesen Namen die beiden kalten 
Zonen nur in sehr geringem Masse, da schon allein ihre 
Unmöglichkeit, grosse Menschenmassen zu ernähren, sie 
in der Geschichte fast unwirkstun sein lässt. Das einzige 
Land dieser Zone, welches je weltgeschichtlich bedeutsam 
gewesen, ist Island, und Islands Stellung war doch wesent- 
lich eine passive, wie sie eben trotz des Klimas, aber Dank 
der Inselnatur, eingenommen werden konnte. Skandinavien, 
Nordmssland , Nordasien bilden in der alten Welt mit 
ihren weiten Flächen und ihren dünnen Bevölkerungen 
den Uebergang zur eigentlich gemässigten Zone, in deren 
bewegte, reiche Geschichte sie nur zeitweUig das Gewicht 
ihrer Ländermasse warfen , von deren träger Grösse sie 
aber doch immer wieder niedergezogen wurden. Die 
geschichtlichen Erfahrmigen, tiber welche bis heute die 
Menschheit verfügt, stempeln ganz entschieden die ge- 



a22 



■ige nt liehen 
I Thatsarlien 



ruässigte Zone zur echtesten, 
Kulturzone. Nicht bloss eine Gnipp» 
spricht hiefÖr. Die wichtigsten, organisch ziisommeit- 
hängendsten, in diesem Zusammenhang und durch den- 
selben am stetigsten sich fortbildenden, nach aussen an- 
regendsten geschichtlichen Entwickehingen dieser letzten 
drei Jahrtausende gehören dieser Zone an. Und dass 
es nicht etwa eine Wirkung des Zufalls ist, welcher 
das Mitteimeer, das Herz der alten Geschichte, in diese 
Zone fallen lässt, lehrt sehr deutlich das Verharren der 
wirksamsten geschichtlichen Entwickelungen in der ge- 
mÜHsigten Zone auch nach der Erweiterung des Geschichts- 
kreises über Europa, ja selbst nach der Verpflanzung der 
enropaischen Kidtur nach jenen neuen Welten , die sieh 
in Amerika, Afrika und Australien aufthaten. Nach allem, 
was wir von den Einwirbuugen der kalten und heisaen 
Zone auf die einzelnen Menschen bereits kennen gelernt, 
kann es nicht Wunder nehmen, wenn in diesen mittleren 
Zonen, die am freiesten bleiben Ton den unieugbar schäd- 
lichen EinSüssen der Extreme, die stetigste und damit die 
höchste Kidturent Wickelung sich vollziehen konnte. 

Zwar flechten sich unendlich viele Fäden in dieses 
grosse Gewebe hinein: aber da jedes Volk aus Einzel- 
menschen sich zusammensetzt und da folgericlitig auch alles, 
was die Völker schaffen, endgültig anf dem Thnn der Ein- 
zelnen beruht , so ist zweifellos das Folgenreichste von 
allem in diesem Prozess die Erzeugung der möglichst 
grossen Zahl möglichst leistungsfiihiger Individuen in .der 
gemässigten Zone. Am besten können wir dies in den 
Wirthschafts Verhältnissen verfolgen, wo wir als einen 
höchst wichtigen Faktor der Kultur den Eiufluss des 
Klimas auf die Ansammlung und Verteilung de» 
Reichtums finden, der seinerseits unschwer in seiner 
Abhängigkeit vom Klimn zu erkennen ist. Auf tieferen 
Stufen der Kidturentwickehmg ist die Ansammlung des 
Reichturaa eine Sache von der grössten Wichtigkeit, denn 
ohne Reicitum gibt es keine Muse und ohne Muse kein 
Wissen, keine Kunst, keine Veredlung der Lebensformen. 
Erst bei einem erheblichen mid dauernden Ueberschuss 



Klin 



II.1 WirlsWiulUleben. 



323 



» 



I 



der Produktion Aber die Konsumtion entsteht einUeber- 
schuss, der natli den Gesetzen der Wirthßcliaftsiehre sich 
selber verinelirt und das Aufkommen einer intelligenten 
Klasse ermöglicht. Ein armes Volk entwickelt keine 
Kultur mid die relativ armen Kulturvölker stehen nocii 
immer hoch über <len unkultivierten, die von der Hand 
zum Mund leben. Wir sehen diese Wirkungen, wenn 
wir betrachten, wie die Zivilisation in Asien immer auf 
die reichen Tieflandgebiete vom Oaten Stidchinas bis zu 
den fruchtbaren Westabhängen Kleinasiens, Fhöniziens imd 
Palästinas sieh beschränkt. Nordöstlich von diesem Gürtel 
Sassen stets arme, rohe Nomadenhorden , denen es nicht 
an Begabung fehlte. Sobald sie in die Tieflande hinab- 
stiegen (China, Indien, Syrien etc.) sind sie tOchtige Mit- 
arbeiter der Kultur geworden. Aegypten war und 
ist Kulturoase gleichwie es Oase der Vegetation und des 
Klimas ist. Boden und Klima haben hier zusammen- 
gewirkt. In Europa hat sich Aehnlic.hes vollzogen, aber 
wir sehen hier die günstigen Wirkungen des 
Bodens und Klimas ßbertroffen von der aus- 
gezeichneten Disposition der arbeitenden 
Menschen, deren Thatkrtift einen sichereren 
Fortschritt der Kultur gewährleistet als der 
Reichtum der Natur. Die Naturkraft ist ihrem 
Wesen nach bei aller Orossartigkeit begrenzt und statio- 
när, die Kraft des Menschen ist unerschöpflich. Der 
beute Boden wird zulezt erschöpft, während beim Men- 
schen, wenn eine Generation erschöpft ist, eine andere 
an ihre Stelle tritt. Auf dieser Grundlage ward die 
Kultur der Bewohner gemässigter Zone die entwicke- 
lungsfähigste von allen. 

Mächtig hat dabei mitgewirkt die Verteilung des 
Reichtums, deren Abhängigkeit vom Klima hier noch 
einen Augenblick ins Auge gefasst werden möge. Hat 
die Erzeugimg von Reichtümern einmal begonnen, so 
werden sich dieselben unter zwei Klassen verteilen, eine 
die arbeitet und eine, die nicht arbeitet; diese wird die 
geistig regere, jene die zahh-eichere sein. Der Fond, aus 
dem beide Klagen erhalten werden, wird von der unteni 



324 Klima lind Arlieitsluhn. 

Klusäti hervorj^ehratht . deren physisclie Kräfte geleitet. 
zusammengehalten und gleichsam bewirtschaftet werden 
durch die grössere Befähigung der oberen Klasse. Die 
letztere empfängt von dem Ertrage den Gewinn, die 
erstere den Arbeitslohn, Die Höhe dieses Lohnes wird 
unmittelbar beeinÖusst von Boden und Klima. In heissen 
Ländern, wo der Mensch weniger Nahrung bedarf und 
doch die Produktion derselben leichter ist als in kalten, 
wird die Bevölkenmg rascher zimehmen und besonders in 
jenen Klassen, welche nicht viel arbeiten, sondern nur das 
eben Genügende thun wi>llen, um im übrigen der klima- 
tLsch bedingten Trägheit zu leben. Der Menscheu sind 
es dann viele, der Arbeit wenig, und infolgedessen sind 
die Arbeitslöhne abnorm gering. Bei uns braucht nnui 
kräftigere Nahning, das Land erzeugt nicht soviel Nah- 
rung wie dort, ernährt nicht soviel Menschen, man muaa 
mehr arbeiten: die Folge ist der höhere Arbeitslohn. 
Der Mensch muas sich mehr anstrengen, seinen Geist 
und Körper mehr (iben, und empfängt dafür höheren Lob» 
— beides sind höchst günstige Momente , denn sie sind 
geeignet, den Unterschied zwischen Arbeitenden und Be- 
sitzenden zu Gunsten ihres gemeinsamen Charakterzngee, 
der Arbeit, auszugleichen, während umgekehrt die Indo- 
lenz der Tropenbewohner zugleich mit ihren geringen 
Arbeitslöhnen diesen Untersclued ins Extrem ausbildet. 
Die Folge ist die despotische Gewalt, mit der die oberen 
Klassen Über die unteren herrschen, die Unterwürfigkeit 
der imteren, die Unmöglichkeit jenes Grades von Freiheit 
und Selbständigkeit, welche die Grundlage und Gewähr 
dauerhafter Entwickelung der Kultur ist. Krasse Un- 
gleichheit erzeugt Unsicherheit, welche die höchsten Er- 
rungenschaften des geistigen imd oft selbst des wirt- 
schaftlichen Schaffens in Frage stellt, wälirend die Gleich- 
heit in der .\.rbeit die breiteste Basis jeder Kultur schafft. 
Wir sprachen oben von , vielen Ursachen nnd Fäden", 
weiche sich in da.s Gewebe der herrlichen Geschichte der 
Kulturzone einflechten. Einer von ihnen hat sich in der 
bewegtesten Periode der Weltgeschichte als starke Kraft 
bewiesen, indem er als Kehrseite dieser mehr stillen, 



Vulker 



Indern [Ige ri In iuiualorialer 






.120 



I 



» 



mehr erhiUteiiden Kraft der Arbeit, die kriegeriache ge- 
stUhlte Krnft der Menschen mittlerer Zonen in Aktion 
brachte. Wir denken hier an die Völkerwanderungen, 
welche so htiiiSg aus den gemüssigteren nach den wür- 
meren Ländern strebten, und denen die, allerdings auch 
hauptsächlich klimatisch bedingte, weite Verbreitung der 
Steppen in den gemässigten Regionen in erster Linie zu 
Grunde lag. Aber sie sind zugleich Ausdruck der grös- 
seren Kraft, die auf die Schwäche und Trägheit drfickt. 
Die meialen Völkerwonderang«n, welche ili« GeBcliiuhte kennt, 
Imben ßicli aus kälteren uacli wäriaeren Regionen bewegt, so die 
dorische, die arisch-indtsclie^ die iranisclie^ die gallische, die gpr- 
manisch -slawische, die a^tekische, und da diese alle auf der Nord- 
halbkugel tinsrer Erde stBCtgefundeu haben, so ist ihnen auch im 
allgemeinen eine norde lidlicbe Richtung oder eine ä(|UBtoriale 
Tenden« zuzuerkennen. Auf der Süd -Hemisphäre wisstm wir wenig 
von Völkerwanderungen, doch zeigt das NordwärWdrangen der 
Kaffern ebenfalls eine äquatoriale Tendern, und mit einiger Mühe 
kann man dieselbe auch in den Raubzügen der Palogonier nach 
den La Pia ta- Regionen wiederlinden, weichen endlich durch den 
Feldüug dea Oenerala Roca vor iwei Jahren ein Ziel geaetxt 
worden ist. Diese Tendenz hat bauptsäclilich eine klimatische 
Grundlage, welche man leicht versteht und auf welche ich schon 
vorhin aufmerksam gemacht habe. Dea Bewohner des rauheren 
Klimas treibt es nach dem milderen. Im Fülle lodiena kommt 
auch hinzu, dasg der Gebirgsabhang wohl den Sord- und Hoch- 
landvijlkern einen Abstieg nach Süden in das Tiefland, nicht aber 
umgekehrt diesen nach norden hin gestattet Aehnlich wirken 
wohl anch andre Glieder der grossen Reihe von Gebirgen, die 
vom Oatende des Bimalaya, durch Hindukusch, Taurus, Balkan, 
Alpen, Pyrenäen eine Kette vom bengalischen Busen bis zum 
Allttutischen Ozean bilden. In der Regel scheiden sie mUdea 
SUdklima vom rauhen Nordklimu, frurhlliarc Tiefländer von min- 
der ergiebigen Hochländern, und man begreift, daas w hnu]>teä(^h- 
licli an ihrem Südfnsse war, wo die Volker höherer lireilen ihre 
Arkadien und Ihre Eldorados vermulelen und suchten. Hierbei 
ist auch zu erwägen, dasa diese Bewohner rauherer Striche ge- 
härtet waren durch den Aufenthalt im alälitenden Klima, damit 
unternehmender, wanderfahiger, an dass besonders zahlreiche 
Wanderungen aus den gemässigten Zonen ausgingen. Man hat 
diese allerdings sehr bemerkenswerte Thatsache noch weiter zu 
verallgemeinem gesucht. Sich stützend auf die Behauptung, dass 
ein Volk, millen zwischen dem Polar- und dem Wendekreis 
wobnend, wenn ea den Instinkt dea AngrilTes nnd der Eroberung 
hftite, mit zweischneidigem Schwerte schlagen würde: „im 
Norden die Armen und Schwachen, die KleiDgewaclisenen und 



Bchleclit Anagerlisleleii , im Süden die Entnervten und Ucppigen" 
laast Latliam eine „Zone of Conqueat" um die Erde ziehen, in 
welcher von der Elbe biii £um Amur die Germanen, Sarmftten, 
Ugrier, Türken, Mongolen und UandEclme wolinen. „Ihre Be- 
wohner," aagt er, „haben die Wohnptütze ihrer Nachbarn nacli 
Noivl und Süd UberrannC, während weder von Norden, noch von 
Süden her irgend eioer von diesen auf die Dauer die Bewoliner 
der mittleren Zone verdrängt hat Die Germanen wohnen nord- 
wärts bis ans Eismeer und ihre Spuren leben in Frankreicli, 
Italien und Spanien, wo sie 90 weit südlich wie Kurcia (Harch?) 
aicU finden. Die Slawen wohnen vom Eismeer bis »um Adrialt- 
Bclien Meere. Die Ugrier, wenn auch iwiachen Slawen und TUrken 
zersprengt, haben einen Zweig in Finnland, den andern in Ungarn. 
Türken wohnen am Uittelmeer und (als Jakuten) am Eismeer. 
Die Mongolen herrschten zeitweilig vom Eismeer bis zuoi Indi- 
schen Ozean. Die Tungii^en haben ihre Sitze nn der Nordost- 
kiiste Asiens, aber die heutigen Herrscher Chinas sind Handselkiis 
(Tiingnsen)." Diese weiten zusammenhängenden Verbreitangs- 
gebiete tragen allerdings den Stempel der Expansion an sich. 
Wenn z. B. die sog. mongolische Rasse im älteren (bhimenbach- 
suhen) Sinne allein '/s der gesamten Menschheit umFitBSt, lO 
suchen wir die Ursache zunächst in der Weite des Gebietes, wel- 
ches ihr zu leichter Verbreitung ofTenstand, dann aber auch in 
dem expansiven Charakter, den die klimatiachen Bedingungen 
ihrer Wohnplätie ihr verleihen. Im Vergleicli daiu sind die 
Wohnsitze der schwarzen Rasse znsamm engedrangt, eingezwängt; 
nnd es steht wohl nicht aasser Zusammenhang mit diesen ans 
gemässigter Breite sich ergiessenden Völkerwanderungsfluten, dass 
jene in die ausserslen SUdenden der allen Well, in die aijuatoiialen 
und transäqualoiialen Ausläufer derselben geschoben sind. 

Was den Einfluss des Klimas auf die früheste 
Eutwickelunji; der Kultur anbetrifft, ao sind diejenigea 
Naturbedingungen, welche die Ansammlung von Reichtum 
vermöge der Fruchtbarkeit des Bodens imd der darauf 
verwandten Arbeit gestatten, zweifellos von der grössten 
Bedeutung für die Entwickelung der Kultur. Aber es 
ist dennoch unzulässig, mit Buckle zu sagen, dass 
„kein Beispiel in der Geschichte gebe , dass irgend ein 
Land durch seine eigene Anstrengung zivilisiert worden 
wäre, wenn es nicht eine von diesen Bedingimgen in 
einer sehr günstigen Form besass." Für die erste Exi- 
stenz des Menschen waren warme , feuchte Länder . mit 
Fruchtreiehtum gesegnete, ohne Frage notwendig, und 
der Urmensch ist kaum anders deim als Tropenbewohner zu 
denken. Wenn aber anderseits die Kultur nur als eine 



die Eiitwickeluiig ilej' Kullu 



327 



I 
I 



£nt Wickelung der Kräfte rles Meuscheii an der Natur uad 
diircli dieselbe zu denken ist , so konnte sie nur durcli 
irgend einen Zwang gescheheu, welcher den Menschen 
in ungünstigere Verhältnisse versetzte, wo er für sich 
selbst mehr sorgen luusste als in dieser seiner weichen 
Wiege der Tropenwelt. Dies führt aber notwendig zu 
gemässigten Ländern, die wir mit derselben Notwendig- 
keit als Wiege der Kultur ansehen, wie ^vir die ti-upl- 
scheu als Wiege der Menschheit begrüsaen. Wegen der 
geringen Zahl der Völker mit anscheinend ganz selb- 
ständig entwickelter Kultur ist es nicht ganz leicht, 
diese Frage zu entscheiden. Aber wir haben jedenfalls 
in der Hochebene von Mexiko ein viel minder frucht- 
bares Land als in den umgebenden Tiefländern, und das 
gleiciie dfirfte von Peru zu sagen sein. Aber dennoch 
finden wir die grösste selbständige Entwickelung, welche 
nach unserem Wissen jemals in Amerika stattgefunden 
hat, auf diese beiden Hochebenen beschränkt. Thatsäch- 
lich erscheinen sie selbst heute bei hochgesteigerter Kultiu- 
dtfrr und öde wie Steppen neben der ungemein üppigen 
und prachtvollen Natur der an vielen Stellen nur eine 
Tagereise weit von ihnen entfernten Tiefländer und Stufeu- 
länder. Man kann sagen, das» in tropischen und sub- 
tropischen Ländern die Fruchtbarkeit des Bodens im all- 
gemeinen abnimmt mit starker Erhebung desselben und 
dass unter jeder Art klimatischer Bedingungen die Hoch- 
ebenen niemals so fruchtbar sind wie Tiefländer, Hügel- 
länder oder Gebirgshäuge. Nuu hatten diese amerika- 
nischen Kulturen beide ihren Sitz iiuf Hochebenen, und 
der Mittelpunkt und die Hauptstadt der einen, der mexi- 
kanischen, Tenochtittau (an der Stelle des heutigen MexikuJ. 
lag in 2277 m, während Cuzco, das diese Stelle im Reich 
der Inkas einnahm, sogar in 'd9W m lag. Von Hitze 
und Feuchtigkeit, welche nach Buckle die notwendigen 
Vorbedingungen der Zivilisation sind, findet sich in diesen 
beiden Ländern bedeutend weniger als in dem grfissten 
Teil des übrigen Mittel- und Sudamerika, imd doch sind 
gerade sie es, wo die zwei einzigen selbständigen Kultur- 
entwickelimgen der Neuen Welt erblühten. 



iltklee 






Uebrigens zeigt Btickleß weitere Untersuchung der Gründe 
dieser nenweltlichen Knltureiitwickelungeii sehr deatlich, n-ie 
wenig die induktive Uelhode an und für sich geeignet ist, die 
waglialsigsten Spekulalionen und die Bclileclitest fundierten Ge- 
daiikenbauten lüntnnzabBlteD. Sie ist eben ein Werkzeug wie alle 
andern^ das flir eich recht gut sein kann, mit dem aber nur dann 
richtige Resultate zu gewinnen eein werden , wenn es geschickte 
Anwendung Hndet. Es sei gestattet, einen Augenblick aus metlio- 
dologiscliem Interesse bei dieser Erklärung zu verweilen. Buckle» 
Betrachtungen über die natürlichen Bedingungen der mexikaui- 
sclieu Kultur geben an Luftigkeit der Spekulation keiner ge- 
sehichtsphilosopbischen Ifonstruktion aus der Uegelachen Schule 
etwas nach. Die Thatsachcu wei-den einTach auf den Kopf ge- 
etellt. Alles wird sehr klar und einleachtend gemacht, aber im 
Handumdrehen haben die Thatsachen einen ganx andern Charak- 
ter gewonnen als der isl, welcher in Wirklichkeit ihnen inne- 
wohnt. E« • wird nämlich davon ausgegangen , dass alle 
grossen Strome der neuen Welt auf der Oetküste münden, einer 
Thataacbe, die man im allgemeinen zugeben kann, wenn auch 
der Ausspmch, „weder im Nurden noch im Süden von Amerikai 
fällt irgend ein bedeutender Strom in den Stillen Ozean", ange- 
sichts des Jnkon, Kolnmbia und Kolorado für den Geographen in 
weit gehl. „Dagegen," Ueisat es nun weiter, „verhält sich's mit 
der andern Hauptnraache der Fruchtbarkeit, der Hitze, in Nord- 
amerika gerade umgekehrt. Dort finden wir die Bewaesemng im 
Osten , die Hitze im Westen. Diese Verschi edenheil der Tempe- 
ratur der beiden Küsten ist walirscheinUch von einem grossen 
meteorologischen Gesetz abhängig, denn ;n der ganzen nördlichen 
Hemisphäre ist die Ostseite der FeatlSndcr und der Inseln kUter 
als die Westseite. Ob dieses Jedoch aus einer grossen amfasseii- 
den Ursache entspringt oder ob jeder Fall seine eigene Ursache 
hat, lässt sich bei dem Jetzigen Stande unsrer Kenntnisse nnmÖg- 
lich entscheiden; aber die Thntsache steht fest und ihr Einfluss 
auf die früheste Geschichte Amerikas ist sehr merkwürdig. In- 
folgedessen sind die zwei grossen Bedingungen der Fruchtbar- 
keit an keinem Punkte des Kontinents nördlich von Mexiko zu- 
sammen getroffen. Den Ländern der einen Seile fehlt es an Hitze, 
denen der andern an Bewässerung. So wurde die Anhäufung von 
Reichtum erschwert und der Fortschritt der Gesellschaft gehemmt ; 
und bevor im 16. Jahrhundert die Kultur Europas in Amerika 
wirksam gemacht ward, gibt es kein Beispiel von irgend einem 
Volke, das nördlich vom 20- Breitegrade auch nur eine so un- 
vollkommene Zivilisation wie die Indier und Aegypter erreicht 
liälle. Auderseits ändert der Kontinent südlich vom 20.° plote- 
lieh seine Gestalt, zieht sich zusammen und wird ein schmaler 
Landstreifen, bis er die Landenge von Panama erreicht. Dieser 
enge Landt^tricli war der Mittelpunkt der mexikanischen Zivili- 
sation, und aus unseni obigen AuBfilhrungen ergibt sich leicht, 
warum dies der Fall war. Die besondere Bildung des Landes 



sehe Bedingtheit der Kulliir, 320 



rTersehaffte ihm eine sehr ausgedehnte Seeküste und gab so dem 
Biidllchen Teile von Nordamerikn den Charakter einer ]n!<el. Da- 
durch entstand eine von den Cigentltinlichkeiten eines Insel- 
ktimas, n&müch eine grössere Feuchtigkeit durch die Waeser- 
dünste, die aus der See aufsteigen. So erhielt Uexiko durch die 
N&be des Aequators Hitte und durch die Form des Landes Feuch- 
tigkeit; und da dies der einiige Teil von Nordemerika war, wo 
P diese Bedingungen sich vereinigten, sn war es auch der einzige, 
der überhaupt zivilisiert war" (Geach, d. Zivilis, I. K. II). — Be- 
darf es einer eingehenden Bntkraftung dieser Aufstellungen? 
Wir haben schon gesehen, wie weit gemde dip Natur des SitMs 
der mexikanischen Kultur von dieser Vereinigung der Hitze und 
Feuchtigkeit entfernt ist. Aber ist nicht auch darin weit gefelilt. 
dai8 die mexikanische Kultur als eine primitive dargestellt ist, 
die des Schutzes der den Kampf ams Dasein raildemden., das 
Leben erleichternden Faktoren Warme und Feuchtigkeit noch be- 
darf? Diese Kultur ruht im Gegenteil auf der Entwickelung der 
Kräfte, die die Natur in den Menschen gelegt hat, wie jede höhere 
Kultur, und wenn man im allgemeinen zugeben kann, dass der 
Mensch in seinen frühesten, hilflosesten Stadien des Schulzes einer 
milden Natur bedurfte, d. h. dass der Vorkulturroenach ein Tropen- 
bewohner sein musate, so kann nmgekehrt der Kulturmensch ans 
mehrerlei Gründen, die wir früher eotwickelt haben (b. o. S. 321), 
nur in der Schnle des gemüssigleti Klimas erwachsen gedacht 
werden, 

Ks würde einBeitig sein, die Luft nur als Träger 
dessen auiznfasaeu, was wir Klima nennen, Unalthängig 
davon übt sie beachtenswerte Wirkungen, welcie haupt- 
sächlich zwei in ihr vereinigten Eigenschatten entfliessen, 
die wir als Gleichförmigkeit und Beweglichkeit 
ansprechen. Die etstere hängt von der andern ab, denn 
die Beweglichkeit der Luft ist so gross, dass wir fast 
nirgends eine Luft von lokalem Charakter hinsichtlicli 
der Zusammensetzung vermuten können, denn nicht nur 
1 zwischen äquatorialen und polaren Regionen Üben Pasaat- 
I ond Antipassatströmujigen eine ausgleichende Wirkung, 
I sondern es wirken zwischen beschränkteren Gebieten der 
Erde in derselben Richtung Strömungen und Gegenströ- 
mungen, anfangend von den Monsunen und herabsteigend 
bis zu den täglich wechselnden Berg- und Thalwinden. 
So ist mit verschwindenden Ausnahmen, unter welchen 
nur die Schwängerung gewisser Tiefland- und Sumpflüfte 
mit krank he itserz engen den Miasmen unmittelbar anthropo- 



330 



Gtekhfurmigkeil und 



geographische Bedeutung gewiiint, die Luft überall von 
wesentlich derselben Zusainniensetzuiig. Ob freilich bei 
ihrem so tiefen Eindringen und innigen Vermählen mit 
dem menschlichen Organismus nicht selbst kleinen Unter- 
schieden des Kohlensäure- und Ozongehaltes, oder der 
Feuchtigkeits- oder Sulzbeimiscliuug {in der l^&he des 
Meeres) physiologische BeJeutimg beizumessen sei, bleibt 
zu untersuchen. Offenbar ist aber in denjenigen Tbatsachen- 
kreisen, deren ErforMchung mia obliegt, die allgemeine 
Gleichförmigkeit der Luft von erster Bedeutung. 
Denn so wie die Luft über allen Unterschieden der Um- 
risse und Plastik gleichförmig schwebt, so vermag si* 
auch ge wisser massen einen Kitt zwischen den lokalea 
Besonderheiten zu bilden, welche jeuen entsprechen, und 
kann demgeraäss abgleichend auf dieaelbeii wirken. 

Mit lUcht nenni Leroj'-Beaiillcu das Klima zunächst der 
BodengegUlt a)a vtrbindendea, einlieUforderuden Faklor des russi- 
schen Reiches und vor allem den Winter dieses Klirnns, der fast 
Jedes Jahr Süd und Nord mit demselben weissen Tuche bedeckt. 
Die Winter sind nioht ae]t«n, in denen man im Januar von AstrK- 
cbau nach Arehangel zu Schlitten reisen kann. Daa Asowachc" 
Heer und das Kordende des Kaspisees sind beide im Winl«r ge- 
froren, gleich dem Weissen Heer oder dem Finnischen MeerbaHn. 
Der Dnjepr wird njelii Viinder von einer Eisdecke gefesselt wie 
die Dwina und wenn auch die Häfen des Schwarzen Heeres offen 
bleiben, bedecken .'•ich doch dessen Limans in der Eegel mit Eis. 
Minder innig sind die Baude,, die der Sommer knüpit nnd welcbe 
Tielleicht, wenigstens auf geistigem Gebiet, die Wirkung der 
scharfen Gegensätze dieses konlinentalen Klimas überragt. Aber 
es bleibt ein Uebei'scliuss von Einigeudem. 'Australien und Mittel- 
asien mit ihren wesentlich gleichartigen Klimaten zeigen in der 
Einförmigkeit ihi'er Bevölkerungen Aehnllches. 

QroBsenteils in derselben Richtung liegen nun auch 
die Wirkungen, welche die Luft durch ihre Beweglich- 
keit hervorruft, und welchen vielleicht noch eine grosse, 
verkehrsumwälzende Ent;wickelung bevorsteht. Ist die- 
selbe bis heute nicht in dem Sinne dem Verkehr dienst- 
bar gemacht . wie die Luftschiff fahrt es anstrebt , d. h. 
so dass jene zugleich dai< bewegende Element und das 
Medium der Bewegung bildet, so ist doch der Nutzen, 
welchen sie als treibende Kraft dem Verkehr auf dem 
Wasser gewährt, bekannterraassen ein sehr grosser, und 



Beweglifhkei 



331 



I 



I 



dieser sehr alte Nutzen ist auch noch nicht erheblich ver- 
ringert worden durch die Wettbewerbung eines viel zu- 
veriSssigerea , vom Willen des Menschen abhängigeren 
MotoFM, des Dumpfes. Die europäische Segelflotte zählte 
Ende 1878 71, 7-2t) Schiffe mit 12 Millionen Tonnen, wäh- 
rend die Darapferflotte 838Ö Schiffe mit 3'/» Millionen 
Tonnen aufwies. Dabei ist der grossen Wichtigkeit der 
Ueiiieren Segelschiffe für Küstenschiffahrt und Fischerei, 
der Segelschiffe auf Binnenseen und Flüssen und der That- 
sache nicht gedacht, daas der europäischen Kultur ferner- 
stehende Völker wie Chinesen, Japaner, Malaien einen 
zum Teil beträchtlichen Seeverkehr fast ausschliesslich 
durcli Segelschiffe unterhalten ; ebenso wie aller Wasser- 
verkehr bis in das zweite Jahrzehnt imsres Jahrhunderts 
neben den Rudern nur die bewegte Luft als Motor be- 
nützen konnte, Vorzüglich bei den unfreiwilligen Wan- 
derungen Ober weites Wasser !iin, die vielleicht kräf- 
tiger als man gewöhnlich annimmt, auf die Verbreitung 
der Menschen über die Erde gewirkt haben, musste der 
Wind sich thätig zeigen. Wie er in höchster Bewegt- 
heit als Sturm Tauseude vernichtet, ganze Länder imter 
Sturmfluten begräbt, welche er aufwühlt, ist geschicht- 
lich hochbedeutend. Dem Sturm, der die grosse Armada 
Philipps n, zerstreute , ist unmittelbare geschichtliche 
* Wirkung sicherlich nicht abzusprechen. Endlich ist aucli 
die wirtschaftliche AusnQtzung der bewegten Luft durch 
Windmühlen nicht zu übersehen, welche da, wo Wasser- 
hebung behufs Bewässerung von nöteu, die Bewohnbar- 
keit weiter Striche z. B. im Westen Nordamerikas, erst 
ermöglicht. 

Schlussfolgerungen. Die Umbildnng der mensch- 
lichen Natur durch das Klima ist eine durch Analogie 
der übrigen Natur berechtigte Aimahme, bei deren Er- 
forschung indessen nicht von der heutigen geographi- 
schen Verbreitung der betreffenden Thatsachen in erster 
Linie auszugehen ist. Weder Hitze noch Kälte schliessen 
irgendwo auf der Erde die Existenz des Menschen uu- 
mittelbar aus, sie erschweren dieselbe jedoch und geben 



332 Klima. — Sdilueefcilgerungen. 

der Bethiitigviug des Menschen bestimmte Färbungen. 
Die Sonnen wärme ist «lie erste Grundbedingung des 
menschlichen wie alles organischen Daseins. Der Ueber- 
gang von einer Wärmezone zur andern ist nicht ohne 
eingreifemle Veränderung des menschlichen Organismus 
möglich. Die tropische Wärme schwächt die Energie 
des Menschen und verändert tiefgehend die Lebens- 
prozesse des an kflhleres Klima Gewöhnten, wobei aber 
verschiedene Völker verschiedene Grade von Anpassungs- 
fähigkeit zeigen. Nicht so sehr die Grösse als die 
gleichförmige Dauer der Wärme scheint am entnervend- 
sten zu wirken. Die in den Tropen in der Regel grosse 
Fenchtdgkeit scheint in derselben Richtung zu wirken. 
Wir kennen keine unmittelbar den Körper oder die Seele 
des Menschen umbildenden Einflüsse der Kälte, aber die 
Kälte erschwert mittelbar in hohem Grade das Leben 
des Menschen. Ebenso schliessen ihre mittelbaren Wir- 
kungen ihn aus den Regionen jenseits einer gewiRsen 
Höhe aus. Nicht nur die Summe, sondern auch die 
Verteilung der EigeiischaAen des Klimas wirkt auf den 
Menschen, so vor allem der grössere oder geringere Ab- 
stand der Jahreszeiten-Unterschiede. Diese scheinen in 
der Erzeugimg kleiner, aber vregen ihrer Nachbarschaft 
geschichtlich besonders folgenreicher Unterschiede zwi- 
schen Nord- mid Südländern desselben Stanimes ihre 
Wirksamkeit am stärksten zu entfalten. Die »Kultnr- 
zonen" entsprechen im allgemeinen den Klimazonen. 
Die gemässigte Zone ist die eigentliche Kulturzone, Der 
wirtschaftliehe Gegensatz zwischen kalter imd heisser 
Zone auf der einen und gemässigter Zone auf der andern 
Seite beruht auf der freieren Entfaltung der Kräfte iji 
der letzteren. Die gemässigte Zone ist zugleich die 
Region der grossen geschichtlichen Bewegungen und Än- 
stösse, die die Völker der andern Zonen zurückdrängen. 
Auf die früheste Entwickelimg der Kultur ist hingegen 
das wärmere Klima als das weniger fordernde von gün- 
stigerem Einfluss gewesen. 



Die PÜanzeii- und Tierwelt 



I 



12. Die Pflanzen- und Tierwelt. 

Die Abhängigkeit dna MunacKen vi>n nlleni nndern L<?bviidigen an 
der Erde. VerBchiedeue Formen dieser Abliäugigkeii. Haaaen- 
beiiuhaiigen. Die Wirkungeu der Vegetationsfonuen. Walder. 
Strauclisteppen. Ein Blick auf unmittelbare Wirkangeii dea 
Bodena. ZurückdräDgung des VVeld«a durch die Kultur. Allge- 
meine Vei*nderung der Pllaniendecke durch die Kultur. Einiel- 
bexiehungen. Ansbeulung der Naturschätze durch den Hen- 
sohen. Bexieliung dea Malurreiclituins zur Kultur, Der Natur- 
reichtum und die Naturvölker. Was iat mehr kullurfördenid mi 
der Natur, die Gaben oder die Anregungen? Die Ueherfüüe der 
tropiauhen Natur erdrückt die Energie des Menfichen, ebenso' wie 
OB die Armut thut Neukaledonier und Uelaneaier. Wann wirkt 
die Naturarmut anapornend? Die Entwickelung dea Ackerbaues in 
Anlehnung an die Natur. Die Gaben der Natur und ihre 
Auabeutung. Verteilung dieser Gaben über die Ei-de. Ver- 
schiedene Grade ilirer Ausnüixnng. Beispiele aus Island, Sudan 
und Ostafrika. Beziehung der Zahl nutzbarer Pllanzen und Tiere 
zur Gesamtzalil, GeBuhichlliche Gründe derselben. Begünatiguug 
gewiaaer Regionen wie der Steppen und Polarländer. Wande- 
rungen der Kulturpflanien und Haustiere mit dem Mensclieii. 
Akklimatisation. Blick auf die natürliche Ausstattung der alten 
nnd neuen Welt, Afrikas und Au-stroliena. Die Veredelung der 
Pflanzen und Tiere. Die feindlichen Beziehungen dee 
Menschen zur übrigen Lebewelt. Raubtiere. Verderbliche 
und stählende Wirkung. Konkurrenten des Menschen. 



Grnitdidee. Die organische Schöpfung, welche 
geschichtlich und stofflich yon allem Irdischen 
, dein Menschen nächstverwandt, ist durch eine 
ganze Reihe von Lebensadern notwendig mit dem 
Leben des Menschen verbunden und bestimmt 
daher durch ihren gröss«reu oder geringeren 
Reichtum viel von der Freiheit oder Gebunden- 
heit seines Duseins. 



334 



; un<l KJussifikat 



Die unendliche Ffüle des Lebens, das ausser dem 
menschlichen iinsre Erde hegt, ist nicht blosi« historisch, 
d. h. erdgeschichtlich die Vorbedingung der Existenz des 
Menschen auf der Erde , sondern wir sind in jedem 
Augenblicke für erste Notwendigkeiten, wie Ernährung 
nnd Bekleidung, und ia grossen Teilen der kühleren 
Klimate auch für Erwärmung von demselben abhän|pg; 
ausserdem sind wir t'Ür eine ganze Anzahl von kleineren 
Bedürfnissen des Lebens, welche nicht selten nahezu 
Notwendigkeiten geworden sind, auf Pflanaen- oder Tier- 
welt hingewiesen. Daa vorige Kapitel hat gezeigt, wie 
mächtig beide einmal durch ihre Abhängigkeit Tom 
Klima als Träger mittelbarer Wirkungen des letzteren 
auf den Menschen wirken. Aber sie aind ferner von 
noch viel grösserer Wirksamkeit durch sich selbst, nnd 
zwar in erster Linie dadurch, dass sie von aUem, was 
die Erde hegt, dem Menschen am nächsten stehen, wo- 
durch sie nicht nur seinem Körper in den vorhin ange- 
deuteten Richtungen teils notwendig, teils höchst nütz- 
lich, sondern auch seiner Seele befreundet, seinem Qeiste 
vertraut werden. Tausend und abertausend Fäden, 
welche den Menschen mit der Natur verbinden, suchen 
ihren Weg zu Körper imd Seele des Menschen durch 
die Pflanzen- nnd Tierwelt, die von allen ihm am näch- 
sten steht, am imugsten mit ihm verflochten ist. Indem 
wir aus diesem Gewebe für spätere Betrachtung (s. Kap, 13) 
jene Fäden einstweilen aussondern, welche zu Seele und 
Geist führen , dürfen wir in dem grossen, schwer fiber- 
sc.hanbaren Reste, der die körperlichen Beziehungen ver- 
mittelt, wohl folgende Sonderung als der Vebersicht 
dienlichsten bezeichnen : 

l. MiiBaeiibeiiphungEi!. Pllaiiien und (in geri.igeiu Hb8»c) 
Tiere wirken als Teikc der Brdoberllache. indem sie ala 
Wölder, Ilaine, Steppen, Hiimiifboden, KorBllenriffe u. 8. *r, 
Hurireten : 

a. Durch ihre Form auf die Bewegungen der Ucnseh«ii. 

h. Durch ibre StolTe naf die wJrlM'lienikhe Existeitx 

derselben. 

11. EinzelbtMiehnngrn. Dadurch, daesalleurganisclienWeacti 
alciirüdi dem menBchlicIii^n Organiemus untersehiedi'Ioe näher 



der Bciicliilngen iii Pflanzen- und Tierwelt. 



'dSh 



elelien als irgend Unorganisches, ktmnen sie in verscbieden- 
aler Weise demselben am nächsleu gebracht. j8 sogar in ihn 
anlgenODimeQ werden, und es entstellen dadurch höcijst 
innige Beziehungen, antcr denen n-ir (nach Ausscheidung 
der geistigen) unterscheiden können; 

1. AeuBSerliche Beziehungen, d, h. soklie. weiche Hnnd- 
langen des Menschen betrefTen: 

a. Konkurrierender Natur (Raubtiej'e, sehüdliche Pflan- 
zenV 

b. Unicrstfliiender Sntiir (Schulz durch Pflanzen, An- 
echliiss an Haustiere). 

2, Innerliche Beziehungen, d. h. solche, welche in den 
OrgaiiismuB des Menschen eingreifen. 

a. Konkurrierender Natur (Krankheilspilze'). 

b. UntersttitTender Natur [nahrnnggebende Tiere und 
Pllanien, Geapinnatpflanzen, VVolltiere). 

Der Gmndzug ^ler dieser Beziehungen entwächst 
der grossen Nähe und Yerwaiidtschaft alles organischen 
Lebens der Erde, das menschliche mit eingeschlossen. 
Wir haben es schon angedeutet, wiederholen ea aber 
['wegen seiner hohen Wichtigkeit. Dadurch geschieht es, 
das8 alles Organische am leichtesten ineinander über- 
geht lind sich einander anpasst; anderseits aber auch, 
dass dasselbe, von gleichen Bedürfnissen getrieben, hef- 
tigen Wettkampf ums Leben oder Daseinskampf, wie 
man sich nach Darwin auszudrficken liebt, anhebt. Des 
Menschen Nahrung i.st gleichzeitig die Nahrung vieler 
Tiere, welche daher laut oder still um dieselbe mit ihm 
kämpfen müssen. Wenn der Mensch sich kleiden will, 
HO ist ihm die Bedeckung seiner haararraen, nicht ge- 
nügend wärmenden Haut durch die Haut eines Tieres, 
später durch ein Geflecht aus Tierhaaren u. s. w. das 
nächstliegende und wirksamste, und er raubt also einem 
andern Tiere die Haut, um die seinige zu verdoppeln. 
Kurz, wenn das Leben des Menschen im allgemeinen ein 
Kampf mit der Natur genannt werden kann, so i-^t der 
Kampf mit der organischen Natur der eindringendste und 
2äbeste. zumal ihn der Mensch nicht allein, sondern 
I nnterstützt von jenen Geschöpfen und Gebilden der orga- 
nischen Natur führt, welche er sich unterzuordnen oder 
zu gesellen vermag: und wenn nicht doch zuletzt immer 
der Mensch so erbärmlich klein nach allen Dimensionen 



33() 



UeBsetibeziehangen. 



im Vergleich mit der Natur erschiene, könnt« man dann 
und wann den Eindruck gewinnen, dass er die Natur in 
zwei Lager spalte, deren einea im Bunde mit ilmi, deren 
andres gegen ihn kämpft. 

Uebereeheu wir die Masaenbeziehungen, so kön- 
nen wir nna hierin kurz fassen, da diese in inniger Ver- 
bindung mit den Bodenformen zu wirken pflegen und 
demgemäss schon frliher in Betracht zu ziehen wa 
(s. o. S. 185). Zunächst können die Formen, in wel- 
chen die Vegetation an der Erdoberfläche auftritt, 
Tcrschiedenec Richtung für den Menschen bedeutungsvoll 
werden, am meisten für seinen Verkehr, welchem die 
dicht und hochwachsenden Wälder der Holzgewächse oft 
unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstellen. Nicht 
bloss in den Tropen, wo die Vegetation am dichtesten 
und dazu noch durch Schlingen und Stacheln dem Ein- 
dringen des Menschen am hmderUchsten ist, gibt es 
durcbdringliche Wälder, sondern in Regionen dünner^ 
Bevölkerung spielten einst in den gemässigten Zonen die 
Wälder eine nicht minder scheidende, abgrenzende Rolle 
als die Gebirge. 

laL doch selbst uoch lieulä in Video Teilen von Deutschland 
die Schwierigkeit der Abfuhr der Forstprodiikle aiia denWdIdem. 
der Hauptgrund des geringen wirlscliartlicbeuNDtzens der letzterea. 
Oft wirken noch mittelbare ürHBcben dazu, welche diese »ondere- 
den Wirkungen verstärken, so wenn in tief gelegenen Wäldern 
mit dauernd reochleni Boden die Temperatur, welche selbst in des. 
normal gelegenen Wttldern geringer lu sein pflegt als in dm 
freien Umgebungen, ein lokal kubiere« Klima erzengt und dift' 
Feuchtigkeit in ungewöhnlichem Masse zurückhält, wie wir diea 
»US dem nördlichen RuEsknd erfahren, wo im Frühling der Wald- 
boden noch dicht mit Schnee bedeckt ist, während ringsum die 
waldfreieren Stellen schneefrei liegen. In diesem Zusammenhang 
darf man daran erinnern, dass vor allen in den kalten gemässigten 
Zonen die Sümpfe und Weider In der Regel zusammengelien ; 
nusere au sgebreit eisten Sümpfe sind Waldsümpfe. In den dem 
Waldwuchs ungünstigen Begionen der Erde, wie z. B der Mittel- 
meerregion oder in Süd- und Hittelaustralien, kommen Binnen- 
sümpfe wie die des oberen Dnjepr- und Dünagebietes ilberhaupti 
nicht zur EntWickelung, dort sind die grossen Sümpfe nur an den 
Küslen oder höchstens an den L'fern von Binnenseen zu finden. 
In Nordmssland trägt nun zwar, wie J. G. Kohl berichte!, diese»' 
lokal kühlere Waldklima sogar zur Förderung des Verkehres I 



üie auetrnliscbe Steppe. 



337 



indem es die zur Wegschaffung des Holzes notwendige Sclinee- 
dei^lce dem Boden länger erhblt. Aber im allgemeinen Bind die 
Waldsümpfe unter die ernsthafteren HindemiBse des Verkehres «u 
rechnen, und ein nicht geringer Teil der verkehrshindernden Wir- 
kungen der Wälder, die beeonders im Altertum schwer empranden 
wurden (3. o. Knp. 8, S. 185), führen aaf sie lurilck. Wie diese 
selben Sümpfe anderseits als Schutz- und Znflnclitsstätten zu 
wirken vermögen, wurde gleichfalls früher hervorgehoben, und es 
«rgibt eich aus jenen Beispielen, dass nicht bloss die Unnegsam- 
kelt des durchtränkten Bodent, eoudern anch die Dichtigkeit ihrer 
Veoetalion dabei wohl in Betracht zu ziehen ist Debrigena genügt 
dicQter PflsDzenwnchs oft alkin sction. um diese Funktion des 
Schutzes zu übernehmen. Die Morall» der Nordbetachuanen 
(Uardenib Thunbergi) bietet z. B. mit ihren buschigen, dichten, 
breit hinausragenden Zweigen selbst Bchutz gegen Elephanten, 
welche nickt in den Schatten derselben einiiudringen vermögen. 
r Indessen bedarf es nicht des Waldwuchaea , tun 

[-Schranken vegetativer Natur aufzurichten, sondern es 
genü)^ dazu schon ein niedrigeres Gewächs, wenn es 
nur dicht genug ist. Hierhin gehört ala typischste Form 
die australische Steppe in ihrer menschenfeindlichsten 
Gestalt des Skrub, jene undurchdringliche Strauchsteppe, 
deren Charakter darin beruht, dass der Erdboden mit 
Ausschluss von Kräutern und Gräsern dicht mit den ver- 
schlungenen Sträuchem der Eriken- und Proteaceenform 
bedeckt ist, aus denen hier und da wohl auch Bäume 
hervorragen. Oft über Mannshöhe hinausgehend, ist die 
gewöhnliche Höhe dieser viele Quadratmeilen zusammen- 
hängend bedeckenden Gesträuchsteppen immer beträcht- 
licher als die unsrer Heiden. Man kann sie am besten 
mit den Artemisia- oder Sage-Plains des westlichen 
Kordamerika vergleichen. Gleich ihnen sind sie auch 
unendlich ausdauernd, trotzdeni ihr Grau sie oft kaiun 
noch lebendig erscheinen lässt. ,Es kann wenig welken, 
wo wenig spriesst, und jeder Monat .sieht dasselbe wUste 
Gedränge starrer, saftloser und untereinander grössten- 
teils tibereinstimmender Formen" (H. Behr). Wenn man 
die Waldsavanne als den Segen des Landes gepriesen 
hat, lässt sich der Sknib als sein Fluch bezeichnen: Eine 
unbenutzbare und undurchdringliche Einöde von Sträuchem, 
die selbst das Feuer nicht zu vertilgen im stände ist, 
[ Die energischsten Reisenden, wie Leichhardt, Stur, Stuart 

Utxel. AulliIopo-aaDgnphle. 22 



338 



Steppe. Erdboden. 



(jZäli wie Fischbein*, nannte Stuart den Skrub der Ash- 
bur ton -Berge) sind Wochen, ja Monate um den Skrub 
her iimge wandert, ohne einen Weg durch denselben, über 
ihn hinaus finden zu können. Waa vom tropiachen Ur- 
walddickicht in übertreibenden Schilderungen zu viel ge- 
sagt worden ist, hier auf die Schöpfung einer armen 
dürren Natur könnte ea unverkürzt Anwendung finden. 
Diese mühselige, alte, zähge^ordene Entwickelung iet 
ein ernsteres Hindernis als die rasch emporgeschossene 
Ueppigkeit der Tropen. 

Wie mächtig das Gegenteil dieser lebendigen Mauern, 
nämlich die einförmige, niedrige, keine Bewegung hem- 
mende Grassteppe auf die grossen gesehichtU eben Be- 
wegungen einwirkt, hat uns das Kapitel Über die Steppen 
und Wüsten gezeigt, in welchem wir erkannten, dass 
diese Vegetationaform , welche nicht zufällig so oft in 
Verbindung mit weiten Ebenen auftritt, einen grossen 
Anteil hat an der so folgenreicheu Beweglichkeit grosser 
Ebenenvölker, Nicht ebenso günstig zeigt sie sich den 
sedentären Tendenzen des Ackerbaues, für welchen nach 
alter Erfahrung jenes Neuland am günstigsten ist, wel- 
ches die auf der breiten Grenzzone zwischen Waldland 
und Steppe herrschende hainartige Vegetation aufweist. 
Diese .Groves' und „Openings" haben sich in der 
nenen Welt westlicher und östlicher Hemisphäre Überall 
am frühesten und dichtesten besiedelt. 

Durch Sumpf, Moor, Humus u. s. f. setzen sich jdie 
Vegetationsformen in den Erdboden hinein fort und mag 
es bei der Untrennbarkeit zwischen Vegetation und Boden 
daher hier gestattet sein, einen Blick auch auf den letzte- 
ren zu werten. Man setzt wohl sehr scharf das Feste und 
Flüssige an der Erde einander gegenüber, als ob nichts' 
dazwischen sei, das die Trennungslinie einigem] assen zu 
verwischen die Fähigkeit besitze. Dies ist eine schema- 
tiache Betrachtung. Die Erdfeste ist fast in ilirer ganzen 
Ausdehnung mit zwar im einzelnen festen, weil vom Festen 
herrührenden, aber im ganzen lockeren und mehr oder weni- 
ger beweglichen Massen bedeckt, welche der Geolog als 
bchutt charakterisiert, ohne jedoch in der Regel ihnen ein» 



» 



Die SchiiUform nla Uebergang- v. Flilssfgen z. Festen. 339 

Bedeutimg znzuerkeiuieu. welche ihrer besonderen Eigen- 
schaften oder auch nur ihrer weiten Verbreitung, ihrer 
MaBsenhaftigkeit entaiiräche. Das Wesentliche an ihiii?ii 
ist die Beweglichkeit, durch die sie sich an das Wasser 
anreihen; indem ihre Teilchen aneinander verschiebbar 
sind, können solche Massen wahrhaft fliessend werden, 
was in Bergrutschen und Muhren in grossem auffallen- 
dem Masse, aber nicht gar bäufig hervortritt, während 
in anscheinend minder bedeutenden Erscheinungen, wie 
der Sand-, Schlamm- oder Geröllapülung der Flüsse, die 
ja bei Wasserarmut oft genug zu Flössen von Sand 
mid Kieselsteinen werden, grosse Wirkungen und grosse 
Veränderungen der Erdoberfläche sich Wrgen. So bilden 
diese Massen einen Uebergang zwischen Festem 
und Flüssigem, indem sie fest sind, wo sie trocken 
und in solcher Lage sich beünden, daas es ihnen rai- 
möglich, dem Schwergewicht zn folgen, während sie in 
Bewegung, ja geradezu ins Fliessen geraten, wo die 
letztere Bedingimg sich m'cht erfüllt oder sie mit Flüssi- 
gem in Berührung kommen. Vor allem sind sie aber 
auch ein Ueliergang von der Starrheit der felsen- 
haften Erdkruste zum Leben, das der Erde ent- 
blüht, und in andrem, stofflichen Sinne ein Uebergang 
durch die Beimischung organischer Stoffe, welche ihnen 
eigen, und welche so wesentlich dazu beiträgt, sie zu den 
- Nährem des Pflanzen Wuchses der Erde zu machen, der 
dann seinerseits wieder von hervorragendster Bedeutung 
für das Leben der Völker. 

Wir erwähnen liier nur kurz die vielbesprochenen unmittel- 
baren Wirkungen der BlolTlicIien Gigensuliaflen des Bodena. 
Colin hat in seinem „Deutschlands Boden- (II. S. 4) sechs 
Punkte hervorgehoben, in denen die „Lehre von der Bodenwir- 
kung' praktiaehe. st&BtswirtachBrttiche Bedeutung gewinnt. Sie 
beziehen sich auf die Berücksichtigung des geologischen Baues 
bei politischen Grenizieliungen, auf die natürliche Bedingtheit 
vieler Indnslrien, auf die Abhängigkeit der zweck massigsten (JrOsse 
der Landgüter -vom Bodenban, nur die natürliche Bedingtheit des 
Waldlandes und Kaltnrbudens. endlich auf die Kot wendigkeit, bei 
Anlagen von Verkehrswegen den Bodenbsu tu berucksiuhligen. 
Selbstverständlich hat die materielle Zaaaminensctznng des Bodens 
nach Gesteinsart, Dichtigkeit u. s. f. einen grossen Einlliiss auf 



340 Boden Wirkungen. 

alle diese Beziehungen ; aber wir mächten denselben trott der 
Äiiünihnuigen B. von Cottaa, Jouveatels (inan weiss, daas die auf 
Granit lebenden Menschen im allgemeinen klein aind. Bull. 609. 
Antbr., Paris 1878, 246) a. a., welche einen unmittelbaren Ein- 
(lus8 der Gesteinsart aaf Körper and Seele des Menschen annehmen, 
in diesen Grenzen halten, da von diesen weitergehenden ffirknngen 
bis heute nichts mit Sicherheit verfolgt ist una die Unleranchungen 
über dieselben mit dem oben (e. o. S. 85) cnrähnien Grundfehler 
derartiger Studien behaftet in sein scheinen. Nur das eine ta^gt 
gestattet sein, noch hervorzuheben, dass die Btotniche BeschBffeo- 
heit der Erdoberllache mar eines der besten Beispiele einer darcL 
die Kultur in hohem Grade zurückgedrängten naturlichen Gegeben- 
heit bietet, indem die iahen, weichen, aandigeu, kiesigen. fel8ig«it 
BodenlieschalTenheiten in erster Linie flir allen grösseren Verkehr 
durch Strsascn- und Eisenbahnbau , durch Durchbrechung, Aof- 
l'illtung. Ebnung u. s. f. nawirksam gemacht worden sind, aber 
man merkt selbst der Richtung der kühnsten Eiaeubahnlinien die 
Tendenz an, den Dänen- oder Flageand- oder den Sumpfboden 
zu vermeiden und die Qualität der Strassen hängt zu Gunsten 
oder Ungunsten des menschlichen Verkelires sehr vom Haterisl 
nb. das zu ihrer Be schotte riing verfügbar ist, wie jeder merkL der 
z. B. in den oberrheinischen Gegenden aas Basalt- in Kalkgebiete 
kommt. 

Bei so vielfältigen Beziehtingeit des Men»cheii zum 
Walde ist endlich doch die Beliindening durch den Wald 
Dicht so sehr der individuellen Bewegung als des Raumes, 
der für numittelbare Bodenansnutzung zur Verfi^ung 
steht, so entscheidend, dass oiiin sagen kann, es müsse 
überall der Wald der fortschreitenden Kultur zam 
Opfer fallen. Tacitiis"' Schilderung des waldreicheo 
Germaniens bestätigt sich, trotz aller Einwürfe, im ganxeo 
und grossen so vollkommen, dass wir annehmen dürfen, 
dieses heute nur noch auf '/* seines Areals mit Wald 
bestandene Land sei einst nahezu Waldland gewesen. 
Wer grosse Prozesse der Entwaldung sich abspielen sah, 
wundert sich nicht Iiierüber. Selbst die Tropen liefern 
Beispiele, 

Selten dürfte z. B. in einem Lande die Ausrottung der Wälder 
durch die zunehmende Bevölherung so rasch vor sich gegangen 
sein wie in Java, welches noch im Anfang dieses Jahrhunderts 
ungemein waldreich war. 80 durclimass Lesehenault 1805 die 
ganze Strecke von Snmbcr bis Panarukan im Walde, welche JDog- 
huhn 1844 als KulturHäclie fand. Da die japanische Bevölkerung 
hauptsächlich von Reis lebt , welcher zu seinem Auban eines 



WalilverrirangTiDg rtiireli die Kultur. 



341 



I 
I 



I 



gTüssen Wasserreichtuins bednrf, so ist die Frage der Entwaldung 
dort eine praktisch hochwichtige. Zu Junghuliiie grüHstem Ver- 
dienste wird es steta zu recbuen sein, auf die Gefahr der Aiis- 
trocknung der Gebirge Javaa durch Entwaldung immer wieder 
cncrgiscli bingewieaeo ta haben (vgl. Java I. 155 f.). 

Müu hat angesichts derartiger Thatsachen versucht, 
direkte Schlüsse aus dem Orade der Entwaldung auf die 
Enlturgescliichte bestimmter Regionen zu machen. Solchem 
Verfahren gegenüber ist die Gefahr zu betonen, dass 
man unscheinbar und doch mächtig wirkende Faktoren 
der Entwaldung übersieht, wie sie z. B. in kleinen Klima- 
änderungen gegeben sein könnten. Aber ohne Frage 
können sie oft genug unsre geschichtlichen Erwägungen 
irreführen imd dies um so mehr, je weniger Wege zu 
Schlüssen derart uns offenstehen. Livingstone schrieb in 
Kaseh (TJnianyembel in sein Tagebuch; , Zusammen- 
hängende Bewaldung ist das Zeichen eines jimgfräu- 
lichen Landes. Die Zivilisation der Menschen setzt der 
Ausbreitung der Wälder Schranken. Erst in neuerer Zeit 
erfreuen Wälder die Äiigen der Nordeuropäer und unsre 
alten Wälder bezeugen die Jugendlichkeit unsrer Kultur" 
(Last Joum, IL 202). Junghuhn geht, ebenfalls in einem 
tropischen Lande, weiter. 

Indem er annimmt (Die Bnlta-Landcr 1847. IL 3-5 f.), das« 
eine so volUtändige Waldlosigkeit wie in Zentral -Sumutru in 
diesen tropischen Gegenden nur dae Ergebnis „einer viele Jahr- 
hunderte lang bestandenen Kultar" sein könne, findet er in der 
verschiedengradigen EntblüHBUng der Battalander Beweise flir 
ihre allmähliche Beeiedelnng. „Durchwandern wir," sagt er dort, 
„von Nord-Tobah (dem eagenhaftcii Uraitze der Battas) in süd- 
licher Richtung daa Plateau von Tobali und begeben uns durch 
die Flachen der Thäler immer weitor sUdwärt», suerst nach Silan- 
tom, dann nach Siepierok nnd nach Ankola, so sehen wir, dass 
je weiter wir uns vom hohen Zentrslpunkt der Battäer eotfemen, 
der Waldwachs immer mehr zunimmt und dass die Waldung, 
welche in SUd- Tobali anf die Spitzen weniger Berge und auf iea 
Grund einiger ud zugänglichen Klüfte beschrankt war, lulelzt, 
namentlich in Ankola, bis zu den untersten Stufen der Berge 
herabsteigt und den Grund der Thaltltlchen selbst iiberaieht, Und 
dieses Ankola war, nach der historiecUrn Mythe, die Landsehnft, 
welche durch Auswanderer ans Nor-den zuletzt bevölkert witrde." 
Junghuhn findet selbst iu jenen Teilen des Batlalandes, welche 
diuxh Kriege verwüstet und ent^olkei-t wurden, wie z. U. in 



342 



Waldverdraiigiiug. Waldpllege. 



Silantom, noch die ^ipiiren der allen Kultur; denn wenn anch 
diese Länder in den Zustand der Wildnis zurttckgebraclit sind, 
so nU'ift dnch diese Wildnis an aicli selliat schon die unverkens- 
btircn Spuren ihrer Jugend; sie besteht aas üppig uufgeachaBse- 
nem Gras, zwischen dem sich nur Jongea Oebiisch von BsimbuB 
und manchen Strouchern und verwilderten Fruchtbnumen ange- 
siedelt hat, so daa8 wir der geachichtlichen Data zur richtigen 
Deutung des Ursprungs und Altera dieser Vegetation selbst ent- 
behren können" (it. a. 0. II. 25). Derselbe Forscher glaubte auch 
die BchttHe Grenze der höheren Waldregion gegen die tieferen 
Grasländer Javas als ein Kulturerzeugnis betrachten zu rnüaseo 
(Java 1854:. I. 153). Seidliti schreibt das Vorhandensein ausge- 
dehntei'er Waldungen in Daghestan dem Fehlen der sommer- 
lichen Nomaden Wanderungen zu, welche in Transkaukasien eo 
viel zur Entwaldung beitragen. Bei allen diesen Schlüssen sind 
aber die klimaliaclieii Verhältnisse wohl im Auge zu halten. 
Wenn schon die alten Griechen ilxr bestes Nutzholz von Norden, 
aus Makedonien, von den Ländern am Bosporus und am Schwarz«n 
Heer (das vom Parnass und von Euboa wurde für minder gut 
gebalten) bezogen, so ist damit nicht gesagt, dass sie nicht durch 
ihren barbarischen Waldfrevel viel Schuld an der Verödung, der 
Äustrocknung ihres Landes auf sich gekden, aber es ist zugleich 
sicher, dafia ihr Land nie in dem Majise waldreich war wie unsres. 
Diea mindert freilich nicht die Schwere der Schädigung, die sie 
ihrem Lande zugefügt, sondern vermehrt dieselbe nur. Auch Süd- 
fraukreich war schon zu Cäsars Zeit waldarm, in ausgedehntem 
Hasse angebaut, und volkreich „multitudine hominiim ei tertia 
parte Galliae est aeslimands", sagt er von Aquitania (B. G. UI. 20). 
Auch Island kann nie ein waldreiches Land, überhaupt kein 
Waldland gewesen sein, aber die alten Isländer bauten hölieme 
Häuser und nicht bloss aus mitgebrachtem ,oder Treibholz, son- 
dern aus dem Höh des heimischen Waldes. Dieser an sich ge- 
wiss nur ärmliche (Birken-) Wald hat, einmal ausgerottet, sich 
nicht wieder ersetzt und die Insel ist mit diesem Verlust eine 
hohe Stufe des Wohlstandes herabgestiegen; sie ist kultnrlich 
älter und — schwächer geworden. 

Eine der spätesten Erriingenscbafteu der Kultur ist 
die Einsicht in den Wert gerade dieser Vegetationsform, 
der weit über den unmittelbaren Nutzen hinaus sich in 
den klimatischen Verhältnissen beschränkter Gebiete und 
damit nicht bloss im körperlichen, sondern selbst im 
seelischen Wohlsein beträchtlicher Bevölkerungsteile zur 
Geltung bringt. TJeber die Einzelheiten der Beziehungen 
speziell zwischen Wald und Klima ist die Wissenschaft sich 
noch nicht vollkommen klar, weil wir das ganze Gewicht 
noch nicht kemien, welches in dem Spiel der grossen 



Die Guben der Kai 



34:i 



I 

I 



telliiriäclieti Ursachen der Klima verhältnisge diesen ört- 
lichen Einflüssen zukommt, Aber es genügt das unbe- 
zweifelte Vorhandensein derselben, sowie der günstige 
Einfluss des Waides auf die Festhaltang des Humus- 
bodens und endlich der wirtschaftliche Nutzen, um die 
Waldwirtschaft zu einem grossen wirtschaftlichen und 
allgemein kulturlichen Interesse zu stempeln. — 

Unter dem, was die lebende Natur dem Menschen 
an Gaben bietet, ist nicht der Reichtum an Stoffen, son- 
dern der an Kräften oder besser gesagt, Kräfteanregun- 
gen am höchsten zu schätzen. Diejenigen Gaben der 
Natur sind für den Menschen am wertvollsten, 
welche die ihm innewohnenden Quellen von Kraft 
zu dauernder Wirksamkeit erschliessen. Dies ver- 
mag selbstverständlich am wenigsten der Reichtum der 
Natur an Dingen, deren der Mensch bedarf, oder jene 
sogenannte Güte der Natur, welche ihm gewisse Arbeiten 
erspart, die unter andern Umständen notwendig sein 
würden, wie es z. B. die Wärme in den Tropen thut, 
welche den dort wohnenden Menschen das Hüttenbnuen 
und das Sichkleiden so viel leichter machen als in der 
gemässigten Zone. Vergleichen wir das, was die Natur 
zu bieten vermag, mit demjenigen, was an Möglichkeiten 
dem menschlichen Geiste innewohnt, so ist der Unter- 
schied ein grosser und liegt vorzüglich in folgenden 
Richtungen: Die Gaben der Natur sind an sich in Art 
und Menge auf die Dauer unveränderlich, aber der Er- 
trag der notwendigsten unter ihnen schwankt von Jahr 
zu Jahr und ist daher unberechenbar. Sie sind an ge- 
wisse äussere Umstände gebunden, in gewisse Zonen, 
bestimmte Höhen, an verschiedene Bodenarten gebannt, 
über welche sie hinauszutragen oft unmöglich ist. Der 
Macht des Menschen Über sie sind ursprünglich enge 
Schranken gezogen, welche nur die Entwickelung seiner 
Geistes- und Willenskraft zu erweitern vermag, doch zu 
durchbrechen nie befähigt ist. Die Kräfle des Menschen 
anderseits gehören ganz ihm und nicht bloss kann er 
über ihre Anwendimg verfügen, sondern er kann sie auch 
vervielfältigen und verstärken, ohne dass dieser Mög- 



[ Armut der Naturvölker. 

lichkeit wenigstens bis heute eine sichere Grenze zu 
ziehen wäre. 

Nichts lehrt schlagender die Abhängigiieit der Natur- 
ausnützung vom Willen des Menschen als der Zustfuid 
der durch Willensschwäche und Konsequenzlosigkeit in 
erster Linie bezeichneten Naturvölker, welche über die 
ganze Erde, durch alle Khmate, durch olle Stufen des 
Naturreichtiims und der Natiirarmut wesenthch in dem- 
selben Zustand sind. 

Wir liabeu für diese Wahrheit selten einen ki^ttigeren Zeugen 
vernommen als den in arktischen und tropischen Eegionen eleicH 
erfahrenen Otto Finsch, der jüngst von Ponapf, einer der Kftro- 
linenineeln, auB schrieb: „Wer Gelegenheit hatte, arktische Völktt 
kennen im lernen, denen die Kargheit der Katur ein □nerbittlichee 
.bis hierher und nicht weiter^ zaruit, muss billig erstaanen, nnter 
der glücklichen Sonne eines Tropenhimmels inmitten einer Fälle 
von Naturprodukten, den glücklichen Bewohner dieser Zone ma- 
teriell und geistig auf einer fast niedrigeren KullursluTe zu sehen 
als seine so st iefmii tierlich versorgten arktischen Brüder. Aber 
wie dort der Mangel, bo ist es hier der Ueberflusa, ivelcher die 
Eingebornen in Armut hält. Ich habe unter Lappen. Samojeden 
und Os^aken eine Menge Personen kennen gelernt, deren Habe 
und Gut das des reichsten Ponapesen hedentend übertraf. Der 
Trieb, vorwärts zn streben und. sich ein angenehmeres und beBaeres 
Leben zu verschalTen, tritt bei diesen Menschen noch nnter der 
Zufriedenheit mit den jetzigen Verhältnissen in den Hintergmnd 
und wird erst noch und nach durch den Handel angespornt werden" 
(Z. r. Ethnologie, 1880. S. 331). Bedarf es weilerer Zeugnisse, 
so würden wir z. B, daran erinnern können, dass die Einrälirung 
des Brotfruchtbaumes auf S. Vincent, wo derselbe heute in grossem 
Masse verwildert ist, viel lum Versinken der dortigen Neger in 
uuhesiegliche Tritgheit beigetragen hat (F. A. Ober. L'amps in tfae 
Caribbees, 1880) und dass selbst bei höherstehenden Völkern der 
Anbau ertragreicher Früchte, wie z. B. der Karloffeln oder des 
Maises, keineswegs als ein reiner Gewinn für die geistigen und 
wirtschaftlichen Kräfte erscheint, sondern eher als ein gefähr- 
liches Geschenk, das mit der Sorge aikch die Energie einschläfert. 
Wir hören Cook ausrufen: „Wenn in unserem rauben Klima ein 
Mann das ganze Jahr hindnrch ackert, pflügt und erntet, um sich 
und seine Sinder la ernähren und mit Hübe etwas Geld zu er- 
sparen, so hat er die Pflichten gegen seine Familie doch nicht 
vollständiger erriilU als ein Süd seein sul an er, der 10 Brodfrucht- 
bäume gepflanzt und sonst nii^bla gethan hat." 

Auch wo die Ueppigkeit einer reichen Natur nicht 
unmittelbar durch ihre Ueberschüttuiig mit Gaben, die 



Ueberwucheni der Nat 



345 



anders zu erarbeiten wären, die Thatkraft des Menschen 
schwächt, lähmt sie dieselbe durch ihr rasches, wuchern- 
des Wachstum, das seine Felder, wenn sie kaum ge- 
lichtet sind, mit flberwältigendem Unkraut überzieht, und 
ebenso seine Kultutspureu, seine Ruinen n. s. w. in Kürze 
in neuem Leben wie tiberflutet untergehen lüsst. Hier 
ein drastisches Beispiel dieses im Wesen mensehenfeind- 
Uchen Triebes statt breiter Verdeutlichungen: Als Jung- 
buhn 1837 den Gelungung besuchte, also nur 14 Jahre 
nach dessen fürchterlichem Ausbruch, welcher 114 Dörfer, 
4011 Menschen und 4 Millionen Kaffeebäume in heissem 
Schlamm begraben hatte (an einigen Stellen soll der 
Schlamm 50 Fuss hoch gelegen haben), fand er zu seinem 
grössten Erstaunen dfin neu vulkanischen Boden von einer 
, dichtgewebten Wildnis überwuchert", in welcher Bohr- 
gräser, Equiseten, Scitaniineen , Baumfame vorwalteten 
und aus welcher aber selbst schon Bäume von 50 Fuss 
sich erhoben. Allerdings liegt diese Gegend in Üppiger 
Tropennatnr und scheint dem schwärzlichen Schlamme 
des Gelungung eine besonders grosse Fruchtbarkeit inne- 
zuwobnen (Top. u. naturwissenschaftl. Reisen in Java 
1845, S. 224). 

Wenn dergestalt der Reichtum der Natur, da er fast 
ungenutzt ruht, ohne die Wirkungen auf den Kulturstaiid 
einer Bevölkerung bleibt, zu denen er, unsrer Anschauung 
nach, berufen ist, so ist damit doch nicht gesagt, dass 
nicht eine gewisse Bereicherung des Daseins ihm entfliesst, 
die man vielleicht erst bemerkt, wenn sie fehlt. Gerade in 
>, dem vorhin genannten Melanesien haben wir dafür sehr gute 
Belege. Die Neukaledonier sind ein interessantes Bei- 
spiel der Wirkungen einer, wenn nicht gerade armen, 
80 doch mindestens nicht günstigen Natur, Bekanntlich 
steht 'die Inselgruppe Neukaledonien samt den nahen 
Lojalitätsinseln unter allen melanesiscben Inseln Austra- 
lien am nächsten, was Trockenheit des Klimas und da- 
durch bedingte Armut der Vegetation und Unfruchtbar- 
keit betrifft. Man darf wohl behaupten, dass ebemo im 
ganzen auch ihre Einwohner an körperlicher Ausbildung 
allen andern Melanesiern nachstehen. Nach Reinh. Forster 



346 Anlreibeoder Einlluas der Armut. 

haben manche Beobachter zwei Rassen, eine hellere and 
dunklere, angenommen, und es scheint sicher, das« poly- 
nesische Znwanderiing in manchen Teilen dieses Insel- 
f^e biete B den melanesischen Gnmdstock verändert hat. 
Aber unabhängig von den dadurch hervorgerufenen 
Unterschieden und üebergängen wird eine auffallende 
Magerkeit der Arme und Beine, schlechte ProportioDen, 
ja von einigen geradezu schlechter Ernährungszustand 
hervorgehoben, und es werden die Bergbewohner als in 
dieser Richtung besonders ausgezeichnet genannt. D'Entre- 
caataux, Labillardiere u. A. vereinigen in dieser Hinsicht 
ihr Urteil mit demjenigen J. Reinh. Forsters. Angesichts 
derartiger Fälle ist es fast überflüssig, die Frage aufsu- 
werfen, inwieweit eine kärglichere Natur an- 
regend, belebend auf die Thätigkeitstriebe der 
Völker zu wirken im stände sei. Eine allgemeine 
Antwort ist nur dahin möglich, dass diese Triebe schon 
an rege Bethätigung gewöhnt sein mUssen, wenn sie 
nicht in der Ungunst der Verhältnisse erschlaffen sollen. 
Dass sie bei den Naturvölkern in der Regel nur nach- 
lassen werden, statt von der gesteigerten Schwierigkeit 
der Nahrun gsbeschaffung einen Impuls zu erhalten, ist 
aus dem Vorhergehenden zu schliessen und trifll im all- 
gemeinen zu. Es sind vereinzelte Ausnahmen, wenn die 
Not einen starken Trieb weckt, wie es 2. B. der Haiideb- 
trieb bei den Negern Afrikas ist, der überall sich gel- 
tend mafht, wo die gewöhnliehen Hilfsquellen versagen. 

Als beide linendea Beispiel lieben wir die Tiei-armut der von 
den Balunds bewohnten Umg^ebungen des oberen ZnrabeBi her- 
vor, von welchen LivingBlone aagt. dass sie ebenso durch Speer 
uad Pfeil entvölkert seien, wie die Bädlicheren Striche durch die 
Flinte. Dieser Mangel bewirkt nun dort einen regeren Handel, 
weil die Tierrelle selten sind. „Tiere jeder Art sind selten hier, 
und ein sehr kleines Stück Baumwollenieug ist von grossem Wert," 
Uan fr^ nach dieser Ware dort eirriger als nach Perlen (Hia- 
sionary Travels 1857, 307). Hier ist indessen zu erwägen, dau 
die Neger bei verhältnistnusig hocb entwickeltem Ackerbau, Ge- 
werbe und Handel doch schon weit über Naturvölker hinaosge' 
kommen «ind, die in unmittelbarerer Abhängigkeit von der Natur 
leben. Die kulturTördemde Macht reicherer Umgebungen, welche 
aber dabei nicht die Energie erdrücken, haben wohl in ihrem 



AnfäDg« des Ackerbaus, 



347 



I 
I 



bewegten ümhertitiberi die Sleppenvölker jedeiieit am schlagend- 
Bten ilJastriert, da ihr Boden aiuserord entlieh vei-achieden an 
Fruchtbarkeit ist,, so dass auch ohne Ucbergang iura Ackerbau aehr 
verschiedene Lebensbedingungen sich auf ihm ergeben, und wo zu- 
gleich hftußg Versetiuiigen ganzer Bevölkerungen vorkommen, welche 
gleichsam als Experimente beobachtet werden konnten. Falls« be- 
gegnete 1TB3 am unleren Terek einer Turkmenenhorde , welche 
er als ein wohlhahendes, mehr als alle andern Sleppenvölker die 
Pracht in Kleidern liebendes, wo hl gebildetes,, lebhaftes Volk be- 
schreibt, das im strengsten Gegensatz zu meinem Untterstamme in 
den Steppen ostlich vom Kaspisee stand, der unabhängig, aber 
armselig und ungesittet war. Jene waren von den Kalmücken, 
als sie die Wolgasteppe unterwarfen, mit über den Jaik genommen 
und als Tributpflichtige der Torgotischen Horde zugeteilt, später 
aber von den Russen in die kislarische Steppe versetzt worden. In 
diesen besseren Wohnsitzen waren nicht nur ihi-e Haustiere schiiner 
geworden als im Turkmenenlande, sdndem sie selbst hatten, wie 
Pallas sagt (Bemerkungen a. e. Reiae 1793/94, 276) „in Nalur, 
Ansehen und Hunlerkeit bei ihrer jetzigen Verfassung sehr ge- 



Unter allen Anregungen , welche von der Natur 
Bof den Menschen geübt werden, müssen bei seiner not- 
wendigen und tiefgehenden Abhängigkeit von der organi- 
Rcben Natur am beilsamsten diejenigen sein, welche diese 
Abhängigkeit dadurch mildern, dass sie soviel wie mög- 
lich von dem mi vermeid liehen Bande, das den Menschen 
mit der übrigen Lebewelt verknüpft, in seine Hand 
geben, dass er soviel wie möglich von seinem Denken 
und seiner Thätigkeit in dasselbe hineinwebt. Der Weg 
dazu liegt in der festen Aneignung nützlicher 
Pflanzen und Tiere durch Ackerbau und Vieh- 
zucht, welche die grösste Befestigung und Mehrung des 
Eulturbesitzes bedeuten. Es ist klar, um dieses voraus- 
zuschicken, dass in dem, was "wir Naturvölker nennen, 
sehr grosse Unterschiede des Kulturbesitzes zu bemerken 
gind, so dass wir vor allem wissen, wir haben nicht nur 
die Anfange, sondern auch einen sehr grossen Teil der 
i'Fortent Wickelung der Kultur innerhalb dieses mannig- 
faltig gearteten Komplexen der Naturvölker zu suchen: 
nnd es ist ebenso sicher, dass diese Unterschiede weni- 
ger auf sehr abweichende Begabung, als auf grosse Ver- 
schiedenheit der Bedingimgen zurückzuführen sind, unter 



•US 



AniaDge dea Ackerbaus 



welchen jene sieh entwickeln. Da nun das Wesen der 
Kultur einmal in der Anhäufung einer Masse von Er- 
fahrungen, dann in der Festigkeit liegt, mit der wir diese 
uns zu erhalten wissen, und endlich in der Fähigkeit, 
dieselben fortzuhilden bezw. zu vermehren, so stellt sich 
uns die erste Frage: Wie ist es möglich, das» die erste 
Grundbedingung der Kultur, nänilich die Anhäufung von 
Kiilturbesitz in Form von Fertigkeiten, Wissen, Kraft, 
Kapital sich verwirkliche? Man ist sich langst einig 
darüber, dass der erste Schritt dazu der Ueber- 
gang von der vollständigen Abhängigkeit voll 
dem, was die Natur freiwillig darbietet, zur be- 
wussten Ausbeutung ihrer für den Menachea 
wichtigsten Früchte durch Ackerbau oder Vieh- 
zucht sei. Dieser Uebergang eröfifnet mit Einem Schlage 
alle die entferntesten Möglichkeiten der Kultur, wobei 
es aber allerdings noch sehr weit von dem ersten Schritte 
bis zu dem letzten Ziele ist. Wie aber dieser erste 
Schritt gemacht wird, das zu sehen, ist ebenso inter- 
essant, wie für nnsem Zweck hier lehrreich. Wenn der 
Ackerbau eine Nachahmung der Natur ist, so sind diese 
ersten Schritte eine Schonung und Unterstützung dieser 
gütigen, vieles darbietenden Mutter. Wenn das Problem 
des Kultur an fange.s darin besteht, dass der Mensch aidi 
endlich ermanne, um aus eigener Kraft etwas zu dem 
zu thun, was die Natur für ihn leistet, so wird daa 
Problem in einfachster, anfiinglichster Weise gelöst dori, 
wo der Mensch diese Quellen seiner Ernährung gleich- 
sam zu fassen sucht. Das geschieht schon bei vielen 
Völkern Australiens, welche man auf imterster Stufe der 
Kultur stehend glaubt, durch strenge Verbote, die mit 
essbaren Früchten gesegneten Pflanzen auszuraufen oder 
die Vogelnester zu vernichten, deren Eier man aushebt. 
Man lässt die Natur wohl auch einfach für sich arbeiten, 
indem man nur acht hat, sie nicht zu stören. Wilde 
Bienenstöcke werden oft so regelmässig entleert, ohne 
zerstört zu werden, dass daraus eine primitive Bienen- 
zucht entsteht. Chapman sah im Ngamigebiet einen 
Bienenstock 40 Fuss hoch in einem Baobab, an welchem 



und der Viehmehl. 



U40 



Pflöcke statt eiuer Leiter hinaufführten. Es waren alt« 
Pflöcke vorhanden, die dieser wilden Zucht ein Alter 
von vielen Jahren zuwiesen (Travels II. 79). So läast 
der Mensch andre Tiere Vorräte anlegen, welche er ihnen 
dann wegnimmt, und dies führt ihn in andrer lüchtung 
^ bis an die Grenze des Getreidebaues. Drege führt Arthra- 
^L therum brevifolium, ein Gras des Namaqualandeß, als ein 
^B höni ertragendes auf, dessen Früchte die Buschmänner 
^H den Ameisen abzujagen pflegen, welche grosse Vorräte 
^B davon anlegen. Hier schafft die Natur dem Menschen 
^H einen Bückhalt und lehrt Um sparsam sein. Auf der 
^H andern Seite nähert sie auf ähnliehe Weise seine Instinkte 
^H der Sesshaftigkeit. Wo grosse Vorräte von Früchten 
^H eich finden, lassen sich in der Zeit der Ernte ganze 
^B' Stämme nieder, die von allen Seiten kommen, und ver- 
^F tauschen so lange ihr nomadisches Wesen mit der An- 
sässigkeit, als die Nahrung dauert, die sich ihnen hier 
bietet. So ziehen noch heute die Sandilleros in Mexiko, 
die Melonenindianer, zur Zeit der Melonenreife in die 
Kiedemugen des Goatzocflalcos, um Monate hindurch von 
dieser Frucht zu leben, die dort in gewaltiger Menge 
auf den sandigen Ufern wächst. So versammeln sich die 
^^ Chippewähs zur Zeit der Reife der Zizania, des Wasser- 
^ft reises, um die Sümpfe, wo dieser gedeiht, und die Austra- 
^H lier halten eine Art Erntefest in der Nähe ihrer kSrner- 
^^ spendenden Marsiliaceen. Oft findet eine genaue Zu- 
teilung gewisser Nährpfianzen oder Jagdgrönde an die 
einzelnen Familien eines Stammes statt, die dann von 
selbst eine bessere Beachtung und unter Umständen 
selbst Schonung derselben hervorruft, kurz ein Interesse 
an dieselben fesselt, das kulturfiirdernd wirkt. Einer der 
niedrigsten Stämme Südafrikas sind die Strandhotten- 

totten von der Walfischbai, die von den Rochen des Flut- 

Btriches imd den Nara (einer Kürbisart) der Dünen leben. 
" Aber sie sind doch nicht ungesittet genug, um den Vorteil 
KU übersehen, den ihnen die Austeilimg der Naradünen 
I an ihre einzelnen Familien bringt. Sie verstehen ihre Ab- 
I tängigkeit von diesen Narafcldern. Es ist von hier bis zur 
1 Vervielfältigung derselben durch Anbau zwar noch weit. 



;(50 



Annäherang der Nal 



aber es ist jedenfalls damit der Weg betreten, welcher 
folgerichtig zu irgend einer Zeit und unter gewisaeo 
Umstünden daraufhin führen muss. So ist von zwei 
Seiten her Bresche gebrochen in die wilde Natur des 
Sohnes der Wildnis. Er wird vorsorglich und wird an- 
sässig. Von hier bis zu der grossen epochemachenden 
Erfindung, dass er den Sanien der Erde anvertraute, 
lim der Natur gewissermasaen unter die Arme zu greifen, 
sie zu reicheren Leistungen anzuregen, mag es zeitlich 
sehr lang gewesen sein, aber logisch ist der Schritt nicht 
gross. 

Die ersten Anfange der Viehzucht zeigen wohl noch 
eine weitere Richtung, in welcher der Mensch dazu kam, 
ein wichtiges Stück Natur mit seinen eigenen Schick- 
salen zu verknüpfen. Der schweifende Naturmensch, d«r 
Menschlichem zeitweilig ganz entrückt ist, sucht in der 
Natur dasjenige heraus, was entweder ihm selbst am 
ähnlichsten, oder was am wenigsten geeignet scheint, 
seine eigene Schwäche und Kleinheit ihm zur Empfin- 
dung zu bringen. Die Tierwelt nun, wenn auch durch 
eine tiefe Kluft getrennt vom Menschen, wie er heute 
ist, umschhesst in ihren sanfteren, bildsameren Ghedem 
diejenigen Naturerzeugnisse . welche der Mensch in der 
auss ermenschlichen Natur sich selbst am ähnlichsten 
findet und mit denen er daher am liebsten sich gesellt. 
Bekannt ist die grosse Vorhebe, mit der z, B. die süd- 
amerikanischen Naturvölker sieh mit Tieren der ver- 
schiedensten Art umgeben, welche sie zähmen. PSpp^ 
nennt sie Meister in der Kunst der Zähmung, hebt aber 
besonders hervor, dass sie dieselbe am liebsten Äffen, 
Papageien und andern Spielgenossen augedeihen la: 
Mit solchen Tieren sind ihre Hütten angefüllt. Ueber- 
haupt darf man wohl glauben , dass der mächtige Qe- 
seUigkeitstrieb des Menschen beim ersten folgenreichen 
Schritt zur Gewinnung von Haustieren mächtiger wirkte 
als die Rücksicht auf den Nutzen, der erst später sich 
zeigen mochte. Man darf ja im allgemeinen behauptet 
dass der Mensch, wo er auf der niedersten Stnfe der 
Kiiltur steht, immer erst das thut, was ihm gefallt, das 



I 



I 



und Abhängigkeit von denselheti, 351 

Nützliche aber in der Regel nur auftiiniint, wenn eine 
NotwentÜgkeit ihn dazu drängt. Und so sehen wir denn 
in der That sowohl bei niedrigststehenden Völkern der 
heutigen Menschheit als auch in den Kulturresten einer 
vor der Einführung der Hanstiere und Kulturpflanzen 
nach Europa gelegenen Periode den Hnnd als einzigen 
dauernden Gefährten des Menschen. Gerade auf dieser 
Kulturstufe ist der Nutzen des Hundes ein geringer, wo 
er nicht, wie im hohen Norden, als Zugtier benützt 
■wird, 

Ueberliaiipt ist es schwer. Bua ilem Zweeke^ dem inmitten 
Bnsrer bocben [wickelten Kultur ein Tier dient, einen siclieren 
Scblnss ZV macben nof den Zweck, za welchem der Mensch ea 
snerst an sich fesselte, tinn kann sich denken, <lasa dns Pferd 
und das Kamel nicht von Anfang an wegen ihrer Schnelligkeit, 
Bondem vielmehr um die Hilch ihrer Stuten zu erhalten, gezähmt 
norden, und dass erat später ein gewisser Zweck unbedingt alie 
andern überwog, bis solelzt die Ausnutzung eines solchen Tieres 
den McDBcben selbst immer mehr und mehr in eine bestimmte 
Kchtnng bis zur Einseitigkeit weiterführte, um zuletzt in geradezu 

S^nhrlicbem Uebermasse seine Existenz mit der seines liebsten 
austieres zu verechwistern. Es ist Ewar gewiss ein sehr weiter 
Weg bis £u dem Znalunde, welchen da« turkmenische Sprichwort 
bezeichnet: ,,Zu Pferde kennt der Turkmene weder Vater noch 
Hntter^, oder bis zu jener Abhängigheit von seinen Rinderherden, 
welche die Existenz des vieh züchtenden Nomaden auf eine be- 
denklich schmale Basis stellt, aber auch bei vorgeschrittener Kultur 
leiden diese Völker immer an dem, was man „eine schmale BBsis" 
nennen könnte. Jeder thut das, .was iille thun und wenn nun 
dieses Thun gestört oder die Grondlage desselben sogar zerstört 
wird, gerat das ganze Volk Ins Schwenken und nicht selten ins 
Fallen. Die Basutos sind alles in ollem der beste Zweig des 

S rossen Betschuanenstammes und waren vor dem eben Jetzt glUck- 
cherweise beendigten Krieg das reichsiv unter den eingebomen 
Völkern Südafrikas. Aber es genügte, ihnen ihre Herden wegzu- 
nehmen, um sie nach nicht unrühmlich geführtem Krieg zum 
Frieden zu zwingen. Ein andres südafrikanisches Volk, die 
Dtunara, war auf demselben Wege im Verlauf weniger Jahre durch 
das in manchen Beziehungen unter ihm stehende Volk der 
NuDBiiun auf den äuBScrsten Grad der Armut und Unselbständig- 
keit gebracht worden. Aber dteser Nachteil der Einseitigheit wird 
weitaus Aufgewogen durch den grossen Voiteil, der darin liegt, 
daas, einmal mit Viehzucht oder Ackerbau vertraut, ein absoluter 
Verlust dieser folgenreichen Erwerbungen fast nicht mehr mög- 
lich JEl. Selbst die elenden Bakalahsri, welche von stärkeren 
.Stimmen in die Steppe gedrängt wurden, suchen, wenn nicht die 



052 ^'^ Produktion des Wassers. 

Rinder-, so doch die Ziegenz^ncht Testzuhalien, und die vor 30 bia 
30 Jahren an den Rand des Untergangs gedrängten Damara sind 
in demaelbpn Hasae wieder au fgea lieget], als im natürtichen Lauf 
der Dinge ihre Herden wieder anwucliaen. 

Ueberblickeu wir die Verbreitung der nutz- 
baren Pflanzen und Tiere, so finden wir vor allem. 
iJass jener überwiegende Teil unsrer Erde, der mit Wasser 
bedeckt ist, nur eine verhältnismässig geringe Bedeutung 
für die Produktion beanspruchen kann. Das Meer, die 
Seen, die Flüsse bieten dem Menschen ini Vergleich xnm 
festen Lande wenig. Am meisten mich liefern sie ihm 
in Form von Nahrungsmitteln, und es ist ganz besonders 
hervorzuheben, dass in Regionen, wo das Land so kalt 
und einen so grossen Teil des Jahres mit Eis und 
Schnee bedeckt ist, wie in den Polarländern , das Meer 
die weitaus grösate Zeit des .lahres fast die alleinige 
Nahrungsquelle des Menschen ist. Nur kurze Zeit 
können die Eskimos den Mosch usoclis , das Renntier 
und die Vögel jagen, die so hoch nach Norden hinauf- 
gehen, aber meistens sind sie auf die Seehund- und Wal- 
ross-, die Walfisch- und Delphinjagd , auf die Fische- 
rei, auf die Ernährung mit Muschebi und Krebsen an- 
gewiesen. Dieselbe Bedeutung der Wasserbewohner für 
die Ernährung des Menschen und damit zum Teil für 
den Handel, findet sich in allen kalten Ländern wieder. 
Noch an der Nord Westküste Amerikas und tief nach 
Sibirien hinein ist der ungemein grosse Fischreich tum 
der Flüsse eines der wichtigsten Subsistenzmittel und in 
getrocknetem Zustand bilden sie in Sibirien einen be- 
deutenden Handelsartikel. In geringerem Masse kehrt 
dasselbe in andern Ländern wieder, wo fischreiche FIObbo 
und Seen gefunden werden. Im Tsadsee z. B. (Sudan) 
werden zalilloae Fische gefangen und in getrocknetem 
Zustand durch die Handelskarawanen nach den umliegen- 
den Gegenden verführt; in China und Hinterüidien fernen 
Fische fast niemals in der täglichen Nahrung der ärm- 
sten und reichsten Klassen und werden durch den Han- 
del weit verbreitet, und eben dort ist der sog. Trepang, 
der getrocknete Körper der Holothurie, eines Seelaere«, 



Die Hilfflijuellen des Landes, 



353 



i die Hnuptgrundlage eines regen Handels von den Inseln 
an der Efiste Neuguineas bis zu der des Amurlandes. Der 
Heringsfang in unsern nordischen Meeren, der- Walfisch- 
fang, die Seefischerei überhaupt, die Perlen-, Schwamm- 
und Koralle nfia cherei , die Gewinnung des Schildkrots 
aus den Schildern gewisser Seeschildkröten, die Zucht 
und Gewinnung der Austern und andrer Muscheln, sowie 
der verschiedenen Krebse, dann die sehr bedeutende 
Salzgewinnung aus dem Meem'asser sind Beispiele von 
Produktionszweigen, welche sich ganz auf die Welt des 
Wassers stützen. Auj;h aus Landseeii wird Salz ge- 
wonnen, und Salztünipel Innerafrikas geben in ihrem 
Produkt ein wichtiges Tauschmitte! ab, eine Art Geld, 
9US Salzbarren bestehend. Von Pflanzen des Wassers 
kommen Seetang und einige knollentragende Wasser- 
pflanzen Chinas für die Ernährung in Betracht; auch 
der sumpf liebende Reis und Wasserreis (Zizania) gehören 
hierher. Das Wasser als Getränke erlangt marktbaren 
Wert in wasserarmen Ländern, und Wasserkräfte er- 
1 setzen andre Kräfteerzeuger. Aber die Hauptbedeutung 
tdes Wassers bleibt die als Verkehrsmittel. 

Unvergleichlich bedeutender ist als Kahrungs- und 

§ Reichtumsquelle das Land. Schon der ümst-and, dass 

Idie Zahl der Menschen, die am Meere wohnen und von 

|;.demselben leben, im Vergleich zu denen des Binnen- 

mdes immer gering bleiben muss und im Binnenland 

lidann wiederum die Ausdehnung der dortigen Gewässer, 

tder Seen und Flüsse, so weit zurücktritt hinter der des 

■Randes, lässt dies voraussehen. Aber es ist besonders 

fcai n Element, das die Gewinne, die der Mensch aus dem 

>den zieht, so viel bedeutsamer macht als die, welche 

dem Wasser entnimmt, und dies Element ist die 

Sicherheit des Ertragps. Es gibt einige Fischerei- 

vlätze, wo jedes Jahr ein sicherer Fang zu erwarten, 

«aber keine Fischerei ist in ihrem Ertrag so sicher, wie 

F3er Anbau irgend welcher Gewächse, und die ßück- 

wirkung dieser Sicherheit auf die Kultur des Menschen 

ist gross, denn die Stetigkeit, die dem Gewinne des 

BallBl, AntllriFpa-OeDanphle. 23 



354 



BewirtBchftfiung (iea Landes. 



Landbaus eigen ist, bildet ein wichtiges Kulturelemeiit. 
Nicht bloas der Ackerbau, allerditigs die hauptsächlichste 
Quelle der Reichtümer, die der Mensch dem Boden ent- 
nimnit, sondern auch die Jagd, die Forstwirtschaft, 
der Bergbau gründen sich auf den Reichtum des Erd- 
bodens. Diese Produktionszweige, so verschieden sie an 
sich sind, hüben alle das Gemeinsame, wenn auch in ver- 
schiedenem Grade, dass sie im Vergleich zu denen, die 
vom Wasser abhängen, etwas von der Festigkeit nnd 
Stetigkeit an sich haben, welche dem Elemente, d&s sie 
ausnützen, im Gegensatz zum Wasser eigen ist. Sie 
neigen dazn, den Menschen an die Scholle zu binden 
und wirken insofern kulturfordernd. Von diesen Pro- 
duktionszweigen sind nur einzelne ganz unabhängig von 
Klima, andre sind dagegen in hohem Grade abhängig 
von demselben, und von diesen letzteren wiederum nicht 
alle in derselben Riclitung, nämlich einige von der Kälte, 
andre von der Wärme, einige von der Feuchtigkeit, 
andre von der Trocknis. 

Ganz unabhängig vom Klima ist der Bergbau und alles 
was damit zusaitunenhängt. Kryolith und Eisen finden sich 
in Grönland, Gold in allen Kliraaten, Silber in den wüste- 
sten Landstrichen dei* Wüsten und Hochländer. Eisen ist 
geradezu all verbreitet. Von der Kälte bedingt sind die 
polaren Fischereien, die Jagd der Pelztiere, der EishsndeL 
Vonder Wärme bedingt: ÄEe pflanzlichen Kulturen, dann 
die Salzgewinnung aus dem Meerwasser und auch die 
Gewinnung gewisser Produkte der Tierwelt des Meeres, 
die eben auf wärmere Regionen beschränkt ist, wie der 
Perlmuscheln, des Schildkrots , der Korallen. Aber 
verschiedene Kulturen bedürfen verschiedener 
Wärmegrade. Unser Getreide gedeiht nicht in tropi- 
schen Tiefländern, und Kaffee *derZuckerroiir nicht in 
unsem gemässigten Kliraaten. Gewisse Produkte ge- 
deihen Oberhaupt nicht in gewissen Ländern, wenn anch 
das Klima im grossen nnd ganzen ähnlich; so kommen 
z. B. manche Reben, die Stachelbeere, die Zwetsche 
nicht in Nordamerika (von Kahfomien abgesehen) fort, 
während anderseits nirgends der Mais so gut gedeihen 



I 



Verbreitung iiulihnrt'r Pllansen uail Tiere. ^55 

dürfte wie dort. Thee gedeiht nur in den allerfeuchte- 
itten, die Dattelijalnie nur in sehr trockenen KUniaten, 
Cincliona nur iu der Höhe tropischer Gebirgsitbhiinge, 
(iie EokospalniH mit Vorliebe iu der Nähe des Meeres. 
Da die Wärme den Pflanzenwiiehs beschleunigt, so sind 
die Bedingungen der Produktion im allgemeinen günsti- 
ger in den Tropen als liei uns. Leicht bat man dort 
drei Ernten für eine bei uns. Auch die grosse Ver- 
scJiiedenheit der Klimate nach der Höhenlage ist ein 
förderlicher Umstand. Das daneben so wichtige Moment 
des Einflusses des Klimas auf die menschliche Arbeitskraft 
haben wir kennen gelernt. Die Fruchtbarkeit des Bodens, 
die Gunst des Klimas sind allerdings nur Teilnrsachen ge- 
deihlicher Produktion: die Ärbeitstiihigkeit des Menschen 
ist die dritte, die hinzutreten muss, um diese schönen 
Gaben der Katur gewisse rmasaen zu befruchten. — 

Während die grosse Melirzahl der wasserlebenden 
Pflanzen und Tiere, die der Mensch in seinen Nutzen 
gezogen hat. entweder sehr beweglich oder von ur- 
sprünglich weiter Verbreitung ist, sind die so viel wich- 
tigeren nutzbaren Pflanzen und Tiere des Landes von 
durchschnittlich grosser Beschränktheit des Vorkommens 
■und es wird daher die Frage nach der Ausstattung 
der Länder mit nutzbaren Pflanzen und Tieren 
«u einer der wichtigsten Vorfragen in .jeder Beurteilung 
ihrer Enlturkai>azitüt. Aber von vornherein muss darauf 
aufinerksam gemacht werden, dass man zur Beantwor- 
tung dieser Fr^e in zweierlei Richtungen tiefer gehen 
mnss als man dem Anschein nach bisher gehen zu müssen 
glaubte. Es genügt nicht, eini? Aufzählung derjenigen 
Pflanzen und Tiere zu machen, die in einem gewissen 
Gebiete der Mensch sich zu Nutzen macht, denn einer- 
seits kann, je nach der Kulturstufe, Dichtigkeit der Be- 
rSlkerung und andern Umständen, eine Menge von Mög- 
lichkeiten der Ausnfitzimg, die die Natur dort dem Men- 
«chen bietet, brach liegen bleiben, und anderseits köimen 
Pflanzen und Tiere in Benutzung gezogen sein, welclm 
ursprünglich diesem Gebiete nicht eigen waren. Was 
jene Möglichkeiten anbelangt, so ist es geradezu unthun- 



356 Auswahl niitabarer Tiere 

lieh, sie gründlich ahz u schätz en , da niemand abzusehen, 
verm^, wie und wann irgendwelche Glieder dea Gewächs- 
oder Tierreiclis der Kiiltur angeeignet werden mögen, und 
eelbst eine experimentelle Durchprüfung der Nutzbarkeit 
der ganzen Lebewelt eines Gebietes, die an und (ßx sich 
kaum möglich, würde darum kein unbedingt gültiges Ei> 
gebnia liefern. Doch kann zunächst allein schon die Er- 
wägung dieser Schwierigkeiten sich nützlich erweisen, 
indem sie wenigstens zur Vorsicht mahnt in der Be- 
urteilung der bezüglichen Ausstattung eines Landes. Im 
allgemeinen darf man nur für Länder, die lange Zeit schoa 
der Sitz einer dichteren, nicht ganz unthätigen BerSUce- 
ning sind, in der Regel voraussetzen, dass eine Menga 
von Versuchen stattgefunden hat, um Pflanzen und Tiere 
nutzbar zu machen und daas das, was man nun heute 
dort in Ausnutzung findet, zu einem grossen Teil das 
Ergebnis solcher Versuche darstellt. 

Waa dabei als ein auf solche Auswahl hindningciider Paktor 
wohl SU berückaich Eigen iat, Bind die Nntstäade, die durcli Uii 
wachs, Krieg u. dgl. über die Völlier kommen und welche < 
Btark genug sindn um keine irgend denkbare Hillaijuelle unveniaolit 
zulassen. AU z.B. die Südstasten der Union wahrend des Bili^eiv 
Krieges ISCl — ti& von der übrigen Welt durch die Blokade fiüt 
abgeschlossen waren, wurden ihre Bewohner erst aufmerksam Mlf 
eine Masse von Schätzen, wülclie sie bis dabin nicht beacbM 
hatten. Ein chorlestoner Arzt, Dr. Purcher. gab damals ein Bneh 
heraus, in welchem alle nutzbaren Ptlanzen von Sudkarolina anS 
den angrenzenden Staaten aufge^hlt sind. Wenn anch derartigt 
Werke in der Regel, wie ihr Drspriuig veraussehen lässt, reich att 
Üebertreibungen nnd unpraktischen Vorschlägen, so ist doch bo- 
merkenswert, dass 14 Kaffee- und mehr ala 20 TheeenrrogatCi 
15 Brot- und i:^ Faserpflanzen, 57, die Karkotik», 50, die Brech- 
mittel, and 100, die FarbtttolTe liefern, aurgezälilt werden. Wenn 
wir vernehmen, dass unter den Kareliern von russisch Lappland! 
das Rindenbrol auch heute noch regelmässig in Gebrauch ist and 
dass sie ebenso mit zerstossener Fichtenrinde ihre nationale E^isoh- 
suppc versetzen; oder wenn man uns dna Riodenbrot Norw^eok 
scüildert, das ans junger Fichtenrinde mit Häcksel, SpiUen y(ft! 
nusged rasche nen Aehren und Samen von Moosen gemengt wird^ 
und dos eine widerstrebende kmnlose Nahrung bildet („Die Baoeia' 
suchen ihren Geschmack zu betrügen und spülen das Brot nüt 
Wasser hinunter. Aber im Anfang des Frühjahrs, wenn eie slek< 
einen grossen Teil des Winters davon genährt haben, sind sie'. 



und Fllanien. Isliinds Nutzpllsiiz 



357 



[kraftlos und matt": L. von Buch, Norwegen I. 182), bo milgsen 
' lunäcliHt beisUmmen , wenn Buch «^bendneelbst sagt: „Ist 
duroliauB nicht möglich, auf andre Art seine Nalirnng sin 
finden, BO Bind wahrlich solche Thiiler nicht zum Bewohnen 
bestimmt" Fernerhin aber werden wir uns sagen, dass wo 
der HeuBch bip za diesem Extrem geht, am seinen Hunger zu 
stillen, die Katur wohl so ziemlich anf die Nähr pflanzen aus- 
geprobt sein dlirfle, welche sie Überhaupt darzubieten hat. In 
dieser Beziehung ist aber vielleicht Island am lehrreichsten, due 
eine uar arme Phanerogamen -Flora in unwirtlichem, hei erschwer- 
tem Ackerbau zur Ausbeutung der freien Naturschätze einlBdendeu 
Lande besitzt und dessen BevölkeruDg so intelligent und wirl- 
schaTtlieh ist, dasa sie nicht leicht irgend etwas ungenützt ge- 
lasBen haben dürfte. Und um so interessauter ist der verh&ltuiss- 
maseig reiche Gehmuch, welchen die Isländer von ihriT armen 
Flora maciien, als dieselbe vorwiegend europiiiBche Formen uni- 
BchlieBst. Den Sandiiafer (Elymus arenarius) oder islündischen 
Ro^en mischen sie unter ihr zum Brot bestimmtes Mehl, dasselbe thuii 
sie mit den zermahlenen Körnern des gemeinen Knöterich (Polygo- 
num bistorta) und nach Olafsen und Povelsen führen die 8agen von 
^mltem inllindiBchem Getreidebau wahrscheinlich auf den einstigen 
Lobau dieses Grases zurück; früher wurde auch das isländisdie 
is vermählen und mit Mehl gemischt verbacken, jetzt kocht man 
all erle daraus, diemitHikh gemisclit eine fast tägliche Nahrung 
ieler Familien bildet; die Wurzeln der ofRzinellen Angelica 
rchangelicn samt den Stengeln werden roh oder eingemacht 
gessen. Sie bilden eine beliebte Speise. Nach Olafsen hatte 
e Kirche Sandlnuksdal am PatreksQord das alte Recht, aus den 
1 Ihrer Nalic besonders üppig woehsenden Angelika- Wiesen jähr- 
' 'i so viel zu erlialten , als 6 Mann an einem Tage schneiden 
mten ! Die Wachhotderbeereti werden mit Butter und Stockfisch 
Die Wurzeln des Löwenzahns (Tarazacum oflieiaale) 
i Gänsekraut« (.Potentilla argentea) werden gegessen und auch 
e Kraut von Seewegerich (Plantago maritima), Löffelkraut (Coch- 
_BBria officinalia), ülaux maritima und einige Ampferarten als Salat 
iabereitet. Zwei Tangarten (Iridaee ediilis und Rliodonenia pal- 
iiata) werden von den Bewohnern von Eyrarbakki gesammelt und 
teils frisch, teils getrocknet gegessen. Uas Fettkraut (Pingulcata 
vnlg.) branclien die Isländer wie Knoblauch. Hit Zoster» mari- 
tima polstern sie ihre Betten, aus den langen zuhen Wurzeln c 



obengenannten Elymus machen s 
Ana dem Saft der Salix herbaces 
Blum sylvaticum) und der Spin 



Packkissen für ihre LaBIpferdo. 

des WaldstorchBcfanabels (^6era> 

machen b" 



Farbe. Aus Geranium aylvaticnm sollen sie frtiher auch eine 
schöne blaue Farbe bereitet haben, aber heute ist dieses, nach 
Kl&hn. eine verlorene Kunst, Von Tieren werden alle Seesäuger. 
der Eisbär und Folarftichs gejagt und gegessen. Die jetzt zahl- 
reichen Rennliere sind erst 1770 eingerührt. Am wichUgsten sind 
aber aus diesem Reiche die See- und Strandvögel der „Vogel- 



358 Bj-rieiis httliirei'zeugnisBe. 

berg^e"" ') an den Küsttn; Fleisch nnd Eier von nahezu allen diesen 
werdeii gegesBen; und ihnen reihen sich die See- und FlussBsche an. 

Nun ist in diesem rauhen Klima bei aller tdef- 
grubendett Emsigkeit der Insulaner ein Land wie Island 
doch mehr oder weniger zur Stagnation verdammt, in- 
dem es eben ungefiihr gerade so viel bietet, als die es 
bewobneuden Menschen bedürfen, und deren Zahl daher 
immer eine geringe bleibt. Anders kaim es da werden, , 
wo ftir den Mangel an rleu ersten Bedürfnissen sich Br- 
eatz bietet durch Stoffe, welche zum .^.ustausch ein- 
laden, oder eine günstige Handelslage. Hier ist 
dann bei vermehrter Thätigkeit der Bevölkeriuig, die zu 
gewinnreichem Handel gezwungen wird, sogar eine hohe 
Blüte und eine fruchtbringende expansive Wirkung durch 
Handel, Seefahrt, Seeniub, Kolonisation möglich, in 
dieser Bichtung wird immer als ein klassisches Beispiel I 
die alte Heimat der Phönizier imd Damaszener leuchten. 
Syrien ist eines der auffallendsten Beispiele eines von 
Natur keineswegs reich mit Nahrung für grosse Menschen- 
zahlen ausgestatteten Landes, das trotzdem nicht blosa 
eine bedeutende Kiilturbldt^ im allgemeinen, sondern 
auch eine hervorragende Stellung in Handel und Ver-- 
kehr erlangte. Getreide- imd Weinbau lieferten zwar 
berühmte Erzengnisse (palästinensischer Weizen, Wein 
von Sarepta und Damascus), aber erst der Balsam, die 
Narden, Styras, Panax, Oalbanum, Galläpfel, dann Wolle 
der vorzüglich um Damaskus feinvliesigen Schafe, Fische, 
die ma^enhaft nach Jerusalem gingen und von denen 
Sidon seinen Namen und andre phönizische Städte ilite 
Entstehung herleiteten, nnd nicht ziUetzt die Purpur- 
schnecken gaben die Gegenstände des regen Handels ab,J 
der dieser halb steppenhaften Uegion eine so grosse-, 
Stelle in der GeschicJite verHeh. 

Die glänzendsten Ergebnisse wird aber natürlich die 
BL'fruchtung eines von Natur reichen Landes mit im Mangel 
gestählter Energie bieten. Bruce sagt in seiner abesBioi- 

■luer dort nWIFUile Vögol nilt elnpru DurclucIllaBJjielclieii In Her Mfhwltamlnal 
lluWnchleden. Elni^ giinze BsibD von OeHliea vnrdc über Vögel ODd Tsud-' 



AiiEbeuliing des TriipenreitliLMin 



359 



I 
I 



«eben Reise: ,Iii der Hand Gottes ist ein Pfefferkorn der 
Grund der Macht, des RiJimes und des Reichtiimes von 
Indien. Er läset eine EicKel keimen und vermittelBt der 
Eiche, die erwächst, werden die Reichtümer und die Macht 
Indiens bald den Nationen zu teil, welche ein luigeheurer 
Meeresraum von denselben scheidet" (Reise in Abeaainieu I. 
L. II. Ch. I.). Dieser Gott ist der Geist in der Geschichte, 
welcher kräftige Völker des Nordens und der kolilen 
Höhen Iiinabgesandt hat in das überreiche indische Tief- 
land, wo sie mit der Energie ihres Geistes und der Kraft 
ihrer Arme die Natur, welche die andern Einwohner 
gleichsam überwucherte, zum Tribut zwangen. Wenn 
die Geschichte des Welthandels klar zeigt, dass die letzte 
Quelle des weitaus grössten Teiles des Reichtums der 
alten Welt in dem Handel AMkas mit Asien zu suchen 
ist, und die Kultiirbedeutung der Schiffahrt und des Han- 
dels im Mittelmeer nur wie ein Anhängsel erscheint der 
ausserordentlich fruchtbaren Hände Izbeziehungen zwischen 
Plätzen an den Küsten des lloten und Persischen Meeres 
and des Indischen Ozeans, so sagt, man sich, dass die 
glückliche .\nnäherimg der tropischen Fülle an die zu- 
sammengehaltene Knift der Kulturzonen in dieser ge- 
schichtlich hochbedeutsamen Tliatsache zur Auspriignng 
kommt. Smd es nicht ähnliche Umstände, die Ouba an 
■diö Spitze aller tropischen Produktion gestellt haben? 
Bavanna liegt am Wendekreis wie Kalkutta! 

Wenn nun auch nicht überall die Menschheit so 
gleichsam bis auf den Grund dieser natürlichen Aus- 
stattung gedruugen ist, so erlauben doch derartige Bei- 
spiele den Schluss, dass im allgemeinen Armut an Kultur- 
pflanzen oder Haustieren innerhalb eines damit von Natur 
wohlversehenen Landes auf die Jugend der dortigen 
Kultur liindeutet. Wenn z. B. Denham über die Armut 
Bomus an Früchten und Gemüsen klagt, und Ed. Vogel 
diese Klage wiederholt, so ist daran offenbar weder (lie 
natSrliche Ausstattung dieses Landes, welche von deu 
reicheren Gebieten im Süden und Westen vervollständigt 
werden konnte , noch der Boden schuld , über dessen 
Fruchtbarkeit alle Schilderer entzückt sind. Der Grund 



3811 



Armut des Sudan i 



I KutzpllHD2 



liegt vielmehr am wahr s cli ei iilic listen in dem jungen Alter 
des AckerbiiTis seiner BeTölkerung, deren Lieblingsbeschäf- 
tigung frülier der Sklavenranb war und welcher über- i 
haupt etwas von dem Unruhigen, Xomadischen anklebt, 
das aus der Nachbarschaft der Steppe sich erklärt. Für " 
Ostafrika tritt das Miss Verhältnis zwischen Ausstattung I 
und Ausnützung noch scbilrter hervor, denn die Makun 
am Rovuma, welche vorBÜgliche Äckerbauer sind, kulti- 
vierten vor der Ankunft der christlichen Missionäre von 
Fruchtbäumen nur die all verbreiteten Tamarinden und 
Banane, sowie den Cashew- Apfel, während das dtei- 
oder vierfache an Fruchtbäumen in den Wäldern dieser 
Region zn finden ist und ausserdem die Araber irad Inder 
in den niihen Küsten platzen die Fruchtbäume Südasiens 
imgepflanzt haben. Aber nntQrlich erreicht dieses an- i 
günstige Verhältnis seinen Gipfel in den Gegenden, wo ] 
es sesshafte Bevölkerungen überhaupt nicht gibt, sondern ' 
nur kleine schweifende Stämme von Jagd und freiwilli- 
gen Gaben der Jsatur sich ernähren. Solehe Völker \ 
mögen, wie die Buschmäjiner , eine sogar staimenswerte i 
Kenntnis der natSrlichen Hilfsquellen und eine ebenso I 
grosse Fertigkeit in der Ausnutzung derselben besitzen, 
aber sie ziehen nichts davon dauernd in iliren Interesaen- 
kreis, sondern bleiben in bemitleidenswertem Masse von ] 
dieser Natur abhängig, der sie keine dauernde Aufinerk- | 
samkeit , keinen befruchtenden , erziehenden Fleias zn 
widmen, mit deren Gaben sie infolgedessen nicht ihre 
Fähigkeiten zu vermählen wissen. 

Nach allem vorher Gesagten werden wir mit grosser 
Vorsicht an die Beantwortung der Frage herantreten, 
inwieweit verschiedenartige Ausstattung mit 1 
nutzbaren Pflanzen und Tieren die Kulturkapa- 
zität der verschiedenen Erdteile bestimme. Das 
Problem wäre verhältnismässig leicht zu lösen, wenn wir I 
sagen könnten: Es ist überall eine gewisse Zahl von 
solchen Pflanzen und Tieren in der Gesamtartenzabl der i 
Flora imd Fauna eines Landes zu finden. Aber die That- 
sachen sprechen sehr bestimmt gegen eine solche An- 
nahme. Die Kap-Flora mit ihrem beispiellos grossen ' 



> 



Eiitwickelung v, PJShrstoffen imt. gewiee. Bedingungen. 361 

Heichtum und ihrer noch grösseren Mnnnigfaltigkeit 
zei^, (Ihss die Artenzaid eines Florengebietes keinen 
Massatab fiir den möglicheu Reichtum an nutzbaren Ge- 
wächsen abgibt, denn kein Gebiet ist daran ärmer. Der 
Schluss aus der Pflanzenstatistik ist also nicht zulässig. 
Viel eher können wir voraussetzen, dass gewisse Natur- 
hedingimgen des Pflanzen Wuchses geeignet sind, auch 
zugleich Bedingungen sind, welche dem Bedarfe des 
Menschen begegnen. So liegt offenbar in dem Bestreben 
der Natur der Steppe, Nährstoffe in den ausdauernden 
Pflanzenteilen, vorzflgUch Wurzeln, Zwiebeln und Knollen 
anzuhäufen , um dadurch <lie Gewächse selbst vor völli- 
gem Verdorren zu schützen, etwas dem Bedürfnis des 
Menschen nach Nahrung in dieser armen Natur ent- 
gegenkommendes. Diiber der verhältnismässig grosse 
Reichtum der Steppe an Nährpflanzen. Es ist wahr- 
scheinlich, dass man einst in dieser Thatsache eine der 
Ursachen der grossen historischen Bedeutung der Steppen- 
gebiete erkennen wird, wenn es nämlich gelingt, die 
Vermutung zu bestätigen, dass auch die Stärkmehl- 
anhüufung in den Samen gewisser Grasarten, deren 
Namen .Getreide" man bloss auszusprechen braucht, um 
an eine der stärksten Stützen der Kultur zu erinnern, 
mit den Wachstumsbedingimgen der Steppe in Zusammen- 
hang stehe. Oder sollte es Znfall sein, dass imsre wich- 
tigsten europäischen Getreidearten bis auf den Buch- 
weizen herab, dass Mais und Quinoa auf Steppengebiete 
als ihre Heimat hinweisen und dass das steppenhatte 
Australien mehrere einheimische, Mehlkörner tragende 
Gewächse aufweist? Auch jene Tiere, welche die Grund- 
lage der Viehzucht dadurch werden konnten , dass sie 
sich von den gesellig wachsenden Gräsern nähren, die 
ursprünglich nur in Steppen in weiter Ausdehnung 
wachsen, deuten anf entsprechende Bedeutung dieser 
selben Regionen, Die Thatsache. dass eines der pflanzen- 
ilrmsten Länder wie Grönland unverhältnismäsaige Bei- 
träge zu den vegetabilischen N ah rungsqu eilen des Men- 
schen in seinen beerenreichen Haidege wachsen und seinen 
stärkmeh laufspeichernden Lichenen leistet, deutet auf 



3ti2 



^iiuptJaT 



1 Klim 



dieses nicht zufällige Zusammentreffen einer gewissen 
konservierenden, schützenden Richtung der Natur mit 
dem Nahriingsbedürfnis des Menschen, 

Andre Stoffe, die der MeiiSoh begehrt, schaSt aller- 
dings nur das Gegenteil dieses ringenden, schutzsucheu- 
den Lebens, nämlich die üppigste, mit beissester Soone 
ihre Säfte kochende Vegetation der Tropen: die Ge- 
würze, die würzigsten Früchte, die nervenerregenden 
Geniissmittel, einige der wertvollsten Arzneimittel. Und 
da« viele, was der Wahl haut, vor allem sein Grund- 
stoff, das Holz, erwächst nur in inildetn, lauge Vege- 
tationsperioden gestattendem Klima. Und vor allem reicht 
die Natur das, was sie in diesen glücklicheren Breiten 
erzeugt, immer gleich in solcher Fülle, dass es dem 
Menschen leichter, oft allzu leicht wird, seine Bedürf- 
nisse damit zu befriedigen. Hingegen dürfte vielleicht 
allgemein zu bemerken sein, dass übermässig feuchte 
Klimate, die weder jener aiifspeichernden . noch dieser 
mit Sonnenkraft sublimierenden und destillierenden Wir- 
kung günstig sind, sondern mehr auf Üppige Entfaltung 
der rein vegetativen Organe hinwirken, dem Menschen 
am wenigsten wahrhaft wichtige Nahrungsmittel zu bieten 
wissen, wie denn in deren üppig wuchernden Urwäldern, 
seien es so mannigfaltige wie in Guyana, oder so ein- 
förmige wie in Sitka, das Tierleben gleichfalls keines- 
wegs seine höchste Stufe von Reichtum erreicht. 

ludessen ist, wie wir schon hervorgehoben, die Fri^e 
der natürlichen Ausstattung der Ländergebiete mit Nutz- 
pHiinzeu und Haustieren längst nicht mehr bloss an der 
Hand der Natur zu beantworten, sondern durch die Ver- 
pflanzungen, die der Mensch vorgenommen hat, tritt ein ge- 
schichtliches Moment unabweislich in unsre Erwägun- 
gen mit ein, dem wir ganz im allgemeinen gerecht wer- 
den, wenn wir sagen: Erdteile, die vielerlei Natmrgebiete 
in solcher Weise vereinigen, dass Uebertragimgen von 
einem derselben zum andern ermöglicht waren, und 
welche vielleicht selbst imter sich, wie die Wande- 
rniy^en der Völker, so auch die ihrer Nutzpäanzen 
und Haustiere von einem zum andern begünstigten. 



AkklimalieBtiiH: 



mn 



werden mit der Zeit einen grösseren Schatz davon er- 
halten haben, als solche, die einseitiger begabt und 
vielleicht dazu noch durch ihre Lage isoliert waren. 
Die Akklimatisation kann in erster Reihe im wei- 
testen Sinne als Verpflanzung der Gewächse und Tiere 
gefaaat werden. Man schätzt selten genug die tief- 
greifende Wirkung, welche sie auf die wirtschaftlichi- 
Entwickelung der Länder geübt hat. Wenn man aber 
bedenkt, dass von unsern in Deutschland ungebauten 
Kulturge wachsen alle Getreidearten, vielleicht mit Aus- 
nahme der Gerste und des Hafers, die Hirse, der Buch- 
weizen, die Kartoffel, der MaJs, der Tabak, der Wein, 
Hanf, Flachs, fast alle Obstarten, ja selbst manche Fut- 
tergewäclise aus fremden Ländern und zum Teil sehr 
weit hergebracht werden mussten, dass sie also nicht 
einheimisch bei uns sind, so begreift man wohl, wie viel 
von dieser Verpflanzung, der sog. Akklimatisation, ab- 
hängt. Fügt man hinzu, dass unsre Schweine, unsre 
Binder vorwiegend asiatischen, unsre Pferde und Esel asia- 
tischen, unsre Katze afrikanischen, unsre Huhner indi- 
schen Ursprungs und unsre Schafe und Ziegen jedenfalls 
nicht einheimisch, wenn auch unbekannten Ursprungs 
sind, so rauss man zu dem Schluss gelangen, dass es 
eigentlich die Akklimatisation ist, auf der unsre Land- 
wirtschaft und Viehzucht und selbst ein Teil unsrer Indu- 
strie und damit eben der grösate Teil unsrer wirtschaft- 
lichen Blate und damit endgültig unsrer Kultur beruht, 
Nur ein kleiner Bruchteil unsrer Bevölkerung vermöchte 
sich von denjenigen Pflanzen und Tieren zu ernähren, 
die bei uns einheimisch sind. Jedenfalls kann man so 
viel sagen, dass ohne die Bereicherung durch Akklima- 
tisation unser Leben arm und elend sein würde. Aehn- 
tich ist es in andern Regionen der gemässigten und kal- 
ten Zone. Selbst in den von der Natur mit Ueberflus.s 
ausgestatteten Tropeuiändern haben vielfältige Austausche 
und Verpflanzungen von Kultur gewachsen und Haustieren 
' stattfinden müssen, ehe sie den Grad von Produktivität 
erreichten, der heute die Mehrzahl von ihnen aus- 
zeichnet. 



3154 



Uvapriiog u 



r niclitigsleD 



Von nnsem Getreide arten Bind Weil 
lieh in MescipolBmien, Ge . „„ 

iD SüdoBt-Eurupa lieimiBcli. Von lüesen wicbtigen ÜrotpÜBDieD sind 
Weizen, Spelz und Gerste von den Alten zu uns gekommen^ «eh- 
rend walirscheinlich Ruggen und Hafer urgpritiiglicli von den 
alten Deutschen gebaut wurden, Hirse Btawint in verscliiedenen 
Arten auB Asien und Arrika und bildet aber in Arrika du Haupt- 
getreide ; Muhrenliirse und Durrlia (Sorglium) spielen in Zenträl- 
afrika dieselbe Rolle wie bei uns Jene genannten Getreidearten 
oder wie in Amerika der Mais oder in Cbina der Reis. Der Beis 
iet ein urspriinglicli ost- oder süd asiatisch es Gewächs, dessen 
Hauptmasse noch lieute in Ostasien und Hinterindien ereengt wird, 
das aber auch in Amerika lind Enropa ein wichtiger Gegenstand 
des Ackerbaaes geworden iet. Der Mais ist das Getreide 
Amerikas, wo er bei der Entdeckung durch die Europäer von 
Brasilien bis Massachuaseta und von Chili bis Kalifornien ange- 
baut wurde. Er ist Jetzt in allen Teilen der Alten Weit ange- 
baut, ist sogar in Slid- und Südost-Europa die wichtigste Nabrunge- 
pllanze des Volkes geworden. Amerikanische Getreidearien TOn 
nur örtlicher Bedeutung sind der Wasserreis (Zizania) und Kjnoe 
(Chenopodium), ersterer eine 8umpfplIaR;ie Nordamerikas, letztere 
aiifderHochebene Südamerikas angebaut. Buchweizen^diejIuiKst« 
imsrer (je trel de pflanzen, stammt aus Üordasien oder dem östlichen 
Teile Rusalands und ist erst im Mittelalter bei uns eingeführt worden. 
Keben den Getreide ptlanzen sind Knollen und Wurzeln swor 
wichtige Nahrungsmittel, die in allen Teilen der Welt in ll»es« 
und mit Begierde gegessen werden, aber weil nicht von der Knltnr- 
bedeutung sind wie Körne rfrücbte. Sie sind, man möchte sagen, 
von weniger edler Art. Weder ihr Anbau noch ihre Zubereitong 
macht dem Henschen ao viel Mühe wie der des Getreidea. und sie 
zwingen ihn nicht zu den Erlindungen und Vorrichtungen, welche 
Erntt', Aufbewahrung und Zubereitung der letzleren erheischt. Uaa 
kann sich leicht deuken. daas die rohesten Bolokuden oder Äiistra' 
lier Kartoffel oder Bataten pllanzen. aber schwer ist es, sie 
sich als Getreidebauer vorzustellen, denn das eine erfordert eben 
doch bedeutend mehr Arbeit als daa andre, und zwar nicht bloas 
körperliche. lUan wird daher kaum zuviel aagen, wenn man den 
Bau der Wurzeln und Knollen als eine um einen Grad niedrigere 
Kultur auffasKt, als den des Getreides, und das um so mehr, als ihr 
Nshrungswcrt ein viel geringerer ist. Die meisten Wurzeln nnd 
Knollen sind uraprünglich tropiache und subtropische Produkte. 
Die Kartoffel (Solanum) iet in verschiedenen Teileu des mittle- 
ren und südlichen Amerikas heimisch. Ebensii Hanioc (Jatropha), 
welcher ursprünglich scharf, giftig ist, aber durch Zubereitung mild 
wird. Er liefert ein Mehl, daa als Tapiocn, Cäseave bekannt ist und 
besonders in Südamerika viel gebraucht wird. Auch die Batate 
(CoutoItuIus) ist amerikanisch, Y a m (Dioscorea) dagegen asiatisch. 
Von weiteren Knollengewächsen stammen Topinambur (He- 
lianthua) und einige OxaMaarten ebenfallE aua Amerika. Der 



NuUplInnzpD uni] Haustier 



mh 



Wurielstoak von einer Pteris Neuaeclands ist eine der wenigen 
einhcitnieclien Nehrpflanten des fUnften Erdteils. Rüben, Ret- 
ticii, Sellerie, Mölire sind ursprünglich europüiBciii' Pflanzen, 
die wohl alle sclion von den Alten kulliriert worden und vnn 
diesen za un9 kamen. Zwiebel and Knoblauch eind in 
Weatasien zu Hause. Spargel und Hopfen sind kultivierte 
üewtichBe, die in Europa einheimiach sind. Zahllose Pflanzen 
liefern in ihren Blättern Oemäse und Salate. Bei uns gibt es 
kaum ein nicht entacliieden giftiges Gewächs, das nicht in irgend 
einer Form gegessen wird oder wurde. Nur die Algen sind 
hier besonders zu erwähnen, welche in den armen pllanzlicben 
Nahningsschatz der Polarvölker eingehen. Blumen- und Blüten- 
Blauden werden vom Blumenkohl, der Artiachoke, der 
ükra (Uyhiscus) gegessen, Blallknospen von der Kohlpalme 
und den Kapern. Von stärk emehlreichen Flechten wer- 
den besonders in den Polarregionen die Renntierllechte und 
dos Isländische Moos (Cetraria), in den mittelasiatischen Steppen 
die sogenannte Mannaflechte (Parmelia) von Menschen gegessen. 
Von unseren Früchten sind Bohnen, Erbsen, Linsen 
aaintiEchen Ursprungs. Unter den zahllosen Arten dieser Hälsen- 
frjtchte sind bemerkenswert die Oarbanzos oder Kichererbsen. 
welche als gewohn licheier Karawanenproviant in den nordalVika- 
nischen Wiistenregionen zusammen mit den Datteln eine gewisair 
Bedeutung für den Verbehr der Menschen erlangen. Die Erd- 
nnss (Arachis) ist walirsch ein lieh brasilianischen Ursprungs. Die 
Gnrken, Melonen, Kürbisse (Cucumis) eind Steppeufriichte 
asiatischen Ursprungs, deren Schalen auch zi( Geräten verwendet wer- 
den. Der beruh mie Brotfruchtbaum (Artocarpiis) stammt von 
Südaeien und den Pulynesischen Inseln. DieZapotes, Chirimoyas 
und andre Animaarlen sind tropisch- amerikanisch. Die Persimon- 
pflaume ist, nord amerikanisch, ebenso die Tomaten (Lycoper- 
sicuDi) und der Melonenbaum (Papaya), die köstlichen Früchte 
des Mango (Hongifera) nnd der Uangustane stammen aus 
Indien, Litschi (Nephelium) aus China. In China wird auch 
die Jnjuba (Zyzyphus) besonders viel gebaut. Die Agrumi 
(Citrus) sind indischen Ursprungs, CiCronen sind siit dem 4., 
Orangen seit dem 9. Jahrhundert in Europa kultiviert. Die 
Granate (Punica) kommt aus Westasien. Von unseren Ubst- 
arlen finden sich Aepfel nnd Birnen schon in den Pfahlbauren ; 
sie sind einheimisch im nördlichen Teil der Alten Welt. Mispel 
gehört Mittel- und Siideuropa an. Die Kirsche stammt ans 
Weatasien, während die Pflaume wolil eine Bürgerin Europas 
ist. Dast gerade diese Früchte der gemässigten Zone eine so 
grosse Bedeutung * durch veredelnde Spiel arten bil düngen er- 
langt haben, während die zahlreichen Tropen fruchte dies nicht 
vermögen, (rolt ihrer Vorrüglichkeit, bietet einen bemerkens- 
werten Beweis, wie verschieden die Schatze der Natur aus- 
suDälzen sind. Aprikose, Pfirsiche und Mandel sind 
w«BtasiatiBchen Ursprungs. Von den essbare Friidite tragenden 



3Gti 



Ursprung iii 
elp.lD, 



r wichtigsten 



I Kind der nordafrikaniMheR 
. während die Kokospatnie kosmopolilisch in den Tropen 
zn sein scheint, Bcerenfriiclile erlangen ihre groBst« Beden- 
tang ira Norden suwoUl Asiens and Enropas als Amerikas, ttoot- 
beere.PreiBSelbeere,titacliel beere, Johannisbeeren. 
V. a. gehären alle nordiscbeo gemässigten Breiten an. Das«r 
Wcinstouk ist In Westasien heimisch. Aber neuerdingB sind 
auch amerikanische Arten in Kürdamerika kultiviert worden. Ton 
den Erregnngsmi t teln ist der KalTee (CofTea) arabtscheo 
oder abessiiiischen Ursprungs, kommt aber such in Wostafrikk 
vor. Der Thee lindet sich in Cliiua und Indien wild. Der Ca- 
cao (Theobroma) im nordöstlichen SUdameriba^der-Mate (Hex) 
im südlichen, die Guruniisse in Sudan, die Knwa in Poly- 
nesien, Bekanntlich scheint es kein Volk zu geben, das nicht 
ein oder das andre Erregungsmittel gebrancbt, und so werden 
selbst entschiedene Girtpflanzen lu diesem Zwecke benütit. So 
der Fliegenschwemm von den Kamtschadalen. das Bilsen- 
kraiil von den Tungusen. Die Säfte einiger Pflanzen werden 
wegen ihres Zuckers in frischem oder gegohrenem Zustande ge- 
nossen. Von ihnen ist das Zuckerrohr indisch, die Zucker- 
hirse (Sorghum) afrikanisch, die Pnlque liefernde Agave ame- 
rikanisch. Das Opinm (Papaverl ist jedenfalls eine Bründnog' 
der Alten Welt. Aus der Neuen stammt dagegen der Tabak, 
während fietel (Piper) asiatisch und Coca (Ery throxylon) perua- 
nisch ist. Beide sind erregende Eanmittel. Von den eigentlidien 
Gewürzen kommen Gewürznelken und lluskatnuas von 
den Molnkken, Safran aus Westasien. Spanischer Pfeffer, 
Ohilli (Capsicum) aus Amerika, Pfeffer ans Südasien, Vanill« 
aus Amerika, Zimmt aus Südostasien, Cassia aus China. Von 
den Gespinns (pflanzen kommt die Baumwolle {OosBjpium) in 
verschiedenen Arten wild in den Tropen Älter und Neuer Weiv 
vor, aber die Heimat der kultivierten ist wohl Indien. Jute 
(C^rchorus) gehört ebenfalls Indien, Lein, Flachs (Linum) Eu- 
ropa, Nenseelandischer Flachs -(Phonninm) Neuseeland, 
Chinagras (Boehmeria nivea) Ostasien. Hanf (Cannabis) West- 
asien, Manilabanr den Philippinen an. Von den Ovlplluisen 
gehören Europa der Nuss- und Bnchi-nbaum, sowie der Ltdn, 
westasiatischen Ursprungs dürften Hanf. Mohn, Olive und 
Sesam sein. Der Talgbaum (Crolon) ist in China heimlscll. 
Von den Färbepflanzen gehört Krapp den Hittelmeeri&ndero, 
Indigo in verscliiedenen Arien Asien und Amerika, Rocellk 
oder Orseille (Färberfleclite) der Mittelmeerküate, Gummigntt 
(HebradendronJ Siidasien, Henna (Lawsonia) Indien. Waid (IsatiB> 
Mittel- und Nordeuropa an. Als zwei der wichtigsten arznei- 
liefe m den Gewächse ist noch die Cinchona des nördlichen Süd- 
amerikas und der Rhabarber (Rbeum^ Hochasiens zu nennen. 
Endlich stammt von Gummiarten und Harien Tragant h (Ästra- 
galus) aus den Mittel mecrl andern . Weihrauch (Boswellia) ans 
Arabien, Gummilack (Croton) ans Indien und der Firnissbaom 




I 



NiitziittDiizeii lind Hnnstici'e. 3(i7 

nuB China. Ah btrlllinito aiislävi dl stalte NuUholzer mögen d&e des 
Teckbaumes (Tectonia) SUdasieng, das Ebenholz (Dios- 

Syroe) des tropischen Asirne und Afrikas nnd das Malingonr 
tittel- und Südamerikas genwint cein. 

Von den Uanstleren ist der Euud das weilest verbrcilrtc. 
Unentbehrlich im öusEersf en Norden aie Zngtier, in allen Breiten nütz- 
lich als JagdgefUhrte nnd Wncbter des Hauses, ist sein Slommvater 
wahrseheinlicli nicht in einer einzigen, sondern in mehreren Arten 
von C'niiis zu suchen. Uas Rind ist in veracbiedenen Arten Iftn^t 
geülimt und In der Allen Welt all verbreitet^ soweit ee die kli- 
niAli.ichen Bedingungen erlauben. Dneere Rinder sind wahrschein- 
lidi teils Abkommen des hingst ausgestorbenen Orstiers (Bob 
priniigenias), teils Bsiutisehen Ursprungs. Die Europäer fanden aber 
Buhou am Kap der guten Hoffnung, als sie dahin kamen, geKähutte 
Rinder vor. Der Büffel (Bubalus) ist aus Indien in historischer 
Zeit (Völkerwanderung) nach Südost- und Slideuropa gekommen. 
Das Schaf stammt wohl aus Vorderflsien, die Ziege vom Kan- 
kasna, das Pferd und der Esel aus Innerasien. Unser Schwein 
scheint eine Miscbi-asse tu sein, die teils aus Indien , teils vom 
Wildschwein stammt. Die Kamele stammen fast sieher aus 
lanerasien, von wu sie nach Afrika, neuerdings seihst in die dürre 
Region Auülraliens und Nordnestamerikas eingeführt norden sind. 
Dsfl Renntier ist nur in der Alten Welt von Polarvölkern ge- 
zähmt. Lamas sind s od amerikanisch, der wenig benülsle Tapir 
mittel amerikanisch. Von den Elefanten ist nur der indische 
gei&hmt. Meerschweinchen und Truthahn sind noch 
■merikanisch. Das Huhn stammt nus Indien, das Perlhuhn 
ans AIHkn. Gans und En tescheineii nord europäischen Ursprung» 
ca sein. Die Seidenraupe kam im 0. Jalirhnndert aus Cliinn 
nach Griechenland. Vitn anderen Insekten ist die Biene allwelt- 
lichen, die Cochenille me:(ikanischen Ursprungs. 

Vorstellende Aufzählung lässt deutlich ein TJeber- 
gewicht in der Ausstattung der Alten Welt unil 
hier wieder besonders Asiens gegenüber der 
Neuen erkennen, welchem bei der grossen Bedeutung des 
geschichtlichen Berufes der einen und der andern an dieser 
Stell^ nicht vorö bergegangen werden darf. Es leuchtet 
zunächst eiji, dass während die Länder der Alten Welt und 
vor allen Europa, das den Vorzug seiner Lage am gründ- 
lichsten ausgenützt, ilire Kulturpflanzen und- Haustiere 
ans drei Erdteilen nehmen konnten, deren Flächenraum 
^U alles Landes auf der Erdoberfläche in sich fasst, 
Amerika in dieser Beziehung auf sich allein angewiesen 
wai* bis zu der Zeit, wo es durch die Europäer in Verbin- 
dung trat mit der übrigen, der Alten Welt. Es ist also 



368 Vei^leicli (ier natilrliclieu AusBUitlung 

nicht erstannlich, wenn die Zahl derjenigen Pflanzen und 
Tiere, die der amerikanische Mensch zu dauerndem 
Nutzen sich aneignete, vergleifdisweise gering ist. Doch 
darf dabei allerdings nicht vergessen werden, daas 
Amerika nicht der Schauplatz der Entwickelung grosser 
dauernder Kulturvölker war, wie die alte Welt, und 
dass infolgedessen der Antrieb zur Züchtung von Pflan- 
zen imd Tieren hier geringer sein musste. Es ist ge- 
wiss sehr voreilig, zu behaupten, dass Amerika 
jeder Hinsicht ungünstiger für die Erziehung des Men- 
schen zur Kultur ausgestattet gewesen sei als die Alte 
Welt, denn der amerikanische Mensch hatte vor der Be^ 
rührung mit den Europäern nicht Zeit gehabt, alle Schätze 
der Natur zu heben, die ihn umgab. In bezug auf das 
Pflanzenreich ist diese Behauptimg nicht richtig für die 
Mehl- und Knollenfrüchte, die Gewürze uud Genussmittel 
und die holzgebenden Waldbäume, in bezug auf das 
Tierreich kann sie för das Geflügel nicht mit voUeto 
Rechte ausgesprochen werden '■). 0. Peschel stellt in 
seiner Völkerkunde folgende Vergleichsliste alt- und neu- 
weltlicher Kulturpflanzen auf: 



Hehl-und Hülaenfri 



Weizen, Roggen, Gerste, 
Hnfer, Hirse, Negerliirse, Bach- 
weiien, Kaßrkom, Reis, Linsen, 
£rhBen, Wicken, Bohnen, Ig- 



Rebstock , Aepfel , Birnen, 
Fllaamen, Kirschen, Aprikosen, 
Pfirsiche, Orangenarten, Feigen. 
Daltuln. 



Hais, Mandiokka. Kartoffel, 
Chenopodium. Quinoa, Baute, 
Meiquite, Ignome {?]). 



...igt™ Zone. 
Catawbatraube. 



hdr, Iuh sUb 



ItF Entartung der II 
nun BUtlL- d« vor 

' ilcb iLiuigelusBD 



bsfügen Stisit doroh ■ 
ren, dir K 



I 



1 nnd HBUfltieren. 



Pfeffer,Ingw<;r,Zimmt,MuB- Vanille, apanischer Pfeffer 

katnnss, äcmUnneiken. Zucker- (CapBic 
röhr. 



Paraguay -T he e, Cacao, Tb- 
ba.k, Coca, 

Aber wenn wir bei den Pflanzen sieben bleiben, so unter- 
liegt es gar keinem Zweifel, dsaB für den Nutzen des Henschen 
mit der Zeit noch manche wildwachsende Erzeugnisse des PUan- 
zenreichs Verwertung finden können, welche gegenwärtig nur in 

Gringem Hasse benutzt werden, und es wird sieh leicht zeigen 
isen, daas die Peschelsclie Aufzahlung Amerika zu karg bedenkL 
Bleiben wir einmBl bei körne HrageDden Früchten, so haben wir 
in Nordamerika noch den Wasserreis (Zizauia), eine Hauptnahrung 
der Indianer des Kordwestens. Die mehlreiche Kastanie ist in 
Kwei, Eichen mit süssen Früchten in mehreren Arten vertreten; 
Nüsse, Haselnüsse, die fetten Kerne der Piiion-Föhre , die euro- 
päischen Beerenfrüchte, die Weintrauben, Maulbeeren, verschiedene 
Pllaumen und Kirschen sind beachtenswerte wildwachsende Er- 
leagniBSB, die teils uumittelbar zur Ernälirnng, Iheils zuoi Anbau 
(die Kastanien der Oats tan ten, Haselnuas, Cranberriea, Erdbeeren, 
Weintraube) ausgedehnte Verwendung gefunden haben. Unter 
den Obstsorten sind die Kaktusfeigcn und die Persimonpflaumen 
noch XU nennen. Unter den Wurzel pllnnzen sind die salepartige 
Lewisia im Norden nnd die neuerdings auch in Europa akklima- 
tieierie Ärracacha Ecuadors bervorzulieben. Die Agaven sind als 
Pulqne- und Faserstolfptlanzen (Ixtle) wichtig. Von FarbepQanien 
sind verschiedene Indigo -Arten heimisch, femer sind die Farb- 
Iiölzer zu nennen. Zucke rliel'emd ist ausser dem gar nicht zu 
abersehenden Ahorn die Zuckerfohre Kaliforniens. Endlich sind 
ausgezeichnete Wiesengräaer, die sich mit den besten europäischen 
meesen können, in den nordamerikanischen Steppen wie in den 
Pampas verbreitet. 

Peschel »ergleicht auch') die Hansiiere, „d, h. Tiere, die 
wirklich gezähmt worden sind, und solche, von denen man ver- 
nanten darf, dass sie liütten gezähmt werden können": 



a7U Kützliclie PlUiDZeu und Tiere 

Alte Well. Neue V 

Rennlier, Rioderarlen, Ka- Remitier, Llama, VictfÄn, 

mel, Dromedar, Schwein, Ele- Nabelschwein, Wasseraehwein, 

fant, Hund, Kotze, Scliaf, Ziege, Tapir, Hund. - Trutliahn, Hok- 

Rofls, Esel — Hausliuhn, Gajia, koshillmer. Moschuseilte. 
Ente, 

Auch diese Liste liLssl Vervollständigung zu, wiewohl beim 
Mangel wilder Pferde, Rinder, Ktimele, Ziegen, Elefanten k«ii 
Zweifel sein kann , daas in beiug auf nulibarc Tiere Amerika 
sehr weit hinter der Alten Welt zurücksteht. Mau hat zwar 
vielerlei Zucht ungaverauclie gemacht, aber über Hiuid und Trut- 
hahn ist man in Nordamerika für die Dauer nicht hinnu^ekom- 
men. Von Interesse wegen der Erfolge, die möglich gewesen au 
sein scheinen, sind jedoch noch immer die Versuche, den Bäffel 
zu zahmen, worüber Alleu in seiner Bison-Monographie (Cam- 
bridge 1876) Buslulirlich berichtet hat. Es lasst sieb nicht leng- 
neo, dasB ohne die Konkurrenz des altweltlichea Rinde« dieser 
Wiederkäuer ebenso nützlicli hatte gemocht werden können, wfe 
der Büffel Indiens. Als Zugtier hat man noch neuerdings mit 
dem Elentier in Maine VerBuche gemacht. Den mit Erfolg ge- 
zähmten nnd verpflanzten Vögeln ist auch die kalifornische Waut« 
tel znzufügen. Gänse und Enten sind häufig. Von kleineren 
leeren seien die Koehenille und ein Seidenwurm genannt, deaaen 
Gespinste man in Südmesiko verspinut. — Dieses ist nur ein« 
rasche Ueheraicht, welche zwar vorzüglich auf der Seite der Bana- 
tiere das Uebergewicht nur bestätigt, welches der Alten Welt in 
so hervorragen dem Masse ejgeu ist, welche aber doch auf der 
andern Seite eine grössere Fülle von Möglichkeiten enthüllt, ala 
landläufige Schätzungen vermufen lassen whrdeu. 

Zu diesem unzweifelhaften Uebergewicht der Alben 
Welt trägt nun zwaj Asien vermöge seiner ungewöhnlich 
reichen Pflanzen- und Tierausstattung sicherlich das meiste 
bei, aber es steht die Frage offen, ob diese Bevorzi^ung 
nicht teilweise historischen Grund insoweit habe, aU ge- 
wisse Geschöpfe, die wir Asien ztirechnen, ursprünglich 
afrikanischer Abstammung sein kömiten , und als tot 
allem Asien als Sitz grosser und langdauemder Kultur- 
Entwickelunge n viel mehr Anforderungen an seine Flora 
und Faima stellen sah, die längst zu gründlicherer Aus- 
beutung führen musate, während das kulturarme Afrika 
vielleicht ebensoviel Schätze im Verborgenen hegt , die 
aber seine begnügsame Bevölkerung nie zu heben imter- 
nahm. Die Frage ist auch für die künftige Entwicke- 



I 



Asiens iclid AlVikiis. ;J71 

luiig Afrikas uiclit ohne Bedeahing imd mag um so mehr 
hier kurz erörtert sein. Die Armut Südafrikas aii nutz- 
baren Pflanzen ist oben (S. 300) berührt. Den weitaus 
grSssten Teil Afrikas nimmt aber die Sudanflora (Grise- 
bachs), die eigentlich tropische Flora Afrikas ein, welche 
trotz ihres grossen Areals nur die Hälfte der Arten der 
entsprechenden, aber räumlich viel beschränkteren Ge- 
biete Asiens oder Amerikas umschliesst, mit andern 
Worten ^iei einförmiger ist. Auch selbst in den Opp^f- 
sten afrikanischen Urwäldern fehlen nicht die laubab- 
werfenden Bäume, die Htacheligen, fleischigen Formen 
der Aloen und kaktusähn liehen Euphorbien, die Mimosen, 
um Kunde zu geben von dem Zuge vou Trockenheit, 
der durch diese ganze Natur geht. In vielen Formen 
dieser Flora ist die asiatische Verwandtschaft unverkenn- 
bar. Noch weniger selbständig ist aber die nordafrika- 
nische, die dem mittelmeerischeu Gebiete angehört, das 
seinen Schwerpunkt mehr auf der westasiatischen und 
europäischen als der afrikanischen Seite hat, aber hier 
wie dort wohl wenig für die Bereicherung des Schatzes 
der Menschheit an Nutzpflanzen zu leisten vermochte, 
sondern vielmehr seine wichtigsten Nutzpflanzen von 
aussen her bezog. 

Für die Kenntnis der Nutzptlauzeii des IropIscheD Afrika, doa 
uns hier haiipuäclillcb interessiert, hat uns Grant in dem Ver- 
uichnis oet- und iniierafrihiiniBclicr PHanxeii , welches Spekes 
Journal of Hie Discovery of Ihe SourccB of tiic Nile (1863) an- 
gehüngt ist, einen guten Selilüssel gegeben. Er Ifilirt dort- nicht 
weniger als 196 Arten von Nutzpllanien auf, von welchen 26 an- 
gebaut und ITO wild sind; anter leUtereii dienen 40 der Ernährung, 
14 der Ernährung und zugleich andern Zwecken, 42 sind Arsnei- 
. pflanicn, 39 Holzarten zur Anfertigung der Hütten^ Söhne, Ge- 
fäiae n. dgl., 31 lierem Fasern oder Bast zu Gespinsten, Rinden- 
Keng and Schnuren; 5 sind Farbepjiaiixeti , ans der A^chc von 6 
wird Saiz gewonnen; 4 liefern Harx ui^d 9 Schmuckgegenalünde 
(Früehte als Perlen u. dgl.). Dabei bleibt noch eine ganze äd- 
Eshl von Gewächsen, die hier heimisch, gänzlich unbenätzt, wie 
X. B. keine von den 9 Indigoferea als FarbepÜenze Benützung 
findet und die Eingeborenen höchlich erstaunt waren, Speke und 
Gcant eine so annallende Frucht wie den Liebesapfel, den sie 
unter 7 und 4° s. B. wild fanden, verzehren zu sehen. 



:i72 NÜlzliche Pllanzen und 

Aelmlich, wenn auch nicht in demselben Masse wie 
der oiFenbar beßKnatigte Osten, ist der Westen des tro- 
pischen Afrika reich an einheimischen Gewächsen, die in 
verschiedensten Richtungen dem Menschen nützlich ge- 
worden sind; aber solcher, die im höheren Sinne Kultur- 
gewächse genannt zu werden verdienen, weil sie nämlich 
nicht bloss der Befriedigung augenblicklicher Notdurft 
dienen, sondern eine Stütze für stetige auf Anbau des 
Bodens sich gründende Entwickelung oder sogar einen 
Stab beim mählichen Fortschreiten zu höheren Zielen dar- 
bieten können, gibt es nicht übermässig viele, und gerade 
bei ihnen ist es oft schwer zu bestimmen , ob sie ur- 
sprünglich afrikanisch oder ob sie in fremden Kulturlän- 
dern der Natur entnommen wurden, um erst durcii 
wandernde Völker oder durch den Handel liierher ver- 
pflanzt zu werden. Vor allem für die atrikanischen Ge- 
treidearten müssen wir noch immer die Klage wiederholen, 
welche 0. Peschel (3- Aufl. S. 511) in seiner Völkerkunde 
anstiEnmt: .Leider versaj^ die Pflajizengeographie noch 
immer uns ihren Beistand, um entscheiden zu köunea, 
ob jene jetzt durch und durch afrikanischen Getreideartea 
in Afrika selbst zu Kulturpilanzen veredelt oder nur ein- 
geführt worden sind.' 

'/.weifclloa sind nber die beiden HirBegattuBgeii Panicum nnd 
Sorghum inBofern eclit nfrihaniBch^ alB sie vom südliclieten Bet- 
schuanen bis zum Fellali des Unternil den Ha aptgegen stand des 
Äckerbaues und die Grundlage der Ernährung bilden; auch haben 
Bie eine grosse Anzalil von Varietäten gebildet, welche andenteh, 
dass sie lange Zeit aa Ort nnd Stelle unter Kultur geataaden , 
sind. Nächst ihnen ist die Kaasava die allgemeinst verbreitet« 
und wichtigste Kulturptlanze. Erduüsse, Bnhneii und Erbsen ver- 
schiedener Art, Melonen, Kürbisse erganzen den Grundstock der 
vegctabiliscben Ernährung. In den nordlichsten und sridHehsten 
Gegenden ist dureli ägyptischen und europäischen Einlluss Weiiea. 
Gerste, Uais, Tabak und in neuerer Zeit auch die Kartoffel vor- 
geschritten. Seh wein furti sah Maisfelder bei den BonBo-Negem 
am weissen Nil nnd den Anbau des amerikanischen Maniok so- 
gar bei den Monbuttn am Uelle, also im eigentlichsten Ucraeo 
von Arrika. Der Tabakabau scheint sogar durch den ganzen Kon- 
tinent hindurch verbreitet zu sein, so dass emsthalte PÜanien- 
geographen sich bewogen gesehen haben, die Frage nufzuwerl'eii, 
obderTabak nicht eine ursprünglich afrikanische Pllanze, da es nicht 



jm 



I 



Tiere Afrikne. 373 

denkbar sei, dass er skh aeit der Entdeckung AvnerikaH so weit 
verbmlet und so liefe Wurieln in den Sitten des Volkes ge- 
Eclilagen babe. Von anderen GeDuasmitteln i»t der Hanf (Dacha) 
in Süd- und Ostarrika. die Gurunuss (8l«rculiu) im Sudan und 
Weatafrika verbreitet. Für Aen ReichtniD dee ü(|uatoriBlvn AA'ika 
an Nutzpflanzen ist ea aber anderseits angünstig, dass diejenige 
tropisebe Pflanze nfamilie, die von allen vielleicbt am vieleeiligsten 
nützliuli ist, die der Palmen, viel weniger stark hier vertreten ist, als 
in Asien und Amerika. Die Zahl der afrikanischen Palmen erreiebt 
kaum den zehnten Teü von der der amerikanischen. Allerdings 
befinden sieb aber zwei darunter., welche zu den wichtigsten 
Pflanzen des Erdteiles gehören ; die Dattelpalme , welche den 
wüstenbaften Norden eret bewohnbar macht, und die Oidpolme, 
welche bia hente den einzigen wichtigen, mit dem Sklaven und 
dem Elfenbein wetteifernden Auslnbrgegenstand aus Hitlelafrika 
bietet. Von wichtigen einheimischen Kulturpllauzen nennen wir 
noch den Papyrus, der die Altwaaser des Nil nicht minder als 
die Buchten der grossen äijuatonikleii Seen erlüllt, und den Knffee, 
als dessen eigentliche Heimat zwar gewöhnlich Arabien genunnt 
wird, von dem aber beide angebaute Arten, die eine in Abesainien, 
die andre in Weslafrika heimisch sind. Die Frage ist noch offen, 
> ob gewisse hochwichtige Knlturpllanzen wie Zuckerrolir, Baum- 
noUe. Banane, Indigo, welche Afrika mit Asien theilL, ursprüng- 
lich afrikanisch, bezw. afrikanisch und asiatisch seien, oder ob 
Afrika sie Asien verdanke. Hier genügt es, die allgemeine That- 
sacbe hervorzuheben, dass wie Afrikas Fdanienreicb im nllge- 
meinen B.i-mer, so besonders sein Schutz an Nutzpllanzen irgend 
welcher Art geringer ist als der der zwei vergleichbaren Erdteile 
Asien und Amerika. 

Die Tierwelt Afrikas hat im allgemeinen einen 
entschieden altweltlichen Typus, der in engen Grenzen 
an Europa, in weiteren an Asien anklingt. Im Verhält- 
nis zu seiner Grösse ist es dos säugetierreichste Land der 
Welt und es scheint also, da die wichtigsten Haustiere 
der Elasse der Säugetiere entnommen sind, dass die Be- 
dingungen für den Erwerb solcher durch die hier wohnen- 
den Völker ausserordentlich günstige seien. Aber die 
Haustiere , welchen wir in Afrika begegnen , sind der 
Mehrzahl nach ausserafrikanischen Ursprungs. Die AfH- 
kaner züchten Rinder, Schafe, Ziegen, Kamele, Pferde 
und Hühner, und halten auch Hunde und Katzen. Da 
es mm zn den Merkmalen der äthiopischen Tierprovinz 
gehört (unter welcher die Tiergeographen Afrika und 
Arabien siidlich vom Wendekreis des Krebses samt 



374 Niiriliclie PHsiuen und Tiere 

Madagaskar und den Maskafeneii liegreifen), daas Rinder, 
Schweine, Ziegen, Schafe, Rnmele in wildem Zustande, 
sowie auch die nächatverwandten gänzlich fehlen, so sieht 
man leicht, dasa von Natur hier gerade jene Gattungen 
ausfielen, welche dazu bestimmt waren, die treuesten und 
nützlichsten Geführten des Menschen zu werden. 

Noch ungünstiger wird dfw Verhältnis lür Arrika, wenn wir 
aas BD die Thdlsnciie erinnern, daas von einer Zähmung des afri- 
kaniechen Elernnten heute so wenig bekannt ist. dasa man olle 
Versuche, diesen niltiUchen Koloae znr AufschlieHsung Afrikas so 
verwenden, mit asialiBehe« Ek-fftnten anstellen musate. LiTlngstone 
hat Kwftr mit derselben rührenden Liebe, mit der er die Uenscben 
Afrikas umfassle und vun den Verleam düngen minder warm- 
herziger und meist auch minder gerechter Beurteiler zu reinigen 
suchte, auch die Fähigkeiten des afrikanischen Elefanten als nur 
verkannt und vernachlässigt hinzustellen gesucht, und er and 
andre haben sich bestrebt, nachzuweisen, dass im Altertnm der 
»rrikanischc Elefant nicht minder gezähmt gewesen sei, als der 
indische. Was diese letztere Frage betrilTl, so ist es allerdinga 
noch immer nicbt ausser Zweifel, ob Hannibal afrikanische oder 
indische Elefanten über die Alpen führte. Es ist aber wakr- 
scheinlich, dass der afrikanische Elt^ant nie gezähmt worden iat, 
und es bleibt nach allen neueren Beobachtungen kaum ein Zweifel, 
dass sein wilderes Katurell die Zahmnng mindeateiia erschwert. 
So bleibt also van allen Haustieren nur der Hund, von dem eine 
einheimische Abstammung möglich, die Hauskatze, von der sie 
gewiss, dann dos Perlhuhn (doB „numidische" Huhn der Alten) 
iind die all verbreitete Honigbiene. Kaura zweifelhalt ist es, dass 
aus dem grossen Reichtum an an tilopen artigen Wiederkäuern 
einige Gefährten und Diener des Menschen in gewinnen gewesen 
sein würden, wie denn mehrere derselben in Südafrika vereinielt 
gezähmt wurden, aber es ist kein Versuch in dieser Richtung mil 
nennenswerten Polgen untemiimmcn. Dagegen ist die Zähmung 
des StrausscH bekanntlich in neuerer Zeit mit grossem Nutzen ins 
Werk gesetzt worden. 

Auch für Australien hat man viel zu rasch eine 
natürliche Armut der Pflnnzeuwelt an nfitzUchen und vor 
allem an zur Nahrimg dienlichen Arten annehmen wollen. 
Tiefer eindringende Forscher, wie Qrey und Eyre, weisen 
nach, dass der Nahrungsmangel gar nicht so gross sei 
und dass die Eingebornen keineswegs so oft an Hunger 
leiden, wie jene glauben, welche unglücklicherweise selbst 
mit dem Hungertod ringend in der schlimmen Mitte der 
Trockenzeit oder (im Norden) in grcssen Ueberschwem- 



I Aiiölralieii 



I 



niuiigs- und Uegeiizeiten mit ihnen zusaniuientrafen. Uns 
sind viele von ihren Nahrnngsinittebi nnbekannt, zuinal 
es z, B. Dinge sind , an deren Geniisa wir gar nicht 
glauben wflrden. Doch haben mehr als einmal die Ein- 
gebornen weisse Erforscher ihres Landes vom Tode ge- 
rettet, indem sie ihnen Nahrung von Pflanzen sammelten, 
welche diese nicht gefunden haben würden. 

Von pflonilicher Naliruug (Tilirl Grey filr Südwest- Australien 
21 'erschiedene Wurzeln (von Dioskoreen, Ordiideen, FamkrÄa- 
lem, einem Rolirgras u. a-l, 4 Arten von Gummi oder Harz, 
7 Pilie^ mehrere Frilclite an, darunter die einer Sagopalme oder 
Zami», welche erst diireli langes Liegen im Wasser ilin^n GirtstofT 
verlieren muas, um genieBsbar werden lu können, dann die honig- 
reiehen Blüten der Banksien. Grösser stellt diese Liste sicli 
nur im Norden, wo allein sehr wesentliche Bereicherungen hinzu- 
kommen, wie die Sagopalme, die Kohlpalme, die tiprossen der 
Hangroven, welche lerstiLmpft and gegoliren mit einer Bohne ver- 
vischt gegessen werden, jene körnerrelehen Mareiliaceen, welche 
Borke im Torowolosnmjif fand und von welchen die Eingebomcn - 
80 viel a^sen. Nymphäeii wurzeln und viele Früchte. Man hat wohl 
gesagt, dass die meisten jener über einen grösseren Teil von 
Anttralien verbreiteten Nntzgewbchse sehr geringwertig seien, dass 
1. B. die sog. australische Yamswurzel selir klein und der Enka- 
lyptus-Uummi von sehr geringer Nshrhai'tigkeit sei und man miiss 
das bestätigen, wie man donn auch zugeben uiass. dass Tür ein 
Steppenland Australien gerade auffallend arm an denjenigen Ge- 
wächsen ist, welciie andern Steppen landern etwas von ihrer 
ntttürlichen Armut nehmen und die nur in Steppen, aber da massen- 
haft auftreten : die Gurken-, Kiirbis-, Melonenartigen u. dgL und die 
Zwicbelge wüchse. Von jenen gibt es einige, die aber nicht alle 

Senieasbarsind; Frank Gregory fand indessen in Nordwestaastralien 
I der Gegend des Ashburton und De Grey R. grosse Melonen und 
Wassern) e Ionen, einen kleinen Kürbis, wilde Feigen und PÜBumen, 
sowie die austrat i.'<che Adansonia, den Goutystemmed Tree. Von 
den letzteren aber gibt es sehr wenig, denn die liauplsMhlich 
iwiebel tragenden Liliaceen sind in der australischen Flnru ebenso 
Bpftrtich, wie in anderen SleppenllorMi reich vertreten. 

Die Tierwelt Australiens hat aus Uirer Mitte kein 
[ «inziges Nutztier geliefert und Kenner derselben erklären 
die australischen Säugetiere, die in erster Linie in Frage 
liommen würden, für durchaas zu wild, um an den Men- 
schen gekettet werden zu können. Der Dingo, das ein- 
;ige der Zähmung zugängliche Säugetier Australiens, ist 
lüer Wahrscheinlichkeit in gezähmtem Zustande von 



370 



Veredelnde Züchtung, 



aussen eingeführt worden und dann erat hier verwildert. 
Aber bei der im ganzen armen Vegetation ist auch die 
Tierwelt nicht reich vertreten. Die Tierarmut des Kon- 
tinentes spielt eine verhängnisvolle Rolle in der Erfor- 
schung desselben. Keine von allen den zahlreichen Ei- 
peditionen, welche seiner Erforschung sich widmeten, hat 
sich durch die Jagd das Leben fristen können, wie alle 
die traurigen Erfahrungen von Leichhardt, Bruce und 
Genossen lehren. So bleibt denn ein unzweifelhafter 
Vorzug in dieser Art von Auastattimg einmal der Alten 
Welt gegenüber der Neuen, und dann wieder innerhalb 
jener Asien gegenüber den zwei andern Erdteilen der 
östlichen Landmasse sowie Australien. Zu dieser reichen 
Ausstattung Asiens trat nun die scbätzefördernde, natur- 
ausnUtzende Wirksamkeit einer langen und vielseitigen 
Kulturentwickelung , welche diesen natürlichen Reichtum 
- noch steigerte, so dass Asien für Länder aller Zonen 
und Völker aller Kulturstufen die Schatzkammer wurde, 
aus der Haustiere und Nutzpflanzen in reicher Fülle 
entnommen werden konnten, die von hier westwärts bia 
zu den äussersten Enden Europas und ostwärts bis 211 
den letzten polynesischen Liseln gewandert sind. 

Bei den Haustieren sowolil als den Kulturptlanien ist es nicht 
bei der AbklimatiBatiun geblieben, welche dieselben hente über 
bald alle Teile der Erde verbreitet hat, sondern sie sind dorcli 
die Arbeit des Mensclien ausserdem nach den verschiedenst«!! 
Seiten bin veredelt nnd in Bolclicr Weise verändert worden, 
dasa sie sich ganz andern Lebensbedingungen anpassen, als die- 
jenigen sind, unter welchen sie ursprünglich lebten. Der or- 
gpriinglich tropische oder subtropische Mais iiat durch Züchtung 
Spielarten von kürzester Vegetationszeit entwickelt, welche ia 
Kanada bessere Erträge gebfn , als unsre nord europäischen Ge- 
treidearten. Äehnlich sind Baumwolle, Reis, Weinrebe und viele 
andre den Bedürfnissen der Menschen augepasst worden, oft in 
einer Weise, welche ganz andere Geschöpfe aus ihnen machte, 
als sie ursprilnglich gewesen waren. Was die Haustiere anbe- 
trifft, so genügt es, in dieser Bezieliung an Hund, Pferd und Rind, 
diese 3 hauplsticlilich wichtigen Gefährten des Menschen, zu er- 
innern. Damit hat der Mensch tiefer in die Entwickelung der 
lebenden Schöpfung eingegriffen, als irgend ein Wesen vor ibm. 
Er hat aber dasselbe nocli nach vielen andern Richtungen ge- 
than, Die Ausrottang der Walder, die Ausirocknnng der SUmpfe, 
die künstliche Bewässerung, die Vertilgung schädlicher Tiere oder 



solcher, deren Erlegung ibm Vorteil gewährte, ohne daes sie ge- 
zähmt werden kODDteD, bedeuten tiefe Eingriffe in die lebende 
NaIut, in welche er unmittelbBr hineingcacbalTen ist. 

Doch nun zur andern minder freundlichen Seite 
dieser Beziehungen. Alle Wesen, welche von andern 
Wesen leben, sind von Natur auch auf die Zer- 
störung des Menschen oder auf die Wettbewer- 
bung mit demselben als eine Bedingung ihres 
eigenen Lebens hingewiesen. Sie mögen diese Zer- 
stönuig in unmittelbarster äusserlicher Weise anstreben, 
indem sie ihm sein Leben nehmen, um seineu Körper 
dann aufzuzehren, oder sie mögen in sein Inneres ein- 
dringen, um, sei es als Parasiten oder als unsichtbare 
Erankbeitskeime, den Ablauf seiner Lebensveirichtungen 
mindestens zu stören, oder sie mögen in Wettbewerbimg 
mit ihm das vernichten, was er selbst braucht, oder end- 
lich noch verborgenere, mittelbarere Wege suchen : immer 
ist in diesem Kampfe eine der Hanptursachen der Be- 
schränkung der menschlichen Existenz zu erkennen, und 
es ist mehr als wahrscheinlich , dass die verborgenen 
Wirkungen dieses Kampfes noch unendlich viel grösser 
sind als die offen liegenden, die gerade darum als die 
scheinbar grössteu uns entgegentreten. 

Bekannthch gibt es imter den höheren Tieren solche, 
die den Menschen angreifen, um ihn zu verzehren, oder 
nnr aus Instinkt, imi ihn unschädlich zu machen. Es 
sind das hauptsächlich die Raubtiere unter denSäugern, 
die Giftschlangen und Krokodile unter den Repti- 
lien und die grossen Raubfische. Alle andern Tier- 
gruppen lunschliessen keine so direkt gefährlichen Feinde, 
wie sie die dem Menschen in ihrer Organisation am näch- 
sten stehende Gruppe (Typus) der Wirbeltiere ihren 
höchst entwickelten Genossen entgegenstellt. Belästigend 
treten ihm viele Insekten entgegen, am neutralsten ver- 
halten sich ihm gegenüber die Weichtiere. Aber in diesen 
niederen Tiergruppen sind einige gefahrliche Feinde, die 
in seinem Innern sich auf seine Kosten vermehren, wie 
wir das von parasitischen Würmern längst wissen 
und von Pilzen, die weder dem Tier- noch Pflanzenreich 



Hbd hat atlfn Grund, 
haarsträubenden Angaben, 
lieh allein auf der kleinei 
werden sollen und welche 
Erde. 1881. S. 424) sieh i 
seltene uiiBichere Falle i 



378 Die Raubtiere. 

mit Beatimmtlieit; zugewiesen werden können, noch in 
viel grösserer Ausdehnung erfahren werden, als wir hetite 
wohl glauben. 

Was die Raubtiere anbetrifft, so darf wohl be- 
hauptet werden, dass kein einziges unter gewöbnlicheii 
ümatäuden den Menschen angreift, ohne von demselben 
herausgefordert zu werden, und dass daher ihre Gefähr- 
lichkeit sicherlich übertrieben wird. 

, sieb kritisch ta vcriialtcn gegenüber 

?.. B. über 400 Menschen, die olljUir- 
1 Insel SiuRBpur von Tigern gelresCKn 

uBch 0. Kunzes Nachweisen (Um di* 
luf 6—8 in früheren Jahren and aof 

der neuesten Zeit reduzieren. Selbst 
die Angaben von 300 jährlichen Opfern für ganz Niederländisok- 
Indien wird für übertrieben erachteL Ohne Zweifel greifen dann 
□nd wann hungrige Wölfe den Menschen an, manche ÜberfUleo 
ihn in der Wut. wie es ebenfalls von Wölfen nach gti wiesen ; aber 
die Regel bleibt, dass dieae Tiere raubende, nicht reisaende Tiere 
sind. Selbst das vielleicht mächtigste aller Raubtiere, der Grizil;, 
geht dem Menschen aus dem Weg und tix dem gleichen scheint 
in den meisten Fallen der Eisbär sich zu bequemen. Von dieser 
Regel mögen unter besonderen Umständen Ausnahmen stattfinden. 
Man kann z. B. die Angabe Chapmans (U, 250) registrieren, dou 
nach den Uatabelekriegen in den 50er Jahren die Löwen und 
Leoparden so sehr an Menschenlleiseh gewöhnt waren, dass sie 
z. B. am mittleren Zambesi viel gefährlicher waren als vorher 
und in den Dörfern Vorsichtsmaasregeln hervoiTiefen, an welche 
man früher nicht gedacht hatte; oder die Livingstones, dass in 
der Nahe di-s Bemba-Seea mehrere Dörfer wegen der Zunahme 
reissender Tiere verlassen werden musslen. 

Immer sind es doch nur wenige tausend Menschen, 
die alljährlich den grossen liaubtieren zum Opfer fallen. 
Das hindert aber nicht, dass der Mensch in Furcht vor 
der Gefahr lebt, mit der sie ihn beständig hedrohen. 
Diese Furcht, die begründeter gewesen sein muss in 
einer Urzeit, wo der Mensch keine sehr wirksamen 
Waffen, k^in Feuer, keine Hütte besass, die ihn schütz- 
ten, ist gleich andern Naturgefahren wohl ein nicht un- 
bedeutender Faktor in der Entwickelimg seiner Triebe 
nnd Gaben gewesen. Glück lieb erweise kämpft der Mensch 
keinen Kampf, ohne dass er selbst, sofern er ihn Über- 
haupt besteht, sich darin stuhlt. Nun ist allerdings, hente 



Die Rmibiicre, 



379 



I wenigsteii8 , der Kiunpf mit seinesgleiclien der härtestei 
Iden er kämpft und der weitaus häufigste und verbrei- 
I ietste. Wir wollen es daher fraglich lassen, ob man den 
rReichtum und die Mannigfaltigkeit der Waffen der alten 
I Aethiopen mit älteren Erforschern Aegvptens, wie z, B. 
Ijomard, zurückführen könnte auf »die Menge wilder 

■ Tiere, welche die undurchdringlichen Wälder bergen.*" 

■ Erlegen doch die BuRchmünner mit dem ßohrpfeil sowohl 
Kden Löwen wie das Nashorn. Aber die Abwehr reissen- 
rder Tiere hat sicherlich ihren Einfluss geübt auf die 
ISint Wickelung der Bewaffnung des Urmenschen, ebenso 

■ wie auf seine Behausung (in dem raubtierreichen mitt- 
■leren Zambesi-Gebiet gibt es viele Pfahldörfer, die zum 
ESchutz gegen Löwen und Leoparden und zum Verschen- 
Kchen der Elefanten aus den umgebenden Feldern er- 
frichtet sind) und aufsein geselliges Wohnen. Der Nutzen 

des Feuers für die Verhinderung der nächtlichen An- 
näherung solcher Tiere ist aller Wahrscheinlichkeit nacii 
froher eingesehen worden als seine Verwertung zur Be- 
reitung der Speisen. Das Emporkommen eines Häupt- 
lings aus der Mitte einer Gesellschaft von gleichberech- 
tigten Männern ist den organisierten Jagdzügen wohl zimi 
»Teile neben dem Kriege zuzuschreiben. Aber am Ende 
trügt der Mut und die Energie aas diesen Kämpfen 
den grOssten Nutzen davon und dies um so mehr, als 
gewisse Tiere nur vom Menschen ernsthaft und konse- 
qnent angegriffen werden. So die Krokodile und Alli- 
gatoren, deren Häufigkeit z. B. am Zamhesi im Verhält- 
nis steht zur Dichtigkeit der Bevölkerung. Ist es nicht 
zum Schutz ihrer selbst, so ist es, um ihre Felder vor 
Schaden zu bewahren, dass sie den Kampf mit den mäch- 
tigsten Tieren aufnehmen müssen. In den dichtest be- 
völkerten Gegenden Innerafrikas, wie z. ß. im mittleren 
Zambesi-Gebiet, sind die Felder den Verwüstungen der 
I Büffel und Elefanten selbst bei hellem Tage preisgegeben. 
l Manche von den dortigen Völkern sind tüchtige Jäger. 
I ne müssen aber noch mehr jagen , als sie ohnehin thun 
I möchten und würden, um nicht von diesen Riesen unter 
Idie Füsse getreten zu werden. Auch andere Tiere for- 



380 Gil'lsuhlangen. Raubfische. 

dem in dieser Richtang zur Abwehr auf. Wenn in 
der Kalahari der Graswuchs die Oede der Steppen mit 
einem üppigen Teppich überzogen hat , so genfigt oft 
ein einziger Wanderzug gefrässiger Antilopen , um sie 
wieder, wie J. Chapman sich ausdrückt, in den Zustand 
, dürrer Wildnis* zu versetzen, 

Anch indirekter Kutzeo der Raubtiere kommt vor, ist aber 
selten^ da sie sicii bekanntlich in der Regel gegenseitig' nicht be- 
lästigen. Vielleicht kann es aber als ein hierhergehöriger FsU 
br^zeichnet werden, dass einige Betschuanen stamme des ZambeBl 
aas Aberglauben und Furcht die Krokodile schonen, welche dann 
ihrerseits die den Eerden gefährlichen Wölfe bub der Kachbkr- 
schart des Flusses fernhalten. 

Selbst des indirekten Nutzens din-ch Stühlung 
u. 8. w. scheinen die Giftschlangen und die grosser 
Raubfische zu entbehren, welche nicht eigentlich ge- 
jagt werden können. Gleichzeitig sind gerade sie, weil 
unerwartet ihre Opfer angreifend, am gefährlichsten. Es 
fallen mindestens zehnmal mehr Menschen in jedem Jahre 
den Giftschlangen zum Opfer als den grossen Raubtieren. 
Amtliche Erhebungen in der Präsidentschaft Bengalen 
für 1869 gaben 6219 durch Schlangenbisse Gestorbene 
an und waren dabei noch weit entfernt, ganz volbtändig 
zu sein. Linck nimmt an, Anas selbst in Deutschland, 
alljährlich durchschnittlich 2 Menschen durch Ottembisfl 
getötet werden (Brehms Tierleben VK. 46'2), was aber 
wahrscheinlich zn wenig ist. Die Krokodile und Haie, 
in ihrer plumpen und blinden Angriffsweise einander sehi 
ähnlieh, erreichen zwar nicht diese Zahl, dürften aber im 
Gesaratergebnis ihrer Angriffe auf den Menschen eben- 
falls weit die Raubtiere übertreffen. Unter den Insektei 
sind am schädlichsten jene, welche das Gras und Getreide 
abfressen, welche der Mensch für sich und seine Hau»- 
tiere braucht, Sie neigen zu herdenhaftem Auftreten 
und sind allerdings nur durch dieses gefährhch. Denn 
als Einzelwesen sind sie in der Regel zu klein. Bewirken 
jene Herden von Heuschrecken und Genossen nicht gerade 
Hungersnot, so erschüttern sie doch das wirtschaftliche 
Gleichgewicht. , Infolge der Verwüstimgen 



iSfliad liehe Insekten, 



81 



» 



Ameisea kann ein Mensch heute reich und morgen arm 
Bein," sagte ein portugiesischer Kaufinann zu Livingstone, 
.denn wenn er krank ist und nicht nach seinen Sachen 
sehen kann, vernachlässigen seine Sklaven dieselben und 
bald sind sie von jenen Insekten zeratört* (N. Missions- 
reisen 186Ü. U. 210), Diese Gefahr, auch wo sie weniger 
gross auftritt, kann lähmend auf eine ohne sie viel- 
leicht energischere wirtschaftliche Thätigkeit einwirken. 
Infolge der Verwüstungen des Kornwurms läsat sich das 
Getreide der Eingebornen , die Hirse , schwer so lange 
halten, bis die niichste Ernte herankommt, zumal die 
Art der Aufbewahrung eine sehr unvollkommene. So 
viel sie bauen imd so reichlich die Ernte ausfallen möge, 
alles muss in einem einzigen Jahre aufgezehrt werden. 
Dieses mag der Grund sein , warum die Batoka , Nord- 
Basuto u.a. so viel Bier brauen. Unzweifelliaft liegt 
hier aber, so viel auch das Klima mit schuld sein mag, 
eine der Un Vollkommenheiten vor. mit welchen der 
Ackerbau notwendig unter einem Volke behaftet sein 
wird, in dessen Sitten die Vorsicht imd Ausdauer noch 
kaum entwickelt sind und daher nicht mit einem starken 
Faden notwendigen Zusammenhangs die einzelnen Thätig- 
keiten und die Thätigkeit der einzelnen Tage aneinander- 
zureihen verm5pen. 

Derartige Störer oder Zerstörer hat jedes tropische 
und jedes trockene Land. Heuschrecken finden sich in 
«Ilen Erdteilen und zu ihnen kommen noch zahllose 
Ameisen u. a. Aber es ist wichtig, dass die gemässigten 
^onea mit feuchtem Klima damit verschont sind. Wenn 
z. B. in Uruguay die Blattschueideameise , welche 
häufiger als alle andern, das gefährlichste aller Insekten 
und an Schädlichkeit nicht weit hinter der Heu- 
schrecke zurücksteht, so haben wir hier das Grenzland 
einer grossen Steppenregion. Durch dasselbe massen- 
hafte Auftreten sind auch in der Regel die Insekten allein 
fähig, den Menschen unmittelbar gefährlich zu werden, 
wie man es z. B. in Kanada von den Moskiten erzählt, 
die sich ihm so massenhaft in Xase und Ohren drängen, 
dass sie sogar seinen Tod herbeiführen können. 



382 Schädliche InBekten. 

Der grÖBSle Fall von Scb öd liebkeit eines einzelaen Insektes 
ist aber wohl der dei- Tseteeriiege iu Süd- und Uittelsfrika, 
welche buh weiten Strichen die Prerde und Rinder, d. Ii. die nn- 
enibehrlichen Stiitxeti dur Orl^bewcgimg und der primitivsten 
Kultur, auBBchlieäst. Pieaer Tselaelliege ist daher ein EinQuw Buf 
die Wanderungen der Weissen in Südafrika gestattet, wie keinem 
andern Tier, selbst keinem Raubtier. Auf ilire Zugtiere angewieien^ 
welche dem Stich dieser Fliege tum Opfer fallen , konnten di« 
Boere nur die tsetsefreien Striche betreten und wurden dadunJl 
TOm Vordringen über den gO. ürad hinaus abgcbali 

Aber diese Fi^inde sind immer organischen Stoffes 
und oft enteclieidet sich ihre Nützlichkeit und Schädli«^- 
keit ganz nur nach dem MachtverhÜltnis, d- h. wenn sie 
nicht fressen, so werdea sie gefressen. 

Hoffat, indem er eine UeuBcU recken plage im BctschuanealBnd« 
schildert fMissionary Labonrs 1842, 450), aagt: „Im Hinblick Mif. 
die Armen konnten wir nur dankbar für diese Heimsuchung. 
sein, denn da der vorhergehende Krieg eine Hasse Vieh 
nommen und Gärten in imgeheurcr Ausdehnung üeretöt 
würdfin viele Hunderte von Fumilien ohne diese HeusclireckeiL 
Hungers gestorben sein." 

Schlussfolgerungen. Pflanzen mid Tiere, die 
stofflich und genetisch dem Mensehen am nächsten stehen, 
knüpfen dadurch die nächsten Verbindungen mit ihm. 
Die iiusserlichste Art derselben geschieht durch Bedeckung 
der Erde mit Vegetation, welche in derselben Weise wie 
die OberflächengliederuQg hemmi^nd oder fördernd auf 
die geschichtlichen Bewegungen wirkt. Durch die Vege- 
tation wird der Bodeu in grossem Masse verändert and 
zwar hauptsächlich fruchtbarer gemacht. Die ursprüng- 
liche Pflanzendecke muse der Kultiu* weichen, wo diese. 
gestützt auf den Ackerbau auftritt, und überall, wo dies 
geschieht, fällt iu erster Linie der Wald. Nicht im 
Reichtum an Gaben, sondern an Anregungen liegt das 
Knlturfbrdernde der Natur. Der Reichtum an nutzbaren 
Pflanzen und Tieren ist für die Naturvölker wesentlich 
gleichgültig. Je grösser dieser Reichtum, desto schwerer 
der Aufschwung zur Kultur. Durch Ackerbau und Vieh- 
zucht erkauft sich der Mensch vermittelst seiner Arbeit eine 
Unabhängigkeit von den Zufällen der Natur, welche ihm 
in der Erziehung zu diesen Thätigkeiten behilflich ist. 



Schluesl'olgerungen. 383 

Die Gaben der Natur sind über die ganze Erde hin ver- 
breitet, aber nur das Land der gemässigten und warmen 
Zone beherbergt dieselben in leicht zugänglicher, be- 
rechenbarer und vervielfaltigbarer Weise. Bei der Ab- 
schätzung der Verteilung nutzbarer Pflanzen und Tiere 
über die verschiedenen Erdteile sind Alter und Höhe der 
Kultur als das Hervortreten derselben bedingende Momente 
wohl in Betracht zu ziehen. Der Pflanzen- und Tier- 
reichtum der verschiedenen Gebiete kommt dabei weniger 
in Betracht, viel mehr die Umstände, unter denen die 
Natur für Ansamnilmig der Nährstofi'e in den Pflanzen 
zu sorgen hat. Im allgemeinen sind Asien und Afrika 
am günstigsten, Australien am wenigsten günstig bedacht. 
In der Konkurrenz der lebenden Natur mit dem Menschen 
treten einige wenige Tiere dem Menschen aggressiv gegen- 
über, während manche Pflanzen und Tiere Giftstofl^e 
enthalten, aber seine Kulturhöhe hebt ihn über die 
meisten von diesen ofl^enen Gefahren und Feinden, wofür 
er dann um so mehr von den unsichtbaren Organismen be- 
drängt und beschränkt wird, die als Krankheitskeime sein 
Leben kürzen. 



Nator und Geist. 



13. Natur und Geist. 

Innen- und Aussenwelt des Alenaclieu Bind UDtrennbar. Anteil d«^ 
Aussenwelt an der Eutwickeltuig der Innenwelt. Begreninng 
unsrer Aufgabe. Stimmung und Tliat. Vorbemerkungen über 
Aurualime und Hitteil uug der geistigen Anregungen. Kltwaifi' 
kation derselben. Nsturbefreundung. Die Natur ist in ver- 
schiedenem Grade aeelenvei'wtindt. Ueer. Gebirg. Lebende Natur- 
Natui-gefühl der Wilden. Schreckenerregedde Eindrücke. Zurück- 
weisung der BnckleAchen Theorie von der aberglBubenzengeaden 
Wirkung derselben. Nationaleharakter und Naturumgebnng. 
Allmähliche Erziehung des Naturgefühts und Annäherung des- 
selben an Wissenschaft oder Kunst. Die Wiasenachaft. Die 
Herausbildung der Wissenschaft aus der Oemütssphäre ist em 
Kampf. Scharfe Beobachtung bei Naturvölkern. Induktionen anf 
dem Gebiete der Himmels- und Witterungskunde. Angewandte 
Naturkenntnis in Gestalt der Naturnachahniung. Kunst. Doppelte 
Abhängigkeit von der Natur der Gegenstände und des SlöffeB 
künstlerischer Darstellung in den bildenden Künaten. Das Nfttor- 
gefühl in der Poesie, Verstärkung durch den Wechsel der 
Jahreszeiten. Unabliangigkeit von dem grösseren oder geringeren 
Reichtum der Naturerscheinungen. 

Mail-. Im Inntr« M ti» fnivcrimm a-e*. 

ßmildidee. Ziel und Mittel der geistigen Seite 
der Menschheits-Ent Wickelung ist Vermensch- 
lichung der Natur. 

Kann der Mensch nicht körperlich aus seiner Natur* 
Umgebung losgelöst gedacht werden, ohne dass die Zer- 
reisBung von Tausenden von Faden notwendig wird, welcHe 
ihn mit ihr verbinden, so ist eine geistige Loslüsiing